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XV


Wie es schwer zu erklären ist, warum und wozu die Ameisen nach Zerstörung ihres Haufens umherrennen, die einen von dem Haufen weg, Körnchen, Eier und Leichname mit sich schleppend, die andern nach dem Haufen zurück, warum sie sich stoßen, einander überholen, sich miteinander schlagen: ebenso schwer würde es sein, die Ursachen zu erklären, durch welche die Russen nach dem Abzug der Franzosen veranlaßt wurden, sich an jener Stelle wieder umherzudrängen, die vorher Moskau genannt worden war. Aber wie man bei Betrachtung der um einen zerstörten Haufen wimmelnden Ameisen trotz der vollständigen Vernichtung des Haufens dennoch aus der zähen Ausdauer, der Energie und der zahllosen Menge der sich eifrig tummelnden Insekten deutlich ersehen kann, daß bei aller sonstigen Zerstörung doch etwas Unzerstörbares, Immaterielles erhalten geblieben ist, worauf gerade die eigentliche Kraft des Ameisenhaufens beruht: so war auch Moskau im Oktober, trotzdem es dort keine Behörden, keine Kirchen, keine Reichtümer, keine Häuser mehr gab, immer noch dasselbe Moskau, das es im August gewesen war. Alles war zerstört außer jenem immateriellen, aber mächtigen und unzerstörbaren Bestandteil seines Wesens.

Die Beweggründe, durch die nach der Räumung Moskaus seitens des Feindes die Leute veranlaßt wurden, von allen Seiten dorthin zu strömen, waren sehr mannigfaltige persönliche und in der ersten Zeit großenteils solche von niederer, animalischer Art. Nur ein Beweggrund war allen gemeinsam: das Streben nach dem Ort, der früher Moskau geheißen hatte, um dort dies oder das zu tun.

Nach einer Woche waren in Moskau bereits fünfzehntausend Einwohner, nach zwei Wochen fünfundzwanzigtausend usw. Immer wachsend und wachsend erreichte diese Zahl im Herbst 1813 eine Höhe, welche noch über die Bevölkerungsziffer des Jahres 1812 hinausging.

Die ersten Russen, die wieder nach Moskau kamen, waren Kosaken des Wintzingerodeschen Korps, Bauern aus den Nachbardörfern und Einwohner, die aus Moskau geflüchtet waren und sich in der Umgegend verborgen gehalten hatten. Die Russen, die nach dem zerstörten Moskau kamen, fanden die Stadt geplündert und begannen nun gleichfalls zu plündern. Sie setzten fort, was die Franzosen getan hatten. Die Bauern kamen mit langen Reihen von Wagen nach Moskau, um alles nach ihren Dörfern hinauszuschaffen, was in Moskau auf den Straßen und in den zerstörten Häusern umherlag. Die Kosaken nahmen, was sie nur konnten, nach ihren Lagern mit; die Hausbesitzer suchten alles zusammen, was sie in andern Häusern fanden, und brachten es in ihre eigenen, unter dem Vorwand, es sei ihr Eigentum.

Aber nach den ersten Plünderern kamen andere und wieder andere, und das Plündern wurde mit jedem Tag, je mehr die Zahl der Plünderer zunahm, schwieriger und nahm festere Formen an.

Die Franzosen hatten Moskau zwar fast ohne Bewohner vorgefunden, aber doch ausgestattet mit dem gesamten Apparat einer Stadt, deren Organismus ordnungsmäßig funktioniert, mit den mannigfaltigen Einrichtungen des Handels, des Handwerks, des Luxus, der staatlichen Verwaltung, der Religion. Dieser Apparat war beim Einzug der Franzosen ohne Leben; aber er existierte noch. Da waren Budenreihen, Kaufläden, Magazine, Speicher, Basare, größtenteils mit Waren gefüllt; da waren Fabriken und Werkstätten; da waren Paläste und reiche Häuser, angefüllt mit Gegenständen des Luxus; da waren Krankenhäuser, Gefängnisse, Amtslokale, große und kleine Kirchen. Je länger die Franzosen blieben, um so mehr verschwand dieser Apparat des städtischen Lebens, und gegen das Ende ihres dortigen Aufenthalts war alles eine ununterbrochene, gleichmäßige, leblose Stätte der Plünderung geworden.

Die Plünderung durch die Franzosen verminderte, je länger sie dauerte, in um so höherem Grade die Reichtümer Moskaus und die Kräfte der Plünderer. Die Plünderung durch die Russen, mit welcher die Wiederbesetzung der Hauptstadt durch die Russen begann, stellte, je länger sie dauerte und je mehr Menschen sich daran beteiligten, um so schneller den Reichtum Moskaus und das regelmäßige Leben der Stadt wieder her.

Außer den Plünderern strömten von allen Seiten, wie das Blut zum Herzen, nach Moskau Menschen von mannigfaltigster Art, herbeigezogen teils durch Neugier, teils durch die Dienstpflicht, teils durch ihren Vorteil: Hausbesitzer, Geistliche, hohe und niedere Beamte, Handelsleute, Handwerker, Bauern.

Nach einer Woche wurden die Bauern, die mit leeren Wagen angefahren kamen, um Sachen fortzuschaffen, bereits von der Behörde angehalten und genötigt, Leichen aus der Stadt hinauszuschaffen. Andere Bauern, die von dem Mißgeschick ihrer Genossen gehört hatten, kamen in die Stadt mit Getreide, Hafer und Heu und unterboten einander mit dem geforderten Preis so, daß er niedriger war als vorher. Täglich kamen neue Genossenschaften von Zimmerleuten in der Hoffnung auf guten Verdienst nach Moskau, und überall wurden neue Häuser gebaut und alte, durch das Feuer beschädigte repariert. Die Kaufleute eröffneten wieder ihren Handel in den Buden. Garküchen und Herbergen wurden in nur angebrannten Häusern eingerichtet. Die Geistlichkeit nahm den Gottesdienst in vielen vom Feuer verschonten Kirchen wieder auf. Opferwillige brachten Ersatzstücke für die geraubten Kirchengegenstände. Die Beamten in ihren kleinen Bureaus bedeckten ihre Tische mit Tuch und füllten ihre Schränke mit Akten. Die höchste Behörde und die Polizei trafen Anordnungen darüber, wie mit der von den Franzosen zurückgelassenen Habe zu verfahren sei. Die Besitzer derjenigen Häuser, in denen sich viele von den Franzosen aus anderen Häusern zusammengetragene und dann dort zurückgelassene Sachen befanden, klagten, es sei eine Ungerechtigkeit, alle diese Sachen nach dem Facettenpalast im Kreml zu schaffen; andere wieder erklärten, da die Franzosen aus verschiedenen Häusern Sachen an einen Ort zusammengebracht hätten, so sei es ungerecht, nun dem Hauswirt alle die Sachen zuzusprechen, die in seinem Haus gefunden seien. Man schimpfte auf die Polizei; man bestach sie; man stellte für verbrannte fiskalische Gegenstände Kostenanschläge zum zehnfachen Wert auf; man forderte Unterstützungen. Graf Rastoptschin schrieb seine Proklamationen.


XVI


Ende Januar kam Pierre in Moskau an und nahm in dem unversehrt gebliebenen Seitengebäude Wohnung. Er besuchte den Grafen Rastoptschin und mehrere Bekannte, die nach Moskau zurückgekehrt waren, und beabsichtigte am dritten Tag nach Petersburg zu fahren. Alle jubelten über den Sieg; alles wimmelte in der zerstörten und wiederauflebenden Hauptstadt von neuem Leben. Alle freuten sich über Pierres Rettung; alle wünschten ihn zu sehen, und alle fragten ihn aus über das, was er erlebt hatte. Pierre fühlte sich gegen alle Menschen, mit denen er zusammenkam, außerordentlich freundlich gestimmt; aber unwillkürlich war er jetzt allen Menschen gegenüber auf der Hut, um sich in keiner Weise zu binden. Auf alle Fragen, die an ihn gerichtet wurden, wichtige oder ganz unwichtige (so wenn er gefragt wurde, wo er wohnen werde, oder ob er bauen werde, oder wann er seine Reise nach Petersburg anzutreten beabsichtige, oder ob er aus Gefälligkeit ein Kästchen mitnehmen wolle), auf alle solche Fragen antwortete er: »Ja vielleicht« oder »ich denke« usw.

Über die Familie Rostow hörte er, daß sie in Kostroma sei, und der Gedanke an Natascha kam ihm nur selten, und wenn er ihm kam, so nur als eine angenehme Erinnerung an etwas längst Vergangenes. Er fühlte sich frei, nicht nur von weltlichen Beschränkungen, sondern auch von diesem Gefühl, das, wie er jetzt meinte, nur etwas absichtlich Angenommenes gewesen war.

