***

XVI


Es war eine dunkle, warme Herbstnacht. Schon seit vier Tagen regnete es. Nachdem Bolchowitinow zweimal die Pferde gewechselt und in anderthalb Stunden dreißig Werst auf der mit zähem Schmutz bedeckten Landstraße zurückgelegt hatte, langte er nach ein Uhr in Letaschowka an. Er stieg bei einem Bauernhaus ab, an dessen geflochtener Umzäunung eine Tafel mit der Aufschrift: »Generalstab« hing, gab sein Pferd seinem Begleiter und trat in den dunklen Flur.

»Ich muß aufs schnellste den diensttuenden General sprechen! Etwas sehr Wichtiges!« sagte er zu jemandem, der sich in der Dunkelheit des Flures schnaufend erhob.

»Der General ist am Abend sehr krank gewesen; er hat schon drei Nächte nicht geschlafen«, flüsterte die Stimme eines Burschen, der auf das Wohl seines Herrn bedacht war. »Wecken Sie doch zunächst den Hauptmann.«

»Etwas sehr Wichtiges, vom General Dochturow«, sagte Bolchowitinow und trat in die Tür, die er tastend gefunden und geöffnet hatte.

Der Bursche ging ihm voran und machte sich daran, jemand zu wecken.

»Euer Wohlgeboren. Euer Wohlgeboren! Ein Kurier!«


»Was? Was? Von wem?« fragte eine verschlafene Stimme.

»Von Dochturow und von Alexei Petrowitsch. Napoleon ist in Fominskoje«, sagte Bolchowitinow; er konnte in der Dunkelheit den, der ihn fragte, nicht sehen, vermutete aber nach dem Klang der Stimme, daß es nicht Konownizyn sei.

Der Mann, der da geweckt worden war, gähnte und reckte sich.

»Ich möchte ihn nicht gern wecken«, sagte er und tastete dabei nach etwas. »Er ist recht krank! Und vielleicht sind es bloße Gerüchte.«

»Hier ist die Meldung«, erwiderte Bolchowitinow. »Ich habe Befehl, sie unverzüglich dem diensttuenden General zu übergeben.«

»Warten Sie, ich will Licht anzünden. Wo verkramst du denn immer das Feuerzeug, nichtswürdiger Kerl?« sagte der Mann, nachdem er sich noch einmal gereckt hatte, zu dem Burschen; es war Schtscherbinin, Konownizyns Adjutant. »Ich habe es gefunden«, fügte er dann hinzu.

Der Bursche schlug Feuer; Schtscherbinin tastete nach dem Leuchter.

»Ach, diese gräßlichen Kerle von Burschen!« sagte er empört.

Bei dem Schein der Funken erblickte Bolchowitinow das jugendliche Gesicht Schtscherbinins, der ein Talglicht in der Hand hielt, und in der vorderen Ecke des Zimmers noch einen schlafenden Menschen. Dies war Konownizyn.

Als der Schwefelfaden an dem Zunder zuerst mit blauer, dann mit roter Flamme angebrannt war, zündete Schtscherbinin das Talglicht an, wobei die Schaben, die daran genagt hatten, vom Leuchter flüchteten, und betrachtete den Boten. Bolchowitinow war über und über beschmutzt, und als er sich mit dem Ärmel abwischte, beschmierte er sich das ganze Gesicht.

»Wer schickt denn die Meldung?« fragte Schtscherbinin, indem er den Brief hinnahm.

»Die Nachricht ist zuverlässig«, sagte Bolchowitinow. »Die Gefangenen und die Kosaken und die Kundschafter, alle sagen sie einhellig dasselbe aus.«

»Na, dann hilft es nichts, dann muß ich ihn wecken«, sagte Schtscherbinin, stand auf und trat zu dem Schlafenden hin, der eine Nachtmütze auf dem Kopf hatte und mit einem Mantel zugedeckt war. »Pjotr Petrowitsch!« sagte er. (Konownizyn rührte sich nicht.) »Eine Stabsangelegenheit!« fügte er lächelnd hinzu, da er wußte, daß diese Worte ihn sicher wecken würden.

