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Zehnter Teil
I
Napoleon begann den Krieg mit Rußland, weil er nicht anders konnte als nach Dresden gehen, nicht anders konnte als sich durch die ihm erwiesenen Ehren und Huldigungen verblenden lassen, nicht anders konnte als eine polnische Uniform anziehen und sich der Einwirkung des zu Unternehmungen verlockenden Junimorgens überlassen, und weil er Kurakin und später Balaschow gegenüber seinen Jähzorn nicht zu beherrschen imstande war.
Alexander lehnte alle Verhandlungen ab, weil er sich persönlich gekränkt fühlte. Barclay de Tolly gab sich alle Mühe, das Heer so gut wie möglich zu führen, um seine Pflicht zu erfüllen und den Ruhm eines großen Feldherrn zu verdienen. Rostow sprengte zum Angriff auf die Franzosen los, weil er den Wunsch nicht unterdrücken konnte, über das offene Feld hin zu galoppieren. Und genau ebenso handelten nach Maßgabe ihrer persönlichen Eigenschaften, Gewohnheiten, Verhältnisse und Ziele all die zahllosen an diesem Krieg beteiligten Personen. Sie fürchteten sich, rühmten sich, freuten sich, waren unzufrieden und räsonierten, alles in der Meinung, sie wüßten, was sie täten, und täten es um ihrer selbst willen; und doch waren sie sämtlich unfreiwillige Werkzeuge der Geschichte und verrichteten eine ihnen selbst verborgene, uns aber verständliche Arbeit. Das ist das unabänderliche Los aller Wirkenden und Handelnden, und sie sind um so unfreier, je höher sie auf der Stufenleiter menschlicher Ehren und Würden stehen.
Jetzt sind die Männer, die im Jahre 1812 mitgewirkt haben, längst von ihren Plätzen abgetreten, ihre persönlichen Interessen sind spurlos verschwunden, und nur die geschichtlichen Resultate jener Zeiten liegen vor unsern Augen.
Sobald wir es aber als eine innere Notwendigkeit betrachten, daß die Völker Europas unter Napoleons Führung in das Innere Rußlands eindrangen und dort umkamen, wird die ganze, in sich widerspruchsvolle, sinnlose, grausame Tätigkeit der an diesem Krieg beteiligten Menschen für uns verständlich.
Die Vorsehung ließ alle diese Menschen, die ihre eigenen Ziele zu erreichen trachteten, zur Herbeiführung eines einzigen gewaltigen Resultates zusammenwirken, von dem kein Mensch, weder Napoleon noch Alexander und noch weniger irgendein anderer der an diesem Krieg Beteiligten, die geringste Ahnung hatte.
Jetzt ist uns klar, was im Jahre 1812 der Grund des Unterganges der französischen Armee war. Niemand wird bestreiten, daß den Untergang der Truppen Napoleons zwei Ursachen herbeiführten: einerseits der Umstand, daß die Franzosen in später Jahreszeit ohne Vorbereitungen auf einen Winterfeldzug in das Innere Rußlands eindrangen, und andererseits der Charakter, den der Krieg infolge der Einäscherung russischer Städte und der Erweckung des russischen Volkshasses gegen den Feind annahm. Damals aber sah niemand voraus, was jetzt einleuchtend erscheint: daß nur auf diesem Weg eine Armee von acht mal hunderttausend Mann, die beste auf der Welt und geführt von dem besten Feldherrn, bei dem Zusammenstoß mit der halb so starken, unerfahrenen, von unerfahrenen Führern befehligten russischen Armee vernichtet werden konnte. Und dies sah nicht nur niemand voraus, sondern es waren sogar alle Anstrengungen von seiten der Russen beständig darauf gerichtet, das zu verhindern, wodurch allein Rußland gerettet werden konnte; und von seiten der Franzosen waren trotz Napoleons Erfahrung und seines sogenannten Feldherrngenies alle Anstrengungen darauf gerichtet, zu Ende des Sommers Moskau zu erreichen, d.h. gerade das zu tun, was zu ihrem Untergang führen mußte.
In den Geschichtswerken über das Jahr 1812 sprechen die französischen Schriftsteller gern davon, daß es dem Kaiser Napoleon nicht entgangen sei, wie gefährlich die große Ausdehnung seiner Operationslinie war, daß er eine Schlacht gesucht habe, daß seine Marschälle ihm geraten hätten, bei Smolensk haltzumachen, und was dergleichen Behauptungen mehr sind, durch die bewiesen werden soll, daß man die Gefährlichkeit des Feldzuges schon damals erkannte; und mit noch größerem Eifer reden die russischen Schriftsteller davon, daß gleich bei Beginn des Feldzuges der Plan eines Skythenkrieges bestanden habe, also der Plan, Napoleon in das Innere Rußlands hineinzulocken, und der eine schreibt diesen Plan Pfuel zu, ein anderer irgendeinem Franzosen, ein dritter Tolly, ein vierter dem Kaiser Alexander selbst, wobei sie sich auf Memoiren, Projekte und Briefe berufen, in denen sich tatsächlich Hindeutungen auf diese Art der Kriegführung finden. Aber alle diese Hindeutungen, aus denen man schließen könnte, daß jemand auf französischer oder russischer Seite das später Geschehene vorausgesehen habe, werden jetzt nur deswegen hervorgeholt, weil die Ereignisse ihnen recht gegeben haben. Wären die Ereignisse nicht eingetreten, so wären diese Hindeutungen vergessen, wie jetzt Tausende und Millionen von entgegengesetzten Hindeutungen und Voraussagungen vergessen sind, die damals in Umlauf waren, aber keine Bestätigung fanden. Über den Ausgang eines jeden größeren Ereignisses, das sich zu vollziehen im Begriff ist, gibt es immer so viele Voraussagungen, daß, es mag enden wie es will, sich immer Leute finden werden, die sagen können: »Ich habe schon damals gesagt, daß es so kommen werde«, wobei dann ganz vergessen wird, daß unter den zahllosen Voraussagungen sich auch solche völlig entgegengesetzten Inhaltes befunden haben.
Die Annahme, Napoleon habe die Gefahr, die in der großen Ausdehnung seiner Operationslinie lag, erkannt, und die Russen ihrerseits hätten den Feind absichtlich in das Innere Rußlands hineingelockt, diese Annahme gehört augenscheinlich zu dieser Kategorie, und nur mit großer Gewaltsamkeit können die Geschichtsschreiber dem Kaiser Napoleon solche Erwägungen und den russischen Heerführern solche Pläne zuschreiben. Alle Tatsachen widersprechen einer solchen Annahme durchaus. Auf seiten der Russen bestand nicht nur während des ganzen Verlaufes des Krieges kein Wunsch, die Franzosen in das Innere Rußlands hineinzulocken, sondern sie haben im Gegenteil alles getan, um die Feinde bei ihrem ersten Eindringen in Rußland aufzuhalten; und Napoleon fürchtete nicht nur keine üblen Folgen von der großen Ausdehnung seiner Operationslinie, sondern freute sich vielmehr über jeden Schritt, den er vorwärts tat, wie über einen Triumph und suchte, abweichend von seiner Praxis in seinen früheren Feldzügen, nur mit sehr geringem Eifer eine Schlacht.
Ganz zu Anfang des Feldzuges waren unsere Heere getrennt, und das einzige Ziel, nach dem wir strebten, bestand darin, sie zu vereinigen, obgleich doch, wenn der Plan war sich zurückzuziehen und den Feind in das Innere des Landes zu locken, die Vereinigung der Heere dafür keinen Vorteil brachte. Kaiser Alexander befand sich bei der Armee, um sie zur Verteidigung jedes Fußbreites russischen Landes zu begeistern, nicht etwa um einen Rückzug zu leiten. Nach Pfuels Plan wurde ein gewaltiges Lager an der Drissa eingerichtet und ein weiterer Rückzug nicht in Aussicht genommen. Wegen eines jeden Schrittes nach rückwärts machte der Kaiser dem Oberkommandierenden Vorwürfe. Nicht nur der Brand von Moskau, sondern auch schon, daß man den Feind bis Smolensk kommen ließ, erschien dem Kaiser ganz unfaßbar, und da die Armeen nun vereinigt waren, zeigte er sich sehr aufgebracht darüber, daß Smolensk eingeäschert und dem Feind überlassen und nicht vor seinen Mauern eine Hauptschlacht geliefert worden war.
So dachte der Kaiser; die russischen Heerführer aber und alle Russen waren noch unzufriedener darüber, daß die Unsrigen in das Innere des Landes zurückwichen.
Nachdem Napoleon unsere Heere getrennt hatte, rückte er in das Innere des Landes vor und ließ mehrere Gelegenheiten, eine Schlacht zu liefern, unbenutzt. Im August war er in Smolensk und hatte keinen andern Gedanken, als weiter vorzudringen, obwohl, wie wir jetzt wissen, dieses Vorrücken für ihn zweifellos verderblich war.
Die Tatsachen zeigen mit völliger Klarheit, daß weder Napoleon in dem Marsch nach Moskau eine Gefahr vorhersah, noch Alexander und die russischen Heerführer damals an ein Hereinlocken Napoleons dachten, sondern vielmehr das gerade Gegenteil erstrebten. Wenn Napoleon immer tiefer ins Land hineinzog, so wurde das nicht durch irgendeinen Verlockungsplan herbeigeführt (an die Möglichkeit eines solchen glaubte überhaupt niemand), sondern es war das Resultat des sehr komplizierten Zusammenwirkens von allerlei Intrigen, Absichten und Wünschen der am Krieg Beteiligten, die nicht ahnten, was nach dem Willen der Vorsehung geschehen sollte und was die einzige Rettung Rußlands war. Alles nahm einen unerwarteten Gang. Am Anfang des Feldzuges waren unsere Heere getrennt. Wir bemühten uns, sie zu vereinigen, in der offenbaren Absicht, eine Schlacht zu liefern und den Vormarsch des Feindes aufzuhalten; aber indem wir bei diesem Streben nach Vereinigung eine Schlacht mit dem stärkeren Feind vermieden und unwillkürlich im spitzen Winkel zurückgingen, führten wir die Franzosen bis Smolensk. Aber nicht genug damit, daß wir im spitzen Winkel zurückgingen, weil die Franzosen zwischen unsern beiden Armeen vordrangen: dieser Winkel wurde auch noch spitzer, und wir zogen noch weiter weg, weil Barclay de Tolly, ein unpopulärer Deutscher, von Bagration, der unter sein Kommando treten sollte, gehaßt wurde, und weil Bagration, der die zweite Armee befehligte, sich bemühte, die Vereinigung mit Barclay möglichst lange hinauszuschieben, um sich nicht unter dessen Oberbefehl stellen zu müssen. Bagration hielt die Vereinigung, obwohl alle leitenden Persönlichkeiten in ihr das Hauptziel sahen, lange Zeit hin, weil er nach seiner Angabe der Ansicht war, er werde auf diesem Marsch sein Heer in Gefahr bringen, und es sei für ihn das Vorteilhafteste, mehr links und mehr südwärts auszuweichen, da er dabei den Feind in der Flanke und im Rücken beunruhigen und seine eigene Armee in der Ukraine komplettieren könne. Indessen scheint er diese Begründung nur ersonnen zu haben, weil er keine Lust hatte, sich dem verhaßten und im Dienstrang ihm nachstehenden Deutschen Barclay unterzuordnen.
Der Kaiser befand sich beim Heer, um dieses zu begeistern; aber seine Anwesenheit und seine Unschlüssigkeit und die enorme Menge von Ratgebern und Plänen beraubten die erste Armee aller Tatkraft, und die Armee ging zurück.
Es war nun die Absicht, in dem Lager an der Drissa stehenzubleiben; aber unerwarteterweise gelang es dem energischen Paulucci, der selbst gern ein Oberkommando gehabt hätte, den Kaiser Alexander umzustimmen; Pfuels ganzer Plan wurde verworfen und die Oberleitung Barclay übertragen. Aber da Barclay doch kein rechtes Vertrauen einflößte, so beschränkte man seine Macht. Die Heere wurden zerstückelt; es mangelte an einer einheitlichen Leitung; Barclay war unpopulär; aber aus diesem Wirrwarr, der Zerstückelung der Heere und der Unpopularität des deutschen Oberkommandierenden, ergaben sich zwei Folgen: erstens wurde man zaghaft und suchte eine Schlacht zu vermeiden, der man nicht hätte aus dem Weg zu gehen brauchen, wenn die Armeen vereint gewesen wären und ein anderer als Barclay das Kommando gehabt hätte; und zweitens wuchs die Mißstimmung gegen die Deutschen immer mehr und mehr, und der patriotische Geist regte sich immer kräftiger.
Endlich verließ der Kaiser die Armee, und als einzigen und plausibelsten Vorwand für sein Fortgehen wählte man den Gedanken aus, er müsse das Volk in den Hauptstädten dazu begeistern, den Volkskrieg zu beginnen. Und diese Reise des Kaisers nach Moskau verdreifachte die Kraft des russischen Heeres.
Der Kaiser verließ die Armee, um den Oberkommandierenden nicht mehr im Alleinbesitz der Macht zu beschränken, und hoffte, daß dieser nun entscheidendere Maßnahmen ergreifen werde; aber die Situation des Oberkommandierenden wurde nur noch verwickelter und seine Macht noch geringer. Bennigsen, der Großfürst und ein Schwarm von Generaladjutanten blieben bei der Armee, um alle Schritte des Oberkommandierenden zu beobachten und ihn zu energischem Handeln anzutreiben, und Barclay, der sich unter der Aufsicht aller dieser »Augen des Kaisers« noch unfreier fühlte als vorher, wurde noch vorsichtiger, wo es sich um entscheidende Schritte handelte, und vermied eine Schlacht.
Barclay war für Vorsicht. Der Thronfolger machte Anspielungen, es sei wohl Verrat im Spiele, und verlangte eine Hauptschlacht. Lubomirski, Bronnizki, Wlozki und andere von derselben Art brachten diesen ganzen Spektakel auf eine solche Höhe, daß Barclay unter dem Vorwand, es müßten dem Kaiser Papiere überbracht werden, die polnischen Generaladjutanten nach Petersburg schickte und mit Bennigsen und dem Großfürsten in offene Fehde trat.
Bei Smolensk vereinigten sich endlich die beiden Heere, so wenig es auch Bagration gewünscht hatte.