Am dritten Tag nach seiner Ankunft in Moskau erfuhr er von Drubezkois, daß Prinzessin Marja in Moskau sei. Der Gedanke an den Tod des Fürsten Andrei, an seine Leiden und letzten Tage hatte Pierre häufig beschäftigt und kam ihm jetzt mit neuer Lebendigkeit in den Sinn. Nachdem er beim Mittagessen erfahren hatte, daß Prinzessin Marja in Moskau sei und in ihrem nicht abgebrannten Haus in der Wosdwischenka-Straße wohne, fuhr er an demselben Abend zu ihr hin.

Auf dem Weg zu Prinzessin Marja dachte er unaufhörlich an den Fürsten Andrei, an seine Freundschaft mit ihm, an die verschiedenen Begegnungen, die er mit ihm gehabt hatte, und namentlich an die letzte in Borodino.

»Sollte er wirklich in der ingrimmigen Stimmung gestorben sein, in der er sich damals befand? Sollte sich ihm wirklich vor dem Tod nicht der Sinn des Lebens erschlossen haben?« dachte Pierre. Er erinnerte sich an Karatajew und dessen Tod und stellte unwillkürlich einen Vergleich zwischen diesen beiden Männern an, die voneinander so verschieden waren und doch auch zugleich einander so ähnlich in bezug auf die Liebe, die er zu beiden gehegt hatte, sowie darin, daß sie beide gelebt hatten und beide gestorben waren.

In der ernstesten Gemütsverfassung gelangte Pierre zu dem Haus des alten Fürsten. Dieses Haus war unversehrt geblieben. Man sah an ihm Spuren von Beschädigung; aber der Gesamtcharakter des Hauses war derselbe wie früher. Ein alter Diener empfing Pierre mit tiefernster Miene, wie wenn er dem Besucher zu verstehen geben wollte, daß der Tod des Fürsten in die Ordnung des Hauses keine Störung hineingebracht habe, und teilte ihm mit, die Prinzessin habe sich in ihre Gemächer zurückgezogen; sie empfange sonntags.

»Melde mich nur; vielleicht werde ich doch angenommen«, erwiderte Pierre.

»Zu Befehl«, antwortete der Diener. »Haben Sie die Güte, in das Porträtzimmer zu treten.«

Einige Minuten darauf kamen der Diener und Dessalles zu Pierre herein. Dessalles meldete ihm von der Prinzessin, sie freue sich sehr, ihn wiederzusehen, und bitte ihn, wenn er ihr diese Formlosigkeit nicht übelnehmen wolle, zu ihr nach oben in ihre Zimmer zu kommen.

In einem niedrigen Zimmerchen, das nur von einer einzigen Kerze erleuchtet war, saß die Prinzessin, und bei ihr noch eine schwarzgekleidete Dame. Pierre erinnerte sich, daß die Prinzessin sich immer Gesellschafterinnen gehalten habe; aber was für Personen diese Gesellschafterinnen gewesen waren, das wußte Pierre nicht, dafür hatte er keine Erinnerung. »Das ist eine Gesellschafterin«, dachte er bei einem Blick auf die Dame in Schwarz.

Die Prinzessin stand schnell auf, kam ihm entgegen und reichte ihm die Hand, die er küßte.

»Ja«, sagte sie, indem sie sein so verändertes Gesicht betrachtete, »so sehen wir uns nun wieder. Er hat auch in der letzten Zeit häufig von Ihnen gesprochen«, fuhr sie fort und ließ ihre Augen von Pierre zu der Gesellschafterin mit einer Verlegenheit hinübergleiten, die Pierre einen Augenblick stutzig machte.

»Ich habe mich so gefreut, als ich von Ihrer Rettung hörte«, fügte sie hinzu. »Das war die einzige freudige Nachricht, die wir seit langer Zeit erhalten hatten.«

Wieder blickte die Prinzessin noch unruhiger auf die Gesellschafterin hin und wollte etwas sagen; aber Pierre unterbrach sie.

»Sie können sich leicht denken, daß ich nichts von ihm wußte«, sagte er. »Ich glaubte, er wäre gefallen. Alles, was ich erfuhr, erfuhr ich von anderen, aus dritter Hand. Ich weiß nur, daß er zufällig zur Rostowschen Familie kam. Welch eine Fügung!«

Pierre sprach schnell und lebhaft. Als er einmal nach dem Gesicht der Gesellschafterin hinsah, bemerkte er, daß ihr Blick aufmerksam und freundlich auf ihn gerichtet war, und hatte, wie das oft während eines Gespräches vorkommt, aus nicht recht klarem Grund die Empfindung, daß diese schwarzgekleidete Gesellschafterin ein liebes, gutes, prächtiges Wesen sei, durch das er sich in seinem vertraulichen Gespräch mit Prinzessin Marja nicht stören zu lassen brauche.

Aber als er die letzten Worte über die Rostowsche Familie sagte, prägte sich die Verlegenheit noch stärker auf dem Gesicht der Prinzessin Marja aus. Sie ließ ihre Augen wieder von Pierres Gesicht zu dem der Dame in Schwarz hinüberwandern und sagte: »Sie erkennen sie wohl nicht?«

Pierre blickte noch einmal in das blasse, feine Gesicht der Gesellschafterin mit den schwarzen Augen und dem eigenartigen Mund. Etwas Liebes, längst Vergessenes und mehr als bloß Angenehmes schaute ihn aus diesen aufmerksamen Augen an.

»Aber nein, es ist nicht möglich«, dachte er. »Dieses ernste, hagere, blasse, alt aussehende Gesicht! Das kann sie nicht sein. Es ist nur eine Ähnlichkeit, die an sie erinnert.« Aber in diesem Augenblick sagte Prinzessin Marja: »Natascha.« Und das Gesicht mit den aufmerksamen Augen lächelte mit Mühe und Anstrengung, wie eine verrostete Tür sich öffnet, und aus dieser sich öffnenden Tür duftete ihm plötzlich jenes längst vergessene Glück entgegen, an das er nicht mehr gedacht hatte, und namentlich jetzt nicht. Dieser Duft umfing ihn und nahm ihn völlig in seinen Bann. Als sie lächelte, konnte kein Zweifel mehr sein: es war Natascha, und er liebte sie.

Gleich im ersten Augenblick gab Pierre unwillkürlich sowohl ihr als auch der Prinzessin Marja und vor allem sich selbst Kenntnis von diesem ihm selbst bisher unbekannten Geheimnis. Er errötete vor Freude und schmerzlichem Leid. Er wollte seine Erregung verbergen; aber je mehr er sie zu verbergen suchte, um so deutlicher, deutlicher selbst als durch die bestimmtesten Worte, sagte er sich und ihr und der Prinzessin Marja, daß er sie liebe.

»Nein, das hat keinen tieferen Grund, das kommt nur von der Überraschung her«, dachte Pierre. Aber kaum versuchte er, das begonnene Gespräch mit Prinzessin Marja fortzusetzen, da mußte er wieder Natascha ansehen, und eine noch stärkere Röte überzog sein Gesicht, und eine noch stärkere freudige und bange Aufregung nahm von seiner Seele Besitz. Er verwirrte sich in seinen Worten und verstummte mitten in der Rede.

Pierre hatte Natascha nicht beachtet, weil er in keiner Weise erwartet hatte, sie hier zu sehen; und er hatte sie nicht erkannt, weil die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, seit er sie nicht mehr gesehen hatte, eine ganz gewaltige war. Sie war mager und blaß geworden. Aber nicht dies war es, was sie unkenntlich machte: er hatte sie im ersten Augenblick, als er eintrat, deswegen nicht erkennen können, weil auf diesem Gesicht, in dessen Augen früher immer ein verborgenes Lächeln der Lebenslust geleuchtet hatte, jetzt, als er eintrat und sie zum erstenmal ansah, auch nicht der geringste Schimmer eines Lächelns gelegen hatte; nur die Augen waren dagewesen, die aufmerksamen, guten, traurig fragenden Augen.

Pierres Verlegenheit rief bei Natascha nicht die gleiche Empfindung hervor, sondern nur ein Gefühl der Freude, das leise ihr ganzes Gesicht erhellte.


