***
XI
Kaum hatte Fürst Andrei den hinausgehenden Pfuel mit den Augen bis an die Tür begleitet, als Graf Bennigsen eilig in den Saal trat; er nickte dem Fürsten Andrei zu, gab, ohne stehenzubleiben, seinem Adjutanten einige Befehle und ging in das Arbeitszimmer. Der Kaiser mußte gleich hinter ihm kommen; Bennigsen war ihm schnell vorangeritten, um noch einiges vorzubereiten und dann zum Empfang des Kaisers bereit zu sein. Tschernyschow und Fürst Andrei traten auf die Freitreppe vor der Haustür hinaus. Der Kaiser, dessen Gesicht eine starke Ermüdung bekundete, stieg soeben vom Pferd; der Marquis Paulucci sagte etwas zu ihm. Der Kaiser, den Kopf nach der linken Seite neigend, hörte mit unzufriedener Miene dem Marquis zu, der mit auffälliger Hitze redete. Der Kaiser ging vorwärts und wünschte sichtlich, das Gespräch zu beenden; aber der Italiener, der vor Erregung einen ganz roten Kopf bekommen hatte, vergaß die Regeln des Anstandes und redete, hinter ihm hergehend, immer weiter.
»Was denjenigen anlangt, der zu diesem Lager, dem Lager an der Drissa, geraten hat«, sagte Paulucci gerade in dem Augenblick, als der Kaiser die Stufen hinanstieg, den Fürsten Andrei bemerkte und dessen ihm unbekanntes Gesicht betrachtete. »Was diesen Menschen anlangt, Sire«, fuhr Paulucci, der sich anscheinend gar nicht mehr beherrschen konnte, grimmig fort, »so hat man meines Erachtens für ihn keine andere Wahl als das Irrenhaus oder den Galgen.«
Als ob er die Worte des Italieners gar nicht hörte, wandte der Kaiser, ohne das Ende von dessen Rede abzuwarten, sich gnädig zu Bolkonski, den er inzwischen erkannt hatte.
»Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen; geh dort hinein, wo die Versammlung stattfindet, und warte auf mich.«
Der Kaiser ging in das Arbeitszimmer. Ihm folgten Fürst Pjotr Michailowitsch Wolkonski und der Freiherr vom Stein; hinter ihnen wurde die Tür zugemacht. Fürst Andrei machte von der Erlaubnis des Kaisers Gebrauch und ging mit Paulucci, den er von der Türkei her kannte, in den Salon, wo sich die Eingeladenen versammelt hatten.
Fürst Pjotr Michailowitsch Wolkonski versah gleichsam das Amt eines Chefs des kaiserlichen Stabes. Er kam aus dem Arbeitszimmer, breitete im Salon einige Landkarten, die er mitgebracht hatte, auf dem Tisch aus und teilte die Frage mit, über die er die Meinung der versammelten Herren zu hören wünschte. Es handelte sich darum, daß in der Nacht die (sich später als unrichtig erweisende) Nachricht von einer Bewegung der Franzosen eingegangen war, welche eine Umgehung des Lagers an der Drissa zu bezwecken schien.
Zuerst sprach General Armfelt, der zur Vermeidung der bevorstehenden Schwierigkeit unerwarteterweise einen völlig neuen Vorschlag machte: eine Position seitwärts von der Petersburg-Moskauer Straße einzunehmen; in dieser Position sollte dann nach seiner Ansicht die vereinigte Armee den Feind erwarten. Zu erklären war der Vorschlag dieser Position nicht, wenn man nicht Armfelts Wunsch, zu zeigen, daß auch er eine Meinung haben könne, als Erklärung gelten lassen wollte. Es war klar, daß er sich diesen Plan schon lange zurechtgelegt hatte und ihn jetzt vorbrachte nicht sowohl in der Absicht, auf die vorgelegte Frage zu antworten, auf die dieser Plan eben gar keine Antwort enthielt, als vielmehr weil ihm dies eine günstige Gelegenheit schien, um ihn darzulegen. Es war dies ein Vorschlag unter Tausenden, die alle mit gleich viel und gleich wenig innerer Begründung vorgebracht werden konnten, da eben niemand einen Begriff davon hatte, wie der Krieg sich weiter gestalten werde. Einige der Teilnehmer an der Beratung bekämpften Armfelts Meinung, andere verteidigten sie. Der junge Oberst Toll griff die Ansicht des schwedischen Generals am hitzigsten von allen an und holte bei der Debatte aus der Brusttasche ein geschriebenes Heft heraus, das er vorlesen zu dürfen bat. In diesem weitläufig abgefaßten Schriftstück schlug Toll einen anderen Feldzugsplan vor, der von dem Armfeltschen und dem Pfuelschen vollständig verschieden war. Paulucci, der gegen Toll sprach, befürwortete den Vormarsch und Angriff; dies war nach seiner Versicherung das einzige Mittel, das uns aus dieser ungewissen Lage und aus der Mausefalle, in der wir uns befänden (damit meinte er das Lager an der Drissa), befreien könne. Pfuel und Wolzogen, der sein Dolmetscher und in seinen Beziehungen zum Hof seine Brücke war, schwiegen unterdessen. Pfuel beschränkte sich darauf, verächtlich zu schnauben und sich halb abzuwenden, um dadurch zu verstehen zu geben, daß er sich niemals so weit erniedrigen werde, auf solchen Unsinn, wie er ihn jetzt höre, etwas zu erwidern. Und als Fürst Wolkonski, der die Debatte leitete, ihn aufforderte, seine Meinung zu äußern, sagte er nur:
»Wozu werde ich überhaupt noch gefragt? General Armfelt hat eine vortreffliche Position mit ungedecktem Rücken vorgeschlagen. Oder wir können ja auch angreifen, wie es dieser italienische Herr wünscht; sehr schön! Oder uns zurückziehen; auch gut! Wozu werde ich noch gefragt?« sagte er. »Die Herren wissen ja doch alles besser als ich.«
Aber als Wolkonski ihn mit gerunzelter Stirn darauf hinwies, daß er ihn im Namen des Kaisers um seine Meinung frage, stand Pfuel auf und begann, plötzlich lebhaft werdend, zu sprechen:
»Alles haben Sie verdorben, alles in Unordnung gebracht, alle wollten die Sache besser verstehen als ich; und nun kommt man zu mir: ›Wie ist es wiedergutzumachen?‹ Was verdorben ist, ist nicht wiedergutzumachen … Notwendig ist jetzt, daß genau nach den Prinzipien verfahren wird, die ich dargelegt habe«, sagte er und klopfte dabei mit seinen knochigen Fingern auf den Tisch. »Worin liegt denn die Schwierigkeit? Unsinn! Kinderspiel!«
Er trat an die Karte und begann schnell zu reden, indem er mit seinem trockenen Finger bald hier, bald dort auf die Karte stieß und bewies, daß keine Eventualität die Zweckmäßigkeit des Lagers an der Drissa mindern könne, daß alles vorhergesehen sei, und daß der Feind, wenn er wirklich eine Umgehung versuchen sollte, dabei unvermeidlich seinen Untergang finden werde.
Paulucci, der kein Deutsch verstand, befragte ihn nun auf französisch. Wolzogen kam seinem Chef, der schlecht französisch sprach, zu Hilfe und begann dessen Worte zu übersetzen, konnte aber kaum mit Pfuel mitkommen, der sehr rasch redend bewies, daß alles, geradezu alles, nicht nur was geschehen war, sondern alles, was überhaupt nur hatte geschehen können, in seinem Plan vorgesehen sei, und daß, wenn sich jetzt Schwierigkeiten ergäben, die Schuld lediglich daran liege, daß man seine Weisungen nicht alle genau befolgt habe. Während dieser Beweisführung lachte er einmal über das andere ironisch und brach schließlich mit verächtlicher Miene die Beweisführung ab, wie ein Mathematiker es verschmäht, die einmal bewiesene Richtigkeit eines Satzes noch auf verschiedene Weise nachzuprüfen. Nun trat Wolzogen an seine Stelle und setzte auf französisch Pfuels Ideen weiter auseinander, wobei er von Zeit zu Zeit zu Pfuel sagte: »Nicht wahr, Exzellenz?« Pfuel aber, wie ein bei einer Rauferei hitzig Gewordener schließlich auf seine eigenen Freunde losschlägt, schrie ärgerlich seinen Parteigänger Wolzogen an: »Nun ja, was ist denn da erst noch lange zu erklären?«
Paulucci und Michaud fielen mit vereinten Kräften auf französisch über Wolzogen her. Armfelt wandte sich auf deutsch an Pfuel. Toll erklärte dem Fürsten Wolkonski etwas auf russisch. Fürst Andrei hörte schweigend zu und beobachtete.
Von allen diesen Personen erregte bei dem Fürsten Andrei die größte Teilnahme der erbitterte, hartnäckige, von sinnlosem Selbstgefühl erfüllte Pfuel. Er war von allen hier Anwesenden offenbar der einzige, der nichts für sich begehrte und gegen niemand eine persönliche Feindschaft hegte; er wünschte nur eines: die Verwirklichung seines Planes, der von ihm aufgrund jener Theorie aufgestellt worden war, die er sich in vielen Jahren der Arbeit zurechtgemacht hatte. Er erschien lächerlich, er wirkte unangenehm durch seine Ironie; aber trotzdem flößte er durch seine grenzenlose Hingabe an eine Idee unwillkürlich Achtung ein. Bemerkenswert war auch in den Reden aller mit Ausnahme Pfuels ein gemeinsamer Zug, der im Kriegsrat des Jahres 1805 noch nicht vorhanden gewesen war: das war eine geradezu panische Furcht vor dem Genie Napoleons, eine Furcht, die man zwar zu verbergen suchte, die aber doch in jeder Äußerung zum Vorschein kam. Man setzte voraus, daß für Napoleon alles möglich sei; man erwartete ihn von allen Seiten, und jeder widerlegte mit dem furchtbaren Namen Napoleon jeden Vorschlag, den ein anderer gemacht hatte. Nur Pfuel schien den Kaiser Napoleon ebenso für einen ungebildeten Barbaren zu halten, wie er es mit allen Gegnern seiner Theorie machte. Aber außer dem Gefühl der Achtung flößte Pfuel dem Fürsten Andrei auch ein Gefühl des Mitleids ein. Aus dem Ton, in welchem die Hofleute mit ihm verkehrten, aus dem, was Paulucci sich erlaubt hatte dem Kaiser zu sagen, und ganz besonders aus einer gewissen Hoffnungslosigkeit, die in Pfuels eigenen Äußerungen zu spüren war, ließ sich entnehmen, daß die anderen wußten, wie nahe sein Sturz war, und er es wenigstens ahnte. Und trotz seines Selbstgefühls und seiner deutschen mürrischen Ironie wirkte er mitleiderregend mit seinen glattgebürsteten Schläfenhaaren und den am Hinterkopf aufstarrenden Haarbüscheln. Obwohl er es hinter einer gereizten, verächtlichen Miene zu verbergen suchte, befand er sich offenbar in Verzweiflung – in Verzweiflung darüber, daß die einzige Gelegenheit, die Richtigkeit seiner Theorie an einem gewaltigen Experiment zu prüfen und der ganzen Welt zu beweisen, ihm jetzt aus den Händen glitt.
Die Debatten dauerten lange, und je länger sie dauerten, um so hitziger wurde der Streit, bei dem es schließlich zu gegenseitigem Anschreien und zu persönlichen Anzüglichkeiten kam, und um so weniger war es möglich, aus allem Gesagten irgendwelches Gesamtresultat zu ziehen. Fürst Andrei, der dieses in verschiedenen Sprachen geführte Gespräch, diese Vorschläge, Pläne und Widerlegungen und dieses Geschrei mit anhörte, war lediglich von Staunen erfüllt über das, was sie da alle zusammenredeten. Ein Gedanke, der ihm schon längst und oft bei seiner militärischen Tätigkeit gekommen war, daß es keine Kriegswissenschaft und daher auch kein sogenanntes Kriegsgenie gebe und geben könne, dieser Gedanke bekam jetzt für ihn die Sicherheit einer unumstößlichen Wahrheit. »Wie kann es denn«, dachte er, »auf diesem Gebiet eine Theorie und eine Wissenschaft geben, da doch die äußeren Umstände und Verhältnisse unbekannt sind und sich nicht bestimmen lassen, und da sich die Kraft der Kriegführenden noch weniger feststellen läßt? Niemand kann wissen, in welchem Zustand sich unsere und die feindliche Armee morgen befinden wird, und niemand weiß, wieviel Kraft in diesem oder jenem Truppenteil steckt. Manchmal, wenn in der vordersten Linie nicht irgendein Feigling steht, der mit dem Ruf: ›Wir sind abgeschnitten!‹ ausreißt, sondern dafür ein munterer, dreister Bursche, der ›Hurra!‹ schreit, ist eine Abteilung von fünftausend Mann soviel wert wie eine von zehntausend, wie das bei Schöngrabern der Fall war; und dann wieder laufen fünfzigtausend vor achttausend davon wie bei Austerlitz. Was kann es für eine Wissenschaft auf einem Gebiet geben, auf dem, wie bei jeder praktischen Tätigkeit, sich nichts vorherbestimmen läßt und alles von zahllosen Umständen abhängt, deren Bedeutung erst in einem Augenblick klar wird, von dem niemand weiß, wann er eintreten wird? Armfelt sagt, unsere Armee sei abgeschnitten, Paulucci dagegen, wir hätten die französische Armee zwischen zwei Feuer gebracht; Michaud behauptet, die Unbrauchbarkeit des Lagers an der Drissa bestehe darin, daß es den Fluß im Rücken habe, und Pfuel versichert, gerade darin bestehe die Stärke des Lagers. Toll schlägt einen Plan vor und Armfelt einen andern; alle diese Pläne sind gut und alle schlecht, und die Vorteile eines jeden können erst in dem Augenblick sichtbar werden, wo sich das Ereignis vollzieht. Und warum sagen alle: ein Feldherrngenie? Ist denn etwa derjenige, der sich darauf versteht, zur rechten Zeit den Proviant heranbringen und die eine Abteilung nach rechts und die andere nach links marschieren zu lassen, ein Genie? Das kommt nur daher, daß die Feldherren mit Glanz und Macht umkleidet sind und Massen von knechtischen Seelen den Mächtigen schmeicheln, indem sie ihnen die ihnen nicht zukommenden Eigenschaften eines Genies zuschreiben. Im Gegenteil, die besten Generale, die ich gekannt habe, waren beschränkte oder zerstreute Menschen. Der beste von allen ist Bagration; das hat Napoleon selbst anerkannt. Und nun dieser Bonaparte selbst? Ich erinnere mich seines selbstzufriedenen, beschränkten Gesichtsausdruckes auf dem Schlachtfeld von Austerlitz. Ein guter Heerführer bedarf keines Genies und keiner besonderen Vorzüge; im Gegenteil: es ist erforderlich, daß ihm die höchsten und besten menschlichen Eigenschaften fehlen: Liebe, poetisches Empfinden, Zärtlichkeit, philosophischer, zur Forschung treibender Zweifel. Er muß ein beschränkter Kopf sein, muß fest davon überzeugt sein, daß das, was er tut, von großer Wichtigkeit ist (sonst hält seine Ausdauer nicht vor); nur dann wird er ein tüchtiger Heerführer sein. Schlimm wäre es für ihn, wenn er ein Mensch wäre: wenn er jemanden liebte, Mitleid hätte, überlegte, was gerecht oder ungerecht ist. Es ist begreiflich, daß man schon von alters her aus Liebedienerei gegen die Heerführer die falsche Theorie vom Genie aufgestellt hat; der Grund ist eben, daß sie die Macht in Händen haben. Aber in Wirklichkeit hängt Erfolg und Mißerfolg einer kriegerischen Aktion nicht von ihnen ab, sondern von dem Soldaten, der in Reih und Glied ›Hurra!‹ oder ›Wir sind verloren!‹ schreit. Und nur in Reih und Glied kann man mit der Überzeugung dienen, nützlich zu sein!«
So dachte Fürst Andrei, während er die Debatten mit anhörte, und kam erst wieder recht zu sich, als Paulucci ihn anrief und alle bereits auseinandergingen.