Bagration fuhr in einer Equipage bei dem Haus vor, in welchem Barclay wohnte. Barclay legte seine Schärpe an, kam ihm entgegen und stattete ihm, als dem älteren im Rang, Rapport ab. Bagration stellte sich trotz seines höheren Ranges in einem Wettstreit der Hochherzigkeit unter Barclays Befehl; aber obwohl er das getan hatte, vertrug er sich mit ihm noch weniger als früher. Auf Befehl des Kaisers erstattete Bagration diesem persönlich Bericht. Er schrieb an Araktschejew: »Möge der Kaiser es mir nicht übelnehmen; aber ich kann mit dem Minister« (er meinte Barclay) »schlechterdings nicht zusammen dienen. Ich bitte Sie um alles in der Welt, schicken Sie mich irgendwohin, meinetwegen nur als Regimentskommandeur; aber hier kann ich nicht bleiben. Auch wimmelt das ganze Hauptquartier von Deutschen, so daß ein Russe da nicht leben kann und auch nichts Vernünftiges auszurichten vermag. Ich habe gemeint, ich könnte hier ehrlich dem Kaiser und dem Vaterland dienen; aber bei Licht besehen stellt sich heraus, daß ich Barclay diene. Ich muß gestehen, daß ich dazu keine Lust habe.« Der Schwarm der Bronnizkis, Wintzingerodes und ähnlicher Männer vergiftete die wechselseitigen Beziehungen der Oberkommandierenden noch mehr, und das Resultat war eine noch geringere Einmütigkeit des Zusammenwirkens. Man hatte vor, die Franzosen vor Smolensk anzugreifen, und es wurde ein General hingeschickt, um die Positionen zu besichtigen. Dieser General, der Barclay haßte, ritt zu einem ihm befreundeten Korpskommandeur, verlebte bei ihm einen ganzen Tag, kehrte zu Barclay zurück und gab ein in allen Punkten ungünstiges Urteil über das Schlachtfeld ab, das er gar nicht gesehen hatte.
Während sich allerlei Streitereien und Intrigen über das künftige Schlachtfeld abspielten und wir die Franzosen suchten, uns aber über ihren Standort irrten, schlugen die Franzosen die Division Newjerowskis, auf die sie gestoßen waren, zurück, und rückten bis an die Mauern von Smolensk heran.
Wir sahen uns genötigt, eine von uns nicht erwartete Schlacht bei Smolensk anzunehmen, um unsere Verbindungen zu retten. Die Schlacht wurde geliefert. Tausende wurden auf der einen und auf der andern Seite getötet.
Smolensk wurde gegen den Willen des Kaisers und des ganzen Volkes aufgegeben. Aber die von ihrem eigenen Gouverneur getäuschten Einwohner zündeten ihre Stadt an und zogen, völlig ruiniert, nach Moskau: so wurden sie zum Vorbild für alle Russen. Sie dachten immer nur an die erlittenen Verluste und schürten den Haß gegen den Feind. Napoleon zog weiter, wir wichen immer mehr zurück, und so wurde eben das erreicht, wodurch Napoleon besiegt werden sollte.
II
Am Tag nach der Abreise seines Sohnes ließ Fürst Nikolai Andrejewitsch die Prinzessin Marja zu sich rufen.
»Nun also, bist du jetzt zufrieden?« sagte er zu ihr. »Du hast mich mit meinem Sohn entzweit! Bist du nun zufrieden? Das fehlte dir ja wohl nur noch! Bist du nun zufrieden …? Mir ist das ein Schmerz, ein großer Schmerz. Ich bin alt und schwach. Aber du hast es so gewollt. Na, nun freue dich, freue dich!«
Hierauf bekam Prinzessin Marja ihren Vater eine ganze Woche lang nicht zu sehen. Er war krank und verließ sein Zimmer nicht.
Zu ihrer Verwunderung bemerkte Prinzessin Marja, daß der alte Fürst während dieser Krankheit auch Mademoiselle Bourienne nicht zu sich ließ. Nur Tichon pflegte ihn.
Nach einer Woche kam der Fürst wieder aus seinem Zimmer heraus und begann wieder seine frühere Lebensweise, indem er sich besonders eifrig mit seinen Bauten und mit den Gärten beschäftigte; die früheren Beziehungen zu Mademoiselle Bourienne hatte er vollständig abgebrochen. Seine Miene und sein kalter Ton gegenüber der Prinzessin Marja sagten gleichsam zu ihr: »Da siehst du nun; du hattest dir etwas ausgesonnen über Beziehungen, die ich zu dieser Französin hätte, und es dem Fürsten Andrei vorgelogen und mich mit ihm entzweit. Nun siehst du, daß ich weder dich noch die Französin nötig habe.«
Die eine Hälfte des Tages verbrachte Prinzessin Marja bei Nikolenka, bei dessen Unterrichtsstunden sie zuhörte und den sie selbst im Russischen und in der Musik unterrichtete; auch unterhielt sie sich viel mit Dessalles. Die andere Hälfte des Tages verlebte sie bei ihren Büchern und mit der hochbejahrten Kinderfrau und mit den Gottesleuten, die manchmal durch die Hintertür zu ihr kamen.
Über den Krieg dachte Prinzessin Marja so, wie Frauen eben über den Krieg zu denken pflegen. Sie ängstigte sich um ihren Bruder, der mit dabei war, und schauderte vor der ihr unfaßbaren Grausamkeit, die die Menschen trieb, einander zu töten; aber für die Bedeutung dieses Krieges hatte sie kein Verständnis: er schien ihr ein Krieg von derselben Art zu sein wie alle früheren. Sie verstand die Bedeutung dieses Krieges nicht, obwohl Dessalles, mit dem sie oft sprach und der an dem Gang des Krieges ein leidenschaftliches Interesse nahm, sich Mühe gab, ihr seine eigenen Kombinationen auseinanderzusetzen, und obwohl die Gottesleute, die sie besuchten, alle auf ihre Art mit Schrecken von den umgehenden Gerüchten über den Einfall des Antichrists erzählten, und obwohl Julja, die jetzige Fürstin Drubezkaja, die wieder mit ihr in Briefwechsel getreten war, ihr aus Moskau patriotische Briefe schrieb.
»Ich schreibe Ihnen russisch, meine liebe Freundin«, schrieb Julja, »weil ich einen Haß gegen alle Franzosen und gleichermaßen auch gegen ihre Sprache habe, die ich nicht hören und nicht reden mag … Wir sind hier in Moskau alle voll Entzücken und Enthusiasmus für unsern angebeteten Kaiser.
Mein armer Mann erträgt Mühen und Hunger in jüdischen Schenken; aber die Nachrichten, die ich von ihm erhalte, tragen noch mehr zu meiner Begeisterung bei.
Sie haben gewiß von der heldenmütigen Tat Rajewskis gehört, der die Arme um seine beiden Söhne schlang und sagte: ›Ich will mit ihnen umkommen; aber wir werden nicht wanken und nicht weichen!‹ Und wirklich, obgleich der Feind noch einmal so stark war als wir, sind wir nicht gewichen. Wir verbringen die Zeit, so gut wir können; Krieg ist eben Krieg. Die Fürstinnen Alina und Sofja sitzen tagelang mit mir zusammen, und wir unglücklichen Strohwitwen führen beim Scharpiezupfen schöne Gespräche; nur Sie, liebe Freundin, fehlen uns dabei …«, usw.
Prinzessin Marja vermochte die ganze Bedeutung dieses Krieges besonders deshalb nicht zu verstehen, weil der alte Fürst nie von ihm sprach, ihn ignorierte und sich bei Tisch über Dessalles lustig machte, wenn dieser vom Krieg redete. Der Ton des Fürsten war dabei so ruhig und sicher, daß Prinzessin Marja, ohne viel zu überlegen, ihm glaubte.
Den ganzen Juli über war der alte Fürst außerordentlich tätig und sogar lebhaft. Er ließ noch einen neuen Garten anlegen und ein Wohnhaus für Gutsleute bauen. Das einzige, worüber sich Prinzessin Marja beunruhigte, war, daß er so wenig schlief und, von seiner Gewohnheit, in seinem Arbeitszimmer zu schlafen, abgehend, den Ort für sein Nachtlager alle Tage wechselte. Bald befahl er, sein Feldbett in der Galerie aufzuschlagen; bald blieb er im Salon auf dem Sofa oder auf einem Lehnstuhl sitzen und schlummerte unausgekleidet, während ihm nicht Mademoiselle Bourienne, sondern der Bursche Pjotr vorlas; bald brachte er die Nacht im Eßzimmer zu.
Am ersten August lief der zweite Brief vom Fürsten Andrei ein. In dem ersten Brief, der bald nach der Abreise des Fürsten Andrei angekommen war, hatte dieser seinen Vater demütig gebeten, ihm zu verzeihen, was er ihm zu sagen sich erlaubt hatte, und ihm seine Huld wieder zuzuwenden. Auf diesen Brief hatte der alte Fürst mit einem freundlichen Brief geantwortet und seitdem die Französin von sich ferngehalten. Der zweite Brief des Fürsten Andrei war aus der Gegend von Witebsk geschrieben, nach der Besetzung dieser Stadt durch die Franzosen, und enthielt eine kurze Schilderung des ganzen Feldzuges, die durch eine gezeichnete Kartenskizze erläutert war, und Kombinationen über den weiteren Gang des Feldzuges. In diesem Brief stellte Fürst Andrei seinem Vater die Unzuträglichkeiten vor, die die Lage seines Wohnortes in solcher Nähe des Kriegsschauplatzes und gerade auf der Linie der Truppenmärsche für ihn haben könne, und riet ihm, nach Moskau überzusiedeln.
Bei Tisch erwähnte an diesem Tag Dessalles, es verlaute, daß die Franzosen schon in Witebsk eingerückt seien; dabei fiel dem alten Fürsten wieder der Brief des Fürsten Andrei ein.
»Ich habe vom Fürsten Andrei heute einen Brief bekommen«, sagte er zur Prinzessin Marja. »Hast du ihn nicht gelesen?«
»Nein, lieber Vater«, antwortete die Prinzessin erschrocken.
Sie konnte den Brief nicht gelesen haben, von dessen Ankunft sie nicht einmal gehört hatte.
»Er schreibt von diesem Krieg«, sagte der Fürst mit jenem ihm zur Gewohnheit gewordenen geringschätzigen Lächeln, mit dem er immer von dem gegenwärtigen Krieg sprach.
»Die Nachrichten werden gewiß sehr interessant sein«, sagte Dessalles. »Der Fürst ist in der Lage, genau orientiert zu sein …«
»Ach ja, sehr interessant!« fügte auch Mademoiselle Bourienne hinzu.
»Gehen Sie hin, und holen Sie ihn mir«, wandte sich der alte Fürst an Mademoiselle Bourienne. »Sie wissen, auf dem kleinen Tisch, unter dem Briefbeschwerer.«
Mademoiselle Bourienne sprang freudig auf.
»Nein, nein!« rief er, die Stirn runzelnd. »Geh du hin, Michail Iwanowitsch!«
Michail Iwanowitsch stand auf und ging nach dem Arbeitszimmer. Aber kaum war er hinausgegangen, als der alte Fürst unruhig um sich blickte, die Serviette hinwarf und selbst ging.
»Nichts verstehen sie; sie bringen mir nur alles in Unordnung.«
Während er draußen war, sahen Prinzessin Marja, Dessalles, Mademoiselle Bourienne und selbst Nikolenka einander schweigend an. Eiligen Schrittes kehrte der alte Fürst, von Michail Iwanowitsch begleitet, zurück; er brachte den Brief und einen Bauplan mit, legte aber beides neben sich hin, ohne den Brief jemandem bei Tisch zum Lesen zu geben.
Nachdem sie in den Salon gegangen waren, gab er den Brief der Prinzessin Marja, breitete den Plan des neuen Gebäudes vor sich aus, heftete seine Augen darauf und befahl der Prinzessin, den Brief vorzulesen. Als Prinzessin Marja dies getan hatte, blickte sie ihren Vater fragend an. Er betrachtete seinen Plan und war augenscheinlich ganz in seine Gedanken versunken.
»Wie denken Sie darüber, Fürst?« erlaubte sich endlich Dessalles zu fragen.
»Ich? Ich?« erwiderte der Fürst, als wäre es ihm unangenehm, aus seinen Gedanken aufgestört zu werden; er wandte die Augen nicht von seinem Bauplan ab.
»Gut möglich, daß der Kriegsschauplatz uns so nahe kommt, daß …«
»Ha-ha-ha! Der Kriegsschauplatz!« unterbrach ihn der Fürst. »Ich habe Ihnen schon gesagt und wiederhole es: der Kriegsschauplatz ist Polen, und über den Niemen wird der Feind nie vordringen.«
Erstaunt blickte Dessalles den Fürsten an, der vom Niemen sprach, während doch der Feind bereits am Dnjepr stand; aber Prinzessin Marja, der die geographische Lage des Niemens nicht gegenwärtig war, hielt das, was ihr Vater sagte, für wahr.
»Sobald der Schnee schmilzt, werden sie in den polnischen Sümpfen versinken. Sie können sie jetzt nur nicht sehen«, sagte der Fürst; er dachte offenbar an den Feldzug des Jahres 1807, der nach seiner Vorstellung erst ganz vor kurzem stattgefunden hatte. »Bennigsen hätte nur früher in Preußen einrücken sollen; dann hätte die Sache eine andere Wendung genommen …«
»Aber, Fürst«, wandte Dessalles schüchtern ein, »in dem Brief ist von Witebsk die Rede …«
»Was? In dem Brief? Ja …«, erwiderte der Fürst mißmutig. »Ja … ja …« Sein Gesicht nahm plötzlich einen finsteren Ausdruck an. Er schwieg eine Weile. »Ja, er schreibt, die Franzosen seien geschlagen worden; an welchem Fluß war es doch?«
Dessalles schlug die Augen nieder.
»Der Fürst schreibt davon nichts«, antwortete er leise.
»Schreibt davon nichts? Na, aus den Fingern habe ich es mir doch nicht gesogen.«
Alle schwiegen lange.
»Ja … ja … Nun, Michail Iwanowitsch«, sagte er plötzlich, indem er den Kopf in die Höhe hob und auf den Bauplan zeigte, »setz mir mal auseinander, wie du das umändern willst …«
Michail Iwanowitsch trat zu dem Plan hin; der Fürst sprach mit ihm ein paar Worte über den Plan des neuen Gebäudes, dann warf er der Prinzessin Marja und dem Erzieher Dessalles einen zornigen Blick zu und ging in sein Zimmer.
Prinzessin Marja hatte den verlegenen, erstaunten Blick, welchen Dessalles auf ihren Vater gerichtet hatte, wohl bemerkt, und auch sein Schweigen war ihr aufgefallen; jetzt war sie überrascht, daß ihr Vater den Brief des Sohnes auf dem Tisch im Salon vergessen hatte. Aber sie fürchtete sich, Dessalles nach dem Grund seiner Verlegenheit und seines Schweigens zu fragen; ja, sie fürchtete sich sogar, daran auch nur zu denken.
Am Abend kam, vom Fürsten geschickt, Michail Iwanowitsch zu Prinzessin Marja, um den Brief des Fürsten Andrei zu holen, den der Vater im Salon vergessen hatte. Prinzessin Marja übergab ihm den Brief. Obgleich es sie Überwindung kostete, entschloß sie sich doch, Michail Iwanowitsch zu fragen, was ihr Vater tue.
