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Sechster Teil


I

Im Jahre 1808 begab sich Kaiser Alexander zu einer neuen Zusammenkunft mit dem Kaiser Napoleon nach Erfurt, und in den höchsten Petersburger Gesellschaftskreisen wurde viel über die großartige Pracht dieses festlichen Zusammenseins gesprochen.

Im Jahre 1809 war die Annäherung der beiden Weltherrscher, wie man Napoleon und Alexander zu nennen pflegte, bereits so weit fortgeschritten, daß, als Napoleon in diesem Jahr Österreich den Krieg erklärte, ein russisches Korps an die Grenze rückte, um unseren früheren Feind Bonaparte gegen unsern früheren Verbündeten, den Kaiser von Österreich, zu unterstützen; ja, sie war so weit fortgeschritten, daß in den höchsten Kreisen die Möglichkeit einer Heirat zwischen Napoleon und einer der Schwestern Kaiser Alexanders erörtert wurde. Aber neben solchen der äußeren Politik angehörigen Kombinationen richtete sich damals das Interesse der russischen Gesellschaft mit besonderer Lebhaftigkeit auf die inneren Reformen, die zu jener Zeit auf allen Gebieten der Staatsverwaltung durchgeführt wurden.

Unterdessen ging das Leben, das wahre, eigentliche Leben der Menschen, mit seinen materiellen Interessen, wie Gesundheit und Krankheit, Arbeit und Erholung, und mit seinen geistigen Interessen, wie Wissenschaft, Poesie, Musik, Liebe, Freundschaft, Haß, Leidenschaften, dieses Leben ging wie immer unabhängig seinen Gang, unbeeinflußt von der politischen Freundschaft oder Feindschaft mit Napoleon Bonaparte und von allen möglichen Reformen.


Fürst Andrei hatte ununterbrochen zwei Jahre lang auf dem Land gelebt.

Alle die Unternehmungen, die Pierre auf seinen Gütern geplant hatte, ohne doch dabei zu einem Resultat zu kommen, da er unaufhörlich von einer Sache zur andern hinübersprang, alle diese Unternehmungen hatte Fürst Andrei, ohne irgend jemandem gegenüber davon viel Wesens zu machen, und ohne auffälligen Aufwand von Mühe auf seinen eigenen Gütern zur Ausführung gebracht.

Er besaß im höchsten Grad jene seinem Freund Pierre abgehende praktische Zähigkeit, mittels deren er ohne übermäßige Kraftentwicklung und Anstrengung eine Sache in Gang brachte und im Gang erhielt.

Auf einem seiner Güter hatte er die Leibeigenen, etwa dreihundert Seelen, zu freien Bauern gemacht (es war dies eines der ersten Beispiele in Rußland); auf anderen Gütern war die Fronarbeit durch Abgaben ersetzt. Nach Bogutscharowo hatte er auf seine Kosten eine gelernte Hebamme kommen lassen, die nun den Gebärerinnen beistand, und der Geistliche unterrichtete für ein bestimmtes Gehalt die Kinder der Bauern und Gutsleute im Lesen und Schreiben.

Die eine Hälfte seiner Zeit verlebte Fürst Andrei in Lysyje-Gory bei seinem Vater und bei seinem Sohn, der noch in der Obhut der Wärterinnen war, die andere Hälfte im Kloster Bogutscharowo, wie sein Vater dieses Gut nannte. Obwohl Fürst Andrei im Gespräch mit Pierre eine große Gleichgültigkeit gegen alle äußeren Weltereignisse bekundet hatte, verfolgte er doch den Gang der Dinge mit vielem Eifer, ließ sich eine Menge Bücher kommen und bemerkte zu seiner Verwunderung, wenn zu ihm oder zu seinem Vater Leute direkt aus Petersburg, diesem Brennpunkt des gesamten geistigen Lebens, zu Besuch kamen, daß diese Leute über alle Vorgänge der äußeren und inneren Politik bei weitem nicht so gut unterrichtet waren wie er, der ohne Unterbrechung still auf dem Land saß.

Außer seiner Tätigkeit an den Gütern und außer der Lektüre von Büchern mannigfaltigen Inhaltes beschäftigte Fürst Andrei sich in dieser Zeit auch noch mit einer Kritik unserer Kriegführung in den beiden letzten unglücklichen Feldzügen, sowie mit der Ausarbeitung eines Projektes, betreffend eine Umgestaltung unserer militärischen Reglements und Instruktionen.


Im Frühling des Jahres 1809 reiste Fürst Andrei nach den Rjasanschen Gütern seines Sohnes, dessen Vormund er war.

Von der Frühlingssonne angenehm erwärmt, saß er im Wagen und betrachtete das junge Gras und die ersten Blättchen der Birken und die ersten weißen, geballten Frühlingswolken, die an dem klaren, blauen Himmel dahinzogen. Er dachte an nichts, sondern blickte nur fröhlich nach rechts und links.

Er passierte den Fluß auf der Fähre, auf der er vor einem Jahr mit Pierre ein bedeutsames Gespräch geführt hatte. Dann fuhr er durch ein schmutziges Dorf, vorbei an Äckern mit Wintersaat, hinab zu einer Brücke, wo noch Schnee zurückgeblieben war, bergan auf ausgewaschenem Lehmweg, vorbei an langen Streifen von Stoppelfeldern und an Buschwerk, das hier und da schon grün wurde, und hinein in einen Birkenwald, der auf beiden Seiten des Weges lag. Im Wald war es beinahe heiß; der Wind war hier nicht zu spüren. Die Birken, die ganz mit grünen, klebrigen Blättchen übersät waren, rührten sich nicht; aus dem vorjährigen Laub, das den Boden bedeckte, kamen, die trockenen Blätter in die Höhe hebend, das erste grüne Gras und lila Blumen hervor. Kleine Tannen, die hier und da im Birkenwald verstreut standen, erweckten durch ihr immerwährendes mattes Grün die unerfreuliche Erinnerung an den Winter. Die Pferde prusteten, als sie in den Wald hineinkamen, und fingen an augenfällig zu schwitzen.

Der Diener Pjotr sagte etwas zum Kutscher, und der Kutscher antwortete bejahend. Aber die Zustimmung des Kutschers genügte dem Diener offenbar noch nicht: er wandte sich auf dem Bock zu seinem Herrn um.

»Eure Durchlaucht, wie nett!« sagte er mit respektvollem Lächeln.

»Was sagst du?«

»Es ist alles so nett, Euer Durchlaucht.«

»Was meint er denn?« dachte Fürst Andrei. »Ach so, gewiß den Frühling«, sagte er sich und blickte nach rechts und links. »Wirklich, alles schon grün … wie schnell das gekommen ist! Die Birke fängt schon an, und der Faulbaum, und die Erle … Eine Eiche ist nicht zu sehen. Aber ja, da ist ja eine, eine Eiche.«

Am Rand des Weges stand eine Eiche. Wahrscheinlich zehnmal so alt wie die Birken, die den Wald bildeten, war sie auch zehnmal so dick und noch einmal so hoch wie jede der Birken. Es war ein gewaltiger Baum, den zwei Männer kaum umspannen konnten; viele Äste waren, augenscheinlich schon seit langer Zeit, abgebrochen, die Borke rissig und mit alten, verwachsenen Narben überzogen. Mit ihren großen, plumpen, unsymmetrisch gewachsenen, krummen Armen und Fingern stand sie wie ein alter, ingrimmiger Krüppel, der die ganze Welt haßt und verachtet, mitten unter den lächelnden Birken da. Außer ihr wollten nur die wie toten, immergrünen, kleinen Tannen, die im Wald verstreut standen, sich dem Zauber des Frühlings nicht fügen und weder den Frühling noch die Sonne sehen.

