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Neunter Teil
I
Zu Ende des Jahres 1811 hatte die Verstärkung der Rüstung und die Zusammenziehung der Streitkräfte des westlichen Europas begonnen, und im Jahre 1812 rückten nun diese Streitkräfte, Millionen von Menschen (wenn man diejenigen mitzählt, die mit dem Transport und der Verpflegung der Armee zu tun hatten), von Westen nach Osten an die Grenzen Rußlands, wo genau ebenso seit dem Jahr 1811 die Streitkräfte Rußlands zusammengezogen waren. Am 12. Juni überschritten die Truppen Westeuropas die Grenzen Rußlands, und der Krieg begann, d.h. es vollzog sich ein der menschlichen Vernunft und der ganzen menschlichen Natur zuwiderlaufendes Ereignis. Millionen von Menschen verübten gegeneinander eine so zahllose Menge von Übeltaten, Betrug, Verrat, Diebstahl, Fälschung von Banknoten und Verteilung der gefälschten, Raub, Brandstiftung und Mord, wie sie die Chronik aller Gerichte der Welt während ganzer Jahrhunderte nicht zusammenstellt; und dabei betrachteten in dieser Zeitperiode die Menschen, die diese Taten verübten, sie gar nicht als Verbrechen.
Wodurch wurde dieses außerordentliche Ereignis herbeigeführt? Welches waren seine Ursachen? Die Historiker sagen mit naiver Zuversichtlichkeit, die Ursachen dieses Ereignisses seien gewesen: das dem Herzog von Oldenburg zugefügte Unrecht, die Verletzung des Kontinentalsystems, die Herrschsucht Napoleons, die Charakterfestigkeit Alexanders, die Fehler der Diplomaten usw.
Somit hätten nur Metternich, Rumjanzew oder Talleyrand zwischen der Cour und dem Rout sich mehr Mühe zu geben und ihre Noten kunstvoller zu redigieren brauchen oder Napoleon hätte nur an Alexander zu schreiben brauchen: »Mein Herr Bruder, ich erkläre mich bereit, dem Herzog von Oldenburg das Herzogtum zurückzugeben« – dann wäre es nicht zum Krieg gekommen.
Es ist begreiflich, daß die Zeitgenossen die Sache so auffaßten. Es ist begreiflich, daß Napoleon meinte, die Ursache des Krieges liege in den Intrigen Englands (wie er das noch auf der Insel St. Helena ausgesprochen hat). Es ist begreiflich, daß die Mitglieder des englischen Parlaments der Ansicht waren, die Ursache des Krieges sei Napoleons Herrschsucht; daß der Herzog von Oldenburg als die Ursache des Krieges die gegen ihn verübte Gewalttat betrachtete; daß die Kaufleute glaubten, die Ursache des Krieges sei das Kontinentalsystem, durch das Europa zugrunde gerichtet werde; daß die alten Soldaten und Generale die Hauptursache des Krieges in der Notwendigkeit suchten, sie wieder einmal zum Kampf zu verwenden, und die Legitimisten in der Notwendigkeit, les bons principes wiederherzustellen; daß die Diplomaten überzeugt waren, alles sei davon hergekommen, daß das Bündnis zwischen Rußland und Österreich im Jahre 1809 vor Napoleon nicht kunstvoll genug verheimlicht worden und das Memorandum Nr. 178 ungeschickt redigiert gewesen sei. Es ist begreiflich, daß diese und noch zahllose andere Dinge, deren Menge durch die unendliche Mannigfaltigkeit der Gesichtspunkte bedingt ist, den Zeitgenossen als Ursachen des Krieges erschienen; aber wir Nachkommen, die wir die gewaltige Größe des stattgefundenen Ereignisses in ihrem ganzen Umfang zu überblicken und die wahre, furchtbare Bedeutung dieses Ereignisses zu würdigen vermögen, wir müssen diese Ursachen für unzulänglich erachten. Für uns ist es unbegreiflich, daß Millionen von Christenmenschen einander deswegen gequält und getötet haben sollten, weil Napoleon herrschsüchtig, Alexander charakterfest, die englische Politik hinterlistig gewesen und der Herzog von Oldenburg seines Eigentums beraubt worden sei. Wir können nicht begreifen, welchen Kausalzusammenhang diese Umstände mit der Tatsache des Mordens und Vergewaltigens haben könnten, wie es zugegangen sein soll, daß infolge der Beraubung eines Herzogs Tausende von Menschen von dem einen Ende Europas die Menschen in den Gouvernements Smolensk und Moskau elend machten und töteten oder von ihnen getötet wurden.
Uns Nachkommen, die wir keine Historiker sind und uns durch die Forschertätigkeit nicht hinreißen lassen und daher jenes Ereignis mit ungetrübtem, gesundem Sinn betrachten, bieten sich Ursachen desselben in unzähliger Menge dar. Je mehr wir uns in die Erforschung der Ursachen vertiefen, in um so größerer Zahl erschließen sie sich uns; nehmen wir eine jede Ursache oder auch eine ganze Reihe von Ursachen für sich besonders, so erscheinen sie uns gleich richtig an und für sich und gleich unrichtig im Hinblick auf ihre Geringfügigkeit gegenüber der Riesenhaftigkeit des Ereignisses und gleich unrichtig im Hinblick auf ihre Unfähigkeit, allein, ohne die Mitwirkung aller andern mit ihnen zusammenfallenden Ursachen, das stattgefundene Ereignis herbeizuführen. Als eine Ursache von gleichem Wert wie Napoleons Weigerung, seine Truppen hinter die Weichsel zurückzuziehen und das Herzogtum Oldenburg herauszugeben, erscheint uns der Wunsch oder die Abneigung des ersten besten französischen Korporals, von neuem in den Militärdienst zu treten; denn hätte er nicht eintreten mögen und ebensowenig ein zweiter und ein dritter und tausend andere Korporale und Soldaten, so wäre Napoleons Heer um so viele Krieger kleiner gewesen, und der Krieg wäre unmöglich gewesen.
Hätte sich Napoleon durch die Forderung, hinter die Weichsel zurückzuweichen, nicht verletzt gefühlt und seinen Truppen nicht den Befehl zum Vorrücken gegeben, so hätte der Krieg nicht stattgefunden; aber wenn alle Sergeanten abgeneigt gewesen wären, von neuem in den Dienst zu treten, so hätte der Krieg ebenfalls nicht stattfinden können. In gleicher Weise hätte es nicht zum Krieg kommen können, wenn England nicht intrigiert und es keinen Herzog von Oldenburg gegeben und Alexander sich nicht beleidigt gefühlt und Rußland keine autokratische Regierung gehabt hätte, und wenn nicht die Französische Revolution gewesen wäre und im Anschluß daran die Diktatur und das Kaiserreich und vorher alles, wodurch die Französische Revolution hervorgerufen wurde, usw., usw. Hätte eine einzige dieser Ursachen gefehlt, so hätte es zu nichts kommen können. Also haben alle diese Ursachen, Milliarden von Ursachen, zusammengewirkt, um das herbeizuführen, was geschehen ist. Und folglich war nichts die ausschließliche Ursache jenes Ereignisses; sondern jenes Ereignis mußte sich nur deswegen vollziehen, weil es sich eben vollziehen mußte. So mußten denn Millionen von Menschen, unter Verleugnung ihrer menschlichen Gefühle und ihrer Vernunft, von Westen nach Osten ziehen und ihresgleichen töten, genau ebenso wie einige Jahrhunderte zuvor Scharen von Menschen von Osten nach Westen gezogen waren und ihresgleichen getötet hatten.
Die Handlungen Napoleons und Alexanders, der beiden Herrscher, von deren Worten es anscheinend abhing, ob das Ereignis stattfinden sollte oder nicht, waren ebensowenig willkürlich wie die Handlung eines jeden Soldaten, der ins Feld zog, weil ihn das Los getroffen hatte oder er ausgehoben worden war. Das konnte nicht anders sein; denn damit der Wille Napoleons und Alexanders (der Männer, von denen das Ereignis anscheinend abhing) in Erfüllung ging, war das Zusammentreffen unzähliger Umstände notwendig, dergestalt, daß beim Fehlen eines dieser Umstände das Ereignis nicht hätte eintreten können. Es war notwendig, daß die Millionen von Menschen, in deren Händen die wirkliche materielle Kraft lag (d.h. die Soldaten, welche schossen oder den Proviant und die Kanonen transportierten), es war notwendig, daß sie sich bereitwillig zeigten, diesen Willen der beiden einzelnen, persönlich schwachen Männer zu erfüllen, und daß sie dazu durch eine zahllose Menge komplizierter, mannigfaltiger Ursachen veranlaßt wurden.
Der Fatalismus ist in der Geschichte zur Erklärung der unvernünftigen Erscheinungen unentbehrlich, d.h. zur Erklärung derjenigen Erscheinungen, deren Vernünftigkeit wir nicht begreifen. Je mehr wir uns bemühen, diese Erscheinungen in der Geschichte mit der Vernunft zu erklären, um so unvernünftiger, unbegreiflicher werden sie für uns.
Jeder Mensch lebt um seiner selbst willen, bedient sich seiner Willensfreiheit zur Erreichung seiner persönlichen Ziele und fühlt mit seinem ganzen Wesen, daß er diese oder jene Handlung im nächsten Augenblick tun oder lassen kann; aber sobald er sie tut, wird diese in einem bestimmten Zeitpunkt ausgeführte Handlung unabänderlich, wird ein Stück Eigentum der Geschichte, in der sie nicht die Bedeutung eines Resultates des freien Willens, sondern die Bedeutung eines vorherbestimmten Ereignisses hat.
Das Leben eines jeden Menschen hat zwei Seiten: ein persönliches Leben, welches um so freier ist, je abstrakter seine Interessen sind, und ein elementares Leben, ein Herdenleben, bei dem der Mensch unweigerlich die ihm vorgeschriebenen Gesetze erfüllt.
Der Mensch lebt mit Bewußtsein um seiner selbst willen; aber unbewußt dient er als Werkzeug zur Erreichung der historischen Ziele der ganzen Menschheit. Die vollendete Handlung ist unabänderlich, und ihre Wirkung, welche zeitlich mit den Wirkungen von Millionen Taten anderer Menschen zusammenfällt, erhält eine historische Bedeutung. Je höher der Mensch auf der sozialen Stufenleiter steht, mit je höhergestellten Menschen er Beziehungen hat, je mehr Macht er über andere Menschen besitzt, um so deutlicher ist zu erkennen, daß alle seine Handlungen vorausbestimmt und unvermeidbar sind.
»Das Herz des Königs ist in Gottes Hand.«1
Ein König ist ein Sklave der Geschichte.
Die Geschichte, d.h. das unbewußte, allgemeine Herdenleben der Menschheit, benutzt jeden Augenblick im Leben der Herrscher für sich als Werkzeug zur Erreichung ihrer Ziele.
Obgleich Napoleon im Jahre 1812 mehr als je der Ansicht war, daß es von ihm abhänge, ob er das Blut seiner Völker vergießen wolle oder nicht (wie Alexander in seinem letzten Brief an ihn schrieb), so war er doch nie in höherem Maß als damals jenen unübertretbaren Gesetzen unterworfen, die, während er nach freiem Willen zu handeln meinte, ihn zwangen, für die Allgemeinheit, für die Geschichte eben das zu tun, was sich vollziehen sollte.
Die Menschen des Westens bewegten sich nach Osten, um dort andere Menschen zu töten. Und nach dem Gesetz des Zusammenfallens der Ursachen schoben sich nun diesem Ereignis ganz von selbst Tausende kleiner Ursachen für diese Bewegung und für den Krieg als Stützen unter und trafen mit diesem Ereignis zusammen: die Vorwürfe wegen der Verletzung des Kontinentalsystems; und der Herzog von Oldenburg; und der Einmarsch der Truppen in Preußen, der nach Napoleons Meinung nur unternommen war, um einen bewaffneten Frieden zu erreichen; und die Kriegslust des französischen Kaisers und seine Gewöhnung an den Krieg, womit die Neigung seines Volkes zusammentraf; und der Reiz, den die Großartigkeit der Vorbereitungen ausübte; und die Kosten dieser Vorbereitungen und das Bedürfnis, sich Vorteile zu verschaffen, durch die diese Kosten wieder ausgeglichen werden könnten; und die verblendenden Ehrenbezeigungen in Dresden; und die diplomatischen Unterhandlungen, die nach der Anschauung der Zeitgenossen mit dem aufrichtigen Wunsch geführt wurden, den Frieden zu erhalten, und die doch nur das Ehrgefühl der einen und der andern Partei verletzten; und Milliarden anderer Ursachen, die sich dem Ereignis, das sich vollziehen sollte, als Stützen unterschoben und mit ihm zusammentrafen.
Wenn der Apfel reif geworden ist und fällt, warum fällt er? Weil er von der Erde angezogen wird? Weil sein Stengel dürr geworden ist? Weil sein Fleisch von der Sonne getrocknet ist? Weil er zu schwer geworden ist? Weil der Wind ihn schüttelt? Oder weil der unten stehende Knabe ihn essen möchte?
Nichts davon ist die Ursache, sondern alles zusammen, nur das Zusammentreffen der Bedingungen, unter denen sich in der lebenden Welt jedes organische, elementare Ereignis vollzieht. Und der Botaniker, welcher findet, daß der Apfel deshalb falle, weil sein Zellgewebe sich zersetze, und mehr dergleichen, hat ebenso recht wie das unten stehende Kind, welches sagt, der Apfel sei deswegen gefallen, weil es ihn habe essen wollen und um sein Fallen gebetet habe. Wer da sagt, Napoleon sei nach Moskau gezogen, weil er dazu Lust gehabt habe, und sei zugrunde gegangen, weil Alexander ihn habe zugrunde richten wollen, der hat genau ebenso recht und unrecht wie derjenige, welcher behauptet, ein Millionen Zentner schwerer Berg, der unterminiert wurde und zusammenstürzte, sei deswegen gefallen, weil der letzte Arbeiter unter ihm zum letztenmal mit der Hacke zugeschlagen habe. Bei historischen Ereignissen sind die sogenannten großen Männer nur die Etiketten, die dem Ereignis den Namen geben; sie stehen aber, ebenso wie die Etiketten, mit dem Ereignis selbst kaum in irgendeinem inneren Zusammenhang.
Jede ihrer Handlungen, die sie als das Resultat ihres freien Willens betrachten und um ihrer eigenen Personen willen getan zu haben meinen, ist im geschichtlichen Sinn nicht ein Akt des freien Willens, sondern steht mit dem ganzen Gang der Geschichte in Verbindung und ist von Ewigkeit her vorausbestimmt.
Fußnoten
1 Sprüche Sal. 21, 1.
Anmerkung des Übersetzers.
II
Am 29. Mai brach Napoleon von Dresden auf, wo er drei Wochen zugebracht hatte, umgeben von einem Hofstaat, der aus Fürsten, Herzögen, Königen und sogar einem Kaiser bestand. Vor seiner Abreise sagte Napoleon denjenigen Fürsten, Königen und dem Kaiser, die das verdienten, Liebenswürdigkeiten und schalt die Könige und Fürsten, mit denen er unzufrieden war, aus; er beschenkte die Kaiserin von Österreich mit Perlen und Brillanten, die ihm gehörten, d.h. die er anderen Königen weggenommen hatte, und nahm, wie sein Geschichtsschreiber berichtet, mit einer zärtlichen Umarmung Abschied von der Kaiserin Marie Luise (die für seine Gemahlin galt, obwohl eine andere Gemahlin in Paris zurückgeblieben war), welche über die Trennung tief betrübt war und kaum imstande schien, sie zu ertragen. Trotzdem die Diplomaten noch fest an die Möglichkeit glaubten, den Frieden zu erhalten, und eifrig auf dieses Ziel hinarbeiteten, und trotzdem Kaiser Napoleon selbst an Kaiser Alexander einen Brief schrieb, in welchem er ihn »Mein Herr Bruder« nannte und auf das bestimmteste versicherte, daß er den Krieg nicht wünsche und den Kaiser Alexander immer lieben und hochschätzen werde, reiste er doch zur Armee und erließ auf jeder Station neue Befehle, deren Zweck es war, die Bewegung der Armee von Westen nach Osten zu beschleunigen. Er fuhr, von Pagen, Adjutanten und einer Eskorte umgeben, in einem sechsspännigen Reisewagen auf der Route über Posen, Thorn, Danzig und Königsberg. In jeder dieser Städte empfingen ihn Tausende von Menschen in zitternder Furcht und schwärmerischer Begeisterung.
Die Armee bewegte sich von Westen nach Osten, und unter häufigem Pferdewechsel fuhr er ebendorthin. Am 10. Juni holte er die Armee ein und übernachtete im Wald von Wilkowiski, in einem für ihn vorbereiteten Quartier auf dem Gut eines polnischen Grafen.
Am folgenden Tag fuhr Napoleon, der Armee voraus, in seinem Wagen an den Niemen; dort legte er, um die Stelle des Übergangs zu besichtigen, eine polnische Uniform an und ritt ans Ufer.
Als er auf dem jenseitigen Ufer die Kosaken sah und die weitausgedehnten Steppen, in deren Mitte das »heilige« Moskau lag, die Hauptstadt jenes Reiches, das dem Skythenland glich, in welches einst Alexander von Mazedonien eingedrungen war, da gab Napoleon, für alle unerwartet und gegen alle strategischen und diplomatischen Erwägungen, den Befehl zum Vormarsch, und am folgenden Tag begannen seine Truppen den Niemen zu überschreiten.