»Der Fürst ist immer sehr eifrig beschäftigt«, erwiderte Michail Iwanowitsch mit einem respektvollen, aber etwas spöttischen Lächeln, bei dessen Anblick Prinzessin Marja ganz blaß wurde. »Er beunruhigt sich wegen des neuen Wohngebäudes. Vorhin hat er ein wenig gelesen; aber jetzt« (hier ließ Michail Iwanowitsch die Stimme sinken) »sitzt er am Schreibtisch und beschäftigt sich wahrscheinlich mit dem Testament.« (In der letzten Zeit war es eine Lieblingsbeschäftigung des Fürsten, die Papiere zurechtzumachen, die er nach seinem Tod hinterlassen wollte und die er sein Testament nannte.)
»Und wird Alpatytsch nach Smolensk geschickt?« fragte Prinzessin Marja.
»Gewiß; er wartet schon lange auf seine Abfertigung.«
III
Als Michail Iwanowitsch mit dem Brief in das Zimmer des Fürsten zurückkehrte, saß dieser am offenen Schreibtisch; er hatte die Brille aufgesetzt und die Augen durch einen Schirm geschützt; auch die Kerzen waren durch Schirme abgeblendet. In der weit weggestreckten Hand hielt er einige Papiere, die er in einer etwas feierlichen Haltung las; es waren dies seine Remarques, wie er sie nannte, die nach seinem Tod dem Kaiser zugestellt werden sollten.
Als Michail Iwanowitsch eintrat, hatte dem Fürsten die Erinnerung an jene Zeit, wo er das geschrieben hatte, was er jetzt las, die Tränen in die Augen gelockt. Er nahm den Brief aus Michail Iwanowitschs Hand entgegen, steckte ihn in die Tasche, legte die Papiere weg und rief den schon lange wartenden Verwalter Alpatytsch herein.
Auf einem Blättchen Papier hatte der Fürst sich notiert, was Alpatytsch in Smolensk kaufen sollte; nun ging er im Zimmer auf und ab, neben dem an der Tür wartenden Alpatytsch immer vorbei, und erteilte diesem seine Aufträge.
»Erstens Briefpapier, hörst du wohl? Acht Buch, hier, nach Probe; mit Goldschnitt … da ist die Probe; es soll genauso sein. Dann Lack, Siegellack, von der Art, wie es Michail Iwanowitsch auf einen Zettel geschrieben hat.«
Er war einen Augenblick stehengeblieben, nahm aber nun seine Wanderung wieder auf und blickte auf seinen Merkzettel.
»Dann gibst du dem Gouverneur persönlich den Brief über die letztwillige Verfügung ab.«
Ferner waren noch Riegel für die Türen des neuen Gebäudes nötig, genau von der Fasson, die der Fürst selbst ausgesonnen hatte. Und es mußte ein solider Pappkasten bestellt werden zur Verpackung des Testaments.
Die Erteilung der Aufträge an Alpatytsch hatte schon mehr als zwei Stunden gedauert; aber noch immer ließ ihn der Fürst nicht fort. Er setzte sich hin, dachte nach, schloß dabei die Augen und schlummerte ein.
»Nun, geh nur, geh nur! Wenn noch etwas nötig ist, werde ich dich rufen lassen.«
Alpatytsch verließ das Zimmer. Der Fürst trat wieder an seinen Schreibtisch, blickte in ihn hinein, berührte mit der Hand seine Papiere, schloß wieder zu und setzte sich an den Tisch, um den Brief an den Gouverneur zu schreiben.
Es war schon spät, als er den Brief siegelte und aufstand. Er hätte nun gern geschlafen, wußte aber, daß er nicht einschlafen werde und daß ihm im Bett die schlimmsten Gedanken kommen würden. Er rief Tichon und ging mit ihm durch die Zimmer, um ihm zu zeigen, wo sein Bett für diese Nacht aufgeschlagen werden solle. Beim Umhergehen prüfte er jedes Winkelchen.
Überall schien es ihm schlecht; aber am schlechtesten war sein gewohntes Sofa in seinem Zimmer. Dieses Sofa war ihm furchtbar, wahrscheinlich wegen der bedrückenden Gedanken, von denen er, während er dort gelegen hatte, gequält worden war. Nirgends war es gut; aber verhältnismäßig am besten war noch ein Winkel im Sofazimmer, hinter dem Klavier: dort hatte er noch nie geschlafen.
Tichon trug mit einem Diener das Bett dorthin und begann es aufzustellen.
»Nicht so, nicht so!« schrie der Fürst und rückte es selbst eine Spanne weit aus der Ecke heraus und dann wieder näher heran.
»Nun, endlich habe ich alles erledigt; jetzt kann ich mich ausruhen«, dachte der Fürst und ließ sich von Tichon auskleiden.
Während dieser Prozedur runzelte er ärgerlich die Stirn wegen der Anstrengung, die es ihn kostete, sich den Schlafrock und die Beinkleider ausziehen zu lassen, ließ sich, als alles fertig war, schwerfällig auf das Bett sinken und schien etwas zu überlegen, während er verächtlich auf seine gelben, dürren Beine blickte. Aber er überlegte nichts, sondern zögerte nur angesichts der ihm bevorstehenden Mühe, diese Beine aufzuheben und sich im Bett zurechtzulegen. »Ach, wie schwer das alles ist! Ach, wenn diese Mühen doch bald zu Ende wären und ihr mich davonließet!« dachte er. Die Lippen zusammenpressend machte er endlich diese Anstrengung und legte sich hin. Aber kaum lag er, als auf einmal das ganze Bett unter ihm im Takt vorwärts und rückwärts zu gehen anfing, gleichsam schweratmend und stoßend. Das begegnete ihm fast jede Nacht. Er machte die Augen, die er soeben geschlossen hatte, wieder auf.
»Keine Ruhe! Verdammte Bande!« brummte er im Zorn gegen irgend jemand. »Ja, ja, es war noch etwas Wichtiges; etwas sehr Wichtiges hatte ich mir für die Nacht im Bett verspart. Die Riegel? Nein, von denen habe ich gesagt. Nein, es war etwas anderes, etwas im Salon. Prinzessin Marja hatte irgendwelchen Unsinn geschwatzt. Dessalles, dieser Dummkopf, hatte etwas gesagt. Etwas in der Tasche … Ich komme nicht darauf.«
»Tichon, wovon haben wir bei Tisch gesprochen?«
»Vom Fürsten Andrei …«
»Schweig! schweig!« Der Fürst klatschte mit der Hand auf den Tisch. »Ja, ich weiß, es war da ein Brief vom Fürsten Andrei. Prinzessin Marja las ihn vor. Dessalles sagte etwas von Witebsk. Jetzt will ich ihn lesen.«
Er ließ sich den Brief aus seiner Tasche holen, das Tischchen mit der Limonade und der nach Art eines Taues gewundenen Wachskerze an das Bett rücken, setzte die Brille auf und begann zu lesen. Jetzt erst, in der Stille der Nacht, bei dem schwachen Licht, das unter dem grünen Lampenschirm hervordrang, verstand er beim Lesen des Briefes zum erstenmal dessen ernsten Sinn.
»Die Franzosen in Witebsk; in vier Tagesmärschen können sie bei Smolensk sein; vielleicht sind sie schon da. Tichon!« Tichon sprang auf. »Nein, es ist nicht nötig, nicht nötig!« rief der Alte.
Er schob den Brief unter den Leuchter und schloß die Augen. Und vor seinem geistigen Blick stand die Donau, der helle Mittag, das Schilfdickicht, das russische Lager, und er, ein junger General, ohne eine einzige Falte im Gesicht, frisch, heiter und rotwangig, tritt in das bunte Zelt Potjomkins, und ein brennendes Gefühl des Neides gegen den Günstling erfüllt ihn jetzt noch in gleicher Stärke wie damals. Und er erinnert sich an jedes Wort, das damals bei der ersten Begegnung mit Potjomkin gesprochen wurde. Und er glaubt, eine kleine, dicke, üppige Frau mit gelblichem, fettem Gesicht vor sich zu sehen, die Kaiserin; alles ist ihm gegenwärtig: ihr Lächeln, ihre Worte, als sie ihn zum erstenmal in liebenswürdiger Art empfing. Und er erinnert sich an das Gesicht derselben Kaiserin auf dem Katafalk und an den Streit, den er damals an ihrem Sarg mit Subow hatte um das Recht, herantreten und ihr die Hand küssen zu dürfen.
»Ach, könnte ich nur recht schnell, recht schnell in jene Zeiten zurückkehren, und wäre nur die ganze Gegenwart recht bald, recht bald zu Ende! Wenn sie mich nur alle in Ruhe ließen!«
IV
Lysyje-Gory, das Gut des Fürsten Nikolai Andrejewitsch Bolkonski, lag sechzig Werst von Smolensk entfernt, ostwärts, und drei Werst von der Straße nach Moskau.
An dem Abend, an welchem der Fürst dem Verwalter Alpatytsch seine Aufträge erteilte, ließ Dessalles die Prinzessin Marja bitten, ihn zu empfangen, und teilte ihr mit, da der Fürst sich nicht ganz wohl befinde und keine Maßnahmen für seine Sicherheit treffe, aus dem Brief des Fürsten Andrei sich aber ergebe, daß ein Verbleiben in Lysyje-Gory nicht ungefährlich sei, so rate er ihr ganz ergebenst, selbst einen durch Alpatytsch zu befördernden Brief an den Gouverneur in Smolensk zu schreiben, mit der Bitte, sie von dem Stand der Dinge und dem Maß der Gefahr, welcher Lysyje-Gory ausgesetzt sei, in Kenntnis zu setzen. Den Brief an den Gouverneur hatte Dessalles für die Prinzessin Marja schon selbst geschrieben; sie unterschrieb ihn, und er wurde dem Verwalter übergeben mit der Weisung, ihn dem Gouverneur einzuhändigen und, wenn Gefahr bestehe, so schnell wie möglich zurückzukehren.
Nachdem Alpatytsch alle Aufträge empfangen hatte, trat er, von seinen Hausleuten begleitet, auf dem Kopf einen weißen Kastorhut, ein Geschenk des Fürsten, in der Hand so wie der Fürst einen Stock, aus dem Haus, um in den mit einem ledernen Verdeck versehenen und mit drei rehbraunen Pferden bespannten Reisewagen zu steigen.
Der Klöppel des Glöckchens war festgebunden und die Schellen mit Papier umwickelt. Der Fürst erlaubte niemandem in Lysyje-Gory mit Geläut zu fahren. Aber Alpatytsch hatte bei einer weiteren Fahrt an dem Glöckchen und den Schellen sein Vergnügen. Seine Untergebenen, der Dorfschreiber, der Buchführer, die Leuteköchin, die herrschaftliche Köchin, zwei alte Frauen, der Laufbursche, die Kutscher und mehrere andere Gutsleute, begleiteten ihn hinaus.
Seine Tochter packte mehrere Federkissen mit Baumwollbezug in den Wagen, zum Anlehnen und zum Daraufsitzen. Seine alte Schwägerin schob verstohlen ein Bündelchen hinein. Einer der Kutscher faßte ihn unter den Arm und half ihm beim Einsteigen.
»Na, na, Weiberbagage! Diese Weiber, diese Weiber!« brummte Alpatytsch schnaubend und hastig vor sich hin, geradeso wie der Fürst zu reden pflegte, und setzte sich in den Wagen.
Nachdem Alpatytsch dem Dorfschreiber die letzten Weisungen betreffs der auszuführenden Arbeiten erteilt hatte (hierbei kopierte er den Fürsten nicht mehr), nahm er den Hut von seinem kahlen Kopf und bekreuzte sich dreimal.
»Wenn da etwas los ist … dann komm doch gleich zurück, Jakow Alpatytsch; um Christi willen, denk an uns und habe mit uns Mitleid!« rief seine Frau, die damit auf die Gerüchte über den Gang des Krieges und die Nähe des Feindes hindeutete.
»Weiber, Weiber, Weiberbagage!« murmelte Alpatytsch und fuhr los. Er betrachtete rings um sich die Felder, die teils mit schon gelb gewordenem Roggen, teils mit dichtem, noch grünem Hafer bestanden waren, teils noch schwarz dalagen, da das zweite Umpflügen eben erst begonnen hatte.
Alpatytsch blickte während des Fahrens nach den langen Streifen der Roggenfelder hin, auf denen man an einzelnen Stellen schon angefangen hatte zu schneiden, freute sich über die außerordentlich gute Ernte an Sommergetreide in diesem Jahr, machte seine wirtschaftlichen Berechnungen über Aussaat und Ernte und rekapitulierte die Aufträge des Fürsten, um nur nichts zu vergessen.
Nachdem die Pferde unterwegs zweimal gefüttert waren, kam Alpatytsch am Abend des 4. August in der Stadt an.
Auf dem Weg war er Wagenzügen und Truppen begegnet und hatte andere überholt. Als er sich Smolensk näherte, hatte er in der Ferne schießen gehört, sich aber darüber nicht weiter aufgeregt. Am stärksten hatte es ihn befremdet, daß er in der Nähe von Smolensk ein prächtiges Haferfeld sah, das Soldaten abmähten, offenbar als Futter, und auf dem Truppen lagerten; durch diesen Umstand fühlte sich Alpatytsch befremdet, vergaß ihn aber doch bald wieder, da er an seine eigenen Angelegenheiten zu denken hatte.
Alle Interessen in Alpatytschs Leben hatten sich schon seit mehr als dreißig Jahren ausschließlich innerhalb des Willensbereiches des Fürsten bewegt, und aus diesem Kreis war er nie hinausgekommen. Alles, was sich nicht auf die Erfüllung der Befehle des Fürsten bezog, hatte für Alpatytsch kein Interesse, ja existierte für ihn überhaupt nicht.
Nachdem Alpatytsch am 4. August abends in Smolensk angekommen war, fuhr er jenseits des Dnjepr in der Gatschenskaja-Vorstadt bei der Herberge des Gastwirtes Ferapontow vor, bei dem er schon seit vielen Jahren einzukehren gewohnt war. Ferapontow hatte vor zwölf Jahren durch Alpatytschs freundliche Vermittlung dem Fürsten einen Wald abgekauft, einen Holzhandel begonnen und besaß jetzt in der Gouvernementshauptstadt ein Haus, eine Herberge und einen Mehlladen. Ferapontow war ein dicker Bauer von vierzig Jahren, mit schwarzem Haar, rotem Gesicht, dicken Lippen, dicker, wulstiger Nase und ebensolchen Wulsten über den schwarzen, zusammengezogenen Augenbrauen, und einem dicken Bauch.