XVII


»Sie wohnt als mein Gast bei mir«, sagte Prinzessin Marja. »In den nächsten Tagen kommen auch der Graf und die Gräfin. Die Gräfin befindet sich in einem schrecklichen Zustand. Aber auch Natascha selbst muß sich ärztlich behandeln lassen. Die Eltern haben sie mit Gewalt mit mir hierhergeschickt.«

»Ja, gibt es wohl eine Familie, die nicht ihr eigenes Leid hätte?« sagte Pierre, zu Natascha gewendet. »Sie wissen, es geschah gerade an dem Tag, als wir befreit wurden. Ich habe ihn gesehen. Was war er für ein allerliebster Junge!«

Natascha sah ihn an; als Antwort auf seine Worte öffneten sich nur ihre Augen noch weiter und leuchteten auf.

»Was könnte man da zum Trost sagen oder ersinnen?« fuhr Pierre fort. »Nichts. Warum mußte ein so prächtiger, lebensfrischer Junge sterben?«

»Ja, ohne Glauben wäre es in unserer Zeit schwer, zu leben«, sagte Prinzessin Marja.

»Ja, ja. Das ist eine tiefe Wahrheit«, unterbrach Pierre sie schnell.

»Warum ist das schwer?« fragte Natascha und blickte Pierre aufmerksam in die Augen.

»Warum das schwer ist?« erwiderte Prinzessin Marja. »Schon der bloße Gedanke an das, was uns dort erwartet …«

Natascha hörte nicht zu Ende, was Prinzessin Marja sagen wollte, sondern richtete wieder einen fragenden Blick auf Pierre.

»Und auch deswegen«, fuhr Pierre fort, »weil nur derjenige, der an einen Gott glaubt, der über uns waltet, einen solchen Verlust tragen kann, wie der der Prinzessin und … der Ihrige.«

Natascha öffnete schon den Mund, in der Absicht, etwas zu sagen, hielt aber plötzlich inne. Pierre drehte sich hastig von ihr weg und wandte sich an Prinzessin Marja mit der Frage nach den letzten Lebenstagen seines Freundes.

Pierres Verlegenheit war jetzt fast ganz verschwunden; aber zugleich fühlte er, daß seine ganze frühere Freiheit verschwunden war. Er fühlte, daß es für jedes seiner Worte, für jede seiner Handlungen jetzt einen Richter gab, dessen Urteil ihm wertvoller war als das Urteil aller Menschen in der Welt. Wenn er jetzt sprach, so suchte er während des Sprechens sich über den Eindruck klarzuwerden, den seine Worte auf Natascha hervorbrachten. Er sprach nicht absichtlich so, daß es ihr gefallen sollte; aber bei allem, was er sagte, beurteilte er sich selbst von ihrem Gesichtspunkt aus.

Prinzessin Marja begann nur ungern, wie das immer so der Fall zu sein pflegt, von dem Zustand zu sprechen, in dem sie den Fürsten Andrei vorgefunden hatte. Aber Pierres Fragen und sein lebhafter, unruhiger Blick und sein vor Erregung zuckendes Gesicht brachten sie allmählich dazu, auf Einzelheiten einzugehen, die sie sich scheute, sich ins Gedächtnis zurückrufen, wenn sie mit ihren Gedanken allein war.

»Ja, ja, gut so, gut so …«, sagte Pierre, der sich mit seinem ganzen Körper zu Prinzessin Marja vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Erzählung folgte. »Ja, ja; also er war ruhiger und milder geworden? Er hat stets mit aller Kraft seiner Seele so eifrig nach dem einen Ziel gestrebt, ein vollkommen guter Mensch zu sein, daß er den Tod nicht zu fürchten brauchte. Die Fehler, die er hatte, wenn er überhaupt solche hatte, entsprangen nicht aus seinem Wesen. Also er war milder geworden?« sagte Pierre »Welch ein Glück, daß er Sie wiedergesehen hat«, sagte er zu Natascha, indem er sich plötzlich zu ihr wandte und sie mit Augen, die voll Tränen standen, anblickte.

Nataschas Gesicht zuckte. Sie zog die Brauen zusammen und senkte einen Augenblick lang die Augen. Eine Weile schwankte sie, ob sie reden sollte oder nicht.

»Ja, es war ein Glück«, sagte sie mit leiser Bruststimme; »für mich war es sicherlich ein Glück.« Sie schwieg einen Augenblick. »Und er … er … er sagte, er habe es gerade in dem Augenblick gewünscht, als ich zu ihm gekommen wäre.«

Die Stimme versagte ihr. Sie errötete, preßte die Hände auf den Knien zusammen und hob dann auf einmal, sich augenscheinlich dazu zwingend, den Kopf in die Höhe und begann schnell zu sprechen.

»Ich wußte nichts, als wir aus Moskau wegfuhren. Ich hatte nicht gewagt, nach ihm zu fragen. Und auf einmal sagte mir Sonja, daß er mit uns zusammen führe. Ich hatte keinen klaren Gedanken und konnte mir nicht vorstellen, in welchem Zustand er sich befinden mochte; nur sehen mußte ich ihn und bei ihm sein«, sagte sie zitternd und nur mühsam atmend.

Und ohne sich unterbrechen zu lassen, erzählte sie, was sie noch nie jemandem erzählt hatte: alles, was sie in jenen drei Wochen ihrer Reise und des Aufenthalts in Jaroslawl durchlebt hatte.

Pierre hörte ihr mit offenem Mund zu und wandte die Augen, die ihm voll Tränen standen, nicht von ihr weg. Während er ihr zuhörte, dachte er weder an den Fürsten Andrei, noch an den Tod, noch an das, was sie erzählte. Er hörte ihr zu und bemitleidete sie nur wegen des Schmerzes, den sie jetzt beim Erzählen empfand.

Die Prinzessin runzelte die Stirn, um die Tränen zurückzuhalten, setzte sich neben Natascha und hörte zum erstenmal die Geschichte dieser letzten Tage der Liebe ihres Bruders und Nataschas.

Für Natascha war diese ihr zugleich qualvolle und freudenreiche Erzählung offenbar ein Bedürfnis.

Sie erzählte in buntem Durcheinander die unbedeutendsten Einzelheiten und die tiefsten Seelengeheimnisse und schien gar nicht enden zu können. Mehrmals wiederholte sie dasselbe.

Durch die Tür hindurch wurde die Stimme Dessalles’ vernehmbar, der fragte, ob Nikolenka hereinkommen dürfe, um gute Nacht zu sagen.

»Das ist alles, ja, das ist alles«, sagte Natascha.

Sie stand in dem Augenblick, als Nikolenka hereinkam, schnell auf, eilte fast laufend zur Tür, stieß sich mit dem Kopf an der Tür, die mit einer Portiere verhängt war, und stürzte mit einem Stöhnen halb des physischen Schmerzes, halb des Grames aus dem Zimmer.

Pierre blickte nach der Tür, durch die sie hinausgegangen war, und begriff nicht, woher es kam, daß er auf einmal in der ganzen Welt so allein geblieben war.

Prinzessin Marja weckte ihn aus seiner Zerstreutheit und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihren Neffen, der ins Zimmer getreten war.

Das Gesicht Nikolenkas, das mit dem seines Vaters Ähnlichkeit hatte, wirkte bei der weichen, gerührten Stimmung, in der sich Pierre in diesem Augenblick befand, auf ihn so stark, daß er, nachdem er den Knaben geküßt hatte, eilig aufstand, sein Taschentuch ergriff und zum Fenster trat. Er wollte sich der Prinzessin Marja empfehlen; aber sie hielt ihn zurück.

»Nicht doch; Natascha und ich, wir gehen oft erst um drei Uhr schlafen; bitte, bleiben Sie noch. Ich werde Abendbrot bringen lassen. Gehen Sie nach unten; wir kommen sogleich nach.«

Bevor Pierre das Zimmer verließ, sagte die Prinzessin noch zu ihm:

»Das ist das erste Mal, daß sie so von ihm gesprochen hat.«


XVIII


Pierre wurde in das erleuchtete, große Speisezimmer geführt; einige Minuten darauf hörte er Schritte, und die Prinzessin und Natascha traten ins Zimmer. Natascha war ruhig, obgleich jetzt wieder ein tiefernster Ausdruck, ohne die Spur eines Lächelns, auf ihrem Gesicht lag. Prinzessin Marja, Natascha und Pierre hatten alle drei in gleicher Weise jenes Gefühl der Unbehaglichkeit, das gewöhnlich auf ein beendetes ernstes, herzliches Gespräch folgt. Das vorige Gespräch fortzusetzen ist unmöglich; von unbedeutenden Dingen zu reden schämt man sich, und ganz zu schweigen ist einem unangenehm, weil man gern reden möchte und dieses Schweigen einem daher wie Verstellung vorkommt. Sie gingen schweigend zu Tisch. Die Diener rückten die Stühle ab und wieder heran. Pierre faltete die kalte Serviette auseinander, und entschlossen, das Stillschweigen zu brechen, blickte er Natascha und Prinzessin Marja an. Beide waren offenbar gleichzeitig mit ihm zu demselben Entschluß gekommen: in den Augen beider leuchtete ein Gefühl der Zufriedenheit mit dem Leben und das Geständnis, daß es außer dem Kummer auch Freude auf der Welt gibt.