Am 12. frühmorgens trat er aus dem Zelt, das an diesem Tag auf dem steilen linken Ufer des Niemen aufgeschlagen war, und betrachtete durch das Fernrohr, wie seine Truppen aus dem Wald von Wilkowiski herausströmten und sich nach den drei Brücken hin verteilten, die über den Niemen geschlagen waren. Die Soldaten wußten von der Anwesenheit des Kaisers, suchten ihn mit den Augen, und sobald sie auf der Anhöhe vor dem Zelt eine von dem Gefolge gesonderte Gestalt in Oberrock und Hut erblickten, warfen sie die Mützen in die Höhe und riefen: »Vive l’empereur!« So kamen sie, ein Regiment nach dem andern, ein unerschöpflicher Strom, aus dem gewaltigen Wald herausgeflutet, der sie bis dahin verborgen hatte, flossen nach den drei Brücken in drei Arme auseinander und zogen zum jenseitigen Ufer hinüber.
»Diesmal werden wir tüchtig vorwärtskommen. Oh, wenn er selbst sich der Sache annimmt, dann kommt Feuer dahinter … Wahrhaftigen Gottes, da ist er …! Es lebe der Kaiser …! Das sind da also die asiatischen Steppen! Ein häßliches Land, das muß man sagen … Auf Wiedersehen, Beauché; ich werde das schönste Palais in Moskau für dich reservieren … Auf Wiedersehen! Viel Glück … Hast du den Kaiser gesehen? Es lebe der Kaiser …! Wenn er mich zum Statthalter von Indien ernennt, Gérard, dann mache ich dich zum Minister von Kaschmir; darauf kannst du dich verlassen … Es lebe der Kaiser …! Diese Schufte von Kosaken, wie sie auskratzen! Es lebe der Kaiser! Da ist er! Siehst du ihn? Ich habe ihn zweimal so nah gesehen, wie dich jetzt. Der kleine Korporal … Ich habe gesehen, wie er einem von den alten Soldaten das Kreuz der Ehrenlegion gab … Es lebe der Kaiser …!« So redeten alte und junge Soldaten miteinander, Leute von ganz verschiedenem Charakter und ganz verschiedener sozialer Stellung. Auf den Gesichtern aller dieser Leute lag derselbe gemeinsame Ausdruck, der Ausdruck der Freude über den Beginn des längst erwarteten Feldzuges, sowie der Ausdruck der Begeisterung und Hingebung für den Mann im grauen Rock, der da auf der Anhöhe stand.
Am 13. Juni ließ sich Napoleon ein kleines arabisches Pferd von reiner Rasse bringen, stieg auf und ritt im Galopp nach einer der Brücken über den Niemen, fortwährend umtost von dem begeisterten Geschrei, das er offenbar nur deswegen ertrug, weil er es den Soldaten nicht gut verbieten konnte, durch dieses Geschrei ihre Liebe zu ihm zum Ausdruck zu bringen; aber dieses Geschrei, das ihn überall begleitete, belästigte ihn und störte ihn in seinen militärischen Überlegungen, die ihn seit seiner Ankunft beim Heer beschäftigten. Er ritt über eine der auf Kähnen schaukelnden Brücken nach dem jenseitigen Ufer, machte dann eine scharfe Wendung nach links und galoppierte in der Richtung auf Kowno weiter, von berittenen Gardejägern eskortiert, die vor ihm hersprengten, um ihm einen Weg durch die Truppen zu bahnen, und vor Begeisterung und Glückseligkeit sich kaum zu lassen wußten. Als er an die breite Wilija gelangt war, machte er neben einem polnischen Ulanenregiment halt, das am Ufer stand.
»Vivat!« schrien mit gleicher Begeisterung auch die Polen, stürzten aus der Front vorwärts und zerdrückten einander fast, um ihn zu sehen.
Napoleon betrachtete den Fluß, stieg vom Pferd und setzte sich auf einen Balken, der am Ufer lag. Auf ein stummes Zeichen wurde ihm ein Fernrohr gereicht; er legte es auf die Schulter eines herbeigeeilten, glückseligen Pagen und musterte nun das jenseitige Ufer. Dann vertiefte er sich in das Studium einer über mehrere Balken ausgebreiteten Landkarte. Ohne den Kopf in die Höhe zu heben, sagte er etwas, und zwei seiner Adjutanten sprengten zu den polnischen Ulanen hin.
»Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?« ging ein Fragen durch die Reihen der polnischen Ulanen, als der eine Adjutant zum Regiment gelangt war.
Napoleon hatte befohlen, eine Furt zu suchen und auf das andere Ufer hinüberzugehen. Der polnische Ulanenoberst, ein schöner alter Mann, der vor Aufregung ganz rot geworden war und ins Stottern geriet, fragte den Adjutanten, ob es ihm wohl erlaubt werden würde, mit seinen Ulanen, ohne erst eine Furt zu suchen, den Fluß zu durchschwimmen. Mit sichtlicher Furcht vor einer abschlägigen Antwort, wie ein Knabe, der um die Erlaubnis bittet, ein Pferd besteigen zu dürfen, bat er um die Erlaubnis, vor den Augen des Kaisers den Fluß schwimmend passieren zu dürfen. Der Adjutant erwiderte, der Kaiser werde wahrscheinlich über diesen allerdings unnötigen Eifer nicht ungehalten sein.
Sowie der Adjutant das gesagt hatte, hob der alte schnurrbärtige Offizier mit glückstrahlendem Gesicht und blitzenden Augen seinen Säbel in die Höhe, rief »Vivat!«, befahl den Ulanen, ihm zu folgen, gab seinem Pferd die Sporen und sprengte zum Fluß hin. Grimmig trieb er das sich unter ihm sträubende Tier an, setzte laut klatschend ins Wasser und nahm seine Richtung gerade nach der tiefen Strömung hin. Die Ulaneneskadronen jagten hinter ihm her und ritten ebenfalls in den Fluß hinein. In der Mitte des Flusses war das Wasser kalt und die Strömung sehr stark. Die Ulanen klammerten sich aneinander und glitten von den Pferden. Mehrere Pferde ertranken; es ertranken auch eine Anzahl von Menschen; die übrigen versuchten zu schwimmen, die einen im Sattel sitzend, die andern sich an der Mähne haltend. Sie bemühten sich, vorwärts nach dem jenseitigen Ufer zu schwimmen, und obwohl die Breite des Flusses etwa achthundert Schritt betrug, waren sie lediglich von einem Gefühl des Stolzes darüber erfüllt, daß sie in diesem Fluß unter den Augen jenes Mannes schwammen und ertranken, der da auf dem Balken saß und nicht einmal danach hinsah, was sie taten. Als der zurückgekehrte Adjutant, einen geeigneten Augenblick benutzend, sich erlaubte, die Aufmerksamkeit des Kaisers auf die begeisterte Ergebenheit der Polen für seine Person zu lenken, stand der kleine Mann im grauen Rock auf, rief Berthier zu sich und begann mit ihm am Ufer auf und ab zu gehen, indem er ihm Befehle erteilte und mitunter verdrießlich zu den ertrinkenden Ulanen hinblickte, die seine Aufmerksamkeit ablenkten.
Es war für ihn keine neue Wahrnehmung, daß seine Gegenwart an allen Enden der Welt, von Afrika bis zu den russischen Steppen, die Menschen in Begeisterung versetzte und zu wahnsinniger Selbstaufopferung hinriß. Er ließ sich sein Pferd bringen und ritt wieder nach seinem Quartier.
Es waren trotz der zu Hilfe geschickten Kähne etwa vierzig Ulanen im Fluß ertrunken. Die Mehrzahl der Überlebenden war an das Ufer zurückgetrieben worden, von dem sie losgeschwommen waren. Der Oberst und einige seiner Leute hatten den Fluß durchschwommen und kletterten mühsam am jenseitigen Ufer heraus. Aber kaum waren sie in ihren triefend nassen Kleidern wieder auf festem Boden, als sie »Vivat!« schrien und begeistert nach der Stelle hinblickten, wo Napoleon gestanden hatte, jetzt aber nicht mehr stand; sie fühlten sich in diesem Augenblick hochbeglückt.
Am Abend erließ Napoleon zwei Befehle: erstens, es sollten möglichst schnell die bereits angefertigten falschen russischen Banknoten herbeigeschafft werden, damit sie in Rußland in Umlauf gesetzt werden könnten, und zweitens, es solle ein Sachse erschossen werden, von dem man einen Brief mit Nachrichten über die Dispositionen bei der französischen Armee aufgefangen hatte. Und zwischen diesen Befehlen gab er noch einen dritten: der polnische Oberst, der sich ohne Not in den Fluß gestürzt hatte, solle in die Ehrenlegion aufgenommen werden, deren Oberhaupt Napoleon selbst war.
Quos deus vult perdere, dementat. Wen Gott verderben will, den verblendet er.
III
Unterdessen hatte sich der russische Kaiser schon über einen Monat lang in Wilna aufgehalten, Truppenschauen abgehalten und Manöver veranstaltet. Noch war nichts für den Krieg bereit, den doch alle erwarteten und zu dessen Vorbereitung der Kaiser aus Petersburg gekommen war. Ein allgemeiner Operationsplan war nicht vorhanden. Das Schwanken, welcher von all den vorgeschlagenen Plänen denn nun angenommen werden sollte, war nach der einmonatigen Anwesenheit des Kaisers im Hauptquartier nur noch ärger geworden. Von den drei Armeen hatte eine jede ihren besonderen Oberkommandierenden; aber einen gemeinsamen Oberfeldherrn für alle Armeen gab es nicht, und der Kaiser selbst wollte diese Stellung nicht übernehmen.
Je länger der Kaiser in Wilna verweilte, um so weniger bereitete man sich auf den Krieg vor, den zu erwarten man schon müde geworden war. Alle Bemühungen der Personen, die den Kaiser umgaben, schienen lediglich darauf gerichtet zu sein, dem Kaiser einen angenehmen Zeitvertreib zu verschaffen, damit er den bevorstehenden Krieg vergäße.
Nach vielen Bällen und anderen Festlichkeiten, die bei den polnischen Magnaten, bei den Herren vom Hoflager und beim Kaiser selbst stattgefunden hatten, kam im Juni einer der polnischen Generaladjutanten auf den Gedanken, die Gesamtheit der Generaladjutanten solle dem Kaiser ein Diner und einen Ball geben. Dieser Gedanke fand bei allen freudige Aufnahme. Der Kaiser erklärte seine Einwilligung. Die Generaladjutanten brachten durch Subskription das erforderliche Geld zusammen. Eine Dame, von der sich annehmen ließ, daß sie dem Kaiser besonders angenehm sein werde, wurde aufgefordert, auf dem Ball die Obliegenheiten der Wirtin zu übernehmen. Graf Bennigsen, der im Gouvernement Wilna begütert war, bot sein vor der Stadt gelegenes Landhaus für dieses Fest an, und so wurde denn auf den 12. Juni Diner, Ball, Gondelfahrt und Feuerwerk in Sakret, dem Landsitz des Grafen Bennigsen, angesetzt.
An eben dem Tag, an welchem Napoleon Befehl zum Übergang über den Niemen gab und seine Vorhut die russische Grenze überschritt und die Kosaken zurückdrängte, brachte Alexander den Abend in dem Landhaus des Grafen Bennigsen zu, auf dem Ball, den ihm seine Generaladjutanten gaben.
Es war ein heiteres, glänzendes Fest; Sachkundige versicherten, es seien selten so viele schöne Frauen auf einem Platz versammelt gewesen. Unter den russischen Damen, die dem Kaiser von Petersburg nach Wilna gefolgt waren und an diesem Ball teilnahmen, befand sich auch die Gräfin Besuchowa, die durch ihre üppige (man nannte dies: russische) Schönheit die schlanken polnischen Damen in den Schatten stellte. Sie erregte Aufmerksamkeit, und der Kaiser würdigte sie eines Tanzes.
Boris Drubezkoi war gleichfalls auf diesem Ball, als Garçon, wie er sich ausdrückte, da er seine Frau in Moskau gelassen hatte; obgleich er nicht die Stelle eines Generaladjutanten bekleidete, hatte er sich doch mit einer beträchtlichen Geldsumme an der Subskription für den Ball beteiligt. Boris war jetzt ein reicher Mann, der in der allgemeinen Wertschätzung einen hohen Platz einnahm und nicht mehr Protektion suchte, sondern mit den vornehmsten seiner Kameraden auf gleichem Fuß verkehrte. Er hatte Helene, nachdem er sie lange Zeit nicht gesehen hatte, hier in Wilna wiedergetroffen und das Vergangene nicht erwähnt; aber da Helene sich der Gunst einer sehr hohen Persönlichkeit erfreute und Boris sich unlängst verheiratet hatte, so verkehrten sie miteinander wie ein Paar alte, gute Freunde.
Um Mitternacht wurde noch getanzt. Helene, die keinen ihrer würdigen Kavalier gefunden hatte, forderte selbst Boris zur Mazurka auf. Sie saßen als drittes Paar da. Boris betrachtete kaltblütig Helenes glänzende, nackte Schultern, die sich aus dem dunklen, von Goldfäden durchzogenen Gazekleid heraushoben, erzählte Geschichtchen von alten Bekannten und hörte dabei, ohne daß er sich dessen selbst bewußt geworden wäre und ohne daß andere es merkten, keine Sekunde lang auf, den in demselben Saal anwesenden Kaiser zu beobachten. Der Kaiser tanzte nicht; er stand an der Tür und hielt bald diesen, bald jenen mit ein paar freundlichen Worten an, wie nur er sie zu sprechen verstand.
Als die Mazurka begann, sah Boris, daß der Generaladjutant Balaschow, einer der Vertrauten des Kaisers, zu ihm herantrat und wider die Hofetikette in der Nähe des Kaisers stehenblieb, der mit einer polnischen Dame im Gespräch begriffen war. Nachdem er noch eine kleine Weile mit der Dame gesprochen hatte, richtete der Kaiser einen fragenden Blick auf Balaschow, und da er offenbar merkte, daß dieser nur aus wichtigem Grund so handelte, so nickte er der Dame leicht zu und wandte sich zu ihm. Kaum hatte Balaschow angefangen zu reden, als sich Erstaunen auf dem Gesicht des Kaisers malte. Er faßte Balaschow unter den Arm und ging mit ihm quer durch den Saal, wobei er, ohne es zu beachten, einen etwa neun Schritte breiten freien Weg herstellte, indem die Anwesenden vor ihm nach beiden Seiten zurücktraten. Dem achtsamen Boris fiel es auf, was Araktschejew für ein aufgeregtes Gesicht machte, als der Kaiser mit Balaschow durch den Saal ging. Nach dem Kaiser hinschielend und laut durch seine rote Nase schnaufend, drängte sich Araktschejew durch die Menge, als ob er erwartete, daß der Kaiser sich zu ihm wenden werde. Boris durchschaute es, daß Araktschejew auf Balaschow neidisch war und sich darüber ärgerte, daß irgendeine, augenscheinlich wichtige Nachricht durch einen andern als durch ihn selbst dem Kaiser überbracht wurde.
Aber der Kaiser ging mit Balaschow vorüber, ohne Araktschejew zu bemerken, und begab sich durch die Ausgangstür in den illuminierten Garten. Araktschejew, den Degen mit der Hand haltend und zornig um sich blickend, ging in einer Entfernung von zwanzig Schritten hinter ihnen her.
Während Boris fortfuhr, die einzelnen Touren der Mazurka auszuführen, quälte ihn unablässig der Gedanke, was für eine Neuigkeit Balaschow wohl gebracht haben möge, und auf welche Weise er selbst sie früher als andere erfahren könne.
In einer Tour, wo er eine Dame zu wählen hatte, flüsterte er seiner Tänzerin Helene zu, er wolle die Gräfin Potocka holen, die ja wohl nach der Veranda hinausgegangen sei, und über das Parkett hingleitend, lief er bis in die nach dem Garten führende Tür; als er dort den Kaiser gewahrte, der mit Balaschow, auf dem Rückweg in den Saal begriffen, auf die Terrasse kam, blieb er stehen. Der Kaiser näherte sich mit Balaschow der Tür. Boris drückte sich eilig, als wenn er nicht mehr Zeit habe sich zu entfernen, an den Türpfosten und neigte ehrerbietig den Kopf.
Der Kaiser, der mit der Erregung eines persönlich Beleidigten sprach, beendete das Gespräch mit folgenden Worten:
»Ohne Kriegserklärung in Rußland einzurücken! Ich werde erst dann Frieden schließen, wenn kein bewaffneter Feind mehr auf meinem Boden steht.«
Boris hatte den Eindruck, daß es dem Kaiser Vergnügen machte, diese Worte auszusprechen: er war zufrieden mit der Form, die er gefunden hatte, um seinen Gedanken auszudrücken; aber er war unzufrieden darüber, daß Boris diese Worte gehört hatte.
»Es darf niemand davon wissen!« fügte der Kaiser mit zusammengezogenen Brauen hinzu.
Boris verstand, daß sich diese Bemerkung auf ihn bezog; er schloß die Augen und neigte leicht den Kopf. Der Kaiser ging wieder in den Saal und verweilte noch ungefähr eine halbe Stunde auf dem Ball.
Boris war der erste, der die Nachricht von dem Übergang der französischen Truppen über den Niemen gehört hatte, und er verdankte diesem Umstand die Möglichkeit, einigen hochgestellten Personen zu zeigen, daß ihm vieles bekannt werde, was anderen verborgen bleibe; so gelang es ihm, in der Meinung dieser Personen noch höher zu steigen.