Er stand in Weste und baumwollenem Hemd bei seinem Laden, der nach der Straße hinaus lag. Als er Alpatytsch erblickte, trat er auf ihn zu.
»Sei willkommen, Jakow Alpatytsch. Unsere Leute hier gehen aus der Stadt weg, und du kommst herein«, sagte der Herbergswirt.
»Wieso denn aus der Stadt weg?« fragte Alpatytsch.
»Ja, ich sage es ja auch: die Leute sind dumm. Alle fürchten sie sich vor den Franzosen.«
»Weibergeschwätz, Weibergeschwätz!« erwiderte Alpatytsch.
»Das ist meine Ansicht auch, Jakow Alpatytsch. Ich sage: es ist Befehl gegeben worden, ihn nicht hereinzulassen; also kann man sich auch darauf verlassen. Ja, und die Bauern verlangen drei Rubel für eine Fuhre … die Unchristen!«
Jakow Alpatytsch hatte nur unaufmerksam zugehört. Er ließ sich einen Samowar bringen, den Pferden Heu geben, und nachdem er seinen Tee getrunken hatte, legte er sich schlafen.
Die ganze Nacht über marschierten auf der Straße Truppen an der Herberge vorbei. Am andern Tag zog Alpatytsch ein Kamisol an, das er immer nur in der Stadt trug, und machte seine Geschäftsgänge. Es war ein sonniger, schon von acht Uhr an heißer Vormittag. »Ein prachtvoller Tag für die Getreideernte!« dachte Alpatytsch. Von außerhalb der Stadt her hörte man schon vom frühen Morgen an schießen.
Von acht Uhr an gesellte sich zu den Gewehrschüssen auch Kanonendonner. Auf den Straßen war viel Volk, das es eilig hatte, hierhin und dorthin zu laufen, auch viele Soldaten; aber die Droschken fuhren ebenso wie sonst immer, und die Kaufleute standen in ihren Ladentüren, und in den Kirchen wurde Gottesdienst gehalten. Alpatytsch ging in verschiedene Läden, auf die Bureaus mehrerer Behörden, auf die Post und zum Gouverneur. Auf den Bureaus, in den Läden und auf der Post sprachen alle Menschen von der Armee und vom Feind, der schon die Stadt angriff; alle fragten sich gegenseitig, was sie tun sollten, und jeder suchte den anderen zu beruhigen.
Bei dem Haus des Gouverneurs fand Alpatytsch eine große Menge Volks, eine Anzahl Kosaken und einen Reisewagen, der dem Gouverneur gehörte. Auf den Stufen vor der Haustür begegnete er zwei Edelleuten, von denen er den einen kannte. Der ihm bekannte Edelmann, ein früherer Bezirkshauptmann, redete sehr hitzig.
»Die Sache ist ja doch kein Spaß!« sagte er. »Gut noch, wenn einer alleinsteht. Wenn er dann auch arm ist, so hat er doch nur für sich zu sorgen; aber wenn so eine Familie aus dreizehn Köpfen besteht und das ganze Vermögen dahin ist, was dann …? Nun haben sie es glücklich dahin gebracht, daß wir alle ruiniert sind; was soll man von einer Obrigkeit, die sich so verhält, denken …? Aufhängen lassen würde ich alle diese Schurken, wenn’s auf mich ankäme …«
»Aber, aber, was reden Sie? Es wird Ihnen noch übel bekommen!« sagte der andere.
»Was scher ich mich darum; mögen sie es hören! Sind wir denn Hunde, daß wir uns so behandeln lassen müßten?« sagte der ehemalige Bezirkshauptmann und erblickte, als er sich umsah, Alpatytsch.
»Ah, Jakow Alpatytsch! Was willst du denn hier?«
»Auf Befehl Seiner Durchlaucht zu dem Herrn Gouverneur«, antwortete Alpatytsch, indem er stolz den Kopf in die Höhe hob und die Hand vorn in die Brust steckte, was er immer tat, wenn er den Fürsten erwähnte. »Der Fürst hat mir befohlen, über den Stand der Dinge Erkundigungen einzuziehen«, fügte er hinzu.
»Na, da will ich dir gleich etwas sagen«, schrie der Gutsbesitzer. »Durch die Schuld dieser Bande ist es so weit gekommen, daß jetzt nicht einmal eine Fuhre zu haben ist, nichts …! Da sind sie, hörst du wohl?« fuhr er fort und zeigte nach der Seite, von der das Schießen herübertönte.
»Die Behörden sind schuld daran, daß wir alle zugrunde gehen, … die Schurken!« sagte er noch einmal und stieg die Stufen hinab.
Kopfschüttelnd trat Alpatytsch ins Haus und ging die Treppe hinauf. Im Wartezimmer befanden sich Kaufleute, Frauen, Beamte, die schweigend einander ansahen. Die Tür des Arbeitszimmers öffnete sich; alle erhoben sich von ihren Plätzen und drängten nach vorn. Aus der Tür kam eilig ein Beamter heraus, redete ein paar Worte mit einem Kaufmann, rief einem dicken Beamten mit einem Orden am Hals zu, er möge ihm folgen, und verschwand wieder durch die Tür, augenscheinlich bemüht, allen sich auf ihn richtenden Blicken und beabsichtigten Fragen zu entgehen. Alpatytsch stellte sich unter die Vordersten, und als der Beamte das nächste Mal hereinkam, schob er die Hand vorn in den zugeknöpften Rock, wandte sich zu dem Beamten und hielt ihm die beiden Briefe hin.
»An den Herrn Baron Asch vom General en chef Fürsten Bolkonski«, sagte er mit solcher Feierlichkeit und Wichtigkeit, daß der Beamte sich zu ihm hinwendete und ihm die Briefe abnahm.
Einige Minuten darauf wurde Alpatytsch von dem Gouverneur empfangen, der hastig zu ihm sagte:
»Bestell dem Fürsten und der Prinzessin, daß mir nichts bekannt gewesen ist; ich habe nach höheren Befehlen gehandelt. Hier, nimm das mit!« Er gab Alpatytsch ein gedrucktes Blatt. »Übrigens, da der Fürst krank ist, so möchte ich ihnen raten, nach Moskau überzusiedeln. Ich fahre selbst sogleich dorthin. Bestelle …«
Aber der Gouverneur konnte den Satz nicht zu Ende sprechen; denn ein mit Staub und Schweiß bedeckter Offizier trat eilig herein und begann, ihm etwas auf französisch zu sagen. Jäher Schrecken malte sich auf dem Gesicht des Gouverneurs.
»Geh nur«, sagte er zu Alpatytsch, indem er ihm mit dem Kopf zunickte, und richtete einige Fragen an den Offizier.
Gespannte, ängstliche, hilflose Blicke richteten sich auf Alpatytsch, als er aus dem Arbeitszimmer des Gouverneurs heraustrat. Unwillkürlich auf die jetzt schon nahen und immer lauter klingenden Schüsse hinhorchend, beeilte er sich, wieder nach seiner Herberge zu kommen. Auf dem Blatt, das ihm der Gouverneur gegeben hatte, stand folgendes:
»Ich versichere Ihnen, daß der Stadt Smolensk noch nicht die geringste Gefahr bevorsteht und daß sie wahrscheinlich von einer solchen überhaupt nicht bedroht werden wird. Ich rücke von der einen und Fürst Bagration von der andern Seite heran, um uns vor Smolensk zu vereinigen; diese Vereinigung wird am 22. vollzogen werden, und beide Heere werden mit vereinten Kräften ihre Landsleute in dem Ihnen anvertrauten Gouvernement beschützen, bis es ihren Anstrengungen gelungen sein wird, die Feinde des Vaterlandes von ihnen wegzutreiben, oder bis ihre tapferen Reihen bis auf den letzten Mann gefallen sein werden. Sie sehen hieraus, daß Sie durchaus berechtigt sind, die Bewohner von Smolensk zu beruhigen; denn wer von zwei so tapferen Heeren verteidigt wird, kann sich ihres Sieges versichert halten. (Amtliches Schreiben Barclay de Tollys an den Zivilgouverneur von Smolensk, Baron Asch, 1812.)«
Das Volk huschte unruhig in den Straßen umher.
Wagen, die mit Stühlen, Schränken und Küchengerät hochbepackt waren, kamen fortwährend aus den Torwegen der Häuser herausgefahren und fuhren dann die Straßen entlang. Vor dem Haus neben dem Ferapontowschen standen mehrere Fuhrwerke, und die Weiber nahmen mit vielem Gerede und mit vielem Heulen Abschied. Der Hofhund sprang bellend vor den angeschirrten Pferden hin und her.
Alpatytsch begab sich mit eiligerem Schritte, als es sonst in seiner Gewohnheit lag, auf den Hof und ging geradewegs unter das Schuppendach zu seinen Pferden und seinem Wagen. Der Kutscher schlief. Er weckte ihn, befahl ihm anzuspannen und ging ins Haus auf den Flur. Aus dem Zimmer der Wirtsleute war das Weinen eines Kindes, das laute, krampfhafte Schluchzen einer Frau und die heisere, zornig schreiende Stimme Ferapontows zu hören. Die Köchin lief, als Alpatytsch eintrat, ganz verstört wie eine geängstigte Henne im Flur umher.
»Halbtot hat er sie geschlagen … seine Frau! So furchtbar hat er sie geschlagen, durch das ganze Zimmer hat er sie geschleppt …!«
»Weswegen denn?« fragte Alpatytsch.
»Sie bat ihn, er möchte sie mit einem Wagen fortschaffen. ›Ich muß doch als Mutter für die Familie sorgen‹, sagte sie. ›Schaff mich fort; morde mich nicht mit den kleinen Kindern! Alle Leute‹, sagte sie, ›sind schon weggefahren; wozu bleiben wir noch hier?‹ sagte sie. Und da hat er sie geprügelt. So furchtbar hat er sie geprügelt, und in der Stube umhergeschleppt hat er sie!«
Alpatytsch nickte wie zustimmend zu diesen Worten mit dem Kopf und ging, da er nichts weiter davon hören mochte, zu dem der Stube der Wirtsleute gegenüberliegenden Zimmer hin, in welchem er seine Einkäufe liegen hatte.
»Du Bösewicht, du Mörder!« schrie in diesem Augenblick eine magere, blasse Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm und mit heruntergerissenem Kopftuch, welche aus der Tür herausgestürzt kam und die Treppe hinunter auf den Hof lief.
Hinter ihr her kam Ferapontow aus dem Zimmer; als er Alpatytsch erblickte, schob er sich seine Weste zurecht, brachte sein Haar in Ordnung, gähnte und ging hinter Alpatytsch her in dessen Zimmer.
»Willst du denn schon abfahren?« fragte er.
Ohne auf die Frage zu antworten und ohne sich nach dem Wirt umzuwenden, suchte Alpatytsch die eingekauften Sachen zusammen und fragte, wieviel er ihm für das Quartier schuldig wäre.
»Wir berechnen uns schon noch miteinander! Nun, bist du beim Gouverneur gewesen?« fragte Ferapontow. »Was hast du denn für Bescheid bekommen?«
Alpatytsch antwortete, daß der Gouverneur ihm nichts Bestimmtes gesagt habe.
»Können wir uns etwa bei unserem Geschäft davonmachen?« sagte Ferapontow. »Und bis Dorogobusch gibt man für eine Fuhre sieben Rubel. Ich sage ja: die Kerle sind die reinen Unchristen!« Dann fuhr er fort: »Seliwanow, der hat es am Donnerstag gut getroffen; er hat sein Mehl an die Armee für neun Rubel den Sack verkauft. Na, wie ist’s? Willst du noch Tee trinken?« fügte er hinzu.
Während die Pferde angespannt wurden, tranken Alpatytsch und Ferapontow zusammen Tee und unterhielten sich über den Getreidepreis, über die Ernte und über das gute Erntewetter.
»Das Schießen ist doch stiller geworden«, sagte Ferapontow, nachdem er drei Tassen Tee getrunken hatte, und stand auf. »Gewiß haben die Unsrigen gesiegt. Es war ja auch angekündigt worden, sie würden den Feind nicht hereinlassen. Ja, ja, ein starkes Heer! Und neulich hieß es, Matwjei Iwanowitsch Platow habe sie in die Marina getrieben und so gegen achtzehntausend an einem Tag ersäuft.«
Alpatytsch nahm seine Einkäufe zusammen, übergab sie dem eintretenden Kutscher und bezahlte dem Wirt, was er schuldig war. Man hörte vom Torweg her, wie der Reisewagen hinausfuhr: die Räder rasselten, die Hufe klapperten, die Schellen klingelten.
Der Mittag war schon lange vorüber; die eine Hälfte der Straße lag im Schatten, die andere war hell von der Sonne beschienen. Alpatytsch warf einen Blick durch das Fenster und ging zur Tür. Auf einmal erscholl ein seltsamer Laut: ein fernes Pfeifen und ein ferner Schlag, und gleich darauf ertönte das ineinanderfließende Getöse einer gewaltigen Kanonade, von der die Fenster erzitterten.
Alpatytsch trat auf die Straße hinaus; auf der Straße liefen zwei Männer nach der Brücke zu. Von verschiedenen Stellen her hörte man das Pfeifen und Einschlagen der Kanonenkugeln und das Platzen der Granaten, die in der Stadt niederfielen. Aber diese Töne waren viel weniger zu vernehmen und zogen die Aufmerksamkeit der Einwohner in weit geringerem Grad auf sich als der Donner der Kanonade, der von außerhalb her nach der Stadt herübertönte. Es war dies das Bombardement, das Napoleon um fünf Uhr aus hundertunddreißig Geschützen auf die Stadt hatte eröffnen lassen. Anfänglich begriff das Volk die Bedeutung dieses Bombardements noch nicht.
Der Schall der niederfallenden Granaten und Kanonenkugeln erweckte zunächst nur Neugier. Ferapontows Frau, die bis dahin immer noch unter dem Schuppendach geheult hatte, wurde still, kam mit dem Kind auf dem Arm zum Torweg hinaus, blickte schweigend auf das Volk und horchte nach den ungewohnten Tönen hin.
Auch die Köchin und der Ladendiener kamen ans Tor. Alle bemühten sich mit fröhlicher Neugier, die über ihre Köpfe hinfliegenden Geschosse mit den Augen zu verfolgen. Um die Straßenecke herum kamen einige Männer in lebhaftem Gespräch.
»Das hat einmal eine Wucht!« sagte der eine. »Das Dach und die Decke hat es kurz und klein geschlagen.«
»Und die Erde hat es aufgewühlt wie ein Schwein«, fügte der andre hinzu. »Ja, das ist etwas Großartiges; da hat er uns einmal recht aufgemuntert!« bemerkte er lachend. »Sei nur froh, daß du noch beiseite sprangst; sonst hättest du etwas abbekommen.«
Die Volksmenge wandte sich zu diesen Männern. Sie blieben stehen und erzählten, daß dicht neben ihnen Kanonenkugeln in ein Haus eingeschlagen wären. Unterdessen flogen unaufhörlich andere Geschosse, bald mit schnellem, mürrischem Sausen Kanonenkugeln, bald mit angenehm klingendem Pfeifen Granaten, über die Köpfe der Volksmenge hin; aber kein einziges Geschoß fiel in der Nähe nieder; alle flogen drüber weg. Alpatytsch setzte sich in seinen Wagen; der Wirt stand am Tor.