Und in der Tat hob sich der Kopf mit der Nachtmütze sofort in die Höhe. Auf Konownizyns hübschem, energischem Gesicht mit den fieberhaft geröteten Backen verblieb noch einen Augenblick lang der Ausdruck, den ihm die von der Wirklichkeit weit abliegenden Traumvorstellungen verliehen hatten; aber dann fuhr er auf einmal zusammen, und sein Gesicht nahm die gewöhnliche, feste Miene an.

»Nun, was gibt es? Von wem?« fragte er sofort, aber ohne Hast, und blinzelte mit den Augen wegen des Lichtes.

Nachdem Konownizyn die Meldung des Offiziers angehört hatte, erbrach er den Brief und las ihn durch. Kaum war er damit fertig, als er die in wollenen Strümpfen steckenden Beine auf den Lehmboden herunterließ und anfing, sich die Stiefel anzuziehen. Dann nahm er die Nachtmütze ab, strich sich das Haar an den Schläfen glatt und setzte die Uniformmütze auf.

»Bist du schnell hergeritten? Komm mit zum Durchlauchtigen.«

Konownizyn hatte sofort erkannt, daß die ihm überbrachte Nachricht von hoher Wichtigkeit war und keine Zögerung zuließ. Ob die Sache günstig oder ungünstig war, daran dachte er nicht, diese Frage legte er sich nicht vor. Das interessierte ihn nicht. Die ganze kriegerische Tätigkeit betrachtete er nicht mit dem Verstand, dem Urteilsvermögen, sondern mit einem andern Teil des Geistes. Er hegte in tiefster Seele die feste, unausgesprochene Überzeugung, daß alles gutgehen werde, daß man sich aber nicht darauf verlassen und noch weniger davon sprechen dürfe, sondern einfach das Seinige zu tun habe. Und er tat das Seinige und widmete dieser Pflichterfüllung seine gesamte Kraft.

Pjotr Petrowitsch Konownizyn, der ebenso wie Dochturow gewissermaßen nur um des Anstandes willen in die Liste der sogenannten »Helden des Jahres 1812« zu Barclay, Najewski, Jermolow, Platow, Miloradowitsch u.a. aufgenommen worden ist, stand ebenso wie Dochturow in dem Ruf eines Menschen von sehr beschränkten Fähigkeiten und Kenntnissen und hatte ebenso wie Dochturow nie Schlachtpläne entworfen, sich aber stets da befunden, wo die Situation am schwierigsten war; er schlief, seit er zum diensttuenden General ernannt war, immer bei offener Tür und hatte Befehl gegeben, daß jeder Bote ihn wecken solle; beim Kampf setzte er sich immer dem feindlichen Feuer aus, so daß Kutusow ihm deswegen Vorwürfe machte und Bedenken trug, ihn aufs Schlachtfeld zu schicken. Er war ebenso wie Dochturow eines jener unauffälligen Zahnräder, die, ohne zu rasseln und Lärm zu machen, den wichtigsten Teil der Maschine bilden.

Als Konownizyn aus der Stube in die feuchte, dunkle Nacht hinaustrat, runzelte er die Stirn, teils weil sein Kopfschmerz ärger wurde, teils weil ihm ein unangenehmer Gedanke durch den Kopf ging, nämlich in welche Aufregung dieses ganze Nest hoher Generalstabsoffiziere durch diese Nachricht geraten werde, ganz besonders Bennigsen, der seit Tarutino auf Kutusow wütend war; wie sie Vorschläge machen, miteinander streiten, Befehle erlassen und wieder abändern würden. Und dieses Vorgefühl war ihm unangenehm, obwohl er wußte, daß es ohne das nun einmal nicht ging.

Und wirklich begann Toll, zu dem er sich begeben hatte, um ihm die neue Nachricht mitzuteilen, sogleich, dem General, der mit ihm zusammen wohnte, seine Ideen auseinanderzusetzen, und Konownizyn, der schweigend und müde zuhörte, mußte ihn daran erinnern, daß sie zum Durchlauchtigen gehen müßten.


XVII


Kutusow schlief, wie alle alten Leute, in der Nacht nur wenig. Bei Tag schlummerte er oft unerwartet ein; bei Nacht aber lag er unausgekleidet auf seinem Bett, konnte meistens nicht schlafen und dachte nach.

So lag er auch jetzt auf seinem Bett, den schweren, großen, unförmlichen Kopf in die dicke, weiche Hand gestützt, und überließ sich seinen Gedanken, während er sein einziges Auge geöffnet hielt und in die Dunkelheit hineinblickte.

