***

XII


Von dem jungen Volk waren nun, das zu Besuch anwesende Fräulein und die älteste Tochter der Gräfin nicht mitgerechnet (diese war vier Jahre älter als ihre Schwester und hielt sich schon für erwachsen), im Salon nur Nikolai und die Nichte Sonja zurückgeblieben. Sonja war eine kleine, schmächtige Brünette, mit weichblickenden, von langen Wimpern beschatteten Augen; das schwarze Haar war in einen schweren Zopf geflochten, der zweimal ihren Kopf umschlang; die Haut hatte im Gesicht und namentlich an den entblößten, mageren, aber graziösen und muskulösen Armen sowie auch am Hals einen gelblichen Farbton. Mit der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, der weichen Biegsamkeit ihrer kleinen Gliedmaßen und ihrem listig zurückhaltenden Wesen erinnerte sie an ein hübsches, aber noch nicht ausgewachsenes Kätzchen, das später einmal eine prächtige Katze werden wird. Sie hielt es wohl für ein Gebot der Höflichkeit, durch ein Lächeln ihr Interesse für das allgemeine Gespräch zu bekunden; aber wider ihren Willen blickten ihre Augen unter den langen, dichten Wimpern hervor mit einer so leidenschaftlichen, mädchenhaften Schwärmerei nach dem Vetter hin, der demnächst zur Armee abgehen sollte, daß ihr Lächeln niemand auch nur einen Augenblick lang täuschen konnte; es war ganz klar, daß das Kätzchen sich nur in der Absicht hingesetzt hatte, bald einen noch kräftigeren Sprung zu tun und ihr Spiel mit dem Vetter von neuem zu beginnen, sowie sie nur, wie Boris und Natascha, aus diesem Salon würden wieder herausgekommen sein.

»Ja, meine Teuerste«, sagte der alte Graf zu der Besucherin, indem er auf seinen Nikolai wies, »sein Freund Boris ist Offizier geworden, und aus Freundschaft will er sich nun nicht von ihm trennen. Er läßt die Universität und mich alten Mann im Stich und tritt in das Heer ein. Und es war schon eine Stelle in der Archivverwaltung für ihn in Bereitschaft und auch sonst alles geregelt. Das nennt man Freundschaft, nicht wahr?« schloß der Graf in fragendem Ton.

»Es heißt ja, daß der Krieg schon erklärt ist«, sagte die Besucherin.

»So heißt es schon lange«, erwiderte der Graf. »Es wird davon geredet und geredet, und weiter wird nichts. Ja, sehen Sie, meine Teuerste, das nennt man Freundschaft!« sagte er noch einmal. »Er tritt bei den Husaren ein.«

Da die Besucherin nicht wußte, was sie sagen sollte, so wiegte sie den Kopf hin und her.

»Ich tue es ganz und gar nicht aus Freundschaft«, entgegnete Nikolai; er war dunkelrot geworden und rechtfertigte sich wie gegen eine kränkende Verleumdung. »Ganz und gar nicht aus Freundschaft, sondern einfach, weil ich den Beruf zum Soldaten in mir fühle.«

Er sah sich nach seiner Kusine und dem zu Besuch gekommenen Fräulein um; beide blickten ihn beiläufig lächelnd an.

»Heute wird der Kommandeur des Pawlograder Husarenregimentes, Oberst Schubert, bei uns zum Diner sein. Er ist auf Urlaub hier in Moskau gewesen und nimmt unsern Sohn gleich mit. Was soll man dagegen tun?« sagte mit Achselzucken der Graf, welcher in scherzendem Ton über eine Angelegenheit sprach, die ihm offenbar viel Kummer machte.

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, lieber Papa«, erwiderte der Sohn, »daß ich, wenn Sie mich nicht weglassen mögen, hierbleiben werde. Aber ich weiß, daß ich zu nichts anderem tauge, als zum Soldaten; ich bin weder Diplomat noch Beamter; ich verstehe es nicht, meine Empfindungen zu verbergen«, sagte er, wobei er fortwährend mit der bei jungen, hübschen Leuten gewöhnlichen Koketterie zu Sonja und der andern jungen Dame hinblickte.

Das Kätzchen wandte kein Auge von ihm und schien jeden Augenblick bereit, das Spiel von neuem zu beginnen und seine ganze Katzennatur zu betätigen.

»Na, na, laß nur gut sein!« sagte der alte Graf. »Er wird immer gleich hitzig. Dieser Bonaparte hat ihnen allen den Kopf verdreht; nun denken sie alle daran, wie der aus einem einfachen Leutnant Kaiser geworden ist. Na, Gott geb’s!« fügte er hinzu, ohne das spöttische Lächeln der Besucherin zu bemerken.

Die Erwachsenen gerieten nun in ein Gespräch über Bonaparte hinein. Julja, die Tochter der Frau Karagina, wandte sich an den jungen Rostow.

»Wie schade, daß Sie Donnerstag nicht bei Archarows waren. Ich habe Sie recht sehr vermißt«, sagte sie mit einem entgegenkommenden Lächeln. Der geschmeichelte junge Mann setzte sich mit dem koketten Lächeln der Jugend an sie heran und ließ sich mit der lächelnden Julja in ein besonderes Gespräch ein, ohne auch nur zu ahnen, daß dieses sein unwillkürliches Lächeln das Herz der errötenden und gekünstelt lächelnden Sonja mit Messerstichen der Eifersucht zerfleischte. Mitten im Gespräch sah er zufällig einmal zu ihr hin. Sonja warf ihm einen Blick voll heißer Leidenschaft und lodernden Zornes zu, stand auf und verließ das Zimmer, da sie kaum mehr die Tränen in den Augen zurückhalten und das gekünstelte Lächeln auf den Lippen bewahren konnte. Nikolais ganze Lebhaftigkeit war mit einem Schlag verschwunden. Er paßte die erste Pause, die im Gespräch eintrat, ab und ging mit verstörtem Gesicht aus dem Zimmer, um Sonja aufzusuchen.

»Wie durchsichtig doch die Geheimnisse all dieser jungen Leute sind!« bemerkte Anna Michailowna, auf den hinausgehenden Nikolai deutend. »Ja, Vettern und Kusinen, das ist ein gefährlich Ding!« fügte sie hinzu.

»Ja«, sagte die Gräfin, nachdem der Sonnenstrahl, der mit dieser jungen Generation Eingang in den Salon gefunden hatte, nun wieder verschwunden war, und es klang, als antwortete sie damit auf eine Frage, die niemand an sie gerichtet hatte, die sie aber unaufhörlich beschäftigte, »wieviel Leid und Sorge hat man durchmachen müssen, um sich jetzt der Kinder zu freuen! Und auch jetzt hat man mehr Angst als Freude, das ist sicher. Immer schwebt man in Furcht, immerzu! Es ist gerade das Alter, das für die Mädchen und für die Knaben am gefährlichsten ist.«

»Es kommt dabei alles auf die Erziehung an«, meinte die Besucherin.

»Ja, da haben Sie recht«, fuhr die Gräfin fort. »Bis jetzt bin ich, Gott sei Dank, die Freundin meiner Kinder gewesen und besitze ihr volles Vertrauen.« (Sie teilte eben die Illusionen vieler Eltern, welche fest glauben, daß ihre Kinder vor ihnen keine Geheimnisse haben.) »Ich weiß, daß ich immer die erste Ratgeberin meiner Töchter sein werde, und daß unser Nikolai, auch wenn er infolge seines hitzigen Temperamentes einmal dumme Streiche machen sollte (ohne das geht es ja bei jungen Männern nicht ab), doch ein ganz anderer Mensch werden wird als diese Petersburger Herren.«

»Ja, es sind prächtige, prächtige Kinder!« fügte der Graf bekräftigend hinzu, welcher verwickelte Fragen, die ihm Schwierigkeiten machten, immer dadurch entschied, daß er alles prächtig fand. »Was soll man machen? Er will nun einmal Husar werden! Ja, was ist da zu tun, meine Teuerste!«

»Was ist aber Ihre Jüngste für ein allerliebstes Wesen!« äußerte die Besucherin. »Welch eine sprühende Lebhaftigkeit!«

»Jawohl, eine sprühende Lebhaftigkeit«, sagte der Graf beistimmend. »Sie artet nach mir. Und was sie für eine Stimme hat! Obgleich sie meine Tochter ist, muß ich doch wahrheitsgemäß sagen: sie wird eine bedeutende Sängerin werden, eine zweite Salomoni. Wir lassen ihr von einem Italiener Unterricht geben.«

»Ist das nicht etwas früh? Es heißt doch, es wäre der Stimme schädlich, wenn man in diesem Lebensalter schon Gesangstunden nimmt.«

»O nein, wie sollte das zu früh sein!« entgegnete der Graf. »Unsere Mütter haben ja doch im Alter von zwölf, dreizehn Jahren sogar schon geheiratet!«

»Sie ist schon jetzt in Boris verliebt! Was sagen Sie dazu?« bemerkte die Gräfin, indem sie mit einem leisen Lächeln die Mutter des jungen Boris anblickte, und fuhr dann, offenbar in Verfolgung eines Gedankens, der sie dauernd beschäftigte, fort: »Sehen Sie, wenn ich streng gewesen wäre und es ihr verboten hätte … Gott weiß, was die beiden dann heimlich getan haben würden« (die Gräfin meinte damit, daß sie sich dann vielleicht geküßt hätten); »aber jetzt weiß ich jedes Wort, das über Nataschas Lippen kommt. Ganz von selbst kommt sie abends immer zu mir gelaufen und erzählt mir alles. Vielleicht verwöhne ich sie etwas; aber das scheint doch wirklich immer noch besser zu sein als das Gegenteil. Die Älteste habe ich streng gehalten.«

»Ja, ich bin ganz anders erzogen worden«, sagte die älteste Tochter, die schöne Gräfin Wjera, lächelnd. Aber durch dieses Lächeln wurde Wjeras Gesicht nicht verschönert, wie es doch bei den meisten Menschen der Fall ist; ihr Gesicht bekam dabei vielmehr etwas Unnatürliches und deshalb Unangenehmes. Die älteste Tochter Wjera war hübsch, sie war klug, hatte in der Schule vortrefflich gelernt, war gut erzogen, hatte eine angenehme Stimme; was sie da soeben gesagt hatte, war richtig und passend; aber merkwürdig: sowohl die Besucherin als auch die Gräfin sahen sie an, als wenn sie erstaunt wären, wozu sie das gesagt habe, und hatten dabei eine unbehagliche Empfindung.

»Mit den ältesten Kindern stellt man immer allerlei Experimente an«, sagte die Besucherin. »Man will immer aus ihnen etwas Besonderes machen.«

»Ich muß allerdings gestehen, meine Teuerste: meine liebe Frau hat mit Wjera herumexperimentiert«, sagte der Graf. »Na, aber trotzdem: sie ist doch ein prächtiges Mädchen geworden«, fügte er hinzu, indem er der Tochter beifällig mit den Augen zuzwinkerte.

Die beiden Besucherinnen standen auf und entfernten sich, nachdem sie versprochen hatten, zum Diner wiederzukommen.

»Was das für eine Manier ist! Sie haben ja eine Ewigkeit dagesessen!« sagte die Gräfin, nachdem sie den Besuch ins Vorzimmer begleitet hatte.


XIII


Als Natascha den Salon so eilig verlassen hatte, war sie nur bis in das Blumenzimmer gelaufen. Hier blieb sie stehen, horchte auf das Gespräch im Salon und wartete darauf, daß Boris herauskommen werde. Sie begann schon ungeduldig zu werden, stampfte mit dem Füßchen und war schon nahe daran, in Tränen darüber auszubrechen, daß er nicht sofort kam, als sie die wohlanständigen, weder zu langsamen noch zu schnellen Schritte des jungen Mannes hörte. Schnell sprang Natascha zwischen die Blumenkübel und versteckte sich.

Boris blieb mitten im Zimmer stehen, sah sich um, entfernte mit der Hand einige Stäubchen vom Ärmel seiner Uniform, trat dann an den Spiegel und betrachtete sein hübsches Gesicht. Natascha, die sich mäuschenstill verhielt, lugte aus ihrem Versteck hervor, in Erwartung, was er nun wohl tun werde. Er stand ein Weilchen vor dem Spiegel, lächelte und schritt dann zur Ausgangstür hin. Natascha wollte ihn zuerst anrufen, besann sich aber dann eines anderen.

»Mag er mich suchen«, sagte sie sich. Kaum war Boris fort, als durch die andere Tür Sonja hereintrat; ihr Gesicht war dunkelrot, die Tränen standen ihr in den Augen, und sie flüsterte zornig etwas vor sich hin. Nataschas erste Bewegung war, hervorzustürzen und zu ihr hinzueilen; aber sie beherrschte sich noch, blieb in ihrem Versteck und sah nun wie unter einer Tarnkappe zu, was da im Zimmer vorging. Sie empfand dabei ein ganz neues, eigenartiges Vergnügen. Sonja murmelte etwas Unverständliches und sah dabei nach der Tür, die zum Salon führte. Durch diese Tür kam jetzt Nikolai in das Blumenzimmer.

»Sonja, was hast du? Wie kannst du nur so sein?« rief Nikolai und eilte zu ihr hin.

»Nichts, nichts, lassen Sie mich!« schluchzte Sonja.

»Nein, ich weiß, was du hast.«

»Nun, wenn Sie das wissen, dann ist es ja schön! Dann gehen Sie nur zu ihr!«

»So-o-onja! Hör nur ein Wort! Wie kannst du nur mich und dich um eines solchen Hirngespinstes willen quälen?« sagte Nikolai und ergriff sie bei der Hand. Sonja entriß ihm ihre Hand nicht und hörte auf zu weinen.

Ohne sich zu rühren, mit angehaltenem Atem und leuchtenden Augen verfolgte Natascha aus ihrem Versteck diesen Vorgang. »Was wird nun weiter geschehen?« dachte sie.

»Sonja, ich frage nichts nach der ganzen Welt! Du bist mein ein und alles!« sagte Nikolai. »Ich will es dir beweisen.«

»Ich kann es nicht ertragen, wenn du mit einer andern so redest wie vorhin.«

»Nun, ich werde es nicht wieder tun; aber nun verzeih mir auch, Sonja!« Er zog sie an sich und küßte sie.

»Ach, wie schön!« dachte Natascha, und als Sonja und Nikolai aus dem Zimmer hinausgegangen waren, ging sie ihnen nach und rief Boris zu sich.

»Boris, kommen Sie doch mal hierher!« sagte sie mit wichtiger schlauer Miene. »Ich muß Ihnen etwas sagen. Hierher, hierher!« Damit führte sie ihn das Blumenzimmer zu der Stelle zwischen den Blumenkübeln, wo sie sich versteckt gehalten hatte. Boris folgte ihr lächelnd.

»Nun, was wird denn das für eine wichtige Mitteilung sein?« fragte er. Sie wurde verlegen, sah sich rings um und erblickte ihre Puppe, die sie auf einen Blumenkübel geworfen hatte; sie nahm sie in beide Hände.

»Küssen Sie doch mal meine Puppe!« sagte sie.

Boris betrachtete ihr erregtes Gesicht mit prüfendem, freundlichem Blick und antwortete nichts.

»Wollen Sie das nicht? Nun, dann kommen Sie hierher«, fuhr sie fort, ging tiefer in das Dickicht der Gewächse hinein und warf die Puppe hin. »Näher, noch näher!« flüsterte sie. Sie faßte den jungen Offizier mit beiden Händen an dem einen Ärmelaufschlag, und auf ihrem erröteten Gesicht prägten sich ein feierlicher Ernst und eine gewisse Bangigkeit aus.

»Aber mich, wollen Sie mich küssen?« flüsterte sie kaum hörbar und blickte ihn mit gesenkter Stirn von unten herauf an, lächelnd und gleichzeitig vor Aufregung beinahe weinend.

Boris errötete.

»Aber wie komisch Sie sind!« murmelte er, beugte sich zu ihr herab und errötete noch stärker, aber ohne etwas zu unternehmen; er wartete, was etwa noch weiter kommen würde.

Plötzlich sprang sie auf einen Blumenkübel hinauf, so daß sie höher mit dem Kopf war als Boris, umarmte ihn, so daß ihre beiden dünnen, bloßen Ärmchen ihn oberhalb des Halses umschlangen, warf mit einer ruckartigen Kopfbewegung ihr Haar nach hinten zurück und küßte ihn gerade auf den Mund.

Dann schlüpfte sie zwischen den Blumentöpfen hindurch nach der andern Seite der Blumengruppe und blieb dort mit gesenktem Kopf stehen.

»Natascha«, sagte er, »Sie wissen, daß ich Sie liebhabe, aber …«

»Lieben Sie mich?« unterbrach ihn Natascha.

»Ja, ich liebe Sie; aber ich bitte Sie, wir wollen das nicht wieder tun, was Sie jetzt eben … Noch vier Jahre … Dann werde ich Sie um Ihre Hand bitten.« Natascha dachte nach.

»Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn …«, zählte sie an ihren feinen Fingerchen. »Nun schön! Also abgemacht?« Und ein Lächeln der Freude und Beruhigung erhellte ihr erregtes Gesichtchen.

»Abgemacht!« erwiderte Boris.

»Für immer«, fragte das kleine Mädchen. »Bis zum Tod?«

Sie faßte ihn unter den Arm und ging mit glückstrahlendem Gesicht langsam an seiner Seite nach dem Sofazimmer.


XIV


Die Gräfin war von den vielen Besuchen, die sie empfangen hatte, dermaßen ermüdet, daß sie Befehl gab, niemand weiter anzunehmen; der Portier wurde angewiesen, alle, die noch zum Gratulieren kommen würden, ausnahmslos einfach zum Diner einzuladen. Die Gräfin hatte den innigen Wunsch, sich mit der Fürstin Anna Michailowna, ihrer Freundin von den Tagen der Kindheit her, mit der sie seit deren Rückkehr aus Petersburg noch nicht ordentlich zusammen gewesen war, unter vier Augen auszusprechen. Anna Michailowna mit ihrem vergrämten, aber angenehmen Gesicht rückte näher an den Sessel der Gräfin heran.

»Dir gegenüber werde ich völlig aufrichtig sein«, sagte Anna Michailowna. »Wie wenige von uns alten Freundinnen sind jetzt noch übrig! Daher lege ich auch so hohen Wert auf deine Freundschaft.«

Anna Michailowna blickte wiederholt nach Wjera hin und schwieg dann. Die Gräfin drückte ihrer Freundin die Hand.

»Wjera«, sagte die Gräfin zu ihrer ältesten Tochter, der sie offenbar weniger Liebe zuwendete als der jüngeren, »daß ihr Kinder manchmal so schwer begreift! Merkst du denn nicht, daß deine Anwesenheit hier unerwünscht ist? Geh zu den andern oder …«

Die schöne Wjera lächelte geringschätzig, fühlte sich aber anscheinend nicht im geringsten gekränkt.

»Wenn Sie mir das vorhin gesagt hätten, liebe Mama, so wäre ich sofort gegangen«, erwiderte sie und verließ den Salon, um nach ihrem Zimmer zu gehen.

Aber als sie durch das Sofazimmer kam, sah sie, daß dort an den beiden Fenstern symmetrisch zwei Paare saßen. Wieder geringschätzig lächelnd blieb sie stehen. Sonja saß dicht neben Nikolai, der ihr von einigen Versen, den ersten, die er jemals verfertigt hatte, eine Abschrift machte. Boris und Natascha saßen an dem andern Fenster und brachen bei Wjeras Eintritt ihr Gespräch ab. Sonja und Natascha blickten mit schuldbewußten, glückseligen Gesichtern Wjera an.

Es war eigentlich vergnüglich und rührend, diese beiden verliebten Mädchen zu sehen; aber bei Wjera erweckte ihr Anblick offenbar keine angenehmen Empfindungen.

»Wie oft habe ich euch nicht schon gebeten, meine Sachen nicht zu nehmen«, sagte sie. »Ihr habt ja doch euer eigenes Zimmer.« Mit diesen Worten nahm sie ihrem Bruder Nikolai das Tintenfaß weg.

»Gleich, gleich!« rief er und tauchte schnell noch einmal ein.

»Ihr benehmt euch doch fortwährend unschicklich«, schalt Wjera weiter. »Vorhin kamt ihr in den Salon in einer Weise hereingestürmt, daß wir alle uns für euch schämen mußten.« Obwohl oder gerade weil das, was sie sagte, durchaus richtig war, antwortete ihr niemand, und alle vier wechselten nur untereinander Blicke. Wjera, das Tintenfaß in der Hand haltend, zögerte noch, das Zimmer zu verlassen.

»Und wie könnt ihr denn in eurem Lebensalter Heimlichkeiten miteinander haben, Natascha mit Boris, und ihr beiden andern? Immer nur Dummheiten!«

»Sollst du dich denn darum kümmern, Wjera?« erwiderte als Verteidigerin der vier Getadelten Natascha mit leiser, sanfter Stimme. Sie schien heute gegen alle Menschen noch gutmütiger und freundlicher gesinnt zu sein, als sie sonst schon immer war.

»Ein dummes Benehmen ist das!« sagte Wjera. »Ich schäme mich für euch. Was sind das für Heimlichkeiten?«

»Jeder hat seine besonderen Heimlichkeiten. Wir machen dir ja auch keine Vorwürfe wegen deines Herrn Berg«, versetzte Natascha, die nun hitzig wurde.

»Das will ich meinen, daß ihr das nicht tut und nicht tun könnt«, erwiderte Wjera. »In meinem Verhalten wird nie jemand etwas Ungehöriges finden können. Aber ich werde Mama erzählen, wie du mit Boris umgehst.«

»Natalja Iljinischna geht mit mir sehr gut und freundlich um«, bemerkte Boris. »Ich kann mich nicht beklagen.«

»Reden Sie nicht so, Boris«, sagte Natascha, »Sie sind ja ein arger Diplomat« (dem Wort »Diplomat« hatten die Kinder eine besondere Bedeutung beigelegt und gebrauchten es in dieser Bedeutung sehr häufig). »Das ist ja unerträglich«, fuhr sie fort, und ihre Stimme zitterte im Gefühl der erlittenen Kränkung. »Warum fängt sie immer mit mir an?«

»Du wirst dafür nie ein Verständnis haben«, sprach sie, zu Wjera gewendet, weiter, »weil du nie jemand geliebt hast; du hast kein Herz; du bist nur eine Madame de Genlis«1(diesen Spitznamen, der als eine schwere Beleidigung betrachtet wurde, hatte Nikolai seiner Schwester Wjera beigelegt), »und für dich ist es das größte Vergnügen, anderen Menschen Unannehmlichkeiten zu bereiten. Aber du, du darfst natürlich mit Herrn Berg kokettieren, soviel du Lust hast!« Sie hatte schnell und hastig gesprochen.

»Jedenfalls werde ich nicht vor den Augen fremder Gäste einem jungen Mann nachlaufen …«

»Na, nun hat sie erreicht, was sie wollte!« griff jetzt Nikolai in das Gespräch ein. »Sie hat uns allen Kränkendes gesagt und uns allen die Laune verdorben. Kommt, wir wollen in das Kinderzimmer gehen!« Wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm erhoben sich alle vier und verließen das Zimmer.

»Ihr habt mir Kränkendes gesagt, ich niemandem«, entgegnete Wjera.

»Madame de Genlis! Madame de Genlis!« riefen lachende Stimmen noch von der andern Seite der Tür zurück.

Die schöne Wjera, durch deren Reden sich alle so unangenehm berührt und gereizt fühlten, lächelte; anscheinend ohne daß das, was ihr gesagt worden war, irgendeinen Eindruck auf sie gemacht hätte, trat sie an den Spiegel und brachte ihre Schärpe und ihre Frisur in Ordnung; während sie ihr schönes Gesicht betrachtete, schien sie immer kühler und ruhiger zu werden.


Im Salon nahm das begonnene Gespräch seinen Fortgang.

»Ach ja, meine Teuere«, sagte die Gräfin, »auch in meinem Leben ist nicht alles voller Rosen. Ich kann nicht blind dagegen sein, daß bei dem ganzen Zuschnitt unseres Lebens unser Vermögen nicht mehr lange vorhalten wird! Und das Schlimmste dabei ist der Klub und meines Mannes Gutherzigkeit. Selbst wenn wir auf dem Land wohnen, führen wir kein stilles, ruhiges Leben: da finden Theateraufführungen und Jagden und Gott weiß was alles statt. Aber wozu sprechen wir von mir? Wie hast denn du eigentlich deine ganzen Angelegenheiten zurechtgebracht? Ich bewundere dich oft, liebe Anna, wie du bei deinen Jahren so ganz allein weite Strecken im Reisewagen auf der Landstraße hin und her jagst, wie du bald nach Moskau, bald nach Petersburg fährst, zu allen Ministern, zu allen vornehmen Leuten gehst und alle zu behandeln verstehst; ich bewundere dich! Nun, wie hat sich denn alles einrichten lassen? Siehst du, ich, ich verstehe mich auf all solche Dinge nicht.«

»Ach, liebes Herz«, antwortete die Fürstin Anna Michailowna, »Gott wolle verhüten, daß du je erfährst, wie schwer es ist, als Witwe ohne Stütze zurückzubleiben und für einen heißgeliebten Sohn sorgen zu müssen. Aber man lernt schließlich alles«, fuhr sie mit einem gewissen Stolz fort. »Mein Prozeß hat mich in mancher Hinsicht klug gemacht. Wenn ich eins dieser großen Tiere notwendig sprechen muß, so schreibe ich ihm ein Billett: ›Die Fürstin Soundso wünsche Herrn Soundso zu sprechen‹ und fahre persönlich in einer gewöhnlichen Droschke nötigenfalls zweimal, dreimal, viermal zu ihm hin, bis ich erreicht habe, was ich brauche. Was so einer dann von mir denkt, ist mir ganz gleichgültig.«

»Nun, wen hast du denn für deinen Boris um seine Verwendung gebeten?« fragte die Gräfin. »Dein Sohn ist ja jetzt schon Gardeoffizier, und unser Nikolai tritt erst als Junker ein. Er hat keinen hohen Fürsprecher. An wen hast du dich denn gewendet?«

»An den Fürsten Wasili. Er war überaus freundlich und sofort zu allem bereit; er hat die Sache dem Kaiser vorgetragen«, berichtete die Fürstin Anna Michailowna ganz entzückt; all die Demütigungen, denen sie sich hatte unterziehen müssen, um ihr Ziel zu erreichen, vergaß sie dabei vollständig.

»Der sieht wohl auch schon recht alt aus, der Fürst Wasili?« fragte die Gräfin. »Ich habe ihn, seit wir bei Rumjanzews zusammen Theater spielten, nicht mehr wiedergesehen. Ich denke mir, er hat mich vergessen. Er machte mir damals die Cour.« Die Gräfin lächelte bei dieser Erinnerung.

»Er ist immer noch derselbe«, antwortete Anna Michailowna. »In Liebenswürdigkeiten und Gefälligkeiten kann er sich gar nicht genugtun. Seine hohe Stellung hat in seinem Wesen keine Veränderung herbeigeführt. ›Es tut mir leid, daß ich nur so wenig für Sie tun kann, liebe Fürstin‹, sagte er zu mir; ›aber verfügen Sie ganz über mich.‹ Wirklich, er ist ein prächtiger Mensch, ein außerordentlich guter Verwandter. Aber du kennst meine Liebe zu meinem Sohn, Natalja. Ich weiß nichts, was mir zu schwer wäre, um sein Glück zu fördern. Aber meine pekuniären Verhältnisse sind so schlecht«, fuhr Anna Michailowna mit trauriger Miene und leiser Stimme fort, »so schlecht, daß ich mich jetzt in der allerschrecklichsten Lage befinde. Mein unseliger Prozeß frißt alles auf und kommt nicht vom Fleck. Kannst du dir das vorstellen: ich habe manchmal nicht zehn Kopeken in meinem Besitz und weiß jetzt nicht, wie ich die Equipierung meines Boris bezahlen soll.« Sie nahm das Taschentuch heraus und fing an zu weinen. »Ich brauche fünfhundert Rubel und besitze gerade noch einen einzigen Fünfundzwanzigrubelschein. Ich bin in einer solchen Lage, daß … Meine einzige Hoffnung beruht jetzt auf dem Grafen Kirill Wladimirowitsch Besuchow. Wenn der sich nicht geneigt zeigt, sein Patenkind zu unterstützen (er ist ja der Taufpate meines Boris) und ihm eine Summe zu seinem Unterhalt auszusetzen, so sind alle meine bisherigen Bemühungen zwecklos gewesen: ich habe kein Geld, um ihn zu equipieren.«

Der Gräfin traten vor Mitgefühl die Tränen in die Augen; sie schwieg, in Überlegungen versunken.

»Ich denke oft«, fuhr die Fürstin fort, »es ist ja vielleicht Sünde, aber ich denke oft: da lebt nun Graf Kirill Wladimirowitsch Besuchow ganz einsam und allein … so ein riesiges Vermögen … und wozu lebt er? Ihm ist das Leben nur noch eine Last, Boris dagegen fängt eben erst an zu leben.«

»Er wird deinem Boris gewiß etwas hinterlassen«, sagte die Gräfin.

»Gott weiß, ob er das tut, liebe Freundin! Diese reichen, hohen Herren sind so entsetzlich egoistisch. Aber ich will doch gleich jetzt mit Boris zu ihm fahren und ihm offen sagen, wie es steht. Mögen die Leute von mir denken, was sie wollen; mir ist das wirklich ganz gleichgültig, wenn das Schicksal meines Sohnes davon abhängt.« Die Fürstin erhob sich. »Jetzt ist es zwei Uhr, und um vier beginnt bei euch das Diner. Da habe ich noch Zeit hinzufahren.«

Und als praktische Petersburgerin, die die Zeit auszunutzen weiß, ließ Anna Michailowna ihren Sohn rufen und ging mit ihm ins Vorzimmer.

»Adieu, mein Herz!« sagte sie zu der Gräfin, die ihr bis zur Tür das Geleit gab. »Wünsche mir guten Erfolg«, fügte sie, mit Rücksicht auf den Sohn, flüsternd hinzu.

»Sie wollen zum Grafen Kirill Wladimirowitsch, meine Teuerste?« fragte der Graf vom Speisesaal aus und kam ebenfalls ins Vorzimmer. »Wenn es ihm besser geht, so laden Sie doch Pierre zum Diner bei uns ein. Er hat ja früher in unserm Haus verkehrt und mit den Kindern getanzt. Vergessen Sie ja nicht, ihn dringend einzuladen, meine Teuerste. Na, nun wollen wir mal sehen, ob unser Koch Taras uns heute Ehre macht. Er sagt ja, daß es nicht einmal beim Grafen Orlow jemals ein solches Diner gegeben hat, wie unseres heute sein wird.«


Fußnoten


1 Eine französische Schriftstellerin; sie schrieb Lustspiele, in denen keine Männerrollen und keine Liebesintrigen vorkommen, sowie eine Menge von pädagogischen Büchern.

Anmerkung des Übersetzers.


XV

»Lieber Boris«, sagte die Fürstin Anna Michailowna zu ihrem Sohn, als die Equipage der Gräfin Rostowa, in der sie saßen, auf der mit Stroh belegten Straße hinfuhr und nun in den weiten Hof des Grafen Kirill Wladimirowitsch Besuchow einbog. »Lieber Boris«, sagte die Mutter, indem sie ihre Hand unter der alten Saloppe hervornahm und sie mit einer schüchternen, freundlichen Bewegung auf die Hand des Sohnes legte, »sei recht freundlich und liebenswürdig. Graf Kirill Wladimirowitsch ist doch dein Pate und von ihm hängt dein künftiges Schicksal ab. Vergiß das nicht, lieber Sohn, und sei recht liebenswürdig, wie du es ja zu sein verstehst.«

»Wenn ich wüßte, daß dabei etwas anderes für uns herauskommt als Demütigungen …«, antwortete der Sohn kalt. »Aber ich habe es Ihnen versprochen und werde es Ihnen zu Gefallen tun.«

Mutter und Sohn traten, ohne sich anmelden zu lassen, geradewegs in die durch hohe Glasfenster erhellte, rechts und links durch je eine Reihe von Statuen in Nischen flankierte Vorhalle; aber der Portier musterte die beiden, und obwohl sie in einer feinen Equipage gekommen waren, die nun vor dem Portal hielt, so fragte er doch nach einem bedeutsamen Blick auf die alte Saloppe, zu wem sie zu gehen wünschten, ob zu den Prinzessinnen oder zu dem Grafen; und als er hörte, daß sie zu dem Grafen wollten, erwiderte er, das Befinden Seiner Erlaucht sei heute schlechter und Seine Erlaucht nähmen niemand an.

»Dann wollen wir doch wieder zurückfahren«, sagte der Sohn auf französisch.

»Lieber Sohn«, erwiderte die Mutter in flehendem Ton und berührte wieder die Hand des Sohnes, als ob diese Berührung ihn beruhigen oder anregen könnte.

Boris entgegnete nichts und blickte, ohne den Mantel abzulegen, seine Mutter fragend an.

»Lieber Freund«, sagte Anna Michailowna mit außerordentlich sanfter Stimme zu dem Portier, »ich weiß, daß Graf Kirill Wladimirowitsch sehr krank ist … eben deswegen bin ich gekommen … ich bin eine Verwandte von ihm … Wenn es ihm so schlecht geht, werde ich ihn nicht belästigen … Dann möchte ich nur den Fürsten Wasili Sergejewitsch sprechen; der logiert ja hier. Bitte, melde uns bei ihm an.«

Der Portier zog mürrisch die nach dem oberen Stockwerk hinaufgehende Schnur und wendete sich von den beiden Besuchern ab.