»Frühling und Liebe und Glück!« schien diese Eiche zu sagen. »Daß ihr dieser stets gleichbleibenden, dummen, sinnlosen Täuschung nicht überdrüssig werdet! Immer ein und dasselbe, und immer Täuschung! Es gibt keinen Frühling, keine Sonne, kein Glück! Da! Seht diese niedergedrückten, erstorbenen Tannen an, deren Aussehen immer gleich bleibt! Und seht mich an! Ich habe meine zerbrochenen, verstümmelten Glieder ausgespreizt, wo sie aus mir herausgewachsen sind: aus dem Rücken, aus den Seiten; wie sie herausgewachsen sind, so stehe ich da und glaube nicht an eure Hoffnungen und Täuschungen.«

Fürst Andrei blickte sich beim Weiterfahren durch den Wald mehrmals nach dieser Eiche um, als ob er von ihr etwas erwartete. Blumen und Gras befanden sich auch unter der Eiche; aber sie stand immer in der gleichen Haltung mitten unter ihnen: finster, unbeweglich, häßlich und eigensinnig.

»Ja, sie hat recht, vollkommen recht, diese Eiche«, dachte Fürst Andrei. »Mögen andere, jüngere Leute sich von neuem dieser Täuschung hingeben; aber wir kennen das Leben; unser Leben ist zu Ende!« Eine ganze neue Reihe hoffnungsloser, aber wehmütig-freundlicher Gedanken zog, im Anschluß an den Anblick dieser Eiche, durch die Seele des Fürsten Andrei. Während dieser Reise überdachte er gewissermaßen von neuem sein ganzes Leben und kam zu demselben beruhigenden, hoffnungslosen Ergebnis wie früher: daß er nichts Neues mehr beginnen dürfe, sondern sein Leben zu Ende führen müsse, ohne Übles zu tun, ohne sich aufzuregen und ohne etwas zu wünschen.


II


In vormundschaftlichen Angelegenheiten eines Rjasaner Gutes mußte Fürst Andrei mit dem Adelsmarschall des Kreises persönliche Rücksprache nehmen. Dieser Adelsmarschall war Graf Ilja Andrejewitsch Rostow, und so fuhr denn Fürst Andrei Mitte Mai zu ihm.

Es war schon die heiße Periode des Frühlings eingetreten. Der Wald war bereits voll belaubt; die Wege waren staubig, und es herrschte eine solche Hitze, daß man, wenn man an einem Wasser vorbeifuhr, Lust bekam zu baden.

In mißmutiger Stimmung und damit beschäftigt, alle die geschäftlichen Fragen zu überlegen, die er dem Adelsmarschall vorzulegen hatte, fuhr Fürst Andrei durch die Gartenallee auf das Rostowsche Gutshaus in Otradnoje zu. Von rechts hinter den Bäumen her hörte er fröhliches Geschrei weiblicher Stimmen und erblickte eine Mädchenschar, die von der Seite auf seinen Wagen zugelaufen kam. Den andern voran, dem Wagen am nächsten, lief ein schwarzhaariges, sehr fein und schlank gebautes, schwarzäugiges Mädchen, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein weißes Taschentuch gebunden, unter welchem einzelne Strähnen loser Haare hervorquollen. Das junge Mädchen rief etwas nach dem Wagen zu; aber als sie erkannte, daß ein Fremder darin saß, lief sie, ohne ihn anzusehen, lachend wieder zurück.

Eine schmerzliche Empfindung überkam auf einmal den Fürsten Andrei. Es war ein so schöner Tag, die Sonne schien so hell, ringsum war alles so fröhlich; aber diese schlanke, niedliche Person wußte nicht und wollte gar nicht wissen, daß er überhaupt existierte, und fühlte sich zufrieden und glücklich bei ihrem eigenen, wahrscheinlich törichten, aber heiteren, vergnügten Leben. »Worüber freut sie sich so? Woran denkt sie? Sicherlich nicht an militärische Reglements und an die Neuordnung der Verhältnisse der Rjasaner Zinsbauern. Woran denkt sie? Worüber ist sie so glücklich?« fragte sich Fürst Andrei mit unwillkürlich erwachter Neugierde.

Graf Ilja Andrejewitsch lebte im Jahre 1809 in Otradnoje genau ebenso wie früher, das heißt, er veranstaltete Jagden, Theatervorstellungen, Diners und Konzerte, zu denen sich der ganze Adel des Gouvernements einfand. Wie über jeden neuen Gast freute er sich auch über die Ankunft des Fürsten Andrei und veranlaßte ihn beinahe mit Gewalt, über Nacht zu bleiben.

Diesen ganzen Tag über nahmen Fürst Andrei die älteren Herrschaften in Anspruch, nämlich der Hausherr und die Hausfrau und die vornehmsten der Gäste, von denen aus Anlaß des herankommenden Namenstages das Haus des alten Grafen voll war. Fürst Andrei langweilte sich dabei stark, blickte mehrmals zu Natascha hin, die sich mit der übrigen anwesenden Jugend amüsierte und immer über irgend etwas lachte, und fragte sich: »Woran denkt sie? Worüber freut sie sich so?«

Als er am Abend in dem ihm fremden Zimmer allein war, konnte er lange nicht einschlafen. Er las; dann löschte er die Kerze aus und zündete sie wieder an. In dem Zimmer mit den geschlossenen Innenläden war eine schwüle Luft. Er ärgerte sich über diesen dummen alten Kerl (so nannte er Rostow), der ihn durch die Versicherung zurückgehalten hatte, die erforderlichen Papiere seien in der Stadt, seien noch nicht hergeschickt, und er ärgerte sich über sich selbst, daß er dageblieben war.

Fürst Andrei stand auf und trat ans Fenster, um es zu öffnen. Sowie er die Läden aufgemacht hatte, drang das Mondlicht, als hätte es schon lange am Fenster Wache gestanden und darauf gewartet, ins Zimmer hinein. Er öffnete das Fenster. Es war eine frische, windstille, helle Nacht. Unmittelbar vor dem Fenster stand eine Reihe beschnittener Bäume, die auf der einen Seite schwarz aussahen und auf der andern silbrig beleuchtet waren. Unter den Bäumen befand sich irgendeine saftige, feuchte, krause Pflanzenart, deren Blätter und Stengel stellenweise wie Silber schimmerten. Weiter weg hinter den schwarzen Bäumen war ein Dach sichtbar, das von Tau glänzte, und mehr rechts ein großer, krauser Baum mit Stamm und Ästen von heller, weißer Färbung und über ihm der beinahe volle Mond an dem hellen, fast sternenlosen Frühlingshimmel. Fürst Andrei lehnte sich mit den Ellbogen auf das Fensterbrett und richtete seine Blicke unverwandt nach diesem Himmel.