»Was hast du da zu suchen?« schrie er der Köchin zu, die mit aufgestreiften Ärmeln, im roten Unterrock, die nackten Ellbogen hin und her bewegend, nach der Straßenecke gegangen war, um zu hören, was da erzählt wurde.
»Erstaunlich, erstaunlich!« sagte sie einmal über das andere. Aber als sie die Stimme des Wirtes hörte, kam sie, den aufgeschürzten Unterrock zurechtziehend, wieder zurück.
Wieder, aber diesmal sehr nahe, pfiff etwas wie ein von oben nach unten herabfliegender Vogel; Feuer blitzte mitten auf der Straße auf; ein Knall ertönte, und die Straße wurde von Rauch verdunkelt.
»Du Biest von Kugel, was richtest du da an?« schrie der Wirt und lief zu der Köchin hin.
In dem gleichen Augenblick fingen auf verschiedenen Seiten Weiber kläglich zu heulen an; das kleine Kind weinte erschrocken los; schweigend und mit bleichen Gesichtern drängte sich das Volk um die Köchin. Aus diesem Schwarm heraus waren die Schmerzenslaute und Klagen der Köchin deutlich vernehmbar.
»O weh, ach, ach, liebe Leute! Meine lieben, guten Leute! Laßt mich nicht sterben! Meine lieben, guten Leute!«
Fünf Minuten darauf war niemand mehr auf der Straße. Die Köchin, der ein Granatsplitter die Hüfte zerrissen hatte, hatte man in die Küche getragen. Alpatytsch, sein Kutscher, Ferapontows Frau mit ihren Kindern und der Hausknecht saßen im Keller und horchten. Der Donner der Geschütze, das Pfeifen der Geschosse und das klägliche Gestöhn der Köchin, welches alle andern Laute übertönte, verstummten keinen Augenblick. Die Wirtin schaukelte bald ihr kleines Kind hin und her und redete ihm beruhigend zu, bald fragte sie flüsternd einen jeden, der in den Keller kam, wo ihr Mann sei, der auf der Straße geblieben war. Der Ladendiener, der ebenfalls in den Keller kam, teilte ihr mit, ihr Mann sei mit vielen anderen Leuten in die Kathedrale gegangen, wo das wundertätige Muttergottesbild von Smolensk ausgestellt worden sei.
Als es zu dämmern begann, wurde die Kanonade schwächer. Alpatytsch ging aus dem Keller hinaus und trat in die Haustür. Der vorher klare Abendhimmel war ganz mit Rauch überzogen. Und durch diesen Rauch schimmerte die junge, hochstehende Mondsichel seltsam hindurch. Seit der frühere furchtbare Geschützdonner schwieg, schien über der Stadt Ruhe zu lagern, die nur durch ein scheinbar durch die ganze Stadt verbreitetes Geräusch von Schritten, von Gestöhn, von fernem Geschrei und vom Knistern der Feuersbrünste unterbrochen wurde. Das Stöhnen der Köchin war jetzt verstummt. Auf zwei Seiten erhoben sich schwarze Rauchsäulen von Feuersbrünsten und zerteilten sich oben. Auf der Straße gingen und liefen, nicht in geordneten Reihen, sondern wie Ameisen aus einem zerstörten Haufen, Soldaten in verschiedenen Uniformen und nach verschiedenen Richtungen. Vor Alpatytschs Augen liefen einige von ihnen auf Ferapontows Hof. Alpatytsch trat in den Torweg. Irgendein Regiment, das hastig und sich drängend zurückging, versperrte die Straße.
»Die Stadt wird dem Feinde überlassen werden; fahren Sie weg, fahren Sie weg«, sagte zu ihm ein Offizier, der ihn bemerkt hatte; dann wandte er sich sogleich zu den Soldaten und schrie sie an:
»Ich will euch lehren, auf die Höfe zu laufen!«
Alpatytsch kehrte in das Haus zurück, rief den Kutscher und sagte ihm, daß sie jetzt fahren wollten. Hinter Alpatytsch und dem Kutscher traten auch alle Hausgenossen Ferapontows aus dem Haus. Als sie den Rauch und sogar das Feuer der Brände sahen, das jetzt in der hereinbrechenden Dunkelheit sichtbar wurde, erhoben die Weiber, die bis dahin geschwiegen hatten, auf einmal ein lautes Klagen und Jammergeschrei. Wie um ihnen zu sekundieren, erscholl ein gleiches Geschrei am andern Ende der Straße. Alpatytsch und der Kutscher brachten mit zitternden Händen die verwirrten Zügel und Stränge der Pferde unter dem Schuppendach in Ordnung.
Als Alpatytsch aus dem Tor herausfuhr, sah er, daß in Ferapontows offenstehendem Laden ein Dutzend Soldaten unter lauten Gesprächen ihre Brotbeutel und Tornister mit Weizenmehl und Sonnenblumenkernen füllten. In demselben Augenblick trat, von der Straße kommend, Ferapontow herein. Als er die Soldaten erblickte, wollte er sie zunächst heftig anschreien; aber plötzlich hielt er inne, griff sich in die Haare und brach in eine Art von schluchzendem Lachen aus.
»Schleppt alles weg, Kinder! Laßt es nicht diesen Teufeln in die Hände fallen!« schrie er, griff selbst nach einigen Säcken und warf sie auf die Straße.
Einige von den Soldaten liefen erschrocken hinaus, andere aber fuhren fort einzusacken. Als Ferapontow den reisefertigen Alpatytsch erblickte, wandte er sich zu ihm.
»Es ist zu Ende mit Rußland!« schrie er. »Alpatytsch, es ist zu Ende! Ich will selbst alles anzünden. Es ist zu Ende!« Damit lief Ferapontow auf den Hof.
Auf der Straße zogen, sie in ihrer ganzen Breite versperrend, ununterbrochen Soldaten vorüber, so daß Alpatytsch nicht abfahren konnte und sich gezwungen sah zu warten. Ferapontows Frau saß mit ihren Kindern gleichfalls auf einem Bauernwagen und wartete darauf, daß sie würde herausfahren können.
Es war schon völlige Nacht. Am Himmel standen die Sterne, und ab und zu schimmerte der meist vom Rauch verhüllte junge Mond hindurch. Wo sich der Weg zum Dnjepr hinabsenkte, mußten die Fuhrwerke Alpatytschs und der Wirtin, die sich langsam zwischen den Reihen der Soldaten und den andern Wagen fortbewegten, wieder stillhalten. Nicht weit von der Straßenkreuzung, wo die Fuhrwerke hielten, brannten in der Querstraße ein Haus und mehrere Budenläden. Das Feuer war schon heruntergebrannt. Bald schien die Flamme zu ersterben und sich in dem schwarzen Rauch zu verlieren, bald schlug sie auf einmal wieder hell empor und beleuchtete mit seltsamer Deutlichkeit die Gesichter der Menschen, die dichtgedrängt an der Straßenkreuzung standen. Vor dem Feuer huschten schwarze Menschengestalten vorbei, und durch das nie verstummende Knistern der Glut hindurch hörte man reden und schreien. Alpatytsch, der von seinem Wagen heruntergestiegen war, weil er sah, daß dieser so bald doch nicht weiterkommen könne, bog in die Querstraße ein, um sich den Brand anzusehen. Soldaten liefen unaufhörlich an dem Feuer vorbei irgendwohin und wieder zurück, und Alpatytsch sah, wie zwei derselben und mit ihnen ein Mann in einem Friesmantel aus dem Brand brennende Balken über die Straße nach einem Nachbargrundstück schleppten; andere trugen Arme voll Heu.
Alpatytsch trat zu einem großen Menschenhaufen hin, der gegenüber einem hohen, lichterloh brennenden Speicher Posten gefaßt hatte. Alle Wände waren vom Feuer ergriffen, die Hinterwand hatte sich schief gezogen, das Bretterdach war zusammengeknickt, die Balken brannten. Offenbar wartete die Menge auf den Augenblick, wo das Dach herunterstürzen werde. Auf eben dieses bevorstehende Ereignis wartete auch Alpatytsch.
»Alpatytsch!« rief auf einmal den alten Mann eine bekannte Stimme an.
»Väterchen, Euer Durchlaucht!« antwortete Alpatytsch, der sofort die Stimme seines jungen Fürsten erkannt hatte.
Fürst Andrei, in den Mantel gehüllt, hielt auf einem Rappen hinter dem Menschenhaufen und blickte Alpatytsch an.
»Wie kommst du denn hierher?« fragte er.
»Euer … Euer Durchlaucht«, stieß Alpatytsch heraus und begann zu schluchzen. »Euer … Euer … sind wir denn wirklich verloren? Der Vater …«
»Wie kommst du hierher?« fragte Fürst Andrei noch einmal.
Die Flamme loderte in diesem Augenblick hell auf und ließ Alpatytsch das blasse, ausgemergelte Gesicht seines jungen Herrn deutlich erkennen. Er erzählte, wozu er hierher gesandt sei, und daß er jetzt Mühe habe fortzukommen.
»Wie ist das, Euer Durchlaucht? Sind wir wirklich verloren?« fragte er wieder.
Fürst Andrei zog, ohne ihm eine Antwort zu geben, sein Notizbuch heraus, hob das Knie in die Höhe und schrieb mit Bleistift auf einem ausgerissenen Blatt. Er schrieb an seine Schwester:
»Smolensk wird dem Feind überlassen werden. In einer Woche wird Lysyje-Gory von den Franzosen besetzt sein. Fahrt sofort nach Moskau. Antworte mir sogleich, wann ihr abfahrt; schicke die Antwort durch besonderen Boten nach Uswjasch.«
Nachdem er dies geschrieben und das Blatt dem alten Verwalter eingehändigt hatte, setzte er ihm mündlich auseinander, wie die Abreise des Fürsten, der Prinzessin und des Sohnes nebst seinem Lehrer bewerkstelligt werden und wie und wohin ihm sogleich Antwort gesandt werden solle. Er war mit seinen Anweisungen noch nicht fertig, als ein Stabsoffizier zu Pferde, von einem Gefolge begleitet, zu ihm heransprengte.
»Sie sind Oberst?« schrie der Stabsoffizier mit deutscher Klangfarbe und mit einer Stimme, die dem Fürsten Andrei bekannt vorkam. »In Ihrer Gegenwart werden Häuser angezündet, und Sie stehen ruhig dabei? Was soll das heißen? Sie werden sich dafür zu verantworten haben!« schrie Berg, der jetzt Gehilfe des Chefs des Stabes des stellvertretenden Stabschefs des Kommandeurs des linken Flügels der Infanterie der ersten Armee war, »ein sehr angenehmer Posten, der die Blicke auf sich zieht«, wie sich Berg auszudrücken pflegte.
Fürst Andrei blickte ihn an und fuhr, ohne ihm zu antworten, in seinem Gespräch mit Alpatytsch fort:
»Bestelle also, daß ich bis zum zehnten auf Antwort warten werde; sollte ich aber am zehnten noch nicht die Nachricht erhalten haben, so werde ich selbst alles stehen- und liegenlassen und nach Lysyje-Gory kommen.«
»Ich habe Ihnen das nur deshalb gesagt, Fürst«, sagte Berg, der inzwischen den Fürsten Andrei erkannt hatte, zu seiner Entschuldigung, »weil es meine Pflicht ist, die mir erteilten Befehle auszuführen; denn diese führe ich immer auf das genaueste aus. Bitte, nehmen Sie mir nichts übel.«
Es krachte etwas im Feuer. Die Flamme beruhigte sich für einen Augenblick. Schwarze Rauchwolken wälzten sich unter dem Dach hervor. Noch einmal krachte es furchtbar im Feuer, und etwas Großes, Wuchtiges stürzte herab.
»Hu-hu-hu!« heulte die Menge auf und begleitete damit den Einsturz des Speicherdaches. Von dem verbrennenden Getreide verbreitete sich ein Geruch, wie wenn Kuchen gebacken würde. Die Flamme loderte wieder in die Höhe und erleuchtete die freudig erregten und zugleich erschöpften Gesichter der Menschen, die um den Brand herumstanden.
Der Mann im Friesmantel reckte die Arme in die Höhe und rief:
»Prächtig, Kinder! Das Feuer hat schon gefaßt! Prächtig!«
»Es ist der Hausbesitzer selbst«, sagten einige aus der Menge.
»Nun also«, schloß Fürst Andrei sein Gespräch mit Alpatytsch, »dann bestelle alles, wie ich es dir gesagt habe«, und ohne zu Berg, der schweigend neben ihm geblieben war, ein Wort der Antwort zu sagen, trieb er sein Pferd an und ritt in die Querstraße.
V
Von Smolensk aus zogen sich die russischen Truppen immer weiter zurück, und die Feinde folgten ihnen. Am 10. August kam das Regiment, das Fürst Andrei befehligte, auf der großen Straße an dem Weg vorüber, der nach Lysyje-Gory abzweigte. Schon seit mehr als drei Wochen herrschten Hitze und Trockenheit. Täglich zogen am Himmel krause Wolken hin, die ab und zu die Sonne verdeckten; aber zum Abend klärte es sich immer wieder auf, und die Sonne ging in braunrotem Dunst unter. Nur in der Nacht erfrischte starker Tau die Erde. Das noch auf dem Feld stehende Getreide verdorrte und fiel aus. Die Sümpfe waren ausgetrocknet. Das Vieh, das auf den von der Sonne verbrannten Wiesen keine Nahrung fand, brüllte vor Hunger. Nur nachts und in den Wäldern, solange der Tau sich noch hielt, war es kühl. Aber auf der großen Landstraße, auf der die Truppen marschierten, merkte man selbst bei Nacht und in den Wäldern nichts von dieser Abkühlung. In dem Sandstaub des mehr als eine Spanne tief zertretenen und aufgewühlten Weges war kein Tau zu spüren. Sowie es morgens dämmerte, wurde der Marsch angetreten. Lautlos bewegte sich alles in dem weichen, dunstigen, bei Nacht nicht abgekühlten, heißen Staub vorwärts, in den die Wagen und die Geschütze bis an die Naben, die Fußgänger bis an die Knöchel einsanken. Ein Teil dieses Sandstaubes wurde durch die Füße und Räder zusammengeknetet; aber ein anderer Teil stieg in die Höhe, stand als Wolke über den Truppen und setzte sich in den Augen, den Haaren, den Ohren, den Nasenlöchern und ganz besonders in den Lungen der Menschen und Tiere fest, die auf diesem Weg dahinzogen. Je höher die Sonne stieg, um so höher erhob sich auch diese Staubwolke, und durch diesen feinen, heißen Staub hindurch konnte man in die Sonne, auch wenn sie nicht von Wolken verhüllt war, mit bloßem Auge hineinsehen. Die Sonne erschien als ein großer, purpurner Ball. Wind war nicht vorhanden, und die Menschen erstickten fast in dieser unbeweglichen Luft. Auf dem Marsch banden sie sich Tücher um Nase und Mund. Kam man zu einem Dorf, so stürzten alle zu dem Ziehbrunnen hin. Man schlug sich um das Wasser und trank es bis auf den schmutzigen Grund aus.