»Die Fürstin Drubezkaja zu dem Fürsten Wasili Sergejewitsch«, rief er dem Diener in Frack, Schuhen und Kniehosen zu, der von oben heruntergelaufen kam und von dem Treppenabsatz aus herunterblickte.

Die Mutter legte die Falten ihres aufgefärbten Seidenkleides zurecht, betrachtete sich in dem venezianischen, aus einer einzigen großen Scheibe bestehenden Wandspiegel und stieg tapfer in ihren schiefgetretenen Schuhen die mit einem Teppich belegte Treppe hinan.

»Lieber Sohn, du hast mir versprochen …«, wandte sie sich wieder an ihren Sohn und suchte ihn wieder durch eine Berührung seiner Hand zu einem ihren Wünschen entsprechenden Verhalten zu bewegen. Boris ging mit niedergeschlagenen Augen ruhig hinter ihr her.

Sie traten in einen Saal, aus welchem eine Tür in die dem Fürsten Wasili angewiesenen Gemächer führen sollte.

Mutter und Sohn gingen bis in die Mitte des Saales und wollten gerade einen alten Diener, der bei ihrem Eintritt aufgesprungen war, fragen, wohin sie sich zu wenden hätten, da drehte sich an einer der Türen der Bronzegriff, und Fürst Wasili, in einem mit Samt bezogenen Pelz, mit nur einem Ordensstern, also im Hausanzug, erschien in der Tür und begleitete einen schönen Herrn mit schwarzem Haar hinaus. Dieser Herr war der berühmte Petersburger Arzt Dr. Lorrain.

»Es ist also sicher?« fragte der Fürst.

»Errare humanum est, Fürst; aber …«, antwortete der Arzt; er schnarrte dabei das r und sprach die lateinischen Worte mit französischer Aussprache.

»Gut, gut!«

Als Fürst Wasili die Fürstin Anna Michailowna und ihren Sohn bemerkte, trennte er sich mit einer Verbeugung von dem Arzt und trat schweigend, aber mit fragender Miene, auf sie zu. Der Sohn bemerkte, wie die Augen seiner Mutter auf einmal einen Ausdruck tiefen Grames annahmen, und lächelte leise.

»Ja, unter was für traurigen Umständen müssen wir uns wiedersehen, Fürst … Nun, wie geht es unserm teuren Kranken?« fragte sie, als ob sie den beleidigend kalten Blick, mit dem der Fürst sie ansah, nicht bemerkte.

In dem fragenden Blick, welchen Fürst Wasili auf die Mutter und dann auf den Sohn richtete, lag sein höchstes Erstaunen über die Anwesenheit der beiden hier. Boris verbeugte sich höflich. Ohne die Verbeugung zu erwidern, wandte sich Fürst Wasili zu Anna Michailowna und antwortete auf ihre Frage durch eine Bewegung des Kopfes und der Lippen, welche zu verstehen gab, daß für den Kranken nicht mehr viel zu hoffen sei.

»Also wirklich?« rief Anna Michailowna. »Ach, das ist ja schrecklich! Ein furchtbarer Gedanke …! Dies ist mein Sohn«, fügte sie, auf Boris weisend, hinzu. »Er wollte Ihnen persönlich seinen Dank sagen.« Boris verbeugte sich nochmals höflich.

»Seien Sie überzeugt, Fürst, daß mein Mutterherz nie vergessen wird, was Sie für uns getan haben.«

»Ich freue mich, daß ich Ihnen habe eine kleine Gefälligkeit erweisen können, liebe Anna Michailowna«, erwiderte der Fürst, indem er sein Jabot in Ordnung brachte; seine Gebärden und sein Ton hatten der von ihm protegierten Anna Michailowna gegenüber hier in Moskau noch weit mehr von vornehmer Würde an sich als in Petersburg auf der Soiree bei Annette Scherer.

»Bemühen Sie sich, Ihren Dienst ordentlich und pünktlich zu tun und sich der Ihnen gewordenen Auszeichnung würdig zu zeigen«, fügte er, zu Boris gewendet, in strengem Ton hinzu. »Es freut mich … Sie sind auf Urlaub hier?« fuhr er in seinem gleichgültigen Ton fort.

»Ich warte auf Befehl, Euer Durchlaucht, um mich zu meiner neuen Bestimmung zu begeben«, antwortete Boris. Er ließ weder Verdruß über den scharfen Ton des Fürsten noch den Wunsch, mit diesem in ein Gespräch zu kommen, merken, sondern sprach so ruhig und respektvoll, daß der Fürst ihn aufmerksam anblickte.

»Sie wohnen bei Ihrer Frau Mutter?«

»Ich wohne bei dem Grafen Rostow«, antwortete Boris und fügte wieder hinzu: »Euer Durchlaucht.«

»Das ist jener Ilja Rostow, welcher Natalja Schinschina geheiratet hat«, bemerkte Anna Michailowna.

»Ich weiß, ich weiß«, erwiderte Fürst Wasili mit seiner eintönigen Stimme. »Es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie Natalja sich hat entschließen können, diesen widerwärtigen Tölpel zu heiraten. Ein ganz dummes, lächerliches Subjekt. Überdies auch noch ein Spieler, wie man hört.«

»Aber ein guter Mensch, Fürst«, erwiderte Anna Michailowna mit herzgewinnendem Lächeln; der Sinn war: auch sie wisse recht wohl, daß Graf Rostow ein solches Urteil verdiene; sie bäte aber, mit dem armen alten Mann nicht zu streng ins Gericht zu gehen.

»Was sagen die Ärzte?« fragte die Fürstin nach einem kurzen Stillschweigen, und wieder wurde auf ihrem vergrämten Gesicht jener Ausdruck tiefer Traurigkeit sichtbar.

»Es ist wenig Hoffnung«, antwortete der Fürst.

»Und ich hätte so gern demOnkelnoch einmal für alle die Wohltaten gedankt, die er mir und meinem Boris erwiesen hat. Er ist sein Taufpate«, fügte sie in einem Ton hinzu, als ob diese Nachricht dem Fürsten Wasili die größte Freude bereiten müßte.

Fürst Wasili schwieg nachdenklich und runzelte die Stirn. Anna Michailowna merkte, daß er in ihr eine Rivalin um die Erbschaft des Grafen Besuchow zu finden fürchtete; sie beeilte sich, ihn darüber zu beruhigen.

»Wenn ich nicht eine so innige Liebe und Verehrung für den Onkel hegte …«, sagte sie und sprach dabei das Wort Onkel mit besonderer Selbstverständlichkeit und Achtlosigkeit aus; »ich kenne ja seinen edlen, geraden Charakter. Aber es ist jetzt niemand bei ihm als die Prinzessinnen; und diese sind noch recht jung.« Sie neigte den Kopf und fügte flüsternd hinzu: »Hat er auch seine letzte Pflicht erfüllt, Fürst? Diese letzten Augenblicke sind kostbar, sie dürfen nicht unbenutzt bleiben. Man darf nicht warten, bis sich sein Zustand noch mehr verschlimmert; er muß notwendigerweise vorbereitet werden, wenn es so schlecht mit ihm steht. Wir Frauen, Fürst«, hier lächelte sie sanft, »wissen immer, wie man über solche Dinge mit einem Kranken sprechen muß. Ich muß ihn unter allen Umständen sehen. Und wenn es mir auch noch so schmerzlich ist … aber ich bin ja schon gewohnt zu leiden.«

Der Fürst verstand offenbar ihre Absicht und sagte sich, gerade wie auf der Abendgesellschaft bei Annette Scherer, daß es schwer sein würde, Anna Michailowna loszuwerden.

»Wenn dieses Wiedersehen ihn nur nicht zu sehr angreifen wird, liebe Anna Michailowna«, sagte er. »Wir wollen doch damit bis zum Abend warten; die Ärzte haben erklärt, es stehe eine Krisis bevor.«

»Aber wir dürfen nicht warten, Fürst, bei der kurzen Spanne Zeit, die ihm vielleicht nur noch vergönnt ist. Bedenken Sie, es handelt sich um die Rettung seiner Seele. Ach! Es ist ein schreckliches Ding um die Pflicht eines Christen …«

Eine nach den inneren Zimmern führende Tür öffnete sich, und eine der Prinzessinnen, welche die Nichten des Grafen waren, trat ein, eine Dame mit mürrischem, kaltem Gesicht und einer im Verhältnis zu den Beinen auffallend langen Taille.

Fürst Wasili wandte sich zu ihr.

»Nun, wie befindet er sich?«

»Es ist immer derselbe Zustand. Und es ist ja auch nicht anders zu erwarten; dieser ewige Lärm …«, erwiderte die Prinzessin und blickte dabei Anna Michailowna an, als ob sie sie absolut nicht kenne.

»Ah, meine Teuerste! Ich hatte Sie gar nicht erkannt!« sagte Anna Michailowna mit einem glückseligen Lächeln und ging mit leichten, hurtigen Schritten zu der Nichte des Grafen hin. »Ich bin hergekommen, um Ihnen bei der Pflege meines lieben Onkels beizustehen. Ich kann mir vorstellen, was Sie haben durchmachen müssen!« fügte sie, teilnahmsvoll die Augen zur Decke richtend, hinzu.

Die Prinzessin antwortete nicht, lächelte auch nicht einmal und ging sofort aus dem Zimmer. Anna Michailowna zog sich die Handschuhe aus, setzte sich, wie in einer eroberten Position, bequem in einem Lehnstuhl zurecht und forderte den Fürsten Wasili auf, sich neben sie zu setzen.

»Boris«, sagte sie lächelnd zu ihrem Sohn, »ich werde zu dem Grafen, meinem Onkel, gehen, und du, lieber Sohn, geh doch unterdessen zu Pierre. Und vergiß nicht, ihm die Einladung von Rostows zu bestellen. – Sie laden ihn für heute zum Diner ein; aber ich möchte meinen: er wird nicht hingehen?« sagte sie, zu dem Fürsten gewendet.

»O doch, doch!« erwiderte der Fürst, der sichtlich schlechter Laune geworden war. »Ich würde sehr froh sein, wenn Sie mich von diesem jungen Mann befreiten. Er sitzt hier nur herum. Der Graf hat noch nicht ein einziges Mal nach ihm gefragt.«

Er zuckte die Achseln. Ein Diener führte den jungen Boris hinunter und eine andere Treppe wieder hinauf zu Pierre oder, wie er hier hieß, zu Pjotr Kirillowitsch.


XVI


Pierre war in Petersburg nicht dazu gekommen, sich einen bestimmten Beruf zu erwählen, und war wirklich wegen der begangenen Exzesse nach Moskau verwiesen worden. Die Geschichte, die beim Grafen Rostow erzählt wurde, hatte sich tatsächlich so zugetragen. Pierre hatte bei dem Zusammenbinden des Reviervorstehers mit dem Bären mitgewirkt. Jetzt nun war er vor einigen Tagen in Moskau angekommen und hatte, wie immer, bei seinem Vater Wohnung genommen. Obgleich er sich dachte, daß seine Skandalgeschichte wohl schon in Moskau bekannt sei, und daß die Damen, welche seinen Vater umgaben, bei ihrer ihm von jeher übelwollenden Gesinnung diesen Vorfall dazu benutzen würden, den Grafen gegen ihn aufzubringen, so begab er sich doch noch am Tag seiner Ankunft nach der Zimmerflucht, welche sein Vater bewohnte. Als er den Salon, den gewöhnlichen Aufenthaltsort der Prinzessinnen, betrat, begrüßte er die drei Damen, von denen zwei am Stickrahmen beschäftigt waren, während die dritte ihnen aus einem Buch vorlas. Die Vorleserin war die Älteste, ein peinlich sauber gekleidetes, strengblickendes Fräulein mit langer Taille, dieselbe, von deren Begegnung mit Anna Michailowna oben erzählt wurde; die beiden jüngeren stickten, zwei rotwangige, hübsche Mädchen, die sich untereinander nur dadurch unterschieden, daß die eine einen Leberfleck auf der Oberlippe hatte, der ihr Gesicht besonders nett und interessant erscheinen ließ. Pierre fand einen Empfang, als ob er ein Gespenst oder ein Pestkranker wäre. Die Älteste brach plötzlich mit dem Vorlesen ab und blickte ihn schweigend mit erschrockenen Augen an; die zweite, die ohne Leberfleck, zeigte genau den gleichen Gesichtsausdruck; die jüngste jedoch, die mit dem Leberfleck, ein Mädchen von heiterem, lachlustigem Wesen, beugte sich über den Stickrahmen hinab, um ihr Lächeln über die wahrscheinlich bevorstehende Szene, deren Komik sie vorhersah, zu verbergen. Sie zog den Wollfaden nach unten und bückte sich, als wollte sie das Muster genau betrachten, hielt aber nur mit Mühe das Lachen zurück.

»Guten Tag, liebe Kusinen«, sagte Pierre. »Sie erkennen mich wohl nicht?«

»Ich erkenne Sie nur zu gut, nur zu gut!« erwiderte die Älteste.

»Wie steht es mit dem Befinden des Grafen? Kann ich ihn wohl sehen?« fragte Pierre in unbeholfener Weise, wie immer, aber ohne irgendwelche Verlegenheit.

»Der Graf ist körperlich und seelisch leidend, und wie es scheint, haben Sie sich alle Mühe gegeben, ihm noch mehr seelische Leiden zu bereiten.«

»Kann ich den Grafen sehen?« fragte Pierre noch einmal.

»Hm …! Wenn Sie ihn töten, vollständig töten wollen, dann können Sie ihn sehen. Olga, geh doch einmal hin und sieh nach, ob die Bouillon für den Onkel fertig ist; es ist bald Zeit«, fügte sie hinzu, um dadurch Pierre zu verstehen zu geben, daß sie beschäftigt seien, und zwar beschäftigt mit der Pflege seines Vaters, während er offenbar nur darauf ausgehe, ihn seelisch zugrunde zu richten.

Olga ging hinaus. Pierre blieb noch ein Weilchen stehen, blickte die Schwester an und sagte schließlich mit einer Verbeugung: »Dann werde ich also wieder auf mein Zimmer gehen. Sobald ich ihn sehen kann, lassen Sie es mir, bitte, sagen.« Er ging hinaus, und ein hellklingendes, aber nur leises Lachen der Schwester mit dem Leberfleck ertönte hinter ihm.

Am folgenden Tag kam Fürst Wasili an und logierte sich gleichfalls im Haus des Grafen ein. Er ließ Pierre zu sich rufen und sagte zu ihm:

»Mein Lieber, wenn Sie sich hier so betragen wollen, wie Sie es in Petersburg getan haben, so wird es mit Ihnen ein böses Ende nehmen. Darauf können Sie sich verlassen. Der Graf ist sehr, sehr krank; es wäre ganz unzweckmäßig, wenn Sie sich vor ihm zeigten.«

Seitdem war Pierre von niemand inkommodiert worden und saß den ganzen Tag allein oben auf seinem Zimmer.

In dem Augenblick, als Boris zu ihm hereintrat, ging Pierre gerade in seinem Zimmer auf und ab; mitunter blieb er in dieser oder jener Ecke stehen, wobei er drohende Gebärden gegen die Wand machte, als wollte er einen unsichtbaren Feind mit einem Degen durchbohren, und grimmig über seine Brille wegblickte; dann begann er seine Wanderung von neuem, murmelte undeutliche Worte, zuckte mit den Achseln und breitete die Arme auseinander.

»Mit England geht es zu Ende … jawohl, zu Ende!« stieß er mit gerunzelter Stirn hervor. Er zeigte mit dem Finger auf jemand. »Mister Pitt wird als Verräter an der Nation und am Völkerrecht zum Tod …« Er glaubte in diesem Augenblick Napoleon in eigener Person zu sein, hatte in der Gestalt dieses seines Heros bereits die gefährliche Überfahrt über den Pas de Calais bewerkstelligt und London eingenommen, wurde nun aber, gerade als er dabei war, das Urteil über Pitt zu fällen, unterbrochen: denn er erblickte einen jungen, hübschen, schlanken Offizier, der zu ihm ins Zimmer trat. Pierre blieb stehen. Er hatte Boris als vierzehnjährigen Knaben zum letztenmal gesehen und besaß schlechterdings keine Erinnerung mehr an ihn; aber trotzdem drückte er ihm in der raschen, treuherzigen Art, die in seinem Wesen lag, die Hand und lächelte ihn freundlich an.

»Erinnern Sie sich meiner?« fragte Boris ruhig mit einem angenehmen Lächeln. »Ich bin mit meiner Mutter hergekommen, um dem Grafen einen Besuch zu machen; aber er scheint ja recht krank zu sein.«

»Ja, das ist er, wie es scheint. Man macht ihm gar zu viel Unruhe«, erwiderte Pierre und strengte sein Gedächtnis an, um herauszubringen, wer dieser junge Mann wohl sei.