Seit ihn Bennigsen mied, der mit dem Kaiser korrespondierte und im Stab am meisten Macht besaß, war Kutusow beruhigter in bezug darauf, daß man ihn nebst den Truppen wieder dazu zwingen könne, an nutzlosen Angriffsunternehmungen teilzunehmen. Die Lehre der Schlacht bei Tarutino und des ihr vorhergehenden Tages, die Kutusow in schmerzlicher Erinnerung hatte, konnte, wie er meinte, doch auch nicht wirkungslos bleiben.

»Sie müssen doch begreifen, daß wir durch ein angriffsweises Vorgehen nur verlieren können. Geduld und Zeit, das sind meine Streiter!« dachte Kutusow. Er wußte, daß man einen Apfel nicht abreißen darf, solange er noch grün ist. Er wird schon von selbst fallen, sobald er reif ist; reißt man ihn aber grün ab, so verdirbt man den Apfel und den Baum und bekommt von der herben Säure stumpfe Zähne. Als erfahrener Jäger wußte er, daß das Wild verwundet war, so schwerverwundet, wie die ganze russische Kraft es nur hatte zustande bringen können; aber ob tödlich oder nicht, diese Frage war noch unentschieden. Jetzt war Kutusow aufgrund der Sendungen Lauristons und Berthémys und aufgrund der Meldungen der Freischärler fast völlig davon überzeugt, daß die Wunde tödlich war. Aber es waren noch wirkliche Beweise notwendig; diese mußten abgewartet werden.

»Sie möchten gern hinlaufen und sehen, wie schwer die Verwundung ist. Wartet doch, dann werdet ihr es schon sehen. Immer nur Manöver, immer nur Angriffe!« dachte er. »Zu welchem Zweck? Immer nur, um sich hervorzutun! Als ob bei dem Kämpfen ein Vergnügen wäre. Sie sind wie die Kinder, von denen man nie ordentlich herausbekommt, wie es bei einer Sache zugegangen ist, weil sie alle nur beweisen wollen, wie gut sie zu kämpfen verstehen. Aber darauf kommt es jetzt nicht an.

Und was für künstliche Manöver mir alle diese Leute vorschlagen! Wenn sie zwei, drei Möglichkeiten erwogen haben« (er dachte dabei an den allgemeinen Kriegsplan, den man ihm aus Petersburg geschickt hatte), »dann bilden sie sich ein, sie hätten alle erwogen. Aber die sämtlichen Möglichkeiten sind unzählig!«

Die ungelöste Frage, ob die dem Feind bei Borodino beigebrachte Wunde tödlich sei oder nicht, hing schon einen ganzen Monat lang über Kutusows Haupt. Einerseits hatten die Franzosen Moskau besetzt. Andrerseits hatte Kutusow in tiefster Seele das zweifellose Gefühl, jener furchtbare Schlag, bei dem er mit allen Russen seine gesamten Kräfte angestrengt hatte, müsse tödlich sein. Aber auf jeden Fall waren noch Beweise erforderlich, und auf diese wartete er schon einen Monat lang, und je weiter die Zeit vorschritt, um so ungeduldiger wurde er. Wenn er so in seinen schlaflosen Nächten auf seinem Bett lag, so tat er dasselbe, was die jungen Generale taten, dasselbe, was er ihnen zum Vorwurf machte. Er erwog alle möglichen Eventualitäten ebenso wie die jüngeren Leute, nur mit dem Unterschied, daß er auf diese Hypothesen nichts aufbaute und daß er solcher Eventualitäten nicht zwei oder drei, sondern Tausende sah. Je länger er nachdachte, um so mehr boten sich ihm dar. Er erwog jede Art von Märschen, die die napoleonische Armee unternehmen konnte, die ganze Armee oder ihre einzelnen Teile: nach Petersburg zu, gegen ihn, um ihn herum; er erwog (was er am meisten fürchtete) auch die Möglichkeit, daß Napoleon ihn mit seiner eigenen Waffe bekämpfen und in Moskau bleiben könne, um ihn zu erwarten. Kutusow erwog sogar einen Rückmarsch der napoleonischen Armee in der Richtung nach Medyn und Juchnow; aber das einzige, was er nicht vorhersehen konnte, war das, was wirklich erfolgte: jenes sinnlose, krampfhafte Hin-und Herrennen des französischen Heeres während der ersten elf Tage nach seinem Abzug aus Moskau, ein Hin- und Herrennen, durch welches das ermöglicht wurde, worauf Kutusow trotz aller günstigen Anzeichen damals noch nicht zu hoffen wagte: die vollständige Vernichtung der Franzosen.