Am andern Tag fragte der Kaiser bei der Revue den Fürsten Andrei, in was für einer Stellung er dienen wolle, und Fürst Andrei degradierte sich für alle Zeit in den Augen der Hofgesellschaft dadurch, daß er nicht darum bat, um die Person des Kaisers bleiben zu dürfen, sondern eine Stelle in der Front zu erhalten.
XII
Vor dem Beginn des Feldzuges hatte Rostow einen Brief von seinen Eltern bekommen, in welchem sie ihn kurz von Nataschas Krankheit und von der Aufhebung ihrer Verlobung mit dem Fürsten Andrei benachrichtigten (als Erklärung dafür gaben sie ihm Nataschas Absage an) und ihn von neuem baten, den Abschied zu nehmen und nach Hause zu kommen. Als Nikolai diesen Brief empfangen hatte, machte er keinen Versuch, den Abschied oder einen Urlaub zu erhalten, sondern schrieb seinen Eltern zurück, er bedaure sehr Nataschas Krankheit und die Aufhebung ihrer Verlobung und werde alles mögliche tun, um den von ihnen geäußerten Wunsch zu erfüllen. An Sonja schrieb er besonders.
»Angebetete Freundin meiner Seele!« schrieb er. »Nichts als die Ehre könnte mich von der Rückkehr nach dem Gut zurückhalten. Aber jetzt, vor dem Beginn des Feldzuges, würde ich mir nicht nur vor allen meinen Kameraden, sondern auch vor mir selbst entehrt vorkommen, wenn ich meiner Pflicht und Vaterlandsliebe mein eigenes Glück vorzöge. Aber dies ist die letzte Trennung. Sei überzeugt, daß ich sofort nach Beendigung des Krieges, wenn ich dann noch am Leben bin und Du mich noch liebst, alles aufgeben und zu Dir eilen werde, um Dich auf immer an mein heißes Herz zu drücken.«
Und wirklich war es nur die Eröffnung des Feldzuges, was Rostow zurückhielt und ihn hinderte, seinem Versprechen gemäß heimzukehren und Sonja zu heiraten. Der Herbst in Otradnoje mit der Jagd und der Winter mit dem Weihnachtsfest und mit Sonjas Liebe eröffneten ihm eine Perspektive auf stille, ländliche Freuden und auf ein ruhiges Leben, Dinge, die er früher nicht gekannt hatte und die jetzt für ihn etwas Lockendes hatten. »Was will ich mehr?« dachte er. »Eine prächtige Frau, Kinder, eine gute Meute Hetzhunde, zehn, zwölf Koppeln flinke Windhunde, die Wirtschaft, die Nachbarn, die Ämter der ländlichen Selbstverwaltung, zu denen man sich wählen lassen kann …« Aber jetzt war Krieg, und er mußte beim Regiment bleiben. Und da das nun einmal notwendig war, so war Nikolai Rostow, wie das in seinem Charakter lag, auch mit diesem Leben zufrieden, das er beim Regiment führte, und verstand es, sich dieses Leben angenehm zu machen.
Nachdem Rostow, von seinen Kameraden freudig begrüßt, von seinem Urlaub zurückgekehrt war, wurde er abkommandiert, um Remonten zu holen, und brachte aus Kleinrußland vorzügliche Pferde mit, die ihm selbst viel Freude machten und ihm Lob von seiten seiner Vorgesetzten eintrugen. In seiner Abwesenheit war er zum Rittmeister befördert worden, und als sein Regiment mit verstärktem Bestand auf Kriegstauglichkeit gebracht wurde, erhielt er wieder seine frühere Eskadron.
Der Feldzug begann; das Regiment rückte nach Polen; es wurde doppelter Sold bezahlt; neue Offiziere, neue Mannschaften, neue Pferde trafen ein, und, was die Hauptsache war, es verbreitete sich jene angeregte, heitere Stimmung, die den Anfang eines Krieges zu begleiten pflegt; und Rostow, der sich seiner bevorzugten Stellung im Regiment bewußt war, gab sich ganz den Vergnügungen und Interessen des Soldatenlebens hin, wiewohl er wußte, daß er früher oder später von ihnen werde Abschied nehmen müssen.
Die Truppen zogen sich aus allerlei komplizierten Gründen politischer und strategischer Art von Wilna zurück. Jeder Schritt dieses Rückmarsches wurde im Generalstab von einem vielverschlungenen Spiel der Interessen, Erwägungen und Leidenschaften begleitet. Aber für die Husaren des Pawlograder Regiments war dieser ganze Rückmarsch, der in der besten Jahreszeit und mit hinlänglichem Proviant stattfand, die einfachste und vergnüglichste Sache, die sich nur denken ließ. In gedrückter Stimmung sein, sich beunruhigen, Intrigen spinnen, das konnten nur die Herren im Hauptquartier; aber in der Armee selbst sorgte man sich gar nicht, wohin man marschierte und warum. Wenn man bedauerte, daß es wieder weiter zurückging, so geschah es nur deshalb, weil man von einem Quartier, in das man sich eingelebt hatte, oder von einer hübschen Pani scheiden mußte. Und wenn wirklich einmal einem der Gedanke durch den Kopf ging, daß die Sache schlecht stehe, so gab sich der Betreffende, wie es sich für einen braven Soldaten gehörte, Mühe heiter zu sein und nicht an den allgemeinen Gang der Dinge zu denken, sondern nur an das, was ihm am nächsten lag. Am Anfang standen sie vergnügt in der Nähe von Wilna, knüpften Bekanntschaften mit den polnischen Grundbesitzern an und erwarteten und überstanden Musterungen durch den Kaiser und andere hohe Vorgesetzte. Dann kam Befehl, nach Swenziany zurückzugehen und den Proviant, den sie nicht mitnehmen konnten, zu vernichten. Swenziany war den Husaren später nur deswegen denkwürdig, weil es ein »besoffenes Lager« gewesen war, wie es in der ganzen Armee genannt wurde, und weil dort viele Beschwerden über die Truppen eingelaufen waren, da sie den Befehl, Proviant zu requirieren, dazu benutzt hatten, als Proviant auch Pferde, Equipagen und Teppiche der polnischen Pans wegzunehmen. Rostow behielt Swenziany deswegen im Gedächtnis, weil er gleich an dem Tag, an dem sie in dieses Städtchen eingerückt waren, den Wachtmeister seines Dienstes hatte entheben müssen und mit den Leuten seiner Eskadron, da sie sämtlich betrunken waren, nicht hatte zurechtkommen können; sie hatten sich nämlich ohne sein Wissen fünf Fässer alten Bieres angeeignet. Von Swenziany marschierten sie weiter und weiter zurück an die Drissa, und nun gingen sie auch von der Drissa wieder zurück und näherten sich bereits den Grenzen des eigentlichen Rußlands.
Am 13. Juli kamen die Pawlograder zum erstenmal dazu, an einem ernsten Gefecht teilzunehmen.
Am 12. Juli, dem Tag vor dem Kampf, brach am Abend ein furchtbares Gewitter mit Sturm und Hagel los. Der Sommer des Jahres 1812 war überhaupt auffällig reich an Gewittern.
Zwei Eskadronen der Pawlograder biwakierten mitten auf einem Roggenfeld, das schon in Ähren gestanden hatte, dann aber vom Vieh und von den Pferden vollständig niedergetreten war. Der Regen goß in Strömen, und Rostow saß mit einem jungen Offizier, namens Iljin, den er protegierte, unter einem eilig aufgeschlagenen Zelt. Ein Offizier ihres Regiments, mit einem langen, durch das Backenhaar verlängerten Schnurrbart, war zum Stab geritten, auf dem Rückweg vom Regen überrascht worden und kehrte nun bei Rostow ein.
»Ich komme vom Stab, Graf«, sagte er. »Haben Sie von Rajewskis Heldentat gehört?«
Der Offizier begann Einzelheiten von dem Kampf bei Saltanowka zu erzählen, die er beim Stab gehört hatte.
Rostow saß mit eingezogenem Hals da, an dem ihm das Wasser entlanglief, rauchte eine Pfeife und hörte unaufmerksam zu, wobei er mitunter zu dem jungen Offizier Iljin hinblickte, der sich dicht an ihn drückte. Dieser Offizier, ein blutjunger Mensch, erst sechzehn Jahre alt, war kürzlich in das Regiment eingetreten und stand jetzt zu Nikolai in demselben Verhältnis, in welchem Nikolai sieben Jahre vorher zu Denisow gestanden hatte. Iljin suchte seinen Gönner Nikolai in allen Stücken zu kopieren und war in ihn verliebt wie ein Mädchen.
Der Offizier mit dem langen Schnurrbart, namens Zdrzinski, erzählte in hochtrabenden Ausdrücken, wie der Damm von Saltanowka zu einem Thermopylai der Russen geworden sei, und wie auf diesem Damm der General Rajewski eine Heldentat ausgeführt habe, die sich denen des Altertums würdig zur Seite stellen könne. Rajewski habe seine beiden Söhne im heftigsten Kugelregen auf den Damm geführt und sei Schulter an Schulter mit ihnen zum Angriff vorgegangen. Rostow hörte die Erzählung an, äußerte aber kein Wort, als ob er Zdrzinskis Enthusiasmus teile, sondern machte im Gegenteil eine Miene, als fühle er sich durch diese Erzählung unangenehm berührt, beabsichtige aber nicht, etwas darauf zu erwidern. Rostow wußte von den Feldzügen der Jahre 1805 und 1807 her aus eigener Erfahrung, daß diejenigen, welche Kriegsereignisse erzählen, immer lügen, wie denn auch er selbst als Erzähler gelogen hatte; und zweitens hatte er soviel Sachkenntnis, um zu wissen, daß im Krieg alles ganz anders zugeht, als wir es uns vorstellen und erzählen können. Und darum gefiel ihm Zdrzinskis Erzählung nicht; auch mißfiel ihm Zdrzinski selbst, der mit seinem über die Backen verlängerten Schnurrbart nach seiner Gewohnheit sich tief über das Gesicht dessen beugte, dem er seine Erzählung vortrug, und es ihm so in dem engen Zelt noch enger machte. Rostow blickte ihn schweigend an. »Erstens«, dachte er, »war auf dem Damm, den sie angriffen, gewiß ein solcher Wirrwarr und ein solches Gedränge, daß, wenn Rajewski auch seine Söhne dort in den Kampf führte, dies doch höchstens auf ein Dutzend Menschen wirken konnte, die dicht bei ihm waren; die übrigen konnten gar nicht sehen, wie und mit wem Rajewski da auf dem Damm ging. Aber auch die, die es sahen, konnten darüber nicht sonderlich in Begeisterung geraten; denn was kümmerten sie sich um Rajewskis zärtliche Vatergefühle, wo es sich um ihre eigene Haut handelte? Und ferner, davon, ob der Damm bei Saltanowka genommen wurde oder nicht, hing das Schicksal des Vaterlandes nicht ab, wie uns das von Thermopylai berichtet wird. Also welchen Zweck hatte es, ein solches Opfer zu bringen? Und weiter: wozu nahm er seine Kinder in das Kriegsgetümmel mit hinein? Ich würde meinen Bruder Petja nicht mitnehmen, und selbst diesen Iljin, der kein Angehöriger von mir, aber doch so ein guter Junge ist, würde ich irgendwohin zu stellen suchen, wo ihm nichts passieren kann.« So dachte Rostow, während er Zdrzinskis Erzählung anhörte. Aber er sprach seine Gedanken nicht aus: auch in dieser Hinsicht besaß er bereits hinlängliche Erfahrung. Er wußte, daß diese Erzählung zur Erhöhung unseres Waffenruhms beitrug, und daß er deshalb tun mußte, als zweifle er nicht an ihrer Richtigkeit und Bedeutsamkeit. So machte er es denn auch.
»Aber das ist nicht mehr zu ertragen«, sagte Iljin, der wohl merkte, daß Rostow an Zdrzinskis Gespräch kein Gefallen fand. »Meine Strümpfe und mein Hemd sind völlig durchnäßt, und unten hat sich eine Lache gebildet. Ich werde gehen und ein Obdach suchen. Es scheint, daß der Regen ein wenig nachgelassen hat.«
Iljin ging hinaus; auch Zdrzinski ritt weg.
Nach fünf Minuten kam Iljin, durch den Schmutz patschend, zum Zelt zurückgelaufen.
»Hurra! Komm schnell, Rostow! Ich habe etwas gefunden! Zweihundert Schritte von hier ist eine Schenke, und von den Unsrigen haben sich schon einige da zusammengefunden. Wenigstens werden wir da trocken werden; Marja Henrichowna ist auch da.«
Marja Henrichowna war die Frau des Regimentsarztes, eine junge, hübsche Deutsche, die der Arzt in Polen geheiratet hatte. Entweder weil er nicht über hinreichende Geldmittel verfügte, oder weil er sich nicht gleich in der ersten Zeit seiner Ehe von seiner jungen Frau trennen mochte, führte der Arzt sie überall bei den Märschen des Husarenregiments mit sich herum, und seine Eifersucht bildete ein beliebtes Thema für die Scherze der Husarenoffiziere.
Rostow warf sich den Mantel um, rief seinem Burschen Lawrenti zu, er solle ihnen trockene Kleidung nachbringen, und ging mit Iljin unter dem leiser gewordenen Regen im Abenddunkel, das mitunter durch ferne Blitze erhellt wurde, bald im Schmutz ausgleitend, bald kräftig hindurchpatschend, nach der Schenke hin.
»Rostow, wo bist du?«
»Hier. Was für starke Blitze!« sagten sie zueinander.
XIII
In der Schenke, vor der der Reisewagen des Arztes stand, befanden sich schon fünf Offiziere. Marja Henrichowna, eine üppige, blonde Deutsche, saß, in Jacke und Nachthaube, in der vorderen Ecke auf einer breiten Bank. Hinter ihr auf der Bank schlief ihr Mann, der Doktor. Rostow und Iljin wurden, als sie ins Zimmer traten, mit freudigen Zurufen und munterem Gelächter begrüßt.
»Ei seht mal an! Bei euch scheint es ja fidel herzugehen!« sagte Rostow lachend.
»Na, warum zieht ihr es denn vor, zu gähnen …? Aber nett seht ihr aus; ihr trieft ja nur so! Macht uns unsern Salon nicht naß …! Macht Marja Henrichownas Kleid nicht schmutzig!« antworteten die Anwesenden.
Rostow und Iljin beeilten sich, ein Winkelchen zu finden, wo sie, ohne Marja Henrichownas Schamgefühl zu verletzen, ihre nassen Kleider wechseln könnten. Sie wollten hinter den Verschlag gehen, um sich umzukleiden; aber in dem dort befindlichen kleinen Kämmerchen saßen drei Offiziere, die es vollständig ausfüllten; sie hatten ein Licht auf eine leere Kiste gestellt, spielten Karten und wollten um keinen Preis vom Platz weichen. Marja Henrichowna gab für ein Weilchen ihren Unterrock her, um als Vorhang zu dienen, und hinter diesem Vorhang zogen sich Rostow und Iljin mit Hilfe Lawrentis, der ein Pack Kleider und Wäsche gebracht hatte, die nassen Sachen aus und trockene an.