Boris merkte, daß Pierre ihn nicht erkannte, hielt es aber nicht für nötig, seinen Namen zu nennen, und blickte ihm, ohne die geringste Verlegenheit zu empfinden, gerade ins Gesicht.

»Graf Rostow läßt Sie bitten, heute zum Diner zu ihm zu kommen«, sagte er nach einem ziemlich langen und für Pierre unbehaglichen Stillschweigen.

»Ah, Graf Rostow!« rief Pierre freudig. »Also Sie sind sein Sohn Ilja. Denken Sie nur, ich hatte Sie im ersten Augenblick nicht erkannt. Erinnern Sie sich noch, wie wir mit Madame Jacquot eine Partie nach den Sperlingsbergen machten? Es ist freilich schon lange her.«

»Sie irren sich«, antwortete Boris ohne besondere Eile mit einem frischen, ein wenig spöttischen Lächeln. »Ich bin Boris, der Sohn der Fürstin Anna Michailowna Drubezkaja. Graf Rostow, der Vater, heißt Ilja, sein Sohn aber Nikolai. Und eine Madame Jacquot habe ich nie gekannt.«

Pierre schlug mit dem Kopf und den Armen hin und her, als ob ein Schwarm Mücken oder Bienen über ihn hergefallen wäre.

»Ach, was habe ich da gemacht! Lauter Konfusion! Ich habe aber auch so viele Verwandte hier in Moskau! Sie sind Boris … ja. Nun, jetzt sind wir also miteinander einig. Also wie denken Sie über die Boulogner Expedition? Meinen Sie nicht auch, daß es den Engländern schlimm ergehen wird, wenn Napoleon über den Kanal setzt? Ich glaube, daß die Expedition sehr wohl durchführbar ist. Wenn nur Villeneuve nicht den rechten Augenblick verpaßt!«

Boris wußte nichts von der Boulogner Expedition. Er las keine Zeitungen und hatte von Villeneuve bisher noch nie etwas gehört.

»Wir hier in Moskau interessieren uns mehr für Diners und Klatschgeschichten als für Politik«, sagte er in seinem ruhigen, spöttischen Ton. »Ich weiß von diesen Dingen nichts und habe darüber kein Urteil. Moskaus Interesse geht so gut wie ganz in Stadtklatsch auf. Jetzt spricht man von Ihnen und von dem Grafen.«

Pierre lächelte in seiner gutherzigen Weise, wie wenn er um des andern willen besorgt sei, dieser könne etwas sagen, was gesagt zu haben ihm nachher leid tun würde; aber Boris sprach mit vollem Bedacht, klar und bestimmt weiter, indem er Pierre gerade in die Augen blickte:

»Die Moskauer haben nichts weiter zu tun als zu klatschen. Alle Leute hier erörtern eifrig die Frage, wem der Graf sein Vermögen hinterlassen wird. Und dabei wird er vielleicht uns alle überleben, und ich wünsche ihm das von Herzen …«

»Ja, das ist alles sehr schmerzlich«, fiel Pierre schnell ein, »sehr schmerzlich!« Er fürchtete noch immer, dieser junge Offizier könne unversehens auf ein Thema zu sprechen kommen, das dann ihm, dem Redenden, selbst peinlich sein würde.

»Sie müssen wohl zu der Vorstellung kommen«, sagte Boris mit leisem Erröten, aber ohne Stimme und Haltung zu ändern, »Sie müssen wohl zu der Vorstellung kommen, daß das Trachten aller nur darauf gerichtet sei, etwas von dem reichen Mann zu erhalten.«

»Ganz richtig!« dachte Pierre.

»Aber gerade das wollte ich Ihnen zur Vermeidung von Mißverständnissen sagen, daß Sie sich sehr irren, wenn Sie mich und meine Mutter mit zu diesen Leuten zählen. Wir sind sehr arm; aber (wenigstens kann ich das von mir sagen) der Umstand, daß Ihr Vater reich ist, bildet für mich keinen Grund, mich für seinen Verwandten zu halten, und weder ich noch meine Mutter werden ihn jemals um etwas bitten oder etwas von ihm annehmen.«

Pierre konnte lange nicht begreifen, was der andere eigentlich wollte; aber als er es begriffen hatte, sprang er vom Sofa in die Höhe, ergriff Boris mit der ihm eigenen Raschheit und Unbeholfenheit von untenher bei der Hand und begann, noch weit stärker als Boris errötend, in einem aus Scham und Ärger gemischten Gefühl zu reden:

»Das ist ja sonderbar. Habe ich etwa … Und wie dürfte überhaupt jemand denken … Ich weiß sehr wohl …«

Aber Boris unterbrach ihn.

»Ich freue mich, daß ich mir alles vom Herzen geredet habe. Wenn es Ihnen vielleicht unangenehm gewesen ist, so verzeihen Sie mir«, sagte er, seinerseits bemüht, Pierre zu beruhigen, statt sich von diesem beruhigen zu lassen. »Aber ich hoffe, daß ich Sie nicht gekränkt habe. Es ist mein Grundsatz, alles frei herauszusprechen. Was soll ich denn nun also bestellen? Werden Sie zu Rostows zum Diner kommen?«

Dem jungen Offizier wurde ganz leicht zumute, als habe er eine schwere Pflicht erledigt, und in dem Gefühl, daß er selbst aus einer unbehaglichen Lage herausgekommen sei und einen andern in eine solche versetzt habe, wurde er wieder ganz munter und unbefangen.

»Nein, hören Sie«, sagte Pierre, sich allmählich einigermaßen beruhigend. »Sie sind ein merkwürdiger Mensch. Was Sie da soeben gesagt haben, ist sehr schön, wirklich sehr schön! Es ist ja ganz natürlich, daß Sie mich nicht kennen; wir haben so lange keine Beziehungen zueinander gehabt … wir waren damals noch Kinder … Sehr erklärlich, daß Sie von mir die Vorstellung hatten … Ich verstehe Sie, verstehe Sie vollkommen. Ich für meine Person hätte das nicht fertiggebracht; ich hätte nicht den Mut dazu gefunden; aber es war von Ihnen ganz ausgezeichnet. Ich freue mich sehr, Sie kennengelernt zu haben. Sonderbar«, fügte er nach einem kurzen Stillschweigen lächelnd hinzu, »was Sie von mir für eine Vorstellung gehabt haben!« Er lachte auf. »Nun aber, was tut’s? Wir werden einander besser kennenlernen. Ich bitte Sie darum.« Er drückte Boris die Hand. »Wissen Sie, ich bin noch gar nicht bei dem Grafen gewesen. Er hat mich nicht rufen lassen … Er tut mir schon vom rein menschlichen Standpunkt aus herzlich leid … Aber was ist zu tun?«

»Und Sie glauben, daß es Napoleon gelingen wird, mit seiner Armee überzusetzen?« fragte Boris lächelnd.

Pierre verstand, daß Boris das Gespräch auf ein anderes Thema bringen wollte. Er war damit ganz einverstanden und begann die günstigen und ungünstigen Momente, die bei dem Boulogner Unternehmen in Betracht kamen, darzulegen.

Ein Diener kam, um Boris zur Fürstin zu rufen. Die Fürstin wollte wegfahren. Pierre versprach, zu dem Diner zu kommen, um mit Boris noch näher bekanntzuwerden, drückte ihm kräftig die Hand und blickte ihm durch seine Brille freundlich in die Augen. Nachdem Boris gegangen war, schritt Pierre noch lange in seinem Zimmer hin und her; aber er durchbohrte keinen unsichtbaren Feind mehr mit dem Degen, sondern lächelte bei der Erinnerung an diesen liebenswürdigen, verständigen, charakterfesten jungen Mann.

Wie es oft bei Menschen der Fall ist, die sich noch in den Zeiten der ersten Jugend befinden, und namentlich bei solchen, die allein dastehen, empfand er für diesen jungen Mann eine Zärtlichkeit, von der er sich nicht ganz Rechenschaft geben konnte, und faßte den Vorsatz, unbedingt Freundschaft mit ihm zu schließen.

Fürst Wasili begleitete die Fürstin hinaus. Die Fürstin hielt das Taschentuch an die Augen, und ihr Gesicht war von Tränen überströmt.

»Es ist schrecklich, schrecklich!« sagte sie. »Aber so schwer es mir auch werden mag, ich werde meine Pflicht erfüllen. Ich werde herkommen und die Nacht hier zubringen. So darf es nicht mit ihm bleiben. Jeder Augenblick ist kostbar. Ich begreife nicht, warum die Prinzessinnen noch länger zaudern. Vielleicht hilft mir Gott ein Mittel finden, um ihn vorzubereiten …! Leben Sie wohl, Fürst, Gott verleihe Ihnen Kraft …«

»Adieu, meine Liebe«, antwortete Fürst Wasili und wandte sich von ihr weg.

»Ach, er ist in einem schrecklichen Zustand!« sagte die Mutter zu dem Sohn, als sie wieder im Wagen saßen. »Er erkennt fast niemand mehr.«

»Ich bin mir darüber nicht klar, Mamachen: wie steht er eigentlich mit Pierre?« fragte der Sohn.

»Das Testament wird darüber Auskunft geben, lieber Sohn. Von diesem Testament hängt auch unser Schicksal ab.«

»Aber warum meinen Sie, daß er uns etwas hinterlassen wird?«

»Ach, lieber Sohn, er ist so reich und wir so arm!«

»Nun, das ist noch kein ausreichender Grund, Mamachen.«

»Ach, mein Gott, mein Gott! Wie krank er ist!« rief die Mutter.


XVII


Nachdem Anna Michailowna mit ihrem Sohn zu dem Grafen Kirill Wladimirowitsch Besuchow gefahren war, saß die Gräfin Rostowa längere Zeit still für sich da und drückte das Taschentuch gegen die Augen. Endlich klingelte sie.

»Was stellt das vor, meine Liebe?« sagte sie ärgerlich zu dem Stubenmädchen, das einige Minuten auf sich hatte warten lassen. »Sie wollen wohl Ihren Dienst nicht weiter verrichten, wie? Dann werde ich Ihnen einen andern Platz anweisen.«

Die Gräfin fühlte sich durch den Kummer und die demütigende Armut ihrer Freundin tief ergriffen und war deshalb schlechter Laune, was sich bei ihr immer dadurch äußerte, daß sie zu dem Stubenmädchen »meine Liebe« sagte und sie mit »Sie« anredete.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte das Mädchen.

»Ich lasse den Grafen bitten, zu mir zu kommen.«

Der Graf trat herein und näherte sich mit seinem watschelnden Gang seiner Frau; er machte, wie immer, eine etwas schuldbewußte Miene.

»Nun, meine liebe Gräfin, was das für ein ausgezeichnetes Haselhuhn-Sauté mit Madeira werden wird, meine Teuerste! Ich habe es gekostet; ich muß sagen: die tausend Rubel, die ich für unsern Koch Taras gegeben habe, waren nicht weggeworfen; er ist wirklich das Geld wert!«

Er setzte sich neben seine Frau, stützte in jugendlich unternehmender Haltung die Hände auf die Knie und fuhr sich mit den Fingern durch das graue Haar.

»Was befehlen Sie, meine liebe Gräfin?«

»Lieber Freund, ich möchte … Aber was hast du da für einen Fleck?« fragte sie, indem sie auf seine Weste zeigte. »Das ist gewiß von dem Sauté«, fügte sie lächelnd hinzu. »Also höre, lieber Graf, ich brauche Geld.«

Ihr Gesicht nahm einen trüben, schmerzlichen Ausdruck an.

»Ah, das ist es, meine liebe Gräfin!« Der Graf holte seine Brieftasche heraus, wurde aber sehr verlegen.

»Ich brauche viel Geld, Graf; ich brauche fünfhundert Rubel.« Sie zog ihr batistenes Taschentuch hervor und rieb damit an der Weste ihres Mannes.

»Sofort sollen Sie das Geld haben, sofort! – Heda! Wer gerade da ist!« rief er mit so lauter, befehlender Stimme, wie nur jemand ruft, der überzeugt ist, daß diejenigen, die er ruft, Hals über Kopf auf seinen Ruf herbeistürzen werden. »Sag mal zu Dmitri, er möchte zu mir kommen!«

Dmitri, jener junge Edelmann, der im Haus des Grafen erzogen worden war und jetzt die Verwaltung der sämtlichen geschäftlichen Angelegenheiten unter sich hatte, trat mit leisen Schritten ins Zimmer.

»Hör mal, mein Lieber«, sagte der Graf zu dem respektvoll dastehenden jungen Mann. »Bring mir mal …« Er überlegte. »Ja, bring mir mal siebenhundert Rubel. Ja! Aber bring nicht wieder so zerrissene, schmutzige Scheine wie das letztemal, sondern recht hübsche, für die Gräfin.«

»Ja, lieber Dmitri, bitte, recht saubere!« sagte die Gräfin mit einem traurigen Seufzer.

»Zu wann befehlen Euer Erlaucht das Geld?« fragte Dmitri. »Sie wissen ja, daß … Indessen seien Sie ganz unbesorgt«, fügte er hinzu, da er bemerkte, daß der Graf schwer und hastig zu atmen begann, was immer ein Vorzeichen nahenden Zornes war. »Ich hatte beinah vergessen … Befehlen Sie das Geld sofort?«

»Jawohl, jawohl, bring es nur her. Gib es der Gräfin.«

»Mein Dmitri ist doch wirklich ein Prachtmensch«, fügte der Graf hinzu, als der junge Mann hinausgegangen war. »Ein ›Unmöglich‹ gibt es bei ihm gar nicht. Und so etwas kann ich für meine Person auch durchaus nicht leiden. Möglich ist alles.«

»Ach, das Geld, Graf, das leidige Geld! Wieviel Kummer rührt davon auf der Welt her!« seufzte die Gräfin. »Aber diese Geldsumme brauche ich ganz notwendig.«

»Ja, Sie sind eine Verschwenderin, meine liebe Gräfin; das ist bekannt«, sagte der Graf; er küßte seiner Frau die Hand und ging wieder in sein Zimmer.

Als Anna Michailowna vom Grafen Besuchow zurückkehrte, lag bereits neben dem Platz, wo die Gräfin Rostowa saß, das Geld, lauter neue Banknoten, auf einem Tischchen unter einem Taschentuch, und Anna Michailowna bemerkte, daß die Gräfin über irgend etwas unruhig war.

»Nun, wie steht es, liebe Freundin?« fragte die Gräfin.

»Ach, er befindet sich in einem schrecklichen Zustand! Er ist gar nicht wiederzuerkennen, so schlecht steht es mit ihm, so entsetzlich schlecht! Ich bin nur einen Augenblick bei ihm gewesen und habe kaum ein paar Worte zu ihm gesprochen …«

»Annette, ich bitte dich recht herzlich, schlage es mir nicht ab«, sagte die Gräfin auf einmal und errötete dabei, was sich auf ihrem ältlichen, mageren, würdevollen Gesicht recht wunderlich ausnahm; sie nahm unter dem Tuch das Geld hervor. Anna Michailowna verstand sofort, um was es sich handelte, und beugte sich schon nieder, um im richtigen Augenblick die Gräfin geschickt zu umarmen.

»Da ist etwas von mir für Boris, zu seiner Equipierung …«

Anna Michailowna umarmte sie sofort und weinte. Die Gräfin weinte ebenfalls. Sie weinten beide darüber, daß sie so eng befreundet waren, und darüber, daß sie beide so gute Menschen waren, und darüber, daß zwei Jugendfreundinnen sich mit einem so unwürdigen Gegenstand abgeben mußten, wie es das Geld ist, und darüber, daß ihre Jugend dahin war … aber die Tränen der beiden Frauen waren angenehme, wohltätige Tränen …


XVIII


Die Gräfin Rostowa saß mit ihren Töchtern und mit einer großen Anzahl von Damen, die sich bereits eingefunden hatten, im Salon. Die Herren hatte der Graf in sein Zimmer geführt und bot ihnen seine türkischen Pfeifen an, deren er aus besonderer Liebhaberei eine ganze Sammlung besaß. Von Zeit zu Zeit ging er in den Salon zu seiner Frau und erkundigte sich, ob »sie« noch nicht angekommen sei. Die Erwartete war Marja Dmitrijewna Achrosimowa, die in der Gesellschaft den Spitznamen »der schreckliche Dragoner« hatte, eine Dame, die nicht infolge von Reichtum oder Vornehmheit, wohl aber wegen ihres gesunden Verstandes und der ungeschminkten Naivität ihres Benehmens sich einer gewissen Berühmtheit erfreute. Ganz Moskau und ganz Petersburg, ja selbst die kaiserliche Familie kannten diesen »Dragoner« Marja Dmitrijewna; die Angehörigen der höheren Gesellschaftskreise beider Residenzen schüttelten zwar oft verwundert über sie den Kopf, machten sich im stillen über ihre Grobheit lustig und erzählten sich Anekdoten von ihr; aber trotzdem empfanden alle vor ihr Respekt und hatten vor ihr Furcht.