Fürst Andrei kommandierte ein Regiment, und seine Zeit und sein Interesse waren hinreichend damit ausgefüllt, daß er sein Regiment in guter Ordnung hielt, für das Wohlergehen seiner Leute sorgte und die notwendigen Befehle empfing und erteilte. Der Brand von Smolensk und die Räumung dieser Stadt bildeten für des Fürsten Andrei gesamte Anschauungsweise eine Epoche. Ein neues Gefühl des Hasses gegen den Feind ließ ihn seinen eigenen Kummer vergessen. Er widmete sich völlig der Tätigkeit für sein Regiment, sorgte treu für seine Mannschaft und für seine Offiziere und war gegen sie freundlich. Im Regiment wurde er »unser Fürst« genannt; man war stolz auf ihn und liebte ihn. Aber gut und freundlich war er nur gegen die Angehörigen seines Regiments, gegen Timochin und Leute von dessen Art, gegen völlig neue Menschen aus einer fremden Sphäre, gegen Menschen, die von seiner Vergangenheit nichts wissen und nichts verstehen konnten; aber sowie er mit einem seiner früheren Kameraden aus dem Stab zusammentraf, kehrte er sofort wieder alle Stacheln heraus und nahm einen boshaften, spöttischen, geringschätzigen Ton an. Alles, was in ihm die Erinnerung an die Vergangenheit wachrief, stieß ihn ab, und daher war sein Bestreben, wo er mit dieser seiner früheren Welt in Berührung kam, lediglich darauf gerichtet, sich nichts Unrechtes zuschulden kommen zu lassen und seine Pflicht zu erfüllen.
Allerdings erschien dem Fürsten Andrei alles in trübem, düsterem Licht, namentlich nachdem Smolensk, das man nach seiner Ansicht hätte verteidigen können und verteidigen müssen, am 6. August geräumt war, und nachdem sich für seinen kranken Vater die Notwendigkeit ergeben hatte, zu flüchten und das so sehr geliebte Lysyje-Gory der Plünderung preiszugeben, das er selbst gebaut und mit Einwohnern besiedelt hatte; aber trotzdem war Fürst Andrei dank seiner Stellung als Regimentskommandeur imstande, an einen anderen Gegenstand zu denken, der mit allgemeinen Fragen in gar keinem Zusammenhang stand: eben an sein Regiment. Am 10. August kam die Heeresabteilung, zu der sein Regiment gehörte, an Lysyje-Gory seitwärts vorbei. Fürst Andrei hatte zwei Tage vorher die Nachricht erhalten, daß sein Vater, sein Sohn und seine Schwester nach Moskau abgereist seien. Obgleich Fürst Andrei unter diesen Umständen nun eigentlich in Lysyje-Gory nichts mehr zu tun hatte, entschloß er sich mit der ihm eigenen Passion, in seinem Gram zu wühlen, dennoch, einen Abstecher dorthin zu machen.
Er ließ sich ein frisches Pferd satteln und ritt, von der marschierenden Kolonne seitlich abbiegend, nach seinem väterlichen Gut, wo er geboren war und seine Kindheit verlebt hatte. Als er an dem Teich vorbeikam, an dem sonst immer Dutzende von Weibern unter munterem Geschwätz ihre Wäsche mit den Holzschlegeln klopften und spülten, bemerkte er, daß niemand am Teich war und das losgerissene Floß, halb vom Wasser überspült, schief mitten auf dem Teich schwamm. Fürst Andrei ritt zu dem Wächterhäuschen hin. Bei dem steinernen Eingangstor war kein Mensch zu sehen, und die Tür stand offen. Die Gartenwege waren schon mit Unkraut bewachsen, und Kälber und Pferde gingen im englischen Garten umher. Fürst Andrei ritt nach den Treibhäusern: die Glasscheiben waren zerbrochen, von den Bäumen in Kübeln manche umgeworfen, andere vertrocknet. Er rief nach dem Gärtner Taras; aber niemand antwortete. Als er dann um die Treibhäuser herum nach dem Vorplatz bog, sah er, daß der Lattenzaun völlig zerstört und die Pflaumen mitsamt den Zweigen von den Bäumen heruntergerissen waren. Ein alter Bauer (Fürst Andrei hatte ihn in seiner Kindheit manchmal am Tor gesehen) saß auf einer grünen Bank und flocht Bastschuhe.
Er war taub und hatte nicht gehört, daß Fürst Andrei herangeritten kam. Er saß auf derselben Bank, auf der sonst der alte Fürst immer gern gesessen hatte; neben ihm hing der Bast auf den Zweigen einer umgeknickten, vertrockneten Magnolie.
Fürst Andrei ritt nach dem Haus hin. Mehrere Linden in dem alten Garten waren umgehauen; eine scheckige Stute mit ihrem Fohlen ging dicht vor dem Haus zwischen den Rosenstöcken umher. Am Haus waren die Fensterläden geschlossen. Nur ein einziges Fenster unten war offen. Ein Gutsjunge, der den Fürsten Andrei erblickte, lief schnell ins Haus hinein; Alpatytsch, der seine Familie fortgeschickt hatte, war allein in Lysyje-Gory zurückgeblieben; er saß im Haus und las die Heiligenlegenden. Sobald er von der Ankunft des Fürsten Andrei erfuhr, kam er, noch mit der Brille auf der Nase und sich im Gehen den Rock zuknöpfend, eilig aus dem Haus, trat auf den Fürsten zu, brach, ohne ein Wort zu sagen, in Tränen aus und küßte dem Fürsten Andrei das Knie.
Dann wandte er sich, ärgerlich über seine eigene Schwäche, ab und begann ihm über den Stand der Dinge Bericht zu erstatten. Alle Kostbarkeiten und Wertgegenstände waren nach Bogutscharowo gebracht. Auch das Korn, etwa hundert Tschetwert, war dorthin transportiert; das Heu hatten die Soldaten genommen, auch hatten sie das noch unreife, nach Alpatytschs Angabe in diesem Jahr ungewöhnlich gute Sommergetreide abgemäht. Die Bauern waren zugrunde gerichtet; die meisten waren ebenfalls nach Bogutscharowo gezogen; ein kleiner Teil war zurückgeblieben.
Fürst Andrei fragte, ohne seinen Bericht zu Ende zu hören:
»Wann sind mein Vater und meine Schwester abgereist?« Er meinte damit, wann sie nach Moskau gefahren wären.
Alpatytsch, welcher glaubte, die Frage beziehe sich auf die Abreise nach Bogutscharowo, antwortete, sie seien am 7. abgereist, begann wieder ausführlich von Wirtschaftsangelegenheiten zu sprechen und erbat sich Instruktionen.
»Befehlen Sie, daß den Truppen Hafer gegen Quittung abgelassen wird? Wir haben noch sechshundert Tschetwert übrig«, fragte Alpatytsch.
»Was soll ich ihm darauf antworten?« dachte Fürst Andrei, während er auf den in der Sonne glänzenden Kahlkopf des alten Mannes blickte und aus dem Gesichtsausdruck desselben entnahm, daß dieser sich des Unzeitgemäßen dieser Fragen selbst sehr wohl bewußt war und nur fragte, um seinen eigenen Kummer zu übertäuben.
»Ja, ja, laß nur ab«, erwiderte er.
»Wenn Sie im Garten Unordnung bemerkt haben«, sagte Alpatytsch, »so wollen Sie deswegen nicht zürnen: es war unmöglich, es zu verhüten; drei Regimenter sind hier durchgezogen und haben hier übernachtet, namentlich auch Dragoner. Ich habe die Namen und Titel der Kommandeure aufgeschrieben, um Beschwerden einzureichen.«
»Nun, und was wirst du selbst denn jetzt anfangen? Wirst du hierbleiben, wenn der Feind kommt?« fragte ihn Fürst Andrei.
Alpatytsch wandte sein Gesicht dem Fürsten Andrei zu, blickte ihn an und hob plötzlich mit feierliche Gebärde die Hände zum Himmel.
»Er ist mein Beschützer; Sein Wille geschehe!« sagte er.
Ein Haufe von Bauern und Gutsleuten kam barhäuptig über die Wiese und näherte sich dem Fürsten Andrei.
»Nun, dann leb wohl!« sagte Fürst Andrei und beugte sich zu Alpatytsch hinunter. »Geh nur auch fort und nimm mit, was du kannst; die Leute laß auf das Rjasansche Gut oder auf das bei Moskau gehen.«
Alpatytsch drückte sich gegen das Bein des Fürsten und schluchzte. Fürst Andrei schob ihn behutsam zurück, trieb sein Pferd an und galoppierte die Allee hinunter.
Auf dem Vorplatz bei den Treibhäusern saß immer noch ebenso teilnahmslos wie vorher, einer Fliege auf dem Antlitz eines teuren Verstorbenen vergleichbar, der Alte und klopfte an dem Leisten eines Bastschuhes herum, und zwei kleine Mädchen, die Kleiderschöße voll Pflaumen, die sie von den in den Treibhäusern gezogenen Bäumchen abgerissen hatten, kamen von dort gelaufen und stießen gerade auf den Fürsten Andrei. Als sie den jungen Herrn erblickten, ergriff das ältere Mädchen, auf dessen Gesicht sich der Schreck deutlich ausprägte, ihre jüngere Kameradin bei der Hand und versteckte sich mit ihr hinter einer Birke, ohne sich Zeit zu nehmen, einige dabei hingefallene grüne Pflaumen aufzusammeln.
Mit ängstlicher Eile wendete sich Fürst Andrei von ihnen ab, damit sie nicht merken möchten, daß er sie gesehen hatte. Diese hübsche ältere Kleine, die einen solchen Schreck bekommen hatte, tat ihm leid. Er fürchtete sich, sie anzusehen, hatte aber gleichzeitig ein unwiderstehliches Verlangen, es zu tun. Ein neues, tröstliches, beruhigendes Gefühl war über ihn gekommen, als er beim Anblick dieser Mädchen die Existenz anderer, ihm völlig fremder und doch ebenso berechtigter menschlicher Interessen erkannt hatte, wie es diejenigen waren, die ihn beschäftigten. Diese beiden kleinen Mädchen hatten offenbar nur den einen leidenschaftlichen Wunsch, diese grünen Pflaumen davonzutragen und aufzuessen, ohne dabei ertappt zu werden, und Fürst Andrei wünschte mit ihnen ihrem Unternehmen ein gutes Gelingen. Er konnte sich doch nicht enthalten, noch einmal nach den beiden hinzublicken. Sich bereits in Sicherheit glaubend, sprangen sie aus ihrem Versteck hervor, und mit den hellen Stimmchen lustig zwitschernd und die Kleiderschöße in die Höhe haltend, liefen sie schnell und munter mit ihren verbrannten, nackten Füßchen durch das Gras der Wiese dahin.
Fürst Andrei hatte es als eine Erfrischung empfunden, daß er für eine Weile aus dem Bereich des Staubes der großen Landstraße, auf der die Truppen marschierten, herausgekommen war. Aber nicht weit von Lysyje-Gory bog er wieder in die große Straße ein und erreichte sein Regiment an einem Rastplatz, bei dem Damm eines kleinen Teiches. Es war zwei Uhr nachmittags. Die Sonne, ein roter Ball in dem Staub, brannte und stach unerträglich auf dem Rücken durch den schwarzen Rock hindurch. Der Staub, der sich noch nicht vermindert hatte, schwebte unbeweglich über den lagernden Truppen, deren Redegesumm weithin zu hören war. Kein Lüftchen rührte sich. Als Fürst Andrei auf den Damm ritt, wehte ihm vom Teich her eine leise Kühlung und der Geruch von Schlamm und Wasserpflanzen entgegen. Ein Verlangen zu baden kam ihm an, mochte das Wasser auch noch so schmutzig sein. Er blickte nach dem Teich hin, von welchem Geschrei und Gelächter herübertönte. Der kleine, trübe, mit grünen Wasserpflanzen durchwachsene Teich war augenscheinlich um einen Fuß gestiegen und überflutete den Damm, weil er ganz voll war von einer Menge nackter, weißer, darin umherplätschernder Soldatenleiber mit ziegelroten Händen, Gesichtern und Hälsen. All dieses nackte, weiße Menschenfleisch plätscherte unter Lachen und Kreischen in dieser schmutzigen Pfütze umher, wie Karauschen, die in eine Gießkanne zusammengepfercht sind. Dieses Plätschern zeugte von Frohsinn und Heiterkeit und machte eben dadurch einen um so schmerzlicheren Eindruck.
Ein junger, blonder Soldat von der dritten Kompanie (Fürst Andrei kannte ihn sogar), mit einem kleinen Riemen unterhalb der Wade, bekreuzte sich und trat dann ein paar Schritte zurück, um einen ordentlichen Anlauf zu nehmen und sich ins Wasser zu stürzen; ein anderer, ein schwarzhaariger, immer strubbliger Unteroffizier, stand bis über die Hüften im Wasser, zuckte wohlig mit dem muskulösen Körper und prustete vergnügt, indem er sich mit seinen schwarzbehaarten Händen Wasser über den Kopf schüttete. Man hörte, wie die Soldaten einander klatschende Schläge versetzten, kreischten und juchzten.
An den Ufern und auf dem Damm und im Teich, überall sah man weißes, gesundes, muskulöses Fleisch. Der rotnasige Offizier Timochin trocknete sich auf dem Damm mit einem Handtuch ab und genierte sich, als er den Fürsten erblickte; indes entschloß er sich doch, ihn anzureden.
»Das tut wohl!« sagte er. »Euer Durchlaucht sollten es auch tun!«
»Es ist gar zu schmutzig«, erwiderte Fürst Andrei, die Stirn runzelnd.
»Wir werden es sofort für Sie reinigen.« Und noch nicht angekleidet lief Timochin hin, um die Reinigung anzuordnen.
»Der Fürst will baden.«
»Welcher? Unser Fürst?« fragten mehrere Soldaten, und alle gerieten so in Hast und Eifer, daß Fürst Andrei sie nur mit Mühe beruhigen konnte. Es war ihm der Gedanke gekommen, sich lieber in der Scheune des Müllers mit Wasser zu begießen.