Die Nachricht von dem Übergang der Franzosen über den Niemen wirkte nach einem Monat vergeblichen Wartens ganz besonders überraschend, und diese Wirkung wurde noch dadurch gesteigert, daß die Nachricht gerade auf einem Ball eintraf. Der Kaiser hatte im ersten Augenblick nach Empfang dieser Nachricht, in dem frischen Gefühl der Empörung über die ihm zugefügte Beleidigung, jenen nachher berühmt gewordenen Ausdruck gefunden, der ihm selbst sehr gefiel und vollständig seine Empfindung wiedergab. Als er vom Ball nach Hause zurückgekehrt war, ließ der Kaiser um zwei Uhr nachts den Staatssekretär Schischkow holen und befahl ihm, einen Befehl an die Truppen und einen Erlaß an den Feldmarschall Fürsten Saltykow aufzusetzen; in diesem Erlaß sollten (das forderte der Kaiser unbedingt) die Worte angebracht werden, er werde nicht Frieden schließen, solange auch nur noch ein bewaffneter Franzose auf russischem Boden stehe.
Am andern Tag wurde folgender Brief an Napoleon geschrieben:
»Mein Herr Bruder! Ich habe gestern erfahren, daß trotz der Gewissenhaftigkeit, mit der ich meine Verpflichtungen Euer Majestät gegenüber erfüllt habe, Ihre Truppen die Grenzen Rußlands überschritten haben, und empfange soeben aus Petersburg eine Note, in welcher Graf Lauriston mir als Grund dieses Angriffs angibt, Euer Majestät hätten sich seit dem Augenblick, wo Fürst Kurakin seine Pässe verlangt habe, als im Kriegszustand mit mir befindlich betrachtet. Die Gründe, auf welche der Herzog von Bassano seine Weigerung, sie ihm auszuliefern, gestützt hat, hätten mich niemals zu der Annahme kommen lassen, daß dieser Schritt meines Gesandten jemals zum Vorwand eines Angriffs dienen könnte. In der Tat ist dieser Gesandte, wie er das auch selbst erklärt hat, niemals dazu ermächtigt worden, und sobald ich davon Kenntnis erlangt hatte, habe ich ihn unverzüglich wissen lassen, wie sehr ich sein Verhalten mißbilligte, und ihm befohlen, auf seinem Posten zu bleiben. Wenn Euer Majestät nicht die Absicht haben, das Blut unserer Völker wegen eines derartigen Mißverständnisses zu vergießen, und einwilligen, Ihre Truppen aus dem russischen Gebiet zurückzuziehen, so werde ich das Vorgefallene als ungeschehen betrachten, und es wird noch eine Verständigung zwischen uns möglich sein. Im entgegengesetzten Fall, Euer Majestät, werde ich mich gezwungen sehen, einen Angriff zurückzuweisen, der meinerseits durch nichts provoziert worden ist. Noch hängt es von Euer Majestät ab, der Menschheit die Leiden eines neuen Krieges zu ersparen.
Ich bin usw.
(gez.)Alexander.«
IV
In der Nacht vom 13. zum 14. Juni um zwei Uhr ließ der Kaiser Balaschow zu sich kommen, las ihm seinen Brief an Napoleon vor und befahl ihm, diesen Brief zu überbringen und dem französischen Kaiser persönlich einzuhändigen. Während er Balaschow abfertigte, wiederholte der Kaiser ihm von neuem die Worte, daß er nicht Frieden schließen werde, solange auch nur noch ein bewaffneter Feind auf russischem Boden stehe, und befahl ihm, unter allen Umständen diese Worte dem Kaiser Napoleon mitzuteilen. In den Brief an Napoleon hatte Alexander diese Worte nicht aufgenommen, weil er mit dem ihm eigenen Takt fühlte, daß die Mitteilung dieser Worte unangebracht sei in einem Augenblick, wo der letzte Versuch, den Frieden zu erhalten, unternommen werde; aber er befahl Balaschow ausdrücklich, sie dem Kaiser Napoleon mündlich zur Kenntnis zu bringen.
Balaschow, der in der Nacht, von einem Trompeter und zwei Kosaken begleitet, ausgeritten war, stieß um die Morgendämmerung in dem Dorf Rykonty auf die französischen Vorposten diesseits des Niemen. Er wurde von französischen Kavalleriewachtposten angehalten. Ein französischer Husarenunteroffizier, in roter Uniform, mit zottiger Fellmütze, rief den heranreitenden Balaschow an und befahl ihm zu halten. Balaschow hielt nicht sofort, sondern ritt im Schritt auf der Landstraße weiter.
Der Unteroffizier zog die Stirn kraus, brummte ein Schimpfwort und kam so nahe an Balaschow herangeritten, daß die Pferde Brust an Brust standen. An den Säbel fassend, schrie er den russischen General grob an und fragte ihn, ob er denn taub sei, daß er nicht höre, was man zu ihm sage. Balaschow nannte seinen Namen und Rang. Der Unteroffizier schickte einen Soldaten zu seinem Offizier.
Ohne Balaschow weiter zu beachten, begann der Unteroffizier mit seinen Kameraden über seine Regimentsangelegenheiten zu sprechen und sah den russischen General gar nicht an.
Es war für Balaschow eine ganz eigentümliche Empfindung, nachdem er sich so lange in nächster Nähe der höchsten Autorität und Machtfülle bewegt hatte, und nachdem er noch vor drei Stunden eine Unterredung mit dem Kaiser gehabt hatte, und da er überhaupt in seiner dienstlichen Stellung gewohnt war, respektiert zu werden – es war für ihn eine ganz eigentümliche Empfindung, sich hier auf russischem Boden in dieser feindlichen und vor allen Dingen respektlosen Art seitens der rohen Gewalt behandelt zu sehen.
Die Sonne begann eben aus Wolken aufzusteigen; in der Luft spürte man den frischen Tau; auf dem Weg wurde aus dem Dorf eine Herde getrieben. Auf den Feldern stiegen die Lerchen eine nach der andern, wie Bläschen im Wasser, trillernd in die Höhe.
Balaschow blickte um sich, während er auf die Ankunft des Offiziers aus dem Dorf wartete. Die russischen Kosaken und der Trompeter auf der einen, die französischen Husaren auf der andern Seite blickten einander ab und zu schweigend an.
Der französische Husarenoberst, der augenscheinlich eben erst aus dem Bett aufgestanden war, kam auf einem schönen, wohlgenährten Grauschimmel, von zwei Husaren begleitet, aus dem Dorf herausgeritten. Der Offizier, die Soldaten und ihre Pferde machten einen stattlichen und eleganten Eindruck.
Es war noch die Anfangszeit des Feldzuges, wo sich die Truppen noch in einem Zustand der Korrektheit befanden, der beinahe dem Zustand bei einer Truppenschau im Frieden glich, nur mit einer leisen Färbung schmucker Kriegsbereitschaft im Anzug, sowie in geistiger Hinsicht mit einer Beimischung von Heiterkeit und Unternehmungslust, Empfindungen, die stets den Anfang von Feldzügen begleiten.
Der französische Oberst unterdrückte nur mit Mühe das Gähnen, war aber höflich und hatte offenbar Verständnis für Balaschows Bedeutung. Er führte ihn an seinen Soldaten vorbei hinter die Vorpostenkette und teilte ihm mit, sein Wunsch, dem Kaiser vorgestellt zu werden, werde wahrscheinlich sofort erfüllt werden, da sich das kaiserliche Quartier, soviel er wisse, in der Nähe befinde.
Sie ritten durch das Dorf Rykonty, vorbei an den Reihen angebundener französischer Husarenpferde, an Schildwachen und Soldaten, die ihrem Obersten die Honneurs erwiesen und neugierig die russische Uniform betrachteten; so gelangten sie hindurch nach der andern Seite des Dorfes. Nach der Angabe des Obersten befand sich in einer Entfernung von zwei Kilometern der Divisionschef; dieser werde Balaschow empfangen und an den Ort seiner Bestimmung führen.
Die Sonne war schon in die Höhe gestiegen und glänzte heiter auf dem hellen Grün.
Kaum waren sie hinter der Schenke eine Anhöhe hinangeritten, als auf der andern Seite vom Fuß der Anhöhe her ein ihnen entgegenkommender Reitertrupp sichtbar wurde. Voran ritt auf einem Rappen, dessen Geschirr in der Sonne glänzte, ein Mann von hoher Statur, mit einem Federhut, schwarzem, lockigem Haar, das ihm bis auf die Schultern hing, in einem roten Mantel, die langen Beine nach vorn gestreckt, wie die Franzosen zu reiten pflegen. Dieser Mann ritt Balaschow im Galopp entgegen: sein Federbusch und Mantel flatterten im Wind, seine Edelsteine und Tressen blitzten in der hellen Junisonne.
Balaschow war nur noch zwei Pferdelängen von dem Reiter mit den Armbändern, Federn, Halsketten und Goldstickereien entfernt, der mit feierlicher theatralischer Miene auf ihn zugesprengt kam, als Julner, der französische Oberst, ihm respektvoll zuflüsterte: »Der König von Neapel!« Und es war wirklich Murat, der jetzt König von Neapel genannt wurde. Es war völlig unverständlich, warum er König von Neapel sein sollte; aber er wurde so genannt, und er selbst war von dieser seiner hohen Stellung überzeugt und hatte sich darum eine noch feierlichere und wichtigere Miene zu eigen gemacht als früher. Er war so fest davon überzeugt, tatsächlich König von Neapel zu sein, daß, als er am Tag vor seiner Abreise aus Neapel mit seiner Frau in den Straßen Neapels spazierenging und einige Italiener in seiner Nähe schrien: »Es lebe der König!«, er sich mit trübem Lächeln zu seiner Gemahlin wandte und sagte: »Die Unglücklichen, sie wissen nicht, daß ich sie morgen verlasse!«
Aber obwohl er fest davon überzeugt war, König von Neapel zu sein, und den Kummer seiner Untertanen bedauerte, die er verließ, hatte er doch neuerdings, nachdem ihm befohlen war, wieder in den Militärdienst einzutreten, und besonders nach der Begegnung mit Napoleon in Danzig, wo sein hoher Schwager zu ihm gesagt hatte: »Ich habe Sie zum König gemacht, damit Sie nach meiner Weise regieren und nicht nach der Ihrigen«, freudig das ihm wohlbekannte Soldatenhandwerk wiederaufgenommen. Es ging ihm wie einem Pferd, das gute Nahrung gehabt hat, aber nicht zu fett geworden ist: nun er sich wieder im Geschirr fühlte, machte er in der Gabeldeichsel vergnügte Sprünge; er putzte sich so bunt und kostbar wie nur möglich heraus und galoppierte fröhlich und zufrieden, ohne selbst zu wissen wohin und wozu, auf den Landstraßen Polens einher.
Als er den russischen General erblickte, warf er mit einer großartigen Gebärde, wie sie einem König wohlsteht, den Kopf mit dem bis auf die Schultern herabwallenden Haar zurück und blickte fragend den französischen Obersten an. Der Oberst teilte Seiner Majestät ehrfurchtsvoll mit, wer Balaschow sei und zu welchem Zweck er gekommen sei; aber den Familiennamen desselben vermochte er nicht ordentlich auszusprechen.
»De Bal-machève!« sagte der König, indem er mit energischer Entschlossenheit die Schwierigkeit überwand, die der Name dem Obersten bereitete. »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, General«, fügte er mit einer herrschermäßigen, gnädigen Handbewegung hinzu.
Aber sobald der König laut und schnell zu sprechen begann, verließ ihn sofort seine gesamte königliche Würde, und er ging, ohne es selbst zu merken, in den Ton gutmütiger Vertraulichkeit über. Er legte seine Hand auf den Widerrist des Pferdes Balaschows.
»Nun, General, wir bekommen Krieg, wie es scheint«, sagte er, wie wenn er eine Lage bedauerte, über die ihm kein Urteil zustände.
»Sire«, antwortete Balaschow, »der Kaiser, mein Gebieter, wünscht den Krieg ganz und gar nicht, wie Euer Majestät ja sehen.« Während des ganzen Gespräches verwendete Balaschow den Titel »Euer Majestät« in allen Kasus, die es nur gibt; diese stete Wiederholung des Titels hatte zwar unvermeidlich etwas Geziertes, verfehlte aber bei jemandem, dem dieser Titel noch etwas Neues war, ihre Wirkung nicht.
Murats Gesicht strahlte vor törichter Befriedigung, während er anhörte, was Balaschow ihm vortrug. Aber Königtum legt Verpflichtungen auf: er fühlte die Notwendigkeit, mit dem Gesandten Alexanders über Staatsangelegenheiten wie ein König und wie ein Verbündeter Napoleons zu sprechen. Er stieg vom Pferd, faßte Balaschow unter den Arm, entfernte sich mit ihm einige Schritte von der ehrfurchtsvoll wartenden Suite, begann mit ihm auf und ab zu gehen und versuchte bedeutsame Äußerungen zu tun. Er erinnerte daran, daß Kaiser Napoleon sich durch die Forderung, er solle seine Truppen aus Preußen herausführen, beleidigt gefühlt habe, namentlich da diese Forderung allgemein bekannt geworden und dadurch die Würde Frankreichs verletzt worden sei.
Balaschow erwiderte, daß in dieser Forderung nichts Kränkendes liegen könne, da … Aber Murat unterbrach ihn.
»Also Sie halten den Kaiser Alexander nicht für den Anstifter des Krieges?« fragte er plötzlich mit einem gutmütig dummen Lächeln.
Balaschow setzte auseinander, weswegen er allerdings annehmen müsse, daß der Urheber des Krieges Napoleon sei.
»Ach, mein lieber General«, unterbrach ihn Murat wieder, »ich wünsche von ganzem Herzen, daß die Kaiser sich miteinander einigen möchten, und daß der gegen meinen Wunsch begonnene Krieg sobald als möglich sein Ende finden möge.« Er sprach in dem Ton, in welchem Diener zu sprechen pflegen, die, trotz des Zankes der Herrschaften unter sich, miteinander gute Freunde zu bleiben wünschen.
Und nun ging er dazu über, sich nach dem Großfürsten zu erkundigen, nach seiner Gesundheit, und gedachte der Zeit in Neapel, die er so lustig und vergnügt mit ihm verlebt habe. Dann auf einmal richtete Murat, wie wenn ihm plötzlich seine königliche Würde wieder einfiele, sich feierlich gerade, nahm die Haltung an, in der er bei der Krönung dagestanden hatte, und sagte, indem er mit der rechten Hand eine Gebärde der Entlassung machte: »Aber ich will Sie nicht länger aufhalten, General; ich wünsche Ihrer Mission einen guten Erfolg!« Und mit seinem wallenden, roten, gestickten Mantel, dem flatternden Federbusch und den glänzenden Juwelen trat er wieder zu seiner Suite hin, die respektvoll auf ihn gewartet hatte.
Balaschow ritt weiter und nahm nach Murats Worten an, daß er sehr bald dem Kaiser Napoleon selbst werde vorgestellt werden. Aber statt daß er zu Napoleon vorgedrungen wäre, wurde er beim nächsten Dorf von den Infanterieposten des Davoutschen Korps wieder ebenso angehalten, wie es in der Vorpostenkette geschehen war, und ein herbeigerufener Adjutant des Korpskommandeurs begleitete ihn in das Dorf zum Marschall Davout.
V
Davout war der Araktschejew des Kaisers Napoleon – kein Feigling wie Araktschejew, aber ebenso diensteifrig und hart und ebensowenig wie jener imstande, seine Anhänglichkeit an den Herrscher anders als durch Härte und Grausamkeit zum Ausdruck zu bringen.
In dem Mechanismus des Staatswesens sind solche Menschen ebenso notwendig wie die Wölfe in der gesamten Einrichtung der Natur; auch sie sind immer vorhanden, kommen immer wieder zum Vorschein und behaupten sich, wie ungehörig es auch scheinen mag, daß sie überhaupt existieren und sich der obersten Regierungsgewalt so nahe befinden. Nur aus dieser Notwendigkeit läßt es sich erklären, daß Araktschejew, ein Mann von solcher Grausamkeit, daß er eigenhändig den Grenadieren die Schnurrbärte ausriß, dabei von so schwachen Nerven, daß er keine Gefahr ertragen konnte, ein Mensch ohne Bildung und ohne höfische Gewandtheit, dennoch so lange bei dem ritterlich edlen, zartfühlenden Alexander einen solchen Einfluß behaupten konnte.
Balaschow traf den Marschall Davout in einem Schuppen, der zu einem Bauernhaus gehörte; der Marschall saß auf einem kleinen Faß und war mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt: er revidierte Rechnungen. Ein Adjutant stand neben ihm. Es wäre mit Leichtigkeit möglich gewesen, ein besseres Unterkommen zu finden; aber der Marschall Davout war einer von den Menschen, die sich absichtlich in die verdrießlichsten Lebensverhältnisse versetzen, um ein Recht zu haben verdrießlich zu sein. Und zu demselben Zweck arbeiten solche Menschen auch immer eilig und hartnäckig. »Wie kann ich hier an die freundliche Seite des menschlichen Lebens denken, wenn ich, wie Sie sehen, in einem schmutzigen Schuppen auf einem Faß sitzen und arbeiten muß«, sagte seine Miene. Das größte Vergnügen und geradezu ein Bedürfnis ist es für solche Leute, wenn sie mit einem lebensfrohen Menschen zusammenkommen, diesem ihre eigene mürrische, eigensinnige Tätigkeit vorwurfsvoll vor Augen zu halten. Dieses Vergnügen machte sich Davout, als Balaschow zu ihm geführt wurde. Er vertiefte sich noch mehr in seine Arbeit, als der russische General zu ihm hereingeführt wurde, warf zwar durch die Brille einen Blick nach Balaschows Gesicht, das unter der Einwirkung des schönen Morgens und des Gesprächs mit Murat einen frischen, lebhaften Ausdruck zeigte, stand aber nicht auf und rührte sich nicht einmal, sondern zog die Augenbrauen noch finsterer zusammen und lächelte grimmig.
Als er dann auf Balaschows Gesicht den üblen Eindruck wahrnahm, den ein solcher Empfang bei diesem hervorrief, hob er den Kopf in die Höhe und fragte kalt, was er wünsche.
