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XXVII
Diesen ganzen Tag, den 25. August, brachte Napoleon, wie seine Geschichtsschreiber berichten, zu Pferde zu, indem er das Terrain besichtigte, die ihm von seinen Marschällen unterbreiteten Pläne kritisierte und seinen Generalen persönlich Befehle erteilte.
Die ursprüngliche Aufstellungslinie der russischen Truppen an der Kolotscha entlang war zerstört, und ein Teil dieser Linie, namentlich die linke Flanke der Russen, war infolge der am 24. erfolgten Wegnahme der Schanze von Schewardino zurückgezogen worden. Dieser Teil der Linie war unbefestigt und nicht mehr durch den Fluß geschützt; auch war es der einzige Teil der russischen Linie, vor dem sich ein einigermaßen offenes, ebenes Terrain ausbreitete. Für jeden Militär und Nichtmilitär war es klar, daß die Franzosen diesen Teil der Linie angreifen mußten. Anscheinend bedurfte es dazu nicht erst umständlicher Überlegungen, nicht einer solchen sorglichen, geschäftigen Tätigkeit von seiten des Kaisers und seiner Marschälle und ganz und gar nicht jener besonderen höheren Eigenschaft, der sogenannten Genialität, die man dem Kaiser Napoleon so gern zuschreibt; aber die Geschichtsschreiber, die dieses Ereignis später geschildert haben, und die Männer, die damals die Umgebung Napoleons bildeten, und er selbst dachten darüber anders.
Napoleon ritt über das Feld hin, betrachtete tiefsinnig die Örtlichkeit und nickte für sich selbst bald befriedigt mit dem Kopf, bald wiegte er ihn zweifelnd hin und her. Den ihn umgebenden Generalen teilte er den tiefsinnigen Gedankengang, der ihn zu seinen Entschlüssen führte, nicht mit; diese bekamen nur die schließlichen Resultate in Form von Befehlen zu hören. Nachdem Napoleon den Vorschlag Davouts, des sogenannten Herzogs von Eggmühl, angehört hatte, die linke russische Flanke zu umgehen, erwiderte er, daß sei nicht erforderlich, ohne seine Gründe für diese Ablehnung anzugeben. Zu dem Vorschlag des Generals Compans dagegen (der die Pfeilschanzen angreifen sollte), seine Division durch den Wald zu führen, erklärte Napoleon seine Zustimmung, obgleich der sogenannte Herzog von Elchingen, d.h. Ney, sich die Bemerkung erlaubte, der Marsch durch den Wald sei gefährlich und könne die Division in Unordnung bringen.
Nachdem Napoleon die Örtlichkeit gegenüber der Schanze von Schewardino gemustert hatte, dachte er eine Zeitlang schweigend nach und bezeichnete dann die Punkte, an denen bis zum folgenden Tag zwei Batterien zur Beschießung der russischen Befestigungen angelegt werden sollten, und die Stellen, wo neben ihnen die Feldartillerie aufgestellt werden sollte.
Nachdem er diese und andere Befehle erteilt hatte, kehrte er in sein Quartier zurück, und unter seinem Diktat wurde die Disposition der Schlacht niedergeschrieben.
Diese Disposition, von der die französischen Geschichtsschreiber mit enthusiastischer Bewunderung und die andern mit großem Respekt reden, lautete folgendermaßen:
»Bei Tagesanbruch eröffnen die beiden neuen Batterien, die während der Nacht in der von dem Herzog von Eggmühl besetzten Ebene angelegt werden, das Feuer auf die beiden gegenüberliegenden feindlichen Batterien.
Gleichzeitig rückt der Chef der Artillerie des ersten Korps, General Pernetti, mit den dreißig Geschützen der Division Compans und allen Haubitzen der Divisionen Dessaix und Friant vor, eröffnet das Feuer und überschüttet die feindliche Batterie mit Granaten. Gegen diese Batterie werden somit operieren:
24 Geschütze der Gardeartillerie,
30 Geschütze der Division Compans,
8 Geschütze der Divisionen Friant und Dessaix.
In Summa 62 Geschütze.
Der Chef der Artillerie des dritten Korps, General Foucher, stellt alle Haubitzen des dritten und achten Korps, zusammen 16, auf den Flanken der Batterie auf, welche Auftrag hat, die links gelegene Befestigung zu beschießen, was gegen diese im ganzen 40 Geschütze ergibt.
General Sorbier hat sich bereitzuhalten, um auf den ersten Befehl mit allen Haubitzen der Gardeartillerie gegen die eine oder die andere Befestigung vorzurücken.
Während der Kanonade schlägt Fürst Poniatowski die Richtung nach dem Dorf Utiza, durch den Wald, ein und umgeht die feindliche Position.
General Compans marschiert durch den Wald, um sich der ersten Befestigung zu bemächtigen.
Nachdem die Schlacht in dieser Weise eingeleitet ist, werden weitere Befehle dem Verhalten des Feindes entsprechend gegeben werden.
Die Kanonade auf dem linken Flügel beginnt, sobald die Kanonade des rechten Flügels gehört wird. Die Schützen der Division Morand und der Divisionen des Vizekönigs eröffnen ein starkes Feuer, sobald sie wahrnehmen, daß der Angriff des rechten Flügels begonnen hat.
Der Vizekönig bemächtigt sich des Dorfes Borodino und geht auf den dortigen drei Brücken hinüber, indem er in gleicher Höhe mit den Divisionen Morand und Gérard marschiert, die unter seinem Oberbefehl die Richtung auf die Redoute nehmen und in die Linie der übrigen Truppen einrücken.
Alles dies muß in guter Ordnung ausgeführt werden (le tout se fera avec ordre et méthode), wobei die in Reserve stehenden Truppen nach Möglichkeit zu schonen sind.
Im kaiserlichen Lager bei Moschaisk, den 6. September 1812.«
Diese recht unklar und verworren abgefaßte Disposition (wenn man es sich erlauben darf, ohne die übliche heilige Scheu vor Napoleons Genialität seinen Anordnungen gegenüberzutreten) enthielt vier Punkte, vier Anordnungen. Keine dieser Anordnungen konnte ausgeführt werden, keine ist ausgeführt worden.
In der Disposition war erstens gesagt, die Batterien, die an der von Napoleon ausgewählten Stelle errichtet werden würden, nebst Pernettis und Fouchers Geschützen, die sich mit ihnen in eine Linie zu stellen hätten, im ganzen 102 Geschütze, sollten das Feuer eröffnen und die russischen Pfeilschanzen und die Redoute mit Geschossen überschütten. Dies konnte nicht ausgeführt werden, da von den Punkten aus, die Napoleon bezeichnet hatte, die Geschosse nicht bis zu den russischen Schanzen hinreichten und diese 102 Geschütze so lange vergeblich feuerten, bis der zunächst befindliche Kommandeur sie gegen Napoleons Befehl vorrücken ließ.
Die zweite Anordnung bestand darin, Poniatowski solle die Richtung nach dem Dorf durch den Wald einschlagen und die linke Flanke der Russen umgehen. Der Grund, weshalb dies nicht ausgeführt werden konnte und nicht ausgeführt wurde, war, daß Poniatowski, als er die Richtung nach dem Dorf durch den Wald einschlug, dort auf Tutschkow stieß, der ihm den Weg versperrte, so daß er die russische Position nicht umgehen konnte und nicht umging.
Die dritte Anordnung war: General Compans marschiert in den Wald, um sich der ersten Befestigung zu bemächtigen. Die Division Compans bemächtigte sich der ersten Befestigung nicht, sondern wurde zurückgeschlagen, weil sie beim Austritt aus dem Wald sich erst unter dem Kartätschenfeuer ordnen mußte, was Napoleon nicht bedacht hatte.
Die vierte Anordnung lautete: Der Vizekönig bemächtigt sich des Dorfes (Borodino) und geht auf den dortigen drei Brücken hinüber, indem er in gleicher Höhe mit den Divisionen Morand und Gérard marschiert (von denen nicht gesagt war, wohin und wann sie sich in Bewegung setzen sollten), die unter seinem Oberbefehl die Richtung auf die Redoute nehmen und in die Linie der übrigen Truppen einrücken. Soviel sich, wenn nicht aus diesem sinnlosen Satz selbst, so doch aus den Versuchen entnehmen läßt, die der Vizekönig unternahm, um die ihm erteilten Weisungen auszuführen, sollte er durch Borodino von links her gegen die Redoute vorrücken und die Divisionen Morand und Gérard gleichzeitig von der Front her. Alles dies kam ebensowenig zur Ausführung wie die übrigen Punkte der Disposition, und konnte auch nicht zur Ausführung kommen. Als der Vizekönig durch Borodino hindurchmarschiert war, wurde er an der Kolotscha zurückgeschlagen und konnte nicht weiter vordringen; und auch die Divisionen Morand und Gérard nahmen die Redoute nicht, sondern wurden zurückgeschlagen, und die Redoute wurde erst gegen Ende der Schlacht von der Kavallerie genommen (ein unerhörtes Ereignis, das Napoleon wohl nicht vorhergesehen hatte).
Somit wurde von den Anordnungen der Disposition keine einzige ausgeführt, und es konnte auch keine ausgeführt werden. In der Disposition war aber noch gesagt, nachdem die Schlacht in dieser Weise eingeleitet sein werde, würden weitere Befehle dem Verhalten des Feindes entsprechend gegeben werden, und daher könnte man glauben, es seien während der Schlacht alle erforderlichen Anordnungen von Napoleon getroffen worden; dies geschah jedoch nicht und konnte nicht geschehen, weil sich Napoleon während der ganzen Dauer der Schlacht so weit von ihr entfernt befand, daß (wie es sich herausstellte) er über den Gang des Kampfes nicht orientiert sein und keine während des Kampfes von ihm getroffene Anordnung ausgeführt werden konnte.
XXVIII
Viele Geschichtsschreiber sagen, die Franzosen hätten die Schlacht bei Borodino deshalb nicht gewonnen, weil Napoleon den Schnupfen gehabt habe; hätte er keinen Schnupfen gehabt, so wären seine Anordnungen während der Schlacht noch genialer gewesen, und Rußland wäre zugrunde gegangen, und die Welt hätte ein ganz anderes Gesicht bekommen. Für Geschichtsschreiber, welche behaupten, der Wille eines einzelnen Menschen, Peters des Großen, habe bewirkt, daß sich das russische Reich bildete, und der Wille eines einzelnen Menschen, Napoleons, sei die Ursache davon gewesen, daß Frankreich sich aus einer Republik in ein Kaiserreich verwandelte und die französischen Truppen in Rußland eindrangen, für solche Geschichtsschreiber ist der Schluß von zwingender Beweiskraft, daß Rußland deswegen ein mächtiger Staat geblieben sei, weil Napoleon am 26. August am Schnupfen gelitten habe.
Wenn es von Napoleons Willen abhing, die Schlacht bei Borodino zu liefern oder nicht zu liefern, und wenn es von seinem Willen abhing, die und die oder eine andere Anordnung zu treffen, so ist klar, daß ein Schnupfen, der auf die Äußerung seines Willens von Einfluß war, die Ursache der Rettung Rußlands werden konnte und daß daher jener Kammerdiener, der am 24. vergessen hatte, dem Kaiser die wasserdichten Stiefel zu reichen, der Retter Rußlands war. Bei einer solchen Art zu denken, ist dieser Schluß zweifellos richtig; ebenso richtig wie jener Schluß Voltaires, der scherzend (wiewohl er selbst nicht recht wußte, worüber er sich dabei eigentlich lustig machte) behauptete, die Bartholomäusnacht habe sich infolge einer Magenverstimmung Karls IX. ereignet. Denjenigen Leuten jedoch, die nicht zugeben, daß die Bildung des russischen Reiches auf den Willen eines einzelnen Menschen, Peters des Großen, und die Entstehung des französischen Kaiserreichs und der Beginn des Krieges mit Rußland auf den Willen eines einzelnen Menschen, Napoleons, zurückzuführen sei, solchen Leuten erscheint jener Schluß nicht nur als ein unrichtiger und unverständiger, sondern auch als ein dem ganzen Wesen der Menschheit zuwiderlaufender. Auf die Frage, welches die Ursache der geschichtlichen Ereignisse sei, bietet sich eine andere Antwort dar, nämlich folgende: der Gang der Weltereignisse ist von oben vorherbestimmt und hängt von dem Zusammentreffen aller Willensäußerungen der an diesen Ereignissen beteiligten Menschen ab, und der Einfluß von Männern wie Napoleon auf den Gang dieser Ereignisse ist nur ein äußerlicher und eingebildeter.
Wie seltsam auch auf den ersten Blick die Annahme erscheinen mag, daß die Bartholomäusnacht, zu der Karl IX. den Befehl gab, nicht das Resultat seines Willens gewesen sei, sondern es ihm nur so geschienen habe, als habe er ihre Veranstaltung befohlen, und daß die Niedermetzelung von achtzigtausend Menschen bei Borodino nicht das Resultat des Willens Napoleons gewesen sei, obwohl er doch die Befehle über den Beginn und weiteren Gang des Kampfes erteilte, sondern es ihm nur so vorgekommen sei, als befehle er dies – wie seltsam auch diese Annahme erscheinen mag, so befiehlt uns doch die menschliche Würde, die uns sagt, daß jeder von uns, wenn nicht in höherem, so doch jedenfalls in nicht geringerem Grade ein Mensch ist als jeder Napoleon, diese Lösung der Frage als die richtige anzuerkennen, und die geschichtlichen Forschungen bringen für diese Annahme die reichste Bestätigung.
In der Schlacht bei Borodino hat Napoleon auf niemand geschossen und niemand getötet. Alles dies haben die Soldaten getan. Folglich ist nicht er es gewesen, der die vielen Menschen getötet hat.
Die Soldaten der französischen Armee gingen bei Borodino in diesen mörderischen Kampf nicht infolge des Befehles Napoleons, sondern von ihrem eigenen Verlangen getrieben. Die ganze Armee, Franzosen, Italiener, Deutsche, Polen, hungrig, abgerissen und durch die langen Märsche erschöpft, sagte sich angesichts eines Heeres, das ihnen den Weg nach Moskau versperrte, der Wein sei nun einmal abgezogen und müsse getrunken werden. Hätte Napoleon ihnen jetzt verboten, sich mit den Russen zu schlagen, so würden sie ihn getötet haben und darauf in den Kampf mit den Russen gegangen sein, weil das eben für sie ein Ding der Notwendigkeit war.
Als sie Napoleons Armeebefehl anhörten, der ihnen als Trost für Verstümmelung und Tod in Aussicht stellte, die Nachwelt werde davon reden, daß auch sie bei der Schlacht unter den Mauern von Moskau dabeigewesen seien, da riefen sie:
»Es lebe der Kaiser!«, geradeso wie sie beim Anblick des Porträts des Knaben, der den Erdball mit einem Bilboquetstäbchen durchbohrte, »Es lebe der Kaiser!« gerufen hatten, und geradeso wie sie es bei jedem Unsinn getan haben würden, den er zu ihnen gesagt hätte. Es blieb ihnen nichts weiter übrig als »Es lebe der Kaiser!« zu rufen und in den Kampf zu gehen, um als Sieger in Moskau Nahrung und Erholung zu finden. Somit haben sie nicht infolge von Napoleons Befehl ihresgleichen getötet.
Auch leitete Napoleon in Wirklichkeit nicht den Gang der Schlacht, da ja von seiner Disposition nichts zur Ausführung kam und er während der Schlacht nicht wußte, was weiter vorn vorging. Also war auch die Art und Weise, wie die Menschen einander töteten, nicht ein Resultat von Napoleons Willen, sondern gestaltete sich, unabhängig von ihm, nach dem Willen der Hunderttausende von Menschen, die an dem allgemeinen Kampf teilnahmen. Napoleonglaubte nur,es vollziehe sich alles nach seinem Willen. Und darum hat die Frage, ob Napoleon den Schnupfen gehabt habe oder nicht, für die Geschichte kein größeres Interesse als die Frage nach dem Schnupfen des letzten Trainsoldaten.
Napoleons Schnupfen am 26. August hatte um so geringere Bedeutung, da die Behauptung mancher Geschichtsschreiber, Napoleons Schnupfen habe es verschuldet, daß seine Disposition und seine Anordnungen während der Schlacht nicht so gut ausgefallen seien wie seine früheren Dispositionen und Anordnungen, vollständig unzutreffend ist.
Die hier oben angeführte Disposition war in keiner Weise schlechter, sondern sogar besser als alle früheren Dispositionen, nach denen er Schlachten gewonnen hatte; und die vermeintlichen Anordnungen während der Schlacht waren gleichfalls nicht schlechter als die früheren, sondern genau von derselben Art wie immer. Diese Disposition und diese Anordnungen scheinen nur deswegen schlechter als die früheren zu sein, weil die Schlacht bei Borodino die erste war, die Napoleon nicht gewann. Die schönsten, tiefsinnigsten Dispositionen und Anordnungen scheinen alle recht schlecht, und jeder Taktiker kritisiert sie mit bedeutsamer Miene, wenn die Schlacht dabei nicht gewonnen ist; und die schlechtesten Dispositionen und Anordnungen scheinen sehr gut, und ernste Männer beweisen in ganzen Bänden die Vortrefflichkeit dieser schlechten Dispositionen und Anordnungen, wenn dabei die Schlacht gewonnen ist.