»Trinken Sie ein Gläschen Branntwein, Graf?« sagte Prinzessin Marja, und diese Worte verscheuchten mit einemmal die Schatten der Vergangenheit. »Erzählen Sie uns doch etwas von sich«, fuhr sie fort. »Die Leute erzählen ja über Sie die unglaublichsten Wundergeschichten.«

»Ja«, erwiderte Pierre mit jenem mild spöttischen Lächeln, das ihm jetzt zur Gewohnheit geworden war. »Sogar mir selbst erzählen die Leute über mich Wundergeschichten, von denen ich mir nicht einmal etwas habe träumen lassen. Marja Abramowna hat mich zu sich eingeladen und mir in einem fort erzählt, was mir begegnet sei oder hätte begegnen sollen. Stepan Stepanowitsch hat mich ebenfalls belehrt, und zwar über die Art, wie ich erzählen müsse. Überhaupt habe ich bemerkt, daß es eine sehr gemächliche Situation ist, ein interessanter Mensch zu sein (ich bin nämlich jetzt ein interessanter Mensch): man lädt mich ein und erzählt mir etwas.«

Natascha lächelte und wollte etwas sagen; aber die Prinzessin ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Es ist uns erzählt worden«, sagte Prinzessin Marja, »Sie hätten in Moskau zwei Millionen Rubel verloren. Ist das wahr?«

»Ich bin vielmehr dreimal so reich geworden«, antwortete Pierre.

Obgleich die Schulden seiner Frau und die Notwendigkeit zu bauen seine Verhältnisse geändert hatten, so fuhr Pierre doch fort, auseinanderzusetzen, daß er dreimal so reich geworden sei.

»Daß ich gewonnen habe, ist zweifellos«, sagte er. »So gleich die Freiheit …«, begann er ganz ernst; aber er änderte seine Absicht und fuhr nicht fort, da es ihm vorkam, als sei dieses Gesprächsthema doch gar zu egoistisch.

»Sie bauen?«

»Ja, Saweljitsch will es so.«

»Sagen Sie doch: Sie wußten noch nichts von dem Tod der Gräfin, als Sie hier in Moskau blieben?« sagte Prinzessin Marja, errötete aber in demselben Augenblick, da sie sich bewußt wurde, daß, indem sie diese Frage so unmittelbar nach seiner Bemerkung über die von ihm wiedererlangte Freiheit an ihn richtete, sie seinen Worten einen Sinn beilegte, den sie vielleicht nicht hatten.

»Nein«, antwortete Pierre, den offenbar die Deutung nicht genierte, welche Prinzessin Marja dem gab, was er von seiner Freiheit gesagt hatte. »Ich erfuhr es in Orjol, und Sie können sich gar nicht vorstellen, einen wie starken Eindruck diese Nachricht auf mich machte. Wir waren keine musterhaften Gatten«, fügte er schnell hinzu, als er Natascha ansah und auf ihrem Gesicht eine neugierige Spannung bemerkte, wie er sich wohl über seine Frau äußern werde; »aber dieser Todesfall hat mich tief erschüttert. Wenn zwei Menschen miteinander in Zwietracht leben, tragen sie immer beide schuld daran. Und die eigene Schuld bekommt auf einmal ein furchtbares Gewicht, wenn der andere nicht mehr lebt. Und dann, ein solcher Tod … ohne Freunde, ohne Tröstung. Sie tut mir sehr, sehr leid«, schloß er und nahm mit Genuß eine freudige Zustimmung auf Nataschas Gesicht wahr.

»Ja, da sind Sie ja wieder Junggeselle und ein Heiratskandidat«, sagte Prinzessin Marja.

Pierre wurde plötzlich dunkelrot und bemühte sich lange Zeit, Natascha nicht anzusehen. Als er sich endlich wieder dazu entschloß, war ihr Gesicht kalt, streng und sogar, wie es ihm vorkam, verächtlich.

»Aber Sie haben doch wirklich Napoleon gesehen und mit ihm gesprochen, wie man uns erzählt hat?« fragte Prinzessin Marja.

Pierre lachte auf.

»Kein einziges Mal, niemals. Alle Leute bilden sich immer ein, gefangensein wäre dasselbe wie bei Napoleon zu Besuch sein. Ich habe ihn nicht gesehen, ja nicht einmal etwas von ihm gehört. Ich war in weit schlechterer Gesellschaft.«

Das Abendessen war beendet, und Pierre, der anfangs nicht hatte von seiner Gefangenschaft erzählen mögen, geriet nun doch allmählich ins Erzählen hinein.

»Aber das ist doch richtig, daß Sie hierblieben, um Napoleon zu töten?« fragte ihn Natascha mit leisem Lächeln. »Ich habe es mir damals gleich gedacht, als wir Sie beim Sucharew-Turm trafen; besinnen Sie sich?«

Pierre gestand, daß das richtig sei, und von dieser Frage an ließ er sich, durch weitere Fragen der Prinzessin Marja und namentlich Nataschas geleitet, allmählich und unvermerkt dazu bringen, eingehende Mitteilungen über seine Erlebnisse zu machen.

Anfangs erzählte er mit jener mild spöttischen Anschauungsweise, die er jetzt für die Menschen und insonderheit für sich selbst an sich hatte; als er aber dann zu der Schilderung der Greuel und Leiden kam, die er mitangesehen hatte, wurde er, ohne es selbst zu merken, warm und sprach mit der verhaltenen Erregung eines Menschen, der starke Eindrücke in der Erinnerung noch einmal durchlebt.

Prinzessin Marja blickte mit mildem Lächeln bald auf Pierre, bald auf Natascha. Sie sah in dieser ganzen Erzählung nur Pierre und seine Herzensgüte. Natascha hatte den Kopf in die Hand gestützt und folgte, ohne sich auch nur einen Augenblick ablenken zu lassen, der Erzählung Pierres, wobei ihr Gesichtsausdruck sich beständig im Einklang mit dem Gehörten änderte; sie durchlebte offenbar mit ihm in Gedanken alles, was er erzählte. Nicht nur ihr Blick, sondern auch ihre Ausrufe und die kurzen Fragen, die sie stellte, zeigten Pierre, daß sie aus dem, was er erzählte, gerade das heraushörte, was er sagen wollte. Augenscheinlich verstand sie nicht nur das, was er erzählte, sondern auch das, was er mit Worten gern ausgedrückt hätte, ohne es doch zu können. Sein Erlebnis mit dem kleinen Kind und der jungen Frau, bei dem er gefangengenommen worden, erzählte Pierre folgendermaßen: »Es war ein schreckliches Schauspiel: verlassene Kinder, manche im Feuer … In meiner Gegenwart wurde ein Kind gerettet … Frauen, denen Plünderer ihre Sachen raubten, den Schmuck vom Hals rissen …« Pierre errötete und stockte. »Da kam eine Patrouille und arretierte alle Männer, die nicht zu den Plünderern gehörten, auch mich.«

»Sie erzählen gewiß nicht alles; Sie haben gewiß etwas getan …«, sagte Natascha und schwieg einen Augenblick, »etwas Gutes.«

Pierre erzählte weiter. Bei der Schilderung der Hinrichtung wollte er über die furchtbaren Einzelheiten hinweggehen; aber Natascha verlangte, er solle nichts auslassen.

Pierre wollte anfangen von Karatajew zu erzählen (er war schon vom Tisch aufgestanden und ging auf und ab, wobei Natascha ihm mit den Augen folgte), hielt aber inne.

»Nein«, sagte er, »Sie können doch nicht begreifen, was ich von diesem närrischen Menschen, der nicht einmal lesen und schreiben konnte, alles gelernt habe.«

»Nicht doch, nicht doch, erzählen Sie nur«, sagte Natascha. »Wo ist er denn jetzt?«

»Er ist erschossen worden, fast vor meinen Augen.«

Und Pierre begann von der letzten Zeit ihres Rückzuges zu erzählen, von Karatajews Krankheit (seine Stimme zitterte hierbei fortwährend) und von seinem Tod.