In dem zerbrochenen Ofen wurde Feuer angezündet. Ein Brett wurde geholt, über zwei Sättel gelegt und mit einer Pferdedecke bedeckt; dann wurde ein kleiner Samowar beschafft, ein Reisekästchen mit Tee, Zucker und einer halben Flasche Rum kam zum Vorschein, und nun bat man Marja Henrichowna, die Wirtin zu machen, und alle drängten sich um sie herum. Der eine bot ihr ein reines Taschentuch an, damit sie sich die reizenden Händchen abtrocknen könne; ein andrer legte ihr seinen Dolman unter die Füßchen, damit sie ihr nicht feucht würden; ein andrer verhängte das Fenster mit einem Mantel, damit es nicht ziehe; ein andrer scheuchte die Fliegen von dem Gesicht des Doktors weg, damit er nicht aufwache.
»Lassen Sie ihn doch«, sagte Marja Henrichowna mit einem schüchternen, glückseligen Lächeln. »Er schläft auch so schon gut nach einer schlaflosen Nacht.«
»Nein, Marja Henrichowna«, antwortete der Offizier. »Man muß dem Doktor kleine Dienste erweisen; dann behandelt er unsereinen vielleicht auch rücksichtsvoll, wenn er einem einmal ein Bein oder einen Arm abschneidet.«
Gläser waren nur drei vorhanden; das Wasser war so schmutzig, daß sich nicht erkennen ließ, ob der Tee stark oder schwach sei, und der Samowar faßte Wasser nur für sechs Gläser. Aber um so angenehmer war es, der Reihe und dem Rang nach sein Glas aus Marja Henrichownas weichen Händchen mit den kurzen, nicht ganz sauberen Nägeln zu empfangen. Alle Offiziere schienen an diesem Abend in Marja Henrichowna verliebt zu sein, oder vielmehr sie waren es wirklich. Sogar diejenigen Offiziere, die in dem Nebenraum Karten spielten, brachen sehr bald ihr Spiel ab, kamen zum Samowar herüber und machten, in den allgemeinen Ton einstimmend, gleichfalls der Doktorenfrau den Hof. Marja Henrichowna, die sich von so vielen vornehmen, höflichen jungen Männern umgeben sah, strahlte vor Glück, wie sehr sie es auch zu verbergen suchte, und obgleich sie jedesmal, wenn sich ihr Mann hinter ihr im Schlaf bewegte, sichtlich verlegen wurde.
Löffel gab es nur einen einzigen; Zucker war reichlich vorhanden; aber es dauerte zu lange, wenn jeder sein Glas umrührte, und deshalb wurde festgesetzt, Marja Henrichowna solle der Reihe nach jedem den Zucker umrühren. Als Rostow sein Glas erhalten und sich Rum hineingegossen hatte, bat er Marja Henrichowna, es umzurühren.
»Aber Sie haben ja gar keinen Zucker darin?« sagte sie. Sie lächelte fortwährend, als ob alles, was sie sagte, und alles, was die andern sagten, sehr komisch wäre und noch irgendeinen Nebensinn hätte.
»An Zucker liegt mir nichts; ich möchte nur, daß Sie mit Ihrem Händchen umrühren.«
Marja Henrichowna willigte ein und suchte den Löffel, dessen sich schon wieder jemand bemächtigt hatte.
»Rühren Sie doch mit Ihrem Fingerchen um, Marja Henrichowna«, sagte Rostow. »Das ist mir noch lieber.«
»Es ist zu heiß!« erwiderte Marja Henrichowna, die vor Vergnügen ganz rot geworden war.
Iljin nahm einen Eimer mit Wasser, goß ein paar Tropfen Rum hinein und brachte ihn zu Marja Henrichowna mit der Bitte, sie möchte mit dem Fingerchen umrühren.
»Dies ist meine Tasse«, sagte er. »Stecken Sie nur Ihr Fingerchen hinein, dann werde ich alles austrinken.«
Als der Samowar leer war, ergriff Rostow die Karten und machte den Vorschlag, sie wollten mit Marja Henrichowna »König und Bettelmann« spielen. Es wurde gelost, wer zu Marja Henrichownas Partei gehören sollte. Als Regel wurde auf Rostows Vorschlag festgesetzt: wer König werde, solle das Recht haben, Marja Henrichowna das Händchen zu küssen; wer dagegen als Bettelmann zurückbleibe, müsse einen neuen Samowar für den Doktor zurechtmachen, sobald dieser aufwache.
»Aber wenn nun Marja Henrichowna König wird?« fragte Iljin.
»Sie ist auch so schon immer Königin! Und ihre Befehle sind Gesetz.«
Kaum hatte das Spiel begonnen, als sich hinter Marja Henrichowna auf einmal der strubblige Kopf des Doktors erhob. Er hatte schon seit einer ganzen Weile nicht mehr geschlafen, sondern dem Gespräch zugehört, aber offenbar nichts Lustiges, Komisches oder Amüsantes an allem, was da gesagt und getan wurde, gefunden. Seine Miene sah trüb und bedrückt aus. Er begrüßte die Offiziere nicht, kratzte sich den Kopf und bat sie, ihn durchzulassen, da sie ihm den Weg versperrten. Sowie er das Zimmer verlassen hatte, brachen die Offiziere sämtlich in ein lautes Gelächter aus; Marja Henrichowna aber errötete so tief, daß ihr die Tränen in die Augen kamen, wodurch sie allen Offizieren nur noch reizender erschien. Als der Doktor von draußen wieder hereinkam, sagte er zu seiner Frau, die nun nicht mehr so glückselig lächelte und ihn ängstlich anblickte, wie wenn sie ihr Urteil von ihm erwartete, der Regen habe aufgehört und sie müßten sich nun im Reisewagen hinlegen, sonst würde ihnen alles gestohlen.
»Ich werde einen Posten danebenstellen … zwei Posten!« rief Rostow. »Seien Sie unbesorgt, Doktor!«
»Ich werde selbst Wache stehen!« fügte Iljin hinzu.
»Nein, meine Herren, Sie haben sich ausgeschlafen; ich aber habe zwei Nächte kein Auge zugetan«, erwiderte der Doktor und setzte sich mit finsterer Miene neben seine Frau, um zu warten, bis das Spiel zu Ende wäre.
Als die Offiziere sahen, was der Arzt für ein finsteres Gesicht machte, und wie er immer nach seiner Frau hinschielte, wurden sie noch vergnügter, und viele konnten das Lachen nicht unterdrücken, für das sie dann schnell einen glaubhaften Vorwand zu finden suchten. Nachdem der Doktor mit seiner Frau weggegangen und mit ihr in den Reisewagen gestiegen war, legten sich die Offiziere in der Schenke auf den Fußboden und deckten sich mit ihren nassen Mänteln zu; aber sie lagen lange wach da: bald unterhielten sie sich darüber, wie sich der Doktor geärgert habe und wie lustig die Doktorenfrau gewesen sei, bald lief einer hinaus vor die Haustür und meldete zurück, was in dem Reisewagen vorgehe. Mehrmals wickelte Rostow sich den Kopf ein und versuchte einzuschlafen; aber immer wieder mußte er auf eine Bemerkung hinhören, die irgend jemand machte, das Gespräch begann von neuem, und sie lachten wieder wie die Kinder, lustig und ohne Anlaß.
XIV
Um drei Uhr hatte noch niemand geschlafen, als ein Wachtmeister mit der Order erschien, nach dem Städtchen Ostrowno abzumarschieren.
In derselben Art weiterredend und weiterlachend, begannen die Offiziere sich eilig zurechtzumachen; der Samowar wurde wieder mit schmutzigem Wasser gefüllt und angezündet. Aber Rostow ging, ohne den Tee abzuwarten, zu seiner Eskadron. Es wurde schon hell; der Regen hatte aufgehört, die Wolken hatten sich zerteilt. Es war feucht und kalt, namentlich in den noch nicht ordentlich trocken gewordenen Kleidern. Als Rostow und Iljin in der Dämmerung aus der Schenke heraustraten, warfen sie beide einen Blick in den Reisewagen, dessen Lederverdeck vom Regen glänzte. Unter dem Vorderleder ragten die Füße des Arztes hervor, und in der Mitte des Wagens schimmerte auf einem Kissen das Häubchen der Doktorenfrau; man hörte die Atemzüge der beiden Schlafenden.
»Sie ist wirklich allerliebst!« sagte Rostow zu Iljin, der ihn begleitete.
»Ein ganz entzückendes Weib!« stimmte ihm Iljin mit dem Ernst des Sechzehnjährigen bei.
Eine halbe Stunde darauf stand die Eskadron auf der Landstraße marschbereit. Es erscholl das Kommando: »Aufsitzen!« Die Soldaten bekreuzten sich und schwangen sich auf die Pferde. Rostow, der sich an die Spitze gesetzt hatte, kommandierte: »Marsch!«, und in einem langausgedehnten Zug von vier Mann Breite setzten sich die Husaren in Bewegung; unter lautem Platschen der Hufe auf dem nassen Boden, säbelklirrend und unter leisen Gesprächen zogen sie auf der breiten, mit Birken eingefaßten Landstraße hinter der voranmarschierenden Infanterie und Artillerie dahin.
Die zerrissenen blauvioletten Wolken, die sich beim Aufgang der Sonne rötlich färbten, wurden vom Wind schnell dahingetrieben. Es wurde immer heller und heller. Schon war das krause Krautwerk, das immer die Landstraßen einsäumt, deutlich zu sehen, noch feucht von dem gestrigen Regen; die herunterhängenden, ebenfalls nassen Zweige der Birken schaukelten im Wind hin und her und ließen glänzende Tropfen schräg herunterfallen. Immer deutlicher waren die Gesichter der Soldaten zu erkennen. Rostow ritt mit Iljin, der sich immer neben ihm hielt, an der Seite der Landstraße, zwischen zwei Reihen von Birken.
Während des Feldzuges nahm sich Rostow die Freiheit, statt eines gewöhnlichen Dienstpferdes ein Kosakenpferd zu reiten. Als Kenner und Liebhaber hatte er sich unlängst ein kräftiges, gutes, donisches Pferd angeschafft, fuchsfarben mit weißlicher Mähne und weißlichem Schwanz, ein so schnelles Tier, daß er auf ihm von niemandem überholt wurde. Auf diesem Pferd zu reiten war für Rostow ein wahrer Genuß. Er dachte an das Pferd, an den schönen Morgen, an die Doktorenfrau, aber nicht ein einziges Mal an die bevorstehende Gefahr.
Früher hatte sich Rostow, wenn es in den Kampf ging, gefürchtet; aber jetzt empfand er nicht die geringste Spur von Ängstlichkeit mehr. Daß er sich nicht mehr fürchtete, kam nicht etwa daher, daß er sich an das Feuer gewöhnt hätte (an die Gefahr kann man sich nicht gewöhnen), sondern daher, daß er gelernt hatte, seine Gedanken von der Gefahr abzulenken. Er hatte sich gewöhnt, wenn es in den Kampf ging, an alles mögliche zu denken, nur nicht an das, was anscheinend größeres Interesse erregte als alles andere: an die bevorstehende Gefahr. In der ersten Zeit seines Dienstes hatte er, wie sehr er sich auch Mühe gab und wie energisch er sich auch wegen seiner Feigheit ausschalt, dies nicht erreichen können; aber jetzt hatte sich das mit den Jahren ganz von selbst gemacht. Er ritt jetzt neben Iljin zwischen den Birken dahin, riß zuweilen Blätter von den Zweigen, die ihm unter die Hände kamen, berührte mitunter die Weichen seines Pferdes mit dem Fuß und reichte, ohne sich umzuwenden, die ausgerauchte Pfeife dem hinter ihm reitenden Husaren hin – alles mit so ruhiger, sorgloser Miene, als ob er spazierenritte. Es war ihm ein Schmerz, in das aufgeregte Gesicht Iljins zu blicken, der viel und unruhig redete; er kannte aus Erfahrung jenen qualvollen Zustand der Erwartung und Todesfurcht, indem sich der Kornett befand, und wußte, daß nichts als die Zeit ihm helfen konnte.
Kaum begann die Sonne hinter einer Wolke hervorzukommen und auf einen reinen Streifen des Himmels zu treten, als sich der Wind legte, wie wenn er sich nicht erdreistete, diesen Sommermorgen, der nach dem Gewitter so wunderschön geworden war, zu verderben; es fielen noch Tropfen von den Bäumen, aber jetzt senkrecht – und nun wurde alles still. Die Sonne war jetzt ganz herausgetreten und am Horizont vollständig sichtbar, verschwand dann aber von neuem in einer schmalen, langen Wolke, die über ihr stand. Einige Minuten darauf erschien die Sonne noch glänzender am oberen Rand der Wolke, den sie zerriß. Alles fing an zu glänzen und zu leuchten. Und gleichzeitig mit dem Aufstrahlen dieses Lichtes, wie zur Antwort darauf, ertönten aus der Richtung, nach der sie ritten, mehrere Kanonenschüsse.
Rostow hatte noch nicht Zeit gehabt, zu überlegen und sich ein Urteil darüber zu bilden, wie weit diese Schüsse wohl entfernt sein mochten, als von Witebsk her ein Adjutant des Grafen Ostermann-Tolstoi herbeigesprengt kam mit dem Befehl, im Trab auf der Straße weiter vorzugehen.
Die Eskadron überholte die Infanterie und die Artillerie, die gleichfalls ihr Tempo beschleunigten, ritt bergab und nach Passierung eines leeren, von den Einwohnern verlassenen Dorfes wieder bergauf. Die Pferde begannen sich mit Schaum zu bedecken, die Soldaten bekamen rote Gesichter.
»Halt, richt’t euch!« erscholl weiter vorn das Kommando des Divisionsgenerals. »Rechte Schulter vor, im Schritt marsch!« wurde dann vorn kommandiert.
Die Husaren ritten an der Linie unserer Truppen entlang auf den linken Flügel unserer Stellung und machten dort hinter unseren Ulanen halt, die in der ersten Linie standen. Rechts stand russische Infanterie in dichter Kolonne; dies war die Reserve. Über ihr auf einer Anhöhe waren in der vollkommen reinen Luft und der schrägen, hellen Morgenbeleuchtung unmittelbar gegen den Himmel unsere Kanonen sichtbar. Nach vorn zu, jenseits eines Tales, erblickte man feindliche Kolonnen und Kanonen. Im Talgrund war unsere Vorpostenkette zu hören, die bereits in den Kampf eingetreten war und ein lustiges Geknatter mit dem Feind unterhielt.
Diese seit langer Zeit nicht mehr gehörten Klänge riefen bei Rostow wie die heiterste Musik eine fröhliche Stimmung hervor. »Trapp-ta-ta-tapp!« knatterten bald gleichzeitig, bald schnell nacheinander mehrere Schüsse. Dann wurde wieder alles still, und dann war es von neuem, als explodierten Knallerbsen, über die jemand hinginge.
Die Husaren hielten ungefähr eine Stunde auf einem Fleck. Auch eine Kanonade hatte begonnen. Graf Ostermann mit seiner Suite kam hinter der Eskadron vorbeigeritten; er hielt an und sprach einige Worte mit dem Regimentskommandeur und sprengte dann weiter zu den Kanonen auf der Anhöhe.