Die Disposition, die Weyrother vor der Schlacht bei Austerlitz aufgestellt hatte, war ein Muster von Vollkommenheit in derartigen Entwürfen; aber dennoch ist sie getadelt worden, getadelt eben wegen ihrer Vollkommenheit, wegen des allzu tiefen Eingehens auf Einzelheiten.
Napoleon erfüllte in der Schlacht bei Borodino seine Aufgabe als Repräsentant der höchsten Gewalt ebensogut und noch besser als in den andern Schlachten. Er tat nichts, was für den Gang der Schlacht nachteilig gewesen wäre; er stimmte unter den ihm vorgetragenen Meinungen den verständigeren zu; er richtete keine Verwirrung an, geriet nicht in Widerspruch mit sich selbst, erschrak nicht und lief nicht vom Schlachtfeld davon, sondern führte mit dem ihm eigenen hervorragenden Taktgefühl und mit seiner großen Kriegserfahrung ruhig und würdig seine Rolle als scheinbarer Oberleiter durch.
XXIX
Als Napoleon die Linie zum zweitenmal abgeritten und sorgsam revidiert hatte und zu seinem Zelt zurückgekehrt war, sagte er:
»Die Schachfiguren sind aufgestellt; morgen beginnt das Spiel.«
Er ließ sich Punsch bringen und Bausset herbeirufen und begann mit ihm ein Gespräch über Paris, über einige Veränderungen, die er in dem Hofstaat der Kaiserin vorzunehmen beabsichtigte, und setzte den Palastpräfekten durch sein gutes Gedächtnis für alle möglichen kleinen Einzelheiten der Hofverhältnisse in Erstaunen.
Er interessierte sich für allerlei Kleinigkeiten, scherzte über Baussets Reiselust und plauderte in lässigem Ton, so wie es wohl ein berühmter, mit seinem Metier vertrauter, von Selbstbewußtsein erfüllter Operateur tut, während er sich die Ärmel aufstreift und die Schürze vorbindet und den Kranken auf dem Lager festbinden läßt. »Alles, was getan werden muß«, denkt er, »habe ich klar und bestimmt im Kopf und in den Händen. Sobald es nötig sein wird, ans Werk zu gehen, werde ich es so gut machen, wie es kein anderer kann; aber jetzt kann ich scherzen, und je mehr ich scherze und je ruhiger ich bin, um so vertrauensvoller und ruhiger mögt ihr sein, und um so mehr mögt ihr mein Genie bewundern.«
Nachdem Napoleon sein zweites Glas Punsch getrunken hatte, ging er in seinen Schlafraum, um sich vor der ernsten Arbeit, die ihm, wie er meinte, für den nächsten Tag bevorstand, auszuruhen.
Aber seine Gedanken waren dermaßen mit dieser ihm bevorstehenden Arbeit beschäftigt, daß er nicht schlafen konnte, und trotzdem der Schnupfen infolge der feuchten Abendluft schlimmer geworden war, kam er um drei Uhr nachts, sich laut schneuzend, wieder in die größere Abteilung des Zeltes. Er erkundigte sich, ob die Russen abgezogen seien. Es wurde ihm geantwortet, die feindlichen Wachfeuer befänden sich immer noch an denselben Stellen. Er nickte befriedigt mit dem Kopf.
Der diensttuende Adjutant trat in das Zelt.
»Nun, Rapp, glauben Sie, daß wir heute gute Geschäfte machen werden?« fragte ihn der Kaiser.
»Ohne allen Zweifel, Sire«, erwiderte Rapp.
Napoleon blickte ihn prüfend an.
»Erinnern Sie sich, Sire«, fuhr Rapp fort, »was Sie bei Smolensk zu mir zu sagen geruhten: ›Der Wein ist abgezogen; nun muß man ihn trinken‹.«
Napoleon zog die Augenbrauen zusammen und saß lange schweigend da, den Kopf in die Hände gestützt.
»Mein armes Heer!« sagte er plötzlich. »Es ist seit Smolensk sehr zusammengeschmolzen. Das Glück ist eine richtige Dirne, Rapp; das habe ich immer gesagt, und nun fange ich an, es zu erfahren. Aber die Garde, Rapp, die Garde ist doch unversehrt geblieben?« sagte er in fragendem Ton.
»Ja, Sire«, antwortete Rapp.
Napoleon nahm eine Pastille, steckte sie in den Mund und sah nach der Uhr. Schläfrig fühlte er sich nicht; bis zum Morgen war es noch lange hin; wie sollte er die Zeit verbringen? Noch weitere Anordnungen zu treffen war nicht möglich, da bereits alles angeordnet und jetzt in der Ausführung begriffen war.
»Ist an die Garderegimenter Zwieback und Reis ausgeteilt worden?« fragte er in strengem Ton.
»Ja, Sire.«
»Auch Reis?«
Rapp antwortete, er habe den Befehl des Kaisers, den Reis betreffend, weitergegeben; aber Napoleon schüttelte unzufrieden den Kopf, wie wenn er nicht glaubte, daß sein Befehl ausgeführt sei. Ein Diener trat ein mit Punsch. Napoleon ließ für Rapp ein zweites Glas bringen und trank schweigend einzelne Schlucke aus dem seinigen.
»Ich habe weder Geschmack noch Geruch«, sagte er, indem er an dem Glas roch. »Dieser Schnupfen ennuyiert mich recht. Da reden die Leute nun von der medizinischen Wissenschaft. Eine nette Wissenschaft, die nicht einmal einen Schnupfen heilen kann! Corvisart hat mir diese Pastillen gegeben; aber sie helfen gar nichts. Was können die Ärzte denn kurieren? Kurieren läßt sich überhaupt keine Krankheit. Unser Körper ist eine Maschine zum Leben. Für diesen Zweck ist er eingerichtet; das ist seine Natur. Man lasse im Körper das Leben einfach in Ruhe, damit es sich darin selbst schützt; dann wird es mehr ausrichten, als wenn man es durch Überfüllung mit Medikamenten lähmt. Unser Körper ist gleichsam eine vorzügliche Uhr, die eine bestimmte Zeitlang gehen kann; aber der Uhrmacher besitzt nicht die Fähigkeit, sie zu öffnen; er kann sie nur tastend und mit verbundenen Augen behandeln … Unser Körper ist eine Maschine zum Leben. Das ist die Sache!«
Und da er nun anscheinend in das Definieren, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, hineingeraten war, stellte er auf einmal unerwarteterweise noch eine andere Definition auf.
»Wissen Sie, Rapp«, fragte er, »was die Kriegskunst ist? Die Kunst, in einem bestimmten Augenblick stärker zu sein als der Feind, weiter nichts.«
Rapp gab keine Antwort.
»Morgen werden wir mit Kutusow zu tun haben«, sagte Napoleon. »Nun, wir wollen sehen. Erinnern Sie sich noch: er kommandierte in Braunau eine Armee, setzte sich aber in drei Wochen nicht ein einziges Mal aufs Pferd, um die Befestigungen zu besichtigen. Nun, wir wollen sehen!«
Er warf einen Blick auf die Uhr. Es war erst vier. Schlafen mochte er nicht; der Punsch war ausgetrunken, und zu tun war nichts mehr. Er stand auf, ging auf und ab, zog einen warmen Oberrock an, setzte den Hut auf und trat aus dem Zelt hinaus. Die Nacht war dunkel und feucht; eine kaum spürbare Feuchtigkeit senkte sich von oben herab. Wachfeuer brannten trübe in der Nähe, bei der französischen Garde, und schimmerten in der Ferne durch den Rauch bei der russischen Linie. Durch die überall herrschende Stille hörte man deutlich das dumpfe Geräusch und Getrappel der französischen Truppen, die sich bereits in Bewegung setzten, um ihre Position einzunehmen.
Napoleon ging vor dem Zelt hin und her, betrachtete die Feuer, horchte auf das Getrappel, und als er bei einem großen Gardisten mit zottiger Mütze vorbeikam, der bei dem kaiserlichen Zelt Posten stand und beim Erscheinen des Kaisers wie ein schwarzer Pfahl sich geradereckte, blieb Napoleon vor ihm stehen.
»Seit welchem Jahr bist du im Dienst?« fragte er in jenem derb-freundlichen Soldatenton, in dem er immer mit den Soldaten verkehrte und den er daher gut zu treffen wußte.
Der Soldat antwortete ihm.
»Ah, einer von den alten! Habt ihr in eurem Regiment Reis bekommen?«
»Jawohl, Euer Majestät.«
Napoleon nickte mit dem Kopf und entfernte sich von ihm.
Um halb sechs Uhr ritt Napoleon nach dem Dorf Schewardino. Es fing an hell zu werden; der Himmel hatte sich aufgeklärt; nur im Osten lagerte eine einzelne dunkle Wolke. Die verlassenen Wachfeuer glimmten im schwachen Morgenlicht.
Von rechts her ertönte ein einzelner dumpfer Kanonenschuß; der Schall verbreitete sich und erstarb dann in der allgemeinen Stille. Es vergingen einige Minuten. Dann ertönte ein zweiter, ein dritter Schuß; die Luft geriet in eine schwankende Bewegung; ein vierter und ein fünfter erschollen mit einem gewissermaßen feierlichen Klang irgendwo in der Nähe rechts.
Noch waren die ersten Schüsse nicht verhallt, als noch andere und immer wieder andere ertönten, deren Klänge zusammenflossen und einander unterbrachen.
Napoleon ritt mit seiner Suite nach der Schanze von Schewardino und stieg vom Pferd. Das Spiel begann.
XXX
Nachdem Pierre vom Fürsten Andrei nach Gorki zurückgekehrt war, befahl er dem Reitknecht, die Pferde bereitzuhalten und ihn am andern Morgen früh zu wecken, und schlief dann hinter der Halbwand in dem Winkelchen, das ihm Boris überlassen hatte, sofort ein.
Als er am andern Morgen erwachte, war niemand mehr in dem Häuschen anwesend. Die Scheiben in den kleinen Fenstern zitterten. Der Reitknecht stand vor ihm und rüttelte ihn.
»Euer Erlaucht, Euer Erlaucht, Euer Erlaucht …«, rief der Reitknecht, indem er ihn beharrlich an der Schulter schüttelte; er sah ihn dabei gar nicht an und hatte offenbar schon die Hoffnung verloren, ihn noch wach zu bekommen.
»Was ist? Hat es angefangen? Ist es Zeit?« fragte Pierre, als er zu sich gekommen war.
»Hören Sie nur das Schießen«, sagte der Reitknecht, ein ehemaliger Soldat. »Die Herren sind schon alle weg; der Durchlauchtige selbst ist schon längst vorbeigeritten.«
Pierre kleidete sich schnell an und lief vor die Haustür. Draußen war es hell, frisch, tauig und vergnüglich. Die Sonne, die soeben hinter einer Wolke hervorbrach, von der sie bis dahin verdeckt gewesen war, ergoß ihre zur Hälfte noch von der Wolke gebrochenen Strahlen über die Dächer der gegenüberliegenden Straßenseite hin auf den betauten Staub des Weges, auf die Wände und Fenster der Häuser, auf die Zäune und auf Pierres Pferde, die bei dem Haus standen. Der Kanonendonner war hier draußen deutlicher zu hören. Auf der Straße trabte ein Adjutant mit einem Kosaken vorüber.
»Es ist Zeit, Graf, es ist Zeit!« rief der Adjutant.
Pierre befahl dem Reitknecht, ihm die Pferde nachzubringen, und ging zu Fuß auf der Straße nach dem Hügel, von dem er tags zuvor das Schlachtfeld betrachtet hatte. Auf diesem Hügel befand sich eine Anzahl von Militärs; man konnte das französische Gespräch der Stabsoffiziere hören und sah Kutusows grauen Kopf mit der weißen, rotbesetzten Mütze und dem in den Schultern versinkenden Nacken. Kutusow schaute durch ein Fernrohr nach vorn, die große Landstraße entlang.
Als Pierre die Stufen hinangestiegen war, die zu dem Hügel hinaufführten, blickte er gleichfalls nach vorn und stand starr vor Entzücken über die Schönheit dieses Schauspiels. Es war dasselbe Panorama, das er am vorhergehenden Tag von diesem Hügel aus mit lebhaftem Interesse betrachtet hatte; aber jetzt war dieses ganze Terrain von Truppen und den Rauchwolken der Schüsse bedeckt, und die schrägen Strahlen der hellen Sonne, die links hinter Pierre emporstieg, breiteten in der reinen Morgenluft ein scharfes Licht mit einem goldig-rötlichen Schimmer darüber aus und ließen lange, dunkle Schatten entstehen. Die fernen Wälder, die das Panorama abschlossen, sahen aus, als wären sie aus einem kostbaren gelblichgrünen Stein geschnitten, und zeichneten sich mit der geschweiften Umrißlinie ihrer Wipfel am Horizont ab; und zwischen ihnen zog sich hinter Walujewo die große Smolensker Landstraße dahin, die ganz mit Truppen bedeckt war. Mehr in der Nähe lagen goldig schimmernde Felder und kleine grüne Gehölze. Überall, geradeaus und rechts und links, waren Truppen zu sehen. Alles war voller Leben, großartig, überraschend; aber was den allergrößten Eindruck auf Pierre machte, das war der Anblick des Schlachtfeldes selbst, des Dorfes Borodino und des schluchtenreichen Terrains zu beiden Seiten der Kolotscha.
Über der Kolotscha, über Borodino und zu beiden Seiten dieses Dorfes, besonders links, da wo zwischen sumpfigen Ufern die Woina sich in die Kolotscha ergießt, lag jener Nebel, der beim Hervortreten der hellen Sonne zergeht, auseinanderfließt, das Licht hindurchläßt und allem, was durch ihn hindurch sichtbar wird, zauberhafte Farben und Umrisse verleiht. Zu diesem Nebel gesellte sich der Rauch der Schüsse, und in diesem Nebel und Rauch blitzten überall die Reflexe des Morgenlichtes: hier auf dem Wasser, da im Tau, dort an den Bajonetten der Truppen, die sich an den Ufern und in Borodino drängten. Durch diesen Nebel hindurch wurde die weiße Kirche von Borodino sichtbar, stellenweise auch Hausdächer, dichte Massen von Soldaten, grüne Munitionskasten, Geschütze. Und alles dies bewegte sich oder schien sich zu bewegen, weil Nebel und Rauch über diesen ganzen Raum sachte hinzogen. Wie in diesen von Nebel bedeckten Niederungen bei Borodino, so entstanden auch außerhalb dieses Terrains, höher hinauf und namentlich nach links hin, auf der ganzen Linie, bei den Wäldern und auf den Feldern, in den Niederungen und auf den Anhöhen, fortwährend, gleichsam von selbst aus dem Nichts, bald einzeln bald gruppenweise, bald selten bald häufig, Rauchballen von Kanonenschüssen; anschwellend, sich ausdehnend, aufwirbelnd, zusammenfließend erfüllten sie den ganzen weiten Raum.
Diese Rauchwolken von den Schüssen und, so sonderbar es klingen mag, der Schall der Schüsse bildeten den Hauptreiz dieses Schauspiels.
Puff! Plötzlich erschien eine rundliche, dichte, aus den Farben Lila, Grau und Milchweiß bestehende Rauchwolke, und bum! ertönte einen Augenblick darauf der zu dieser Rauchwolke gehörige Schall.
Puff, puff! Es erhoben sich zwei Rauchwolken, stießen zusammen und flossen ineinander; und bum, bum! bestätigte der Schall das, was das Auge gesehen hatte.
Pierre sah sich wieder nach der ersten Rauchwolke um, die, als er die Augen von ihr abgewandt hatte, ein rundliches, dichtes Bällchen gewesen war; aber jetzt befanden sich an ihrer Stelle bereits mehrere Klumpen von seitwärts ziehendem Rauch; und puff … (mit einer Pause), puff, puff! erschienen noch drei, noch vier andere Rauchwolken, und auf jede von ihnen antworteten in denselben Abständen bum … bum, bum! schöne, volle, kräftige Töne. Bald schien es, als ob diese Rauchwolken davonzögen, bald, als ob sie stillständen und die Wälder, Felder und glänzenden Bajonette an ihnen vorbeiliefen. Zur Linken auf den Feldern und in den Gebüschen bildeten sich unaufhörlich diese großen Rauchwolken mit ihrem feierlichen Hall, und in größerer Nähe in den Niederungen und bei den Wäldern stiegen von Flintenschüssen kleine Rauchwölkchen empor, die nicht dazu gelangten, eine Kugelgestalt anzunehmen, jedoch gleichfalls von einem wenn auch nur mäßigen Schall gefolgt waren. Trach-ta-ta-tach, knatterte das Flintenfeuer, zwar häufig, aber unregelmäßig und ärmlich im Vergleich zu den Kanonenschüssen.