Pierre erzählte seine Erlebnisse in einer Weise, wie er sie sich selbst noch nie in der Erinnerung wieder vergegenwärtigt hatte. Er fand jetzt in allem, was er durchlebt hatte, gewissermaßen einen neuen Sinn. Jetzt, wo er dies alles Natascha erzählte, empfand er jenen seltenen Genuß, welchen Frauen durch die Art ihres Zuhörens einem Mann gewähren können, nicht die sogenannten geistreichen Frauen, deren Streben beim Zuhören entweder danach geht, sich das Gehörte einzuprägen, um ihren Verstand zu bereichern und dasselbe bei Gelegenheit wieder vorzubringen, oder danach, das Erzählte gegen ihren eigenen geistigen Besitz zu halten und so schnell wie möglich kluge Äußerungen darüber von sich zu geben, die sie sich in ihrer kleinen Verstandeswirtschaft zurechtmachen; sondern Pierre empfand den Genuß, welchen echte Frauen gewähren können, Frauen, die mit der Fähigkeit begabt sind, das Beste, was in den Darlegungen eines Mannes enthalten ist, herauszufinden und in sich aufzunehmen. Natascha war, ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, ganz Ohr: es entging ihr kein Wort, kein Schwanken der Stimme, kein Blick, kein Zucken eines Gesichtsmuskels, keine Handbewegung Pierres. Im Flug fing sie das kaum ausgesprochene Wort auf und trug es geradewegs in ihr geöffnetes Herz; sie erriet den geheimen Sinn der ganzen seelischen Arbeit Pierres.

Prinzessin Marja folgte der Erzählung und interessierte sich für sie; aber sie sah jetzt etwas anderes, was ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: sie sah für Natascha und Pierre die Möglichkeit der Liebe und des Glückes. Und dieser Gedanke, der ihr jetzt zum erstenmal kam, erfüllte ihre Seele mit Freude.

Es war drei Uhr nachts. Die Diener kamen mit traurig-ernsten Gesichtern, um die Kerzen zu wechseln; aber niemand beachtete sie.

Pierre hatte seine Erzählung beendet. Natascha blickte ihn immer noch mit lebhaften, glänzenden Augen unverwandt und aufmerksam an, als wünschte sie auch noch das übrige zu verstehen, das er vielleicht nur nicht ausgesprochen hatte. Pierre sah ab und zu mit verschämter, glückseliger Verlegenheit zu ihr hin und überlegte, was er jetzt sagen könnte, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen. Prinzessin Marja schwieg. Keiner von ihnen dachte daran, daß es drei Uhr in der Nacht und Zeit zum Schlafengehen sei.

»Da reden nun die Menschen immer von Unglück und Leiden«, sagte Pierre. »Aber wenn jemand jetzt gleich, diesen Augenblick, zu mir sagte: ›Willst du bleiben, was du vor der Gefangenschaft warst, oder all dies noch einmal von Anfang an durchleben?‹, bei Gott, ich würde noch einmal Gefangenschaft und Pferdefleisch wählen. Wenn uns etwas aus dem gewohnten Geleise wirft, so denken wir, alles sei verloren; und dabei beginnt doch nur etwas Neues, Gutes. Solange Leben da ist, gibt es auch Glück. Die Zukunft kann noch viel, viel Gutes bringen. Das sage ich Ihnen«, schloß er, zu Natascha gewendet.

»Ja, ja«, sagte sie, auf etwas ganz anderes antwortend, »auch ich würde nichts anderes wünschen, als alles noch einmal von Anfang an zu durchleben.« Pierre blickte sie aufmerksam an.

»Ja, und weiter nichts!« fügte Natascha bekräftigend hinzu.

»Das kann nicht richtig sein, das kann nicht richtig sein«, rief Pierre. »Ich kann nichts dafür, daß ich lebe und leben will; und so ist es auch mit Ihnen.«

Auf einmal ließ Natascha den Kopf auf die Arme sinken und brach in Tränen aus.

»Was ist dir, Natascha?« fragte Prinzessin Marja.

»Nichts, nichts.« Sie lächelte durch ihre Tränen hindurch Pierre zu. »Gute Nacht, es ist Zeit, schlafen zu gehen.«

Pierre stand auf und empfahl sich.

Prinzessin Marja und Natascha redeten, wie immer, im Schlafzimmer noch eine Weile miteinander. Sie sprachen von dem, was Pierre erzählt hatte. Über Pierre selbst sprach Prinzessin Marja ihre Meinung nicht aus. Auch Natascha sprach nicht von ihm.

»Nun, gute Nacht, Marja«, sagte Natascha. »Weißt du, was ich oft fürchte? Wir reden nicht von ihm« (dem Fürsten Andrei), »als fürchteten wir, unserer Empfindung dadurch etwas von ihrer Erhabenheit zu nehmen, und gelangen dadurch schließlich dazu, ihn zu vergessen.«

Prinzessin Marja seufzte schwer und erkannte durch diesen Seufzer Nataschas Bemerkung als richtig an; aber mit Worten stimmte sie ihr nicht zu.

»Ist es denn möglich, ihn zu vergessen?« erwiderte sie.

»Mir hat es heute so wohl getan, alles zu erzählen«, sagte Natascha. »Es war mir peinlich und schmerzlich, tat mir aber doch wohl, sehr wohl. Ich bin überzeugt, daß er ihn wirklich geliebt hat. Darum habe ich es ihm auch erzählt … Es schadet doch nichts, daß ich es ihm erzählt habe?« fragte sie plötzlich errötend.

»Daß du es Pierre erzählt hast? O nein! Was ist das für ein prächtiger Mensch!« sagte Prinzessin Marja.

»Weißt du, Marja«, sagte Natascha auf einmal mit einem schelmischen Lächeln, das Prinzessin Marja auf ihrem Gesicht seit langer Zeit nicht gesehen hatte. »Er ist, ich möchte sagen, so rein und glatt und frisch geworden, wie wenn er aus dem Bad käme; verstehst du, wie ich es meine? Im geistigen Sinn. Nicht wahr?«

»Ja«, erwiderte Prinzessin Marja. »Er hat sehr gewonnen.«

»Und der kurze Oberrock und das kurzgeschnittene Haar; wirklich, ganz wie aus dem Bad … wie Papa manchmal …«

»Ich begreife es, daß er« (Fürst Andrei) »niemand so sehr geliebt hat wie ihn«, sagte Prinzessin Marja.

»Ja, und dabei ist er von ihm so verschieden. Man sagt ja, Männer können nur dann miteinander befreundet sein, wenn sie voneinander ganz verschieden sind. Das muß wohl richtig sein. Er ist ihm doch ganz unähnlich, in allem, nicht wahr?«

»Ja, und doch ist er ein prächtiger Mensch.«

»Nun, gute Nacht«, antwortete Natascha.

Und das schelmische Lächeln blieb, wie in Selbstvergessenheit, noch lange auf ihrem Gesicht.


XIX


Pierre konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen. Er ging im Zimmer auf und ab, bald die Stirn runzelnd, wie wenn er irgend etwas Schwieriges überlegte, bald plötzlich die Achseln zuckend und zusammenfahrend, bald glückselig lächelnd.

Er dachte an den Fürsten Andrei, an Natascha, an die Liebe dieser beiden und war bald eifersüchtig auf Nataschas Vergangenheit, bald machte er sich wegen dieser Eifersucht Vorwürfe, bald verzieh er es sich. Es war schon sechs Uhr morgens, und er ging immer noch im Zimmer auf und ab.

»Nun, was ist da zu machen? Wenn es doch nun einmal nicht anders geht? Was ist da zu machen? Dann muß es also geschehen«, sagte er zu sich selbst, kleidete sich schnell aus und legte sich ins Bett, glückselig und aufgeregt, aber frei von Zweifeln und von Unentschlossenheit.

»Mag auch dieses Glück noch so seltsam, noch so unmöglich scheinen, ich muß alles tun, damit sie meine Frau wird«, sagte er sich.

Noch vor ein paar Tagen hatte Pierre seine Abreise nach Petersburg auf den Freitag angesetzt. Als er am Donnerstag aufwachte, trat Saweljitsch zu ihm, um sich Befehle wegen des Packens der Sachen für die Reise zu erbitten.

»Nach Petersburg? Was ist mit Petersburg? Wer soll nach Petersburg reisen?« fragte er sich unwillkürlich, wiewohl nur im stillen. »Ja, so etwas hatte ich ja vor längerer Zeit vor; ehe sich dies noch begab, hatte ich wirklich aus irgendeinem Grund vor, nach Petersburg zu reisen«, fiel ihm ein. »Weshalb auch nicht? Vielleicht fahre ich wirklich hin. Wie gut er ist, wie aufmerksam, wie er an alles denkt!« dachte er weiter, indem er Saweljitschs altes Gesicht ansah. »Und was für ein angenehmes Lächeln!« dachte er.