In der Voraussetzung, dieser Empfang könne ihm nur deswegen bereitet werden, weil Davout nicht wisse, daß er Generaladjutant des Kaisers Alexander und sogar dessen Repräsentant dem Kaiser Napoleon gegenüber sei, beeilte sich Balaschow, den Marschall von seinem Stand und seiner bedeutsamen Mission in Kenntnis zu setzen. Aber gegen seine Erwartung wurde Davout, als er diese Mitteilungen hörte, nur noch mürrischer und gröber.
»Wo haben Sie denn Ihren Brief?« fragte er. »Geben Sie ihn her, ich werde ihn dem Kaiser schicken.«
Balaschow erwiderte, er habe Befehl, den Brief persönlich dem Kaiser selbst zu übergeben.
»Die Befehle Ihres Kaisers werden bei Ihrem Heer befolgt; aber hier«, entgegnete Davout, »haben Sie zu tun, was Ihnen gesagt wird.«
Und als ob er den russischen General seine Abhängigkeit von der rohen Gewalt noch mehr empfinden lassen wollte, schickte Davout seinen Adjutanten weg, um den diensttuenden Offizier zu rufen.
Balaschow zog das Kuvert hervor, in dem das Schreiben des Kaisers enthalten war, und legte es auf den Tisch; dieser Tisch bestand aus einer auf zwei Tonnen gelegten Tür, an der noch die ausgerissenen Haspen saßen. Davout nahm den Brief und las die Adresse.
»Sie sind vollkommen berechtigt, mir Achtung zu bezeigen oder zu versagen, wie es Ihnen gut scheint«, sagte Balaschow. »Aber gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich die Ehre habe, die Stellung eines Generaladjutanten Seiner Majestät zu bekleiden.«
Davout blickte ihn schweigend an, und es machte ihm offenbar Vergnügen, auf Balaschows Gesicht eine gewisse Erregung und Verstimmung wahrzunehmen.
»Was Ihnen gebührt, wird Ihnen nicht vorenthalten werden«, antwortete er, schob den Brief in die Tasche und verließ den Schuppen.
Gleich darauf erschien der diensttuende Adjutant des Marschalls, ein Herr de Castré, und führte Balaschow in das für ihn bestimmte Quartier.
Zu Mittag speiste Balaschow an diesem Tag mit dem Marschall in dem Schuppen, an jener über die Fässer gelegten Brettertür.
Am andern Tag ritt Davout frühmorgens weg. Vorher ließ er Balaschow zu sich rufen und sagte ihm mit großem Nachdruck, er ersuche ihn, hierzubleiben und, wenn dazu Befehl kommen sollte, mit der Bagage weiterzugehen und mit niemandem als mit Herrn de Castré zu sprechen.
Nach vier Tagen der Einsamkeit, der Langeweile und des peinlichen Gefühls der Abhängigkeit und Machtlosigkeit, das für ihn deshalb besonders drückend war, weil er ganz vor kurzem selbst zu den Vielvermögenden gehört hatte, und nach mehreren Märschen mit der Bagage des Marschalls und den französischen Truppen, die die ganze Gegend anfüllten, wurde Balaschow endlich nach Wilna gebracht, das jetzt von den Franzosen besetzt war, und zwar unter demselben Schlagbaum hindurch, durch den er vier Tage vorher ausgeritten war.
Am andern Tag kam der kaiserliche Kammerherr de Turenne zu Balaschow und teilte ihm mit, Kaiser Napoleon wolle ihm eine Audienz gewähren.
Vier Tage vorher hatten vor demselben Haus, nach dem Balaschow gebracht wurde, Schildwachen des Preobraschenski-Regiments gestanden; jetzt waren dort zwei französische Grenadiere in blauen auf der Brust aufgeknöpften Uniformen und zottigen Mützen postiert, und eine Eskorte von Husaren und Ulanen und eine glänzende Suite von Adjutanten, Pagen und Generalen standen vor der Haustür um Napoleons Reitpferd und seinen Mamelucken Rustan herum und warteten auf das Herauskommen des Kaisers. Napoleon empfing Balaschow in demselben Haus in Wilna, aus welchem ihn Alexander abgeschickt hatte.
VI
Obwohl Balaschow an höfische Pracht gewöhnt war, überraschte ihn doch der Prunk und die Üppigkeit der napoleonischen Hofhaltung.
Graf Turenne führte ihn in ein großes Wartezimmer, wo viele Generale und Kammerherren warteten, auch viele polnische Magnaten, von denen Balaschow nicht wenige am Hof des russischen Kaisers gesehen hatte. Duroc sagte, der Kaiser Napoleon wolle den russischen General vor seinem Spazierritt empfangen.
Nach einigen Minuten des Wartens kam ein diensttuender Kammerherr aus den inneren Gemächern in das große Wartezimmer und forderte Balaschow mit höflicher Vorbeugung auf, ihm zu folgen.
Balaschow trat in ein kleinen Empfangszimmer, aus welchem eine Tür in das Arbeitszimmer führte, in jenes selbe Arbeitszimmer, in welchem der russische Kaiser ihn abgesandt hatte. Dort stand er etwa zwei Minuten wartend da. Auf der andern Seite der Tür ließen sich eilige Schritte vernehmen. Beide Türflügel wurden schnell geöffnet, alles wurde wieder still, und nun ertönten aus dem Arbeitszimmer andere, feste, entschlossene Schritte: das war Napoleon. Er hatte soeben seine Toilette für den Spazierritt beendet. Er trug einen blauen Uniformrock, der über der weißen, auf den rundlichen Bauch herabreichenden Weste aufgeknöpft war, weiße Lederhosen, welche die fetten Schenkel der kurzen Beine eng umspannten, und Stulpstiefel. Sein kurzgeschnittenes Haar war offenbar eben erst gekämmt; aber ein Haarbüschel fiel in der Mitte über die breite Stirn herab. Der dicke, weiße Hals hob sich in scharfem Farbenkontrast aus dem schwarzen Uniformkragen heraus. Der Kaiser duftete nach Eau de Cologne. Auf seinem jugendlich aussehenden, vollen Gesicht mit dem vortretenden Kinn lag der Ausdruck eines gnädigen, majestätischen, kaiserlichen Grußes.
Er trat schnell ein, bei jedem Schritt ein wenig zuckend, den Kopf etwas nach hinten zurückgeworfen. Seine ganze korpulente, kurze Figur, mit den breiten, dicken Schultern, dem unwillkürlich nach vorn herausgedrückten Brustkasten und Unterleib, hatte jenes präsentable, stattliche Aussehen, wie es bei Vierzigern, die sich nichts abgehen zu lassen brauchen, häufig ist. Außerdem war ihm anzusehen, daß er sich an diesem Tag in recht guter Stimmung befand.
Er nickte mit dem Kopf als Antwort auf Balaschows tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, trat nahe an ihn heran und begann sogleich zu reden wie jemand, dem jede Minute seiner Zeit kostbar ist und der sich nicht dazu herabläßt, seine Reden vorzubereiten, sondern überzeugt ist, daß er immer das, was nötig ist, sagen und dieses gut sagen wird.
»Guten Tag, General!« sagte er. »Ich habe den Brief des Kaisers Alexander erhalten, den Sie überbracht haben, und freue mich sehr, Sie zu sehen.« Er blickte Balaschow mit seinen großen Augen ins Gesicht, sah aber dann sogleich an ihm vorbei.
Augenscheinlich interessierte ihn Balaschows Persönlichkeit nicht im geringsten. Es war klar, daß nur das, was in seinem eigenen Geist vorging, für ihn Interesse hatte. Alles, was außer seiner eigenen Person lag, hatte für ihn keine Bedeutung, weil nach seiner Auffassung alles in der Welt lediglich von seinem Willen abhing.
»Ich wünsche den Krieg nicht und habe ihn nie gewünscht«, sagte er. »Aber man drängt ihn mir auf. Auchjetztnoch« (er legte einen besonderen Nachdruck auf das Wort »jetzt«) »bin ich bereit, alle Aufklärungen anzunehmen, die Sie mir geben können.«
Und nun begann er in knapper, klarer Form die Gründe seiner Unzufriedenheit mit der russischen Regierung darzulegen. Aus dem maßvollen, ruhigen, freundlichen Ton, in dem der französische Kaiser sprach, glaubte Balaschow mit Sicherheit schließen zu dürfen, daß er den Frieden wünsche und in Unterhandlungen einzutreten beabsichtige.
»Sire! Der Kaiser, mein Gebieter …«, begann Balaschow seine längst vorbereitete Rede, als Napoleon seine Auseinandersetzung beendet hatte und den russischen Abgesandten fragend anblickte; aber der Blick der auf ihn gerichteten Augen des Kaisers setzte ihn in Verwirrung. »Sie sind verwirrt, fassen Sie sich!« schien Napoleon gewissermaßen zu sagen, indem er mit ganz leisem Lächeln Balaschows Uniform und Degen betrachtete.
Balaschow hatte seine Fassung wiedergewonnen und begann zu reden. Er sagte, Kaiser Alexander halte den Umstand, daß Kurakin seine Pässe verlangt habe, für keine hinlängliche Ursache zum Krieg; Kurakin habe dies nach seinem eigenen Kopf und ohne die Genehmigung des Kaisers getan; Kaiser Alexander wünsche den Krieg nicht, und mit England bestehe kein geheimes Einverständnis.
»Nochnicht«, schob Napoleon dazwischen, und wie wenn er fürchtete, sich von seinem Affekt hinreißen zu lassen, zog er die Augenbrauen zusammen und nickte leicht mit dem Kopf, um dadurch Balaschow zu verstehen zu geben, daß er fortfahren könne.
Nachdem Balaschow alles übrige vorgetragen hatte, was ihm befohlen war, fügte er hinzu, Kaiser Alexander wünsche den Frieden, werde aber nur unter der Bedingung in Unterhandlungen eintreten, daß … Hier stockte Balaschow: er hatte die Worte im Gedächtnis, welche Kaiser Alexander nicht in den Brief aufgenommen, deren Einsetzung in den an Saltykow gerichteten Erlaß er aber unbedingt verlangt hatte, und welche zur Kenntnis Napoleons zu bringen auch ihm, Balaschow, vom Kaiser befohlen worden war. Balaschow hatte die Worte im Gedächtnis: »Solange noch ein einziger bewaffneter Feind auf russischem Boden steht«; aber eine Empfindung, in der sich mancherlei Elemente vereinigten, hielt ihn zurück. Er vermochte es nicht, diese Worte auszusprechen, obgleich er es tun wollte. Er stockte und sagte dann: »Unter der Bedingung, daß die französischen Truppen über den Niemen zurückgehen.«
Napoleon bemerkte, daß Balaschow in Verlegenheit geriet, als er die letzten Worte sprach; das Gesicht des Kaisers zuckte, seine linke Wade begann leise zu zittern. Ohne den Platz, wo er stand, zu verlassen, begann er lauter und schneller als vorher zu reden. Während der nun folgenden Rede des Kaisers schlug Balaschow mehrmals die Augen nieder und beobachtete unwillkürlich das Zittern der linken Wade Napoleons, das um so stärker wurde, je mehr er die Stimme erhob.
»Ich wünsche den Frieden nicht weniger als der Kaiser Alexander«, begann er. »Tue ich nicht seit achtzehn Monaten alles mögliche, um ihn zu erhalten? Seit achtzehn Monaten warte ich auf Aufklärungen. Aber was verlangt man von mir, um in Verhandlungen einzutreten?« sagte er, indem er die Stirn runzelte und eine energische fragende Gebärde mit seiner kleinen, weißen, dicken Hand machte.
»Das Zurückgehen der Truppen hinter den Niemen, Majestät«, antwortete Balaschow.
»Hinter den Niemen?« wiederholte Napoleon. »Also jetzt wollen Sie, daß ich hinter den Niemen zurückgehe, nur hinter den Niemen?« fragte er noch einmal und blickte dabei Balaschow gerade ins Gesicht.
Balaschow neigte respektvoll den Kopf.
»Statt der vor vier Monaten gestellten Forderung, daß ich Pommern räumen solle, fordert man also jetzt nur, daß ich hinter den Niemen zurückgehe.« Napoleon wandte sich schnell um und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Sie sagen, daß man von mir als Bedingung für die Anknüpfung von Verhandlungen das Zurückgehen hinter den Niemen verlangt; aber genau ebenso hat man von mir vor zwei Monaten das Zurückgehen hinter die Oder und hinter die Weichsel gefordert, und obwohl ich das nicht getan habe, sind Sie jetzt doch bereit zu unterhandeln.«
Er ging schweigend von einer Ecke des Zimmers nach der andern und blieb dann wieder vor Balaschow stehen. Dieser bemerkte, daß Napoleons linke Wade noch schneller zitterte als vorher und daß sich sein Gesicht in seinem strengen Ausdruck gleichsam versteinerte. Dieses Zittern der linken Wade kannte Napoleon an sich. »Das Zittern meiner linken Wade ist bei mir ein bedeutsames Zeichen«, äußerte er gelegentlich.
»Solche Zumutungen wie die, das Land bis zur Oder und Weichsel zu räumen, kann man an den Fürsten eines Landes wie Baden richten, aber nicht an mich«, rief Napoleon fast schreiend und war selbst von dem Klang seiner Stimme überrascht. »Solche Bedingungen würde ich nicht annehmen, selbst wenn ihr mir Petersburg und Moskau bötet. Ihr sagt, ich hätte diesen Krieg begonnen! Aber wer ist denn früher zur Armee gegangen? Der Kaiser Alexander und nicht ich! Und jetzt macht ihr mir den Vorschlag, Unterhandlungen zu beginnen, jetzt, wo ich Millionen ausgegeben habe, wo ihr ein Bündnis mit England geschlossen habt und wo eure Lage eine üble ist. Jetzt macht ihr mir den Vorschlag zu Unterhandlungen! Und welchen Zweck verfolgt denn euer Bündnis mit England? Was hat euch England gegeben?« sagte er schnell. Offenbar beabsichtigte er bei seiner Rede nicht mehr, die Vorteile des Friedensschlusses darzulegen und seine Möglichkeit zu erörtern, sondern nur die Rechtmäßigkeit seines eigenen Verhaltens und seiner Stärke und demgegenüber Alexanders Unrecht und schlimme Fehler zu beweisen.
Der Anfang seiner Rede hatte augenscheinlich den Zweck verfolgt, die Vorteile seiner Lage auseinanderzusetzen und zu zeigen, daß er trotzdem bereit sei, in Verhandlungen einzutreten. Aber nun er ins Sprechen hineingekommen war, vermochte er, je länger er sprach, um so weniger seiner Rede eine bestimmte Richtung zu geben.
Der ganze Zweck seiner Rede war jetzt offenbar nur, sich selbst zu erhöhen und über Alexander Verletzendes zu sagen, das heißt gerade das zu tun, was er am Anfang der Unterredung am allerwenigsten hatte tun wollen.
»Es heißt, Sie hätten mit den Türken Frieden geschlossen?« Balaschow neigte bejahend den Kopf.
»Der Friede ist geschlossen …«, begann er.
Aber Napoleon ließ ihn nicht weiterreden. Er schien allein reden zu wollen und fuhr mit jener Redelust und nervösen Unaufhaltsamkeit zu reden fort, zu welcher verwöhnte Menschen neigen.
»Ja, ich weiß, Sie haben mit den Türken Frieden geschlossen, ohne die Moldau und die Walachei zu erhalten. Und ich hätte Ihrem Kaiser diese Provinzen ebenso gegeben, wie ich ihm Finnland gegeben habe. Ja«, fuhr er fort, »ich hatte es versprochen und hätte dem Kaiser Alexander die Moldau und die Walachei gegeben; und jetzt wird er nun diese schönen Provinzen nicht bekommen. Und doch hätte er sie mit seinem Reich vereinigen und so seine Herrschaft vom Bottnischen Meerbusen bis zu den Donaumündungen ausdehnen können. Katharina die Große hätte nichts Großartigeres erreichen können«, sagte Napoleon, der immer mehr in Hitze geriet, im Zimmer auf und ab ging und Balaschow gegenüber fast dieselben Worte wiederholte, die er in Tilsit zu Alexander selbst gesagt hatte. »Alles das hätte er meiner Freundschaft verdankt. Ach, was für ein schönes Reich, was für ein schönes Reich!« wiederholte er mehrere Male, blieb stehen, holte eine goldene Tabaksdose aus der Tasche, öffnete sie und zog gierig etwas von dem Inhalt mit der Nase ein. »Was für ein schönes Reich hätte das Reich des Kaisers Alexander sein können!«
Er richtete einen mitleidigen Blick auf Balaschow; aber kaum schickte sich dieser an, etwas zu bemerken, als Napoleon ihn wieder hastig unterbrach.