Gleich nachdem Ostermann weggeritten war, erscholl bei den Ulanen das Kommando: »In Kolonne, zur Attacke – fertig!« Die Infanterie vor ihnen verdoppelte die Tiefe ihrer Abteilungen, um die Kavallerie hindurchzulassen. Mit flatternden Lanzenfähnchen setzten sich die Ulanen in Bewegung und ritten im Trab bergab auf die französische Kavallerie los, die sich links am Fuß der Anhöhe zeigte.
Sobald die Ulanen die Anhöhe hinuntergeritten waren, erhielten die Husaren Befehl, sich hinaufzubegeben, um der Batterie als Deckung zu dienen. Während sie an die Stelle der Ulanen rückten, kamen zischend und pfeifend aus der feindlichen Vorpostenkette Kugeln herübergeflogen, die aber bei der weiten Entfernung nicht trafen.
Dieser gleichfalls seit langer Zeit nicht mehr gehörte Ton wirkte auf Rostow noch freudiger und aufmunternder als die vorher vernommenen Töne der Schüsse. Sich im Sattel aufrichtend, betrachtete er das Schlachtfeld, das von der Anhöhe her frei sichtbar dalag, und nahm mit ganzer Seele an den Bewegungen der Ulanen teil. Die Ulanen jagten dicht an die französischen Dragoner heran; dann entstand dort im Pulverrauch ein Wirrwarr, und nach fünf Minuten sprengten die Ulanen zurück, nicht nach der Stelle hin, wo sie vorher gestanden hatten, sondern mehr nach links. Zwischen den orangefarbenen, auf Füchsen reitenden Ulanen und hinter ihnen waren blaue französische Dragoner auf grauen Pferden in großer Menge sichtbar.
XV
Rostow mit seinem scharfen Jägerauge sah als einer der ersten diese blauen französischen Dragoner, von denen unsere Ulanen verfolgt wurden. Näher und näher kamen die aufgelösten Scharen der Ulanen und der sie verfolgenden französischen Dragoner. Schon konnte man erkennen, wie diese am Fuß der Anhöhe klein erscheinenden Menschengestalten einander einholten, zusammenstießen, die Arme erhoben und die Säbel schwangen.
Rostow verfolgte das, was da vor seinen Augen vorging, wie eine Hetzjagd. Er fühlte instinktmäßig, daß, wenn man jetzt mit den Husaren auf die französischen Dragoner einen Angriff mache, diese nicht standhalten würden; aber wenn man es tun wollte, so mußte es sogleich geschehen, diesen Augenblick; sonst war es bereits zu spät. Er blickte um sich. Ein neben ihm haltender anderer Rittmeister verwandte ebenso wie er kein Auge von dem Kavalleriekampf da unten.
»Andrei Sewastjanowitsch«, sagte Rostow, »wir könnten sie über den Haufen werfen …«
»Es wäre ein kühnes Stück«, antwortete der Rittmeister. »Aber in der Tat …«
Rostow hörte ihn nicht zu Ende, spornte sein Pferd, jagte vor die Front seiner Eskadron und hatte kaum das Kommando zu der beabsichtigten Bewegung gegeben, als auch schon die ganze Eskadron, die dasselbe Gefühl gehabt hatte wie er selbst, hinter ihm losritt. Rostow wußte selbst nicht, wie und warum er das getan hatte. Er hatte das alles in derselben Weise getan, wie er auf der Jagd zu handeln pflegte, ohne zu denken, ohne zu überlegen. Er hatte gesehen, daß die Dragoner nahe waren, daß sie in Unordnung dahinjagten; er hatte sich gesagt, daß sie nicht würden standhalten können; er hatte gewußt, daß es nur diesen einen günstigen Augenblick gab, der nie wiederkehren werde, wenn man ihn jetzt unbenutzt lasse. Die Kugeln hatten so ermunternd um ihn herum gezischt und gepfiffen, das Pferd hatte so eifrig vorwärts verlangt, daß er nicht hatte widerstehen können. Er hatte sein Pferd gespornt, das Kommando gegeben, in demselben Augenblick auch schon das Getrappel seiner ansprengenden Eskadron hinter sich gehört und ritt nun in vollem Trab bergab auf die Dragoner los. Kaum waren sie am Fuß des Berges angelangt, als unwillkürlich ihr Trab in Galopp überging, der immer schneller und schneller wurde, je näher sie ihren Ulanen und den hinter diesen herjagenden französischen Dragonern kamen. Nun waren sie dicht bei den Dragonern. Die vordersten derselben drehten beim Anblick der Husaren um, die weiter hinten befindlichen hielten an. Mit derselben Empfindung, mit der Rostow auf der Jagd dahinsprengte, um einem Wolf den Weg abzuschneiden, ließ er jetzt seinem donischen Pferde völlig die Zügel schießen und jagte schräg auf die aufgelösten Reihen der französischen Dragoner los. Ein Ulan hielt auf der Flucht an; ein anderer, der zu Fuß war, warf sich auf die Erde, um nicht zerdrückt zu werden; ein reiterloses Pferd geriet zwischen die Husaren. Fast alle französischen Dragoner jagten zurück. Rostow wählte sich einen von ihnen, der wie die andern auf einem grauen Pferd saß, aus und sprengte ihm nach. Auf dem Weg stürmte er auf einen Busch los; das gute Pferd trug ihn darüberhin, und kaum hatte sich Nikolai wieder im Sattel zurechtgerückt, als er sah, daß er in wenigen Augenblicken den Feind erreichen werde, den er sich als Ziel ausgesucht hatte. Dieser Franzose, nach seiner Uniform zu urteilen wahrscheinlich ein Offizier, jagte mit zusammengekrümmtem Leib auf seinem grauen Pferd dahin, das er mit dem Säbel antrieb. Im nächsten Augenblick stieß Rostows Pferd mit der Brust gegen das Hinterteil des Pferdes des Offiziers, warf das Tier beinahe über den Haufen, und gleichzeitig hob Rostow, ohne selbst zu wissen warum, den Säbel in die Höhe und führte damit einen Hieb gegen den Franzosen.
In demselben Augenblick, wo Rostow dies tat, war auf einmal die ganze lebhafte Erregung bei ihm verschwunden. Der Offizier fiel vom Pferd, nicht sowohl infolge des Säbelhiebes, der ihm nur leicht den Arm oberhalb des Ellbogens geritzt hatte, als infolge des Stoßes des Pferdes und vor Furcht. Rostow hielt sein Pferd an und suchte mit den Augen seinen Feind, um zu sehen, wen er besiegt habe. Der französische Dragoneroffizier hüpfte mit dem einen Fuß auf der Erde umher, mit dem andern saß er im Steigbügel fest. Ängstlich kniff er die Augen zusammen, wie wenn er jeden Augenblick einen neuen Hieb erwartete, runzelte die Stirn und blickte mit dem Ausdruck des Schreckens von unten zu Rostow hinauf. Sein blasses, kotbespritztes, blondhaariges, jugendliches Gesicht mit dem Grübchen am Kinn und den hellen, blauen Augen paßte ganz und gar nicht auf ein Schlachtfeld und hatte nichts Feindliches: es war ein ganz einfaches, gewöhnliches Stubengesicht. Noch ehe Rostow mit sich darüber im klaren war, was er mit ihm anfangen solle, rief der Offizier auf französisch: »Ich ergebe mich!« Er machte eilige, vergebliche Versuche, seinen Fuß aus dem Steigbügel loszubekommen, und blickte mit den angstvollen blauen Augen unverwandt zu Rostow hin. Hinzuspringende Husaren machten ihm den Fuß frei und setzten ihn wieder in den Sattel. Die Husaren waren an verschiedenen Stellen eifrig mit gefangenen Dragonern beschäftigt: einer von diesen war verwundet, wollte aber trotz seines blutigen Gesichtes sein Pferd nicht hingeben; ein anderer saß hinter einem Husaren, den er umfaßt hielt, auf der Kruppe von dessen Pferd; ein dritter kletterte auf das Pferd eines Husaren, der ihn dabei unterstützte. Von vorn her kam schießend französische Infanterie im Laufschritt heran. Eilig ritten die Husaren mit ihren Gefangenen davon. Rostow, der mit den andern zurückjagte, hatte eine unangenehme Empfindung, die ihm das Herz zusammenpreßte. Unklare, verworrene Gedanken, mit denen er noch nicht zurechtkommen konnte, waren durch die Gefangennahme dieses Offiziers und den Säbelhieb, den er ihm versetzt hatte, in ihm rege geworden.
Graf Ostermann-Tolstoi begegnete den zurückkehrenden Husaren, ließ Rostow zu sich rufen, sprach ihm seine Anerkennung aus und sagte, er werde dem Kaiser über seine kühne Tat Bericht erstatten und das Georgskreuz für ihn beantragen. Als Rostow zum Grafen Ostermann gerufen wurde, war er, in dem Bewußtsein, daß er den Angriff ohne Befehl unternommen hatte, fest überzeugt, daß der hohe Vorgesetzte ihn zu sich fordere, um ihn für seine eigenmächtige Handlungsweise zu bestrafen. Daher hätte Rostow über Ostermanns schmeichelhafte Worte und die Verheißung einer Belohnung um so freudiger überrascht sein müssen; aber eben jenes unangenehme, unklare Gefühl rief bei ihm geradezu eine Art von seelischer Übelkeit hervor. »Ja, was quält mich denn eigentlich?« fragte er sich, als er von dem General wieder wegritt. »Sorge um Iljin? Nein, er ist unversehrt. Habe ich mich irgendwie blamiert? Nein, ganz und gar nicht!« Was ihn quälte, war etwas anderes als Reue. »Ja, ja, dieser französische Offizier mit dem Grübchen. Wie deutlich ich mich erinnere, daß mein Arm widerstrebte, als ich ihn zum Hieb aufhob.«
Rostow sah die Gefangenen, welche weiter zurücktransportiert wurden, und ritt zu ihnen hin, um sich seinen Franzosen mit dem Grübchen am Kinn anzusehen. Dieser saß in seiner sonderbaren Uniform jetzt auf einem gewöhnlichen Husarenpferd und warf unruhige Blicke um sich. Seine Armwunde war kaum eine Wunde zu nennen. Er lächelte Rostow gezwungen zu und winkte grüßend mit der Hand. Rostow hatte immer noch dieselbe unbehagliche, peinliche Empfindung.
Diesen ganzen Tag über sowie auch während des folgenden Tages bemerkten Rostows Freunde und Kameraden, daß er zwar nicht traurig, nicht verdrießlich, wohl aber schweigsam, nachdenklich und sich gekehrt war. Er trank nur ungern mit, suchte allein zu bleiben und war in Gedanken versunken.
Rostow dachte immer an diese seine glänzende Kriegstat, die ihm zu seiner Verwunderung das Georgskreuz eintrug und ihm sogar den Ruf besonderer Tapferkeit verschaffte, und konnte manches dabei schlechterdings nicht begreifen. »Also auch die fürchten sich, und noch mehr als unsereiner!« dachte er. »Also das ist das ganze sogenannte Heldentum? Und habe ich das etwa um des Vaterlandes willen getan? Und worin hat denn er sich schuldig gemacht, der junge Mensch mit dem Grübchen und den blauen Augen? Aber was hatte er für Angst! Er dachte, ich würde ihn töten. Wozu hätte ich ihn denn töten sollen? Die Hand zitterte mir. Und ich bekomme das Georgskreuz. Nichts begreife ich davon, gar nichts!«
Aber während Nikolai in seinem Innern diese Fragen durcharbeitete, ohne sich doch klare Rechenschaft davon geben zu können, was ihn in solche Unruhe versetzte, drehte sich, wie das oft so geht, das Rad seines Glückes auf dienstlichem Gebiet zu seinen Gunsten. Er wurde nach dem Kampf bei Ostrowno befördert, erhielt ein Husarenbataillon, und wenn man zu irgendeiner Verwendung einen tapferen Offizier nötig hatte, so gab man den betreffenden Auftrag ihm.
XVI
Sobald die Gräfin die Nachricht von Nataschas Erkrankung erhalten hatte, kam sie, obwohl sie noch nicht recht gesund und noch sehr schwach war, dennoch mit Petja und allem, was an Hausrat und Dienerschaft erforderlich war, nach Moskau, und die ganze Familie Rostow siedelte von Marja Dmitrijewna in das eigene Haus über und richtete sich zu dauerndem Aufenthalt in Moskau ein.
Nataschas Krankheit war von so ernstem Charakter, daß, zu Nataschas und ihrer Angehörigen Glück, der Gedanke an alles das, was die Ursache ihrer Krankheit war (ihr Verhalten und ihre Absage an ihren Verlobten), dagegen in den Hintergrund treten mußte. Sie war so krank, daß man nicht daran denken konnte, inwieweit sie an allem Geschehenen schuld trug; denn sie aß nicht, schlief nicht, magerte sichtlich ab, hustete und befand sich, wie die Ärzte zu verstehen gaben, in Lebensgefahr. Alle Gedanken mußten einzig und allein darauf gerichtet sein, wie man ihr helfen könne. Die Ärzte besuchten sie bald einzeln, bald, um ein Konsilium zu halten, mehrere zugleich, redeten viel Französisch, Deutsch und Lateinisch, beurteilten ein jeder die Methode des andern sehr abfällig und verschrieben die mannigfachsten Arzneien gegen alle möglichen ihnen bekannten Krankheiten; aber keinem von ihnen kam der einfache Gedanke in den Sinn, daß ihnen die Krankheit, an der Natascha litt, überhaupt nicht bekannt sein konnte, wie denn keine Krankheit, von der ein lebendiger Mensch befallen wird, bekannt sein kann; denn jeder lebendige Mensch hat seine besonderen Eigentümlichkeiten und hat immer eine besondere, ihm speziell eigene, neue, komplizierte, der medizinischen Wissenschaft unbekannte Krankheit, nicht eine Krankheit der Lunge, der Leber, der Haut, des Herzens, der Nerven usw., wie sie in den medizinischen Lehrbüchern beschrieben sind, sondern eine Krankheit, welche in einer der zahllosen Kombinationen von Leiden dieser Organe besteht. Dieser einfache Gedanke konnte aber den Ärzten nicht in den Sinn kommen (ebensowenig wie einem Zauberer der Gedanke in den Sinn kommen kann, daß er nicht imstande ist zu zaubern), weil ihre Lebenstätigkeit darin bestand, Krankheiten zu kurieren, und weil sie dafür Geld erhielten, und weil sie auf diese Tätigkeit die besten Jahre ihres Lebens verwendet hatten. Und (was die Hauptsache war) dieser Gedanke konnte den Ärzten darum nicht kommen, weil sie sahen, daß sie zweifellos von Nutzen waren: sie waren tatsächlich für alle Mitglieder der Familie Rostow von Nutzen. Sie waren von Nutzen, nicht deshalb, weil sie die Kranke zwangen, allerlei größtenteils schädliche Substanzen hinunterzuschlucken (diese Schädlichkeit war allerdings nur wenig zu spüren, da die schädlichen Substanzen nur in geringer Quantität gereicht wurden), sondern sie waren nützlich, notwendig und unentbehrlich (und dies ist der Grund, weshalb es zu allen Zeiten vermeintliche Heilkundige gegeben hat und geben wird: Zauberer, Homöopathen und Allopathen), weil sie einem seelischen Bedürfnis der kranken Natascha und der Menschen, die sie liebhatten, entgegenkamen. Sie kamen jenem ewigen menschlichen Bedürfnis nach Hoffnung auf Besserung entgegen, dem Bedürfnis nach Mitgefühl und freundlicher Tätigkeit anderer, das der Mensch während des Leidens empfindet. Sie kamen jenem ewigen, menschlichen, beim Kind in der primitivsten Form zu beobachtenden Bedürfnis entgegen, die Stelle streicheln zu lassen, die einen Puff bekommen hat. Wenn das Kind sich stößt oder fällt, so läuft es sofort in die Arme der Mutter oder der Wärterin, damit diese ihm die schmerzende Stelle küssen und streicheln; und wenn das geschieht, so fühlt es davon eine Erleichterung. Dem Kind ist es unglaublich, daß Menschen, die stärker und klüger sind, als es selbst ist, kein Mittel haben sollten, ihm von seinem Schmerz zu helfen. Und die Hoffnung auf Erleichterung und der Ausdruck des Mitgefühls, während die Mutter ihm seine Beule streichelt, trösten das Kind. So waren auch die Ärzte für Natascha dadurch von Nutzen, daß sie gleichsam ihr »Au-au« küßten und streichelten und versicherten, der Schmerz würde sogleich vergehen, wenn der Kutscher nach der Apotheke am Arbatskaja-Platz fahre und für einen Rubel und siebzig Kopeken Pülverchen und Pillen in hübschen Schächtelchen hole, und wenn die Kranke diese Pülverchen genau alle zwei Stunden, nicht früher und nicht später, in abgekochtem Wasser einnehme.