Pierre wäre gern dort gewesen, wo diese Rauchwolken, diese blitzenden Bajonette, diese Bewegung und diese Töne waren. Er sah sich nach Kutusow und seinem Gefolge um, um seine eigene Empfindung mit der der andern zu vergleichen. Alle blickten sie ganz so wie er und, wie es ihm schien, mit demselben Gefühl vorwärts nach dem Schlachtfeld hin. Auf allen Gesichtern leuchtete jetzt jene »latente Wärme« der Empfindung, die Pierre gestern bemerkt hatte und über die er nach seinem Gespräch mit dem Fürsten Andrei vollständig ins klare gekommen war.
»Reite hin, mein Lieber, reite hin; Christus sei mit dir!« sagte Kutusow, ohne die Augen von dem Schlachtfeld wegzuwenden, zu einem neben ihm stehenden General.
Nachdem er den Befehl gehört hatte, ging dieser General an Pierre vorbei nach der Stelle hin, wo sich der Abstieg von dem Hügel befand.
»Zur Übergangsstelle!« antwortete der General kühl und ernst auf die Frage eines Stabsoffiziers, wohin er sich begebe.
»Da will ich auch hin, da will ich auch hin!« dachte Pierre und ging hinter dem General her.
Der General bestieg das Pferd, das ihm ein Kosak vorführte. Pierre begab sich zu seinem Reitknecht, der seine Pferde hielt. Er befragte diesen, welches das frommste sei, stieg hinauf, hielt sich an der Mähne, drückte die Hacken der auswärts gedrehten Füße gegen den Leib des Pferdes und sprengte so, obgleich er fühlte, daß ihm die Brille herunterrutschte und daß er nicht imstande war, die Hände von der Mähne und den Zügeln wegzunehmen, hinter dem General her, wodurch er bei den Stabsoffizieren, die ihm von dem Hügel aus nachsahen, ein Lächeln hervorrief.
XXXI
Der General, hinter welchem Pierre herjagte, wandte sich, sobald er an den Fuß des Berges gelangt war, scharf nach links, und Pierre, der ihn aus den Augen verloren hatte, sprengte in die Reihen einer vor ihm her marschierenden Infanteriekolonne hinein. Er versuchte, bald nach vorn, bald nach rechts, bald nach links sich wieder hinauszuarbeiten; aber überall waren Soldaten mit gleichmäßig ernsten Gesichtern, denen man es ansah, daß die Gedanken dieser Menschen mit einer nicht unmittelbarm sichtbaren, aber wichtigen Sache beschäftigt waren. Alle blickten sie mit dem gleichen unwillig fragenden Ausdruck nach diesem dicken Menschen mit dem weißen Hut hin, der sie ohne vernünftigen Grund in Gefahr brachte, von seinem Pferd getreten zu werden.
»Warum reiten Sie denn da mitten im Bataillon?« schrie ihn einer an. Ein anderer stieß Pierres Pferd mit dem Kolben, und Pierre, der sich an den Sattelbogen drückte und nur mit Mühe sein scheuendes Pferd zu halten vermochte, jagte nach vorn aus der Truppe hinaus, wo freier Raum war.
Vor ihm war eine Brücke, und an der Brücke standen andere Soldaten und schossen. Pierre ritt zu ihnen heran. So gelangte er, ohne sich selbst darüber klarzuwerden, zu der Kolotscha-Brücke, die zwischen Gorki und Borodino lag und die die Franzosen jetzt in dem ersten Teil der Schlacht (nach der Besetzung von Borodino) angriffen. Pierre sah, daß vor ihm eine Brücke war und daß auf beiden Seiten der Brücke und auf der Wiese, wo das Heu in Schwaden lag, Soldaten irgend etwas taten; aber trotz des keinen Augenblick verstummenden Schießens, das an dieser Stelle stattfand, glaubte er keineswegs, daß dies hier wirklich das Schlachtfeld sei. Er hörte nicht die Töne der auf allen Seiten vorüberpfeifenden Flintenkugeln und der über ihn wegfliegenden Kanonenkugeln; er sah nicht den jenseits des Flusses stehenden Feind und bemerkte lange Zeit die Getöteten und Verwundeten nicht, obgleich viele nicht weit von ihm entfernt fielen. Mit einem Lächeln, das nicht von seinem Gesicht wich, blickte er umher.
»Was hat denn der da vor der Linie umherzureiten?« schrie ihn wieder einer an.
»Nach links reiten! Nach rechts reiten!« wurde ihm zugerufen.
Pierre ritt nach rechts und stieß unvermutet mit einem ihm bekannten Adjutanten des Generals Rajewski zusammen. Dieser Adjutant warf Pierre einen zornigen Blick zu und schickte sich offenbar an, ihn gleichfalls anzuschreien; aber nachdem er ihn erkannt hatte, nickte er ihm freundlich zu.
»Wie kommen Sie denn hierher?« sagte er und ritt weiter.
Pierre, der das Gefühl hatte, daß er hier nicht hingehöre und hier nichts anfangen könne, und wieder jemandem hinderlich zu sein fürchtete, ritt dem Adjutanten nach.
»Was geht denn hier vor? Kann ich mit Ihnen mitreiten?« fragte er.
»Sofort, sofort!« antwortete der Adjutant, sprengte zu einem dicken Obersten hin, der auf der Wiese stand, überbrachte ihm einen Auftrag und wandte sich dann erst zu Pierre.
»Warum sind Sie denn hierhergekommen, Graf?« fragte er ihn lächelnd. »Aus lauter Wißbegierde?«
»Jawohl«, antwortete Pierre.
Aber der Adjutant wendete sein Pferd und ritt weiter.
»Hier steht es ja, Gott sei Dank, gut«, sagte er. »Aber auf dem linken Flügel bei Bagration ist ein schrecklicher Kampf im Gange.«
»Wirklich?« fragte Pierre. »Wo ist denn das?«
»Reiten Sie mit mir dort auf den Hügel. Von uns aus können Sie es sehen. Bei uns in der Batterie ist es noch erträglich«, sagte der Adjutant. »Wie ist’s? Kommen Sie mit?«
»Ja, ich komme mit Ihnen«, antwortete Pierre und sah sich suchend nach seinem Reitknecht um.
Erst jetzt erblickte Pierre zum erstenmal Verwundete, die sich teils zu Fuß fortschleppten, teils auf Bahren getragen wurden. Auf jener selben kleinen Wiese mit den duftenden Heuschwaden, über die er tags zuvor geritten war, lag quer über den Schwaden unbeweglich ein Soldat; der Kopf, von dem der Tschako herabgefallen war, hing in unnatürlicher Haltung herunter.
»Warum ist denn der Mann nicht aufgehoben?« wollte Pierre fragen; aber als er das finstere Gesicht des Adjutanten sah, der nach derselben Seite hinblickte, hielt er inne.
Pierre hatte seinen Reitknecht nicht gefunden und ritt mit dem Adjutanten durch die Niederung in einem Hohlweg nach dem Rajewski-Hügel. Sein Pferd blieb hinter dem des Adjutanten zurück und versetzte ihm in gleichmäßigem Tempo schüttelnde Stöße.
»Sie sind das Reiten wohl nicht gewöhnt, Graf?« fragte der Adjutant.
»Nein, ich bin kein besonderer Reiter; aber das Pferd springt auch so eigentümlich«, antwortete Pierre verwundert.
»Ah, ah! Es ist ja verwundet«, sagte der Adjutant. »Das rechte Vorderbein, über dem Knie. Gewiß von einer Kugel. Ich gratuliere Ihnen, Graf, zur Feuertaufe.«
Nachdem sie in dichtem Pulverrauch durch das sechste Korps geritten waren, hinter der Artillerie, die, nach vorn gezogen, aus ihren Geschützen ein betäubendes Feuer unterhielt, gelangten sie zu einem kleinen Wald. In dem Wald war es kühl und still, und es roch herbstlich. Pierre und der Adjutant stiegen von den Pferden und gingen zu Fuß bergauf.
»Ist der General hier?« fragte der Adjutant, als sie an die oberste Kuppe gelangt waren.
»Eben war er noch hier; er ist dorthin geritten«, antworteten ihm die Soldaten und wiesen dabei nach rechts.
Der Adjutant sah sich nach Pierre um, als wüßte er nicht, was er nun mit ihm anfangen sollte.
»Lassen Sie sich durch mich von nichts abhalten«, sagte Pierre. »Ich werde auf die Kuppe hinaufsteigen; darf ich?«
»Ja, steigen Sie nur hinauf; von da ist alles zu sehen, und es ist nicht besonders gefährlich. Ich hole Sie nachher wieder ab.«
Pierre ging zu der Batterie hinauf, und der Adjutant ritt weiter. Sie sahen einander nicht mehr wieder, und erst lange nachher erfuhr Pierre, daß dem Adjutanten an diesem Tag ein Arm weggerissen worden war.
Die Kuppe, auf die Pierre hinaufstieg, war jene berühmte Schanze, die nachher bei den Russen unter dem Namen »Hügelbatterie« oder »Rajewski-Batterie« und bei den Franzosen unter dem Namen »die große Redoute«, »die verhängnisvolle Redoute«, »die Redoute des Zentrums« bekannt wurde, jener Ort, um den herum sehr bedeutende Truppenmassen aufgestellt waren und den die Franzosen für den wichtigsten Punkt der Position hielten.
Diese Redoute bestand aus einer Kuppe, bei der auf drei Seiten Gräben gezogen waren. Auf dem von den Gräben eingeschlossenen Platz standen zehn feuernde Kanonen, die in die Öffnungen der Wälle vorgezogen waren.
In einer Linie mit der Kuppe standen auf beiden Seiten noch andere Kanonen, die ebenfalls unaufhörlich schossen. Ein wenig hinter den Kanonen war Infanterie aufgestellt. Als Pierre diese Kuppe betrat, glaubte er in keiner Weise, daß dieser mit kleinen Gräben umschlossene Raum, auf dem ein paar Kanonen standen und schossen, der wichtigste Punkt des Schlachtfeldes sei.
Im Gegenteil schien es ihm, daß dieser Platz (gerade deshalb, weil er selbst sich dort befand) einer der bedeutungslosesten des Schlachtfeldes sei.
Nachdem Pierre auf die Kuppe gekommen war, setzte er sich am Ende des Grabens nieder, der die Batterie umschloß, und betrachtete mit einem unwillkürlichen frohen Lächeln das, was um ihn herum vorging. Ab und zu stand er, immer mit demselben Lächeln, auf und ging in der Batterie umher, wobei er sich bemühte, den Soldaten nicht hinderlich zu sein, die die Geschütze luden und zurechtschoben und fortwährend mit Kartuschbeuteln und Geschossen an ihm vorbeiliefen. Die Kanonen dieser Batterie schossen unaufhörlich eine nach der andern mit betäubendem Krachen und hüllten alles ringsumher in Pulverdampf.
Im Gegensatz zu der Beklommenheit, die sich bei den Infanteristen der Bedeckung fühlbar machte, herrschte hier auf der Batterie, wo eine kleine Anzahl von Menschen von den andern durch einen Graben abgegrenzt und getrennt und ganz von ihrer Tätigkeit in Anspruch genommen war, eine gleichmäßige, allgemeine Lebhaftigkeit und ein Gefühl, als ob sie alle eine Familie bildeten.
Das Erscheinen der unmilitärischen Gestalt Pierres mit seinem weißen Hut hatte diese Leute anfangs überrascht und ihr Mißfallen erregt. Die Soldaten, die an ihm vorbeikamen, schielten erstaunt und sogar scheu nach seiner Figur hin. Der Artillerieoberst, ein älterer, großer, langbeiniger, pockennarbiger Mann, kam, wie wenn er die Wirkung des am Ende der Reihe stehenden Geschützes beobachten wollte, in Pierres Nähe und musterte ihn neugierig.
Ein blutjunger Offizier mit rundem Gesicht, noch völlig Kind und offenbar eben erst aus dem Kadettenkorps entlassen, der mit großem Eifer bei den beiden ihm überwiesenen Kanonen Anordnungen erteilte, wandte sich mit strenger Miene zu Pierre.
»Mein Herr, gestatten Sie, daß ich Sie ersuche, aus dem Weg zu gehen«, sagte er. »Hier dürfen Sie nicht stehen.«
Auch die Soldaten sahen Pierre mißbilligend an und schüttelten die Köpfe.
Aber als alle sich allmählich überzeugt hatten, daß dieser Mensch mit dem weißen Hut nichts Übles tat, sondern entweder friedlich auf der Böschung des Walles saß oder schüchtern lächelnd und vor den Soldaten höflich zur Seite tretend in der Batterie unter den Schüssen so ruhig umherwanderte wie auf einem Boulevard, da ging nach und nach das Gefühl mißgünstiger Verwunderung über ihn in ein freundliches, scherzhaftes Interesse über, ähnlich dem, das die Soldaten für ihre Tiere hegen: für die Hunde, Hähne, Ziegen und sonstigen Tiere, die bei den Truppen gehalten werden. Diese Soldaten nahmen nun Pierre unverzüglich in ihre Familie auf, betrachteten ihn als den Ihrigen und gaben ihm einen Spitznamen. »Unser gnädiger Herr« nannten sie ihn und lachten vergnügt über ihn untereinander.
Eine Kanonenkugel wühlte zwei Schritte von Pierre entfernt die Erde auf. Er klopfte sich von den Kleidern die Erde ab, die ihm die Kugel daraufgespritzt hatte, und blickte lächelnd um sich.
»Fürchten Sie sich denn gar nicht, gnädiger Herr? Wahrhaftig wunderbar!« wandte sich ein stämmiger Soldat mit rotem Gesicht an Pierre und zeigte, vergnügt grinsend, seine kräftigen, weißen Zähne.
»Nun, fürchtest du dich denn etwa?« fragte Pierre.
»Aber gewiß!« antwortete der Soldat. »So eine Kugel hat kein Mitleid. Wenn die auf einen niederquatscht, drückt sie einem die Därme heraus. Da muß man sich schon fürchten«, sagte er lachend.
Einige Soldaten blieben mit vergnügten, freundlichen Gesichtern bei Pierre stehen. Sie schienen von vornherein erwartet zu haben, daß er anders reden werde wie alle anderen Leute, und die Entdeckung, daß dem wirklich so war, freute sie.
»Wir sind nun einmal Soldaten. Aber so ein vornehmer Herr, das ist erstaunlich! So einen vornehmen Herrn findet man selten!«
»An die Plätze!« rief der junge Offizier den Soldaten zu, die sich um Pierre angesammelt hatten.
Dieser junge Offizier verrichtete seinen Dienst offenbar erst zum ersten- oder zweitenmal und benahm sich deshalb den Soldaten und den Vorgesetzten gegenüber mit besonderer Akkuratesse und Förmlichkeit.
Das stetig rollende Donnern der Kanonenschüsse und das Knattern des Gewehrfeuers verstärkte sich über das ganze Feld hin, und namentlich zur Linken, da, wo sich die Pfeilschanzen Bagrations befanden; aber wegen des Rauches der Schüsse war von Pierres Standplatz aus fast nichts zu sehen. Außerdem nahm die Beobachtung dieses sozusagen Familienkreises, den die von allen andern abgetrennten Leute in der Batterie bildeten, Pierres ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Die erste unwillkürlich freudige Erregung, die der Anblick und die Töne des Schlachtfeldes bei ihm hervorgerufen hatten, war jetzt, namentlich nach dem Anblick des allein auf der Wiese liegenden Soldaten, von einem anderen Gefühl abgelöst worden. Während er jetzt auf der Böschung des Grabens saß, beobachtete er die ihn umgebenden Personen.
Um zehn Uhr waren bereits gegen zwanzig Mann aus der Batterie weggetragen; zwei Geschütze waren zerschossen, und immer häufiger fielen in der Batterie Kanonenkugeln nieder und kamen summend und pfeifend von fernher Flintenkugeln hereingeflogen. Aber die Leute in der Batterie schienen das gar nicht zu bemerken; auf allen Seiten waren heitere Gespräche und Scherze zu hören.
»Eine gefüllte!« schrie ein Soldat mit Bezug auf eine Granate, die pfeifend herbeigeflogen kam.
»Sie kommt nicht hierher! Zur Infanterie!« fügte lachend ein anderer hinzu, als er bemerkte, daß die Granate vorüberflog und in die Reihen der Bedeckungsmannschaft einschlug.
»Das ist wohl eine gute Bekannte von dir, daß du dich so verbeugst?« sagte ein anderer Soldat lachend zu einem Bauern, der sich beim Vorbeifliegen einer Kanonenkugel duckte.
Einige Soldaten sammelten sich am Wall und betrachteten, was da vorn, beim Feind, geschah.
»Auch die Vorpostenkette haben sie zurückgenommen, siehst du wohl; sie sind zurückgegangen«, sagten sie, über den Wall hinüberweisend.
»Kümmert euch um das, was ihr zu tun habt!« schrie sie ein alter Unteroffizier an. »Wenn sie zurückgegangen sind, dann müssen wir ihnen von hinten nachhelfen.«
Der Unteroffizier faßte einen der Soldaten von hinten an den Schultern und stieß ihn mit dem Knie. Die Umstehenden lachten.
»An das fünfte Geschütz! Rückt es vor!« wurde von der einen Seite gerufen.
»Zugleich, alle mit einemmal, wie die Schiffsknechte!« schrien die Soldaten fröhlich, während sie die Kanone vorschoben.