Die Meldungen Dolochows über die Division Broussier, die von Freischärlern gebrachten Nachrichten über die Nöte der Armee Napoleons, die Gerüchte über Vorbereitungen zum Aufbruch aus Moskau, alles hatte zur Bestätigung der Vermutung gedient, daß die französische Armee zerrüttet sei und sich anschicke zu fliehen. Aber es war dies doch eben nur eine Vermutung, die nur Jüngeren wichtig erscheinen konnte, aber nicht einem alten Mann wie Kutusow. Er mit seiner fünfzigjährigen Erfahrung wußte, welchen Wert man Gerüchten beimessen durfte; er wußte, wie sehr die Menschen, wenn sie etwas wünschen, dazu neigen, alle Nachrichten so zu gruppieren, daß sie das Gewünschte zu bestätigen scheinen, und wußte, daß die Menschen unter solchen Umständen gern alles ihren Wünschen Widersprechende weglassen. Und je mehr er selbst die Flucht der Franzosen wünschte, um so weniger wagte er daran zu glauben. Diese Frage nahm alle seine Geisteskräfte in Anspruch. Alles übrige waren für ihn nur gewohnheitsmäßige Mittel, die Zeit auszufüllen. Solche gewohnheitsmäßige Ausfüllung der Zeit, eine Konzession, die er dem Leben machte, waren seine Gespräche mit den Offizieren des Generalstabes, seine Briefe an Madame Stahl, die er von Tarutino aus schrieb, die Lektüre von Romanen, die Verteilung von Belohnungen, die Korrespondenz mit Petersburg usw. Aber der Untergang der Franzosen, den er allein voraussah, war sein höchster, einziger Wunsch.

In der Nacht vom 11. zum 12. Oktober lag er, auf den Arm gestützt, da und dachte darüber nach.

Im Nebenzimmer regte sich etwas, und es wurden Tolls, Konownizyns und Bolchowitinows Schritte vernehmbar.

»Wer ist da? Herein! Was gibt es Neues?« rief ihnen der Feldmarschall zu. Während der Lakai eine Kerze anzündete, berichtete Toll über den Inhalt der Meldung.

»Wer hat die Meldung gebracht?« fragte Kutusow mit einem Gesicht, von dessen kaltem, strengem Ausdruck Toll, als die Kerze brannte, überrascht war.

»An der Richtigkeit der Meldung kann kein Zweifel sein, Euer Durchlaucht.«

»Ruf den Boten herein, ruf ihn herein!«

Kutusow saß auf dem Bett; das eine Bein ließ er herunterhängen; sein großer Bauch ruhte auf dem andern, untergeschlagenen Bein. Er kniff sein sehendes Auge zusammen, um den Boten besser sehen zu können, wie wenn er in dessen Gesichtszügen eine Antwort auf die Frage lesen wollte, die ihn beschäftigte.

»Sag mal, mein Lieber, sag mal«, redete er Bolchowitinow mit seiner leisen, altersschwachen Stimme an und hielt das Hemd über der Brust zusammen, das auseinandergegangen war. »Komm her, komm ganz nah heran. Was hast du mir denn da für Nachrichten gebracht? Wie? Napoleon ist aus Moskau abgezogen? Ist es wirklich so? Wie?«

Bolchowitinow begann von Anfang an ausführlich alles, was ihm aufgetragen war, zu berichten.

»Mach schneller, schneller, quäle mich nicht«, unterbrach ihn Kutusow.

Bolchowitinow erzählte alles und schwieg dann in Erwartung eines ihm zu erteilenden Befehles. Nun wollte Toll etwas sagen; aber Kutusow ließ ihn nicht zu Wort kommen. Er schien reden zu wollen; aber plötzlich überzog sich sein Gesicht mit Runzeln und Falten; er machte gegen Toll hin eine ablehnende Handbewegung und wandte sich nach der entgegengesetzten Seite, nach derjenigen Ecke der Stube, wo eine Menge schwärzlicher Heiligenbilder hing.