Und was hätten wohl Sonja und der Graf und die Gräfin angefangen, und wie elend würden sie ausgesehen haben, wenn sie nichts für die Kranke zu tun gehabt hätten, wenn nicht diese nach der Uhr einzugebenden Pillen und das laue Getränk und die Hühnerschnitzel gewesen wären und all die übrigen vom Arzt vorgeschriebenen Einzelheiten der Lebensweise, deren Beobachtung allen Familienmitgliedern Beschäftigung und Trost gewährte? Wie hätte der Graf die Krankheit seiner Lieblingstochter ertragen können, wenn er sich nicht gesagt hätte, daß ihn diese Krankheit schon Tausende von Rubeln gekostet habe, und daß er sich noch weitere Tausende nicht würde leid sein lassen, um seiner Natascha dadurch zu helfen, und wenn er sich nicht bewußt gewesen wäre, daß er bei ausbleibender Besserung immer noch mehr Geld daranwenden und sie ins Ausland bringen und dort die berühmtesten Ärzte zu gemeinsamer Beratung zusammenrufen würde, und wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte, ausführlich zu erzählen, wie Métivier und Feller die Krankheit nicht erkannt hätten, wohl aber Fries, und wie Mudrow sie noch besser definiert habe? Was hätte die Gräfin angefangen, wenn sie nicht hätte die kranke Natascha manchmal ausschelten können, weil diese die Anordnungen des Arztes nicht genau befolgte?
»Auf die Art wirst du nie gesund werden«, sagte sie und vergaß über dem Ärger ihren Kummer, »wenn du dem Arzt nicht gehorchst und nicht pünktlich die Arznei einnimmst! Damit ist nicht zu spaßen; denn es kann sich bei dir eine Pneumonie herausbilden«, sagte die Gräfin, und schon im Aussprechen dieses ihr (und nicht ihr allein) unverständlichen Wortes fand sie einen großen Trost.
Was hätte Sonja angefangen, wenn sie nicht das freudige Bewußtsein gehabt hätte, daß sie in der ersten Zeit drei Nächte hindurch nicht aus den Kleidern gekommen war, um stets bereit zu sein und alle Anordnungen des Arztes genau erfüllen zu können, und daß sie auch jetzt in der Nacht nicht schlief, um nicht die Zeit zu verpassen, zu welcher die nicht allzu schädlichen Pillen aus dem vergoldeten Schächtelchen eingegeben werden mußten? Ja sogar Natascha selbst sagte zwar, ihr könne keine Arznei helfen und das seien lauter Torheiten; aber auch ihr machte es Freude, daß sie immer zu bestimmter Zeit ihre Arznei einnehmen mußte, und es machte ihr Freude, zu sehen, daß die anderen um ihretwillen solche Opfer brachten. Und auch das machte ihr Freude, daß sie mitunter durch Vernachlässigung der ärztlichen Vorschriften zeigen konnte, sie glaube an keine Heilung und lege auf ihr Leben keinen Wert.
Der Arzt kam jeden Tag, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte ein paar Scherzworte, ohne sich um Nataschas bedrückte Miene zu kümmern. Dann ging er in das Nebenzimmer, wohin ihm die Gräfin eilig folgte, und nun nahm er eine ernste Miene an, wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her und sagte, es sei allerdings Gefahr vorhanden, aber er hoffe auf die Wirkung dieser letzten Arznei; man müsse abwarten und beobachten; die Krankheit sei mehr seelischer Natur, aber …
Nun schob ihm die Gräfin, die sich bemühte, diese Handlung vor sich selbst und vor dem Arzt zu verbergen, ein Goldstück in die Hand und kehrte dann jedesmal mit beruhigtem Herzen zu der Kranken zurück.
Die Symptome der Krankheit Nataschas bestanden darin, daß sie wenig aß, wenig schlief, viel hustete und stets in trüber Stimmung war. Die Ärzte erklärten, die Kranke dürfe nicht ohne ärztlichen Beistand bleiben, und hielten sie darum in der stickigen Luft der großen Stadt zurück. So fuhren denn Rostows im Sommer 1812 nicht aufs Land.
Trotz der großen Menge der von ihr verschluckten Pillen, Tropfen und Pülverchen aus Büchschen, Fläschchen und Schächtelchen (Madame Schoß, die eine Liebhaberin von solchen Dingen war, hatte sich eine ganze Sammlung davon angelegt), und trotzdem sie das gewohnte Landleben entbehren mußte, behauptete doch ihre jugendliche Natur den Sieg: über Nataschas Kummer breiteten die Empfindungen, die ihr das seitdem verflossene Stück Leben gebracht hatte, eine Art von schützender Deckschicht; er lastete nun nicht mehr mit so quälendem Druck auf ihrem Herzen, wich allmählich in die Vergangenheit zurück, und Natascha begann sich auch körperlich zu erholen.
XVII
Natascha war nun ruhiger, aber nicht fröhlicher. Sie mied nicht nur alle äußeren Anregungen zur Freude: Bälle, Spazierfahrten, Konzerte, Theater, sondern auch, wenn sie wirklich einmal lachte, waren aus dem Lachen immer die Tränen herauszuhören. Zu singen war sie nicht imstande. Sowie sie zu lachen anfing oder allein für sich zu singen versuchte, kamen ihr die Tränen in die Kehle: Tränen der Reue, Tränen der Erinnerung an jene unwiederbringlich verlorene Zeit der Reinheit, Tränen des Ingrimms darüber, daß sie so ohne Grund und Zweck sich ihr junges Leben zerstört habe, das so glücklich hätte sein können. Lachen und Singen erschienen ihr ganz besonders als eine Art von Frevel gegen ihren Gram. An Koketterie dachte sie überhaupt nicht; hierin brauchte sie sich gar nicht erst irgendeine Zurückhaltung aufzuerlegen. Sie sagte (und das entsprach durchaus ihrem wahren Gefühl), daß ihr in dieser Zeit alle Männer genau so gleichgültig waren wie der Narr Nastasja Iwanowna. Vor ihrer Seele stand gleichsam ein Wachtposten, der jeder Freude streng den Eintritt verbot. Auch war das Interesse für gar manches, was ihr in der früheren sorglosen, hoffnungsreichen Mädchenzeit Vergnügen gemacht hatte, bei ihr erstorben. Am häufigsten und schmerzlichsten erinnerte sie sich an jene Herbstmonate, an die Jagd, an den Onkel und an die Weihnachtszeit, die sie mit Nikolai in Otradnoje verlebt hatte. Was hätte sie nicht darum gegeben, wenn sie auch nur einen einzigen Tag aus jener Zeit noch einmal hätte durchleben können! Aber das war nun für immer zu Ende. Ihre damalige Ahnung, daß jener Zustand der Freiheit und der Empfänglichkeit für alle Freuden ihr nie wiederkehren werde, hatte sie nicht getäuscht. Und doch mußte sie weiterleben.
Es war ihr tröstlich, zu denken, daß sie nicht etwa, wie sie früher gemeint hatte, besser, sondern schlechter, weit schlechter als alle, alle Menschen sei, die auf der Welt lebten. Aber damit war nichts getan. Sie wußte das und fragte sich: »Was nun weiter?« Aber es lag nichts weiter vor ihr; es gab keine Lebensfreude mehr für sie, und doch nahm das Leben seinen Gang. Nataschas Bemühen ging augenscheinlich nur dahin, niemandem zur Last zu sein und niemand zu stören; aber für sich selbst hatte sie keine Wünsche. Von allen ihren Angehörigen zog sie sich zurück, und nur in Gesellschaft ihres Bruders Petja fühlte sie sich wohler; mit ihm war sie lieber zusammen als mit den andern, und manchmal, wenn sie mit ihm unter vier Augen war, lachte sie sogar. Sie verließ das Haus fast gar nicht, und von den Leuten, die zu ihnen zu Besuch kamen, freute sie sich nur über einen Menschen, und das war Pierre. Es war unmöglich, zarter, rücksichtsvoller und zugleich ernster mit jemandem zu verkehren, als es Graf Besuchow mit ihr tat. Natascha empfand unbewußt diese Zartheit seines Benehmens, und daher machte ihr seine Gesellschaft das größte Vergnügen. Aber sie war ihm für seine Zartheit nicht einmal dankbar. Nichts Gutes, was Pierre tat, erschien ihr als Folge einer besonderen Bemühung. Bei Pierre erschien es als etwas so Natürliches, gut gegen alle Menschen zu sein, daß in seiner Güte weiter gar kein Verdienst lag. Mitunter bemerkte Natascha an Pierre eine gewisse Verlegenheit und Unbeholfenheit in ihrer Gegenwart, namentlich wenn er ihr etwas Angenehmes erweisen wollte, oder wenn er fürchtete, es könnte im Gespräch irgend etwas bei Natascha schmerzliche Erinnerungen wachrufen. Sie bemerkte das und führte es auf seine allgemeine Herzensgüte und Schüchternheit zurück, die, wie sie meinte, allen gegenüber gewiß die gleiche war wie ihr gegenüber. Nach jenen überraschenden Worten, die er im Augenblick der heftigsten Aufregung nur zu ihrem Trost, wie sie meinte, gesagt hatte: wenn er frei wäre, so würde er auf den Knien um ihre Hand und um ihre Liebe werben – nach diesen Worten hatte Pierre nie wieder zu Natascha von seinen Gefühlen gesprochen, und es war ihr sicher, daß er jene Worte, die ihr damals so wohltuend gewesen waren, in demselben Sinn gesprochen hatte, wie man eben all solche sinnlosen Worte spricht, um ein weinendes Kind zu trösten. Nicht deshalb, weil Pierre verheiratet war, sondern weil Natascha zwischen sich und ihm im höchsten Grad jene moralische Schranke fühlte, deren Fehlen sie Kuragin gegenüber empfunden hatte, kam ihr nie der Gedanke in den Sinn, daß aus ihrem Verhältnis zu Pierre sich eine Liebe von ihrer oder gar von seiner Seite entwickeln könne, oder auch nur jene Art von zärtlicher, sich offen aussprechender poetischer Freundschaft zwischen Mann und Frau, von der ihr einige Beispiele bekannt waren.
Gegen Ende der Petri-Fasten1kam Agrafena Iwanowna Bjelowa, eine Gutsnachbarin der Rostows, nach Moskau, um den Moskauer Heiligen ihre Verehrung zu bezeigen. Sie machte Natascha den Vorschlag, sich mit ihr zusammen zum Abendmahl vorzubereiten, und Natascha ergriff diesen Gedanken mit großer Freude. Trotz des Verbots der Ärzte, frühmorgens auszugehen, bestand Natascha darauf, sich durch Kirchenbesuch auf die heilige Handlung vorzubereiten, und zwar nicht in der Weise, wie das sonst in der Familie Rostow üblich war, d.h. durch Anhören von drei im Haus abgehaltenen Messen, sondern so, wie es Agrafena Iwanowna tat, d.h. eine ganze Woche lang, und ohne eine einzige Früh-, Mittags- oder Abendmesse zu versäumen.
Der Gräfin gefiel dieser Eifer Nataschas; bei der Erfolglosigkeit der medizinischen Behandlung hoffte sie im stillen, das Gebet werde ihrer Tochter mehr helfen als die Arzneien, und wenn auch mit einiger Besorgnis und verborgen vor dem Arzt willigte sie in Nataschas Wunsch ein und vertraute sie der Obhut von Agrafena Iwanowna an. Diese kam nun täglich um drei Uhr morgens, um Natascha zu wecken, traf sie aber meistens schon wach, da Natascha ängstlich darauf bedacht war, die Frühmesse nicht zu verschlafen. Eilig wusch sich Natascha, zog demütig ihr schlechtestes Kleid an, legte eine alte Mantille um und ging, in der Morgenkühle fröstelnd, auf die noch menschenleeren, vom Frührot schwach erhellten Straßen hinaus. Auf Agrafena Iwanownas Rat nahm Natascha ihre Vorbereitung nicht in ihrer eigenen Pfarrkirche vor, sondern in einer Kirche, in der nach Angabe dieser frommen Dame ein Geistlicher von besonders strengem, reinem Lebenswandel amtierte. In dieser Kirche waren immer nur sehr wenige Menschen; Natascha und Agrafena Iwanowna stellten sich an ihren gewöhnlichen Platz vor ein Bild der Mutter Gottes, das in die Rückwand der linken Chorestrade eingefügt war, und ein ihr neues Gefühl der Demut gegenüber dem Großen, Unbegreiflichen erfüllte Natascha, wenn sie in dieser ungewohnten Morgenstunde das schwarze, von den davor brennenden Kerzen und dem durch das Fenster dringenden Licht des Morgens beleuchtete Muttergottesbild anblickte und die Liturgie anhörte, der sie sich bemühte mit Verständnis zu folgen. Wenn sie sie verstand, so verschmolz ihr persönliches Empfinden in all seinen Abtönungen mit ihrem Gebet; verstand sie sie aber nicht, so war es ihr noch wonnevoller zu denken, daß der Wunsch, alles zu verstehen, ein verwerflicher Stolz sei, daß es unmöglich sei, alles zu verstehen, und man vielmehr nur glauben und sich Gott hingeben müsse, der (das fühlte sie) in diesem Augenblick in ihrer Seele waltete. Sie bekreuzte sich, verbeugte sich, und wo sie die liturgischen Gebete nicht verstand, da bat sie, in Angst über ihre eigene Schlechtigkeit, Gott nur, ihr alles, alles zu verzeihen und ihr gnädig zu sein. Diejenigen Gebete, denen sie sich mit besonderer Andacht hingab, waren die Reu-und Bußgebete. Kehrte sie dann in früher Morgenstunde nach Hause zurück, zu einer Zeit, wo auf der Straße nur Maurer, die zur Arbeit gingen, und Hausknechte, die die Straße fegten, zu sehen waren und in den Häusern noch alles schlief, dann empfand Natascha ein ihr neues Gefühl: die Hoffnung, daß es ihr gelingen werde, ihre Fehler abzulegen und ein neues, reines, glückliches Leben zu führen.
Während der ganzen Woche, in der sie sich so vorbereitete, wuchs dieses Gefühl bei ihr mit jedem Tag. Und das Glück, das heilige Abendmahl zu empfangen, erschien ihr als ein so großes, daß sie fürchtete, sie werde diesen beseligenden Sonntag gar nicht erleben.
Aber der glückliche Tag kam doch heran, und als Natascha an diesem für sie so denkwürdigen Sonntag im weißen Musselinkleid vom Abendmahl heimkehrte, fühlte sie sich zum erstenmal seit vielen Monaten ruhig und nicht von dem Leben, das ihr noch bevorstand, bedrückt.