»Ei, sieh mal, die hätte unserm gnädigen Herrn beinah den Hut vom Kopf geschlagen«, rief der Spaßmacher mit dem roten Gesicht, sich über Pierre lustig machend, und zeigte lachend seine Zähne. »Ach, du ungeschicktes Ding!« fügte er vorwurfsvoll für die Kugel hinzu, die auf ein Rad und auf das Bein eines Menschen gefallen war.
»Nun, ihr Füchse? Kommt ihr geschlichen?« redete ein anderer lachend die Landwehrleute an, die in gebückter Haltung in die Batterie kamen, um den Verwundeten zu holen.
»Was macht ihr denn für Gesichter? Euch schmeckt wohl die Grütze nicht? Ach, ihr Maulaffen, ihr steht ja wie die Holzklötze da!« riefen die Soldaten den Landwehrleuten zu, die vor dem Soldaten mit dem abgeschossenen Bein unschlüssig stehenblieben.
»Ja, ja, Kinderchen!« neckte man die Bauern. »Das will euch nicht gefallen!«
Pierre bemerkte, daß nach jeder einschlagenden Kanonenkugel, nach jedem Verlust die allgemeine Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit immer mehr aufflammte.
Wie aus einer heranziehenden Gewitterwolke, so zuckten auf den Gesichtern aller dieser Menschen (gleichsam dem, was sich da vollzog, zum Trotz) immer häufiger und immer heller die Blitze eines verborgen brennenden Feuers auf.
Pierre blickte nicht mehr nach vorn auf das Schlachtfeld und hatte kein Interesse mehr daran, zu erfahren, was dort geschah; er war ganz in die Beobachtung dieses immer mehr und mehr auflodernden Feuers vertieft, das, wie er fühlte, ganz ebenso auch in seiner eigenen Seele brannte.
Um zehn Uhr zog sich die feindliche Infanterie, die der Batterie gegenüber in den Büschen und an dem Flüßchen Kamenka gestanden hatte, zurück. Man konnte von der Batterie aus sehen, wie sie an ihm entlang zurückliefen und dabei ihre Verwundeten auf den Flinten trugen. Ein General mit seiner Suite kam auf die Kuppe, redete ein paar Worte mit dem Obersten, warf Pierre einen ärgerlichen Blick zu und stieg dann wieder hinunter, nachdem er noch der Infanterie, die als Bedeckung hinter der Batterie stand, befohlen hatte, sich hinzulegen, um den Kugeln weniger ausgesetzt zu sein. Bald darauf hörte man bei der Infanterie rechts von der Batterie Trommeln und Kommandorufe und konnte von der Batterie aus sehen, wie die Reihen der Infanterie sich vorwärts in Marsch setzten.
Pierre blickte über den Wall. Ein einzelnes Gesicht fiel ihm besonders in die Augen. Es war dies ein Offizier, der mit seinem blassen, jugendlichen Gesicht, den Degen gesenkt haltend, vor seinen Leuten rückwärts ging und sich dabei unruhig umblickte.
Die Reihen der Infanteristen verschwanden im Pulverdampf; man hörte ihr langgezogenes Geschrei und häufiges Gewehrfeuer. Einige Minuten darauf kam eine Menge von Verwundeten, zu Fuß oder auf Tragbahren, von dort zurück. In die Batterie schlugen die Kanonenkugeln noch häufiger ein. Einige Soldaten, die getroffen waren, lagen da, ohne weggeschafft zu werden. Die Mannschaft bewegte sich in noch lebhafterer Geschäftigkeit um die Kanonen. Niemand kümmerte sich mehr um Pierre. Ein paarmal wurde er zornig angeschrien, weil er im Weg wäre. Der Oberst, der ein sehr finsteres Gesicht machte, ging mit großen, schnellen Schritten von einem Geschütz zum andern. Der junge Offizier, dessen Gesicht sich noch mehr gerötet hatte, erteilte den Soldaten seine Befehle mit noch größerem Eifer. Die Soldaten tummelten sich hurtig, reichten die Geschosse hin, luden und erfüllten ihre Aufgabe mit stolzem Selbstbewußtsein. Sie gingen so elastisch wie auf Sprungfedern.
Die Gewitterwolke war herangerückt, und hell brannte auf allen Gesichtern jenes Feuer, dessen Aufflammen Pierre verfolgt hatte. Er stand neben dem Obersten. Der junge Offizier kam zu dem Obersten herangelaufen, die Hand am Tschako.
»Ich habe die Ehre zu melden, Herr Oberst, daß nur noch acht Ladungen vorhanden sind. Befehlen Sie, das Feuer fortzusetzen?«
»Kartätschen!« schrie der Oberst nach einem Blick über den Wall, ohne auf die Frage zu antworten.
Plötzlich begab sich etwas: der junge Offizier stöhnte auf, krümmte sich zusammen und setzte sich auf die Erde wie ein im Flug geschossener Vogel. Pierre hatte die Empfindung, daß sich vor seinen Augen alles in seltsamer Weise verwandle, undeutlich und trübe werde.
In rascher Folge kamen Kanonenkugeln pfeifend geflogen und schlugen in die Brustwehr, in die Mannschaft und in die Geschütze ein. Pierre, der früher nicht auf diese Töne hingehört hatte, hörte jetzt weiter nichts als sie. Seitwärts von der Batterie, zur Rechten, liefen Soldaten mit Hurrageschrei nicht vorwärts, sondern zurück, wie es Pierre vorkam.
Eine Kanonenkugel schlug gerade in den Rand des Walles, bei dem Pierre stand, schüttete eine Menge Erde herunter, huschte vor seinen Augen wie ein schwarzer Ball vorbei und klatschte in demselben Augenblick in etwas hinein. Die Landwehrleute, die gerade in die Batterie hereinkommen wollten, liefen wieder zurück.
»Alle mit Kartätschen!« schrie der Oberst.
Ein Unteroffizier kam zu ihm gelaufen und flüsterte ihm ängstlich zu (in der Art, wie bei einem Diner der Haushofmeister dem Hausherrn meldet, daß von der gewünschten Sorte Wein nichts mehr da ist), es sei keine Munition mehr vorhanden.
»Die Halunken, was machen sie mir für Geschichten!« schrie der Oberst, sich zu Pierre umwendend.
Das Gesicht des Obersten war rot und von Schweiß bedeckt; seine finster blickenden Augen blitzten.
»Lauf zur Reserve und hole die Munitionskasten!« schrie er, indem er zornig mit seinem Blick Pierre vermied und sich an seinen Untergebenen wandte.
»Ich werde hingehen«, sagte Pierre.
Ohne ihm zu antworten, ging der Oberst mit großen Schritten nach der andern Seite.
»Nicht schießen! Warten!« rief er.
Der Unteroffizier, dem befohlen war Munition zu holen, stieß mit Pierre zusammen.
»Ach, gnädiger Herr, das ist für dich hier nicht der richtige Platz«, sagte er und lief bergab.
Pierre lief ihm nach, indem er im Bogen die Stelle umging, wo der junge Offizier saß.
Eine Kugel, eine zweite, eine dritte flogen über ihn hin und schlugen vor ihm, neben ihm, hinter ihm ein. Pierre lief hinunter. »Wohin laufe ich eigentlich?« fragte er sich auf einmal, als er schon zu den grünen Munitionskasten gekommen war. Er blieb stehen, unschlüssig, ob er zurück- oder vorwärtsgehen solle. Plötzlich warf ihn ein furchtbarer Stoß rückwärts auf die Erde. In demselben Augenblick beleuchtete ihn der Glanz eines großen Feuers, und gleichzeitig erscholl ein betäubendes, in den Ohren dröhnendes Donnern, Krachen und Pfeifen.
Als Pierre wieder zu sich kam, saß er auf der Erde, auf die er sich mit den Händen stützte; der Munitionskasten, neben dem er gestanden hatte, war nicht mehr da; nur angekohlte grüne Bretter und Lappen lagen auf dem versengten Gras umher, und das eine Pferd jagte, mit den Trümmern der Gabeldeichsel um sich schlagend, von ihm weg, das andere lag, ebenso wie Pierre selbst, auf der Erde und stieß ein durchdringendes, langgezogenes Kreischen aus.
XXXII
Pierre, der vor Angst nicht wußte, was er tat, sprang auf und lief auf die Batterie zurück, als nach dem einzigen Zufluchtsort vor all den Schrecken, die ihn umgaben.
In dem Augenblick, als Pierre in die Verschanzung hineintrat, bemerkte er, daß in der Batterie kein Schießen mehr zu hören war, daß aber irgendwelche Leute da irgend etwas taten. Pierre begriff nicht sogleich, was das für Leute waren. Er erblickte den alten Obersten, der, ihm die Rückseite zuwendend, auf dem Wall lag, als ob er da unten etwas betrachtete, und sah, wie ein Soldat, dessen er sich von vorhin erinnerte, sich von Leuten, die ihn am Arm hielten, loszureißen suchte und dabei schrie: »Brüder …!« Und so sah er noch manches Seltsame.
Aber er hatte es sich in seinen Gedanken noch nicht zurechtgelegt, daß der Oberst tot war und daß der Soldat, der da »Brüder!« rief, gefangengenommen wurde, und daß vor seinen Augen ein anderer Soldat mit dem Bajonett von hinten erstochen wurde, als, unmittelbar nachdem er in die Verschanzung hereingelaufen war, ein hagerer, gelblicher Mann mit schweißbedecktem Gesicht, in blauer Uniform, mit dem Degen in der Hand, auf ihn zugelaufen kam und ihm etwas zuschrie. Pierre, der sich instinktiv gegen den Stoß wehrte, da sie unversehens gegeneinanderrannten, streckte die Hände vor und packte diesen Menschen (es war ein französischer Offizier) mit der einen Hand an der Schulter, mit der andern an der Kehle. Der Offizier ließ seinen Degen fallen und ergriff Pierre am Kragen.
Ein paar Sekunden lang starrten sie beide mit erschrockenen Augen ein jeder das ihm fremde Gesicht des andern an, und beide waren in Zweifel darüber, was sie taten und was sie nun tun sollten. »Hat er mich gefangengenommen oder ich ihn?« dachte jeder von ihnen. Aber offenbar neigte der französische Offizier mehr zu der Auffassung, daß er gefangengenommen sei, da Pierres starke Hand unter der Einwirkung der unwillkürlichen Furcht ihm immer fester und fester die Kehle zusammendrückte. Der Franzose wollte etwas sagen, als plötzlich ganz niedrig, unmittelbar über ihren Köpfen, mit furchtbarem Pfeifen eine Kanonenkugel hinflog; es schien Pierre, als sei dem französischen Offizier der Kopf abgerissen: so schnell hatte dieser den Kopf niedergebeugt.
Pierre hatte ebenfalls den Kopf geduckt und die Arme sinken lassen. Ohne weiter daran zu denken, wer den andern gefangengenommen habe, liefen sie beide weg, der Franzose in die Batterie zurück, Pierre bergab. Er stolperte dabei über Tote und Verwundete, die ihm, wie es ihm vorkam, nach den Beinen griffen. Aber er war noch nicht an den Fuß der Anhöhe gelangt, als ihm dichte Scharen russischer Soldaten im Laufschritt entgegenkamen, die stolpernd, fallend und schreiend, fröhlich und stürmisch zur Batterie hinaufliefen. (Es war dies jener Angriff, den sich Jermolow zum Ruhm anrechnete, indem er behauptete, nur seiner Tapferkeit und seinem Glück sei es möglich gewesen, diese Großtat auszuführen, jener Angriff, bei dem er, wie es heißt, die Georgskreuze, die er in der Tasche hatte, auf die Hügelkuppe warf.)
Die Franzosen, welche die Batterie eingenommen hatten, flüchteten. Unsere Truppen jagten mit Hurrageschrei den Feind so weit von der Batterie weg, daß es schwer wurde, sie von der Verfolgung wieder abzubringen.
Von der Batterie wurden die Gefangenen weggeführt, darunter ein verwundeter französischer General, den viele russische Offiziere umringten. Scharen von Verwundeten, die Pierre teils kannte, teils nicht kannte, Russen und Franzosen, mit schmerzverzerrten Gesichtern, gingen und krochen von der Batterie weg oder wurden auf Bahren fortgetragen. Pierre betrat wieder die Verschanzung auf der Kuppe, wo er länger als eine Stunde geweilt hatte; aber aus jenem Familienkreis, in den er Aufnahme gefunden hatte, fand er niemand mehr vor. Es lagen dort viele Tote, die er nicht kannte. Aber einige erkannte er. Der junge Offizier saß, immer noch in gleicher Weise zusammengekrümmt, am Rand des Walles in einer Blutlache da. Der Soldat mit dem roten Gesicht zuckte noch; aber niemand schaffte ihn fort.
Pierre lief hinunter.
»Nein, jetzt werden sie damit aufhören; jetzt werden sie erschrecken über das, was sie getan haben!« dachte er, während er ziellos hinter den vielen Tragbahren herging, die vom Schlachtfeld fortgetragen wurden.
Aber die vom Rauch verhüllte Sonne stand noch hoch, und vorn und namentlich auf dem linken Flügel, bei Semjonowskoje, wütete im Pulverrauch noch immer der Kampf, und das Getöse der Kanonenschüsse und des Kleingewehrfeuers wurde nicht nur nicht schwächer, sondern verstärkte sich immer mehr, wie wenn ein Mensch in vollster Verzweiflung mit Aufbietung seiner letzten Kraft schreit.
XXXIII
Der Hauptkampf in der Schlacht bei Borodino spielte sich auf einem Raum von dreitausend Schritten zwischen dem Dorf Borodino und den Pfeilschanzen Bagrations ab. (Außerhalb dieses Raumes wurde auf der einen Seite um Mittag von Uwarows Kavallerie eine Demonstration unternommen, und auf der andern Seite, hinter dem Dorf Utiza, fand ein Zusammenstoß Poniatowskis mit Tutschkow statt; aber dies waren abgesonderte und unbedeutende Aktionen im Vergleich mit dem, was in der Mitte des Schlachtfeldes vorging.) Auf dem Feld zwischen Borodino und den Pfeilschanzen, bei dem Wald, auf einem offenen und von beiden Seiten sichtbaren Terrain, wurde der Hauptkampf in der einfachsten Weise ohne alle List geliefert.
Die Schlacht begann von beiden Seiten mit einer Kanonade aus mehreren hundert Geschützen.
Dann, als der Pulverrauch das ganze Feld bedeckte, setzten sich in diesem Rauch von rechts her (vom französischen Standpunkt aus) die beiden Divisionen Dessaix und Compans gegen die Pfeilschanzen und von links her die Regimenter des Vizekönigs gegen Borodino in Bewegung.
Von der Schanze bei Schewardino, auf der Napoleon stand, waren die Pfeilschanzen in gerader Linie eine Werst, Borodino mehr als zwei Werst entfernt; daher konnte Napoleon nicht sehen, was dort vorging, um so weniger, da der Rauch, der zu dem Nebel hinzugekommen war, die ganze Örtlichkeit verhüllte. Die Soldaten der Division Dessaix, die die Richtung nach den Pfeilschanzen einschlugen, waren nur so lange sichtbar, bis sie in die Schlucht hinabstiegen, die sie von den Pfeilschanzen trennte. Sobald sie in die Schlucht hinabgestiegen waren, wurde der Pulverrauch von den Kanonen- und Flintenschüssen auf den Pfeilschanzen so dicht, daß er den ganzen Aufstieg auf der andern Seite der Schlucht bedeckte. Durch den Rauch hindurch bemerkte man dort zwar flüchtig etwas Schwarzes, wahrscheinlich Menschen, und mitunter das Blitzen von Bajonetten. Aber ob sie sich bewegten oder stillstanden, ob es Franzosen oder Russen waren, das ließ sich von der Schanze von Schewardino aus nicht erkennen.
Die Sonne ging hell und klar auf und schien mit ihren schrägen Strahlen dem Kaiser Napoleon, der unter der vorgehaltenen Hand hervor nach den Pfeilschanzen blickte, gerade ins Gesicht. Der Rauch hatte sich vor den Schanzen ausgebreitet, und bald schien es, daß der Rauch, bald daß die Truppen sich bewegten. Mitunter wurde zwischen den Schüssen das Geschrei von Menschen vernehmbar; aber was sie dort taten, konnte man nicht wissen.
Auf dem Hügel stehend blickte Napoleon durch das Fernrohr und sah in dem kleinen Kreis, den ihm das Fernrohr zeigte, Rauch und Menschen, manchmal seine eigenen Leute, manchmal Russen; aber sobald er wieder mit bloßem Auge hinschaute, wußte er nicht, wo sich das, was er gesehen hatte, befand.
Er stieg von dem Hügel hinunter und begann vor ihm auf und ab zu gehen.
Mitunter blieb er stehen, horchte nach dem Schießen hin und betrachtete das Schlachtfeld.