»Nun, wie ist’s? Willst du noch immer nicht frei werden, Saweljitsch?« fragte Pierre.

»Was hätte ich von der Freiheit, Euer Erlaucht? Ich habe bei dem alten Herrn Grafen (Gott schenke ihm das Himmelreich) ein gutes Leben gehabt, und Sie haben mir ja auch nie etwas zuleide getan.«

»Nun, und deine Kinder?«

»Die Kinder werden auch gern in demselben Stand bleiben, Euer Erlaucht; bei solchen Herren kann man schon leben.«

»Nun, und meine Erben?« fragte Pierre. »Ich könnte mich ja auf einmal verheiraten … Das wäre nicht unmöglich«, fügte er mit einem unwillkürlichen Lächeln hinzu.

»Ich bin so frei zu sagen: das wäre sehr gut, Euer Erlaucht.«

»Ja, das denkt er sich so leicht«, dachte Pierre. »Er weiß nicht, wie schrecklich und gefährlich das ist. Man handelt dabei entweder zu früh oder zu spät … Es ist schrecklich!«

»Wie befehlen Sie? Belieben Sie morgen zu reisen?« fragte Saweljitsch.

»Nein, ich möchte es noch eine Weile aufschieben. Ich werde es dir dann schon sagen. Nimm es mir nicht übel, daß ich dir unnütz Umstände gemacht habe«, sagte Pierre, und als er Saweljitschs Lächeln sah, dachte er: »Wie sonderbar ist es doch, daß er nicht weiß, daß mir jetzt Petersburg ganz gleichgültig ist und vor allen Dingen erst das Wichtigste zur Entscheidung gebracht werden muß. Übrigens weiß er es sicherlich und verstellt sich nur. Ob ich ihm wohl etwas davon sage? Wie mag er es auffassen?« dachte Pierre. »Nein, später einmal.«

Beim Frühstück teilte Pierre der Prinzessin mit, daß er gestern bei Prinzessin Marja gewesen sei. »Denken Sie sich nur, wen ich da getroffen habe: Natascha Rostowa.«

Die Prinzessin tat, als hielte sie diese Nachricht für etwas ebenso Gewöhnliches, wie wenn Pierre sagte, er habe Anna Semjonowna gesehen.

»Kennen Sie sie?« fragte Pierre.

»Ich habe die Prinzessin gelegentlich gesehen«, antwortete sie. »Ich habe gehört, sie sei dem jungen Rostow als Braut zugedacht. Das wäre für die Rostowsche Familie ein rechtes Glück; denn sie sollen ja völlig ruiniert sein.«

»Nein, ich meine, ob Sie die junge Gräfin Rostowa kennen.«

»Ich habe damals nur von einer Skandalgeschichte gehört. Sehr bedauerlich.«

»Nein«, dachte Pierre, »entweder versteht sie mich nicht, oder sie verstellt sich. Das beste ist schon, ich sage auch ihr nichts davon.«

Auch die Prinzessin hatte für Pierre gesorgt, indem sie ihm Reiseproviant zurechtgemacht hatte.

»Wie gut sie alle sind«, dachte Pierre, »daß sie jetzt, wo sie doch aller Wahrscheinlichkeit nach kein Interesse mehr dafür haben, sich noch mit all dergleichen abgeben. Und alles mir zuliebe; das ist doch erstaunlich.«

An demselben Tag kam der Polizeimeister zu Pierre und forderte ihn auf, er möchte doch einen Bevollmächtigten nach dem Facettenpalast schicken, um die Sachen in Empfang zu nehmen, die heute an die Eigentümer verteilt werden sollten.

»Na, und auch der hier«, dachte Pierre, als er dem Polizeimeister ins Gesicht sah, »was ist das für ein prächtiger, schöner Offizier und was für ein guter Mensch!Jetztgibt er sich noch mit solchen Lappalien ab. Und da sagen die Leute, er sei nicht ehrenhaft und lasse sich etwas in die Hand drücken. Dummes Zeug! Übrigens, warum sollte er auch nicht etwas annehmen? Das hängt mit seiner ganzen Erziehung zusammen. Und es machen es ja auch alle so. Und so ein angenehmes, gutmütiges Gesicht hat er, und er lächelt, wenn er mich ansieht.«

Zum Mittagessen fuhr Pierre zur Prinzessin Marja.

Während er zwischen den Brandstätten der Häuser durch die Straßen fuhr, war er erstaunt über die Schönheit dieser Ruinen. Die Schornsteine der Häuser und die trümmerhaften Mauern, die in ihrem pittoresken Aussehen an den Rhein und das Kolosseum erinnerten, zogen sich in langen Reihen, einander bald so, bald anders verdeckend, durch die eingeäscherten Stadtteile hin. Alle Leute, bei denen er vorbeikam: die Droschkenkutscher und ihre Fahrgäste, die Zimmerleute, welche Fachwerk errichteten, die Hökerfrauen und Ladenbesitzer, alle sahen Pierre mit heiteren, strahlenden Gesichtern an und schienen zu sagen: »Aha, da ist er! Wollen mal sehen, was daraus wird.«

Beim Eintritt in das Haus der Prinzessin Marja überkam ihn ein Zweifel, ob es auch wirklich richtig sei, daß er gestern hier gewesen sei und Natascha gesehen und mit ihr gesprochen habe. »Vielleicht habe ich mir das nur so ausgesonnen. Vielleicht komme ich herein und bekomme niemanden zu sehen.« Aber kaum war er ins Zimmer getreten, als er auch schon in seinem ganzen Wesen, an dem sofortigen Verlust seiner Freiheit, ihre Gegenwart empfand. Sie trug dasselbe schwarze Kleid mit weichen Falten und dieselbe Frisur wie tags zuvor; aber doch war sie eine ganz andere. Hätte sie gestern, als er ins Zimmer trat, so ausgesehen, so hätte er sie auch nicht einen Augenblick verkennen können.

Sie sah ebenso aus, wie er sie gekannt hatte, als sie beinah noch ein Kind und dann die Braut des Fürsten Andrei war. Ein heiterer, fragender Glanz leuchtete aus ihren Augen; ihr Gesicht trug einen freundlichen und eigentümlich schelmischen Ausdruck.

Pierre speiste mit den Damen zu Mittag und hätte den ganzen Abend bei ihnen gesessen; aber Prinzessin Marja und Natascha fuhren zum Abendgottesdienst, und Pierre mit ihnen.

Am andern Tag kam Pierre schon früh, speiste wieder dort und blieb den ganzen Abend da. Obwohl Prinzessin Marja und Natascha über seinen Besuch augenscheinlich erfreut waren, und obwohl Pierres gesamtes Lebensinteresse sich jetzt auf dieses Haus konzentrierte, hatten sie doch gegen Abend alle Themata erschöpft, und das Gespräch ging fortwährend von einem nichtigen Gegenstand zu einem andern ebenso nichtigen über und stockte oft vollständig.

Pierre blieb an diesem Abend bis zu so später Stunde sitzen, daß Prinzessin Marja und Natascha einander Blicke zuwarfen und offenbar darauf warteten, ob er denn noch nicht bald gehen werde. Pierre sah das, war aber nicht imstande wegzugehen. Es war ihm peinlich, und er fühlte sich unbehaglich; aber doch saß und saß er, weil er schlechterdings nicht imstande war aufzustehen und wegzugehen.

Prinzessin Marja, die davon kein Ende absah, erhob sich zuerst, indem sie über Migräne klagte, und schickte sich an, gute Nacht zu sagen.

»Also Sie fahren morgen nach Petersburg?« fragte sie.

»Nein, ich fahre nicht«, erwiderte Pierre rasch im Ton der Verwunderung und gewissermaßen, als ob er sich gekränkt fühlte. »Ja, nein, nach Petersburg? Ja, morgen; aber ich nehme noch nicht Abschied. Ich komme noch einmal heran, wenn Sie mir etwa Aufträge mitgeben wollen.« Er stand vor der Prinzessin Marja und war ganz rot geworden; aber er ging nicht weg.

Natascha reichte ihm die Hand und ging hinaus. Prinzessin Marja dagegen, statt zu gehen, ließ sich auf einen Sessel nieder und schaute mit ihrem leuchtenden, tiefen Blick Pierre ernst und prüfend an. Die Müdigkeit, die sie vorher so deutlich zum Ausdruck gebracht hatte, war jetzt vollständig verschwunden. Sie stieß einen schweren, langen Seufzer aus, als wenn sie sich auf ein langes Gespräch vorbereitete.