»Was konnte er wünschen und suchen, das er in meiner Freundschaft nicht gefunden hätte …?« sagte er und zuckte dabei verwundert mit den Achseln. »Aber nein, er fand es besser, meine Feinde zu sich heranzuziehen, und wen? wen?« fuhr Napoleon fort. »Männer wie Stein, Armfelt, Bennigsen, Wintzingerode hat er zu sich berufen. Stein ist ein aus seinem Vaterland vertriebener Verräter, Armfelt ein Wüstling und Intrigant, Wintzingerode ein geflüchteter französischer Untertan; Bennigsen hat ein bißchen mehr von einem Soldaten an sich als die andern, aber er ist dabei doch ein unfähiger Mensch, der im Jahre 1807 nicht verstanden hat, etwas zu erreichen, und eigentlich beim Kaiser Alexander schreckliche Erinnerungen erwecken müßte … Nun ja, wenn es noch fähige Menschen wären, dann könnte man sich ihrer ja bedienen«, fuhr Napoleon fort, kaum imstande, mit dem Wort den unaufhörlich in seinem Geist sich bildenden einzelnen Gedanken zu folgen, die ihm als Beweise für sein Recht und für seine Macht (was in seiner Vorstellung dasselbe war) dienten. »Aber auch das ist nicht der Fall: sie taugen nichts, weder im Krieg noch im Frieden! Barclay, heißt es, ist tüchtiger als die übrigen; aber nach seinen ersten Bewegungen zu urteilen, kann ich das nicht sagen. Und was tun sie denn, was tun sie denn, alle diese Höflinge? Pfuel macht einen Vorschlag, Armfelt bekämpft ihn, Bennigsen prüft ihn nach, und Barclay, dessen Aufgabe es ist, mit den Truppen zu operieren, weiß dann nicht, wozu er sich entschließen soll; so vergeht die Zeit, ohne daß etwas geleistet wird. Nur Bagration ist ein Militär. Viel Verstand hat er nicht; aber er besitzt Erfahrung, Augenmaß und Entschlossenheit … Und was für eine Rolle spielt Ihr junger Kaiser in dieser häßlichen Gesellschaft? Sie kompromittieren ihn und wälzen ihm die Verantwortung für alles, was geschieht, zu. Ein Herrscher soll sich nur dann beim Heer aufhalten, wenn er selbst ein Feldherr ist«, sagte er, und es war unverkennbar, daß diese Worte geradezu als eine Kränkung gegen die Person des Kaisers Alexander gerichtet waren. Napoleon wußte, wie heiß Alexander ein Feldherr zu sein wünschte.
»Nun ist es schon eine Woche her, daß der Feldzug begonnen hat, und ihr habt nicht einmal verstanden, Wilna zu schützen. Ihr seid in zwei Teile getrennt und aus den polnischen Provinzen vertrieben. Eure Armee murrt.«
»Im Gegenteil, Euer Majestät«, wandte Balaschow ein, der kaum imstande war, alles im Kopf zu behalten, was der Kaiser zu ihm sagte, und nur mit Mühe diesem prasselnden Feuerwerk von Worten folgte. »Die Truppen brennen vor Verlangen …«
»Ich weiß alles«, unterbrach ihn Napoleon, »ich weiß alles und kenne die Zahl eurer Bataillone ebenso genau wie die der meinigen. Ihr habt keine zweihunderttausend Mann, und ich habe dreimal soviel. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort«, sagte Napoleon, ohne daran zu denken, daß dieses sein Ehrenwort keinen Wert haben konnte, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich fünfhundertunddreißigtausend Mann diesseits der Weichsel stehen habe. Die Türken sind für euch keine Hilfe: sie taugen zu nichts und haben das dadurch bewiesen, daß sie mit euch Frieden geschlossen haben. Und was die Schweden anlangt, so sind sie einmal dazu prädestiniert, von wahnsinnigen Königen regiert zu werden. Ihr früherer König war verrückt; sie haben ihn gewechselt und sich einen andern genommen, diesen Bernadotte, und der hat nun auch gleich den Verstand verloren; denn nur ein Wahnsinniger kann als Schwede ein Bündnis mit Rußland schließen.«
Napoleon lächelte boshaft und führte wieder die Tabaksdose an die Nase.
Auf jeden Satz Napoleons hätte Balaschow etwas zu erwidern gehabt und hätte das gern getan; er machte fortwährend Bewegungen, wie wenn er etwas zu sagen wünschte; aber Napoleon ließ ihn nicht zu Worte kommen. Gegen die Verrücktheit der Schweden wollte Balaschow sagen, daß Schweden eine Insel sei, wenn Rußland als Freund hinter ihm stehe; aber Napoleon fing zornig zu schreien an, um seine Stimme zu übertönen. Napoleon befand sich in jenem Zustand nervöser Erregung, wo man reden und reden und reden muß, nur um sich selbst zu beweisen, daß man recht hat. Balaschows Lage wurde peinlich: als Abgesandter fürchtete er, seiner Würde etwas zu vergeben, und hielt für notwendig, etwas zu erwidern; aber als Mensch duckte er sich, in geistigem Sinn gesagt, vor diesem maßlosen Zorn, in den Napoleon ohne eigentlichen Grund augenscheinlich hineingeraten war. Er war überzeugt, daß alles das, was Napoleon jetzt sagte, keine weitere Bedeutung habe, und daß dieser selbst, sobald er zur Besinnung komme, sich des Gesagten schämen werde. Balaschow stand mit gesenkten Augen da, blickte danach hin, wie sich Napoleons dicke Beine beim Auf- und Abgehen bewegten, und suchte seinem Blick auszuweichen.
»Was können mir diese eure Verbündeten schaden?« sagte Napoleon. »Ich habe ganz andere Verbündete, die Polen; das sind achtzigtausend Mann; die werden wie die Löwen kämpfen. Und bald werden ihrer zweihunderttausend sein.«
Und wahrscheinlich in noch größere Aufregung hineingeratend, weil er sich bewußt war, damit eine offenbare Unwahrheit gesagt zu haben, und weil Balaschow, voll Ergebung in sein Schicksal, in derselben Haltung schweigend vor ihm dastand, drehte er sich bei seiner Wanderung kurz um, kam zurück, trat ganz dicht vor Balaschows Gesicht hin und schrie ihn unter heftigen, schnellen Gestikulationen seiner weißen Hände an:
»Das mögt ihr wissen: wenn ihr Preußen gegen mich aufwiegelt, so wische ich es von der Landkarte Europas weg«, sagte er mit blassem, wutverzerrtem Gesicht und schlug dabei energisch mit einer seiner kleinen Hände in die andere. »Ja, ich werde euch hinter die Düna und hinter den Dnjepr zurückwerfen und gegen euch jenes Bollwerk wieder aufrichten, dessen Zerstörung zu gestatten Europa verbrecherisch und blind genug war. Ja, so wird es euch ergehen; das ist’s, was ihr damit gewonnen habt, daß ihr meine Gegner geworden seid«, sagte er und ging schweigend und mit den dicken Schultern zuckend wieder einige Male im Zimmer hin und her.
Er steckte die Tabaksdose in die Westentasche, nahm sie aber sogleich wieder heraus, hielt sie sich ein paarmal an die Nase und blieb vor Balaschow stehen. Er schwieg, blickte dem Abgesandten spöttisch gerade in die Augen und sagte mit leiser Stimme:
»Und was für ein schönes Reich hätte Ihr Gebieter haben können!«
Balaschow, der es für notwendig hielt, etwas zu erwidern, sagte, Rußland sehe die Dinge nicht in so trübem Licht. Napoleon schwieg, fuhr fort ihn spöttisch anzusehen und hörte augenscheinlich nicht darauf hin, was er sagte. Balaschow bemerkte, in Rußland erwarte man vom Krieg alles Gute. Napoleon nickte freundlich und herablassend mit dem Kopf, wie wenn er sagen wollte: »Ich weiß, Sie müssen pflichtmäßig so sprechen; aber Sie glauben es selbst nicht; ich habe Sie überzeugt.«
Als Balaschow mit seiner Antwort zu Ende war, zog Napoleon wieder die Tabaksdose heraus, schnupfte aus ihr und klopfte, wie als Signal, mit dem Fuß zweimal auf den Boden. Die Tür öffnete sich; ein Kammerherr überreichte dem Kaiser mit ehrfurchtsvoller Verbeugung Hut und Handschuhe, ein anderer das Taschentuch. Ohne die beiden Kammerherren anzusehen, wandte sich Napoleon zu Balaschow:
»Bringen Sie von mir dem Kaiser Alexander die Versicherung«, sagte er, indem er den Hut hinnahm, »daß ich ihm wie früher ergeben bin; ich kenne ihn genau und schätze seine vorzüglichen Eigenschaften sehr hoch. Aber ich will Sie nicht länger aufhalten, General; mein Brief an den Kaiser wird Ihnen zugestellt werden.«
Mit diesen Worten ging Napoleon schnell zur Tür. Aus dem Wartezimmer eilten alle ihm voran und die Treppe hinunter.
VII
Nach allem, was Napoleon zu ihm gesagt hatte, nach jenen Zornausbrüchen und nach den letzten in trockenem Ton gesprochenen Worten: »Ich will Sie nicht länger aufhalten, General; mein Brief wird Ihnen zugestellt werden«, war Balaschow überzeugt, daß Napoleon nicht mehr wünschen werde, ihn zu sehen, ja sogar ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm geflissentlich vermeiden werde, mit ihm, dem beleidigten Abgesandten und vor allen Dingen dem Zeugen seiner unpassenden Heftigkeit. Aber zu seiner Verwunderung empfing Balaschow durch Duroc eine Einladung zur Tafel des Kaisers für denselben Tag.
Bei dem Diner waren noch Bessières, Caulaincourt und Berthier zugegen.
Napoleon begrüßte Balaschow mit heiterer, freundlicher Miene. Von Verlegenheit oder Selbstvorwürfen wegen seines heftigen Wesens am Vormittag war ihm nichts anzumerken; ganz im Gegenteil gab er sich Mühe, Balaschow aufzumuntern. Man sah, daß für Napoleon nach seiner Anschauung die Möglichkeit, Irrtümer und Fehler zu begehen, schon längst nicht mehr existierte, und daß nach seiner Meinung alles, was er tat, gut war, nicht weil es sich mit dem allgemein anerkannten Begriff des Guten deckte, sondern eben weileres tat.
Der Kaiser war nach seinem Spazierritt durch Wilna sehr gut gelaunt. Große Haufen Volkes hatten ihn enthusiastisch begrüßt und geleitet. Aus allen Fenstern der Straßen, durch die er geritten war, waren Teppiche, Fahnen und sein Monogramm ausgehängt gewesen, und die polnischen Damen hatten zu seiner Begrüßung mit den Taschentüchern geweht.
Bei Tisch wies er Balaschow einen Platz neben sich an und behandelte ihn nicht nur freundlich, sondern so, als ob er auch Balaschow zu seinen Hofleuten rechnete, zu denen, die mit seinen Plänen sympathisierten und sich über seine Erfolge naturgemäß freuten. Unter anderen Gesprächsgegenständen fing er auch an über Moskau zu reden und erkundigte sich bei Balaschow nach dieser russischen Residenz, nicht nur in der Art, wie ein wißbegieriger Reisender sich nach einem fremden Ort erkundigt, den er zu besuchen beabsichtigt, sondern gewissermaßen in der Überzeugung, daß Balaschow sich als Russe durch diese Wißbegierde geschmeichelt fühlen müsse.
»Wieviel Einwohner hat Moskau? Wieviel Häuser? Ist es wahr, daß Moskau das heilige Moskau genannt wird? Wieviel Kirchen gibt es in Moskau?« fragte er.
Und auf die Antwort, daß es dort mehr als zweihundert Kirchen gebe, sagte er:
»Wozu denn eine solche Unmenge von Kirchen?«
»Die Russen sind sehr fromm«, antwortete Balaschow.
»Aber eine große Zahl von Klöstern und Kirchen ist immer ein Zeichen der Rückständigkeit eines Volkes«, bemerkte Napoleon und blickte sich nach Caulaincourt um, um zu sehen, wie dieser wohl über die soeben ausgesprochene allgemeine Behauptung urteilte.
Balaschow erlaubte sich respektvoll anderer Meinung zu sein als der französische Kaiser.
»Jedes Land hat seine eigenen Sitten«, sagte er.
»Aber nirgends in Europa gibt es etwas Ähnliches«, entgegnete Napoleon.
»Ich bitte Euer Majestät um Verzeihung«, antwortete Balaschow. »Außer in Rußland gibt es auch in Spanien viele Kirchen und Klöster.«
Diese Antwort Balaschows, die eine Hindeutung auf die Niederlage enthielt, welche die Franzosen unlängst in Spanien erlitten hatten, wurde, als Balaschow von ihr am Hof des Kaisers Alexander berichtet hatte, dort außerordentlich bewundert, während sie jetzt an der Tafel Napoleons sehr wenig gewürdigt wurde und fast unbeachtet vorüberging.
Den gleichgültigen, verwunderten Gesichtern der Herren Marschälle war anzusehen, daß sie nicht begriffen, worin bei diesem Satz eigentlich die Pointe stecken sollte, da doch auf das Vorhandensein einer solchen Balaschows besondere Betonung hinzuweisen schien. »Wenn wirklich eine Pointe darin war, so haben wir sie nicht verstanden, oder sie ist nicht gerade sehr geistreich gewesen«, sagte der Gesichtsausdruck der Marschälle. So wenig wurde diese Antwort gewürdigt, daß Napoleon auf sie überhaupt nicht aufmerksam wurde und an Balaschow die sehr naive Frage richtete, über welche Städte der gerade Weg von Wilna nach Moskau führe. Balaschow, der während des ganzen Diners auf seiner Hut war, antwortete, wie jeder Weg nach Rom führe, so führe auch jeder nach Moskau; es gebe viele Wege, darunter auch den über Poltawa, welchen Karl XII. gewählt habe. Dabei wurde Balaschow unwillkürlich ganz rot vor Freude darüber, daß ihm diese Antwort so gut gelungen sei. Aber er hatte die letzten Worte über Poltawa noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als schon Caulaincourt von der Unbequemlichkeit der Landstraße von Petersburg nach Moskau und von seinen Petersburger Erinnerungen zu reden begann.
Als die Tafel aufgehoben war, ging man, um Kaffee zu trinken, in Napoleons Arbeitszimmer, welches vier Tage vorher das Arbeitszimmer des Kaisers Alexander gewesen war. Napoleon setzte sich, nippte ein wenig an seinem Kaffee in der Sèvres-Tasse und lud durch eine Handbewegung Balaschow ein, auf dem Stuhl neben ihm Platz zu nehmen.
Nach dem Mittagessen befindet man sich nicht selten in einer solchen Stimmung, daß man, unbekümmert um alle Vernunftgründe, mit sich selbst zufrieden ist und alle Menschen für seine Freunde hält. In dieser Stimmung war auch Napoleon. Er hatte die Empfindung, daß er von Menschen umgeben sei, die ihn vergötterten, und war überzeugt, daß nach seinem Diner auch Balaschow sein Freund und Verehrer sei. Mit einem freundlichen, ein wenig spöttischen Lächeln wandte er sich zu ihm.
»Wie mir gesagt wurde, ist dies dasselbe Zimmer, in welchem Kaiser Alexander gewohnt hat. Sonderbar, nicht wahr, General?« sagte er, augenscheinlich ohne daran zu zweifeln, daß diese Bemerkung dem Angeredeten nur angenehm sein könne, da aus ihr seine, Napoleons, Überlegenheit über Alexander hervorging.
Balaschow konnte darauf nichts antworten und neigte schweigend den Kopf.
»Ja, in diesem Zimmer haben vor vier Tagen Wintzingerode und Stein Rat gehalten«, fuhr Napoleon mit demselben spöttischen, selbstzufriedenen Lächeln fort. »Was ich nicht begreifen kann«, fügte er hinzu, »ist dies, daß Kaiser Alexander alle meine persönlichen Feinde in seine Nähe gezogen hat. Das begreife ich nicht. Er hat wohl nicht bedacht, daß ich dasselbe tun kann?« sagte er in fragendem Ton zu Balaschow, und dieser Gedanke führte ihn wieder auf die Vorstellungsreihe, bei der er am Vormittag so zornig geworden war; dieser Zorn glühte in seinem Innern noch unter der Asche.
»Er mag sich gesagt sein lassen, daß ich das tun werde«, sagte Napoleon, indem der aufstand und seine Tasse mit der Hand zurückstieß. »Und ich werde auch alle seine Verwandten aus Deutschland vertreiben: die Württemberger und die Badenser und die Weimaraner … jawohl, hinausjagen werde ich sie. Er mag nur ein Asyl für sie in Rußland bereithalten!«
Balaschow neigte den Kopf und deutete durch seine Miene an, daß er sich gern empfehlen möchte und nur zuhöre, weil er eben nicht anders könne als anhören, was zu ihm gesagt werde. Aber Napoleon bemerkte diesen Gesichtsausdruck nicht; er verkehrte mit Balaschow nicht wie mit dem Abgesandten seines Feindes, sondern wie mit jemandem, der ihm jetzt völlig ergeben sei und sich über die Herabsetzung seines früheren Herrn freuen müsse.
»Und warum hat Kaiser Alexander das Kommando über die Truppen übernommen? Was hat das für Zweck? Der Krieg istmeinHandwerk;erversteht wohl ein Land zu regieren, aber nicht Truppen zu kommandieren. Warum hat er eine so große Verantwortung auf sich genommen?«
Napoleon griff wieder zu seiner Tabaksdose, ging schweigend einige Male im Zimmer auf und ab und trat plötzlich unerwartet an Balaschow heran. Mit freundlicher Miene und mit einer solchen Sicherheit, Schnelligkeit und Natürlichkeit, als ob das, was er tat, nicht nur etwas sehr Wichtiges, sondern auch für Balaschow etwas sehr Angenehmes wäre, hob er die Hand zu dem Gesicht des vierzigjährigen russischen Generals in die Höhe, faßte ihn am Ohr und zog leise daran, wobei er nur mit den Lippen lächelte.
Vom Kaiser am Ohr gezogen zu werden galt am französischen Hof für die größte Ehre und Gnade.