Weder von der Stelle unten, wo er stand, noch auch von dem Hügel, wo jetzt mehrere seiner Generale Stellung genommen hatten, ja nicht einmal von den Pfeilschanzen selbst, auf denen sich jetzt zugleich oder abwechselnd bald Russen, bald Franzosen befanden, Tote, Verwundete und Lebende, erschrockene oder rasende Soldaten: von keiner dieser Stellen aus war es möglich, das, was an diesem Platz geschah, zu verstehen. Im Laufe mehrerer Stunden erschienen an dieser Stelle unter nie verstummendem Kanonen- und Gewehrfeuer bald Russen, bald Franzosen, bald Infanterie, bald Kavallerie; sie erschienen, fielen, schossen, stießen aufeinander, ohne zu wissen, was sie miteinander anfangen sollten, schrien und liefen wieder zurück.
Vom Schlachtfeld kamen unaufhörlich zu Napoleon Adjutanten und Ordonnanzen, die von seinen Marschällen abgeschickt waren, mit Meldungen über den Gang des Kampfes herangesprengt; aber alle diese Meldungen waren falsch: erstens weil es in der Hitze des Gefechts unmöglich ist, zu sagen, was in einem bestimmten Augenblick vorgeht; zweitens weil viele Adjutanten gar nicht bis zu dem wirklichen Kampfplatz hingeritten waren, sondern nur berichteten, was sie von andern gehört hatten; drittens weil, während der Adjutant die zwei, drei Werst zurücklegte, die ihn von Napoleon trennten, sich oft die Umstände geändert hatten und die Nachricht, die er überbrachte, bereits falsch geworden war. So z.B. kam von dem Vizekönig ein Adjutant mit der Nachricht herbeigesprengt, Borodino sei genommen, und die Brücke über die Kolotscha befinde sich in den Händen der Franzosen. Der Adjutant fragte den Kaiser, ob er befehle, daß die Truppen hinübergingen. Napoleon befahl, sie sollten sich auf dem jenseitigen Ufer ordnen und dann warten. Aber nicht nur in dem Augenblick, als Napoleon diesen Befehl gab, sondern bereits, nachdem der Adjutant eben erst von Borodino weggeritten war, hatten die Russen die Brücke schon in eben jenem Zusammenstoß wiedergenommen und verbrannt, bei welchem Pierre gleich zu Anfang der Schlacht gegenwärtig gewesen war.
Ein Adjutant, der von den Pfeilschanzen mit blassem, erschrockenem Gesicht herbeigaloppierte, meldete dem Kaiser, der Angriff sei zurückgeschlagen, Compans verwundet, Davout gefallen; aber dabei waren die Pfeilschanzen von einem andern Truppenteil in dem Augenblick genommen worden, wo dem Adjutanten gesagt worden war, die Franzosen seien zurückgeschlagen, und Davout war am Leben und hatte nur eine leichte Quetschung. Aufgrund solcher notwendigerweise falschen Meldungen traf nun Napoleon seine Anordnungen, die entweder bereits ausgeführt waren, ehe er sie erteilt hatte, oder nicht ausgeführt werden konnten und somit auch nicht ausgeführt wurden.
Die Marschälle und Generale, die sich in geringerer Entfernung vom Schlachtfeld befanden, aber ebenso wie Napoleon nicht am Kampf teilnahmen und nur ab und zu an die Feuerzone heranritten, trafen, ohne Napoleon zu fragen, ihre Anordnungen und erteilten ihre Befehle darüber, wohin und von wo aus geschossen werden und wohin die Kavallerie reiten und die Infanterie marschieren solle. Aber auch ihre Anordnungen wurden, ebenso wie die Napoleons, nur in sehr geringem Maße und nur selten zur Ausführung gebracht. Größtenteils geschah das Gegenteil von dem, was sie befohlen hatten. Soldaten, denen befohlen war vorzurücken, liefen, wenn sie in Kartätschenfeuer gerieten, zurück; Soldaten, denen befohlen war, an ihrem Platz stehenzubleiben, liefen, wenn sie gegenüber unerwartet Russen erscheinen sahen, manchmal zurück, manchmal aber stürzten sie auch vorwärts auf sie los, und die Kavallerie sprengte ohne Befehl den fliehenden Russen nach. So jagten zwei Kavallerieregimenter durch die Schlucht bei Semjonowskoje; kaum aber waren sie auf die Höhe gelangt, als sie umkehrten und in voller Karriere zurücksprengten. Ebenso war es mit den Bewegungen der Infanterie, die manchmal ganz und gar nicht dahin marschierte, wohin ihr zu marschieren befohlen war. Alle Anordnungen darüber, wohin und wann die Kanonen vorgerückt werden, wann die Soldaten zum Schießen vorgeschickt werden sollten, wann die Kavallerie das russische Fußvolk niederreiten solle, alle diese Anordnungen trafen die nächstbeteiligten Abteilungskommandeure, die sich bei den Truppen befanden, ohne Ney, Davout und Murat, geschweige denn Napoleon, zu befragen. Sie fürchteten nicht, für die Nichtbefolgung eines Befehls oder für eine eigenmächtige Anordnung zur Verantwortung gezogen zu werden, da es sich in der Schlacht um das handelt, was dem Menschen das Teuerste ist, das eigene Leben. Und da die Rettung manchmal im Zurückweichen, manchmal im Vorwärtslaufen zu liegen scheint, so handelten diese Menschen, die sich mitten in der Hitze des Kampfes befanden, eben nach der Eingebung des Augenblicks. In Wirklichkeit aber hatten alle diese Vor- und Rückwärtsbewegungen keine Erleichterung und Änderung in der Lage der Truppen zur Folge. Alle ihre gegenseitigen Angriffe zu Fuß und zu Pferd taten ihnen fast gar keinen Schaden; Schaden, d.h. Tod und Verstümmelung, brachten ihnen die Kanonen- und Flintenkugeln, die überall in diesem Raum umherflogen, auf dem sich diese Menschen hin und her bewegten. Sobald diese Menschen aus dem Raum zurückwichen, in dem die Kanonen- und Flintenkugeln umherflogen, ordneten die Kommandeure, die hinten stehengeblieben waren, sie sofort von neuem, stellten die Disziplin wieder her und führten sie vermöge dieser Disziplin wieder in den Bereich des Feuers zurück, in welchem sie unter der Einwirkung der Todesfurcht die Disziplin wieder verloren und sich nach ihren zufälligen Eingebungen umherbewegten.
XXXIV
Napoleons Generale, Davout, Ney und Murat, die sich in der Nähe dieser Feuerzone befanden und sogar manchmal in sie hineinritten, führten mehrmals gewaltige, wohlgeordnete Truppenmassen in diese Feuerzone hinein. Aber im Gegensatz zu dem, was in allen früheren Schlachten unweigerlich geschehen war, kehrten statt der erwarteten Nachricht über die Flucht des Feindes die wohlgeordneten Truppenmassen von dort als aufgelöste, von Schrecken erfüllte Scharen zurück. Die Generale ordneten sie von neuem; aber der Menschen wurden immer weniger. Gegen Mittag schickte Murat zu Napoleon seinen Adjutanten mit der Bitte um Verstärkung.
Napoleon saß am Fuß des Hügels und trank Punsch, als Murats Adjutant zu ihm heransprengte und versicherte, die Russen würden geschlagen werden, wenn Seine Majestät noch eine Division geben wolle.
»Verstärkung?« fragte Napoleon in strengem Ton und mit erstaunter Miene, als hätte er nicht recht verstanden, was der Adjutant gesagt hatte, und blickte den Adjutanten scharf an, einen schönen jungen Mann mit langem, lockigem, schwarzem Haar, ebenso wie Murat das Haar trug.
»Verstärkung!« dachte Napoleon. »Wie kann er denn Verstärkung verlangen, obwohl er doch die Hälfte der Armee unter seinem Kommando und nur einen schwachen, unbefestigten Flügel der Russen sich gegenüber hat!«
»Sagen Sie dem König von Neapel«, fuhr Napoleon in strengem Ton fort, »daß es noch nicht Mittag ist und ich mein Schachbrett noch nicht klar überblicke. Gehen Sie!«
Der schöne junge Adjutant mit dem langen Haar, der die Hand nicht vom Hut genommen hatte, jagte mit einem schweren Seufzer wieder dahin, wo die Menschen gemordet wurden.
Napoleon stand auf, rief Caulaincourt und Berthier zu sich und begann mit ihnen über Dinge zu sprechen, die mit der Schlacht nichts zu tun hatten.
Mitten in dem Gespräch, das den Kaiser zu interessieren anfing, fiel Berthiers Blick auf einen General mit Gefolge, der auf einem schweißbedeckten Pferd zu dem Hügel herangesprengt kam. Es war Belliard. Er sprang vom Pferd, ging mit schnellen Schritten auf den Kaiser zu und begann keck mit lauter Stimme die Notwendigkeit der Entsendung von Verstärkungen zu beweisen. Er schwur bei seiner Ehre, daß die Russen verloren seien, wenn der Kaiser noch eine Division gäbe.
Napoleon zuckte die Achseln und setzte, ohne zu antworten, seinen Spaziergang fort. Belliard fing an, zu den Generalen der kaiserlichen Suite, die ihn umringten, laut und lebhaft zu reden.
»Sie sind sehr erregt, Belliard«, sagte Napoleon, als er sich dem General wieder näherte. »In der Hitze des Kampfes kann man sich leicht irren. Reiten Sie zurück, sehen Sie sich den Stand der Sache nochmals an, und kommen Sie dann wieder zu mir.«
Belliard war noch nicht aus dem Gesichtskreis verschwunden, als von einer andern Seite ein neuer Abgesandter vom Schlachtfeld herangaloppiert kam.
»Nun, was gibt es?« fragte Napoleon; seinem Ton war anzuhören, daß die unaufhörlichen Belästigungen ihn reizten.
»Sire, der Prinz …«, begann der Adjutant.
»Bittet um Verstärkung?« unterbrach ihn Napoleon mit zorniger Miene.
Der Adjutant neigte bejahend den Kopf und begann seinen Bericht; aber der Kaiser wandte sich von ihm weg, machte zwei Schritte, blieb stehen, drehte sich um und rief Berthier zu sich.
»Ich muß die Reserven hergeben«, sagte er, indem er die Arme ein wenig auseinanderbreitete. »Wen soll ich hinschicken? Wie denken Sie darüber?« wandte er sich an Berthier, an diesen »Gänserich, den ich zum Adler gemacht habe«, wie er später von ihm gesagt hat.
»Schicken Euer Majestät doch die Division Claparède«, sagte Berthier, der alle Divisionen, Regimenter und Bataillone im Kopf hatte.
Napoleon nickte zustimmend mit dem Kopf.
Der Adjutant sprengte zu der Division Claparède hin, und nach einigen Minuten brach die junge Garde, die hinter dem Hügel postiert war, von ihrem Standplatz auf. Napoleon blickte schweigend nach dieser Richtung hin.
»Nein«, wandte er sich wieder an Berthier, »ich kann Claparède nicht schicken. Schicken Sie die Division Friant.«
Es war zwar keinerlei Vorteil damit verbunden, wenn statt Claparède die Division Friant geschickt wurde, ja, es wurde sogar eine augenscheinliche Hemmung und Verzögerung dadurch herbeigeführt, daß jetzt Claparède erst wieder zurückgehalten und statt seiner Friant geschickt werden mußte; aber der Befehl wurde ausgeführt. Napoleon wurde sich dessen nicht bewußt, daß er seinen Truppen gegenüber jetzt selbst jene Rolle des Arztes spielte, der durch seine Medikamente stört, eine Rolle, die er so richtig erkannt und verurteilt hatte.
Die Division Friant verschwand, ebenso wie die andern, im Rauch des Schlachtfeldes. Von verschiedenen Seiten kamen immer noch Adjutanten herbeigesprengt, und alle sagten wie auf Verabredung ein und dasselbe. Alle baten um Verstärkungen; alle sagten, die Russen behaupteten sich in ihren Stellungen und unterhielten ein Höllenfeuer (un feu d’enfer), durch das die französische Armee zusammenschmelze.
Napoleon saß, in tiefes Nachdenken versunken, auf einem Feldstuhl.
Herr de Bausset, dem das Reisen soviel Vergnügen machte und der seit dem Morgen nichts gegessen hatte und hungrig geworden war, trat an den Kaiser heran und erkühnte sich, Seine Majestät ehrerbietigst zum Frühstücken aufzufordern.
»Ich hoffe, daß ich Euer Majestät jetzt schon zum Sieg gratulieren kann«, fügte er hinzu.
Napoleon schüttelte schweigend den Kopf. In der Voraussetzung, daß sich diese Verneinung auf den Sieg und nicht auf das Frühstück beziehe, erlaubte sich Herr de Bausset respektvoll scherzend zu bemerken, daß es keine Gründe in der Welt gebe, durch die sich jemand am Frühstücken hindern zu lassen brauche, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden sei.
»Machen Sie, daß Sie wegkommen«, sagte Napoleon auf einmal finster und wandte sich von ihm ab.
Ein seliges Lächeln, in welchem sich Bedauern, Reue und Enthusiasmus vereinigten, erstrahlte auf dem Gesicht des Herrn de Bausset, und mit schleifendem Gang begab er sich zu den Generalen.
Napoleon empfand ein Gefühl peinlicher Beängstigung, wie ein Spieler, der immer Glück gehabt hat, der, wenn er sein Geld sinnlos wagte, immer gewonnen hat und der nun plötzlich, gerade wo er seiner Meinung nach alle Chancen des Spieles vorausberechnet hatte, merkt, daß, je mehr er sein Verfahren überdacht hat, er um so sicherer verlieren wird.
Die Truppen waren dieselben, die Generale dieselben; es waren dieselben Vorbereitungen, dieselbe Disposition, derselbe kurze und energische Armeebefehl; er selbst war derselbe, das wußte er; er wußte, daß er jetzt sogar weit erfahrener und geschickter war als früher; selbst der Feind war derselbe wie bei Austerlitz und Friedland – aber der zu furchtbarem Schlag ausholende Arm sank, wie durch einen Zauber, kraftlos nieder.
Alle jene früheren Hilfsmittel, die sonst unausbleiblich von Erfolg gekrönt gewesen waren: die Konzentrierung der Batterien auf einen Punkt und der Angriff der Reserven zur Durchbrechung der feindlichen Linie und die Attacke der Kavallerie von Eisenmännern, hommes de fer, alle diese Hilfsmittel waren heute bereits zur Anwendung gebracht, und doch war nicht nur kein Sieg errungen, sondern es kamen sogar von allen Seiten immer dieselben Nachrichten von getöteten und verwundeten Generalen, von der Notwendigkeit der Entsendung von Verstärkungen, von der Unmöglichkeit, die Russen zu schlagen, und von der Auflösung der Truppen.
Früher hatte er immer nur zwei, drei Anordnungen zu treffen, zwei, drei Sätze zu sprechen gebraucht, und dann waren die Marschälle und Adjutanten mit Glückwünschen und heiteren Gesichtern herangesprengt und hatten von den Siegestrophäen Meldung gemacht: daß ganze Truppenmassen gefangen, Haufen von feindlichen Fahnen und Feldzeichen und eine Menge von Kanonen erbeutet seien; und dann hatte Murat nur um die Erlaubnis gebeten, seine Kavallerie ausschicken zu dürfen, um die Bagage des Feindes wegzunehmen. So war das bei Lodi, Marengo, Arcole, Jena, Austerlitz, Wagram usw. usw. gewesen. Jetzt aber ging mit seinen Truppen etwas Seltsames vor.
Trotz der Nachricht von der Einnahme der Pfeilschanzen sah Napoleon, daß es ein anderes, ganz anderes Ding war als in all seinen früheren Schlachten. Er sah, daß die Empfindung, die ihn erfüllte, auch bei allen Männern seiner Umgebung vorhanden war, und das waren doch Leute, die aus vielen Schlachten Erfahrung hatten. Alle Gesichter waren trübe; jeder vermied es, dem andern ins Gesicht zu blicken. Nur Bausset brachte es fertig, die Bedeutung dessen, was da vorging, nicht zu verstehen. Napoleon aber wußte bei seiner langen Kriegserfahrung sehr wohl, was das zu bedeuten hatte, daß nach achtstündigem Kampf trotz aller Anstrengungen die Schlacht von dem Angreifer nicht gewonnen war. Er wußte, daß damit die Schlacht beinahe verloren war und daß die geringste Zufälligkeit jetzt, wo der Ausgang der Schlacht auf des Messers Schneide stand, ihn und sein Heer vernichten konnte.
Als er nun diesen ganzen seltsamen russischen Feldzug vor seinem geistigen Auge vorüberziehen ließ, in welchem keine Schlacht gewonnen und zwei Monate lang keine Fahne, keine Kanone erbeutet, keine Truppenabteilung gefangengenommen war, als er die Gesichter seiner Umgebung betrachtete, die ihre Niedergeschlagenheit zu verbergen suchten, und die Meldungen darüber hörte, daß die Russen immer noch standhielten: da ergriff ihn ein schreckliches Gefühl, wie es einen manchmal im Traum überfällt, und es kamen ihm allerlei unglückliche Möglichkeiten in den Sinn, die sein Verderben herbeiführen konnten. Die Russen konnten über seinen linken Flügel herfallen; sie konnten sein Zentrum durchbrechen; eine tollgewordene Kanonenkugel konnte ihn selbst töten. All dergleichen war möglich. In seinen früheren Schlachten hatte er nur die Möglichkeiten überdacht, die zum Erfolg führen konnten; aber jetzt trat ihm eine zahllose Menge unglücklicher Möglichkeiten vor die Seele, und er glaubte eine jede von ihnen erwarten zu müssen. Ja, es war wie im Traum, wo jemand glaubt, es komme ein Mörder auf ihn los; und nun holt er im Traum mit aller Kraft zu einem furchtbaren Schlag aus, der nach seiner Überzeugung den Feind vernichten muß; auf einmal aber fühlt er, daß sein Arm kraftlos und schwach wie ein Lappen niedersinkt, und wird in seiner Hilflosigkeit von jäher Angst vor dem unentrinnbaren Verderben gepackt.