Alle Verlegenheit und Unbehaglichkeit Pierres war mit Nataschas Entfernung sofort vergangen und eine aufgeregte Lebhaftigkeit an deren Stelle getreten. Hurtig rückte er seinen Sessel nahe zu Prinzessin Marja heran.

»Ja, ich wollte gern mit Ihnen reden«, sagte er, als ob er auf ihren Blick wie auf Worte antwortete. »Prinzessin, helfen Sie mir. Was soll ich tun? Darf ich hoffen? Prinzessin, liebe Freundin, hören Sie mich an. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich ihrer nicht würdig bin; ich weiß, daß es jetzt unmöglich ist, ihr davon zu sprechen. Aber ich will ihr Bruder sein. Nein, das nicht, das will ich nicht sein, das kann ich nicht …«

Er hielt inne und rieb sich mit den Händen Gesicht und Augen.

»Sehen Sie«, fuhr er fort und strengte sich offenbar gewaltsam an, zusammenhängend zu reden. »Ich weiß nicht, seit wann ich sie liebe. Aber ich habe nur sie, sie allein geliebt mein ganzes Leben lang und liebe sie so, daß ich mir ein Leben ohne sie nicht vorzustellen vermag. Sie jetzt um ihre Hand zu bitten, wage ich nicht; aber der Gedanke, daß sie vielleicht die meine werden könnte, und daß ich diese Möglichkeit … Möglichkeit … unbenutzt lasse, dieser Gedanke ist schrecklich. Sagen Sie, kann ich hoffen? Sagen Sie, was soll ich tun? Liebe Prinzessin!« sagte er nach einer kurzen Pause, indem er ihre Hand berührte, da sie nicht antwortete.

»Ich denke über das, was Sie mir gesagt haben, nach«, antwortete Prinzessin Marja. »Und da möchte ich Ihnen dies sagen: Sie haben ganz recht, daß jetzt mit ihr von Liebe zu reden …«

Die Prinzessin hielt inne. Sie hatte sagen wollen: »daß jetzt mit ihr von Liebe zu reden unmöglich ist«, aber sie hielt inne, weil sie seit zwei Tagen an der Veränderung, die plötzlich mit Natascha vorgegangen war, sah, daß Natascha sich ganz und gar nicht beleidigt fühlen würde, wenn Pierre zu ihr von seiner Liebe spräche, sondern vielmehr nichts sehnlicher wünschte.

»Jetzt mit ihr davon zu reden … geht nicht an«, sagte Prinzessin Marja aber trotzdem.

»Aber was soll ich denn tun?«

»Legen Sie die Sache in meine Hände«, erwiderte Prinzessin Marja. »Ich weiß …«

Pierre blickte ihr gespannt in die Augen.

»Nun? Nun?« sagte er.

»Ich weiß, daß sie Sie liebt … Sie liebgewinnen wird«, verbesserte sie sich.

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als Pierre aufsprang und in größter Aufregung ihre Hand ergriff.

»Woher meinen Sie das? Sie meinen, daß ich hoffen darf? Sie meinen?!«

»Ja, das meine ich«, erwiderte Prinzessin Marja lächelnd. »Schreiben Sie an die Eltern und legen Sie die Sache in meine Hände. Ich werde es ihr sagen, sobald es tunlich ist. Ich selbst wünsche es, und mein Herz sagt mir, daß es zum guten Ende kommen wird.«

»Nein, es ist nicht möglich! Wie glücklich ich bin! Aber es ist nicht möglich … Wie glücklich ich bin! Nein, es ist nicht möglich!« rief Pierre und küßte der Prinzessin Marja die Hände.

»Reisen Sie nur nach Petersburg; das ist das beste. Und ich werde Ihnen dann schreiben«, sagte sie.

»Nach Petersburg reisen? Ja, gut, ich werde hinreisen. Aber morgen darf ich doch noch zu Ihnen kommen?«

Am nächsten Tag erschien Pierre, um Abschied zu nehmen. Natascha war weniger lebhaft als an den vorhergehenden Tagen; aber an diesem Tag hatte Pierre, wenn er ihr manchmal in die Augen sah, eine Empfindung, als ob er selbst verschwinde und weder er noch sie mehr daseien, sondern nichts dasei als ein einziges Gefühl des Glücks. »Ist es denn wahr? Nein, es ist nicht möglich«, sagte er sich bei jedem Blick, jeder Bewegung, jedem Wort von ihr, die seine Seele mit Freude erfüllten.

Als er ihr Lebewohl sagte und ihre schmale, magere Hand ergriff, hielt er sie unwillkürlich etwas länger in der seinigen.

»Soll wirklich diese Hand, dieses Gesicht, diese Augen, dieser ganze mir noch fremde Schatz weiblicher Reize, soll das alles wirklich fürs ganze Leben mein sein, mein gewohntes Besitztum, ebenso wie ich selbst es für mich bin? Nein, es ist nicht möglich …!«

»Leben Sie wohl, Graf«, sagte sie laut zu ihm. Und flüsternd fügte sie hinzu: »Ich werde Ihrer Rückkehr gern entgegensehen.«

Und diese einfachen Worte und der Blick und der Gesichtsausdruck, von denen sie begleitet waren, bildeten zwei Monate lang für Pierre den Gegenstand unerschöpflicher Erinnerungen, Ausdeutungen und Zukunftsträumereien. »›Ich werde Ihrer Rückkehr gern entgegensehen …‹ Ja, ja, wie hat sie doch gesagt? ›Ich werde Ihrer Rückkehr gern entgegensehen.‹ Ach, was bin ich glücklich! Was ist das für ein Zustand! Was bin ich glücklich!« sagte Pierre zu sich selbst.


XX


In Pierres Seele ging jetzt nichts dem Ähnliches vor, was in ihr unter ganz ähnlichen Umständen bei seiner Bewerbung um Helene vorgegangen war.

Er wiederholte jetzt nicht wie damals mit einem schmerzlichen Gefühl der Beschämung in Gedanken die Worte, die er gesprochen hatte; er sagte nicht bei sich: »Ach, warum habe ich nicht lieber das gesagt, und warum, ja warum habe ich gesagt: ›Ich liebe Sie‹?« Jetzt dagegen wiederholte er sich in der Erinnerung jedes Wort, das sie und er gesagt hatten, und vergegenwärtigte sich dabei alle Einzelheiten des Gesichtsausdruckes und des Lächelns und wollte nichts hinzufügen oder davon abnehmen: er wollte es sich nur wiederholen. Von einem Zweifel, ob sein Vorhaben gut oder schlecht sei, war in seiner Seele jetzt auch nicht die leiseste Spur vorhanden. Nur ein furchtbarer Zweifel kam ihm mitunter in den Sinn: »Träume ich auch nicht etwa das alles nur? Hat sich Prinzessin Marja auch nicht geirrt? Bin ich auch nicht zu stolz und zu selbstgewiß? Ich glaube jetzt an einen guten Ausgang, und da wird nun auf einmal (wie das ja auch nach der Abrede geschehen soll) Prinzessin Marja mit ihr davon reden, und sie wird lächelnd antworten: ›Wie sonderbar! Er hat sich offenbar geirrt. Weiß er denn nicht, daß er nur ein Mensch, weiter nichts als ein Mensch ist, und ich? … Ich bin ja etwas ganz anderes, Höheres.‹«

Das war der einzige Zweifel, der ihm häufig aufstieg. Auch Pläne machte er jetzt keine. Das bevorstehende Glück erschien ihm so unglaublich groß, daß, wenn dieses in Erfüllung ging, nichts mehr weiter kommen konnte. Dann war alles erreicht.

Eine fröhliche Verrücktheit, deren sich Pierre nicht für fähig gehalten hatte, war in überraschender Weise über ihn gekommen. Es kam ihm vor, als liege der ganze Sinn und Zweck des Lebens nicht nur für ihn allein, sondern für die ganze Welt ausschließlich in seiner Liebe und in der Möglichkeit ihrer Gegenliebe. Manchmal kam es ihm vor, als interessierten sich alle Menschen nur für einen Gegenstand: für sein künftiges Glück. Manchmal kam es ihm vor, als freuten sich alle ebenso, wie er selbst, und gäben sich nur Mühe, diese Freude zu verbergen und sich zu stellen, wie wenn sie mit anderen Interessen beschäftigt wären. In jedem Wort und in jeder Bewegung sah er eine Anspielung auf sein Glück. Oft setzte er die Menschen, denen er begegnete, in Verwunderung durch seine bedeutsamen, auf ein geheimes Einverständnis hinweisenden, glücklichen Blicke und lächelnden Mienen. Wenn er aber dann einsah, daß die Menschen von seinem Glück ja nichts wissen konnten, so bedauerte er sie von ganzer Seele und empfand den Wunsch, ihnen irgendwie klarzumachen, daß alles das, womit sie sich abgäben, vollständiger Unsinn und lauter dummes Zeug sei, nicht wert, daß sich jemand darum kümmere.