Das Zimmer des Fürsten Andrei befand sich in der mittleren Etage; auch das darüberliegende Zimmer war bewohnt, und die Insassen schliefen noch nicht. Er hörte oben zwei weibliche Stimmen reden.

»Nur noch ein einziges Mal«, sagte die eine Stimme, welche Fürst Andrei sofort erkannte.

»Aber wann willst du denn eigentlich schlafen?« antwortete die andere Stimme.

»Ich will gar nicht schlafen; ich kann nicht einschlafen; was soll ich machen! Nun also, zum allerletzten Mal!«

Die beiden Stimmen sangen ein Stück einer Melodie, welches das Ende irgendeines Liedes bildete.

»Ach, wie entzückend!«

»Nun, aber jetzt machen wir Schluß; jetzt wird geschlafen!«

»Schlaf du; ich kann nicht schlafen«, antwortete die erste Stimme, die sich dem Fenster genähert hatte. Die betreffende Person bog sich offenbar ganz aus dem Fenster; denn Fürst Andrei hörte das Rascheln ihres Kleides und sogar ihren Atem. Alles war still und regungslos; auch der Mond und der Mondschein und die Schatten. Auch Fürst Andrei scheute sich, eine Bewegung zu machen, um sich nicht als unfreiwilligen Hörer zu verraten.

»Sonja, Sonja!« erscholl wieder die erste Stimme. »Aber wie kannst du nur dabei schlafen! Sieh doch nur, wie reizend alles ist! Ach, wie reizend! So wache doch auf, Sonja!« sagte sie beinahe weinend. »So eine herrliche Nacht hat es ja noch nie, noch nie gegeben!«

Sonja gab verdrossen irgendeine Antwort.

»Nein, sieh doch nur, wie wundervoll der Mond scheint …! Ach, wie entzückend! Komm doch her! Liebste, Beste, komm doch her! Nun, siehst du wohl? So möchte ich mich niederkauern, siehst du wohl, so, und die Hände unter den Knien zusammenlegen, fest, so fest wie möglich, ganz eng und straff, und dann möchte ich losfliegen. Sieh mal: so!«

»Hör auf! Du wirst noch fallen!«

Es war zu hören, daß sie miteinander rangen. Sonja sagte in unzufriedenem Ton: »Es ist ja bald zwei Uhr.«

»Ach, du verdirbst mir immer nur mein Vergnügen. Geh doch, geh doch!«

Wieder wurde alles still; aber Fürst Andrei wußte, daß Natascha immer noch dort saß; er hörte manchmal eine leise Bewegung, mitunter auch einen Seufzer.

»Ach, mein Gott, mein Gott! Wie schön ist das alles!« rief sie plötzlich. »Also jetzt schlafen gehen, wenn’s doch einmal sein muß!« Sie schlug das Fenster zu.

»Es ist ganz gleichgültig, ob ich existiere oder nicht!« dachte Fürst Andrei, während er auf ihre Worte lauschte und aus einem nicht recht verständlichen Grund erwartete und fürchtete, daß sie etwas über ihn selbst sagen werde. »Wieder sie! Als wäre es eine besondere Fügung!« dachte er.

In seiner Seele erhob sich unerwarteterweise ein solcher wirrer Schwarm jugendlicher Gedanken und Hoffnungen, die zu seinem ganzen Leben in schroffem Gegensatz standen, daß er sich unfähig fühlte, über seinen Zustand zur Klarheit zu gelangen. Jedoch schlief er sehr bald ein.


III


Am andern Tag nahm Fürst Andrei, ohne abzuwarten, bis die Damen zum Vorschein kämen, nur vom Grafen Abschied und fuhr nach Hause.

Es war schon Anfang Juni, als Fürst Andrei bei der Rückkehr nach Bogutscharowo wieder in denselben Birkenhain einfuhr, in welchem jene alte, krumm gewachsene Eiche so eigenartige, merkwürdige Gedanken in ihm wachgerufen hatte. Die Glöckchen der Pferde klangen jetzt noch dumpfer im Wald als vor anderthalb Monaten; alles war jetzt voll und dicht und schattig; und die durch den Wald verstreuten jungen Tannen störten die allgemeine Schönheit nicht mehr: denn allgemeinen Charakter des Waldes sich anpassend, trieben auch sie wollige Sprossen von zartgrüner Farbe.

Den ganzen Tag über war es heiß gewesen; jetzt zog sich irgendwo ein Gewitter zusammen; aber vorläufig sandte nur eine kleine Wolke einen Sprühregen auf den Staub des Weges und auf die saftigen Blätter herab. Die linke Seite des Waldes lag im Schatten und war dunkel; die rechte, von der Nässe glänzend, blitzte in der Sonne, indem die Blätter nur leise im Wind schwankten. Alles stand in Blüte; die Nachtigallen schmetterten und flöteten bald nah, bald fern.

»Ja, hier in diesem Wald stand doch jene Eiche, in der ich mein Ebenbild erkannte«, dachte Fürst Andrei. »Ja, wo ist sie nur?« fragte er sich, nach der linken Seite des Weges blickend, und betrachtete bewundernd, ohne es selbst zu wissen, ohne sie zu erkennen, eben jene Eiche, die er suchte. Die alte Eiche, ganz verwandelt, breitete sich jetzt mit ihrem saftigen, dunkelgrünen Laub wie ein Zelt aus und schwelgte, kaum ein Blatt rührend, in den Strahlen der Abendsonne. Weder krumm gewachsene Finger, noch Narben, noch altes Mißtrauen und Leid, nichts derartiges war mehr zu sehen. Quer durch die harte, hundertjährige Borke drangen ohne Äste saftige, grüne Blätter, so daß man kaum glauben mochte, daß diese Greisin sie hervorgebracht habe. »Ja, das ist dieselbe Eiche«, dachte Fürst Andrei, und plötzlich überkam ihn, eigentlich ohne tatsächliche Ursache, ein Frühlingsgefühl der Verjüngung und der Freude. Alle diejenigen Augenblicke seines Lebens, wo wahrhaft gute Empfindungen sein Herz erfüllt hatten, kamen ihm gleichzeitig ins Gedächtnis: Austerlitz mit dem hohen Himmel, und das vorwurfsvolle Antlitz seiner toten Frau, und Pierre auf der Fähre, und das von der Schönheit der Nacht so mächtig erregte junge Mädchen, und diese Nacht selbst und der Mond – das alles war ihm auf einmal wieder gegenwärtig.