Es war die Nachricht von dem Angriff der Russen auf den linken Flügel des französischen Heeres, die dieses beängstigende Gefühl bei Napoleon hervorrief. Schweigend saß er am Fuß des Hügels auf seinem Feldstuhl, den Kopf niedergebeugt, die Ellbogen auf die Knie gelegt. Berthier trat zu ihm und fragte, ob er nicht die Linie abreiten wolle, um sich von dem Stand der Dinge zu überzeugen.
»Was? Was sagen Sie?« erwiderte Napoleon. »Ja, lassen Sie mir ein Pferd bringen.«
Er setzte sich auf und ritt nach Semjonowskoje.
In dem nur langsam sich auseinanderziehenden Pulverdampf sah Napoleon auf der ganzen Strecke, die er durchritt, Pferde und Menschen in Blutlachen liegen, bald einzeln, bald haufenweise. Einen solchen Greuel, eine solche Unmenge von Getöteten auf einem so kleinen Raum hatte weder Napoleon noch einer seiner Generale je gesehen. Der Donner der Geschütze, der nun schon zehn Stunden lang ununterbrochen angedauert hatte und das Ohr peinigte, erhöhte noch den Eindruck dieses Anblicks, ähnlich wie die Musik bei lebenden Bildern. Napoleon ritt auf die Höhe von Semjonowskoje hinauf und erblickte durch den Pulverdampf Reihen von Soldaten in Uniformen, deren Farbe seinem Auge fremd erschien. Es waren Russen.
Die Russen standen in dichten Reihen hinter Semjonowskoje und dem Hügel, und ihre Geschütze donnerten und rauchten unaufhörlich in ihrer Linie. Eine Schlacht war das nicht mehr; es war ein fortdauerndes Morden, das weder den Russen noch den Franzosen zu einem Vorteil verhelfen konnte. Napoleon hielt sein Pferd an und versank wieder in dieselben trüben Gedanken, aus denen ihn vorher Berthier aufgeweckt hatte; er konnte das Werk nicht hemmen, das da vor seinen Augen und um ihn herum vollbracht wurde, und von dem man meinte, es werde von ihm geleitet und hänge von ihm ab, und dieses Werk erschien ihm zum erstenmal infolge des Mißerfolges als etwas Unnötiges und Furchtbares.
Einer der Generale, die zu Napoleon herangeritten waren, erlaubte sich, ihn zu bitten, ob er nicht die alte Garde ins Gefecht schicken wolle. Ney und Berthier, die neben Napoleon hielten, wechselten einen Blick miteinander und lächelten geringschätzig über den absurden Vorschlag dieses Generals.
Napoleon senkte den Kopf und schwieg lange.
»Achthundert Lieues von Frankreich entfernt werde ich meine Garde nicht dem Verderben preisgeben«, sagte er, wendete sein Pferd und ritt nach Schewardino zurück.
XXXV
Kutusow saß an derselben Stelle, an der ihn Pierre am Morgen gesehen hatte, auf der mit einem Teppich bedeckten Bank; den grauen Kopf hielt er tief hinabgebeugt; sein schwerer Körper war in sich zusammengesunken. Er traf keine eigenen Anordnungen, sondern gab nur zu dem, was ihm vorgeschlagen wurde, seine Zustimmung oder lehnte es ab.
»Ja, ja, tut das nur«, antwortete er auf mancherlei Vorschläge. »Ja, ja, reite einmal hin, mein Lieber, und sieh dir die Sache an«, sagte er bald zu dem, bald zu jenem aus seiner Umgebung. Oder er sagte: »Nein, das ist nicht nötig; wir wollen lieber noch warten.« Er hörte die ihm erstatteten Meldungen an und gab Befehle, wenn es seine Untergebenen verlangten; aber während er die Berichte anhörte, schien er sich nicht für den Inhalt dessen, was ihm gesagt wurde, zu interessieren, sondern für etwas anderes: für den Gesichtsausdruck und Ton der Meldenden. Aus einer langjährigen Kriegserfahrung wußte er und war darüber mit seinem alten Kopf ins klare gekommen, daß es für einen einzelnen Menschen unmöglich ist, Hunderttausende, die auf Leben und Tod kämpfen, zu leiten, und daß der Ausgang der Schlachten nicht durch die Anordnungen des Oberkommandierenden, nicht durch das Terrain, auf dem die Truppen stehen, nicht durch die Zahl der Kanonen und der getöteten Menschen entschieden wird, sondern durch jene eigenartige Kraft, die man den Geist des Heeres nennt; und diese Kraft beobachtete er und leitete sie, soweit das in seiner Macht lag.
Der allgemeine, dauernde Ausdruck in Kutusows Gesicht war der einer ruhigen, gesammelten Aufmerksamkeit und Spannung, die aber nur mit Mühe über die Müdigkeit des alten, schwachen Körpers den Sieg davontrug.
Um elf Uhr vormittags wurde ihm gemeldet, daß die von den Franzosen eroberten Pfeilschanzen wieder zurückgewonnen seien, daß aber Fürst Bagration verwundet wäre. Kutusow stöhnte auf und wiegte bedauernd den Kopf hin und her.
»Reite zu dem Fürsten Pjotr Iwanowitsch hin und erkundige dich genau, was und wie …«, befahl er einem Adjutanten und wandte sich dann sofort an den hinter ihm stehenden Prinzen von Württemberg: »Belieben Euer Hoheit das Kommando der zweiten Armee zu übernehmen.«
Bald nachdem der Prinz weggeritten war, und zwar so bald nachher, daß er noch nicht nach Semjonowskoje gelangt sein konnte, kehrte der Adjutant des Prinzen von ihm zurück und meldete dem Durchlauchtigen, der Prinz bitte um Truppen.
Kutusow runzelte die Stirn und schickte an Dochturow den Befehl, das Kommando der zweiten Armee zu übernehmen; den Prinzen aber ließ er bitten, zu ihm zurückzukehren, da er ihn, wie er sagte, in diesen kritischen Augenblicken doch nicht entbehren könne.
Als die Nachricht gebracht wurde, Murat sei gefangengenommen, und die Stabsoffiziere Kutusow beglückwünschten, lächelte er.
»Warten Sie, meine Herren«, sagte er. »Die Schlacht ist gewonnen, und die Gefangennahme Murats ist dabei weiter nichts Besonderes. Aber wir wollen lieber mit der Freude noch warten.«
Indessen schickte er doch einen Adjutanten aus, der mit dieser Nachricht bei den Truppen umherreiten sollte.
Als vom linken Flügel Schtscherbinin herangesprengt kam, um zu melden, daß die Franzosen die Pfeilschanzen und das Dorf Semjonowskoje eingenommen hätten, stand Kutusow, der aus den vom Schlachtfeld herüberschallenden Tönen und aus Schtscherbinins Miene erriet, daß dieser keine gute Nachricht bringe, auf, wie wenn er sich die Füße vertreten wollte, faßte Schtscherbinin unter den Arm und führte ihn beiseite.
»Reite hin, mein Lieber«, sagte er zu Jermolow, »und sieh einmal zu, ob sich da nichts tun läßt.«
Kutusow befand sich in Gorki, im Zentrum der russischen Position. Der Angriff, den Napoleon auf unseren linken Flügel gerichtet hatte, war mehrere Male zurückgeschlagen worden. Im Zentrum waren die Franzosen nicht über Borodino hinaus vorgerückt. Auf unserer rechten Flanke hatte Uwarows Kavallerie die Franzosen in die Flucht getrieben.
Zwischen zwei und drei Uhr hörten die Angriffe der Franzosen auf. Auf den Gesichtern aller, die vom Schlachtfeld kamen, und derjenigen, die um ihn herumstanden, las Kutusow den Ausdruck einer auf den höchsten Grad gelangten Spannung. Kutusow war mit dem seine Erwartungen übersteigenden Erfolg des Tages zufrieden. Aber die physischen Kräfte ließen den alten Mann im Stich; mehrmals sank sein Kopf, wie wenn er plötzlich hinunterfiele, tief herab, und er schlummerte ein. Man brachte ihm sein Mittagessen.
Der Flügeladjutant Wolzogen, eben der, welcher, als er bei dem Fürsten Andrei vorbeiritt, gesagt hatte, man müsse dem Krieg eine weitere räumliche Ausdehnung geben, und welchen Fürst Bagration so grimmig haßte, dieser traf, während Kutusow seine Mahlzeit einnahm, bei ihm ein. Wolzogen kam von Barclay mit der Meldung über den Gang der Dinge auf dem linken Flügel. Nachdem Barclay de Tolly die Scharen der zurückfliehenden Verwundeten und den aufgelösten Zustand der Truppen hinter der Front gesehen und alle Umstände der Lage erwogen hatte, hatte er sich als verständiger Mann gesagt, die Schlacht sei verloren, und seinen Liebling Wolzogen mit dieser Nachricht zum Oberkommandierenden geschickt.
Kutusow kaute mit Mühe an einem gebratenen Huhn und sah Wolzogen mit zusammengekniffenen, vergnügten Augen an.
Lässig die Beine nach dem Reiten wieder geradestreckend, ein etwas geringschätziges Lächeln auf den Lippen, so näherte sich Wolzogen dem Oberkommandierenden und berührte leichthin mit der Hand den Mützenschirm.
Er zeigte im Verkehr mit dem Durchlauchtigen eine gewisse affektierte Nachlässigkeit, welche besagen sollte, daß er als hochgebildeter Militär es den Russen überlassen müsse, aus diesem alten, unbrauchbaren Mann einen Götzen zu machen, selbst aber recht wohl wisse, mit wem er zu tun habe. »Der alte Herr« (wie die Deutschen in ihrem Kreis Kutusow nannten) »macht es sich recht bequem«, dachte Wolzogen, und mit einem strengen Blick auf die vor Kutusow stehenden Teller begann er dem alten Herrn die Lage der Dinge auf dem linken Flügel so auseinanderzusetzen, wie es ihm Barclay befohlen und wie er selbst sie gesehen und aufgefaßt hatte.
»Alle Punkte unserer Position sind in den Händen des Feindes, und sie wiederzugewinnen ist ausgeschlossen, da wir keine Truppen haben; sie fliehen, und es ist keine Möglichkeit, sie zum Stehen zu bringen«, meldete er.
Kutusow hörte auf zu kauen und starrte Wolzogen erstaunt an, als ob er gar nicht verstände, was dieser zu ihm gesagt hatte. Als Wolzogen die Erregung des alten Herrn bemerkte, fügte er lächelnd hinzu:
»Ich hielt mich nicht für berechtigt, Euer Durchlaucht das, was ich gesehen habe, vorzuenthalten. Die Truppen befinden sich in voller Auflösung …«
»Das haben Sie gesehen? Das haben Sie gesehen?« schrie Kutusow mit finster zusammengezogenen Augenbrauen. Er stand schnell auf und trat auf Wolzogen zu. »Wie können Sie … wie können Sie es wagen …« Er machte drohende Bewegungen mit den zitternden Händen; die Stimme versagte ihm vor Erregung. »Wie können Sie es wagen, mein Herr, so etwas mir, mir zu sagen! Sie wissen gar nichts. Bestellen sie dem General Barclay von mir, daß seine Nachrichten falsch sind und daß der wahre Gang der Schlacht mir, dem Oberkommandierenden, besser bekannt ist als ihm.«
Wolzogen wollte etwas erwidern, aber Kutusow unterbrach ihn.
»Der Feind ist auf dem linken Flügel zurückgeschlagen und auf dem rechten Flügel besiegt. Wenn Sie schlecht gesehen haben, mein Herr, so dürfen Sie sich nicht erlauben, zu reden, was Sie nicht wissen. Reiten Sie zum General Barclay hin, und bestellen Sie ihm, ich hätte die feste Absicht, morgen den Feind anzugreifen«, sagte Kutusow in strengem Ton.
Alle schwiegen; man hörte nur das schwere Keuchen des alten Oberkommandierenden, der ganz außer Atem gekommen war.
»Überall zurückgeschlagen, wofür ich Gott und unserem tapferen Heer danke. Der Feind ist besiegt, und morgen werden wir ihn von der heiligen russischen Erde vertreiben«, sagte Kutusow, indem er sich bekreuzte. Plötzlich aber schluchzte er auf, da ihm die Tränen kamen.
Wolzogen zuckte die Achseln, zog die Lippen schief und trat schweigend zur Seite, höchst erstaunt über diese dünkelhafte Verblendung des alten Herrn.
»Ah, da ist er ja, mein Held!« sagte Kutusow zu einem wohlgenährten, hübschen, schwarzhaarigen General, der in diesem Augenblick oben auf dem Hügel erschien. Es war Rajewski, der den ganzen Tag an dem wichtigsten Punkt des Schlachtfeldes von Borodino zugebracht hatte.
Rajewski meldete, daß die Truppen standhaft ihre Stellungen behaupteten und die Franzosen nicht mehr anzugreifen wagten.
Als Kutusow ihn angehört hatte, sagte er auf französisch:
»Sie glauben also nichtwie die andern,daß wir genötigt wären uns zurückzuziehen?«
»Im Gegenteil, Euer Durchlaucht; bei unentschiedenen Schlachten bleibt immer der Hartnäckigste Sieger«, erwiderte Rajewski, »und meine Ansicht …«
»Kaisarow!« rief Kutusow seinen Adjutanten herbei. »Setz dich hin und schreib den Befehl für morgen. Und du«, wandte er sich an einen andern, »reite die Linie entlang und mache bekannt, daß morgen wir es sein werden, die angreifen.«
Während Kutusow noch das Gespräch mit Rajewski weiterführte und den Armeebefehl diktierte, kehrte Wolzogen von Barclay zurück und meldete, der General Barclay de Tolly lasse um eine schriftliche Bestätigung des Befehles bitten, den der Feldmarschall erteilt habe.
Ohne Wolzogen anzusehen, ordnete Kutusow die schriftliche Ausfertigung des Befehles an, die der frühere Oberkommandierende mit gutem Grund zu haben wünschte, um aller persönlichen Verantwortung enthoben zu sein.
Und vermöge jener unbestimmbaren, geheimen Verbindungskanäle, die bewirken, daß im ganzen Heer ein und dieselbe Stimmung besteht, der sogenannte Geist des Heeres, der das wichtigste Moment im Krieg bildet, vermöge jener Kanäle wurden Kutusows Worte und sein Befehl zur Schlacht für den morgigen Tag gleichzeitig an allen Enden des Heeres bekannt.
Was an den letzten Enden dieser Kanäle bekannt wurde, das waren keineswegs die Worte oder der Befehl selbst. Die Reden, die an den verschiedenen Enden des Heeres von Mund zu Mund weitergegeben wurden, hatten sogar nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, was Kutusow wirklich gesagt hatte; wohl aber verbreitete sich der Sinn seiner Worte überallhin, weil das, was Kutusow gesagt hatte, nicht aus verschmitzten Überlegungen hervorgegangen war, sondern aus dem Gefühl, das in der Seele des Oberkommandierenden ebenso lebendig war wie in der Seele eines jeden Russen.
Und sobald sie erfahren hatten, daß wir morgen angreifen würden, und von den höchsten Stellen der Armee eine Bestätigung dessen gehört hatten, was sie so gern glaubten, da fühlten sich diese erschöpften, wankenden Leute getröstet und ermutigt.
XXXVI
Das Regiment des Fürsten Andrei gehörte zu den Reservetruppen, die bis ein Uhr hinter Semjonowskoje untätig in starkem Artilleriefeuer standen. Nach ein Uhr wurde das Regiment, das schon mehr als zweihundert Mann verloren hatte, nach einem zertretenen Haferfeld vorgezogen, in den Zwischenraum zwischen Semjonowskoje und der Hügelbatterie, auf welchem an diesem Tag Tausende von Menschen getötet wurden und auf den nach ein Uhr das verstärkte, konzentrierte Feuer mehrerer hundert feindlicher Geschütze gerichtet wurde.
Ohne sich von seinem Platz zu rühren und ohne einen einzigen Schuß zu tun, verlor das Regiment hier noch ein Drittel seiner Leute. Von vorn und namentlich von rechts her donnerten in dem Rauch, der sich gar nicht mehr zerteilte, die Kanonen, und aus diesem geheimnisvollen Rauchmeer, von dem das ganze Terrain nach dem Feind zu bedeckt war, flogen unaufhörlich mit schnellem Zischen Kanonenkugeln sowie mit langsamerem Pfeifen Granaten herüber. Manchmal, wie wenn den Truppen eine Erholung gegönnt werden sollte, verging eine Viertelstunde, innerhalb deren alle Kanonenkugeln und Granaten über sie hinwegflogen; aber manchmal wurden in einer einzigen Minute eine Menge Leute aus dem Regiment getroffen und ohne Unterbrechung Tote weggeschleppt und Verwundete wegtransportiert.