Der Arzt, der gerade an diesem Tag einmal wieder kam, betrachtete Natascha mit prüfendem Blick und befahl, mit den letzten Pulvern fortzufahren, die er vierzehn Tage vorher verschrieben hatte.
»Unbedingt damit fortfahren, morgens und abends«, sagte er, offenbar selbst von aufrichtiger Befriedigung über seinen Erfolg erfüllt. »Nur, bitte, noch pünktlicher.«
»Seien Sie ganz beruhigt, Gräfin«, fügte er dann im andern Zimmer scherzend hinzu, indem er das Goldstück geschickt mit den weichen Teilen der Hand festhielt; »sie wird sehr bald wieder singen und Mutwillen treiben. Diese letzte Arznei ist ihr von großem Nutzen gewesen, von außerordentlichem Nutzen. Sie ist ordentlich wiederaufgelebt.«
Die Gräfin, die nicht frei von Aberglauben war, blickte schnell auf ihre Nägel und spuckte darauf, als sie mit heiterem Gesicht in den Salon zurückkehrte.
Fußnoten
1 Sie schließen am 28. Juni.
Anmerkung des Übersetzers.
XVIII
Zu Anfang des Juli verbreiteten sich in Moskau immer bedenklichere Gerüchte über den Gang des Krieges: es hieß, der Kaiser werde ein Manifest, einen Aufruf an das Volk erlassen und der Kaiser selbst werde von der Armee fortgehen und nach Moskau kommen. Und da bis zum 11. Juli der Aufruf noch nicht eingetroffen war, so gingen ganz arge Übertreibungen betreffs dieser Kundgebung und der Lage Rußlands von Mund zu Mund: der Kaiser verlasse die Armee deswegen, weil diese sich in Gefahr befinde; Smolensk habe sich ergeben; Napoleon verfüge über eine Million Soldaten, und nur ein Wunder könne Rußland noch retten.
Am 11. Juli, einem Sonnabend, kam das Manifest an, aber es war noch nicht gedruckt; und Pierre, der bei Rostows einen Besuch machte, versprach, am nächsten Tag, Sonntag, zum Mittagessen zu ihnen zu kommen und ein Exemplar mitzubringen, das er von dem Grafen Rastoptschin zu erhalten hoffte.
An diesem Sonntag fuhren Rostows wie gewöhnlich zur Messe nach der Hauskirche der Familie Rasumowski. Es war ein heißer Julitag. Schon um zehn Uhr, als Rostows vor der Kirchtür aus dem Wagen stiegen, waren an vielen Dingen die charakteristischen Merkmale eines solchen Tages wahrzunehmen: an der schwülen Luft, an der Art des Geschreis der fliegenden Händler, an den hellen, grellfarbigen Sommerkleidern der Menge, an den bestaubten Blättern der Bäume des Boulevards, an dem Klang der Musik und den weißen Hosen eines zur Wachtparade vorbeimarschierenden Bataillons, an dem eigenartigen Donnern des Pflasters unter den Wagenrädern und an dem scharfen Glanz der brennenden Sonne. Überall war jene sommerliche Mattigkeit zu spüren, bei der man mit dem gegenwärtigen Zustand halb zufrieden und halb unzufrieden ist, eine Stimmung, die sich an einem hellen, heißen Tag in der Stadt besonders stark fühlbar macht. In der Rasumowskischen Kirche war die ganze vornehme Welt von Moskau, lauter Bekannte der Familie Rostow; anwesend (in diesem Jahr waren, als ob sie irgendein besonderes Ereignis erwarteten, sehr viele reiche Familien, die sonst gewöhnlich auf das Land fuhren, in der Stadt geblieben). Als Natascha neben ihrer Mutter hinter dem Livreediener herging, der ihnen einen Weg durch die Menge bahnte, hörte sie, wie ein junger Mann einem andern mit Bezug auf sie allzu laut zuflüsterte:
»Das ist die Rostowa; Sie wissen schon …«
»Wie mager sie geworden ist; aber hübsch ist sie doch!« erwiderte der andere.
Darauf hörte sie oder meinte zu hören, daß die Namen Kuragin und Bolkonski genannt wurden. Übrigens war das eine Vorstellung, die sie fortwährend hatte. Sie glaubte immer, alle Leute, die sie ansähen, dächten an weiter nichts als an das, was mit ihr vorgefallen war. Voll schweren Leides und mit angsterfülltem Herzen, wie immer in größerer Menschenmenge, ging Natascha in ihrem lila seidenen, mit schwarzen Spitzen garnierten Kleid dahin, so wie eben Frauen zu gehen verstehen: um so ruhiger und stolzer, je mehr ihnen Schmerz und Scham das Herz zerreißen. Sie war überzeugt (und darin irrte sie nicht), daß sie schön war; aber das machte ihr jetzt nicht mehr wie früher Freude. Im Gegenteil bereitete ihr dies in letzter Zeit nur Qual, und ganz besonders an diesem klaren, heißen Sommertag in der Stadt. »Nun ist schon wieder ein Sonntag da, schon wieder eine Woche um«, sagte sie bei sich, in Erinnerung daran, daß sie am vorigen Sonntag in dieser selben Kirche gewesen war, »und immer dasselbe Leben, das kein Leben ist, und immer dieselben mich umgebenden Verhältnisse, in denen ich es früher so leicht fand zu leben. Ich bin schön und jung, und ich weiß, daß ich jetzt gut bin; früher war ich schlecht, aber jetzt bin ich gut, das weiß ich«, dachte sie; »und nun gehen meine besten, allerbesten Jahre unnütz und zwecklos, und ohne daß jemand etwas davon hat, vorüber.« Sie stellte sich neben ihre Mutter und nickte nahe stehenden Bekannten zu. Dann musterte sie nach ihrer Gewohnheit die Toiletten der Damen, tadelte innerlich die nachlässige Haltung einer in der Nähe stehenden Dame sowie deren unpassende Art, sich mit allzu kurzen Bewegungen zu bekreuzen, und mußte mit Schmerz daran denken, daß man über sie abfällig urteile und sie anderen gegenüber dasselbe tue. Und als sie nun die ersten Töne der Messe hörte, da erschrak sie über ihre eigene Schlechtigkeit, erschrak darüber, daß sie ihre frühere Reinheit schon wieder verloren hatte.
Ein alter Geistlicher von wohlgestalteter, sehr sauberer Erscheinung zelebrierte die Messe mit jener milden Feierlichkeit, die auf die Seelen der Andächtigen so erhebend und beruhigend wirkt. Die Tür zum Allerheiligsten schloß sich; langsam zog sich der Vorhang davor; eine geheimnisvolle, ruhige, leise Stimme sagte etwas von dorther. Zu Nataschas eigenem Staunen drängten sich ihr die Tränen in die Augen, und ein schmerzlich freudiges Gefühl erfüllte ihre Seele.
»Lehre mich, was ich tun soll, was ich mit meinem Leben beginnen soll, wie ich mich für alle Zeit bessern kann, für alle Zeit …!« dachte sie.
Der Diakonus trat heraus an das Lesepult, holte mit weit abgespreiztem Daumen sein langes Haar unter dem Chorrock hervor und brachte es in Ordnung, machte das Zeichen des Kreuzes über seiner Brust und begann laut und feierlich die Worte des Gebetes zu lesen:
»Lasset uns in Frieden zu Gott beten!«
»In Frieden«, dachte Natascha, »alle zusammen, ohne Unterschied des Standes, ohne Feindschaft, sondern durch brüderliche Liebe vereinigt, so wollen wir beten.«
»Um den Frieden von oben und um das Heil unserer Seelen!«
»Um den Frieden der Engel«, betete Natascha, »und der Seelen aller körperlosen Wesen, die über uns leben.«
Als für das Heer gebetet wurde, dachte sie an ihren Bruder und an Denisow. Bei dem Gebet für die Seefahrenden und Reisenden dachte sie an den Fürsten Andrei und betete für ihn und bat Gott, ihr das Böse zu verzeihen, das sie ihrem Verlobten angetan hatte. Als für die gebetet wurde, die uns lieben, betete sie für ihre Angehörigen, für ihren Vater, für ihre Mutter, für Sonja, indem sie sich jetzt zum erstenmal ihrer Schuld ihnen gegenüber in ihrem ganzen Umfang bewußt wurde und die ganze Kraft ihrer Liebe zu ihnen fühlte. Bei dem Gebet für die, die uns hassen, erdachte sie sich Feinde und Hasser, um für sie beten zu können. Zu den Feinden zählte sie die Gläubiger ihres Vaters und alle, welche unerfreuliche Geschäfte mit ihm hatten; auch erinnerte sie sich jedesmal bei dem Gedanken an die Feinde und Hasser an Anatol, der ihr soviel Böses getan hatte, und obgleich er nicht einer war, der sie haßte, so betete sie doch freudigen Herzens für ihn wie für einen Feind. Nur im Gebet fühlte sie sich imstande, klar und ruhig sowohl an den Fürsten Andrei als auch an Anatol zu denken, da ihre Gefühle gegen diese Menschen zu einem Nichts zusammenschrumpften im Vergleich mit ihrem Gefühl der Furcht und Andacht Gott gegenüber. Als für die kaiserliche Familie und den Synod gebetet wurde, verbeugte sie sich besonders tief und bekreuzte sich, indem sie sich sagte, wenn sie etwas nicht verstehe, so dürfe sie darum noch nicht zweifeln, und sie wolle trotzdem den regierenden Synod lieben und für ihn beten.
Nach Beendigung der Fürbitten legte der Diakonus die Stola über der Brust kreuzförmig zusammen und sagte:
»Uns selbst und unsern Leib übergeben wir Christo, unserm Gott.«
»Uns selbst übergeben wir Gott«, wiederholte Natascha in ihrer Seele. »Mein Gott, ich übergebe mich Deinem Willen«, dachte sie. »Nichts will ich, nichts begehre ich; lehre mich, was ich tun soll, wie ich meinen Willen gebrauchen soll! Nimm mich hin, nimm mich hin!« bat Natascha mit inbrünstiger Ungeduld; ohne sich zu bekreuzen, ließ sie die schlanken Arme heruntersinken und schien darauf zu warten, daß gleich im nächsten Augenblick eine unsichtbare Kraft sie erfassen und sie von sich selbst befreien werde, von ihren Schmerzen, Wünschen, Selbstvorwürfen, Hoffnungen und Fehlern.
Die Gräfin richtete während des Gottesdienstes mehrmals ihren Blick nach dem Gesicht ihrer Tochter, auf dem sich eine tiefe Ergriffenheit malte und in dem die Augen hell leuchteten, und betete zu Gott, er möge ihr helfen.
Mitten im Gottesdienst und der Ordnung desselben, welche Natascha genau kannte, nicht entsprechend brachte der Küster ein Bänkchen herbei, eben dasselbe, auf welches der Geistliche zu Pfingsten niederkniete, um das Festgebet zu lesen, und stellte es vor der Tür des Allerheiligsten auf. Der Geistliche kam mit seinem lila Samtkäppchen bedeckt heraus, strich sich die Haare zurecht und ließ sich mit Anstrengung auf die Knie nieder. Alle taten das gleiche und sahen einander erstaunt an. Es sollte jetzt ein Gebet folgen, das soeben vom Synod eingegangen war, ein Gebet um Rettung Rußlands von dem feindlichen Überfall.
»Allmächtiger Gott! Gott, der Du uns erlöset hast!« begann der Geistliche in jener klaren, schlichten, milden Art, in der nur die slawischen Geistlichen die Gebete lesen und die auf das russische Herz so unwiderstehlich wirkt.
»Allmächtiger Gott! Gott, der Du uns erlöset hast! Blicke heute in Deiner Gnade und Milde auf Deine demütigen Kinder herab, höre uns in Deiner Liebe zur Menschheit, nimm Dich unser an und erbarme Dich unser. Jener Feind, der auf Deiner Erde Unordnung und Verwirrung stiftet und alle Länder in Wüsten verwandeln will, hat sich gegen uns erhoben; jene gesetzlosen Menschen haben sich zusammengetan, um Dein Reich zu zerstören, um Dein teures Jerusalem, Dein geliebtes Rußland zu vernichten, um Deine Tempel zu schänden, Deine Altäre zu stürzen und alles, was uns heilig ist, zu entweihen. Wie lange, o Herr, wie lange sollen die Sünder noch frohlocken, wie lange noch ihre ungesetzliche Macht mißbrauchen?
Herr unser Gott! Erhöre uns, die wir zu Dir beten: stärke mit Deiner Kraft den allerfrömmsten Selbstherrscher, unsern erhabenen Kaiser und Herrn Alexander Pawlowitsch; gedenke seiner Gerechtigkeit und Milde; vergilt ihm nach seinen Tugenden, und möge er durch sie auch uns erhalten und bewahren, Dein geliebtes Israel. Segne seine Pläne, seine Unternehmungen und seine Taten; befestige mit Deiner allmächtigen Rechten sein Reich und gib ihm den Sieg über seine Feinde, wie Du Moses über Amalek, Gideon über Midian und David über Goliath siegen ließest. Schütze sein Kriegsheer; lehre die Arme derer, die sich in Deinem Namen wappnen, den ehernen Bogen spannen1und umgürte sie mit Deiner Kraft zum Kampf. Nimm Schwert und Schild und erhebe Dich zu unserem Beistand; mögen die, so uns Übles sinnen, zu Schimpf und Schanden werden; mögen sie vor dem Antlitz Deines getreuen Heeres sein wie Staub vor dem Wind und Dein starker Engel sie demütigen und vertreiben; möge ein Netz über sie kommen, ohne daß sie des gewahr werden; mögen sie fallen vor den Füßen Deiner Knechte und unsern Kriegern zur Beute werden! O Herr! Bei Dir ist nichts unmöglich, viele zu retten oder wenige; Du bist Gott, und der Mensch vermag nichts wider Dich.
Gott unserer Väter! Gedenke Deiner Gnade und Barmherzigkeit, die von Ewigkeit her sind; verwirf uns nicht von Deinem Angesicht aus Zorn über unsere Unwürdigkeit, sondern nach der Größe Deiner Gnade und der Fülle Deiner Wohltaten siehe nicht an unsere Übertretungen und Sünden. Schaff in uns ein reines Herz und gib uns einen neuen, rechten Geist; befestige uns alle im Glauben an Dich, stärke uns in der Hoffnung, entzünde in uns eine herzliche Liebe untereinander, rüste uns aus mit Einmütigkeit zur gerechten Verteidigung der Habe, die Du uns und unseren Vätern gegeben hast. Und möge nicht das Zepter der Gottlosen erhöhet werden auf dem Erbe der Frommen!