»Nein, das Leben ist noch nicht abgeschlossen, wenn man einunddreißig Jahre alt ist«, das war das endgültige, unumstößliche Resultat dieser Gedanken. »Es genügt nicht«, dachte Fürst Andrei, »daß ich selbst weiß, was alles in meiner Seele wohnt; auch alle andern sollen es erfahren: Pierre und dieses junge Mädchen, das in den Himmel fliegen wollte; alle sollen sie mich kennenlernen, damit mein Leben nicht für mich allein dahingehe, und damit sie ihr Leben nicht so abgetrennt und unberührt von dem meinigen führen, und damit mein Leben auf sie alle zurückwirke, und damit sie alle mit mir vereint leben!«


Nach der Rückkehr von seiner Reise beschloß Fürst Andrei, im Herbst nach Petersburg zu fahren, und sann sich verschiedene Gründe für diesen Entschluß aus. Er hatte jeden Augenblick eine ganze Reihe logischer Vernunftbeweise zur Verfügung, weshalb er unbedingt nach Petersburg gehen und sogar wieder in den Dienst treten müsse. Ja, es war ihm jetzt ganz unbegreiflich, wie er jemals an der Notwendigkeit, tätigen Anteil am Leben zu nehmen, hatte zweifeln können, gerade wie er einen Monat vorher nicht begriffen hatte, wie ihm der Gedanke in den Sinn kommen könnte, vom Land fortzuziehen. Es schien ihm jetzt ganz klar, daß seine gesamten Lebenserfahrungen nutzlos und vergebliche Mühe sein würden, wenn er sie nicht praktisch verwertete und nicht wieder tätigen Anteil am Leben nähme. Es war ihm jetzt sogar unbegreiflich, wie er früher hatte meinen können (und doch hatte er es aufgrund ebenso armseliger Vernunftbeweise gemeint), daß es seiner unwürdig sei, nach seinen trüben Lebenserfahrungen den Glauben an die Möglichkeit, Nutzen zu stiften, und den Glauben an die Möglichkeit von Glück und Liebe festzuhalten. Jetzt flüsterte ihm seine Vernunft ganz andere Ratschläge zu. Seit seiner Reise hatte Fürst Andrei angefangen, sich auf dem Land zu langweilen, seine früheren Beschäftigungen interessierten ihn nicht mehr, und oft, wenn er allein in seinem Zimmer saß, stand er auf, trat zum Spiegel und blickte lange sein Gesicht an. Dann wandte er sich ab und betrachtete das Porträt der verstorbenen Lisa, die mit à la grecque frisierten Locken ihn freundlich und heiter aus ihrem goldenen Rahmen anblickte. Sie sprach zu ihrem Mann jetzt nicht mehr die früheren furchtbaren Worte; sie blickte ihn harmlos und fröhlich und mit einem Ausdruck von Neugier an. Und Fürst Andrei ging, die Hände auf den Rücken gelegt, lange im Zimmer auf und ab, bald mit finsterer Miene, bald lächelnd, und überließ sich jenen Gedanken, die mit der Vernunft nichts zu tun hatten, die sich mit Worten nicht aussprechen ließen, und die er wie ein Verbrechen geheimhalten zu müssen glaubte, jenen Gedanken, die mit Pierre und mit dem Ruhm und mit dem Mädchen am Fenster und mit der Eiche und mit weiblicher Schönheit und mit der Liebe zusammenhingen und sein ganzes Leben verändert hatten. Und in solchen Augenblicken benahm er sich, wenn jemand zu ihm ins Zimmer trat, besonders trocken, streng und scharf und brachte namentlich in unfreundlicher Weise die Logik zur Anwendung.

»Lieber Bruder«, sagte zum Beispiel einmal Prinzessin Marja, als sie in einem solchen Augenblick hereinkam, »unser kleiner Nikolai kann heute nicht Spazierengehen; es ist sehr kalt.«

»Wenn es warm wäre«, erwiderte Fürst Andrei seiner Schwester in trockenem Ton, »dann würde er im bloßen Hemd ausgehen; da es nun aber kalt ist, so muß man ihm warme Kleidung anziehen, die ja eben zu diesem Zweck erfunden ist. Das also folgt daraus, daß es kalt ist, nicht aber, daß er zu Hause bleiben müßte, obwohl doch ein kleines Kind frische Luft braucht.« So redete er mit besonderer Herauskehrung der Logik, wie wenn er für all die geheime, unlogische Geistestätigkeit, die in ihm vorging, einen andern bestrafen wollte.

Prinzessin Marja dachte in solchen Fällen erstaunt, was für ein trockenes Wesen doch die Männer infolge der geistigen Arbeit bekommen.


IV


Fürst Andrei kam im August 1809 in Petersburg an. Es war die Zeit, wo der Ruhm des jungen Speranski auf seiner höchsten Höhe stand, und wo an den von ihm betriebenen Reformen mit dem größten Eifer gearbeitet wurde. Gerade in diesem Monat war der Kaiser bei einer Wagenfahrt aus dem Wagen gefallen, hatte sich den Fuß beschädigt und blieb nun drei Wochen lang in Peterhof, wo er täglich und ausschließlich mit Speranski konferierte. In dieser Zeit wurden nicht nur zwei sehr bedeutsame und in der höheren Gesellschaft Aufregung hervorrufende Ukase über die Aufhebung von Privilegien der Hofchargen und über die Examina für die Ämter der Kollegienassessoren und Staatsräte fertiggestellt, sondern auch eine vollständige Reichsverfassung, durch welche das ganze bestehende Regierungssystem auf gerichtlichem, administrativem und finanziellem Gebiet vom Reichsrat bis zur Dorfgemeinde eine durchgreifende Veränderung erfahren sollte. Jetzt begannen sich jene unklaren liberalen Ideen zu verwirklichen, mit denen Kaiser Alexander den Thron bestiegen hatte, und die er früher mit Hilfe seiner Mitarbeiter Ezartoryski, Rowosilzew, Kotschubei und Stroganow, die er selbst im Scherz seinen Wohlfahrtsausschuß zu nennen pflegte, durchzuführen bemüht gewesen war.

Jetzt waren sie alle zusammen durch zwei Männer ersetzt worden: durch Speranski in Zivilangelegenheiten und durch Araktschejew in Militärangelegenheiten.

Fürst Andrei war bald nach seiner Ankunft in seiner Eigenschaft als Kammerherr bei Hof und zur Cour erschienen. Aber der Kaiser, dem er dabei zweimal vor Augen gekommen war, hatte ihn keines Wortes gewürdigt. Fürst Andrei hatte schon früher immer den Eindruck gehabt, daß er dem Kaiser unsympathisch sei, daß dem Kaiser sein Gesicht und sein ganzes Wesen nicht zusage. In dem kalten, abweisenden Blick, mit dem ihn der Kaiser jetzt angesehen hatte, fand Fürst Andrei eine neue Bestätigung dieser Vermutung. Die Hofleute dagegen erklärten dem Fürsten Andrei gegenüber diese Nichtbeachtung seitens des Kaisers damit, daß Seine Majestät es übel vermerkt habe, daß Bolkonski seit dem Jahr 1805 nicht mehr im Dienst sei.

»Ich weiß selbst nur zu gut, wie machtlos wir unsern Sympathien und Antipathien gegenüberstehen«, dachte Fürst Andrei, »und daher ist gar nicht daran zu denken, daß ich meine Denkschrift über die militärischen Reglements dem Kaiser persönlich überreichen könnte. Aber die Sache wird für sich selbst sprechen.«

Er machte einem alten Feldmarschall, einem Freund seines Vaters, brieflich von seiner Denkschrift Mitteilung. Der Feldmarschall gab ihm eine Stunde an, empfing ihn freundlich und versprach, dem Kaiser darüber zu berichten. Einige Tage darauf erhielt Fürst Andrei die Weisung, sich beim Kriegsminister, dem Grafen Araktschejew, einzufinden.