»O Herr, mein Schöpfer! Du hast unser Gebet erhört …«, …«, sagte er mit zitternder Stimme, indem er die Hände faltete. »Rußland ist gerettet. Ich danke dir, Herr!« Und er brach in Tränen aus.


XVIII


Von dem Eintreffen dieser Nachricht an bis zum Ende des Feldzuges besteht Kutusows Tätigkeit ausschließlich darin, durch seine Amtsgewalt, durch List und Bitten seine Truppen von nutzlosen Angriffen, Manövern und Zusammenstößen mit dem Feind, dessen Verderben sowieso besiegelt war, zurückzuhalten. Dochturow geht nach Malo-Jaroslawez, Kutusow aber zaudert mit dem Gros der Armee und gibt Befehl zur Räumung Kalugas, weil es ihm sehr wohl möglich scheint, sich hinter diese Stadt zurückzuziehen.

Kutusow zieht sich überall zurück; der Feind aber flieht, ohne den Rückzug des Gegners abzuwarten, nach der entgegengesetzten Seite.

Die Geschichtsschreiber Napoleons beschreiben uns sein kunstvolles Manöver gegen Tarutino und Malo-Jaroslawez und stellen Vermutungen darüber auf, was geschehen sein würde, wenn es Napoleon gelungen wäre, nach den reichen südlichen Gouvernements durchzudringen.

Aber um gar nicht davon zu reden, daß ihn ja nichts hinderte, nach diesen südlichen Gouvernements zu ziehen, da die russische Armee ihm freien Weg ließ, so vergessen die Historiker, daß Napoleons Armee durch nichts zu retten war, weil sie schon damals die nicht zu behebenden Ursachen des Verderbens in sich trug. Diese Armee, die in Moskau so überreichen Proviant vorgefunden hatte und nicht imstande gewesen war, ihn sich zu erhalten, sondern ihn unter die Füße getreten hatte, diese Armee, die, als sie nachher nach Smolensk kam, die Lebensmittel, statt sie ordnungsmäßig zu verteilen, zuchtlos raubte, weshalb hätte diese Armee sich im Gouvernement Kaluga besser benehmen sollen, wo doch ebensolche Russen wohnten wie in Moskau und wo das Feuer dieselbe Eigenschaft besaß, das, was man anzündete, zu zerstören?

Die Armee konnte nirgends besser werden. Seit der Schlacht bei Borodino und der Plünderung Moskaus trug sie bereits sozusagen die chemischen Keime der Zersetzung in sich.

Die Soldaten dieser ehemaligen Armee flüchteten mit ihren Anführern, ohne selbst zu wissen wohin, und hatten (Napoleon und jeder Soldat) nureinenWunsch: so schnell als möglich für ihre Person aus der verzweifelten Lage herauszukommen, deren sie sich alle, wenn auch nur unklar, bewußt waren.

Nur dies war der Grund, weshalb bei dem Kriegsrat in Malo-Jaroslawez, wo die Generale taten, als berieten sie, und allerlei Meinungen vorbrachten, das zuletzt ausgesprochene Votum des Marschalls Mouton, eines schlichten Soldaten, alle zum Schweigen brachte; dieser sagte nämlich das, was alle dachten: man müsse so schnell wie möglich davonzukommen suchen. Niemand, auch Napoleon nicht, konnte gegen diesen Satz, von dessen Richtigkeit alle überzeugt waren, etwas einwenden.

Aber obgleich sie alle wußten, daß sie suchen mußten davonzukommen, blieb es ihnen doch noch ein beschämendes Gefühl, daß sie genötigt seien zu fliehen. Und es bedurfte eines äußeren Anstoßes, um dieses Gefühl der Scham zu überwältigen. Und dieser Anstoß erfolgte zur rechten Zeit. Es war das, was die Franzosen als le Hourra de l’Empereur bezeichneten.