Mit jeder neuen Kugel, welche traf, wurde für diejenigen, die noch nicht getötet waren, die Wahrscheinlichkeit, daß sie am Leben bleiben würden, immer geringer. Das Regiment stand in Bataillonskolonnen mit Abständen von dreihundert Schritten; aber trotz dieser Abstände befanden sich alle Soldaten dauernd unter der Einwirkung einer und derselben Stimmung. Alle Leute des Regiments waren gleichmäßig schweigsam und finster. Nur selten war in den Reihen ein Gespräch zu hören, und ein solches Gespräch verstummte jedesmal, wenn das Getöse einer einschlagenden Kanonenkugel und der Ruf: »Tragbahren!« erschollen. Die meiste Zeit über saßen die Soldaten des Regiments nach dem Befehl der Offiziere auf der Erde. Der eine hatte seinen Tschako abgenommen, nahm sorgsam das gefaltete Futter auseinander und legte es ebenso sorgsam wieder zusammen; ein anderer zerrieb trockenen Lehm in den Händen zu Pulver und putzte damit sein Bajonett; ein anderer machte sein Lederzeug geschmeidig und zog die Schnalle des Bandeliers fester; ein anderer brachte seine Fußlappen sorgfältig in Ordnung, indem er sie neu umwickelte, und zog sich die Stiefel wieder an. Manche bauten Häuschen aus den Erdschollen des Ackers oder machten kleine Geflechte aus Strohhalmen. Alle schienen in diese Beschäftigungen ganz vertieft zu sein. Wenn Kameraden verwundet oder getötet wurden, wenn eine Reihe von Tragbahren vorbeikam, wenn die Unsrigen von einem Vorstoß zurückkehrten, wenn durch den Rauch hindurch große Massen von Feinden sichtbar wurden, dann schenkte niemand diesen Vorgängen irgendwelche Beachtung. Wenn dagegen unsere Artillerie oder Kavallerie vorging oder ein Vorrücken unserer Infanterie zu bemerken war, dann hörte man von allen Seiten beifällige Bemerkungen. Die größte Aufmerksamkeit erregten aber ganz nebensächliche Ereignisse, die auf die Schlacht gar keinen Bezug hatten. Es war, als ob der Geist dieser seelisch gemarterten Menschen in der Aufmerksamkeit auf diese gewöhnlichen alltäglichen Ereignisse eine gewisse Erholung fände. Eine Batterie fuhr vor der Front des Regiments vorbei, und vor einem Munitionswagen trat das Seitenpferd über den Strang. »He! He! Das Seitenpferd …! Bringt es doch in Ordnung! Es fällt sonst noch … Ach, sie sehen es nicht …!« riefen im ganzen Regiment die Soldaten zugleich aus den Reihen. Ein andermal zog ein kleines braunes Hündchen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, das Gott weiß woher gekommen sein mochte und nun mit steif erhobenem Schwanz vor der Front umhertrabte, plötzlich aber, als eine Kanonenkugel in der Nähe einschlug, aufwinselte, den Schwanz einkniff und nach der Seite fortstürzte. Lautes Lachen und vergnügtes Kreischen erscholl durch das ganze Regiment. Indessen dauerten derartige Zerstreuungen immer nur einen Augenblick; die Leute aber warteten nun schon mehr als acht Stunden ohne Nahrung und ohne Beschäftigung, unaufhörlich vom Tod bedroht, und die blassen, finsteren Gesichter wurden immer blasser und finsterer.
Fürst Andrei, der ebenso finster und blaß aussah wie alle Soldaten seines Regiments, ging, die Hände auf den Rücken gelegt, mit gesenktem Kopf auf einer Wiese neben dem Haferfeld von einem Rain zum andern auf und ab. Zu tun und zu befehlen hatte er nichts. Alles machte sich von selbst. Die Getöteten wurden hinter die Front geschleppt, die Verwundeten fortgetragen, die Reihen schlossen sich wieder zusammen. Wenn Soldaten austraten, so kamen sie sogleich eilig wieder zurück. Anfangs war Fürst Andrei, da er es für seine Pflicht hielt, den Mut der Mannschaft zu beleben und ihnen ein gutes Beispiel zu geben, in den Reihen hin und her gegangen; aber er hatte sich bald überzeugt, daß die Soldaten keiner Belehrung und Mahnung von seiner Seite bedurften. Alle Kräfte seiner Seele waren, wie bei jedem Soldaten, unbewußt darauf gerichtet, die Gedankentätigkeit von der schrecklichen Lage, in der sie sich befanden, abzulenken. Bald schleppte er beim Hin- und Herwandern auf der Wiese mit den Füßen, machte das Gras strubblig und betrachtete den Staub, der seine Stiefel bedeckte; bald ging er mit großen Schritten und versuchte in die Fußtapfen zu treten, die die Mäher auf der Wiese hinterlassen hatten; bald zählte er seine Schritte und stellte Berechnungen darüber an, wie oft er von einem Rain bis zum andern gehen müsse, um eine Werst zurückzulegen; bald streifte er von den am Rain wachsenden Wermutstauden die Blüten ab, zerrieb sie in den Händen und sog ihren kräftigen, aromatisch bitteren Duft mit der Nase ein. Von der ganzen gestrigen Gedankenarbeit war nichts zurückgeblieben. Er dachte an nichts. Mit müdem Ohr horchte er immer auf dieselben beiden verschiedenen Töne, das Pfeifen der fliegenden Geschosse und das Donnern der Schüsse, betrachtete die ihm schon langweilig gewordenen Gesichter der Mannschaft des ersten Bataillons und wartete. »Da ist eine … die kommt wieder zu uns!« dachte er, während er auf das sich nähernde Pfeifen eines Dinges horchte, das aus der undurchdringlichen Rauchregion herüberkam. »Eine, eine zweite! Noch eine! Hat sie getroffen …?« Er blieb stehen und blickte über die Reihen hin. »Nein, sie ist darüberhin geflogen. Aber diese hier hat getroffen.« Er nahm seine Wanderung wieder auf und bemühte sich, große Schritte zu machen, um mit sechzehn Schritten bis zu dem Rain zu gelangen.
Ein Pfeifen und ein Schlag! Fünf Schritte von ihm entfernt hatte eine Kanonenkugel die trockene Erde aufgewühlt und war darin verschwunden. Ein kalter Schauder lief ihm unwillkürlich über den Rücken. Er blickte wieder über die Reihen hin. Wahrscheinlich hatte die Kugel viele niedergerissen; beim zweiten Bataillon hatten sich die Soldaten zu einem großen Haufen zusammengedrängt.
»Herr Adjutant!« rief er. »Verbieten Sie den Leuten, sich so zusammenzudrängen.«
Der Adjutant erfüllte seinen Auftrag und trat dann zum Fürsten Andrei heran. Von der andern Seite kam der Bataillonskommandeur herbeigeritten.
»Vorgesehen!« erscholl der ängstliche Ruf eines Soldaten, und wie ein Vögelchen, das in schnellem Flug pfeift und zwitschert und sich dann auf die Erde setzt, klatschte zwei Schritte vom Fürsten Andrei entfernt neben dem Pferd des Bataillonskommandeurs mit nur mäßigem Geräusch eine Granate nieder. Als erstes äußerte das Pferd seine Empfindungen: ohne danach zu fragen, ob es passend oder unpassend sei, seine Furcht zu zeigen, schnaubte es, bäumte sich, so daß es den Major beinah abgeworfen hätte, und jagte nach der Seite davon. Der Schrecken des Pferdes teilte sich auch den Menschen mit.
»Hinlegen!« rief der Adjutant und warf sich auf die Erde.
Fürst Andrei blieb unschlüssig stehen. Die Granate drehte sich wie ein Kreisel rauchend zwischen ihm und dem am Boden liegenden Adjutanten an der Scheidegrenze des Ackers und der Wiese neben einem Wermutstrauch.
»Ist das wirklich der Tod?« dachte Fürst Andrei. Mit einem ganz neuen Gefühl des Neides blickte er nach den vom Tod nicht bedrohten Grasbüscheln und Wermutstauden und beobachtete das Rauchstreifchen, das aus dem sich drehenden schwarzen Ball sich herausschlängelte. »Ich kann nicht sterben, ich will nicht sterben, ich liebe das Leben, ich liebe dieses Gras, die Erde, die Luft …« So dachte er, und zugleich fiel ihm ein, daß viele Blicke auf ihn gerichtet waren.
»Schämen Sie sich, Herr Adjutant!« sagte er. »Was für ein …«
Er sprach nicht zu Ende. In demselben Augenblick ertönte eine Explosion, ein Klirren und Pfeifen von Splittern, wie wenn ein Fensterrahmen zerbräche, ein betäubender Pulverqualm verbreitete sich, Fürst Andrei wurde zur Seite geschleudert und fiel, den einen Arm in die Höhe hebend, auf die Brust.
Einige Offiziere liefen zu ihm hin. Aus der rechten Seite des Unterleibes strömte Blut und breitete sich auf dem Gras zu einem großen Fleck aus. Die herbeigerufenen Landwehrmänner blieben mit ihrer Tragbahre hinter den Offizieren stehen. Fürst Andrei lag auf der Brust; sein Gesicht war in das Gras gesunken; er atmete schwer und röchelnd.
»Nun, was steht ihr? Kommt heran!«
Die Bauern traten hinzu und faßten ihn an den Schultern und Beinen; aber er begann kläglich zu stöhnen, und nachdem sie einen Blick miteinander gewechselt hatten, ließen sie ihn wieder zurücksinken.
»Faßt an, legt ihn darauf; das hilft nichts!« rief eine Stimme.
Sie faßten ihn zum zweitenmal an und legten ihn auf die Tragbahre.
»O Gott, o Gott! Das ist ja entsetzlich … Der ganze Unterleib! Da ist’s aus! O Gott!« äußerte dieser und jener von den Offizieren.
»Ein Haarbreit an meinem Ohr summte sie vorbei«, sagte der Adjutant.
Die Bauern rückten die Tragbahre auf ihren Schultern zurecht und setzten sich auf dem von ihnen ausgetretenen Steig eilig nach dem Verbandsplatz in Bewegung.
»Geht doch im Tritt …! He …! Ihr Bauernvolk!« rief ein Offizier, packte die Bauern, die ungleich gingen und die Bahre dadurch erschütterten, an den Schultern und brachte sie so wieder zum Stehen.
»Fjodor, halte Tritt, paß auf, Fjodor!« sagte der Vordermann.
»Ja, ja, so! So ist’s gut!« antwortete vergnügt der Hintermann, nachdem er in Tritt gekommen war.
»Euer Durchlaucht … Was ist Ihnen, Fürst?« sagte der herbeigeeilte Timochin mit zitternder Stimme und blickte auf die Tragbahre.
Fürst Andrei schlug die Augen auf und schaute aus der Tragbahre heraus, in die sein Kopf tief hineingesunken war, nach dem Redenden hin, ließ dann aber die Lider wieder sinken.
Die Landwehrleute trugen den Fürsten Andrei nach dem Wald, wo die Fuhrwerke standen und der Verbandsplatz eingerichtet war. Der Verbandsplatz bestand aus drei am Rand des Birkenwaldes aufgeschlagenen Zelten, mit zurückgeklappten Vorderwänden. In dem Birkenwald standen die Fuhrwerke und Pferde. Die Pferde fraßen Hafer aus ihren Futterbeuteln; eine Menge von Sperlingen hatte sich bei ihnen eingefunden und suchte am Boden die verschütteten Körner auf. Krähen, die das Blut witterten, flatterten ungeduldig krächzend auf den Birken umher. Um die Zelte herum, auf einem Raum von mehr als zwei Deßjatinen, lagen, saßen und standen blutbefleckte Menschen in mannigfaltigen Uniformen. Rings um die Verwundeten standen mit traurigen Mienen in gespannter Aufmerksamkeit Scharen von Landwehrleuten, welche die Tragbahren hergebracht hatten; vergeblich versuchten die Offiziere, die hier auf Ordnung zu halten hatten, sie von diesem Ort wegzujagen. Ohne auf die Offiziere zu hören, blieben sie, auf die Tragbahren gestützt, stehen und blickten unverwandt, als ob sie sich über den schwerverständlichen Sinn dieses Schauspiels klarzuwerden suchten, nach dem hin, was da vor ihren Augen vorging. Aus den Zelten hörte man bald lautes, grimmiges Schreien, bald klägliches Stöhnen. Ab und zu kamen Heilgehilfen von dort herausgelaufen, um Wasser zu holen, und bezeichneten dann auch diejenigen, die hereingetragen werden sollten. Die Verwundeten, die bei den Zelten darauf warteten, daß sie an die Reihe kämen, röchelten, stöhnten, weinten, schrien, schimpften und baten um Branntwein. Manche redeten irre. Den Fürsten Andrei, als einen Regimentskommandeur, trugen die Landwehrleute, durch die noch unverbundenen Verwundeten hinschreitend, näher an eines der Zelte heran und blieben, in Erwartung weiterer Weisungen, dort stehen. Fürst Andrei öffnete die Augen und konnte lange Zeit nicht begreifen, was um ihn herum vorging. Die Wiese, der Wermutstrauch, der Acker, der schwarze, sich drehende Ball und sein leidenschaftlicher Ausbruch von Liebe zum Leben kamen ihm ins Gedächtnis. Zwei Schritte von ihm stand, laut redend und dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehend, auf einen Ast gestützt, mit verbundenem Kopf ein großgewachsener, schöner, schwarzhaariger Unteroffizier. Er hatte Schußwunden im Kopf und im Bein. Um ihn hatte sich, begierig seinen Worten lauschend, ein Haufe von Verwundeten und Trägern versammelt.
»Als wir sie von da wegjagten«, rief der Soldat, indem er rings um sich blickte, wobei seine schwarzen, funkelnden Augen nur so blitzten, »da haben sie alles hingeschmissen, und ihren König selbst haben wir gefangengenommen. Wenn bloß da gerade die Reserven gekommen wären, dann wäre von den Feinden auch nicht so viel übriggeblieben, Jungens, das kann ich euch bestimmt sagen …«
Wie alle, die den Erzähler umgaben, sah auch Fürst Andrei ihn mit leuchtenden Augen an und fühlte, daß eine tröstliche Empfindung sich in ihm regte. »Aber ist denn nicht jetzt alles gleich?« dachte er. »Wie wird es dort sein, und was hat mir das Leben hier geboten? Warum tat es mir so leid, vom Leben scheiden zu müssen? Es war in diesem Leben etwas, das ich nicht verstand und auch jetzt noch nicht verstehe.«
XXXVII
Einer der Ärzte, dessen Schürze und kleine Hände mit Blut befleckt waren, und der in der einen Hand zwischen dem kleinen Finger und dem Daumen, um sie nicht schmutzig zu machen, eine Zigarre hielt, trat aus dem Zelt heraus. Er hob den Kopf in die Höhe und blickte nach den Seiten hin, aber über die Verwundeten hinweg. Offenbar wollte er sich einen Augenblick erholen. Nachdem er eine Zeitlang den Kopf nach rechts und nach links gedreht hatte, seufzte er und senkte die Augen.
»Ja, ja, gleich«, erwiderte er auf die Frage eines Heilgehilfen, der ihn auf den Fürsten Andrei aufmerksam machte, und ordnete an, daß er in das Zelt gebracht werden sollte.
In der Schar der wartenden Verwundeten erhob sich ein Murren.
»Na ja, auch in jener Welt werden die vornehmen Herren gewiß den Vorzug haben«, sagte einer.
Fürst Andrei wurde hereingetragen und auf einen soeben erst freigewordenen Tisch gelegt, von dem der Heilgehilfe noch irgend etwas abspülte. Fürst Andrei konnte nicht im einzelnen unterscheiden, was im Zelt vorhanden war. Darauf zu achten, machte ihm das klägliche Stöhnen, das von verschiedenen Seiten ertönte, sowie der qualvolle Schmerz in seiner Hüfte, seinem Unterleib und seinem Rücken unmöglich. Alles, was er um sich sah, floß für ihn in das eine Gesamtbild nackter, blutiger Menschenkörper zusammen, die das ganze niedrige Zelt auszufüllen schienen, geradeso wie einige Wochen vorher an jenem heißen Augusttag ebensolche Körper den schmutzigen Teich an der Smolensker Landstraße ausgefüllt hatten. Ja, das war dasselbe Menschenfleisch, jenes Kanonenfutter, chair à canon, dessen Anblick ihn schon damals, wie eine Vorbedeutung auf dieses jetzige Schauspiel, hatte zusammenschaudern lassen.