In dem von Tabaksrauch erfüllten Herrenzimmer bildeten den Gegenstand des Gespräches der Krieg, der durch ein Manifest des Kaisers erklärt war, und die Aushebung. Gelesen hatte das Manifest noch niemand; aber alle wußten, daß es erschienen war. Der Graf saß auf einer Ottomane zwischen zwei Herren, welche rauchten und eifrig konversierten. Der Graf selbst rauchte nicht und redete nicht, sondern neigte den Kopf bald nach der einen, bald nach der andern Seite, blickte die beiden Raucher zu seiner Linken und zu seiner Rechten mit sichtlichem Vergnügen an und hörte ihrem Gespräch zu; übrigens hatte er selbst sie vorher aufeinandergehetzt.

Der eine der beiden Redenden war ein Zivilist, mit runzligem, verbissenem, magerem, glattrasiertem Gesicht, schon in ziemlich hohem Alter, obwohl er wie ein ganz junger Mensch nach der neuesten Mode gekleidet war. Er hatte, wie wenn er hier zu Hause wäre, die Füße unter sich auf das Sofa gezogen, hatte sich die Bernsteinspitze seitwärts tief in den Mund geschoben, zog ruckweise den Rauch ein und kniff die Augen zusammen. Es war ein alter Junggeselle namens Schinschin, ein Vetter der Gräfin; in den Moskauer Salons hieß es von ihm, er habe eine böse Zunge. Den Herrn, mit dem er jetzt redete, schien er mit nachsichtiger Herablassung zu behandeln. Dieser andere war ein frischer Gardeoffizier, mit rosigem Teint, tadellos sauber gewaschen, wohlfrisiert, den Uniformrock bis oben zugeknöpft; er hielt die Bernsteinspitze in der Mitte des Mundes, zog mit seinen roten Lippen sachte einen kleinen Schluck Rauch ein und ließ ihn in kleinen Ringen wieder aus seinem hübschen Mund hinaus. Dies war ein Leutnant im Semjonower Regiment, namens Berg, mit welchem Boris demnächst zum Regiment abgehen sollte, eben jener Leutnant Berg, mit welchem Natascha ihre ältere Schwester Wjera geneckt hatte, indem sie ihn als deren Courmacher bezeichnet hatte. Der Graf saß zwischen beiden und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu. Nächst dem Bostonspiel, das er leidenschaftlich liebte, kannte der Graf kein größeres Vergnügen als die Rolle des Zuhörers zu übernehmen, namentlich wenn es ihm gelungen war, zwei eifrige Disputanten aufeinanderzuhetzen.

»Nun gewiß, Väterchen, mon très honorable Alfons Karlowitsch«, sagte Schinschin in spöttischem Ton (er mischte ganz gewöhnliche Ausdrücke der russischen Volkssprache und gewählte französische Phrasen durcheinander, was eine besondere Eigentümlichkeit seiner Redeweise bildete), »vous comptez vous faire des rentes sur l’état, Sie möchten, daß von Ihrer Kompanie so nebenbei ein bißchen was für Sie abfällt?«

»Nicht doch, Pjotr Nikolajewitsch, ich will nur nachweisen, daß der Dienst bei der Infanterie gegenüber dem Dienst bei der Kavallerie mancherlei Vorteile bietet. Machen Sie sich jetzt nur meine Lage klar, Pjotr Nikolajewitsch …«

Berg sprach immer sehr präzis, ruhig und höflich und redete immer nur von sich und seinen Angelegenheiten. Er pflegte zu schweigen, solange das Gespräch sich um Dinge drehte, die in keiner direkten Beziehung zu seiner eigenen Person standen. Auf diese Weise schwieg er manchmal stundenlang, ohne daß er selbst dabei ein unangenehmes Gefühl empfunden oder bei anderen hervorgerufen hätte. Aber sobald das Gespräch eine solche Wendung bekam, daß es ihn persönlich betraf, begann er in längeren Ausführungen und mit sichtlichem Vergnügen zu sprechen.

»Machen Sie sich nur meine Lage klar, Pjotr Nikolajewitsch. Wenn ich bei der Kavallerie wäre, so würde ich als Leutnant nicht mehr als zweihundert Rubel alle vier Monate bekommen; jetzt aber bekomme ich zweihundertdreißig Rubel«, sagte er mit einem vergnügten, angenehmen Lächeln, indem er Schinschin und den Grafen ansah, als wäre es für ihn eine ausgemachte Sache, daß sein Wohlergehen stets das wichtigste Ziel der Wünsche aller übrigen Menschen bilden werde.

»Außerdem, Pjotr Nikolajewitsch«, fuhr Berg fort, »befinde ich mich infolge meiner Versetzung zur Garde an einer Stelle, wo ich beachtet werde; auch sind die Vakanzen bei der Gardeinfanterie weit häufiger. Und dann, bitte, überschlagen Sie sich das einmal selbst, wie gut ich mit zweihundertdreißig Rubeln auskommen kann; ich lege sogar noch etwas zurück und schicke es meinem Vater«, fuhr er fort und ließ einen Rauchring aus dem Mund.

»Gut kalkuliert, das muß man sagen. Ja, ja, der Deutsche drischt sein Getreide auf dem Beilrücken, wie es im Sprichwort heißt«, sagte Schinschin und schob, dem Grafen zuzwinkernd, die Bernsteinspitze nach dem andern Mundwinkel hinüber.

Der Graf lachte laut auf. Andere Gäste, welche sahen, daß Schinschin da mit jemand disputierte, traten näher heran, um zuzuhören. Ohne auch nur im geringsten die Spötteleien seiner Zuhörer oder ihren Mangel an Interesse zu bemerken, erzählte Berg ausführlich weiter, daß er durch seine Versetzung zur Garde vor seinen Kameraden vom Kadettenkorps her schon einen Grad voraus habe; der Kompaniechef könne im Krieg fallen, und er, der dann der rangälteste Offizier in der Kompanie sein werde, könne sehr leicht in die Stelle des Kompaniechefs einrücken; im Regiment könnten ihn alle sehr gut leiden, und sein lieber Papa sei über ihn ganz glücklich. Dem jungen Offizier machte es offenbar das allergrößte Vergnügen, dies alles vorzutragen, und er schien gar keine Ahnung davon zu haben, daß andere Leute gleichfalls ihre persönlichen Interessen haben könnten. Aber alles, was er vortrug, war so nett und ehrbar, und die Naivität seines jugendlichen Egoismus war so handgreiflich, daß seine Zuhörer ihm nicht böse sein konnten.

»Na, Väterchen, Sie werden überall, bei der Infanterie wie bei der Kavallerie, eine gute Karriere machen; das prophezeie ich Ihnen«, sagte Schinschin, indem er ihm auf die Schulter klopfte und die Beine von der Ottomane herunternahm. Berg lächelte vergnügt. Der Graf und ihm folgend die Gäste verließen das Herrenzimmer und begaben sich in den Salon.


Es war diejenige Zeit vor dem Diner, wo die bereits versammelten Gäste in der Erwartung, bald an das Büfett mit den kalten Vorspeisen gebeten zu werden, kein langes Gespräch mehr anknüpfen, dabei aber doch für notwendig erachten, sich zu bewegen und nicht stumm zu sein, um zu zeigen, daß sie durchaus nicht etwa ungeduldig darauf warten, sich an die Tafel setzen zu können. Der Hausherr und die Hausfrau blicken von Zeit zu Zeit nach der Tür und wechseln mitunter Blicke miteinander. Die Gäste bemühen sich, aus diesen Blicken zu erraten, auf wen oder auf was noch gewartet wird: ob auf einen sich verspätenden vornehmen Verwandten oder auf ein Gericht, das noch nicht gar ist.

Pierre war kurz vor dem Beginn des Diners angekommen und saß unbeholfen in der Mitte des Salons auf dem erstbesten Lehnstuhl, den er gerade gefunden hatte, und versperrte allen den Weg. Die Gräfin wollte ihn zum Sprechen veranlassen; aber er blickte ungeniert durch seine Brille rings um sich, als ob er jemand suchte, und antwortete auf alle Fragen der Gräfin sehr wortkarg. Er war lästig und unbequem, und dabei war er der einzige, der dies nicht merkte. Viele der Gäste, die seine Geschichte mit dem Bären kannten, betrachteten neugierig diesen großen, dicken Menschen, der sich so still verhielt, und konnten sich nicht genug wundern, wie ein so schwerfälliges, harmloses Individuum es fertiggebracht habe, mit dem Reviervorsteher ein so tolles Stück anzustellen.

»Sie sind erst vor kurzem hier in Moskau eingetroffen?« fragte ihn die Gräfin.

»Ja, ja, ja«, antwortete er und blickte um sich.

»Sie haben meinen Mann noch nicht gesehen?«

»Nein, noch nicht.«

Er lächelte, obwohl dazu gar kein Anlaß war.

»Sie sind ja wohl kürzlich in Paris gewesen? Ich denke mir das höchst interessant.«

»Ja, es ist höchst interessant.«

Die Gräfin tauschte einen Blick mit Anna Michailowna aus. Anna Michailowna verstand dies richtig dahin, daß sie gebeten wurde, diesen jungen Mann zu beschäftigen; so setzte sie sich denn zu ihm und begann von seinem Vater zu reden; aber wie der Gräfin, so gab er auch ihr nur einzelne, abgerissene Worte zur Antwort. Die Gäste waren alle in eifriger Unterhaltung miteinander begriffen.

»Bei Rasumowskis … Oh, es war ganz allerliebst … Sie sind sehr gütig … Die Gräfin Apraxina …«, so summte es von allen Seiten durcheinander. Die Gräfin stand auf und ging nach dem Vorsaal hinaus.

»Marja Dmitrijewna?« hörten die im Salon Befindlichen sie draußen sagen.

»Sie selbst«, antwortete eine derbe Frauenstimme, und gleich darauf trat Marja Dmitrijewna, von der Gräfin geleitet, in den Salon. Alle jungen Mädchen und sogar die verheirateten Damen, nur die ältesten ausgenommen, erhoben sich von ihren Plätzen. Marja Dmitrijewna blieb in der Tür stehen, reckte ihren fünfzigjährigen, mit grauen Locken geschmückten Kopf gerade aufrecht, ließ von der Höhe ihrer wohlbeleibten Gestalt herab ihre Blicke über die Gäste schweifen und brachte langsam die weiten Ärmel ihres Kleides in Ordnung, was den Eindruck machte, als ob sie sie aufstreifen wollte. Marja Dmitrijewna sprach immer russisch.

»Meinen Glückwunsch der lieben Hausfrau und ihrem Töchterchen, die heute ihren Namenstag feiern!« sagte sie mit ihrer lauten, tiefen, alles übertönenden Stimme. »Nun, wie geht es dir, du alter Sünder?« Mit diesen Worten wandte sie sich zu dem Grafen, der ihr die Hand küßte. »Es ist dir hier wohl zu langweilig in Moskau? Zu Hetzjagden findest du hier wohl keine Gelegenheit? Aber was ist da zu machen, mein Lieber? Wenn diese Vögelchen heranwachsen«, sie zeigte auf die jungen Mädchen, »dann muß man Bräutigame für sie suchen, ob es einem nun paßt oder nicht.«

»Na, und wie steht es mit dir, mein Kosak?« (Marja Dmitrijewna nannte Natascha gern so) sagte sie, indem sie mit der Hand Natascha liebkoste, die fröhlich und ohne Schüchternheit zu ihr herangetreten war, um ihr die Hand zu küssen. »Ich weiß, daß dieses Mädchen ein richtiges Unkraut ist; aber ich habe sie doch gern.«

Sie holte aus ihrem riesigen Ridikül ein Paar Ohrringe mit birnförmigen Saphiren daran heraus, reichte sie der freudestrahlenden, errötenden Natascha hin und wandte sich dann sofort von ihr ab und redete Pierre an.

»Heda, heda, lieber Freund! Komm doch mal her!« sagte sie mit gekünstelt sanfter, hoher Stimme. »Komm mal her, lieber Freund!« Dabei streifte sie, gleichsam drohend, ihre Ärmel noch höher auf.

Pierre trat heran und blickte sie durch seine Brille ohne Verlegenheit an.

»Komm nur heran, immer näher, lieber Freund. Auch bei deinem Vater bin ich die einzige gewesen, die ihm die Wahrheit sagte, als er hoch in Gunst stand; und nun fühle ich mich vor Gott verpflichtet, sie auch dir zu sagen.« Sie machte eine kleine Pause. Alle schwiegen in dem Gefühl, daß dies nur die Vorrede gewesen war, und in Erwartung dessen, was noch weiter kommen werde. »Ein nettes Bürschchen, das muß man sagen, ein nettes Bürschchen! Sein Vater liegt auf dem Sterbebett, und er amüsiert sich, indem er einen Reviervorsteher rittlings auf einen Bären setzt! Schäme dich, Verehrtester, schäme dich! Du würdest besser tun, in den Krieg zu gehen.«

Sie wandte sich von ihm weg und schob ihren Arm in den Arm des Grafen, der kaum das Lachen unterdrücken konnte. »Na also, wie ist’s? Zu Tisch? Ich glaube, es ist Zeit!« sagte Marja Dmitrijewna.

Voran gingen der Graf und Marja Dmitrijewna; dann folgte die Gräfin, welche der Husarenoberst führte, ein Mann, der für die Familie von hoher Wichtigkeit war, da Nikolai mit ihm zusammen das Regiment einholen sollte; hierauf Anna Michailowna mit Schinschin. Berg hatte Wjera den Arm gereicht; die lächelnde Julja Karagina ging mit Nikolai zu Tisch. Hinter ihnen kamen in langer Reihe, die sich durch den ganzen Saal hinzog, die andern Paare, und ganz zum Schluß, einzeln gehend, die Kinder, der Hauslehrer und die Gouvernante. Die Diener gerieten in Bewegung; mit lautem Geräusch wurden die Stühle gerückt; auf der Galerie setzte die Musik ein, und die Gäste verteilten sich auf ihre Plätze. Die Töne des gräflichen Hausorchesters verstummten dann und wurden abgelöst von dem Klappern der Messer und Gabeln, dem Gespräch der Gäste und den leisen Schritten der Diener. An dem einen Ende des Tisches saß obenan die Gräfin, rechts von ihr Marja Dmitrijewna, links Anna Michailowna; dann schlossen sich daran die andern Damen. Am andern Ende saß der Graf, links von ihm der Husarenoberst, rechts Schinschin; weiterhin die übrigen Herren. An der einen Seite des langen Tisches hatte die schon erwachsene Jugend ihre Plätze erhalten: Wjera neben Berg, Pierre neben Boris; auf der andern Seite saßen die Kinder, der Hauslehrer und die Gouvernante. Der Graf blickte hinter den kristallenen Karaffen und den kristallenen Fruchtschalen hervor hin und wieder hinüber zu seiner Frau und ihrer hohen Haube mit den blauen Bändern; er goß seinen Nachbarn eifrig Wein ein, ohne sich selbst dabei zu vergessen. Die Gräfin warf ebenfalls hinter den prächtigen Ananas hervor, ohne die Pflichten der Wirtin zu vergessen, bedeutsame Blicke zu ihrem Mann hin, dessen Glatze und Gesicht, wie es ihr vorkam, durch ihre Röte immer schärfer von den grauen Haaren abstachen. An demjenigen Ende, wo die Damen saßen, war ein gleichmäßiges Geplauder im Gang; bei den Herren dagegen erschollen die Stimmen immer lauter und lauter, besonders die Stimme des Husarenobersten, welcher, immer röter werdend, so viel aß und trank, daß der Graf ihn schon den andern Gästen als Muster hinstellte. Berg sprach, zärtlich lächelnd, mit Wjera davon, daß die Liebe keine irdische, sondern eine himmlische Empfindung sei. Boris nannte seinem neuen Freund Pierre die am Tisch sitzenden Gäste und wechselte Blicke mit Natascha, die ihm gegenübersaß. Pierre redete nur wenig, betrachtete die neuen Gesichter und aß sehr viel. Von den beiden Suppen (er hatte sich für die Schildkrötensuppe entschieden) und der Fischpastete an bis zu den Haselhühnern ließ er kein einziges Gericht vorübergehen und ebenso keinen der Weine, die der Haushofmeister in sorgsam mit Servietten umwickelten Flaschen geheimnisvoll hinter der Schulter des Tischnachbarn zum Vorschein brachte, indem er dazu »Dry Madeira« oder »Ungarwein« oder »Rheinwein« murmelte. Pierre hielt das erstbeste der vier mit dem Monogramm des Grafen versehenen Kristallgläser hin, die bei jedem Gedeck standen, und trank mit Genuß; und je mehr er trank, mit um so freundlicherer Miene betrachtete er um sich her die andern Gäste. Natascha, die ihm gegenübersaß, blickte Boris so an, wie dreizehnjährige Mädchen eben einen jugendlichen Angehörigen des anderen Geschlechts anblickten, mit dem sie sich kurz vorher zum erstenmal geküßt haben und in den sie verliebt sind. Diesen selben Blick richtete sie mitunter auch auf Pierre, und unter dem Blick dieses lachlustigen, lebhaften jungen Mädchens bekam er selbst Lust zu lachen, ohne zu wissen worüber.