Am Tag nach dem Kriegsrat tat Napoleon, als wolle er die Truppen und die Stätte der vorangegangenen und der bevorstehenden Schlacht besichtigen, und ritt mit einer Suite von Marschällen und mit einer Eskorte mitten zwischen den Linien der Truppenstellung umher. Kosaken, die nach Beute umherschweiften, stießen auf den Kaiser selbst und hätten ihn beinahe gefangengenommen. Wenn die Kosaken bei dieser Gelegenheit Napoleon nicht gefangennahmen, so rettete ihn ebendasselbe, was den Franzosen zum Verderben gereichte: das Trachten nach Beute; denn sowohl in Tarutino als auch an dieser Stelle stürzten sich die Kosaken, ohne sich um die Menschen zu kümmern, auf die Beute. Ohne dem Kaiser Beachtung zuzuwenden, machten sie sich über die Beute her, und Napoleon fand Zeit zu entkommen.

Wenn nun die »Söhne des Don« die Möglichkeit hatten, den Kaiser selbst mitten in seiner Armee zum Gefangenen zu machen, so war einleuchtend, daß nichts weiter zu tun war, als möglichst schnell auf dem nächsten bekannten Weg zu fliehen. Napoleon, der sich mit seinem vierzigjährigen Embonpoint nicht mehr so beweglich und unternehmungslustig fühlte wie früher, verstand diesen Fingerzeig. Und unter der Einwirkung der Furcht, die er vor den Kosaken bekommen hatte, schloß er sich sofort der Ansicht Moutons an und erteilte, wie die Historiker sagen, den Befehl zum Rückzug auf die Smolensker Straße.

Daraus, daß Napoleon sich der Ansicht Moutons anschloß und die Truppen zurückmarschierten, folgt nicht, daß er dies befohlen hat, sondern daß diejenigen Kräfte, die auf die ganze Armee wirkten und ihr die Richtung nach der Moschaisker Straße gaben, gleichzeitig auch auf Napoleon ihre Wirkung ausübten.


XIX


Wenn ein Mensch sich auf einer Wanderung befindet, so setzt er sich in Gedanken immer ein Ziel für diese Wanderung. Um tausend Werst zurücklegen zu können, muß der Mensch notwendig die Vorstellung haben, daß am Ende der tausend Werst ihn irgend etwas Gutes erwartet. Es ist die Vorstellung von einem gelobten Land nötig, damit man die Kraft zu einer langen Wanderung aufbringen kann.

Das gelobte Land war bei dem Eindringen der Franzosen in Rußland Moskau, bei ihrem Abzug die Heimat. Aber die Heimat war zu fern, und jemand, der tausend Werst zu gehen hat, muß sich unbedingt, ohne an das Endziel zu denken, sagen können: »Heute komme ich, wenn ich vierzig Werst marschiert sein werde, zu einem Rastort und Nachtlager«; und beim ersten Tagesmarsch verdeckt dieser Rastort das Endziel und zieht alle Wünsche und Hoffnungen auf sich. Und die Bestrebungen, die beim einzelnen Menschen zutage treten, machen sich bei einer großen Menge immer in vergrößertem Maßstab geltend.

Für die Franzosen, die auf der alten Smolensker Straße zurückgingen, war das Endziel, die Heimat, zu weit entfernt, und das nächste Ziel, dasjenige, auf welches sich, durch die große Menge in gewaltiger Proportion gesteigert, alle Wünsche und Hoffnungen richteten, war Smolensk. Nicht etwa weil die Soldaten gewußt hätten, daß in Smolensk viele Lebensmittel und frische Truppen seien, oder weil ihnen das gesagt worden wäre (die höheren Führer und Napoleon selbst wußten vielmehr, daß dort nur wenig Proviant vorhanden war), sondern weil nur dies ihnen Kraft zum Marschieren und zur Ertragung der gegenwärtigen Leiden geben konnte, strebten sie alle, die Wissenden sowohl als die Nichtwissenden, in gleicher Selbsttäuschung nach Smolensk wie nach einem Gelobten Land.

Nachdem die Franzosen auf die große Heerstraße gelangt waren, eilten sie mit überraschender Energie und erstaunlicher Schnelligkeit dem Ziel zu, das sie sich in Gedanken gesetzt hatten. Außer dieser Ursache, der Gemeinsamkeit des Strebens, welche die Haufen der Franzosen zu einem Ganzen verband und ihnen eine gewisse Energie verlieh, war noch eine andere Ursache vorhanden, die sie zusammenhielt. Diese Ursache bestand in ihrer Menge. Ihre gewaltige Masse zog durch ihre eigene Kraft, wie nach dem physikalischen Gesetz der Anziehung, die einzelnen Atome, d.h. die Menschen, an sich. Sie bewegten sich vermöge ihrer hunderttausendköpfigen Masse vorwärts, die ihnen den Charakter eines eigenen ganzen Staates verlieh.