An dem festgesetzten Tag um neun Uhr morgens stellte sich Fürst Andrei im Wartezimmer des Grafen Araktschejew ein.

Persönlich kannte Fürst Andrei den Grafen Araktschejew nicht; er hatte ihn nie gesehen; aber alles, was er von ihm wußte, flößte ihm wenig Achtung vor diesem Mann ein.

»Er ist Kriegsminister«, dachte aber Fürst Andrei, »der Vertrauensmann des Kaisers; um seine persönliche Eigenschaften hat sich niemand zu kümmern. Er hat den Auftrag, meine Denkschrift zu prüfen; folglich ist er der einzige Mensch, der meinen Ideen freie Bahn schaffen kann.« Mit solchen Gedanken wartete Fürst Andrei in dem Wartezimmer des Grafen Araktschejew unter vielen anderen Leuten hohen und niederen Ranges.

Fürst Andrei hatte während seiner Dienstzeit, namentlich in seiner Stellung als Adjutant, viele Wartezimmer hoher Persönlichkeiten zu sehen bekommen und kannte den verschiedenen Charakter dieser Wartezimmer recht genau. Aber das Wartezimmer des Grafen Araktschejew repräsentierte einen ganz besonderen Typus. Auf den Gesichtern der geringeren Personen, die hier darauf warteten, daß sie an die Reihe kämen, Audienz zu erhalten, prägte sich eine gewisse Ängstlichkeit und Unterwürfigkeit aus; bei den höhergestellten Personen kam durchweg ein gemeinsames Gefühl der Unbehaglichkeit zum Ausdruck, das sich unter der Maske der Ungeniertheit und des Spottes über sich selbst, über die eigene Situation und über die Persönlichkeit, bei der man auf die Audienz wartete, zu verbergen suchte. Manche gingen, mit ihren Gedanken beschäftigt, hin und her; andere flüsterten und lachten miteinander, und Fürst Andrei hörte den Spitznamen Sila Andrejewitsch1und die Worte: »Der Onkel wird Ihnen gehörig den Kopf waschen«, die sich auf den Grafen Araktschejew bezogen. Ein General von sehr hohem Rang fühlte sich offenbar dadurch beleidigt, daß er so lange warten mußte; er saß, verächtlich vor sich hinlächelnd, da und legte die Beine bald so, bald so übereinander.

Aber sobald sich die Tür öffnete, zeigte sich auf allen Gesichtern ein und derselbe Ausdruck: der der Furcht. Fürst Andrei bat den diensttuenden Adjutanten schon zum zweitenmal, ihn doch zu melden; aber die Anwesenden blickten ihn spöttisch an, und es wurde ihm gesagt, daß es streng nach der Reihe gehe und er warten müsse, bis er drankomme. Nachdem mehrere andere Personen durch den Adjutanten in das Zimmer des Ministers hineingeführt und wieder herausgeleitet waren, wurde in die schreckliche Tür ein Offizier hineingelassen, der dem Fürsten Andrei durch seine niedergeschlagene, ängstliche Miene auffiel. Die Audienz dieses Offiziers dauerte ziemlich lange. Auf einmal hörte man durch die Tür hindurch das grollende Schelten einer unangenehm klingenden Stimme; der Offizier kam mit blassem Gesicht und zitternden Lippen wieder heraus und ging, sich an den Kopf greifend, durch das Wartezimmer hindurch.

Gleich darauf wurde Fürst Andrei zu der Tür geleitet, und der diensttuende Adjutant flüsterte ihm zu: »Nach rechts, zum Fenster!«

Fürst Andrei trat in das einfach ausgestattete, saubere Arbeitszimmer und erblickte am Tisch einen Mann von etwa vierzig Jahren, mit langer Taille, langem, kurzgeschorenem Kopf, mit dicken Falten auf der Stirn und zusammengezogenen Brauen über braungrünen, stumpfblickenden Augen, und mit einer hängenden roten Nase. Araktschejew wandte den Kopf zu ihm hin, ohne ihn anzusehen.

»Um was bitten Sie?« fragte der Minister.

»Ich bitte um nichts, Euer Erlaucht«, antwortete Fürst Andrei ruhig.

Jetzt richteten sich Araktschejews Augen nach ihm hin.

»Setzen Sie sich«, sagte er. »Fürst Bolkonski?«

»Ich bitte um nichts; aber Seine Majestät der Kaiser haben geruht, Euer Erlaucht eine von mir eingereichte Denkschrift zuzustellen …«

»Ja, sehen Sie, mein Bester, Ihre Denkschrift habe ich gelesen«, unterbrach ihn Araktschejew; er hatte nur die ersten Worte freundlich gesagt, blickte dem Fürsten Andrei nicht mehr ins Gesicht und geriet immer mehr und mehr in einen mürrischen, geringschätzigen Ton hinein. »Sie schlagen neue Militärreglements vor? Reglements haben wir genug, so viele, daß niemand auch nur die alten alle befolgen kann. Heutzutage schreiben alle Leute Reglements; schreiben ist leichter als handeln.«

»Ich bin gemäß der Weisung Seiner Majestät hergekommen, um mich bei Euer Erlaucht zu erkundigen, welche weitere Folge Sie der von mir eingereichten Denkschrift zu geben beabsichtigen«, sagte Fürst Andrei höflich.

»Ich habe ein Urteil über Ihre Denkschrift abgefaßt und diese dem Komitee übersandt. Ich stimme Ihnen nicht bei«, sagte Araktschejew, stand auf und nahm ein Papier vom Schreibtisch. »Hier!« Er reichte das Blatt dem Fürsten Andrei.

Auf dem Blatt war querüber, mit Bleistift, ohne einen großen Anfangsbuchstaben, unorthographisch und ohne Interpunktionszeichen folgendes geschrieben: »Eine ungründliche Arbeit, weil lediglich Nachahmung, abgeschrieben aus dem französischen Militärreglement und von den bestehenden Bestimmungen ohne Not abweichend.«

»Welchem Komitee ist denn die Denkschrift übergeben?« fragte Fürst Andrei.

»Dem Komitee für Militärgesetzgebung, und es ist von mir beantragt worden, Euer Wohlgeboren als Mitglied zu aggregieren. Aber ohne Gehalt.«

Fürst Andrei lächelte.

»Gehalt wünsche ich auch nicht.«

»Als Mitglied ohne Gehalt«, sagte Araktschejew noch einmal. »Ich habe die Ehre … He! Ruf den nächsten! Wer ist noch da?« rief er und machte dem Fürsten Andrei eine Verbeugung.


Fußnoten


1 Graf Rastoptschin veröffentlichte im Jahre 1807 eine Broschüre: »Ein Selbstgespräch auf der Roten Treppe«. In ihr wird als redend der Oberstleutnant a.D. Sila Andrejewitsch Bogatyrjow eingeführt, welcher über die Vorliebe der Russen für französisches Wesen klagt.

Anmerkung des Übersetzers.