Nikolai saß ziemlich weit von Sonja neben Julja Karagina und unterhielt sich wieder mit ihr über irgend etwas mit demselben unwillkürlichen Lächeln. Sonja lächelte um der Etikette willen, wurde aber offenbar von arger Eifersucht gequält: sie wurde bald blaß, bald rot und strengte ihr Gehör aufs äußerste an, um etwas von dem aufzufangen, was Nikolai und Julja miteinander sprachen. Die Gouvernante blickte unruhig um sich, als ob sie sich zur Gegenwehr bereitmachte, falls jemand sich beikommen ließe, den Kindern etwas zuleide zu tun. Der deutsche Hauslehrer gab sich Mühe, die Namen der einzelnen Gerichte und Weine sowie der verschiedenen Arten von Dessert seinem Gedächtnis einzuprägen, um seinen Angehörigen in Deutschland brieflich alles recht genau schildern zu können, und fühlte sich sehr beleidigt, daß der Haushofmeister mit einer Flasche in der Serviette an ihm vorbeiging. Der Deutsche zog ein finsteres Gesicht und suchte durch seine Miene anzudeuten, es habe ihm eigentlich gar nichts daran gelegen, von diesem Wein zu bekommen; aber es war ihm ärgerlich, bei niemand ein Verständnis für seine Versicherung zu finden, daß er Wein überhaupt nicht trinke, um den Durst zu stillen, nicht aus Gierigkeit, sondern aus reiner Wißbegierde.


XIX


An demjenigen Ende des Tisches, wo die Herren saßen, wurde das Gespräch immer lebhafter. Der Oberst erzählte, daß das Manifest über die Kriegserklärung in Petersburg bereits erschienen und ein Exemplar, welches er selbst gesehen habe, heute durch einen Kurier dem Oberkommandierenden von Moskau zugestellt worden sei.

»Wozu plagt uns denn der Teufel, mit Bonaparte Krieg zu führen?« sagte Schinschin. »Er hat den Österreichern schon ihren Dünkel benommen, und ich fürchte, jetzt kommen wir an die Reihe.«

Der Oberst war ein großgewachsener, stämmiger, vollblütiger Deutscher, offenbar mit Leib und Seele Soldat und ein guter Patriot. Er fühlte sich durch Schinschins Worte verletzt.

»Warum wir das tun, mein Herr?« sagte er; man hörte seiner Aussprache des Russischen den Deutschen an. »Ganz einfach, weil unser Kaiser es will. Er hat in dem Manifest gesagt, er könne der Gefahr gegenüber, welche Rußland bedrohe, nicht gleichgültig bleiben, und durch die Rücksicht auf die Sicherheit und Würde des Reiches und auf die Heiligkeit der Bündnisse …« (er legte auf das Wort Bündnisse einen ganz besonderen Nachdruck, als ob darin der eigentliche Kern der Sache läge. Und mit seinem unfehlbaren Gedächtnis in Dienstsachen zitierte er den einleitenden Satz des Manifests weiter) »sowie durch den das einzige und unverrückbare Ziel Seiner Majestät des Kaisers bildenden Wunsch, den Frieden Europas auf feste Fundamente zu gründen, sehe er sich heute veranlaßt, einen Teil seiner Kriegsmacht über die Grenze rücken zu lassen und neue Anstrengungen zur Erreichung dieser seiner Absicht zu machen. Sehen Sie: darum, mein Herr!« schloß er, goß zu größerer Bekräftigung ein Glas Wein hinunter und blickte den Grafen an, um diesen zu einer Beifallskundgebung zu veranlassen.

»Kennen Sie das Sprichwort: ›Bleib zu Hause, dann passiert dir nichts‹?« erwiderte Schinschin, indem er die Stirn runzelte und zugleich lächelte. »Das paßt auf uns ganz ausgezeichnet. Ich denke da an Suworow: auch dem ist es schließlich schlimm genug gegangen, und wo haben wir jetzt Heerführer, wie er einer war, frage ich Sie?« sagte er, indem er unaufhörlich vom Russischen ins Französische und vom Französischen wieder ins Russische übersprang.

»Wir müssen kämpfen bis zum letzten Blutstropfen«, erwiderte der Oberst, kräftig auf den Tisch schlagend, »und ster-r-rben für unsern Kaiser; dann wird alles gut werden. Und mit unserm eigenen Kopf urteilen, sollen wir mö-ö-öglichst wenig«, er zog das Wort möglichst unnatürlich in die Länge und wandte sich beim Ende dieses Satzes wieder zum Grafen hin. »So denken wir alten Husaren, und damit basta! Und wie denken Sie darüber, Sie junger Mann und junger Husar?« fügte er, zu Nikolai gewendet, hinzu, der, sobald er hörte, daß vom Krieg die Rede war, das Gespräch mit seiner Nachbarin abgebrochen hatte und mit leuchtenden Augen den Oberst anschaute und jedes seiner Worte verschlang.

»Ich bin vollständig derselben Ansicht wie Sie«, antwortete Nikolai. Er war blutrot geworden, drehte an seinem Teller und stellte seine vier Gläser mit so grimmiger, entschlossener Miene in andere Ordnung, als ob er schon in diesem Augenblick einer großen Gefahr gegenüberstände. »Nach meiner Anschauung müssen die Russen siegen oder sterben«, sagte er, hatte aber, gleich nachdem er diese Worte gesprochen hatte, ebenso wie die Hörer, die Empfindung, daß dieser Satz unter den vorliegenden Umständen zu schwärmerisch und zu schwülstig und darum nicht recht angebracht war.

»Ganz vortrefflich! Was Sie soeben gesagt haben, ist ganz vortrefflich!« sagte die neben ihm sitzende Julja mit einem Seufzer der Bewunderung. Sonja hatte, während Nikolai sprach, zu zittern angefangen und war bis an die Ohren, hinter den Ohren und bis zum Hals und den Schultern rot geworden. Pierre hatte die Reden des Obersten aufmerksam mitangehört und beifällig mit dem Kopf genickt.

»Vorzüglich gesprochen«, bemerkte er.

»Nun, Sie sind ein echter Husar, junger Mann!« rief der Oberst und schlug wieder auf den Tisch.

»Worüber redet ihr denn da, daß ihr solchen Lärm macht?« erscholl plötzlich vom andern Ende des Tisches her Marja Dmitrijewnas tiefe Stimme. »Warum haust du so auf den Tisch?« wandte sie sich an den Husaren. »Auf wen bist du denn so grimmig? Du meinst wohl, du hättest hier schon die Franzosen vor dir?«

»Ich rede die Wahrheit«, erwiderte der Husar lächelnd.

»Wir reden hier immer nur vom Krieg!« rief der Graf über die ganze Länge des Tisches hin. »Mein Sohn geht ja auch in den Krieg, Marja Dmitrijewna, mein Sohn geht auch hin.«

»Ich habe vier Söhne bei der Armee; aber aufregen tue ich mich darüber dennoch nicht. Es geschieht alles nach Gottes Willen: man kann sterben, wenn man auf dem Ofen liegt, und umgekehrt kann Gott in der Schlacht Erbarmen mit einem haben«, so tönte Marja Dmitrijewnas kräftige Stimme ohne jede Anstrengung vom andern Ende des Tisches herüber.

»So ist es!«

Und dann bildeten sich in der Unterhaltung wieder zwei geschlossene Kreise; die Damen redeten unter sich an dem einen Ende des Tisches, die Herren unter sich am andern.

»Du wirst doch nicht fragen«, sagte der kleine Bruder zu Natascha, »du wirst doch nicht fragen.«

»Ich werde doch fragen«, antwortete Natascha.

Ihr Gesicht erglühte plötzlich, und es prägte sich auf ihm eine kühne, heitere Entschlossenheit aus. Sie erhob sich ein wenig, forderte durch einen Blick den ihr gegenübersitzenden Pierre auf, zuzuhören, und wandte sich an ihre Mutter.

»Mama!« tönte ihre kindliche Bruststimme über den ganzen Tisch.

»Was hast du?« fragte die Gräfin erschrocken; aber da sie dann an dem Gesicht der Tochter merkte, daß diese nur einen ausgelassenen Streich vorhatte, so winkte sie ihr streng mit der Hand und machte eine drohende, verbietende Bewegung mit dem Kopf.

Das Gespräch verstummte überall.

»Mama, was gibt es heute als süße Speise?« rief Nataschas helles Stimmchen in noch entschlossenerem, festerem Ton.

Die Gräfin wollte ein finsteres Gesicht machen, aber es gelang ihr nicht. Marja Dmitrijewna drohte der Kleinen mit ihrem dicken Finger.

»Ei, ei, Kosak!« rief sie tadelnd.

Die meisten Gäste wußten nicht recht, wie sie diese Keckheit aufnehmen sollten, und blickten nach den älteren und vornehmeren hin.

»Na, warte du nur!« sagte die Gräfin.

»Mama! Was gibt es als süße Speise?« rief Natascha nun schon ganz kühn und mit lustigem Eigensinn, da sie vorhersah, daß ihre Keckheit gut aufgenommen werden würde.

Sonja und der kleine dicke Peter versteckten ihre Gesichter, weil sie das Lachen nicht unterdrücken konnten.

»Siehst du wohl, ich habe doch gefragt!« flüsterte Natascha ihrem kleinen Bruder und ihrem Gegenüber Pierre zu, auf den sie wieder ihren Blick richtete.

»Es wird wohl Eis geben; aber du wirst nichts davon bekommen«, sagte Marja Dmitrijewna. Natascha sah, daß sie keine Angst zu haben brauchte, und fürchtete sich darum auch vor Marja Dmitrijewna nicht.

»Marja Dmitrijewna! Was für Eis? Sahneeis mag ich nicht!«

»Mohrrübeneis!«

»Nein, was für welches? Marja Dmitrijewna, was für welches?« wiederholte Natascha fast schreiend. »Ich will es wissen!«

Marja Dmitrijewna und die Gräfin fingen an zu lachen, und ihrem Beispiel folgten alle Gäste. Alle lachten nicht über Marja Dmitrijewnas Antwort, sondern über die unbegreifliche Keckheit und Gewandtheit dieses kleinen Mädchens, das so mit Marja Dmitrijewna umzugehen verstand und umzugehen wagte.

Natascha hörte erst dann mit ihren hartnäckigen Fragen auf, als man ihr sagte, es werde Ananaseis geben.

Vor dem Eis wurde Champagner gereicht. Die Musik setzte wieder ein; der Graf und die Gräfin küßten sich, und die Gäste standen auf, gratulierten der Gräfin und stießen über den Tisch weg mit dem Grafen, mit den Kindern und miteinander an. Wieder kamen die Diener herbeigelaufen, die Stühle wurden gerückt, und in derselben Reihenfolge, aber mit röteren Gesichtern, kehrten die Gäste in den Salon und in das Herrenzimmer zurück.


XX


Die Bostontische wurden ausgezogen, die einzelnen Partien fanden sich zusammen, und die Gäste des Grafen verteilten sich in die beiden Salons, das Sofazimmer und die Bibliothek.

Der Graf, dem es recht schwerfiel, sich das gewohnte Schläfchen nach Tisch versagen zu müssen, breitete auf den Spieltischen die Karten fächerartig aus und lachte über alles mögliche. Das junge Volk versammelte sich auf Anregung der Gräfin um das Klavier und die Harfe. Zuerst trug auf allgemeines Bitten Julja auf der Harfe ein Musikstück mit Variationen vor und richtete dann ihrerseits im Verein mit den andern jungen Mädchen an Natascha und Nikolai, die als sehr musikalisch bekannt waren, die Bitte, etwas zu singen. Natascha, an die sie sich mit dieser Aufforderung wie an eine Erwachsene wandten, war offenbar darauf sehr stolz, zugleich aber doch auch ein wenig ängstlich.

»Was wollen wir singen?« fragte sie.

»Den ›Quell‹«, antwortete Nikolai.

»Nun, dann wollen wir gleich anfangen. Boris, kommen Sie hierher, an diesen Platz«, sagte Natascha. »Aber wo ist denn Sonja?« Sie blickte sich nach allen Seiten um, und als sie sah, daß ihre Freundin nicht im Zimmer war, lief sie weg, um sie zu suchen.

Natascha lief zuerst in Sonjas Zimmer und, als sie ihre Freundin dort nicht fand, in das Kinderzimmer; aber auch dort war Sonja nicht. Da sagte sie sich, Sonja würde wohl im Korridor sein, auf dem Schlafkasten. Dieser Schlafkasten auf dem Korridor war der Ort, wo die jüngere weibliche Generation des Rostowschen Hauses immer ihr Leid hintrug. Und wirklich lag Sonja in ihrem leichten rosa Kleid, das dabei arg verdrückt wurde, mit dem Gesicht nach unten auf dem schmutzigen gestreiften Federbett der Kinderfrau auf dem Schlafkasten; die Hände vor das Gesicht haltend, weinte sie unter lautem Schluchzen, und ihre kleinen entblößten Schultern zuckten krampfhaft. Nataschas Gesicht, das heute im ganzen Verlauf ihres Namenstages so lebhaft und heiter gewesen war, veränderte sich plötzlich: ihre Augen wurden starr; dann ging ein Zucken über ihren breiten Hals, und ihre Mundwinkel zogen sich nach unten.

»Sonja! Was hast du denn …? Was fehlt dir? Hu-hu-hu!« Und Natascha machte ihren großen Mund weit auf, wodurch sie ganz häßlich wurde, und heulte los wie ein kleines Kind, ohne selbst einen Grund dazu zu wissen, lediglich weil Sonja weinte. Sonja wollte den Kopf aufheben und ihr antworten; aber sie war dazu nicht imstande und versteckte ihr Gesicht nur noch mehr. Natascha kauerte sich weinend auf dem blauüberzogenen Bett nieder und umarmte ihre Freundin. Sonja nahm nun alle Kraft zusammen, richtete sich ein wenig auf und begann ihre Tränen abzuwischen und zu erzählen.

»Nikolai reist in acht Tagen ab, seine … Order … ist gekommen … er hat es mir selbst gesagt. Trotzdem würde ich nicht weinen; aber du kannst dir gar nicht vorstellen« (sie zeigte der Freundin ein Blatt Papier, das sie in der Hand hielt: es waren die Verse, die Nikolai ihr aufgeschrieben hatte) »… und niemand kann sich vorstellen … was er für eine herrliche Seele hat …«

Und nun fing sie von neuem an darüber zu weinen, daß Nikolai eine so herrliche Seele hatte.

»Bei dir ist alles in bester Ordnung … ich bin nicht neidisch … ich liebe dich und deinen Boris auch«, sagte sie, nachdem sie einigermaßen wieder zu Kräften gekommen war, »er ist ein sehr liebenswürdiger Mensch … für euch gibt es keine Hindernisse. Aber Nikolai ist mein Vetter … da würde es nötig sein … daß der Metropolit selbst … und auch dann geht es nicht. Und dann, wenn es unserer lieben Mama« (Sonja betrachtete die Gräfin als ihre Mutter und nannte sie auch so) »… sie wird sagen, daß ich Nikolais Karriere verderbe, und daß ich kein Herz habe, und daß ich undankbar bin; aber wahrhaftig … bei Gott …« (sie bekreuzte sich), »ich habe Mama so lieb, und euch alle; bloß Wjera ist immer so zu mir … Warum eigentlich? Was habe ich ihr getan? Ich bin euch so dankbar, daß ich mit Freuden alles für euch hingeben möchte; aber ich habe ja nichts …«

Sonja war nicht mehr imstande weiterzusprechen und verbarg wieder ihren Kopf in den Händen und in dem Bett. Natascha begann zwar schon etwas ruhiger zu werden; aber an ihrem Gesicht war deutlich zu sehen, daß sie den Kummer ihrer Freundin in seiner ganzen Größe zu würdigen wußte.

»Sonja«, sagte sie auf einmal, wie wenn sie nun die wahre Ursache der Traurigkeit ihrer Kusine erraten hätte, »gewiß hat Wjera nach dem Diner mit dir gesprochen, ja?«

»Ja, diese Verse hat mir Nikolai selbst aufgeschrieben, und ich hatte mir noch andere abgeschrieben; und Wjera hat sie in meiner Stube auf dem Tisch gefunden und hat gesagt, sie würde es Mama sagen; und dann hat sie noch gesagt, ich wäre undankbar, und Mama würde ihm niemals erlauben, mich zu heiraten, sondern er werde Julja heiraten. Du siehst ja auch, daß er den ganzen Tag über mit ihr zusammen ist … Natascha! Womit habe ich das verdient …?«

Sie begann wieder zu weinen, noch bitterlicher als vorher. Natascha richtete sie in die Höhe, umarmte sie und suchte, unter Tränen lächelnd, sie zu beruhigen.