Wenn ihn jemand dazu anregen wollte, ein Amt zu übernehmen, oder wenn die Leute irgendwelche allgemeinen Staatsangelegenheiten erörterten oder über den Gang des Krieges debattierten, wobei sie der Ansicht waren, daß von einem glücklichen oder unglücklichen Ausgang dieses geschichtlichen Ereignisses das Glück aller Menschen abhinge: dann hörte er mit einem milden, mitleidigen Lächeln zu und setzte die Leute, die mit ihm sprachen, durch seine seltsamen Bemerkungen in Erstaunen. Aber sowohl diejenigen, die ihm den wahren Sinn und Zweck des Lebens, d.h. sein Liebesgefühl, zu verstehen schienen, als auch jene Unglücklichen, die augenscheinlich kein Verständnis dafür hatten: alle Menschen standen während dieser Periode seines Lebens so hell durch das in ihm strahlende Gefühl beleuchtet vor ihm, daß er ohne die geringste Mühe sofort, wenn er mit irgend jemand zusammenkam, an ihm alles wahrnahm, was er Gutes und Liebenswürdiges besaß.

Während er die finanziellen Angelegenheiten seiner verstorbenen Frau ordnete und ihre Papiere durchsah, empfand er für ihr Gedächtnis kein anderes Gefühl als das des Mitleids, weil sie das Glück nicht kennengelernt hatte, das er jetzt kannte. Fürst Wasili, der jetzt besonders stolz war, da er ein neues Amt und einen neuen Orden erhalten hatte, erschien ihm als ein rührender, gutherziger, bedauernswerter alter Mann.

Pierre erinnerte sich später oft an diese Zeit glückseliger Verrücktheit. An allen Urteilen, die er sich über Menschen und Dinge in dieser Periode gebildet hatte, hielt er nachher für immer fest. Nicht nur, daß er sich in der Folgezeit von diesen Anschauungen über Menschen und Dinge nicht lossagte; er griff sogar, wenn sich einmal in seinem Innern Zweifel und Widerspruch regte, vertrauensvoll auf die Anschauungen zurück, die er in dieser Zeit der Verrücktheit gehabt hatte, und diese Anschauungen erwiesen sich immer als die richtigen.

»Vielleicht«, dachte er, »machte ich damals den Eindruck eines sonderbaren, lächerlichen Menschen; aber ich war damals nicht so verrückt, wie ich zu sein schien. Im Gegenteil, ich war damals klüger und scharfsinniger als sonst je und verstand alles, was zu verstehen im Leben der Mühe wert ist, weil … ja weil ich glücklich war.«

Pierres Verrücktheit bestand darin, daß er nicht wie früher auf persönliche Gründe wartete, um einzelne Menschen zu lieben, d.h. auf bestimmte gute Eigenschaften der Betreffenden, sondern ein Herz voll Liebe hatte und, indem er die Menschen ohne solche besonderen Gründe liebte, nun völlig ausreichende Gründe fand, um derentwillen sie geliebt zu werden verdienten.


XXI


Seit jenem ersten Abend, an dem Natascha nach Pierres Weggang mit vergnügtem, etwas spöttischem Lächeln zu Prinzessin Marja gesagt hatte, er sehe ganz aus, wie wenn er aus dem Bad käme, und eine Bemerkung über seinen kurzen Oberrock und sein kurzgeschnittenes Haar gemacht hatte, seit diesem Augenblick war etwas bis dahin Verborgenes und ihr selbst Unbekanntes, aber Unüberwindliches in Nataschas Seele erwacht.

Alles: ihr Gesicht, ihr Gang, ihr Blick, ihre Stimme, alles hatte sich auf einmal an ihr verändert. Eine ihr selbst unerwartete Lebenskraft und frohe Hoffnungen auf Glück waren emporgetaucht und verlangten befriedigt zu werden. Seit dem ersten Abend schien Natascha alles vergessen zu haben, was sie bekümmert hatte. Sie hatte seitdem nicht ein einziges Mal mehr über ihren Zustand geklagt, kein Wort mehr über die Vergangenheit gesagt und scheute sich nicht mehr, heitere Pläne für die Zukunft zu entwerfen. Sie redete wenig von Pierre; aber sobald Prinzessin Marja seiner Erwähnung tat, flammte ein längst erloschener Glanz in ihren Augen auf und ein eigenartiges Lächeln spielte um ihre Lippen.

Die Veränderung, die mit Natascha vorgegangen war, hatte anfangs Prinzessin Marja in Erstaunen versetzt; aber als sie die Bedeutung derselben erkannt hatte, fühlte sie sich durch diese Veränderung gekränkt. »Hat sie meinen Bruder wirklich so wenig geliebt, daß sie ihn so schnell hat vergessen können?« dachte Prinzessin Marja, wenn sie für sich allein über die eingetretene Veränderung nachdachte. Aber sobald sie mit Natascha zusammen war, zürnte sie ihr nicht und machte ihr keine Vorwürfe. Die neuerwachte Lebenskraft, die Nataschas Wesen erfüllte, war offenbar so wenig einzudämmen und war ihr selbst so unerwartet gekommen, daß Prinzessin Marja in Nataschas Gegenwart die Empfindung hatte, sie sei nicht berechtigt, ihr Vorwürfe zu machen, auch nicht einmal in Gedanken.

Natascha überließ sich so völlig und mit solcher Offenherzigkeit diesem neuen Gefühl, daß sie gar kein Hehl daraus machte, daß sie jetzt nicht traurig, sondern freudig und heiter gestimmt sei.

Als Prinzessin Marja nach der nächtlichen Aussprache mit Pierre zum Schlafzimmer kam, hatte Natascha sie an der Schwelle erwartet.

»Hat er gesprochen? Ja? Hat er gesprochen?« fragte sie einmal über das andere.

Auf Nataschas Gesicht lag ein freudiger und zugleich rührender Ausdruck, der wegen ihrer Freude um Verzeihung bat.

»Ich wollte an der Tür horchen; aber ich wußte ja, daß du es mir sagen würdest.«

Wie verständlich und rührend auch für Prinzessin Marja der Blick war, mit dem Natascha sie ansah, und wie leid es ihr auch tat, sie in solcher Aufregung zu sehen, so hatten doch Nataschas Worte im ersten Augenblick für Prinzessin Marja etwas Verletzendes. Sie dachte an ihren Bruder und seine Liebe.

»Aber was ist zu tun? Sie kann nicht anders«, sagte sich Prinzessin Marja.

Und mit trauriger, etwas strenger Miene teilte sie Natascha alles mit, was Pierre ihr gesagt hatte. Als Natascha hörte, daß er vorhabe nach Petersburg zu reisen, war sie darüber erstaunt.

»Nach Petersburg!« rief sie, als könnte sie das gar nicht verstehen.

Aber als sie den traurigen Gesichtsausdruck der Prinzessin Marja sah, erriet sie den Grund ihrer Betrübnis und brach plötzlich in Tränen aus.

»Marja«, sagte sie, »unterweise mich, was ich tun soll; ich möchte nicht schlecht sein. Was du mir sagen wirst, das werde ich tun; unterweise mich …«

»Liebst du ihn?«

»Ja«, flüsterte Natascha.

»Worüber weinst du denn? Ich nehme an deinem Glück von Herzen teil«, sagte Prinzessin Marja, die um dieser Tränen willen ihrer Freundin schon ihre Freude ganz verziehen hatte.

»Es wird nicht so bald geschehen, erst später. Denke nur, welches Glück, wenn ich seine Frau sein werde und du Nikolai heiratest!«

»Natascha, ich habe dich schon früher gebeten, davon nicht zu reden. Wir wollen von dir sprechen.«

Beide schwiegen eine kleine Weile.

»Aber warum fährt er denn nur nach Petersburg?« sagte Natascha auf einmal und gab sich schnell selbst die Antwort darauf: »Gewiß, gewiß, es wird so sein müssen … Nicht wahr, Marja? Es muß so sein …«