Herr unser Gott, an den wir glauben und auf den wir vertrauen, verstoße uns nicht aus Deiner Gnade und tue ein Zeichen zu unserem Heil, auf daß die, die uns und unseren wahren Glauben hassen, es sehen und zuschanden werden und untergehen und alle Lande es sehen, daß Dein Name, Herr, Herr ist und wir Deine Kinder sind. Zeige uns, Herr, jetzt Deine Gnade und gewähre uns Rettung; erfreue das Herz Deiner Knechte durch Deine Gnade; strecke unsere Feinde zu Boden und vernichte sie unter den Füßen Deiner Getreuen in Bälde. Denn Du bist der Beistand und die Hilfe und der Sieg derer, die auf Dich bauen, und Dir lobsingen wir, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.«
In dem Zustand seelischer Empfänglichkeit, in welchem sich Natascha befand, wirkte dieses Gebet sehr stark auf sie. Sie hörte jedes Wort von dem Sieg Moses über Amalek und Gideons über Midian und Davids über Goliath und von der Zerstörung »Deines Jerusalems« und betete zu Gott in jener innigen Rührung, von der ihr Herz voll war; aber sie verstand nicht recht, um was sie eigentlich Gott in diesem Gebet anflehte. Von ganzer Seele nahm sie teil an der Bitte um den rechten Geist und um die Befestigung des Herzens im Glauben und in der Hoffnung und um die Entzündung der Liebe im Herzen. Aber sie vermochte nicht darum zu beten, daß ihr ihre Feinde unter die Füße gelegt werden möchten, da sie erst wenige Minuten vorher gewünscht hatte, recht viel Feinde zu haben, um für sie beten zu können. Aber andrerseits konnte sie auch nicht an der Gerechtigkeit des Gebetes zweifeln, das der Geistliche in so feierlicher Form auf seinen Knien gesprochen hatte. Sie fühlte in ihrer Seele eine andächtige, ängstliche Beklommenheit vor der Strafe, die jeden Menschen für seine Sünden und insonderheit sie selbst für ihre Sünden treffen werde, und bat Gott, ihnen allen und auch ihr zu verzeihen und ihnen allen und auch ihr ein ruhiges, glückliches Leben zu verleihen. Und es war ihr, als werde Gott ihr Gebet erhören.
Fußnoten
1 Aus 2. Sam. 22, 35.
Anmerkung des Übersetzers.
XIX
Seit dem Tag, wo Pierre bei der Rückkehr von einem Besuch bei Rostows, noch mit dem Gedanken an Nataschas dankbaren Blick beschäftigt, den am Himmel stehenden Kometen betrachtet und gefühlt hatte, daß sich ihm ein neuer Gesichtskreis erschloß, seit diesem Tag war ihm jene Frage, die ihn früher fortwährend gequält hatte, die Frage nach der Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit alles irdischen Treibens, nicht mehr entgegengetreten. Diese furchtbare Frage nach dem Warum und dem Wozu, die sich ihm früher mitten in jeder Tätigkeit aufgedrängt hatte, war jetzt für ihn abgelöst worden nicht etwa durch eine andere Frage, auch nicht durch eine Antwort auf die frühere Frage, sondern durch den Gedanken an sie, an Natascha. Mochte er nun wertlose Gespräche anhören oder selbst führen, mochte er von menschlicher Gemeinheit und Torheit lesen oder hören: er erschrak nicht mehr wie früher, er fragte sich nicht mehr, warum die Menschen sich nur so mühen und sorgen, da doch alles so kurz und ungewiß ist, sondern er erinnerte sich an Natascha in der Gestalt, in der er sie zum letztenmal gesehen hatte, und alle seine Zweifel verschwanden, nicht weil sie ihm jene Frage beantwortet hätte, sondern weil der Gedanke an sie ihn sofort in ein anderes, helles Gebiet der Geistestätigkeit versetzte, auf dem es sich nicht um schuldfrei und schuldig handelte, in das Gebiet der Schönheit und Liebe, um derentwillen es sich der Mühe lohnte zu leben. Welche Gemeinheit auch immer ihm im Menschenleben vorkam, er sagte sich jetzt: »Nun, mag N.N. den Staat und den Kaiser bestehlen und mögen Staat und Kaiser ihn dafür mit Ehren und Würden belohnen: sie hat mir gestern zugelächelt und mich gebeten wiederzukommen, und ich liebe sie, und niemand wird es jemals erfahren.« Und in seiner Seele war es ruhig und hell.
Pierre besuchte Gesellschaften, ganz wie früher, trank ebensoviel und führte dasselbe müßige und zerstreute Leben, weil er außer den Stunden, die er bei Rostows zubrachte, auch die übrige Zeit hinbringen mußte und seine Gewohnheiten sowie die Bekanntschaften, die er in Moskau gemacht hatte, ihn unwiderstehlich zu diesem Leben hinzogen, das ihn in Beschlag genommen hatte. Aber in der letzten Zeit, als vom Kriegsschauplatz immer bedenklichere Gerüchte kamen, und als Nataschas Gesundheit sich besserte und sie nicht mehr bei ihm das frühere Gefühl sorglichen Mitleids erweckte, da begann sich seiner mehr und mehr eine ihm unbegreifliche Unruhe zu bemächtigen. Er fühlte, daß der Zustand, in dem er sich befand, nicht lange dauern konnte, daß eine Katastrophe heranrückte, die sein ganzes Leben verändern mußte, und suchte ungeduldig in allem nach Vorzeichen für diese herannahende Katastrophe. Von einem seiner Freimaurerbrüder wurde er auf folgende, aus der Offenbarung des Johannes entnommene Prophezeiung aufmerksam gemacht, die sich auf Napoleon beziehen sollte.
In der Offenbarung, Kapitel 13, Vers 18, heißt es: »Hier ist Weisheit. Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertundsechsundsechzig.«
Und in demselben Kapitel, Vers 5: »Und es ward ihm gegeben ein Mund, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ward ihm gegeben, daß es mit ihm währte zweiundviefzig Monate lang.«
Wenn man mit den französischen Buchstaben nach Art der hebräischen Zahlenbezeichnung verfährt, bei der die neun ersten Buchstaben die Einer und die folgenden die Zehner bezeichnen, so erhalten sie die folgenden Zahlenwerte:
a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160
Setzt man nun nach Maßgabe dieses Alphabets in dem Ausdruck L’Empereur Napoléon die entsprechenden Zahlen ein, so ergibt sich, daß die Summe dieser Zahlen 666 beträgt1und somit Napoleon jenes Tier ist, von dem die Weissagung in der Offenbarung handelt. Wenn ferner nach demselben Alphabet die Zahlenwerte der Buchstaben in den Worten quarante deux zusammengezählt werden, d.h. des Zeitraumes, der dem Tier gesetzt war, große Dinge und Lästerungen zu reden, so beträgt die Summe dieser Zahlen wieder 666, woraus folgt, daß die Grenze der Macht Napoleons im Jahre 1812 gekommen war, in welchem der französische Kaiser zweiundvierzig Jahre alt wurde. Diese Prophezeiung hatte für Pierre etwas Frappierendes, und er stellte sich oft die Frage, was denn nun eigentlich der Macht des Tieres, d.h. Napoleons, eine Grenze setzen werde, und versuchte aufgrund derselben Gleichsetzung von Buchstaben und Zahlen eine Antwort auf diese ihn beschäftigende Frage zu finden. Er schrieb als Antwort auf diese Frage die Worte L’Empereur Alexandre und La nation russe hin. Aber die Summe der Zahlen betrug mehr oder weniger als 666. Eines Tages, als er sich wieder einmal mit diesen Berechnungen beschäftigte, schrieb er seinen Namen hin: Comte Pierre Besouhoff; die Summe der Zahlen stimmte nicht. Er änderte die Orthographie, indem er ein z für das s setzte, fügte de oder den Artikel le hinzu, erhielt aber trotzdem nicht das gewünschte Resultat. Da kam ihm der Gedanke in den Sinn, wenn die Antwort auf jene Frage wirklich in seinem Namen stecken solle, so müsse in der Antwort unbedingt seine Nationalität angegeben sein. Er schrieb hin: Le Russe Besuhof und erhielt beim Zusammenzählen der Zahlen die Summe 671. Nur fünf war zuviel; fünf bedeutete e, eben jenes e, das in dem Artikel vor dem Wort Empereur weggelassen war. Indem Pierre nun ganz ebenso, allerdings gegen die Sprachregel, das e wegließ, erhielt er als gesuchte Antwort: L’Russe Besuhof, mit der Summe 666. Diese Entdeckung versetzte ihn in große Aufregung. Wie und durch welche Verknüpfung er mit jenem großen Ereignis, das in der Offenbarung prophezeit ist, in Beziehung stand, das wußte er nicht; aber an dem Vorhandensein einer solchen Verknüpfung zweifelte er auch nicht einen Augenblick. Seine Liebe zu der Komtesse Rostowa, der Antichrist, der Überfall Napoleons, der Komet, die Zahl 666, L’Empereur Napoléon und L’Russe Besuhof: alles dies zusammen mußte heranreifen, die Hülle sprengen und ihn aus jener verzauberten, wertlosen Welt der Moskauer Gewohnheiten, in denen er sich gefangen fühlte, befreien und zu einer großen Tat und zu einem großen Glück führen.
Am Tag vor jenem Sonntag, an welchem in der Kirche das Gebet verlesen wurde, hatte Pierre Rostows versprochen, ihnen von dem Grafen Rasteptschin, mit dem er gut bekannt war, den Aufruf des Kaisers und die letzten Nachrichten von der Armee zu bringen. Als er am Vormittag bei dem Grafen Rastoptschin vorsprach, fand er bei diesem einen soeben von der Armee eingetroffenen Kurier. Dieser Kurier war einer der Moskauer Balltänzer, mit denen Pierre bekannt war.
»Um des Himmels willen, können Sie mir nicht ein bißchen helfen?« fragte ihn der Kurier. »Ich habe eine ganze Reisetasche voll Briefe an Eltern.«
Unter diesen Briefen befand sich ein Brief von Nikolai Rostow an seinen Vater. Pierre nahm diesen Brief. Außerdem gab ihm Graf Rastoptschin den Aufruf des Kaisers an Moskau, der soeben gedruckt war, die letzten Tagesbefehle an die Armee und seinen eigenen letzten Maueranschlag. Als Pierre die Tagesbefehle an die Armee durchsah, fand er in einem von ihnen unter den Nachrichten über Verwundete, Gefallene und Dekorierte den Namen Nikolai Rostows, der für seine im Treffen bei Ostrowno bewiesene Tapferkeit das Georgskreuz vierter Klasse erhalten hatte, und in demselben Tagesbefehl die Ernennung des Fürsten Andrei Bolkonski zum Kommandeur eines Jägerregiments. Obgleich es ihm widerstrebte, Rostows an Bolkonski zu erinnern, so war es ihm doch Herzenssache, ihnen durch die Nachricht von der Dekorierung ihres Sohnes eine Freude zu bereiten; so schickte er denn, während er den Aufruf, den Maueranschlag und die andern Tagesbefehle in die Tasche schob, um sie ihnen zum Mittagessen selbst mitzubringen, jenen einen Tagesbefehl und den Brief ihnen sofort durch einen Boten zu.
Das Gespräch mit dem Grafen Rastoptschin und dessen sorgenvoller Ton und hastiges Wesen, dann die Begegnung mit dem Kurier, der in leichtfertiger Manier davon erzählte, wie schlecht die Dinge beim Heer ständen, ferner die Gerüchte von Spionen, die angeblich in Moskau entdeckt waren, und von einem in Moskau zirkulierenden Zeitungsblatt, in dem gesagt sein sollte, Napoleon habe erklärt, er werde bis zum Herbst in beiden russischen Hauptstädten sein, und endlich das Gespräch über die für den folgenden Tag erwartete Ankunft des Kaisers: alles dies erweckte bei Pierre mit neuer Kraft jenes Gefühl der Aufregung und Erwartung, das ihn seit dem Erscheinen des Kometen und namentlich seit dem Anfang des Krieges nicht mehr verlassen hatte.
Schon längst war ihm der Gedanke gekommen, in das Heer einzutreten, und er hätte diesen Gedanken auch zur Ausführung gebracht, wenn ihn nicht mehrere Umstände daran gehindert hätten. Erstens seine Zugehörigkeit zur Freimaurergesellschaft, mit der er durch einen Eid verbunden war und die den ewigen Frieden und die Abschaffung des Krieges predigte. Zweitens: wenn er eine große Menge von Moskauern ansah, die die Uniform angelegt hatten und nun Patriotismus predigten, genierte er sich einigermaßen, einen solchen Schritt zu unternehmen. Die Hauptursache aber, weswegen er seine Absicht, in das Heer einzutreten, nicht zur Ausführung brachte, lag in jener unklaren Vorstellung, daß er, L’Russe Besuhof, in dieser seiner Bezeichnung die Zahl des Tieres 666 an sich trage und also seine Beteiligung an der großen Aufgabe, die Macht des Tieres, welches große Dinge und Lästerungen sprach, zu beendigen, von Ewigkeit her vorausbestimmt sei und er deshalb nichts anderes unternehmen dürfe, sondern abwarten müsse, was sich vollziehen werde.
Fußnoten
1 Nein; dagegen würde ein sprachwidriges Le Empereur Napoléon die Summe 666 ergeben.
Anmerkung des Übersetzers.
XX
Bei Rostows waren, wie immer sonntags, ein paar nähere Bekannte zu Tisch; aber Pierre war absichtlich recht früh gekommen, um die Familie noch allein zu treffen.
Er war in diesem Jahr so dick geworden, daß er häßlich gewesen wäre, wenn er nicht einen so hohen Wuchs, einen so derben Gliederbau und eine solche Kraft besessen hätte, daß man ihm die Mühelosigkeit, mit der er sein Gewicht trug, ansehen konnte.
Schnaufend und etwas vor sich hinmurmelnd, stieg er die Treppe hinan. Sein Kutscher hatte, wie schon seit längerer Zeit, gar nicht gefragt, ob er auf ihn warten solle. Er wußte: wenn der Graf bei Rostows war, so dauerte es bis gegen zwölf Uhr. Die Rostowschen Diener stürzten erfreut auf ihn zu, um ihm Mantel, Stock und Hut abzunehmen; denn nach Klubgewohnheit ließ Pierre auch Stock und Hut im Vorzimmer.
Das erste Familienmitglied, welches er sah, war Natascha. Noch ehe er sie erblickte, hörte er sie, als er im Vorzimmer den Mantel ablegte. Sie sang im Saal Solfeggien. Er wußte, daß sie seit ihrer Krankheit nicht mehr gesungen hatte, und war daher überrascht und erfreut durch den Klang ihrer Stimme. Leise öffnete er die Tür und erblickte Natascha, wie sie in dem lila Kleid, in dem sie zur Messe gewesen war, im Saal hin und her ging und sang. Als er die Tür öffnete, wendete sie ihm beim Gehen gerade den Rücken zu; aber als sie sich kurz umdrehte und sein dickes, erstauntes Gesicht erblickte, errötete sie und trat schnell auf ihn zu.
»Ich wollte probieren, ob ich wieder singen kann«, sagte sie. »Es ist doch wenigstens eine Beschäftigung«, fügte sie wie zur Entschuldigung hinzu.
»Sie tun sehr recht daran«, erwiderte er.
»Wie freue ich mich, daß Sie gekommen sind! Ich bin heute so glücklich!« sagte sie mit der früheren Lebhaftigkeit, die Pierre an ihr schon lange nicht mehr gesehen hatte. »Wissen Sie schon, Nikolai hat das Georgskreuz bekommen. Ich bin so stolz auf ihn!«
»Freilich weiß ich es; ich habe ja den Tagesbefehl hergeschickt. Aber ich will Sie nicht weiter stören«, fügte er hinzu und wollte nach dem Salon weitergehen.
Natascha hielt ihn zurück.
»Graf! Ist das etwas Schlechtes, daß ich singe?« sagte sie und blickte errötend, aber ohne die Augen abzuwenden, Pierre fragend an.