V

Während Fürst Andrei eine Benachrichtigung darüber erwartete, daß er dem Komitee als Mitglied aggregiert sei, erneuerte er alte Bekanntschaften, namentlich mit solchen Persönlichkeiten, von denen er wußte, daß sie Einfluß besaßen und ihm nützlich sein konnten. Es erfüllte ihn jetzt in Petersburg ein ähnliches Gefühl wie damals am Tag vor der Schlacht, als ihn eine unruhige Neugier gequält und ihn unwiderstehlich zu jenen höheren Regionen hingezogen hatte, wo die Zukunft vorbereitet wurde, von der das Schicksal von Millionen Menschen abhing. An dem erbitterten Ingrimm der Partei der Älteren, an der Neugier der Uneingeweihten, an der Zurückhaltung der Wissenden, an dem hastigen Treiben und unruhigen Wesen aller, an der zahllosen Menge von Komitees und Kommissionen (täglich hörte er von der Existenz neuer, ihm bisher unbekannter), an alledem merkte er, daß jetzt, im Jahre 1809, hier in Petersburg gewissermaßen eine gewaltige soziale Schlacht vorbereitet wurde, deren Oberkommandierender eine ihm unbekannte, geheimnisvolle, aber genial erscheinende Persönlichkeit war: Speranski.

Sowohl das Reformwerk selbst, das ihm nur in undeutlichen Umrissen bekannt war, als auch die eigentliche Triebfeder desselben, Speranski, begannen ihn so leidenschaftlich zu interessieren, daß die Angelegenheit des Militärreglements bei ihm sehr bald an die zweite Stelle zurücktreten mußte.

Fürst Andrei befand sich in einer außerordentlich günstigen Lage, durch die ihm eine gute Aufnahme in all den so verschiedenartigen Kreisen der damaligen Petersburger Gesellschaft, auch in den höchsten, gesichert wurde. Die Partei der Reformer empfing ihn freudig und suchte ihn für sich zu gewinnen, erstens, weil er in dem Ruf stand, einen guten Verstand und eine große Belesenheit zu besitzen, und zweitens, weil er durch seine Bauernbefreiung sich bereits die Reputation eines Liberalen erworben hatte. Die Partei der unzufriedenen Alten wandte sich an ihn, einfach weil er der Sohn seines Vaters war, und rechnete aus diesem Grund auf seine Zustimmung bei dem Verdammungsurteil über die Reformen. Die weibliche Gesellschaft, die »Welt«, nahm ihn mit Freuden auf, weil er ein reicher, vornehmer Heiratskandidat war und als eine beinahe neue Persönlichkeit, geschmückt mit dem Nimbus, den ihm die romanhafte Geschichte von seinem vermeintlichen Tod und dem tragischen Ende seiner Frau verlieh, in diesen Kreis trat. Außerdem war bei allen, die ihn früher gekannt hatten, nur eine Stimme darüber, daß er sich in diesen fünf Jahren sehr zu seinem Vorteil verändert habe, milder und männlicher geworden sei, nicht mehr das frühere gekünstelte, hochmütige, spöttische Wesen zeige, sondern jene Ruhe gewonnen habe, die dem Menschen die Jahre verleihen. Man fing an, von ihm zu sprechen, man interessierte sich für ihn, und alle wünschten mit ihm umzugehen.

Am Tag nach dem Besuch bei dem Grafen Araktschejew war Fürst Andrei auf einer Abendgesellschaft bei dem Grafen Kotschubei. Er erzählte dem Grafen seine Unterredung mit »Sila Andrejewitsch« (auch Kotschubei nannte den Grafen Araktschejew so mit einer Nuance von Spott über dessen Richtung; dieselbe Nuance hatte Fürst Andrei schon in dem Wartezimmer des Kriegsministers herausgefühlt).

»Mein Lieber«, sagte Kotschubei, »auch in dieser Angelegenheit dürfen Sie Michail Michailowitsch Speranski nicht übergehen. Er ist der große Mann, der alles macht. Ich werde es ihm sagen. Er hat mir versprochen, heute abend herzukommen.«

»Was hat denn Speranski mit dem Militärreglement zu schaffen?« fragte Fürst Andrei.

Kotschubei wiegte lächelnd den Kopf hin und her, wie wenn er sich über Bolkonskis Naivität wunderte.

»Ich habe kürzlich mit ihm über Sie gesprochen«, fuhr Kotschubei fort, »über Ihre freien Bauern …«

»Ja, was haben Sie denn da gemacht, Fürst? Sie haben Ihre Bauern freigelassen?« sagte ein alter, aus der Zeit der Kaiserin Katharina stammender Herr, der sich mit einer Miene geringschätzigen Tadels zu Bolkonski wandte.

»Es handelte sich nur um ein kleines Gut, das nichts einbrachte«, antwortete Bolkonski, der, um den alten Mann nicht unnötig zu ärgern, sich bemühte, ihm gegenüber die Bedeutung seiner Handlungsweise abzuschwächen.

»Sie fürchten wohl, hinter dem Fürsten Bolkonski zurückzubleiben?« sagte der Alte, indem er Kotschubei anblickte.

»Ich begreife nur eines nicht«, fuhr er fort: »Wer wird denn das Land pflügen, wenn man sie freiläßt? Gesetze schreiben ist leicht; aber regieren ist schwer. Das sieht man auch jetzt bei dieser neuen Verordnung: ich frage Sie, Graf, wer wird denn noch Chef einer Gerichts- oder Verwaltungsbehörde werden, wenn alle erst ein Examen machen müssen?«

»Diejenigen, die das Examen bestehen, möchte ich meinen«, antwortete Kotschubei, schlug ein Bein über das andere und sah sich um.

»Da habe ich in meinem Departement einen Beamten, namens Prjanitschnikow; ein prächtiger Mensch, nicht mit Gold zu bezahlen; aber er ist sechzig Jahre alt; wird der noch Examina machen?«

»Ja, Schwierigkeiten hat die Sache, weil eben die Bildung noch sehr wenig Verbreitung gefunden hat; aber …«

Graf Kotschubei sprach seinen Satz nicht zu Ende; er erhob sich, faßte den Fürsten Andrei unter den Arm und ging mit ihm einem soeben eintretenden Herrn entgegen. Es war ein hochgewachsener, kahlköpfiger, blonder Mann von etwa vierzig Jahren, mit großer, offener Stirn und ganz ungewöhnlich blasser Farbe des länglichen Gesichts; er trug einen blauen Frack, einen Orden um den Hals und einen andern auf der linken Brustseite. Dies war Speranski. Fürst Andrei erkannte ihn sofort und fühlte in seinem Innern ein Zucken und Zittern, wie das in wichtigen Augenblicken des Lebens häufig vorkommt. Ob es nun Hochachtung war, oder Neid, oder gespannte Erwartung, er wußte es nicht. Die ganze Erscheinung Speranskis hatte etwas Besonderes an sich, woran man ihn sogleich erkennen konnte. Bei niemandem in den Gesellschaftskreisen, in denen Fürst Andrei lebte, hatte er so ruhige, selbstbewußte und dabei doch unbeholfene, anmutlose Bewegungen gesehen; bei niemandem einen so festen und zugleich weichen Blick der halbgeschlossenen und etwas feuchten Augen, ein so konsequent festgehaltenes, bedeutungsloses Lächeln, eine so feine, gleichmäßige, leise Stimme, und vor allem bei niemandem eine so zarte, weiße Farbe des Gesichts und namentlich auch der etwas breiten, ungewöhnlich fleischigen, zarten Hände. Eine solche Blässe und Zartheit des Gesichts hatte Fürst Andrei nur bei Soldaten gesehen, die lange im Hospital gewesen waren. Das also war Speranski, der Staatssekretär und vortragende Rat des Kaisers, den er auch nach Erfurt begleitet hatte, wo er mehrmals mit Napoleon zusammengetroffen war und mit ihm gesprochen hatte.