»Sonja, glaube ihr kein Wort, mein Herzchen, glaube ihr kein Wort. Erinnerst du dich noch, wie wir beide und Nikolai im Sofazimmer über die Sache gesprochen haben? Erinnerst du dich wohl? Es war einmal nach dem Abendessen. Da haben wir ja doch alle drei festgesetzt, wie es werden soll. Wie es im einzelnen war, das weiß ich nicht mehr recht; aber du besinnst dich wohl noch, daß alles wunderschön war und alles ganz leicht ging. Sieh mal, ein Bruder von Onkel Schinschin ist ja doch auch mit seiner Kusine verheiratet, und Nikolai ist ja gar nicht einmal dein richtiger Vetter. Boris sagt auch, es würde gewiß gehen. Weißt du nämlich, ich habe ihm alles gesagt. Und der ist ein so kluger Mensch und ein so guter Mensch«, sagte Natascha. »Und nun weine nur nicht mehr, Sonja, du meine liebe, süße Sonja!« (Sie küßte sie lachend.) »Wjera ist ein Ekel; Gott verzeihe es ihr! Und es wird schon alles gut werden, und sie wird nichts zu Mama sagen. Nikolai wird es ihr selbst sagen, und an Julja hat er überhaupt nie gedacht.«

Sie küßte Sonja auf den Kopf. Sonja richtete sich in die Höhe, und das Kätzchen wurde wieder ganz lebendig, seine Äuglein glänzten, und es war, wie es schien, jeden Augenblick wieder bereit, mit dem Schwänzchen hin und her zu schlagen, auf die weichen Pfötchen zu springen und das Spiel mit dem Wollknäuel von neuem zu beginnen, wie das so in seiner Art lag.

»Meinst du? Wirklich? Glaubst du das wahrhaftig?« sagte sie und brachte schnell ihr Kleid und ihr Haar in Ordnung.

»Wirklich und wahrhaftig!« antwortete Natascha und schob ihrer Freundin eine kleine widerspenstige Haarsträhne unter den Zopf. Und beide brachen in ein helles Gelächter aus.

»Nun komm, wir wollen den ›Quell‹ singen.«

»Ja, komm.«

»Weißt du, dieser dicke Pierre, der mir gegenübersaß, ist so furchtbar komisch«, sagte Natascha auf einmal und blieb stehen. »Ach, ich bin so vergnügt!« Und sie rannte den Korridor entlang.

Sonja schüttelte sich die Federchen vom Kleid, schob sich das Blatt mit den Versen oben beim Hals mit den hervorstehenden Schlüsselbeinen in den Kleiderausschnitt und lief mit leichten, munteren Schritten, das Gesicht freudig gerötet, hinter Natascha her den Korridor entlang nach dem Sofazimmer. Auf die Bitte der Gäste sangen die jungen Leute ein Quartett »Der Quell«, welches allgemeinen Beifall fand; darauf sang Nikolai noch ein anderes Lied, das er neu eingeübt hatte:


»In tiefer Nacht, beim Schein der Sterne,

Bin ich mit Wonne mir bewußt:

Jetzt denket mein in weiter Ferne

Ein edles Herz in treuer Brust;

Jetzt stimmen holde Lippen leise

Ein Lied wohl an zum Harfenklang:

›Komm heim!‹ so tönt die süße Weise,

Mich rufend, ach, so sehnsuchtsbang.

Doch eh’ des Glückes Stunde schlägt,

Hat mich der Tod ins Grab gelegt.«


Er hatte noch nicht die letzten Worte gesungen, als im Saal die Jugend sich schon zum Tanzen anschickte und die Musikanten mit Gepolter auf die Galerie gingen und sich räusperten.


Pierre saß im Salon, wo Schinschin, veranlaßt dadurch, daß Pierre erst vor kurzem aus dem Ausland zurückgekommen war, mit ihm ein für Pierre recht langweiliges Gespräch über Politik führte, an dem sich auch andere beteiligten. Sowie jedoch die Musik zu spielen begann, trat Natascha in den Salon, ging geradewegs auf Pierre zu und sagte lachend und errötend:

»Mama hat mir befohlen, Sie zum Tanz zu bitten.«

»Ich fürchte nur, daß ich Unordnung in die Figuren bringen werde«, erwiderte Pierre. »Aber wenn Sie meine Lehrerin sein wollen …« Damit reichte er dem kleinen, zierlich gebauten Mädchen seinen dicken Arm, den er tief herunterhalten mußte.

Während sich die Paare aufstellten und die Musikanten ihre Instrumente stimmten, setzte sich Pierre mit seiner kleinen Dame hin. Natascha war selig: sie tanzte mit einem Erwachsenen, und noch dazu mit einem, der eben aus dem Ausland zurückgekommen war. Sie saß vor aller Augen da und unterhielt sich mit ihm wie eine erwachsene Dame. In der Hand hatte sie einen Fächer, den ihr eine der tanzenden jungen Damen zum Halten gegeben hatte. Sie nahm eine elegante Pose an, die durchaus den Regeln der feinsten Etikette entsprach (Gott mochte wissen, wo und wann sie das gelernt hatte), gestikulierte mit dem Fächer, lächelte über ihn hinweg und machte mit ihrem Kavalier Konversation.

»Was sagen Sie nur zu der hier? Sehen Sie nur, sehen Sie nur!« sagte die alte Gräfin, die mit ein paar andern Damen durch den Saal ging, und zeigte dabei auf Natascha. Natascha wurde rot und lachte.

»Nun, aber was denn, Mama? Was meinen Sie denn eigentlich? Was ist denn hier so Wunderbares?«


Während die dritte Ecossaise getanzt wurde, wurden in dem Salon, wo Marja Dmitrijewna und der Graf Karten spielten, die Stühle gerückt, und die meisten der vornehmen und älteren Gäste erhoben sich, reckten nach dem langen Sitzen die Glieder, steckten die Brieftaschen und Geldbörsen in die Tasche und begaben sich nach dem Saal, in dem getanzt wurde. Voran gingen Marja Dmitrijewna und der Graf, beide mit vergnügten Gesichtern. Der Graf bot mit scherzhafter Höflichkeit, etwa wie beim Ballett, Marja Dmitrijewna seinen rundgebogenen Arm. Er richtete sich ganz gerade auf; sein Gesicht leuchtete ordentlich von einem eigenartig schlauen, unternehmenden Lächeln, und sowie die letzte Figur der Ecossaise zu Ende getanzt war, klatschte er in die Hände, um sich den Musikanten bemerkbar zu machen, und rief, sich an die erste Violine wendend, zur Galerie hinauf: »Semjon, den Danilo Kupor! Weißt du wohl?«

Dies war des Grafen Lieblingstanz; er hatte ihn getanzt, als er noch ein junger Mann gewesen war. Der Danilo Kupor war eigentlich nur eine einzelne Figur der Anglaise.

»Nein, sehen Sie nur unsern Papa!« rief Natascha durch den ganzen Saal hin; sie hatte ganz vergessen, daß sie mit einem Erwachsenen tanzte, bog ihr Lockenköpfchen bis zu den Knien herunter und brach in ein helles weitschallendes Lachen aus. Und wirklich, alle, die im Saal anwesend waren, blickten mit fröhlichem Lächeln nach dem vergnügten alten Herrn, der da neben seiner Dame, der stattlichen Marja Dmitrijewna, die ihn an Größe überragte, sich gar wunderlich gebärdete. Er krümmte die Arme bogenförmig, schüttelte sie nach dem Takt, reckte die Schultern, stellte die Füße auswärts, stampfte ein wenig mit ihnen und bereitete durch ein Lächeln, das immer glänzender sein rundliches Gesicht überzog, die Zuschauer auf das, was nun kommen sollte, vor. Sowie die heiteren auffordernden Klänge des Danilo Kupor ertönten, die eine große Ähnlichkeit mit der Melodie des lustigen Bauerntanzes Trepak hatten, erschienen auf einmal in allen Saaltüren die lächelnden Gesichter auf der einen Seite des männlichen, auf der andern des weiblichen Hausgesindes, welches herbeigelaufen war, um zu sehen, wie fidel der Herr des Hauses tanzte.

»Nein, unser Väterchen! Wie ein Hirsch!« sagte laut von der einen Tür her die Kinderfrau.

Der Graf tanzte gut und war sich dessen bewußt; seine Dame hingegen konnte nicht gut tanzen und strebte auch gar nicht danach, etwas Besonderes zu leisten. Ihr kolossaler Körper stand gerade, während die mächtigen Arme schlaff herabhingen (ihren Ridikül hatte sie der Gräfin übergeben); es tanzte eigentlich nur ihr ernstes, aber hübsches Gesicht. Was bei dem Grafen in seiner ganzen rundlichen Figur zum Ausdruck kam, sprach sich bei Marja Dmitrijewna nur in dem allmählich immer deutlicher lächelnden Gesicht und in der sich immer mehr in die Höhe hebenden Nase aus. Aber wenn der Graf, der immer mehr in Zug kam, die Zuschauer durch die überraschende Gewandtheit seiner Fußstellungen und die behenden Sprünge seiner geschmeidigen Beine entzückte, so brachte demgegenüber Marja Dmitrijewna trotz des nur sehr geringen Eifers, den sie in den Bewegungen der Schultern oder in der runden Haltung der Arme bei Umdrehungen und beim Aufstampfen bewies, doch einen nicht minderen Eindruck hervor, indem ein jeder bei der Würdigung ihrer Leistungen verdientermaßen ihre Beleibtheit und ihr sonst so ernstes Wesen berücksichtigte. Der Tanz wurde immer lebhafter. Ein den beiden vis-à-vis tanzendes Paar konnte auch nicht für einen Augenblick die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und versuchte es nicht einmal. Das allgemeine Interesse konzentrierte sich auf den Grafen und Marja Dmitrijewna. Natascha zupfte alle in der Nähe Stehenden an den Ärmeln und Kleidern, obgleich diese auch so schon kein Auge von den Tanzenden wandten, und verlangte, sie sollten doch ihr Papachen ansehen. In den kurzen Pausen des Tanzes schöpfte der Graf mit Anstrengung wieder Luft, aber er winkte den Musikanten und rief ihnen zu, sie sollten schneller spielen. Immer schneller und schneller, immer kunstvoller und kunstvoller drehte und schwenkte sich der Graf; bald tanzte er auf den Fußspitzen, bald auf den Hacken um Marja Dmitrijewna herum. Endlich drehte er seine Dame so um, daß sie wieder auf ihren ursprünglichen Platz zu stehen kam, und führte den letzten Pas aus, indem er sein geschmeidiges Bein nach hinten in die Höhe hob, den von Schweiß bedeckten Kopf mit dem lächelnden Gesicht tief hinabbeugte und mit dem rechten Arm eine große runde Bewegung machte – unter lautschallendem Händeklatschen und Lachen der Zuschauer, wobei sich Natascha besonders hervortat. Die beiden Tanzenden standen still, rangen mühsam nach Atem und trockneten sich mit ihren Batisttüchern das Gesicht.

»Ja, ja, so tanzte man zu unserer Zeit, meine Teuerste!« sagte der Graf.

»Ein famoser Tanz, dieser Danilo Kupor!« erwiderte Marja Dmitrijewna, indem sie schwer und langsam aus- und einatmete, und streifte sich die Ärmel in die Höhe.


XXI


Während im Sall bei Rostows nach den Klängen der vor Ermattung falsch spielenden Musikanten die sechste Anglaise getanzt wurde und die müden Diener und Köche das Abendessen herrichteten, erlitt Graf Besuchow einen sechsten Schlaganfall. Die Ärzte erklärten, es bestände keine Hoffnung auf Genesung mehr. Dem Kranken wurde die Beichte in der Weise abgenommen, daß er dem Geistlichen nur durch Zeichen antwortete, und darauf das Abendmahl gereicht; dann traf man die nötigen Vorbereitungen zur Letzten Ölung, und es herrschte im Haus ein geschäftiges Treiben und eine erwartungsvolle Unruhe, wie sie eben in solchen Augenblicken das Gewöhnliche sind. Außerhalb des Hauses, vor dem Torweg, drängten sich, vor den heranrollenden Equipagen sich verbergend, die Sargmacher, welche eine gewinnbringende Bestellung für das Begräbnis des reichen Grafen erwarteten. Der Oberkommandierende von Moskau, der sonst immer seine Adjutanten geschickt hatte, um sich nach dem Befinden des Kranken erkundigen zu lassen, kam an diesem Abend persönlich, um von dem berühmten Würdenträger aus der Zeit der Kaiserin Katharina, dem Grafen Besuchow, Abschied zu nehmen.

Das prächtige Wartezimmer war voller Menschen. Alle standen respektvoll auf, als der Oberkommandierende, nachdem er ungefähr eine halbe Stunde allein bei dem Kranken gewesen war, von dort wieder herauskam; er erwiderte die Verbeugungen nur durch ein leises Neigen des Kopfes und bemühte sich, möglichst schnell an den auf ihn gerichteten Blicken der Ärzte, Geistlichen und Verwandten vorbeizukommen. Fürst Wasili, der in diesen Tagen recht blaß und mager geworden war, gab dem Oberkommandierenden das Geleit und sagte einige Male leise etwas zu ihm.

Nachdem er den Oberkommandierenden hinausbegleitet hatte, setzte Fürst Wasili sich im Saal ganz allein auf einen Stuhl, legte das eine Bein hoch über das andere, stützte den Ellbogen auf das Knie und bedeckte die Augen mit der Hand. Nachdem er so eine Zeitlang gesessen hatte, stand er auf und ging mit ungewöhnlich raschen Schritten, sich mit ängstlichen Augen nach allen Seiten umsehend, den langen Korridor hinunter nach den hinteren Zimmern des Hauses, zu der ältesten Prinzessin.

Die Personen, die in dem schwach beleuchteten Wartezimmer anwesend waren, sprachen in ungleichem Flüsterton miteinander, verstummten aber jedesmal und blickten mit fragenden, erwartungsvollen Augen nach der Tür, die in das Zimmer des Sterbenden führte und einen schwachen Ton vernehmen ließ, sooft jemand durch sie herauskam oder hineinging.

»Jedem Menschenleben«, sagte ein bejahrter Geistlicher zu einer Dame, die sich neben ihn gesetzt hatte und ihm kindlich-gläubig zuhörte, »jedem Menschenleben ist seine Grenze gesetzt, die man nicht überschreiten kann.«

»Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, um ihm die Letzte Ölung zu geben?« fragte die Dame mit Hinzufügung des geistlichen Titels des Angeredeten, als ob sie darüber keine eigene Meinung hätte.

»Das Sakrament, meine Liebe, ist etwas Hohes und Großes«, erwiderte der Geistliche und strich sich mit der Hand über die Glatze, auf der einige zurückgekämmte, halbergraute Haarsträhnen lagen.

»Wer war denn das? War das nicht der Oberkommandierende selbst?« wurde am andern Ende des Zimmers gefragt. »Was er für ein jugendliches Aussehen hat!«

»Und dabei ist er doch schon in den Sechzigern. Ob das wahr ist: es heißt, daß der Graf niemand mehr erkennt? Man wollte ihm schon die Letzte Ölung geben.«

»Ich habe einen gekannt, der siebenmal die Letzte Ölung erhalten hat.«

Die zweite Prinzessin kam mit verweinten Augen aus dem Zimmer des Kranken und setzte sich neben den Doktor Lorrain, der in einer graziösen Pose, mit dem Ellbogen auf den Tisch gestützt, unter dem Porträt der Kaiserin Katharina saß.

»Sehr gut«, antwortete der Arzt auf die Frage, wie ihm das Moskauer Wetter gefalle. »Es ist ein vorzügliches Wetter, ein ganz vorzügliches Wetter, Prinzessin, und dazu kommt noch, daß man hier in Moskau die Empfindung hat, man wäre auf dem Land.«

»Nicht wahr?« sagte die Prinzessin mit einem Seufzer. »Darf er jetzt trinken?«

Doktor Lorrain überlegte.

»Hat er die Medizin eingenommen?«

»Ja.«

Der Arzt sah nach seiner Breguetschen Uhr.

»Nehmen Sie ein Glas abgekochtes Wasser, und tun Sie eine Prise« (er zeigte mit seinen schlanken Fingern, was das Wort Prise bedeutete) »Cremor tartari hinein.«

»Es ist mir noch nie ein Fall vorgekommen«, sagte der deutsche Arzt in sehr mangelhaftem Russisch zu einem Adjutanten, »daß jemand nach dem dritten Schlaganfall am Leben geblieben wäre.«

»Er ist aber auch ein außerordentlich lebenskräftiger Mann gewesen«, erwiderte der Adjutant. »Wem wird nun dieser Reichtum zufallen?« fügte er flüsternd hinzu.

»Dazu wird sich schon ein Liebhaber finden«, antwortete der Deutsche lächelnd.

Alle blickten wieder nach der Tür, die ihren knarrenden Ton hören ließ: die zweite Prinzessin, welche das von Doktor Lorrain verordnete Getränk bereitet hatte, trug es dem Kranken hin. Der deutsche Arzt trat zu Doktor Lorrain.