»Nein, wieso denn? Im Gegenteil … Aber warum fragen Sie gerade mich?«
»Ich weiß es selbst nicht«, antwortete Natascha hastig. »Aber ich möchte nichts tun, was Ihnen mißfallen könnte. Ich habe zu Ihnen in allen Dingen ein großes Zutrauen. Sie wissen nicht, wie wichtig Sie für mich geworden sind, wieviel ich Ihnen zu verdanken habe!« Sie sprach schnell und bemerkte nicht, daß Pierre bei diesen Worten errötete. »Ich habe aus demselben Tagesbefehl ersehen, daß er, Bolkonski« (sie sprach diesen Namen eilig und flüsternd aus), »in Rußland ist und wieder im Dienst steht. Was meinen Sie«, sagte sie schnell; sie redete offenbar deswegen so hastig, weil sie fürchtete, ihre Kraft werde nicht vorhalten; »was meinen Sie: wird er mir jemals verzeihen? Wird er nicht immer gegen mich ein Gefühl des Hasses haben? Was meinen Sie? Wie denken Sie darüber?«
»Ich meine …«, erwiderte Pierre, »ich meine, er hat Ihnen nichts zu verzeihen … Wenn ich an seiner Stelle wäre …«
Eine natürliche Gedankenverknüpfung versetzte ihn in diesem Augenblick wieder in die Zeit zurück, wo er sie getröstet und zu ihr gesagt hatte, wäre er nicht der, der er wirklich wäre, sondern der beste Mensch auf der Welt und dabei frei, so würde er auf den Knien um ihre Hand bitten; und es ergriff ihn dasselbe Gefühl des Mitleids, der Zärtlichkeit und der Liebe, und dieselben Worte drängten sich ihm auf die Lippen. Aber sie ließ ihm nicht Zeit, sie auszusprechen.
»Ja, Sie … Sie …«, sagte sie, indem sie das Wort »Sie« mit besonderer Herzlichkeit sprach. »Das ist auch etwas anderes. Einen edleren, großmütigeren, besseren Menschen als Sie habe ich noch nie gekannt, und es kann auch keinen geben. Wenn Sie damals nicht gewesen wären, so weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre; und auch wenn ich Sie jetzt nicht hätte … denn …«
Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen; sie wendete sich ab, hob die Noten zu den Augen hinauf und begann wieder zu singen und im Saal auf und ab zu gehen.
In diesem Augenblick kam Petja aus dem Salon hereingelaufen.
Petja war jetzt ein hübscher, gesund aussehender fünfzehnjähriger Bursche mit dicken, roten Lippen; mit Natascha hatte er ziemlich viel Ähnlichkeit. Er bereitete sich zur Aufnahmeprüfung für die Universität vor, hatte aber in der letzten Zeit mit seinem Kameraden Obolenski zusammen heimlich beschlossen, zu den Husaren zu gehen.
Petja kam zu seinem Namensvetter hereingelaufen, um mit ihm über diese wichtige Angelegenheit zu reden; er hatte ihn gebeten, sich zu erkundigen, ob er wohl bei den Husaren werde angenommen werden.
Pierre ging nach dem Salon zu, ohne auf Petja hinzuhören. Petja faßte ihn an den Arm, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
»Nun, wie steht es mit meiner Angelegenheit, Pjotr Kirillowitsch? Ich bitte Sie inständig; Sie sind meine einzige Hoffnung«, sagte er.
»Ja, richtig, deine Angelegenheit. Du wolltest ja wohl zu den Husaren? Ich werde dir Bescheid geben, gewiß. Heute noch, über alles.«
»Nun, wie ist’s, mein Lieber? Haben Sie sich das Manifest verschafft?« fragte ihn im Salon der alte Graf. »Die Gräfin war zur Messe bei Rasumowskis und hat da ein neues Gebet mit angehört. Es ist sehr schön gewesen, sagt sie.«
»Ja, ich habe es bekommen«, erwiderte Pierre. »Morgen kommt der Kaiser. Es findet eine außerordentliche Adelsversammlung statt, und es heißt, es soll eine Aushebung von je zehn Mann auf das Tausend veranstaltet werden. Ja, und ich spreche Ihnen meinen Glückwunsch aus.«
»Ja, ja, Gott sei Dank. Nun, und was gibt es Neues von der Armee?«
»Die Unsrigen sind wieder zurückgegangen. Sie stehen schon bei Smolensk, heißt es«, antwortete Pierre.
»Mein Gott, mein Gott!« rief der Graf. »Wo haben Sie denn das Manifest?«
»Den Aufruf? Ach ja!«
Pierre begann in den Taschen nach seinen Papieren zu suchen, konnte sie aber nicht finden. Immer noch an seinen Taschen herumklopfend, küßte er der Gräfin, die eingetreten war, die Hand und sah sich dann unruhig um; er wartete offenbar auf Natascha, die nicht mehr sang, aber trotzdem nicht in den Salon kam.
»Wahrhaftig, ich weiß nicht, wo ich die Papiere gelassen habe«, sagte er.
»Na ja, Sie verlieren aber auch immer alles«, sagte die Gräfin.
Natascha kam mit wehmütig gerührter Miene herein, setzte sich hin und blickte Pierre schweigend an. Sowie sie ins Zimmer trat, strahlte Pierres bis dahin finsteres Gesicht, und er blickte, während er fortfuhr nach den Papieren zu suchen, mehrere Male zu ihr hin.
»Weiß der Himmel, ich muß sie zu Hause vergessen haben; ich werde noch einmal zurückfahren. Unter allen Umständen …«
»Aber, da kommen Sie ja zu spät zum Essen.«
»Ach, und der Kutscher ist ja auch weggefahren.«
Aber Sonja, die ins Vorzimmer gegangen war, um die Papiere dort zu suchen, fand sie in Pierres Hut, wo er sie sorgsam halb hinter das Futter gesteckt hatte. Pierre wollte nun mit dem Vorlesen beginnen.
»Nein, bitte nach Tisch!« sagte der alte Graf, der von dieser Vorlesung offenbar ein großes Vergnügen erwartete.
Bei Tisch wurde auf die Gesundheit des neuen Georgsritters Champagner getrunken, und Schinschin erzählte Stadtneuigkeiten: von der Krankheit der alten Fürstin von Grusien, und daß Métivier aus Moskau verschwunden sei, und daß Leute aus dem Volk zu dem Grafen Rastoptschin (dieser habe die Geschichte selbst erzählt) einen Deutschen gebracht und dem Grafen erklärt hätten, das sei ein Champignon (sie hätten »Spion« sagen wollen); Graf Rastoptschin habe Befehl gegeben, den Champignon wieder laufenzulassen, und den Leuten bedeutet, das sei kein Champignon, sondern ein ganz gewöhnlicher alter deutscher Pilz.
»Ja, man ist jetzt flink mit dem Arretieren bei der Hand!« rief der Graf. »Ich habe der Gräfin auch schon gesagt, sie soll nicht so viel französisch sprechen. Das ist in diesen Zeitläuften nicht angebracht.«
»Aber haben Sie das gehört?« sagte Schinschin. »Fürst Golizyn hat sich einen russischen Lehrer angenommen; er lernt russisch. Es fängt an gefährlich zu werden, wenn man auf der Straße französisch spricht.«
»Na, wie ist denn das, Graf Pjotr Kirillowitsch? Wenn die Landwehr aufgeboten wird, müssen Sie wohl auch zu Pferd steigen?« sagte der alte Graf, zu Pierre gewendet.
Pierre war während des ganzen Diners schweigsam und in Gedanken versunken gewesen. Als er von dem Grafen so angeredet wurde, blickte er ihn an, wie wenn er ihn nicht verstanden hätte.
»Ja, ja, in den Krieg«, sagte er. »Aber nein, was würde ich für ein Krieger sein! Übrigens, es ist alles so sonderbar, so sonderbar! Und ich verstehe mich selbst nicht. Ich weiß nicht, militärische Neigungen liegen mir eigentlich ganz fern, aber niemand kann in unserer jetzigen Zeit garantieren, was er morgen tun wird.«
Nach Tisch setzte sich der Graf gemächlich in einen Lehnstuhl und forderte mit ernstem Gesicht Sonja zum Vorlesen auf, da diese sich hierin einer besonderen Meisterschaft rühmen konnte.
»An unsere erste Residenzstadt Moskau.
Der Feind ist mit großen Streitkräften über die Grenze in Rußland eingedrungen und trachtet, unser geliebtes Vaterland zugrunde zu richten«, las Sonja eifrig mit ihrem hellen Stimmchen. Der Graf schloß die Augen, hörte zu und seufzte an einigen Stellen.
Natascha saß gerade aufgerichtet da und blickte bald ihrem Vater, bald Pierre forschend ins Gesicht.
Pierre fühlte ihren Blick auf sich gerichtet und vermied es, nach ihr hinzusehen. Die Gräfin wiegte bei jedem feierlichen Ausdruck des Manifestes mißbilligend und ärgerlich den Kopf hin und her. Sie entnahm sich aus all diesen Worten nur das eine, daß die Gefahren, die ihrem Sohn drohten, noch nicht so bald zu Ende sein würden. Schinschin, der seinen Mund zu einem spöttischen Lächeln verzogen hatte, stand offenbar auf dem Sprung, sich über das erstbeste lustig zu machen, was zum Spott Anlaß geben würde: über Sonjas Vorlesen, über das, was der Graf sagen würde, ja sogar über den Aufruf selbst, wenn sich kein besserer Gegenstand für seine Spottlust finden sollte.
Nachdem Sonja von den Gefahren gelesen hatte, von denen Rußland bedroht sei, und von den Hoffnungen, die der Kaiser auf Moskau und namentlich auf den altberühmten Adel setze, las sie mit einem Zittern der Stimme, das hauptsächlich durch die gespannte Aufmerksamkeit hervorgerufen wurde, mit der ihr alle zuhörten, die folgenden Worte: »Wir werden nicht zögern, selbst in der Mitte unseres Volkes in dieser Hauptstadt und an anderen Orten unseres Reiches zu erscheinen, um die erforderlichen Beratungen zu veranstalten und die nötigen Anweisungen für alle Verteidiger unseres Vaterlandes zu erteilen, sowohl für diejenigen, die schon jetzt dem Feind den Weg versperren, als auch für diejenigen, die neu eingestellt werden sollen, um ihn überall niederzuwerfen, wo er sich nur zeigen mag. Möge das Verderben, in das er uns zu stürzen gedenkt, sich auf sein eigenes Haupt wenden und das von der Knechtschaft befreite Europa den Namen Rußlands preisen!«
»So ist’s recht!« rief der Graf, die feuchten Augen öffnend. Und mehrmals von Schnauben unterbrochen, wie wenn man ihm ein Fläschchen mit starkem Riechsalz unter die Nase hielte, fuhr er fort: »Der Kaiser braucht nur ein Wort zu sagen, so bringen wir alles zum Opfer; nichts soll uns zu teuer sein!«
Schinschin hatte noch nicht Zeit gefunden, den Witz auszusprechen, den er bereits über den Patriotismus des Grafen zurechtgemacht hatte, als Natascha von ihrem Platz aufsprang und zu ihrem Vater hinlief.
»Was habe ich für einen prächtigen Vater!« rief sie und küßte ihn; und dann sah sie wieder nach Pierre hin mit der unbewußten Koketterie, die ihr zugleich mit ihrer Lebhaftigkeit wiedergekehrt war.
»Ei, ist das eine Patriotin!« bemerkte Schinschin.
»Gar nicht Patriotin, sondern einfach …«, erwiderte Natascha gekränkt. »Ihnen ist alles lächerlich; aber dies ist ganz und gar kein Scherz …«
»Keine Rede von Scherz!« stimmte der Graf bei. »Wenn der Kaiser nur ein Wort sagt, so kommen wir alle … Wir sind andere Leute wie diese Deutschen …«
»Aber haben Sie auch wohl beachtet«, sagte Pierre, »daß es in dem Aufruf heißt: ›um Beratungen zu veranstalten‹?«
»Na, ganz gleich, wozu …«
In diesem Augenblick trat Petja, auf den niemand geachtet hatte, zum Vater hin und sagte mit hochgerötetem Gesicht, wobei ihm die Stimme fortwährend überschlug, so daß sie bald tief, bald hoch klang: »Aber jetzt, lieber Papa, sage ich Ihnen mit aller Entschiedenheit … und auch Ihnen, liebe Mama, da mögen Sie sagen, was Sie wollen … ich sage Ihnen mit aller Entschiedenheit: lassen Sie mich als Soldat eintreten; denn ich bin nicht imstande … Ja, das war’s, was ich Ihnen sagen wollte!«
Die Gräfin blickte entsetzt zu ihm auf, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wandte sich ärgerlich zu ihrem Mann:
»Das hast du nun mit deinem Gerede angerichtet!« sagte sie.
Aber der Graf hatte sich nach der ersten Aufregung sogleich wieder gefaßt.
»Na, na!« sagte er. »Das ist noch mal ein Krieger! Laß die Dummheiten beiseite; du mußt lernen.«
»Das sind keine Dummheiten, Papa. Fjodor Obolenski ist jünger als ich und geht auch. Und vor allen Dingen, es ist ganz gleich, ich kann jetzt doch nicht lernen, wo …« Petja hielt inne, wurde dunkelrot und stieß dann heraus: »wo das Vaterland in Gefahr ist.«
»Hör auf, hör auf! Das sind Dummheiten.«
»Aber Sie haben doch selbst gesagt, wir wollten alles zum Opfer bringen.«
»Petja! Ich sage dir, schweig still!« rief der Graf und blickte dabei nach seiner Frau, die ganz blaß mit starren Augen ihren jüngsten Sohn ansah.
»Aber ich sage Ihnen, ich bleibe dabei. Und auch Pjotr Kirillowitsch hier wird Ihnen sagen …«
»Ich sage dir, das ist lauter dummes Zeug. Ist noch nicht trocken hinter den Ohren und will Soldat werden! Höre, was ich dir sage …« Der Graf schickte sich an, aus dem Zimmer zu gehen; die Papiere nahm er mit, wahrscheinlich um sie in seinem Zimmer vor dem Schläfchen noch einmal durchzulesen. »Nun, Pjotr Kirillowitsch, kommen Sie mit, rauchen Sie ein bißchen …«
Pierre war verlegen und unschlüssig. Nataschas ungewöhnlich lebhafte, glänzende Augen, die fortwährend mit einem mehr als bloß freundlichen Ausdruck auf ihn gerichtet waren, hatten ihn in diesen Zustand versetzt.
»Ich danke, ich muß wohl nach Hause …«
»Nach Hause? Aber Sie wollten doch den Abend über bei uns bleiben … Sie kommen in letzter Zeit überhaupt so selten zu uns. Und meine Tochter«, sagte der Graf gutherzig, auf Natascha weisend, »ist nur heiter, wenn Sie hier sind.«
»Ja, ich habe etwas vergessen … Ich muß ganz notwendig nach Hause … Geschäftliches …«, sagte Pierre hastig.
»Na, dann also auf Wiedersehen«, sagte der Graf, ging weiter zur Tür und verließ das Zimmer.
»Warum brechen Sie auf? Warum sind Sie so verstimmt? Warum denn?« fragte Natascha Pierre und blickte ihm in freundlich entgegenkommender Art in die Augen.
»Weil ich dich liebe!« wollte er sagen, sagte es aber nicht; er errötete, daß ihm beinah die Tränen kamen, und schlug die Augen nieder.
»Weil es für mich besser ist, wenn ich Sie seltener besuche«, sagte er. »Weil … Nein, ganz einfach, ich habe Geschäftliches zu erledigen …«
»Warum wollen Sie weg? Nein, sagen Sie es mir doch …«, begann Natascha in entschlossenem Ton, verstummte aber plötzlich.
Beide blickten einander erschrocken und verlegen an. Er machte einen Versuch zu lächeln, war aber dazu nicht imstande: sein Lächeln hatte einen schmerzlichen Ausdruck; er küßte ihr schweigend die Hand und ging.
Pierre nahm sich vor, Rostows nicht mehr zu besuchen.