Speranski ließ seine Augen nicht von einem zum andern laufen, wie man das beim Eintritt in eine große Gesellschaft oft unwillkürlich tut, und beeilte sich nicht, zu reden. Er sprach leise, offenbar in der sicheren Überzeugung, daß man ihm zuhören werde, und blickte nur denjenigen an, mit dem er sprach.

Fürst Andrei achtete mit besonderer Aufmerksamkeit auf jedes Wort und jede Bewegung Speranskis. Wie es vielen Menschen geht, und namentlich solchen, die über ihre Mitmenschen streng zu urteilen pflegen, gab Fürst Andrei, wenn er einer neuen Persönlichkeit begegnete, und nun gar einem Mann wie Speranski, dessen bedeutenden Ruf er kannte, sich immer der Erwartung hin, in dem Betreffenden den Inbegriff menschlicher Vollkommenheit zu finden.

Speranski äußerte gegen Kotschubei sein Bedauern, daß er nicht habe früher kommen können, da er im Palais noch aufgehalten worden sei. Er sagte nicht, daß es der Kaiser gewesen war, der ihn aufgehalten hatte. Auch diese erkünstelte Bescheidenheit entging dem Fürsten Andrei nicht. Als Kotschubei ihm den Fürsten Andrei vorstellte, ließ Speranski langsam seine Augen zu diesem hinübergleiten und betrachtete ihn schweigend mit demselben Lächeln.

»Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen; ich habe von Ihnen gehört; und wer hätte von Ihnen nicht gehört?« sagte er.

Kotschubei sagte einige Worte über den Empfang, den Bolkonski bei Araktschejew gefunden hatte. Speranski lächelte noch mehr als vorher.

»Herr Magnizki, der Direktor des Komitees für Militärgesetzgebung, ist ein guter Freund von mir«, sagte er, indem er jede Silbe und jedes Wort deutlich aussprach, »und wenn Sie es wünschen, kann ich Sie mit ihm bekanntmachen.« (Er machte eine kleine Pause, als ob er zum Schluß dieses Satzes einen Punkt setzte.) »Ich hoffe, Sie werden an ihm einen Mann finden, der sich für alles Vernünftige interessiert und bereit ist, dabei mitzuwirken.«

Um Speranski bildete sich sogleich eine Gruppe; auch der alte Herr, der von seinem Beamten Prjanitschnikow gesprochen hatte, wendete sich mit einer Frage an Speranski.

Fürst Andrei beteiligte sich nicht an dem Gespräch, sondern beobachtete nur alle Bewegungen Speranskis, dieses Mannes, der vor nicht allzu langer Zeit ein unbedeutender Schüler der geistlichen Akademie gewesen war und jetzt in seinen Händen, diesen weißen, fleischigen Händen, das Schicksal Rußlands hielt. Dem Fürsten Andrei imponierte die außerordentliche, geringschätzige Ruhe, mit welcher Speranski dem alten Herrn antwortete. Es machte den Eindruck, als ob er von einer unermeßlichen Höhe herab ein paar leutselige Worte an ihn richtete. Als der alte Herr zu laut zu sprechen begann, bemerkte Speranski lächelnd, jener habe wohl kein zuverlässiges Urteil darüber, ob das, was der Kaiser anordne, nützlich sei oder nicht.

Nachdem Speranski eine Zeitlang in dem allgemeinen Kreis sich an dem Gespräch beteiligt hatte, stand er auf, trat zum Fürsten Andrei und ging mit ihm nach dem andern Ende des Zimmers. Augenscheinlich hielt er es für angemessen, sich mit Bolkonski ganz besonders abzugeben.

»Infolge des lebhaften Gesprächs, in das ich durch diesen ehrenwerten alten Herrn hineingeriet, bin ich noch gar nicht dazu gekommen, Fürst, mit Ihnen zu reden«, sagte er mit einem milden, geringschätzigen Lächeln; durch dieses Lächeln konstatierte er gleichsam, daß er und Fürst Andrei über die Wertlosigkeit jener Leute, mit denen er soeben gesprochen hatte, einer Meinung seien; dieses Benehmen hatte für den Fürsten Andrei etwas Schmeichelhaftes. »Ich kenne Sie schon lange: erstens infolge Ihres Verfahrens mit Ihren Bauern; das ist bei uns das erste Beispiel, und es wäre höchst erwünscht, wenn es recht viele Nachahmer fände; und zweitens, weil Sie einer der wenigen Kammerherren sind, die sich durch den neuen Ukas über die Privilegien der Hofchargen, der so viel böses Blut gemacht hat, nicht beleidigt gefühlt haben.«

»Ja«, erwiderte Fürst Andrei, »mein Vater wollte nicht, daß ich von diesen Privilegien Vorteil zöge; ich habe meine militärische Laufbahn auf den untersten Stufen begonnen.«

»Ihr Herr Vater, ein Mann der alten Zeit, steht augenscheinlich hoch über der heutigen Generation, die über diese Maßnahme ein Verdammungsurteil fällt, obwohl dadurch doch lediglich die natürliche Gerechtigkeit wiederhergestellt wird.«

»Ich möchte indessen doch meinen, daß auch diese ungünstige Beurteilung nicht ohne eine gewisse Begründung ist«, sagte Fürst Andrei, der gegen die ihm fühlbar werdende Wirkung anzukämpfen suchte, die Speranski auf ihn ausübte.

Es war ihm unangenehm, in allen Punkten mit ihm derselben Meinung zu sein: er wollte auch einmal widersprechen. Aber während er sonst gewöhnlich leicht und gut sprach, wurde es ihm jetzt im Gespräch mit Speranski schwer, die richtigen Ausdrücke zu finden. Er war zu sehr damit beschäftigt, die Persönlichkeit des berühmten Mannes zu studieren.

»Eine Begründung aus dem Interesse des persönlichen Ehrgeizes, mag sein«, schaltete Speranski leise und ruhig ein.

»Zum Teil doch auch aus dem Staatsinteresse«, entgegnete Fürst Andrei.

»Wie meinen Sie das?« fragte Speranski und schlug langsam die Augen nieder.

»Ich bin ein Verehrer Montesquieus«, sagte Fürst Andrei, »und sein Satz, daß die Grundlage der Monarchien das Ehrgefühl ist, scheint mir unbestreitbar. Und da scheinen mir gewisse Rechte und Privilegien des Adels geeignete Mittel zu sein, um dieses Gefühl lebendig zu erhalten.« Bei dem Zitat von Montesquieu war er unwillkürlich dazu übergegangen, französisch zu sprechen.