»Nun, Sie sagen ja gar nichts, Sie Bewunderer und Höfling des Kaisers Alexander?« sagte er, als wäre es komisch, in seiner Gegenwart der Höfling und Bewunderer eines anderen zu sein als der seinige, Napoleons. »Stehen Pferde für den General bereit?« fügte er hinzu und neigte leicht den Kopf als Antwort auf Balaschows Verbeugung. »Geben Sie ihm von meinen Pferden; er hatweit zu reiten.«
Das Antwortschreiben, das Balaschow überbrachte, war der letzte Brief Napoleons an Alexander. Alle Einzelheiten der Unterredung wurden dem russischen Kaiser berichtet, und der Krieg begann …
VIII
Nach dem Wiedersehen mit Pierre in Moskau reiste Fürst Andrei nach Petersburg, in Geschäften, wie er seinen Angehörigen sagte, aber in Wirklichkeit, um dort Anatol Kuragin zu treffen, was er für unumgänglich notwendig hielt. Aber Kuragin, nach dem er sich sogleich nach seiner Ankunft in Petersburg erkundigte, war nicht mehr dort. Pierre hatte seinem Schwager mitgeteilt, daß Fürst Andrei auf der Suche nach ihm sei, und Anatol Kuragin hatte sofort von dem Kriegsminister die Weisung erhalten, sich zur Moldau-Armee zu begeben, und war dieser Weisung nachgekommen. Zu derselben Zeit war Fürst Andrei in Petersburg mit seinem ehemaligen Chef Kutusow zusammengetroffen, der ihm immer freundlich gesinnt gewesen war, und dieser hatte ihm den Vorschlag gemacht, mit ihm zur Moldau-Armee zu gehen, zu deren Oberkommandierendem der alte General ernannt war. Nachdem Fürst Andrei seine Zuweisung zum Stab des Hauptquartiers erhalten hatte, reiste er nach der Türkei ab.
An Kuragin zu schreiben und ihm zum Duell zu fordern, hielt Fürst Andrei für unzweckmäßig. Da kein neuerer Grund zum Duell vorlag, so fürchtete Fürst Andrei, durch eine derartige Forderung die Komtesse Rostowa zu kompromittieren, und suchte deshalb eine persönliche Begegnung mit Kuragin, in der Absicht, dabei einen neuen Grund zum Duell zu finden. Aber auch bei der Moldau-Armee gelang es ihm nicht, Kuragin zu treffen, der, unmittelbar nachdem Fürst Andrei dort eingetroffen war, die Rückreise nach Rußland angetreten hatte.
In dem neuen Land und in den neuen Verhältnissen wurde es dem Fürsten Andrei leichter, das Leben zu ertragen. Nach dem Treuebruch seiner Braut, der ihn um so tiefer schmerzte, je sorgfältiger er dessen Wirkung auf sein Gemüt vor allen zu verbergen suchte, war ihm die ganze Lebenssphäre, in der er so glücklich gewesen war, gar zu drückend geworden und noch drückender die Freiheit und Unabhängigkeit, die er früher so hoch geschätzt hatte. Er hing nicht mehr jenen früheren Gedanken nach, die ihm zum erstenmal gekommen waren, als er auf dem Schlachtfeld von Austerlitz zum Himmel emporblickte, und die er gern im Gespräch mit Pierre weiter verfolgt hatte, und mit denen er seine einsamen Stunden in Bogutscharowo und dann in der Schweiz und in Rom ausgefüllt hatte; ja er mied es sogar, sich an diese Gedanken zu erinnern, die ihm eine unendliche, helle Fernsicht erschlossen hatten. Ihn interessierten jetzt nur die nächstliegenden praktischen Beschäftigungen, die mit seinen früheren in keiner Verbindung standen, und nach diesen Beschäftigungen griff er mit um so größerer Gier, je weiter sie von seinen früheren ablagen. Es hatte sich gewissermaßen jenes endlose, ferne, ferne Himmelsgewölbe, das über ihm gestanden hatte, in ein niedriges, eng begrenztes, ihn erdrückendes Gewölbe verwandelt, in welchem zwar alles deutlich sichtbar war, aber nichts Ewiges, Geheimnisvolles Raum fand.
Von den Tätigkeiten, die sich ihm darboten, war der Militärdienst die einfachste und ihm vertrauteste. In der Stellung eines diensttuenden Generals im Stab Kutusows widmete er sich den Geschäften mit hartnäckigem Eifer und setzte Kutusow durch seine Arbeitslust und Sorgfalt in Erstaunen. Nachdem er Kuragin in der Türkei nicht gefunden hatte, hielt Fürst Andrei es nicht für notwendig, ihm wieder nach Rußland nachzujagen; aber soviel wußte er: mochte es auch noch so lange dauern, bis er Kuragin traf – trotz aller Verachtung, die er gegen diesen Menschen hegte, und trotz aller Beweise, die er sich selbst gegenüber dafür vorbrachte, daß er sich nicht dazu herabwürdigen dürfe, ihm als Gegner gegenüberzutreten, werde er, wenn er ihn einmal träfe, einem inneren Zwang gehorchend ihn fordern, gerade wie ein Hungriger nicht anders kann als sich auf die Speise stürzen. Und dieses Bewußtsein, daß die Beleidigung noch nicht gerächt war, daß der Grimm noch keinen Ausbruch gefunden hatte, sondern ihm auf der Seele lastete, vergiftete dem Fürsten Andrei die künstliche Ruhe, die er sich bei einer mühevollen, anstrengenden und bis zu einem gewissen Grade ehrgeizigen, ruhmsüchtigen Tätigkeit in der Türkei zu eigen zu machen suchte.
Als im Jahre 1812 die Kunde von dem Krieg mit Napoleon nach Bukarest gelangte (wo Kutusow zwei Monate lang gewohnt und alle Tage und Nächte bei seiner Walachin zugebracht hatte), richtete Fürst Andrei an Kutusow die Bitte um seine Versetzung zur Westarmee. Kutusow, der Bolkonskis bereits überdrüssig geworden war, da dessen eifrige Geschäftigkeit gewissermaßen einen Vorwurf für seine eigene Untätigkeit bildete, entließ ihn sehr gern und gab ihm eine Überweisung an Barclay de Tolly mit.
Bevor Fürst Andrei sich zur Armee begab, die sich im Mai in einem Lager an der Drissa befand, fuhr er nach Lysyje-Gory heran, welches dicht an seinem Weg lag, da es nur drei Werst von der großen Smolensker Landstraße entfernt war. Die letzten drei Jahre hatten im Leben des Fürsten Andrei so viele Umwälzungen mit sich gebracht, er hatte so vieles durchdacht, empfunden und gesehen (er war im Westen und im Osten herumgekommen), daß er sich ganz sonderbar überrascht fühlte, als er bei der Einfahrt in Lysyje-Gory wahrnahm, daß hier das Leben genau so wie früher, bis auf die geringsten Einzelheiten genau ebenso dahinfloß. Als er in die Allee und in das steinerne Tor einfuhr, da hatte er die Empfindung, als komme er in ein verzaubertes, schlafendes Schloß. Dieselbe Ehrbarkeit, dieselbe Sauberkeit, dieselbe Stille herrschte in diesem Haus wie ehemals: da waren noch dieselben Möbel, dieselben Wände, dieselben Geräusche, derselbe Geruch und dieselben furchtsamen Gesichter, nur daß diese etwas älter geworden waren. Prinzessin Marja war noch ganz dasselbe schüchterne, unschöne, alternde Mädchen, das in Furcht und steten seelischen Leiden, ohne Nutzen und Freude, die besten Jahre ihres Lebens hinbrachte. Mademoiselle Bourienne war dieselbe selbstzufriedene, kokette Person, die jede Minute ihres Lebens heiter ausnutzte und für ihre eigene Zukunft die fröhlichsten Hoffnungen hegte; nur war sie, wie es dem Fürsten Andrei vorkam, noch sicherer und zuversichtlicher in ihrem Auftreten geworden. Der Erzieher Dessalles, den er aus der Schweiz mitgebracht hatte, trug einen Rock nach russischem Schnitt und sprach unter arger Entstellung der Sprache russisch mit der Dienerschaft; aber er war immer noch derselbe mäßig kluge, gebildete, tugendhafte, pedantische Erzieher. Der alte Fürst hatte sich körperlich nur insofern verändert, als an der einen Seite des Mundes das Fehlen eines Zahnes zu bemerken war; geistig war er ganz derselbe wie früher; nur zeigte er sich noch jähzorniger und glaubte noch weniger an die Wirklichkeit dessen, was in der Welt vorging. Nur Nikolenka war gewachsen und hatte sich sehr verändert: er hatte rote Wangen und dunkles, lockiges Haar bekommen, und wenn er vergnügt war und lachte, so zog er, ohne es selbst zu wissen, die Oberlippe seines hübschen Mündchens genau ebenso in die Höhe, wie es die verstorbene kleine Fürstin getan hatte. Er war der einzige, der in diesem verzauberten, schlafenden Schloß dem Gesetz der Unveränderlichkeit nicht unterworfen war. Aber obgleich äußerlich alles beim alten geblieben zu sein schien, hatten sich doch die inneren Beziehungen aller dieser Menschen während der Zeit, wo Fürst Andrei sie nicht gesehen hatte, gar sehr verändert. Die Hausgenossen hatten sich in zwei Lager geteilt, die einander fremd und feindlich gegenüberstanden und nur jetzt, solange Fürst Andrei da war, um seinetwegen ihre gewohnte Lebensweise änderten und sich miteinander vertrugen. Zu dem einen Lager gehörten der alte Fürst, Mademoiselle Bourienne und der Baumeister, zu dem andern Prinzessin Marja, Dessalles, Nikolenka und alle Kinderfrauen und Wärterinnen.
Während der Anwesenheit des Fürsten Andrei in Lysyje-Gory aßen alle Hausgenossen zusammen zu Mittag; aber allen war unbehaglich zumute, und Fürst Andrei fühlte, daß er ein Gast war, um dessentwillen eine Ausnahme gemacht wurde, und daß er alle durch seine Gegenwart genierte. Am ersten Tag war Fürst Andrei, der das unwillkürlich fühlte, beim Mittagessen schweigsam, und der alte Fürst, der wohl merkte, daß der Sohn sich nicht frei und natürlich gab, beobachtete gleichfalls ein mürrisches Stillschweigen und zog sich gleich nach Tisch wieder auf sein Zimmer zurück. Als Fürst Andrei am Abend zu ihm ging und, um ihn ein wenig anzuregen, von dem Feldzug des jungen Grafen Kamenski zu erzählen anfing, da begann der alte Fürst unerwarteterweise mit ihm von der Prinzessin Marja zu sprechen und schalt auf sie wegen ihres Aberglaubens und wegen ihrer Lieblosigkeit gegen Mademoiselle Bourienne, die nach seiner Behauptung die einzige war, die ihm eine treue Hingabe bewies.
Der alte Fürst sagte, wenn er krank sei, so sei daran nur Prinzessin Marja schuld; sie quäle und reize ihn absichtlich; auch verderbe sie den kleinen Fürsten Nikolai durch Verhätschelung und durch törichte Redereien. Der alte Fürst wußte sehr wohl, daß er seine Tochter quälte und daß diese ein sehr schweres Leben hatte; aber er wußte auch, daß er nicht anders konnte als sie quälen, und war der Meinung, daß sie das verdiente. »Warum sagt denn Fürst Andrei, der doch sieht, wie es steht, mir nichts von seiner Schwester?« dachte der alte Fürst. »Was denkt er denn eigentlich? Daß ich ein Bösewicht oder ein alter Narr bin und mich ohne Grund von meiner Tochter abgewandt und diese Französin an mich herangezogen habe? Er hat kein Verständnis dafür, und darum ist es nötig, daß ich es ihm erkläre und er meine Gründe hört.« Und so begann er denn die Gründe darzulegen, weshalb er das verdrehte Benehmen seiner Tochter nicht ertragen könne.
»Wenn Sie mich fragen«, erwiderte Fürst Andrei, ohne seinen Vater anzusehen (es war das erstemal in seinem Leben, wo er seinem Vater sagte, daß er ihm unrecht gäbe), »– ich hatte nicht reden wollen, aber wenn Sie mich fragen, so will ich Ihnen über alles dies aufrichtig meine Meinung sagen. Wenn zwischen Ihnen und Marja Verstimmung und Entfremdung bestehen, so vermag ich ihr in keiner Weise die Schuld daran beizumessen; ich weiß, welche Liebe und Verehrung sie für ihren Vater fühlt. Wenn Sie mich fragen«, fuhr Fürst Andrei erregt fort, wie er denn in letzter Zeit immer leicht in Erregung geriet, »so kann ich nur das eine sagen: wenn eine Entfremdung besteht, so ist die Ursache davon das nichtswürdige Frauenzimmer, das nicht die Gesellschafterin meiner Schwester sein dürfte.«
Der Alte hatte anfangs seinen Sohn mit starren Augen angeblickt und beim Lächeln in einer unnatürlich wirkenden Weise die neue Zahnlücke sichtbar werden lassen, an deren Anblick Fürst Andrei sich noch nicht hatte gewöhnen können.
»Gesellschafterin? Gesellschafterin, mein Teuerster? He? Du hast schon mit deiner Schwester davon gesprochen? He?«
»Lieber Vater, ich wollte mich nicht zum Richter aufwerfen«, erwiderte Fürst Andrei in bitterem, hartem Ton; »aber Sie haben mich aufgefordert, und daher habe ich gesagt und werde ich immer sagen, daß Prinzessin Marja keine Schuld trägt; die Schuld tragen … die Schuld trägt diese Französin …«
»Ach, er spricht mich schuldig … spricht mich schuldig!« sagte der Alte leise und, wie es dem Fürsten Andrei schien, verlegen; aber dann sprang er plötzlich auf und schrie: »Hinaus, hinaus! Laß dich hier nicht wieder blicken …!«
Fürst Andrei wollte sofort abreisen; aber Prinzessin Marja bat ihn, noch einen Tag zu bleiben. An diesem Tag bekam Fürst Andrei den Vater nicht zu sehen, der nicht aus seinem Zimmer ging und niemanden zu sich hereinließ als Mademoiselle Bourienne und Tichon und sich mehrere Male erkundigte, ob sein Sohn schon abgereist sei. Am andern Tag ging Fürst Andrei vor seiner Abreise in die Zimmer seines Sohnes. Er nahm den frischen, gesunden Knaben, der von seiner Mutter das lockige Haar hatte, auf den Schoß und begann ihm das Märchen von Blaubart zu erzählen, versank aber, noch ehe er die Erzählung zu Ende geführt hatte, in seine Gedanken. Während er sein nettes Söhnchen auf dem Schoß hielt, dachte er nicht an das Kind, sondern an sich selbst. Er suchte in seinem Innern ein Gefühl der Reue darüber, daß er seinen Vater erzürnt hatte, ein Gefühl des Bedauerns darüber, daß er (zum erstenmal in seinem Leben) in Unfrieden von ihm ging, und gewahrte mit Schrecken, daß diese Gefühle in ihm nicht vorhanden waren. Und das Wichtigste war ihm, daß er auch die frühere Zärtlichkeit gegen seinen Sohn vergeblich in sich suchte, die er dadurch, daß er den Knaben liebkoste und auf den Schoß nahm, in sich zu erwecken gehofft hatte.
»Aber erzähle doch weiter!« sagte der Kleine.
Fürst Andrei hob ihn, ohne zu antworten, von seinem Schoß herunter und ging aus dem Zimmer.
Sowie Fürst Andrei seine tägliche Beschäftigung aufgegeben hatte, und namentlich sowie er wieder in die früheren Lebensverhältnisse eingetreten war, in denen er damals gelebt hatte, als er noch glücklich war, hatte ihn sogleich wieder der Lebensüberdruß mit der alten Kraft gepackt, und er beeilte sich nun, möglichst schnell von diesen Erinnerungen wegzukommen und recht bald wieder eine Tätigkeit für sich zu finden.
»Wirst du wirklich abreisen, Andrei?« fragte ihn seine Schwester.
»Gott sei Dank, daß ich fort kann«, erwiderte Fürst Andrei. »Es tut mir sehr leid, daß du es nicht kannst.«
»Warum redest du so!« rief Prinzessin Marja. »Warum redest du so, jetzt, wo du in diesen schrecklichen Krieg gehst und der Vater so alt ist! Mademoiselle Bourienne sagt, er habe nach dir gefragt …«
Sobald sie hiervon zu sprechen anfing, begannen ihre Lippen zu zittern und die Tränen zu fließen. Fürst Andrei wendete sich von ihr ab und ging im Zimmer hin und her.
»Ach, mein Gott! Mein Gott!« sagte er. »Und wenn man bedenkt, wodurch und durch wen … durch was für nichtswürdige Kreaturen Menschen unglücklich gemacht werden können!« stöhnte er mit einem Ingrimm, über den Prinzessin Marja erschrak.
Sie verstand, daß er mit den nichtswürdigen Kreaturen nicht nur Mademoiselle Bourienne meinte, durch die sie unglücklich geworden war, sondern auch den Mann, der ihm sein Glück zerstört hatte.
»Andrei, um eines bitte ich dich, flehe ich dich an«, sagte sie, indem sie seinen Ellbogen berührte und ihn mit leuchtenden Augen durch ihre Tränen hindurch anblickte. »Ich verstehe dich« (Prinzessin Marja schlug die Augen nieder). »Glaube nicht, daß Menschen dir Leid bereitet haben. Die Menschen sind nur Seine Werkzeuge.« Sie blickte ein wenig über den Kopf des Fürsten Andrei hinweg, mit dem sicheren, gewohnten Blick, mit dem man nach dem bekannten Platz eines Porträts hinsieht. »Das Leid kommt von Ihm, nicht von Menschen. Die Menschen sind nur Seine Werkzeuge; sie tragen keine Schuld. Wenn es dir scheint, daß sich jemand gegen dich vergangen hat, so vergib und vergiß. Wir haben kein Recht zu strafen. Dann wirst du die Wonne des Verzeihens kosten.«
»Wenn ich ein Weib wäre, so würde ich das tun, Marja. Das ist eine Tugend für Frauen. Aber ein Mann kann und soll nicht vergeben und vergessen«, erwiderte er, und obwohl er bis zu diesem Augenblick nicht an Kuragin gedacht hatte, stieg plötzlich der ganze noch nicht durch Rache gestillte Ingrimm in seinem Herzen wieder in die Höhe.