»Menschenfleisch, chair à canon, Kanonenfutter!« dachte er, als er seinen eigenen nackten Körper ansah, und schauderte zusammen, nicht sowohl vor Kälte, als vielmehr infolge eines ihm selbst nicht recht verständlichen Widerwillens und Schreckens, den er beim Anblick dieser gewaltigen Menge von Menschenleibern, die in dem schmutzigen Teich umherplätscherten, empfunden hatte.
Am 7. August schrieb Fürst Bagration von seinem an der Smolensker Landstraße gelegenen Marschquartier Michailowka aus den folgenden Brief:
»Gnädiger Herr Graf Alexei Andrejewitsch!«
(Er schrieb an Araktschejew, wußte aber, daß auch der Kaiser seinen Brief lesen werde, und überlegte daher, soweit er dazu imstande war, jedes seiner Worte.)
»Ich meine, der Minister wird bereits berichtet haben, daß Smolensk dem Feind überlassen ist. Es ist schmerzlich und tief betrübend, daß man einen so wichtigen Platz ohne zwingenden Grund aufgegeben hat, und die ganze Armee ist darüber in Verzweiflung. Ich meinerseits habe den Minister persönlich und zuletzt auch schriftlich auf das allerdringlichste gebeten; aber nichts vermochte Eindruck auf ihn zu machen. Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß Napoleon sich in einer solchen Sackgasse befand, wie nie vorher, und daß er Smolensk nicht hätte nehmen, wohl aber die Hälfte seiner Armee verlieren können. Unsere Truppen haben sich so tapfer geschlagen wie nie vorher und werden das auch künftig tun. Ich habe mit fünfzehntausend Mann länger als fünfunddreißig Stunden standgehalten und die Feinde geschlagen; aber er hat nicht einmal vierzehn Stunden dableiben wollen. Das ist eine Schmach und Schande für unsere Armee, und er selbst täte meines Erachtens am besten, aus der Welt zu gehen. Wenn er berichtet, daß unser Verlust groß sei, so ist das eine Unwahrheit; vielleicht gegen viertausend Mann, nicht mehr, und auch das nicht; aber wenn es auch zehntausend wären, so wäre nichts darüber zu sagen … es ist eben Krieg. Aber dafür hat der Feind eine Unmenge von Leuten verloren.
Was wäre es denn für uns für eine Anstrengung gewesen, noch zwei Tage dazubleiben? Schließlich wären die Franzosen von selbst abgezogen, weil sie kein Wasser für die Mannschaften und für die Pferde hatten. Er hatte mir sein Wort gegeben, nicht wegzugehen; aber auf einmal schickte er mir seine Disposition, daß er in der Nacht aufbrechen werde. Auf die Art ist eine ordentliche Kriegführung unmöglich, und wir können den Feind bald nach Moskau hinführen …
Es geht das Gerücht, daß Sie an Frieden denken. Gott behüte uns jetzt vor einem Friedensschluß! Wenn Sie nach all diesen Opfern und nach einem so sinnlosen Rückzug Frieden schließen wollten, würden Sie ganz Rußland gegen sich aufbringen, und jeder von uns würde es für eine Schande halten, die Uniform zu tragen. Da es einmal so weit gekommen ist, müssen wir uns auch schlagen, solange Rußland kann und solange wir Truppen auf den Beinen haben.
Das Kommando muß einer haben, nicht zwei. Ihr Minister ist vielleicht brauchbar dazu, ein Ministerium zu verwalten, aber als General ist er nicht etwa nur mäßig, sondern geradezu jammervoll; und einem solchen Mann hat man das Schicksal unseres ganzen Vaterlandes in die Hände gelegt … Wahrhaftig, ich verliere den Verstand vor Ärger; verzeihen Sie mir, daß ich so dreist schreibe. Das ist klar: wer da rät, den Minister die Armee kommandieren zu lassen und Frieden zu schließen, der liebt den Kaiser nicht und wünscht uns allen den Untergang. Also ich gebe Ihnen den guten Rat: setzen Sie die Landwehr in Bereitschaft. Denn der Minister führt in der meisterhaftesten Art und Weise unsere fremden Gäste hinter sich her nach der Hauptstadt. Das größte Mißtrauen erweckt bei der ganzen Armee der Herr Flügeladjutant Wolzogen. Man sagt, er stehe mehr auf Napoleons Seite als auf der unsrigen, und doch ist er es, der den Minister in allem berät. Ich bin gegen ihn nicht nur höflich, sondern gehorche ihm sogar wie ein Korporal, obwohl ich einen höheren Dienstrang habe. Das ist schmerzlich für mich; aber aus Liebe zu meinem Kaiser und Wohltäter gehorche ich. Mir tut nur der Kaiser leid, daß er seine prächtige Armee solchen Menschen anvertraut. Stellen Sie sich vor, daß wir durch unsern Rückzug mehr als fünfzehntausend Mann infolge von Erschöpfung und in den Hospitälern verloren haben; wenn wir angegriffen hätten, wäre das nicht geschehen. Ich bitte Sie um alles in der Welt: was wird unsere Mutter Rußland dazu sagen, daß wir uns so feige zeigen, und warum vertrauen wir unser braves, opferfreudiges Vaterland diesem Gesindel an und erfüllen das Herz eines jeden Untertanen mit Haß und Beschämung? Wovor brauchen wir denn Angst zu haben, und wen haben wir zu fürchten? Ich kann nichts dafür, daß der Minister unentschlossen, feige, unverständig und langsam ist und alle möglichen schlechten Eigenschaften besitzt. Die ganze Armee ist darüber unglücklich, schimpft auf ihn und wünscht ihm den Tod.«
VI
Man kann die Erscheinungen des sozialen Lebens, wie nach unzähligen anderen Einteilungsprinzipien, so auch danach einteilen, ob bei ihnen der Inhalt oder die Form vorwiegt. Zu diesen letzteren ist, im Gegensatz zu dem Leben auf dem Land, in den Provinzialstädten, ja selbst in Moskau, das Leben in Petersburg zu zählen, und ganz besonders das Leben in den Salons.
Dieses Leben unterliegt keinen Veränderungen. Seit dem Jahr 1805 hatten wir mit Bonaparte Frieden geschlossen und von neuem Streit bekommen, hatten Staatsverfassungen geschaffen und wieder aufgehoben; aber der Salon Anna Pawlownas und der der Gräfin Besuchowa waren genau dieselben geblieben, die sie, der eine sieben, der andere fünf Jahre vorher, gewesen waren. Ganz in derselben Weise wie früher sprach man bei Anna Pawlowna mit verständnisloser Verwunderung von Bonapartes Erfolgen und sah sowohl in diesen Erfolgen als auch in der Nachgiebigkeit der europäischen Monarchen gegen ihn lediglich das Resultat einer boshaften Verschwörung, deren einziger Zweck es sei, denjenigen Kreis der Hofgesellschaft, dessen Repräsentantin Anna Pawlowna war, zu ärgern und zu beunruhigen. Und die gleiche Unveränderlichkeit wies auch der Salon der schönen Helene auf, welche sogar Rumjanzew selbst seiner Besuche würdigte und für eine Frau von bemerkenswertem Verstand erklärte: hier sprach man im Jahr 1812 genauso wie im Jahre 1808 mit Enthusiasmus von der großen Nation und dem großen Mann und bedauerte lebhaft unseren Bruch mit Frankreich, der nach der Ansicht der Personen, die sich in Helenes Salon versammelten, baldigst durch einen Friedensschluß beendet werden müsse.
In der letzten Zeit, nach der Rückkehr des Kaisers von der Armee, hatte sich dieser beiden einander gegenüberstehenden Salonkreise eine gewisse Erregung bemächtigt, und es waren mehrmals Demonstrationen des einen Kreises gegen den andern erfolgt; aber die Richtung der beiden Kreise war unverändert geblieben. In Anna Pawlownas Kreis fanden von Franzosen nur eingefleischte Legitimisten Aufnahme, und der Patriotismus bekundete sich in der Forderung, man solle nicht mehr das französische Theater besuchen, und in der Entrüstung darüber, daß die Unterhaltung dieser Schauspielertruppe ebensoviel koste wie die Unterhaltung eines ganzen Armeekorps. Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz verfolgte man mit lebhaftestem Interesse und kolportierte die für unsere Armee günstigsten Gerüchte. In Helenes Kreis dagegen, der französisch gesinnt war und auch Rumjanzew zu seinen Mitgliedern zählte, wurde den Gerüchten über die Grausamkeit des Feindes und die Greuel des Krieges widersprochen und alle Versuche Napoleons, eine Aussöhnung herbeizuführen, anerkennend gewürdigt. In diesem Kreis schalt man auf diejenigen, die zu verfrühten Maßnahmen geraten hatten, so zu einer Verlegung des Hofes und der unter dem Protektorat der Kaiserinmutter stehenden weiblichen Erziehungsanstalten nach Kasan. Überhaupt wurde in Helenes Salon der ganze Krieg als eine leere Demonstration aufgefaßt, die sehr bald durch den Friedensschluß ein Ende finden werde, und es herrschte die Anschauung Bilibins, der jetzt in Petersburg Helenes Hausfreund war (jeder geistreiche Mann mußte in ihrem Salon verkehren), daß der Streit nicht durch das Pulver, sondern durch diejenigen, die es erfunden hätten, erledigt werde. In diesem Kreis machte man sich in ironischer und sehr geistreicher Weise, jedoch mit großer Vorsicht, über den Moskauer Enthusiasmus lustig, von welchem zugleich mit der Rückkehr des Kaisers Nachrichten nach Petersburg gelangt waren.
In Anna Pawlownas Kreis dagegen war man von diesem Enthusiasmus entzückt und sprach von den Moskauern wie Plutarch von den Patrioten des Altertums. Fürst Wasili, der immer noch dieselben hohen Ämter bekleidete, bildete das Verbindungsglied zwischen den beiden Kreisen. Er verkehrte, wie er sich ausdrückte, sowohl bei seiner guten Freundin Anna Pawlowna als auch in dem Diplomatensalon seiner Tochter, und bei dem beständigen Hin- und Herwechseln von einem Lager in das andere verwirrte er sich oft und sagte bei Helene etwas, was er bei Anna Pawlowna hätte sagen sollen, und umgekehrt.
Bald nach der Rückkehr des Kaisers beteiligte sich Fürst Wasili bei Anna Pawlowna an einem Gespräch über die Kriegsangelegenheiten, tadelte dabei Barclay de Tolly auf das schärfste, war sich aber noch nicht klar darüber, wer am zweckmäßigsten zum Oberkommandierenden zu ernennen sei. Ein anderer Gast, bekannt unter der Bezeichnung »ein Mann von großen Verdiensten«, erzählte, er habe heute gesehen, wie der zum Befehlshaber der Petersburger Landwehr ernannte Kutusow sich im Kameralhof an einer Beratung über die Einstellung der Wehrleute beteiligt habe, und knüpfte daran vorsichtig die Vermutung, daß Kutusow wohl der Mann sein könne, der allen Anforderungen entsprechen werde.
Anna Pawlowna lächelte trübe und bemerkte, Kutusow habe dem Kaiser bisher immer nur Unannehmlichkeiten bereitet.
»Ich habe in der Adelsversammlung geredet und geredet«, fiel ihr Fürst Wasili ins Wort, »aber man wollte nicht auf mich hören. Ich habe gesagt, seine Wahl zum Befehlshaber der Landwehr werde dem Kaiser nicht gefallen. Aber sie hörten nicht darauf.
Es herrscht eine wahre Manie, zu frondieren«, fuhr er fort. »Und gegen wen? Und das kommt alles daher, daß wir den dummen Enthusiasmus der Moskauer nachäffen wollen«, sagte Fürst Wasili, der für einen Augenblick vergaß, daß man sich bei Helene über den Enthusiasmus der Moskauer lustig machen, bei Anna Pawlowna aber von ihm entzückt sein mußte. Aber er kam sogleich wieder in das richtige Geleise. »Nun, paßt sich das etwa, daß Graf Kutusow, der älteste General in Rußland, im Kameralhof sitzt? Den Oberbefehl zu bekommen wird ihm ja doch nicht gelingen. Kann denn etwa zum Oberkommandierenden ein Mann ernannt werden, der nicht zu Pferde sitzen kann, der bei Beratungen einschläft und dessen unmoralischer Lebenswandel allgemein bekannt ist? Ein nettes Renommee hat er sich in Bukarest gemacht! Von seinen Eigenschaften als General will ich nicht reden; aber kann denn in einem solchen Augenblick zum Oberkommandierenden ein Mensch ernannt werden, der altersschwach und blind ist? Jawohl, geradezu blind. Ein blinder General, das wird sich vorzüglich machen! Er sieht gar nichts. Es wird das reine Blindekuhspiel werden … Absolut nichts sieht er!«
Niemand hatte etwas darauf zu entgegnen.
Am 24. Juli war dies vollständig richtig. Aber am 29. Juli wurde Kutusow in den Fürstenstand erhoben. Diese Erhebung konnte ja nun freilich auch die Bedeutung haben, daß man sich von ihm freizumachen wünschte, und darum war das Urteil des Fürsten Wasili noch nicht als unrichtig erwiesen, wiewohl er sich jetzt nicht mehr beeilte es auszusprechen. Aber am 8. August wurde ein Komitee, bestehend aus dem Generalfeldmarschall Saltykow, Araktschejew, Wjasmitinow, Lopuchin und Kotschubei, berufen, welches über die Kriegsangelegenheiten ein Gutachten abgeben sollte. Und dieses Komitee kam zu dem Schluß, die Mißerfolge seien auf die Vielköpfigkeit der Oberleitung zurückzuführen; und obgleich den Personen, die das Komitee bildeten, die Abneigung des Kaisers gegen Kutusow bekannt war, brachte das Komitee dennoch nach kurzer Beratung die Ernennung Kutusows zum Oberkommandierenden in Vorschlag. Und noch an demselben Tag wurde Kutusow zum unumschränkten Oberkommandierenden der Armee und des ganzen von den Truppen besetzten Gebietes ernannt.
Am 9. August traf Fürst Wasili bei Anna Pawlowna wieder mit dem Mann von großen Verdiensten zusammen. Der Mann von großen Verdiensten bemühte sich sehr um Anna Pawlownas Gunst, weil er den Wunsch hatte, zum Kurator eines weiblichen Erziehungsinstitutes ernannt zu werden. Fürst Wasili trat mit der Miene eines glücklichen Siegers ins Zimmer, mit der Miene eines Mannes, der das Ziel seiner Wünsche erreicht hat.
»Nun, Sie kennen gewiß schon die große Neuigkeit. Fürst Kutusow ist Feldmarschall. Alle Meinungsverschiedenheiten in der Oberleitung haben nun ein Ende. Ich bin so glücklich, so froh!« sagte Fürst Wasili. »Das ist endlich einmal ein Mann!« fügte er hinzu und blickte alle im Salon Anwesenden ernst und bedeutungsvoll an.