»Vielleicht zieht es sich doch noch bis morgen vormittag hin?« fragte der Deutsche auf französisch, aber mit schlechter Aussprache.

Doktor Lorrain zog die Lippen in den Mund und bewegte mit strenger Miene den Zeigefinger vor seiner Nase hin und her.

»Heute nacht, nicht später!« sagte er leise mit einem wohlanständigen Lächeln der Selbstzufriedenheit darüber, daß er den Zustand des Kranken so klar erkenne und sich mit solcher Bestimmtheit darüber äußern könne. Darauf verließ er das Zimmer.

Inzwischen öffnete Fürst Wasili die Tür, welche in das Zimmer der ältesten Prinzessin führte.

In dem Zimmer war es halbdunkel; es brannten nur zwei Lämpchen vor den Heiligenbildern, und es roch schön nach Räucherpapier und Blumen. Das ganze Zimmer war mit kleinen Möbelstücken vollgestellt: Chiffonnieren, Schränkchen und Tischchen. Hinter einem Bettschirm waren die weißen Decken eines hohen Federbettes sichtbar. Ein Hündchen fing an zu bellen.

»Ah, Sie sind es, Kusin!«

Sie stand auf und strich sich über das Haar, das bei ihr immer, auch jetzt, so außerordentlich glatt anlag, als wäre es mit dem Kopf aus einem Stück gemacht und dann überlackiert.

»Nun, ist etwas vorgefallen?« fragte sie. »Ich habe einen solchen Schreck bekommen.«

»Nein, es ist nichts geschehen; der Zustand bleibt unverändert. Ich bin nur hergekommen, Catiche1, um mit dir über die vorliegende wichtige Angelegenheit zu sprechen«, sagte der Fürst und ließ sich müde auf den Lehnstuhl nieder, von dem sie aufgestanden war. »Wie warm du ihn gesessen hast«, fuhr er fort. »Nun, setze dich hin und laß uns miteinander reden.«

»Ich glaubte schon, es wäre etwas vorgefallen«, sagte die Prinzessin, setzte sich mit ihrer unveränderlichen Miene steinernen Ernstes dem Fürsten gegenüber und schickte sich an zu hören. »Ich hatte schlafen wollen, Kusin, aber ich bin nicht dazu imstande.«

»Nun, wie steht’s, meine Liebe?« sagte Fürst Wasili, ergriff die Hand der Prinzessin und zog sie, wie er sich das nun einmal angewöhnt hatte, nach unten.

Es war klar, daß sich dieses »Wie steht es?« auf mancherlei Dinge bezog, von denen sie beide auch ohne nähere Bezeichnung wußten, daß sie gemeint waren.

Die Prinzessin mit ihrer im Verhältnis zu den Beinen unförmlich langen, hageren, geraden Taille blickte mit ihren vorstehenden grauen Augen den Fürsten offen und ohne Aufregung an. Sie wiegte den Kopf hin und her und schaute mit einem Seufzer nach den Heiligenbildern hin. Man konnte ihre Gebärde sowohl als Ausdruck des Leidens und der Ergebung als auch als Ausdruck der Müdigkeit und der Sehnsucht nach baldiger Erholung auffassen. Fürst Wasili nahm diese Gebärde nur als Ausdruck der Müdigkeit.

»Meinst du etwa, daß ich es leichter habe?« sagte er. »Ich bin abgehetzt wie ein Postpferd; aber ich muß doch mit dir sprechen, Catiche, und zwar sehr ernsthaft.«

Fürst Wasili schwieg; seine Wangen fingen nervös zu zucken an, bald auf der einen, bald auf der andern Seite, und verliehen seinem Gesicht einen unangenehmen Ausdruck, den es sonst niemals trug, wenn er in einem Salon war. Auch seine Augen sahen anders aus als gewöhnlich: bald blickten sie dreist und spöttisch, bald scheu und ängstlich umher.

Die Prinzessin, die mit ihren dürren, mageren Händen das Hündchen auf dem Schoß festhielt, blickte dem Fürsten Wasili aufmerksam in die Augen; aber es war klar, daß sie das Schweigen nicht durch eine Frage unterbrechen würde, und wenn sie bis zum Morgen schweigen müßte.

»Also siehst du, meine liebe Prinzessin und Kusine Katerina Semjonowna«, fuhr Fürst Wasili fort, der sich offenbar nicht ohne einen inneren Kampf dazu entschloß, seine angefangene Rede wiederaufzunehmen, »in solchen Momenten, wie die jetzigen, muß man alles erwägen. Wir müssen an die Zukunft denken, an euch denken. Ich liebe euch alle wie meine eigenen Kinder, das weißt du.«

Die Prinzessin blickte ihn ebenso trübe und starr an wie vorher.

»Schließlich muß ich doch auch an meine Familie denken«, redete Fürst Wasili, ohne die Prinzessin anzusehen, weiter und stieß ingrimmig ein neben ihm stehendes Tischchen von sich weg. »Du weißt, Catiche, daß ihr drei Schwestern Mamontow und dazu noch meine Frau, daß ihr vier die einzigen rechtmäßigen Erben des Grafen seid. Ich weiß, ich weiß, wie schwer es dir wird, von derartigen Dingen zu reden oder auch nur daran zu denken. Und mir wird das wahrlich nicht leichter. Aber, meine Beste, ich bin ein hoher Fünfziger; da muß man auf alles gefaßt sein. Weißt du wohl, daß ich Pierre habe rufen lassen müssen, weil der Graf geradezu auf sein Bild gezeigt und verlangt hat, er solle zu ihm kommen?«

Fürst Wasili blickte die Prinzessin fragend an, konnte aber nicht ins klare darüber kommen, ob sie über das, was er ihr gesagt hatte, nachdachte oder ihn, ohne etwas zu denken, ansah.

»Ich bitte Gott unablässig nur um das eine, Kusin«, antwortete sie, »daß er sich seiner erbarmen und seine herrliche Seele ruhig aus dieser Zeitlichkeit hinscheiden lassen wolle …«

»Jawohl, ganz gewiß«, fuhr Fürst Wasili ungeduldig fort, indem er sich die Glatze rieb und ärgerlich das vorhin weggestoßene Tischchen wieder zu sich heranzog. »Aber schließlich … es handelt sich schließlich darum … du weißt ja selbst, daß der Graf im vorigen Winter ein Testament abgefaßt hat, in dem er mit Übergehung der rechtmäßigen Erben, die wir doch sind, sein ganzes Vermögen diesem Pierre vermacht.«

»Er hat ja eine ganze Menge Testamente gemacht!« antwortete die Prinzessin mit aller Seelenruhe. »Aber Pierre konnte er nichts vermachen; Pierre stammt nicht aus einer richtigen Ehe.«

»Meine Liebe«, sagte Fürst Wasili und drückte das Tischchen fest an sich; er wurde lebhafter und begann schneller zu sprechen, »wie aber, wenn der Graf eine Eingabe an den Kaiser abgefaßt hat und ihn bittet, Pierre zu legitimieren? Du kannst dir wohl denken, daß mit Rücksicht auf die Verdienste des Grafen diese Bitte Beachtung finden würde …«

Die Prinzessin lächelte wie jemand, der überzeugt ist, eine Sache besser zu verstehen als der, mit dem er redet.

»Ich will dir noch mehr sagen«, fuhr Fürst Wasili fort und ergriff sie bei der Hand. »Geschrieben ist die Eingabe, aber nicht abgeschickt, und der Kaiser hat von ihr erfahren. Die Frage ist nur, ob diese Eingabe wieder vernichtet worden ist oder nicht. Wenn nicht, so wird, sobald alles zu Ende ist« (hier seufzte Fürst Wasili und gab dadurch zu verstehen, was er mit den Worten »sobald alles zu Ende ist« meinte) »und die Papiere des Grafen untersucht worden sind, das Testament mit der Eingabe dem Kaiser zugestellt werden, und das Gesuch des Grafen wird dann unfehlbar erfüllt. Dann erhält Pierre als legitimer Sohn das ganze Vermögen.«

»Aber kann ihm denn unser Anteil zufallen?« fragte die Prinzessin ironisch lächelnd, als ob alles andere passieren könne, nur das nicht.

»Aber, liebe Catiche, das ist doch alles sonnenklar. Er allein ist dann der legitime Erbe der ganzen Hinterlassenschaft, und ihr bekommt auch nicht so viel! Du wirst ja wissen, meine Liebe, ob das Testament und die Eingabe nach ihrer Abfassung wieder vernichtet sind. Und wenn sie aus irgendeinem Grund in Vergessenheit geraten sein sollten, so wirst du ja wissen, wo sie sich befinden, und mußt sie heraussuchen, da …«

»Das sollte mir fehlen!« unterbrach ihn die Prinzessin spöttisch lächelnd, ohne daß sich der Ausdruck ihrer Augen geändert hätte. »Ich bin eine Frau, und ihr Männer glaubt ja, daß wir Frauen alle dumm sind; aber so viel weiß ich denn doch, daß ein unnatürlicher Sohn nicht erben kann … Un bâtard!« fügte sie hinzu, in dem Glauben, durch diese Übersetzung dem Fürsten die Unrichtigkeit seiner Anschauung zwingend zu beweisen.

»Aber wie ist es nur möglich, Catiche, daß du das nicht verstehst! Du bist doch so klug; du mußt das doch begreifen: wenn der Graf eine Eingabe an den Kaiser geschrieben hat, in der er ihn bittet, seinen Sohn als legitim anzuerkennen, dann wird infolgedessen Pierre nicht mehr Pierre, sondern Graf Besuchow sein und erbt dann aufgrund des Testaments das ganze Vermögen. Wenn nun das Testament und die Eingabe nicht vernichtet sind, so bleibt dir außer dem tröstlichen Bewußtsein, an dem Grafen ein gutes Werk getan zu haben, und andern schönen Dingen von gleichem Wert nichts, aber auch rein gar nichts. Das ist völlig sicher.«

»Ich weiß, daß das Testament abgefaßt ist; aber ich weiß auch, daß es ungültig ist; Sie scheinen mich ja für eine vollständige Idiotin zu halten, Kusin«, sagte die Prinzessin mit der Miene, mit welcher Frauen zu sprechen pflegen, wenn sie etwas recht Scharfsinniges und Kränkendes zu sagen glauben.

»Meine liebe Prinzessin Katerina Semjonowna!« begann Fürst Wasili ungeduldig von neuem. »Ich bin nicht zu dir gekommen, um mich mit dir herumzustreiten, sondern um mit dir als meiner Verwandten, einer guten, trefflichen, echten Verwandten, über deine eigenen Interessen zu sprechen. Ich sage dir zum zehntenmal: wenn die Eingabe an den Kaiser und das zu Pierres Gunsten abgefaßte Testament in den Papieren des Grafen vorhanden sind, so erbst du, meine Beste, mit deinen Schwestern gar nichts. Wenn du mir nicht glaubst, so glaube sachverständigen Männern: ich habe soeben mit Dmitri Onufriitsch« (dies war der Advokat des Hauses) »gesprochen; er hat genau dasselbe gesagt.«

Offenbar ging jetzt plötzlich irgendeine Veränderung in dem Denkapparat der Prinzessin vor. Ihre schmalen Lippen wurden blaß (die Augen dagegen blieben wie sie gewesen waren), und als sie zum Sprechen ansetzte, klang ihre Stimme so rauh und zornig, wie sie es anscheinend selbst nicht erwartet hatte.

»Das wäre ja noch schöner!« rief sie. »Ich habe nichts für mich gewollt und will nichts für mich.« Sie warf das Hündchen vom Schoß herunter und strich sich den Rock ihres Kleides glatt. »Das ist also sein Dank und seine Erkenntlichkeit Leuten gegenüber, die für ihn alles geopfert haben! Vortrefflich! Sehr schön! Ich verlange für mich nichts, Fürst!«

»Gewiß, aber du bist nicht allein, du hast Schwestern«, antwortete Fürst Wasili. Aber die Prinzessin hörte nicht auf ihn.

»Ich habe es schon längst gewußt, aber ich hatte es wieder vergessen, daß ich in diesem Haus nichts anderes als Gemeinheit, Betrug, Neid, Intrigen und Undank, schwärzesten Undank zu erwarten hatte …«

»Weißt du oder weißt du nicht, wo sich dieses Testament befindet?« fragte Fürst Wasili mit noch stärkerem Zucken der Wangen als vorher.

»Ja, ich bin dumm gewesen; ich glaubte noch an Menschen und liebte sie und opferte mich für sie auf. Aber Erfolg haben in der Welt nur diejenigen, die schändlich und nichtswürdig sind. Ich weiß, wessen Intrigen dahinterstecken.«

Die Prinzessin wollte aufstehen, aber der Fürst hielt sie an der Hand zurück. Die Prinzessin hatte das Aussehen eines Menschen, der sieht, daß er sich im ganzen Menschengeschlecht getäuscht hat; voll Ingrimm blickte sie den Fürsten an.

»Es ist noch nichts verloren, meine Beste. Bedenke doch, Catiche, daß er dies alles in der Übereilung getan hat, in einem Augenblick des Zornes, in einem Augenblick körperlicher Zerrüttung; und nachher hat er es vergessen. Unsere Pflicht ist es, meine Liebe, den von ihm begangenen Fehler wiedergutzumachen und ihm seine letzten Augenblicke dadurch zu erleichtern, daß wir ihn nicht bei dieser Ungerechtigkeit verbleiben lassen, daß wir ihn nicht sterben lassen mit dem schrecklichen Bewußtsein, diejenigen unglücklich gemacht zu haben, die …«

»Die alles für ihn zum Opfer gebracht haben«, fiel die Prinzessin ein und wollte wieder aufspringen; jedoch der Fürst hinderte sie daran. »Aber er hat dieses Opfer nie zu schätzen gewußt. Nein, Kusin«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »nun weiß ich, daß man auf dieser Welt keinen Lohn für gute Taten zu erwarten hat, und daß es auf dieser Welt keine Ehrenhaftigkeit und keine Gerechtigkeit gibt. Auf dieser Welt muß man listig und schlecht sein.«

»Nun, nun, so beruhige dich doch nur; ich weiß ja, was du für ein gutes, edles Herz hast.«

»Nein, ich habe ein böses Herz.«

»Ich kenne dein Herz«, widersprach der Fürst, »und lege hohen Wert auf deine Freundschaft und wünsche lebhaft, daß du gegen mich die gleiche Gesinnung hegen mögest. Beruhige dich und laß uns vernünftig miteinander reden, solange es noch Zeit ist – vielleicht haben wir noch einen Tag lang Zeit, vielleicht auch nur eine Stunde. Teile mir alles mit, was du von dem Testament weißt, und namentlich, wo es sich befindet; du mußt das doch wissen. Wir wollen es dann nehmen und dem Grafen zeigen. Er hat es sicher schon ganz vergessen und wird den Wunsch haben, es zu vernichten. Du wirst mich ja verstehen: mein einziger Wunsch ist, seinen Willen gewissenhaft zu erfüllen; nur deshalb bin ich ja auch hergekommen. Der einzige Zweck meines Hierseins ist ihm und euch zu helfen.«

»Jetzt habe ich alles durchschaut. Ich weiß, wessen Intrigen dahinterstecken; jetzt weiß ich es«, sagte die Prinzessin.

»Darum handelt es sich doch aber nicht, meine Teure!«

»Es ist Ihr Protegé, Ihre liebe Fürstin Anna Michailowna Drubezkaja, ein Frauenzimmer, das ich nicht als Stubenmädchen haben möchte, diese garstige, widerwärtige Person!«

»Wir wollen doch keine Zeit verlieren.«

»Ach, es ist gar nicht zu sagen! Im vorigen Winter hat sie sich hier eingedrängt und dem Grafen so schändliche, abscheuliche Dinge über uns alle gesagt, besonders über Sofja – wiederholen kann ich es gar nicht –, daß der Graf ganz krank wurde und uns zwei Wochen lang nicht sehen wollte. Ich weiß, daß er in dieser Zeit jenes schändliche, unwürdige Schriftstück abgefaßt hat; aber ich habe gedacht, dieses Schriftstück hätte weiter keine Bedeutung.«

»Das ist gerade der Kernpunkt; warum hast du mir denn nicht schon früher davon gesagt?«

»In dem Mosaikportefeuille ist es, das er unter seinem Kopfkissen liegen hat; jetzt weiß ich es«, sagte die Prinzessin, ohne auf die Frage zu antworten. Dann fuhr sie mit ganz verändertem Wesen beinahe schreiend fort: »Ja, wenn eine Sünde, eine große Sünde an mir ist, so ist es der Haß gegen dieses abscheuliche Weib! Warum drängt sie sich hier ein? Aber ich werde ihr schon noch einmal die Wahrheit sagen; das werde ich tun. Es wird schon der richtige Zeitpunkt dafür kommen!«


Fußnoten


1 = Katerina.

Anm. des Übers.