»Wenn Prinzessin Marja mir schon zuredet, zu verzeihen«, dachte er, »so folgt daraus, daß ich ihn schon längst hätte bestrafen müssen.« Und ohne ihr zu antworten, malte er sich jetzt den frohen, furchtbaren Augenblick aus, wo er mit Kuragin zusammentreffen werde, der, wie er wußte, sich bei der Armee befand.
Prinzessin Marja bat ihren Bruder inständig, doch noch einen Tag zu warten; sie sagte, sie wisse, wie unglücklich der Vater sein werde, wenn Andrei abreise, ohne sich mit ihm versöhnt zu haben; aber Fürst Andrei erwiderte, er werde wahrscheinlich bald wieder von der Armee zurückkommen; jedenfalls werde er an den Vater schreiben; je länger er jetzt noch bliebe, um so mehr werde sich der Zwist verschärfen.
»Adieu, Andrei. Halte dir gegenwärtig, daß das Leid von Gott kommt und die Menschen nie daran schuld sind«, das waren die letzten Worte, die er von seiner Schwester hörte, als er von ihr Abschied nahm.
»Ja, so muß es zugehen!« dachte Fürst Andrei; als er aus der Allee von Lysyje-Gory hinausfuhr. »Sie, dieses schuldlose, bedauernswerte Wesen, bleibt den Peinigungen des geistesschwach gewordenen alten Mannes ausgesetzt. Dieser selbst fühlt, daß er sich versündigt, ist aber nicht imstande sich zu ändern. Mein Knabe wächst heran und freut sich seines Lebens, in welchem er ein ebensolcher Mensch werden wird wie alle: ein Betrüger oder ein Betrogener. Ich reise zur Armee, ich weiß selbst nicht, warum, und wünsche jenen von mir verachteten Menschen zu treffen, um ihm die Möglichkeit zu geben, mich zu töten und sich über mich lustig zu machen!« Die Lebensverhältnisse des Fürsten Andrei waren früher dieselben gewesen; aber damals hatten sie alle unter sich eine Verbindung und einen Zusammenhang gehabt, jetzt war alles auseinandergefallen. Nur sinnlose Erscheinungen ohne alle Verknüpfung boten sich eine nach der andern seinem geistigen Auge dar.
IX
Fürst Andrei traf Ende Juni im Hauptquartier ein. Die Truppen der ersten Armee, derjenigen, bei der sich der Kaiser befand, waren in einem befestigten Lager an der Drissa untergebracht; die Truppen der zweiten Armee, welche den Versuch gemacht hatten, sich mit der ersten zu vereinigen, waren zurückgewichen, weil sie, wie es hieß, durch überlegene französische Streitkräfte von jener abgeschnitten worden waren. Alle waren mit dem gesamten Gang, den der Krieg für die russische Armee nahm, unzufrieden; aber an die Gefahr eines Einrückens der Feinde in die russischen Gouvernements dachte niemand; niemand glaubte, daß sich der Krieg noch über die westlichen, polnischen Gouvernements hinaus ausdehnen werde.
Fürst Andrei fand Barclay de Tolly, dem er zugewiesen war, am Ufer der Drissa. Da in der Nähe des Lagers kein größeres Dorf oder Städtchen lag, so hatte sich die ganze gewaltige Menge der Generale und Hofleute, die sich bei der Armee befand, in einem Umkreis von zehn Werst in den besten Häusern der kleinen Dörfchen diesseits und jenseits des Flusses einquartiert. Barclay de Tollys Quartier lag vier Werst von dem des Kaisers entfernt. Er empfing Bolkonski trocken und kühl und sagte ihm mit seiner deutschen Aussprache, er werde dem Kaiser über ihn Meldung machen, damit ihm eine bestimmte Stellung zugewiesen werde; vorläufig ersuche er ihn, bei seinem Stab zu bleiben. Anatol Kuragin, den Fürst Andrei bei der Armee zu finden gehofft hatte, war nicht dort: er war jetzt wieder in Petersburg; und diese Nachricht war dem Fürsten Andrei angenehm. Der gewaltige Krieg, der sich jetzt abspielte und in dessen Zentrum er sich befand, nahm ihn ganz in Anspruch, und er war froh, auf einige Zeit von der gereizten Stimmung freizukommen, die der Gedanke an Kuragin bei ihm hervorrief. Während der ersten vier Tage, wo niemand von ihm eine Tätigkeit verlangte, ritt Fürst Andrei das ganze befestigte Lager ab und suchte mit Hilfe seiner Kenntnisse und eingehender Gespräche mit Sachkundigen sich eine bestimmte Meinung darüber zu bilden. Aber die Frage, ob dieses Lager vorteilhaft oder unvorteilhaft sei, mochte Fürst Andrei nicht entscheiden. Er hatte aus seiner militärischen Erfahrung bereits die Überzeugung gewonnen, daß im Krieg die mit der tiefsten Gelehrsamkeit ausgedachten Pläne nichts nützen (wie er das bei der Schlacht bei Austerlitz mit angesehen hatte), sondern alles davon abhängt, wie man auf die unerwarteten und gar nicht vorherzusehenden Handlungen des Feindes antwortet, sowie davon, wie und von wem die ganze Sache geleitet wird. Um über diese letzte Frage ins klare zu kommen, suchte Fürst Andrei unter Benutzung seiner Stellung und seiner Bekanntschaften in den Charakter der Heeresleitung, d.h. der an ihr beteiligten Personen und Parteien einzudringen, und gelangte dabei zu folgender Anschauung von der Lage der Dinge.
Als sich der Kaiser noch in Wilna befand, war die Armee in drei Teile geteilt: die erste Armee kommandierte Barclay de Tolly, die zweite Bagration, die dritte Tormasow. Der Kaiser befand sich bei der ersten Armee, aber nicht in der Eigenschaft eines Oberkommandierenden. In den Tagesbefehlen an die Armeen war nicht gesagt, daß der Kaiser das Kommando führen werde; gesagt war nur, er werde bei der Armee sein. Außerdem war beim Kaiser persönlich nicht der Stab des Oberkommandierenden, sondern der Stab des kaiserlichen Hauptquartiers. Bei ihm befanden sich: der Chef des kaiserlichen Stabes, Generalquartiermeister Fürst Wolkonski, Generale, Flügeladjutanten, Beamte der Diplomatie und eine große Anzahl von Ausländern; aber der Stab der Armee war nicht da. Außerdem waren ohne eigentliches Amt in der Umgebung des Kaisers: der frühere Kriegsminister Araktschejew; Graf Bennigsen, der Rangälteste unter den Generalen; der Großfürst Thronfolger Konstantin Pawlowitsch; der Kanzler Graf Rumjanzew; der ehemalige preußische Minister Stein; der schwedische General Armfelt; Pfuel, der bei der Aufstellung des Feldzugsplanes die Oberleitung gehabt hatte; der Generaladjutant Paulucci, ein sardinischer Emigrant; Wolzogen und viele andere. Obgleich diese Personen sich ohne ein militärisches Amt bei der Armee befanden, übten sie doch vermöge ihrer Stellung einen großen Einfluß aus, und oftmals wußte ein Korpskommandeur oder sogar der Oberkommandierende selbst nicht, in welcher Eigenschaft Bennigsen oder der Großfürst oder Araktschejew oder Fürst Wolkonski über dies und das Fragen stellten und den einen oder andern Rat gaben, und ob eine solche in Form eines Rates gekleidete Weisung von diesen Herren persönlich oder vom Kaiser herrührte, und ob sie somit befolgt werden mußte oder nicht. Aber dies war nur etwas mehr Äußerliches; welche Bedeutung die Anwesenheit des Kaisers und aller dieser Personen in Wirklichkeit hatte, das war vom höfischen Standpunkt aus (und bei Anwesenheit des Kaisers werden alle zu Hofleuten) einem jeden klar. Diese Bedeutung war folgende: der Kaiser hatte den Titel eines Oberkommandierenden nicht angenommen, traf aber Anordnungen für alle Armeen, und die Männer, die ihn umgaben, waren dabei seine Gehilfen. Araktschejew war ein treuer Vollstrecker der kaiserlichen Befehle, ein Wächter der Ordnung, ein Leibtrabant des Kaisers. Bennigsen besaß im Gouvernement Wilna Güter und machte sozusagen die Honneurs des Gouvernements; er war wirklich ein tüchtiger General, im Rat gut zu gebrauchen und auch insofern nützlich, als man ihn immer in Bereitschaft hatte, um Barclay zu ersetzen. Der Großfürst war da, weil es ihm so beliebte, der ehemalige Minister Stein, weil er bei Beratungen nützliche Dienste leisten konnte und weil Kaiser Alexander seine persönlichen Eigenschaften hoch schätzte. Armfelt war ein grimmiger Hasser Napoleons und ein General, der ein großes Selbstvertrauen besaß, was auf Kaiser Alexander nie seine Wirkung verfehlte. Paulucci war da, weil er im Reden eine große Dreistigkeit und Entschiedenheit an den Tag legte. Die Generaladjutanten waren da, weil sie eben überall zu finden waren, wo sich der Kaiser Alexander von der Zweckmäßigkeit dieses Planes überzeugt hatte und nun die gesamten Operationen leitete. Zu Pfuel gehörte auch Wolzogen, dessen Aufgabe es war, Pfuels Gedanken in verständlicherer Form vorzutragen, als es dieser selbst, ein krasser, selbstbewußter, alle anderen verachtender Stubengelehrter vermochte.
Außer diesen genannten Personen, teils Russen, teils Ausländer (von denen besonders die Ausländer mit derjenigen Dreistigkeit, die sich die Menschen beim Wirken in fremder Umgebung gern aneignen, alle Tage neue, überraschende Pläne in Vorschlag brachten), waren noch viele Personen zweiten Ranges da, die sich deshalb bei der Armee befanden, weil ihre Chefs dort waren.
Aus all den Meinungen und Reden bei dieser gewaltigen, unruhigen, glänzenden, stolzen Menschenklasse erkannte Fürst Andrei die folgenden Richtungen und Parteien heraus, die ziemlich scharf voneinander gesonderte Unterabteilungen darstellten.
Die erste Partei wurde von Pfuel und seinen Anhängern gebildet, Theoretikern des Krieges, die da glaubten, es gebe eine Wissenschaft des Krieges und in dieser Wissenschaft unveränderliche Gesetze, Gesetze der schrägen Bewegung, der Umgebung usw. Gemäß diesen strikten, von der vermeintlichen Theorie des Krieges vorgeschriebenen Gesetzen verlangten Pfuel und seine Anhänger, die Armeen sollten sich tief in das Innere des Landes zurückziehen, und erblickten in jeder Abweichung von dieser Theorie nur Barbarentum, Mangel an Bildung oder böse Absichten. Zu dieser Partei gehörten die deutschen Prinzen, Wolzogen, Wintzingerode und andere, hauptsächlich Deutsche.
Die zweite Partei stand zu der ersten in schroffem Gegensatz. Wie es gewöhnlich der Fall ist, fehlte es dem einen Extrem gegenüber nicht an Vertretern des anderen Extrems. Die Männer dieser Partei waren diejenigen, die in Wilna verlangt hatten, man solle nach Polen vorrücken und sich durch keinerlei im voraus festgesetzte Pläne in der Bewegungsfreiheit beschränken lassen. Abgesehen davon, daß die Anhänger dieser Partei für kühnes Handeln eintraten, waren sie auch gleichzeitig die Vertreter der nationalen Richtung, was sie bei den Debatten noch einseitiger machte. Dies waren die Russen Bagration, Jermolow, dessen Stern damals im Aufsteigen begriffen war, und einige andere. Damals wurde zuerst das bekannte Witzwort Jermolows kolportiert: er wolle den Kaiser nur um die eine Gnade bitten, ihn zum Deutschen zu ernennen. Die Männer dieser Partei sagten unter Berufung auf Suworow, man müsse nicht grübeln, nicht die Landkarte mit Stecknadeln bestecken, sondern kämpfen, den Feind schlagen, ihn nicht nach Rußland hineinlassen und dafür sorgen, daß die Truppen nicht mutlos würden.
Zu der dritten Partei, zu welcher der Kaiser das meiste Vertrauen hatte, gehörten Hofleute, die einen Kompromiß zwischen den erstgenannten beiden Richtungen herzustellen suchten. Die Männer dieser Partei, zu der auch Araktschejew, größtenteils aber Zivilisten gehörten, glaubten und sagten, was gewöhnlich Leute sagen, die keine eigene Überzeugung haben, aber doch eine solche zu haben scheinen möchten. Sie sagten, der Krieg verlange ohne Zweifel, namentlich wenn man es mit einem solchen Genie wie Bonaparte zu tun habe (man nannte ihn jetzt wieder Bonaparte), die tiefsinnigsten Kombinationen, eine subtile Kenntnis der Wissenschaft, und auf diesem Gebiet sei Pfuel geradezu genial; aber zugleich müsse man zugeben, daß die Theoretiker oft einseitig seien, und dürfe ihnen deshalb nicht ausschließlich vertrauen, sondern müsse auch auf das hören, was Pfuels Gegner sagten, die Männer der Praxis, die im Kriegswesen Erfahrung hätten, und aus allem die Mitte nehmen. Die Männer dieser Partei befürworteten, man solle dem Pfuelschen Plan gemäß das Lager an der Drissa beibehalten, aber die Bewegungen der anderen Armeen ändern. Obgleich bei dieser Art zu handeln weder das eine noch das andere Ziel erreicht wurde, schien es den Männern dieser Partei dennoch so das beste zu sein.
Die vierte Richtung war die, deren hervorragendster Vertreter der Großfürst Thronfolger war, der die ihm bei Austerlitz widerfahrene Enttäuschung nicht vergessen konnte, wo er wie bei einer Parade in Helm und Koller vor der Garde einhergeritten war in der Erwartung, die Franzosen mit frischem Mut niederzuwerfen, und, da er unvermutet in die vorderste Linie gekommen war, nur mit Mühe sich in der allgemeinen Verwirrung gerettet hatte. Die Männer dieser Partei zeigten in ihren Äußerungen die Vorzüge und die Fehler der Offenherzigkeit. Sie fürchteten Napoleon, sahen in ihm ein Sinnbild der Kraft, in sich ein Sinnbild der Schwäche und sprachen dies unverhohlen aus. Sie sagten: »Dies alles führt zu weiter nichts als zu Unglück, Schande und Verderben! Wir haben Wilna aufgegeben, wir haben Witebsk aufgegeben, wir werden auch die Drissa aufgeben. Das einzig Verständige, das uns zu tun übrigbleibt, ist Frieden zu schließen, und zwar so schnell wie möglich, ehe wir auch noch aus Petersburg verjagt werden!« Diese in den höheren Schichten der Armee stark verbreitete Anschauung fand auch in Petersburg Unterstützung, sowie bei dem Kanzler Rumjanzew, der aus Gründen der Staatsräson gleichfalls für den Frieden war.
Die fünfte Partei waren diejenigen, die sich zu Barclay de Tolly hielten, weil sie, ohne alle seine menschlichen Eigenschaften zu verteidigen, seine Tätigkeit als Kriegsminister und Oberkommandierender hochschätzten. Sie sagten: »Mag er im übrigen sein, wie er will« (so begannen ihre Reden stets), »aber ehrenhaft und tüchtig ist er, und einen besseren haben wir nicht. Man gebe ihm nur eine wirkliche Macht, da ein Krieg ohne einheitliche Leitung nicht mit Erfolg geführt werden kann, und er wird zeigen, was er leisten kann, wie er es in Finnland gezeigt hat. Wenn unsere Armee, ohne Niederlagen zu erleiden, in guter Ordnung und ungeschwächt bis zur Drissa zurückgegangen ist, so verdanken wir das nur Barclay. Wird Barclay jetzt durch Bennigsen ersetzt, so ist alles verloren; denn Bennigsen hat seine Unfähigkeit schon im Jahre 1807 hinreichend gezeigt.« So redeten die Männer dieser Partei.
Die Anhänger der sechsten, Bennigsenschen Partei sagten dagegen, es sei doch niemand tüchtiger und erfahrener als Bennigsen, und wie man sich auch drehen und wenden möge, man komme doch immer wieder auf ihn zurück. »Macht nur jetzt immerzu Fehler!« (Und die Männer dieser Partei bewiesen, daß unser ganzer Rückmarsch zur Drissa die schmachvollste Niederlage und eine ununterbrochene Reihe von Fehlern gewesen sei.) »Je mehr Fehler ihr macht, um so besser; wenigstens werdet ihr dann eher zu der Einsicht kommen, daß es so nicht weitergehen kann«, sagten sie. »Wir brauchen nicht einen Barclay, sondern einen Mann wie Bennigsen, der sich schon im Jahre 1807 bewährt hat und dem Napoleon selbst hat Gerechtigkeit widerfahren lassen; wir brauchen einen Mann, in dessen Hände wir mit frohem Herzen die Macht legen können. Und ein solcher Mann ist einzig und allein Bennigsen.«
Die siebente Partei bildeten Leute, wie sie in der Umgebung von Herrschern, und namentlich von jungen Herrschern, immer zu finden sind, und die in der Umgebung des Kaisers Alexander besonders zahlreich waren: Generale und Flügeladjutanten, die ihm leidenschaftlich ergeben waren und ihn nicht als Kaiser, sondern als Menschen vergötterten, aufrichtig und uneigennützig wie es Rostow im Jahre 1805 getan hatte, und die an ihm nicht nur alle Tugenden, sondern auch alle Geistesgaben fanden, die ein Mensch nur besitzen kann. Diese Männer waren zwar von der Bescheidenheit des Kaisers entzückt, der auf das Kommando über die Truppen verzichtet hatte, tadelten aber dieses Übermaß von Bescheidenheit und wünschten und verlangten nur das eine: der vergötterte Kaiser möge, das übermäßige Mißtrauen gegen sich selbst ablegend, offen erklären, daß er sich an die Spitze der Truppen stelle; er möge sich mit dem Generalstab umgeben und, indem er sich erforderlichenfalls mit erfahrenen Theoretikern und Praktikern berate, selbst seine Truppen führen, die nur dadurch auf den höchsten Grad der Begeisterung gebracht werden könnten.