Jeder einzelne unter ihnen hatte nur einen Wunsch: sich gefangenzugeben und dadurch von allen Schrecken und Leiden loszukommen. Aber erstens zog die Kraft des gemeinsamen Hinstrebens nach dem Ziel Smolensk einen jeden in derselben Richtung fort; und zweitens konnte sich doch ein Armeekorps nicht einer Kompanie gefangengeben, und obgleich die Franzosen jede geeignete Gelegenheit benutzten, um sich voneinander zu trennen und sich unter dem unbedeutendsten anständigen Vorwand gefangenzugeben, so fanden sich doch nicht immer Vorwände. Schon allein durch ihre Zahl und das schnelle Marschieren in eng geschlossenen Haufen wurde ihnen diese Möglichkeit genommen und es den Russen nicht nur schwer, sondern geradezu unmöglich gemacht, diese Bewegung zu hemmen, auf welche die gesamte Energie dieser großen Masse von Franzosen gerichtet war. Eine mechanische Zerreißung des Körpers konnte den sich vollziehenden Zersetzungsprozeß nicht über eine bestimmte Grenze hinaus beschleunigen.

Ein Schneeball kann nicht in einem einzigen Augenblick schmelzen. Es gibt ein bestimmtes Zeitmaß, unter welchem keine Anstrengungen der Wärme den Schnee zum Schmelzen bringen können. Im Gegenteil, je höher die Wärme ist, um so fester wird der verbleibende Schnee.

Von den russischen Heerführern hatte niemand als Kutusow dafür Verständnis. Sobald die Flucht der französischen Armee eine bestimmte Richtung angenommen hatte, nämlich auf der Straße nach Smolensk, da verwirklichte sich das, was Konownizyn in der Nacht vom 11. zum 12. Oktober vorhergesehen hatte. Alle höheren Führer der Armee wollten sich auszeichnen, die Franzosen abschneiden, umgehen, gefangennehmen, zurückwerfen, und alle verlangten sie den Angriff.

Kutusow allein gebrauchte alle seine Kräfte (aber diese Kräfte sind bei jedem Oberkommandierenden sehr gering) dazu, sich einem Angriff zu widersetzen.

Wir sagen heute: wozu sollten die Russen eine Schlacht liefern und den Franzosen den Weg versperren und ihre eigenen Leute verlieren und die Unglücklichen in unmenschlicher Weise niedermetzeln, wozu alles das, da ja auf dem Weg von Moskau bis Wjasma auch ohne Schlacht ein Drittel dieses Heeres wegschmolz? Dergleichen konnte Kutusow seinen Generalen nicht sagen; aber er holte aus dem Schatz der Weisheit seines Alters Erwägungen hervor, von denen er meinte, daß sie sie würden verstehen können, und sprach ihnen von einer goldenen Brücke; aber sie machten sich über ihn lustig, schwärzten ihn an und gebärdeten sich gar grimmig und mutig angesichts des tödlich verwundeten Wildes.

Bei Wjasma konnten Jermolow, Miloradowitsch, Platow und andere, die sich in der Nähe der Franzosen befanden, dem Verlangen nicht widerstehen, zwei französische Armeekorps abzuschneiden und zurückzuwerfen. An Kutusow schickten sie, um ihn von ihrer Absicht zu benachrichtigen, statt der Meldung in einem Kuvert einen Bogen weißes Papier.

Und trotz aller Bemühungen Kutusows, die Truppen zurückzuhalten, griffen unsere Truppen dennoch an und versuchten, dem Feind den Weg zu versperren. Infanterieregimenter gingen, wie erzählt wird, mit Musik und Trommelschlag zum Angriff vor und töteten und vernichteten Tausende von Menschen.

Aber was den Versuch des Abschneidens anlangte, so schnitten sie niemanden ab und warfen niemanden zurück. Und das französische Heer, das durch die Gefahr nur an Festigkeit gewonnen hatte, setzte, gleichmäßig schmelzend, seinen verderbenbringenden Weg nach Smolensk fort.