In dem Zelt befanden sich drei Tische. Zwei von ihnen waren besetzt; auf den dritten wurde Fürst Andrei gelegt. Eine Weile ließ man ihn allein, und unwillkürlich blickte er nach dem hin, was auf den beiden anderen Tischen geschah. Auf dem nächststehenden Tisch saß ein Tatar, wahrscheinlich ein Kosak, nach der Uniform zu urteilen, die neben dem Tisch auf den Boden geworfen war. Vier Soldaten hielten ihn fest. Ein Arzt mit einer Brille schnitt etwas an seinem braunen, muskulösen Rücken.
»Uch, uch, uch …!« grunzte der Tatar; plötzlich aber hob er sein dunkles Gesicht mit den breiten Backenknochen und der aufgestülpten Nase in die Höhe, fletschte die weißen Zähne, suchte heftig zuckend sich loszureißen und stieß ein durchdringendes, langgezogenes Winseln aus.
Auf dem andern Tisch, um den sich viele Menschen drängten, lag ein großer, wohlgenährter Mann mit zurückgeworfenem Kopf auf dem Rücken; sein lockiges Haar, die Farbe desselben und die Form seines Kopfes kamen dem Fürsten Andrei seltsam bekannt vor. Mehrere Heilgehilfen lehnten sich diesem Mann auf die Brust und hielten ihn fest. Sein eines weißes, großes, fleischiges Bein zuckte unaufhörlich fieberhaft zitternd in schnellen Bewegungen. Er schluchzte und schluckte krampfhaft. Zwei Ärzte, von denen der eine blaß war und zitterte, nahmen mit dem andern, rot aussehenden Bein dieses Menschen schweigend etwas vor. Als der bebrillte Arzt mit dem Tataren fertig war, dem dann ein Mantel übergeworfen wurde, wischte er sich die Hände ab und trat zum Fürsten Andrei.
Er blickte dem Fürsten Andrei forschend ins Gesicht und wandte sich eilig ab.
»Entkleiden! Was steht ihr da?« rief er den Heilgehilfen ärgerlich zu.
Die allererste, fernste Kindheit kam dem Fürsten Andrei ins Gedächtnis, als der Heilgehilfe mit aufgestreiften Ärmeln ihm eilig die Knöpfe aufmachte und ihm die Kleider abzog. Der Arzt beugte sich tief über die Wunde, sondierte sie und seufzte schwer. Dann gab er jemandem ein Zeichen, und ein qualvoller Schmerz im Innern des Leibes raubte dem Fürsten Andrei das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, waren die zerschmetterten Knochen aus der Hüfte herausgenommen, die Fleischfetzen abgeschnitten und die Wunde verbunden. Man spritzte ihm Wasser ins Gesicht. Sobald Fürst Andrei die Augen aufschlug, beugte sich der Arzt über ihn, küßte ihn schweigend auf die Lippen und trat eilig von ihm weg.
Nach dem überstandenen Leiden durchströmte den Fürsten Andrei ein Wonnegefühl, wie er es schon seit langer Zeit nicht mehr empfunden hatte. Die schönsten, glücklichsten Augenblicke seines Lebens, namentlich aus der fernsten Kindheit, wenn man ihn ausgezogen und in sein Bettchen gelegt hatte und die Wärterin ihn in Schlaf sang und er, den Kopf in die Kissen vergrabend, sich in dem bloßen Bewußtsein des Lebens glücklich fühlte, diese Augenblicke boten sich seinem geistigen Blick dar, und zwar nicht wie etwas Vergangenes, sondern wie Wirklichkeit.
Um jenen Verwundeten, dessen Kopfumrisse dem Fürsten Andrei so bekannt vorgekommen waren, waren die Ärzte eifrig beschäftigt; sie hoben ihn auf und redeten ihm beruhigend zu.
»Zeigen Sie mir … Oooooh! oh! Oooooh!« erscholl sein von Schluchzen unterbrochenes, angstvolles Stöhnen, dem man es anhörte, daß er vom Schmerz überwältigt war.
Als Fürst Andrei dieses Stöhnen hörte, hätte er am liebsten losgeweint. Ob nun, weil er im Begriff war eines ruhmlosen Todes zu sterben, oder deshalb, weil es ihm ein Schmerz war, vom Leben scheiden zu müssen, oder infolge dieser Erinnerungen an seine unwiederbringliche Kindheit, oder deshalb, weil er litt und andere Menschen litten und dieser Mensch so kläglich neben ihm stöhnte: genug, es drängte ihn, kindliche, gutherzige, beinahe freudige Tränen zu vergießen.
Man zeigte dem Verwundeten sein abgeschnittenes Bein, das noch mit dem Stiefel bekleidet und von geronnenem Blut bedeckt war.
»Oh! Oooooh!« schluchzte er wie ein Weib.
Der Arzt, der vor dem Verwundeten gestanden und dem Fürsten Andrei dessen Gesicht verdeckt hatte, trat zur Seite.
»Mein Gott! Was ist das? Wie kommt der hierher?« fragte sich Fürst Andrei.
In dem unglücklichen, schluchzenden, kraftlosen Menschen, dem soeben das Bein amputiert worden war, hatte er Anatol Kuragin erkannt. Die Heilgehilfen umfingen diesen stützend mit den Armen, und einer hielt ihm ein Glas Wasser hin, dessen Rand Anatol aber mit seinen zitternden, geschwollenen Lippen nicht fassen konnte. Anatol schluchzte heftig. »Ja, das ist er; ja, dieser Mensch steht in irgendeiner nahen, schmerzlichen Beziehung zu mir«, dachte Fürst Andrei, der das, was er vor sich hatte, noch nicht klar begriff. »Worin besteht die Verbindung dieses Menschen mit meiner Kindheit, mit meinem Leben?« fragte er sich, fand aber keine Antwort darauf. Plötzlich jedoch trat eine neue, unerwartete Erinnerung aus einer reinen, lieblichen, kindlichen Welt dem Fürsten Andrei vor die Seele. Er erinnerte sich an Natascha in der Gestalt, wie er sie zum erstenmal auf dem Ball im Jahre 1810 gesehen hatte, mit dem dünnen Hals, den schmächtigen Armen, mit dem zur Freude und zum Entzücken bereiten, ängstlichen, glücklichen Gesicht, und eine zärtliche Liebe zu ihr erwachte noch lebendiger und stärker als je zuvor in seiner Seele. Jetzt fiel ihm auch die Verbindung ein, die zwischen ihm und diesem Menschen bestand, der durch die Tränen hindurch, die seine verschwollenen Augen anfüllten, ihn trüb anblickte. Fürst Andrei erinnerte sich an alles, und sein glückliches Herz wurde von aufrichtigem Mitleid, von herzlicher Liebe zu diesem Menschen erfüllt.
Er konnte sich nicht mehr halten und vergoß milde, liebevolle Tränen über die Menschen, über sich selbst und über ihre und seine Verirrungen.
»Mitleid, Liebe zu unsern Brüdern, zu denen, die uns lieben; Liebe zu denen, die uns hassen, Liebe zu unsern Feinden; ja, jene Liebe, die Gott auf Erden gepredigt hat, jene Liebe, die mich Prinzessin Marja lehren wollte und die ich nicht verstand: das ist’s, weswegen es mir leid tat, aus dem Leben scheiden zu müssen; das ist das, was ich noch zu tun vor mir hatte, wenn ich am Leben geblieben wäre. Aber jetzt ist es zu spät. Das weiß ich!«
XXXVIII
Der furchtbare Anblick des mit Leichen und Verwundeten bedeckten Schlachtfeldes (im Verein mit der drückenden Benommenheit seines Kopfes und mit der Nachricht, daß zwanzig seiner besten Generale gefallen oder verwundet seien, und mit dem Bewußtsein der Kraftlosigkeit seines früher so starken Armes) hatte eine unerwartete Wirkung auf Napoleon hervorgebracht, der es gewöhnlich liebte, die Getöteten und Verwundeten zu betrachten, weil er dabei seiner Meinung nach seine Geistesstärke erprobte. An diesem Tag jedoch war jene Geistesstärke, die er an sich als einen besonderen Vorzug und als einen Beweis seiner Größe betrachtete, von dem entsetzlichen Anblick des Schlachtfeldes überwältigt worden. Er war eilig vom Schlachtfeld wieder weggeritten und nach dem Hügel von Schewardino zurückgekehrt. Mit gelbem, verschwollenem Gesicht, trüben Augen, geröteter Nase und heiserer Stimme saß er schwerfällig auf seinem Feldstuhl und horchte unwillkürlich, ohne die Augen zu erheben, auf die Töne des Geschützfeuers. In peinlicher Unruhe wartete er auf das Ende jenes Werkes, bei dem er sich für einen Mitwirkenden hielt, das er aber nicht imstande war aufzuhalten. Ein persönliches menschliches Gefühl gewann bei ihm für einen kurzen Augenblick die Oberhand über jenes künstliche Phantom des Lebens, dem er so lange gedient hatte. Er übertrug die Leiden und den Tod, die er auf dem Schlachtfeld gesehen hatte, in Gedanken auf sich selbst. Der schwere Druck, den er im Kopf und in der Brust empfand, erinnerte ihn an die Möglichkeit, daß Leiden und Tod auch ihn treffen könnten. Was er in diesem Augenblick für sich begehrte, das war nicht Moskau, nicht Sieg, nicht Ruhm (was brauchte er noch Ruhm!). Das einzige, was er jetzt begehrte, war Erholung, Ruhe und Freiheit.
Als er vorhin auf der Höhe von Semjonowskoje war, hatte ihm der Kommandeur der Artillerie vorgeschlagen, einige Batterien auf diesen Höhen aufzustellen, um das Feuer auf die bei Knjaskowo dichtgedrängt stehenden russischen Truppen zu verstärken. Napoleon hatte seine Zustimmung gegeben und befohlen, es solle ihm berichtet werden, welche Wirkung diese Batterien ausübten. Nun kam ein Adjutant herbeigeritten, um zu melden, daß dem Befehl des Kaisers gemäß zweihundert Geschütze auf die Russen gerichtet seien, die Russen aber trotzdem unverändert standhielten.
»Unser Feuer reißt sie reihenweis nieder; aber sie halten dennoch stand«, meldete der Adjutant.
»Sie wollen noch mehr davon!« erwiderte Napoleon heiser.
»Sire?« fragte der Adjutant, der nicht deutlich verstanden hatte.
»Sie wollen noch mehr davon«, wiederholte Napoleon stirnrunzelnd mit rauher, zischender Stimme. »Lassen Sie es ihnen verabfolgen.«
Auch ohne seinen Befehl hätte sich das vollzogen, was in Wirklichkeit gar nicht ein Produkt seines Willens war und was er nur anordnete, weil er meinte, daß man von ihm Befehle erwarte. Und nun versetzte er sich wieder in seine künstliche Welt mit dem Phantom von Größe und begann wieder (wie das Pferd, das auf den schrägen Schaufeln der Tretmaschine geht, sich einbildet, etwas in seinem eigenen Interesse zu tun), gehorsam die grausame, traurige, schwere, unmenschliche Rolle zu spielen, zu der er prädestiniert war.
Und nicht allein in dieser Stunde und an diesem Tag waren der Geist und das Gewissen dieses Mannes verdunkelt, der schwerer als alle anderen bei diesem Werk Mitwirkenden an der Last dessen, was sich vollzog, zu tragen hatte; nein, niemals, bis an sein Lebensende nicht, hat er für das Gute, Schöne und Wahre und für die Bedeutung seiner eigenen Taten ein Verständnis besessen. Diese Taten standen eben in zu schroffem Widerspruch zum Guten und Wahren und waren zu weit von aller Menschlichkeit entfernt, als daß er ihre Bedeutung hätte verstehen können. Er konnte seine Taten nicht verleugnen, die von der halben Welt gepriesen wurden, und so mußte er denn das Wahre und Gute und alles Menschliche verleugnen.
Nicht nur an diesem Tag zählte er bei seinem Ritt über das mit Toten und Verstümmelten besäte Schlachtfeld, das er für sein Werk hielt, wieviel Russen auf einen Franzosen kamen, und fand in seltsamer Selbsttäuschung Anlaß sich zu freuen, weil auf einen Franzosen fünf Russen kamen; nicht nur an diesem Tag schrieb er in einem Brief nach Paris: »Das Schlachtfeld war herrlich«, weil auf ihm fünfzigtausend Leichen lagen. Sondern auch auf der Insel St. Helena, in der Stille der Einsamkeit, wo er, wie er sagte, seine Muße der Darstellung seiner großen Taten zu widmen beabsichtigte, schrieb er folgendes:
»Der Krieg gegen Rußland hätte verdient, der populärste aller Kriege der Neuzeit zu sein: es war ein Krieg, der für die gesunde Vernunft und die wahren Lebensinteressen, für die Ruhe und Sicherheit aller geführt wurde; sein Zweck war ein rein friedlicher, konservativer.
Es handelte sich um ein großes Ziel: das Ende aller Wagestücke und den Beginn der Sicherheit. Ein neuer Horizont, neue Aufgaben waren im Begriff sich zu erschließen, die lediglich auf das Glück und Wohlergehen aller gerichtet waren. Das europäische System war gegründet; es kam nur noch darauf an, es zu organisieren.
Sobald ich in betreff dieser wichtigen Punkte befriedigt und nach allen Seiten hin gesichert gewesen wäre, hätte auch ich meinen Kongreß und meine heilige Allianz gehabt. Es sind dies Ideen, die man mir gestohlen hat. In dieser Vereinigung großer Herrscher hätten wir unsere Interessen wie Mitglieder einer einzigen Familie besprochen und den Völkern über unsere gesamte Verwaltung Rechnung gelegt.
Auf diese Weise wäre Europa in kurzer Zeit tatsächlich nur ein einziges Volk gewesen, und jedermann hätte sich, mochte er reisen, wohin er wollte, immer in dem gemeinsamen Vaterland befunden. Ich hätte verlangt, daß das Recht der Schiffahrt auf den Flüssen einem jeden zustehe, die Meere Gemeinbesitz seien und die großen stehenden Heere künftig auf eine bloße Leibwache der Herrscher reduziert würden.
Sobald ich nach Frankreich, in den Schoß des großen, starken, herrlichen, gesicherten, ruhmvollen Vaterlandes, zurückgekehrt gewesen wäre, hätte ich eine Proklamation erlassen, des Inhalts: seine Grenzen sollten unveränderlich sein, jeder künftige Krieg einen lediglich defensiven Charakter tragen und jede weitere Vergrößerung als antinational betrachtet werden. Ich hätte meinem Sohn einen Anteil an der Herrschaft gegeben; meine Diktatur wäre zu Ende gewesen, und seine konstitutionelle Regierung hätte begonnen.
Paris wäre die Hauptstadt der Welt geworden und die Franzosen für alle Nationen ein Gegenstand des Neides!
Meine Mußestunden und meine alten Tage hätte ich dann in Gemeinschaft mit der Kaiserin während der Regierungslehrzeit meines Sohnes dazu benutzt, gemächlich wie ein richtiges Paar Landedelleute im eigenen Wagen alle Winkel des Reiches zu besuchen, Beschwerden entgegenzunehmen, Ungerechtigkeiten zu beseitigen und überall und an allen Orten großartige Gebäude zu errichten und Wohltaten auszustreuen.«
Er, den die Vorsehung zu der traurigen, unfreien Rolle eines Henkers der Völker prädestiniert hatte, bildete sich ein, das Ziel seiner Handlungen sei das Wohl der Völker gewesen, und er hätte das Schicksal vieler Millionen leiten und ihnen durch seine Herrschaft Wohltaten erweisen können!
»Von den vierhunderttausend Mann, die die Weichsel überschritten«, schreibt er weiter über den russischen Krieg, »waren die Hälfte Österreicher, Preußen, Sachsen, Polen, Bayern, Württemberger, Mecklenburger, Spanier, Italiener, Neapolitaner. Die kaiserliche Armee im engeren Sinn bestand zu einem Drittel aus Holländern, Belgiern, Bewohnern der Rheinufer, Piemontesen, Schweizern, Genfern, Toskanern, Römern, Bewohnern der zweiunddreißigsten Militärdivision, Bremens, Hamburgs usw.; sie zählte kaum hundertvierzigtausend Mann französischer Zunge. Der russische Feldzug hat dem eigentlichen Frankreich nicht fünfzigtausend Mann gekostet. Die russische Armee hat auf dem Rückzug von Wilna nach Moskau und in den verschiedenen Schlachten viermal soviel verloren als die französische Armee; der Brand von Moskau hat hunderttausend Russen das Leben gekostet, die in den Wäldern vor Kälte und Entbehrungen gestorben sind; und endlich hat die russische Armee auf ihrem Marsch von Moskau bis zur Oder ebenfalls an den Unbilden der Jahreszeit zu leiden gehabt; bei ihrer Ankunft in Wilna zählte sie nur noch fünfzigtausend Mann und in Kalisch kaum noch achtzehntausend.«
Er bildete sich ein, der Krieg mit Rußland habe nach seinem Willen stattgefunden; aber kein Schrecken über das, was sich da vollzogen hatte, erschütterte seine Seele. Kühn nahm er die ganze Verantwortung für dieses Geschehnis auf sich, und sein verdunkelter Geist erblickte eine Entschuldigung in dem Umstand, daß sich unter den Hunderttausenden umgekommener Menschen weniger Franzosen als Hessen und Bayern befunden hatten.