Die achte, größte Gruppe, die ihrer gewaltigen Quantität nach sich zu den andern wie neunundneunzig zu eins verhielt, bestand aus Menschen, die weder den Frieden noch den Krieg wünschten, weder Offensivbewegungen noch ein Defensivlager, weder an der Drissa noch sonstwo, weder Barclay noch den Kaiser, weder Pfuel noch Bennigsen, sondern nur eines, das für sie den Kern des Ganzen bildete: möglichst viel Vorteil und Vergnügen für sich selbst. In dem trüben Gewässer der einander kreuzenden und verwirrenden Intrigen, von denen es im kaiserlichen Hauptquartier wimmelte, war es in vieler Hinsicht möglich, Dinge zu erreichen, deren Erreichung zu anderer Zeit undenkbar gewesen wäre. Der eine, der weiter nichts wünschte als seine vorteilhafte Stellung nicht zu verlieren, stimmte an dem einen Tag mit Pfuel, am nächsten mit dessen Gegner, und erklärte am dritten Tag, lediglich um sich der Verantwortung zu entziehen und es dem Kaiser recht zu machen, er habe über den betreffenden Gegenstand kein eigenes Urteil. Ein anderer, welcher Vorteile zu erlangen wünschte, lenkte die Aufmerksamkeit des Kaisers dadurch auf sich, daß er das, was der Kaiser tags zuvor als seine eigene Meinung angedeutet hatte, im Kriegsrat mit großem Stimmaufwand vortrug, stritt und schrie und sich auf die Brust schlug und Andersdenkende zum Duell forderte und damit zeigte, daß er bereit sei, sich für das Gemeinwohl zum Opfer zu bringen. Ein dritter forderte einfach zwischen zwei Sitzungen und in Abwesenheit seiner persönlichen Feinde für sich eine Extrabelohnung für seine treuen Dienste, da er wohl wußte, daß jetzt keine Zeit war, die Sache zu prüfen und die Bitte abzuschlagen. Ein vierter kam, anscheinend zufällig, dem Kaiser gerade in solchen Augenblicken vor Augen, wo er den Eindruck machen konnte, als sei er mit Arbeit überlastet. Ein fünfter bewies mit großer Erregung und unter Beibringung mehr oder minder starker und zutreffender Gründe die Richtigkeit oder Unrichtigkeit irgendeiner neu auftretenden Idee, lediglich um ein längst ersehntes Ziel zu erreichen: eine Einladung zur kaiserlichen Tafel. Alle, die zu dieser Partei gehörten, haschten nach Rubeln, Orden und Beförderungen und achteten bei diesen Bestrebungen nur darauf, nach welcher Richtung die Wetterfahne der kaiserlichen Gunst wies. Kaum hatten sie bemerkt, daß diese Wetterfahne sich nach einer bestimmten Seite gewandt hatte, so begann auch dieser ganze Drohnenschwarm beim Heer nach derselben Seite zu blasen, so daß es dem Kaiser um so schwerer wurde, die Fahne wieder nach einer anderen Seite zu drehen. Inmitten der Ungewißheit der Lage und angesichts der ernsten, drohenden Gefahr, die jedem Schritt etwas Beängstigendes, Aufregendes gab, und inmitten dieses Wirbels von Intrigen, von ehrgeizigen Bestrebungen und von mannigfaltigen aufeinanderprallenden Meinungen und Richtungen, und endlich bei der Nationalitätsverschiedenheit aller dieser Personen: zu alledem steigerte diese achte, größte Partei, deren Mitglieder sich nur mit persönlichen Interessen beschäftigten, noch in hohem Grad die Zerfahrenheit und Unklarheit, die in den öffentlichen Angelegenheiten herrschten. Welche Frage auch immer neu aufgeworfen wurde, der Schwarm dieser Drohnen flog, ehe noch das erste Thema erledigt war, zum neuen herüber, machte durch sein Gesumme die ehrlich debattierenden Stimmen unverständlich und betäubte sie völlig.
Aus allen diesen Parteien bildete sich gerade zu der Zeit, als Fürst Andrei zur Armee kam, noch eine neunte Partei, die ihre Stimme zu erheben begann. Dies war die Partei der alten, vernünftigen Männer, die im Staatswesen Erfahrung besaßen, und ohne eine der sich bekämpfenden Meinungen zu teilen, imstande waren, alles, was beim Stab des Hauptquartiers vorging, vorurteilslos zu betrachten und auf Mittel zu sinnen, um aus dieser Unbestimmtheit, Unentschlossenheit, Verwirrung und Schwäche herauszukommen. Die Männer dieser Partei sagten und glaubten, die Übelstände kämen vorzugsweise davon her, daß der Kaiser mit seinem militärischen Hofstaat bei der Armee anwesend sei. So sei jene schwankende Unsicherheit der Beziehungen, die bei Hof am Platz sein möge, auf die Armee übertragen worden, wo sie nur schädlich wirken könne; der Kaiser müsse regieren, aber nicht die Truppen befehligen; der einzige Ausweg aus dieser Lage sei die Abreise des Kaisers mit seinem Hofstaat von der Armee; schon die bloße Anwesenheit des Kaisers fessele fünfzigtausend Mann, die zur Sicherung seiner Person nötig seien; der schlechteste, aber unabhängige Oberkommandierende werde besser sein als der beste, der durch die Anwesenheit und Obergewalt des Kaisers gebunden sei.
Gerade in der Zeit, als sich Fürst Andrei noch ohne bestimmte Tätigkeit im Lager an der Drissa aufhielt, schrieb der Staatssekretär Schischkow, einer der Hauptvertreter dieser Partei, an den Kaiser einen Brief, welchen Balaschow und Araktschejew mit unterzeichneten. In diesem Brief machte Schischkow von der Erlaubnis Gebrauch, die ihm der Kaiser gegeben hatte, sein Urteil über den allgemeinen Gang der Dinge auszusprechen, und unterbreitete dem Kaiser in aller Ehrfurcht und unter dem Vorwand, es sei erforderlich, daß der Kaiser die hauptstädtische Bevölkerung für den Krieg begeistere, den Vorschlag, die Armee zu verlassen.
Daß er das Volk für den Krieg begeistern und zur Verteidigung des Vaterlandes aufrufen möge, wurde dem Kaiser gegenüber als Vorwand gebraucht, damit er (wie er es auch tat) den Vorschlag, das Heer zu verlassen, annähme. Und dieselbe Begeisterung (insofern sie durch des Kaisers persönliche Anwesenheit in Moskau hervorgerufen war) war nachher die wichtigste Ursache des Sieges Rußlands.
X
Dieser Brief war dem Kaiser noch nicht übergeben worden, als Barclay beim Mittagessen dem Fürsten Andrei mitteilte, der Kaiser wünsche ihn persönlich zu sprechen, um ihn nach dem Stand der Dinge in der Türkei zu befragen; er solle um sechs Uhr abends sich in Bennigsens Quartier einstellen.
An ebendiesem Tag war in dem kaiserlichen Quartier die Nachricht von einer neuen Bewegung Napoleons eingegangen, und man fürchtete, diese Bewegung könne für unsere Armee gefährlich werden (die Nachricht stellte sich aber später als falsch heraus). Und an demselben Vormittag hatte der Oberst Michaud mit dem Kaiser die Befestigungen an der Drissa abgeritten und dem Kaiser bewiesen, daß dieses von Pfuel eingerichtete befestigte Lager, das bisher für ein Meisterstück der Taktik gegolten hatte, an welchem Napoleon seinen Untergang finden müsse, in Wirklichkeit ein Wahnwitz sei und der russischen Armee zum Verderben gereichen werde.
Fürst Andrei ritt nach dem Quartier des Generals Bennigsen, der ein kleines Gutshaus dicht am Fluß bewohnte. Weder Bennigsen noch der Kaiser waren schon anwesend; aber der kaiserliche Flügeladjutant Tschernyschow empfing den Fürsten Andrei und teilte ihm mit, der Kaiser besichtige heute schon zum zweitenmal mit dem General Bennigsen und dem Marquis Paulucci die Befestigungen des Lagers an der Drissa, an dessen Zweckmäßigkeit starke Zweifel aufgetaucht seien.
Tschernyschow saß, als Fürst Andrei eintrat, mit einem französischen Roman an einem Fenster des ersten Zimmers. Dieses Zimmer hatte wahrscheinlich früher als Tanzsaal gedient; es stand darin noch eine Art Drehorgel, über die ein paar Teppiche geworfen waren, und in einer Ecke stand das Feldbett des Adjutanten Bennigsens. Dieser Adjutant war anwesend Augenscheinlich ermüdet, sei es von einem Gelage oder vom Arbeiten, saß er auf dem Bett, dessen Oberdecke zurückgeschlagen war, im Halbschlummer. Aus diesem Saal führten zwei Türen: die eine geradeaus in einen großen Salon, die andere nach rechts in ein Arbeitszimmer. Aus der ersten Tür waren Stimmen vernehmbar, die deutsch und mitunter auch französisch sprachen. Dort, in dem ehemaligen Salon, war nicht eigentlich ein Kriegsrat versammelt (der Kaiser liebte das Unbestimmte), sondern eine Anzahl von Personen, deren Meinung er angesichts der bevorstehenden Schwierigkeiten zu hören wünschte. Es war dies kein Kriegsrat, sondern sozusagen eine Versammlung von Männern, die ausgewählt waren, um dem Kaiser persönlich Aufklärung über gewisse Fragen zu geben. Zu diesem Pseudo-Kriegsrat waren eingeladen: der schwedische General Armfelt, der Generaladjutant Wolzogen, Wintzingerode, welchen Napoleon einen entflohenen französischen Untertanen genannt hatte, Michaud, Toll, der Freiherr vom Stein, obwohl er überhaupt kein Militär war, und endlich Pfuel selbst, der, wie Fürst Andrei gehört hatte, die Haupttriebfeder der ganzen Aktion war. Fürst Andrei hatte Gelegenheit, ihn genau zu betrachten, da Pfuel bald nach ihm ankam, durch den Saal nach dem Salon ging und ein Weilchen stehenblieb, um ein paar Worte mit Tschernyschow zu sprechen.
Im ersten Augenblick kam Pfuel in seiner schlecht gearbeiteten russischen Generalsuniform, die ihm so wenig paßte, als ob er sich verkleidet hätte, dem Fürsten Andrei bekannt vor, obwohl er ihn nie gesehen hatte. Er erinnerte in seiner Erscheinung an Weyrother und Mack und Schmidt und viele andere deutsche Theoretiker der Strategie, die Fürst Andrei im Jahre 1805 zu sehen Gelegenheit gehabt hatte; aber er repräsentierte den Typus reiner als diese alle. Einen solchen deutschen Theoretiker, der alle die charakteristischen Züge jener Männer in sich vereinigte, hatte Fürst Andrei noch niemals gesehen.
Pfuel war von mäßiger Größe, sehr mager, aber starkknochig, von derbem, gesundem Körperbau, mit breitem Becken und vorstehenden Schulterblättern. Sein Gesicht war sehr runzlig, die Augen lagen tief in den Höhlungen. Die Haare waren vorn an den Schläfen augenscheinlich in Eile mit einer Bürste glattgestrichen, ragten aber hinten in einzelnen Büscheln in die Höhe, was einen komischen Eindruck machte. Unruhig und ärgerlich um sich blickend, trat er in den Saal, als ob er in dem großen Salon, nach dem er hinging, alles mögliche Schlimme erwartete. Mit einer linkischen Bewegung den Degen anhebend, wandte er sich an Tschernyschow und fragte ihn auf deutsch, wo der Kaiser sei. Es lag ihm offenbar daran, möglichst schnell seinen Weg durch die Zimmer zurückzulegen und mit den Verbeugungen und Begrüßungen fertigzuwerden, um sich zur Arbeit an die Landkarte setzen zu können, wo er sich an seinem Platz fühlte. Er nickte rasch mit dem Kopf und lächelte ironisch, als er Tschernyschows Antwort hörte, der Kaiser besichtige die Befestigungen, die er, Pfuel, selbst nach Maßgabe seiner Theorie angelegt hatte. Mit seiner Baßstimme und in jenem barschen Ton, dessen sich selbstbewußte Deutsche gern bedienen, brummte er vor sich hin: »Dummheiten … die ganze Geschichte haben sie verdorben …‘s wird was Gescheites draus werden.« Fürst Andrei hörte nicht darauf hin und wollte vorbeigehen; aber Tschernyschow stellte ihn Pfuel vor und bemerkte dazu, Fürst Andrei komme aus der Türkei, wo der Krieg so glücklich beendet sei. Pfuel sah nicht sowohl den Fürsten Andrei an als vielmehr über ihn hin und äußerte lächelnd: »Das muß ein schöner taktischer Krieg gewesen sein!« Und verächtlich auflachend ging er weiter nach dem Salon, aus dem die Stimmen herausklangen.
Offenbar war Pfuel, der auch sonst stets zu gereizten, ironischen Äußerungen neigte, an diesem Tag besonders erregt, weil man gewagt hatte, ohne ihn hinzuzuziehen, sein Lager zu besichtigen und zu kritisieren. Fürst Andrei konnte sich, dank seinen Austerlitzer Erinnerungen, schon aufgrund dieser einen kurzen Begegnung mit Pfuel ein klares Bild von dem Charakter dieses Mannes machen. Pfuel war von einem unerschütterlichen, unheilbaren, geradezu fanatischen Selbstbewußtsein erfüllt, wie es eben nur bei den Deutschen vorkommt, und zwar besonders deswegen, weil nur die Deutschen aufgrund einer abstrakten Idee selbstbewußt sind, aufgrund der Wissenschaft, d.h. einer vermeintlichen Kenntnis der vollkommenen Wahrheit. Der Franzose ist selbstbewußt, weil er meint, daß seine Persönlichkeit sowohl durch geistige als durch körperliche Vorzüge auf Männer und Frauen unwiderstehlich bezaubernd wirkt. Der Engländer ist selbstbewußt aufgrund der Tatsache, daß er ein Bürger des besteingerichteten Staates der Welt ist, und weil er als Engländer immer weiß, was er zu tun hat, und weiß, daß alles, was er als Engländer tut, zweifellos das Richtige ist. Der Italiener ist selbstbewußt, weil er ein aufgeregter Mensch ist und leicht sich und andere vergißt. Der Russe ist besonders deswegen selbstbewußt, weil er nichts weiß und auch nichts wissen will, da er nicht an die Möglichkeit glaubt, daß man etwas wissen könne. Aber bei dem Deutschen ist das Selbstbewußtsein schlimmer, hartnäckiger und widerwärtiger als bei allen andern, weil er sich einbildet, die Wahrheit zu kennen, nämlich die Wissenschaft, die er sich selbst ausgedacht hat, die aber für ihn die absolute Wahrheit ist.
Ein solcher Mensch war offenbar Pfuel. Er war im Besitz der Wissenschaft, d.h. einer Theorie der schrägen Bewegung; diese Theorie hatte er sich aus der Geschichte der Kriege Friedrichs des Großen abgeleitet, und alles, was ihm in der neueren Kriegsgeschichte vorkam, erschien ihm als Unsinn, als Barbarei, als wüste Rauferei, wobei von beiden Seiten so viele Fehler begangen seien, daß diese Kriege gar nicht Kriege genannt werden könnten; sie fügten sich nicht in die Theorie und konnten nicht als Objekt der Wissenschaft dienen.
Im Jahre 1806 hatte Pfuel an der Aufstellung des Feldzugsplanes für jenen Krieg mitgearbeitet, der mit Jena und Auerstedt endete; aber in dem Ausgang dieses Krieges sah er nicht den geringsten Beweis für die Unrichtigkeit seiner Theorie. Im Gegenteil waren nach seiner Anschauung die einzige Ursache des ganzen Mißlingens die Abweichungen, die man sich von seiner Theorie gestattet hatte, und mit der ihm eigenen ironischen Freude äußerte er: »Ich sagte ja vorher, daß die ganze Geschichte zum Teufel gehen werde.« Pfuel gehörte zu den Theoretikern, die in ihre Theorie so verliebt sind, daß sie den Zweck der Theorie, ihre Anwendung auf die Praxis, vergessen; in seiner Liebe zur Theorie haßte er jede Praxis und wollte von ihr nichts wissen. Er freute sich sogar über einen Mißerfolg; denn der Mißerfolg, da er von den Abweichungen herrührte, die man sich in der Praxis von der Theorie erlaubt hatte, bewies ihm lediglich die Richtigkeit seiner Theorie.
Die paar Worte, die er vor den Ohren des Fürsten Andrei und Tschernyschows über den jetzigen Krieg hingeworfen hatte, waren in einer Art gesprochen, als wisse er im voraus, daß alles schiefgehen werde, und sei damit gar nicht einmal unzufrieden. Selbst die auf dem Hinterkopf aufstarrenden ungekämmten Haarbüschel und die eilig zurechtgebürsteten Schläfenhaare schienen das gewissermaßen klar und deutlich auszusprechen.
Er ging in das andere Zimmer, den Salon, und es ließen sich von dort sogleich die tiefen, mürrischen Töne seiner Stimme vernehmen.