Der Mann von großen Verdiensten konnte trotz seines Wunsches, die Stelle zu bekommen, sich nicht enthalten, den Fürsten Wasili an das Urteil zu erinnern, das dieser vor kurzem ausgesprochen hatte. (Dies war unhöflich, sowohl gegen den Fürsten Wasili in Anna Pawlownas Salon als auch gegen Anna Pawlowna, welche diese Neuigkeit ebenso freudig begrüßt hatte; aber er konnte sich eben nicht beherrschen.)
»Aber, Fürst, es heißt doch, er sei blind«, bemerkte er, um damit den Fürsten Wasili an dessen eigene Worte zu erinnern.
»Sagen Sie das nicht; der sieht schon genug!« erwiderte Fürst Wasili schnell mit tiefer Stimme und einem besonderen Räuspern, mit jener Stimme und jenem Räuspern, womit er alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen gewohnt war.
»Sagen Sie das nicht; der sieht schon genug«, wiederholte er. »Und worüber ich mich besonders freue, das ist, daß der Kaiser ihm unumschränkte Gewalt über alle Armeen und den gesamten Kriegsschauplatz gegeben hat. Das ist eine Macht, wie sie noch nie ein Oberkommandierender besessen hat; er ist geradezu ein zweiter Herrscher«, schloß er mit einem siegesfrohen Lächeln.
»Gott gebe dazu seinen Segen!« sagte Anna Pawlowna.
Der Mann von großen Verdiensten, der in der höfischen Gesellschaft noch ein Neuling war, wollte gern Anna Pawlowna dadurch etwas Angenehmes erweisen, daß er für eine von ihr früher ausgesprochene Ansicht einen Beleg beibrachte, und äußerte daher:
»Es heißt, der Kaiser habe Kutusow diese Macht nur ungern übertragen. Er soll rot geworden sein wie ein junges Mädchen, dem man Lafontaines ›Jaconde‹ vorliest, als er zu ihm sagte: ›Der Herrscher und das Vaterland übertragen Ihnen dieses ehrenvolle Amt.‹«
»Mag sein, daß sein Herz nicht dabei beteiligt war«, sagte Anna Pawlowna.
»O nein, nein!« fiel Fürst Wasili mit der Wärme eines eifrigen Verteidigers ein. Jetzt durfte er nicht mehr dulden, daß jemand von Kutusow etwas Nachteiliges sagte. Nach des Fürsten Wasili Ansicht war Kutusow nicht nur selbst ein vortrefflicher Mensch, sondern er wurde auch von allen vergöttert. »Nein, das ist unmöglich; der Kaiser hat ihn schon früher außerordentlich zu schätzen gewußt«, sagte er.
»Gott gebe nur«, sagte Anna Pawlowna, »daß Fürst Kutusow tatsächlich eine so umfassende Amtsgewalt erhalten hat und sich vonniemandemKnüttel in die Räder werfen läßt.«
Fürst Wasili verstand sofort, auf wen das ging: »von niemandem«. Er bemerkte flüsternd:
»Ich weiß bestimmt, daß Kutusow als unerläßliche Bedingung verlangt hat, der Thronfolger dürfe nicht bei der Armee sein. Wissen Sie, was er zum Kaiser gesagt hat?«
Und Fürst Wasili führte die Worte an, die Kutusow angeblich zum Kaiser gesagt hatte: »Ich kann ihn nicht bestrafen, wenn er etwas schlecht macht, und nicht belohnen, wenn er etwas gut macht.«
»Oh, er ist ein überaus kluger Kopf, der Fürst Kutusow; ich kenne ihn seit langer Zeit«, fügte Fürst Wasili hinzu.
»Es heißt sogar«, sagte der Mann von großen Verdiensten, der noch keinen höfischen Takt besaß, »der durchlauchtige Fürst habe zur unerläßlichen Bedingung gemacht, daß der Kaiser selbst nicht zur Armee komme.«
Sowie er das gesagt hatte, wendeten sich im gleichen Augenblick Fürst Wasili und Anna Pawlowna von ihm weg und blickten einander traurig mit einem Seufzer über seine Naivität an.
VII
Während dies in Petersburg vorging, hatten die Franzosen bereits Smolensk passiert und rückten Moskau immer näher. Napoleons Geschichtsschreiber Thiers sagt in dem Bemühen, seinen Helden zu rechtfertigen, ebenso wie die anderen Geschichtsschreiber Napoleons, Napoleon sei wider seinen Willen zu den Mauern Moskaus hingeleitet worden. Er hat in demselben Maß recht, in welchem alle Geschichtsschreiber recht haben, die die historischen Ereignisse aus dem Willen eines einzelnen Menschen zu erklären suchen; er hat in demselben Maß recht, in welchem die russischen Geschichtsschreiber recht haben, welche behaupten, Napoleon sei durch die Kunst der russischen Heerführer nach Moskau gelockt worden. Hier kommt außer dem Gesetz der Retrospektivität (der rückschauenden Betrachtung), nach welchem alles Vorhergehende als eine Vorbereitung auf das stattgefundene Ereignis aufgefaßt wird, noch die Wechselseitigkeit in Betracht, durch welche die ganze Sache verwirrt wird. Wenn ein guter Schachspieler eine Partie verloren hat, so wird er fest überzeugt sein, daß der Verlust der Partie von einem Fehler herrührt, den er begangen hat, und wird diesen Fehler in den Anfangsstadien des Spieles suchen; aber er vergißt dabei, daß bei jeder seiner Kombinationen, im Verlauf des ganzen Spieles, ihm ebensolche Fehler begegnet sind, und daß kein einziger Zug völlig korrekt gewesen ist. Der Fehler, auf den er seine Aufmerksamkeit richtet, scheint ihm nur deswegen bemerkenswert, weil der Gegner ihn ausgenutzt hat. Und um wieviel komplizierter als eine Schachpartie ist nun noch das Spiel des Krieges, das unter bestimmten zeitlichen Bedingungen vor sich geht, und wo nicht etwa ein einziger Wille leblose Maschinen lenkt, sondern alles das Resultat zahlloser Zusammenstöße der mannigfaltigsten selbständigen Willensregungen ist?
Nach Smolensk suchte Napoleon eine Schlacht bei Dorogobusch, dann bei Wjasma, dann bei Zarewo-Saimischtsche; aber infolge des Zusammentreffens zahlloser Umstände war es den Russen nicht möglich, früher als bei Borodino, 112 Werst von Moskau, eine Schlacht anzunehmen. Von Wjasma aus traf Napoleon die Anordnungen für den direkten Marsch nach Moskau.
»Moskau, die asiatische Hauptstadt dieses großen Reiches, die heilige Stadt der Völker Alexanders, Moskau mit seinen unzähligen Kirchen in Gestalt chinesischer Pagoden«, dieses Moskau ließ der Phantasie Napoleons keine Ruhe. Bei dem Marsch von Wjasma nach Zarewo-Saimischtsche ritt Napoleon auf seinem isabellfarbenen, anglisierten Paßgänger, begleitet von einer Abteilung seiner Garde, von seiner Leibwache, seinen Pagen und Adjutanten. Der Stabschef Berthier war zurückgeblieben, um einen von der Kavallerie eingebrachten russischen Gefangenen zu verhören. Im Galopp holte er, von dem Dolmetscher Lelorgne d’Ideville begleitet, Napoleon ein und hielt mit vergnügtem Gesicht sein Pferd an.
»Nun?« fragte Napoleon.
»Ein Platowscher Kosak sagt, das Platowsche Korps vereinige sich jetzt mit der großen Armee; Kutusow sei zum Oberkommandierenden ernannt worden. Ein sehr intelligenter, redseliger Mensch!«
Napoleon lächelte, befahl, den Kosaken auf ein Pferd zu setzen und zu ihm zu bringen; er wünsche selbst mit ihm zu reden. Einige Adjutanten sprengten davon, und eine Stunde darauf kam Lawrenti, Denisows Leibeigener, den er seinem Freund Rostow überlassen hatte, in seiner Burschenjacke, auf einem französischen Kavalleriepferd, mit schlauem, betrunkenem, vergnügtem Gesicht zu Napoleon herangeritten. Napoleon hieß ihn, neben ihm herzureiten, und begann ihn zu befragen:
»Sie sind Kosak?«
»Jawohl, Kosak, Euer Wohlgeboren.«
»Der Kosak«, sagt Thiers, der diese Episode in sein Werk aufgenommen hat, »der nicht wußte, in welcher Gesellschaft er sich befand (denn in Napoleons einfacher äußerer Erscheinung lag nichts, woraus eine orientalische Phantasie auf die Anwesenheit eines Monarchen hätte schließen können), unterhielt sich mit dem Kaiser in der zutraulichsten Weise über die Angelegenheiten des gegenwärtigen Krieges.« Der Hergang war dieser gewesen: Lawrenti hatte sich tags zuvor betrunken, für seinen Herrn kein Mittagessen beschafft, war mit Ruten gepeitscht und in ein Dorf geschickt worden, um Hühner zu holen; dort hatte er im Eifer des Marodierens es an Vorsicht fehlen lassen und war von den Franzosen gefangengenommen worden. Lawrenti war einer jener lümmelhaften, frechen, mit allen Hunden gehetzten Bedienten, die es für ihre Pflicht halten, stets schändlich und pfiffig zu handeln, die ihrem augenblicklichen Herrn zu jedem Dienst bereit sind und die die Schwächen der Vornehmen, namentlich Eitelkeit und Kleinlichkeit, schlau zu erraten verstehen.
Als Lawrenti in Napoleons Gesellschaft geriet, dessen Persönlichkeit er mit großer Sicherheit und Leichtigkeit erkannte, wurde er nicht im mindesten verlegen und war nur aus allen Kräften darauf bedacht, sich die Gunst dieses neuen Gebieters zu erwerben.
Er wußte sehr genau, daß dies Napoleon selbst war, und die Gegenwart Napoleons vermochte ihn nicht in höherem Grad in Verwirrung zu setzen als die Gegenwart Rostows oder des Wachtmeisters, der die Ruten in der Hand hielt; denn er besaß nichts, was ihm der Wachtmeister oder Napoleon hätten wegnehmen können.
Er schwatzte munter alles hin, was unter den Offiziersburschen geredet worden war, und vieles davon war zutreffend. Aber als ihn Napoleon fragte, ob die Russen meinten, sie würden den Bonaparte besiegen, oder nicht, da kniff Lawrenti die Augen zusammen und überlegte.
Er sah hierin eine feine List, wie denn Leute von Lawrentis Schlag immer in allem eine List sehen, zog die Augenbrauen zusammen und schwieg eine Weile.
»Das ist nämlich so«, sagte er endlich nachdenklich: »Wenn eine Schlacht geliefert wird, das heißt bald, dann siegt ihr. Das ist sicher. Na, aber wenn drei Tage vergehen, von heute an, na, dann zieht es sich mit der Schlacht noch länger hin.«
Dem Kaiser wurde dies folgendermaßen übersetzt: »Wenn die Schlacht innerhalb dreier Tage geliefert wird, so werden die Franzosen sie gewinnen; wird sie aber erst später geliefert, so kann niemand den Ausgang vorher wissen.« So verdolmetschte es Lelorgne d’Ideville lächelnd. Napoleon lächelte nicht, wiewohl er offenbar bester Laune war, und ließ sich diese Worte noch einmal wiederholen.
Lawrenti hatte das gemerkt, und um dem Kaiser ein Vergnügen zu machen, redete er weiter, indem er tat, als kennte er ihn nicht.
»Wir wissen, daß ihr einen Bonaparte habt, der alle in der Welt verhauen hat; na, aber mit uns wird das denn doch eine andere Sache sein …«, fügte er hinzu, ohne selbst zu wissen, wie es zuging, daß schließlich auf einmal in seinen Worten ein großsprecherischer Patriotismus zum Vorschein kam.
Der Dolmetscher übersetzte dem Kaiser diese Worte ohne den letzten Satz, und Bonaparte lächelte. »Der junge Mann brachte den mächtigen Herrscher, der sich mit ihm unterhielt, zum Lächeln«, sagt Thiers. Nachdem Napoleon schweigend einige Schritte weitergeritten war, wandte er sich an Berthier und sagte, er möchte gern die Wirkung kennenlernen, die auf diesen Sohn der donischen Steppe die Nachricht ausüben würde, daß der Mann, mit dem er, dieser Sohn der donischen Steppe, rede, der Kaiser selbst sei, eben jener Kaiser, der seinen unsterblichen Siegernamen auf die Pyramiden geschrieben habe.
Es wurde dem Kosaken diese Eröffnung gemacht.
Lawrenti, dem es nicht entging, daß dies geschah, um ihn zu verblüffen, und daß Napoleon erwartete, er werde einen Schreck bekommen, stellte sich, um es seinem neuen Gebieter zu Dank zu machen, sofort höchst erstaunt und wie betäubt, riß die Augen auf und schnitt dasselbe Gesicht, das er gewöhnlich machte, wenn er abgeführt wurde, um gepeitscht zu werden. »Kaum hatte«, sagt Thiers, »Napoleons Dolmetscher dem Kosaken diese Mitteilung gemacht, als dieser, von einer Art Erstarrung ergriffen, kein Wort mehr herausbrachte und beim Weiterreiten die Augen unverwandt auf diesen Eroberer gerichtet hielt, dessen Name durch die Steppen des Ostens hindurch bis zu ihm gedrungen war. Seine ganze Redseligkeit war plötzlich gehemmt, um einem Gefühl schweigender, naiver Bewunderung Platz zu machen. Napoleon beschenkte ihn und befahl, ihn freizulassen wie einen Vogel, den man seinen heimatlichen Fluren zurückgibt.«
Napoleon ritt weiter, in Gedanken an jenes Moskau versunken, das seine Einbildungskraft so lebhaft beschäftigte; der Vogel aber, den man seinen heimatlichen Fluren zurückgegeben hatte, galoppierte zu den russischen Vorposten hin und legte sich schon im voraus all das zurecht, was sich zwar nicht begeben hatte, was er aber seinen Kameraden erzählen wollte. Das hingegen, was ihm wirklich begegnet war, beabsichtigte er nicht zu erzählen, namentlich deshalb, weil es nach seinem Urteil nicht erzählenswert war. Er ritt an die Kosaken heran, erkundigte sich, wo sich sein Regiment befinde, das zum Platowschen Korps gehörte, und fand noch an demselben Abend seinen Herrn Nikolai Rostow wieder, der in Jankowo in Quartier lag und gerade zu Pferd stieg, um mit Iljin einen Spazierritt durch die umliegenden Dörfer zu machen. Er ließ seinem Burschen Lawrenti ein frisches Pferd geben und nahm ihn mit.