Das Lächeln verschwand auf Speranskis weißem Gesicht, wodurch seine Physiognomie noch bedeutend gewann. Der Gedanke, den Fürst Andrei geäußert hatte, interessierte ihn offenbar.

»Wenn Sie die Sache von diesem Gesichtspunkt aus ansehen«, begann er ebenfalls auf französisch; es wurde ihm offenbar schwer, sich dieser Sprache zu bedienen, und er sprach noch langsamer als vorher, wo sie russisch gesprochen hatten, aber auch jetzt mit vollkommener Ruhe.

Er äußerte sich dahin, das Ehrgefühl könne nicht durch Privilegien lebendig erhalten werden, die dem Interesse des Staatsdienstes zuwiderliefen. Das Ehrgefühl sei entweder ein negativer Begriff, so daß es in der Unterlassung tadelnswerter Handlungen bestehe, oder es sei eine Quelle des Wetteifers, so daß es darauf abziele, Anerkennung und Belohnungen, die äußerlichen Kennzeichen der Ehre, zu erlangen.

»Eine solche Institution«, schloß er, »durch welche dieses Ehrgefühl, die Quelle des Wetteifers, lebendig erhalten wird, ist zum Beispiel die Ehrenlegion des großen Kaisers Napoleon, die den Interessen des Dienstes nicht schädlich, sondern förderlich ist, keineswegs aber Privilegien eines Standes oder der Hofchargen.«

»Das erstere bestreite ich nicht; aber es läßt sich nicht leugnen, daß durch die Privilegien der Hofchargen dasselbe Ziel erreicht worden ist«, sagte Fürst Andrei. »Jeder Hofmann hält sich für verpflichtet, die Stellung, die er vermöge seiner Privilegien erhält, würdig auszufüllen.«

»Und doch haben Sie selbst, Fürst, von diesen Privilegien keinen Gebrauch machen können«, erwiderte Speranski und zeigte durch sein Lächeln, daß er den für seinen Gegner ungünstig stehenden Streit durch eine Liebenswürdigkeit abzubrechen wünschte. »Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mich am Mittwoch zu besuchen«, fügte er hinzu, »so werde ich nach vorgängiger Rücksprache mit Magnizki Ihnen alles mitteilen, was Sie interessieren kann, und werde außerdem das Vergnügen haben, mich ausführlicher mit Ihnen zu unterhalten.«

Dann schloß er für einen Moment die Augen, verbeugte sich und verließ auf französische Manier, ohne Abschied zu nehmen, möglichst unauffällig den Saal.


VI


In der ersten Zeit seines Aufenthalts in Petersburg fühlte Fürst Andrei, daß der ganze wohlgeordnete Gedankenschatz, den er sich während seines einsamen Lebens mit vieler Mühe zurechtgemacht hatte, durch die kleinlichen Sorgen, die ihn in Petersburg in Anspruch nahmen, völlig in Verwirrung gebracht wurde.

Wenn er am Abend nach Hause kam, so trug er in sein Notizbuch vier oder fünf notwendige Besuche oder Zusammenkünfte ein, bei denen er zu festgesetzten Stunden zu erscheinen hatte. Die durch das Leben erforderte mechanische Tätigkeit, wobei der ganze Tag kunstvoll so eingeteilt wurde, daß überall ein rechtzeitiges Erscheinen möglich war, absorbierte einen großen Teil der eigentlichen Lebensenergie. Er tat nichts, er dachte nicht einmal an etwas und hatte auch gar keine Zeit zum Denken; er konnte nur, was er vorher auf dem Land durchdacht hatte, vortragen, und das tat er allerdings mit gutem Erfolg.

Er wurde sich mitunter zu seinem Mißvergnügen bewußt, daß es ihm begegnet war, an einem und demselben Tag in verschiedenen Gesellschaften ganz dasselbe zu wiederholen. Aber oft war er ganze Tage lang so beschäftigt, daß er keine Zeit hatte, daran zu denken, daß er nichts dachte.

Wie Speranski auf den Fürsten Andrei bei dem ersten Zusammensein in Kotschubeis Haus einen starken Eindruck gemacht hatte, so auch bald darauf am Mittwoch, als Speranski in seiner eigenen Wohnung den Fürsten Andrei allein empfing und lange und vertraulich mit ihm redete.

Fürst Andrei hielt eine so gewaltige Anzahl von Menschen für verächtliche, geringwertige Geschöpfe und trug ein solches Verlangen, in einem andern die lebendige Verkörperung jener Vollkommenheit zu finden, nach der er selbst strebte, daß sich leicht bei ihm die Überzeugung herausbildete, er habe in Speranski dieses Ideal eines vollkommen klugen, sittlich guten Menschen gefunden. Hätte Speranski durch seine Geburt derselben gesellschaftlichen Sphäre angehört wie Fürst Andrei selbst, wäre er ebenso erzogen worden und hätte er in seinem geistigen Leben dieselben Gewohnheiten gehabt, so würde Fürst Andrei bald seine schwachen, menschlichen, nicht heldenhaften Seiten herausgefunden haben; so aber flößte diese ihm fremde logische Denkweise ihm um so größere Hochachtung ein, als er für sie kein völliges Verständnis hatte. Außerdem kokettierte Speranski (ob nun, weil er die Fähigkeiten des Fürsten Andrei schätzte, oder weil er für nötig hielt, ihn für sich zu gewinnen) vor dem Fürsten Andrei mit seinem unparteiischen, ruhig abwägenden Verstand und brachte dem Fürsten Andrei gegenüber jene feine Art der Schmeichelei zur Anwendung, die mit Selbstbewußtsein verbunden ist und darin besteht, stillschweigend anzuerkennen, daß der andere, neben einem selbst, der einzige Mensch sei, der die Fähigkeit besitze, die ganze Dummheit aller übrigen Menschen und die Verständigkeit und Tiefe der Gedanken, die man selbst ausspricht, zu begreifen.

Im Laufe ihrer langen Unterredung am Mittwoch abend gebrauchte Speranski wiederholt Wendungen von folgender Art: »Wenn wir etwas sagen oder tun, was sich über das allgemeine Niveau eingewurzelter Gewohnheiten erhebt, so wird das mißgünstig angesehen«, oder mit einem Lächeln: »Aber wir möchten, daß sowohl die Wölfe satt werden als auch die Schafe heil bleiben«, oder: »Das können die Leute nicht begreifen«, und immer mit demselben Ausdruck, welcher besagte: »Wir, das sind Sie und ich; wir beide wissen, was an den andern dran ist, und wer wir sind.«

Dieses erste lange Gespräch mit Speranski verstärkte lediglich beim Fürsten Andrei die Empfindung, die er schon bei der ersten Begegnung mit ihm gehabt hatte. Er sah in ihm einen klugen Mann, von ernster Gesinnung und gewaltigem Verstand, der durch Energie und Beharrlichkeit zur Macht gelangt war und diese Macht nun ausschließlich zum Wohl Rußlands benutzte. Speranski war in den Augen des Fürsten Andrei genau der Mann, der er, Andrei, selbst so lebhaft zu sein wünschte: ein Mann, der alle Erscheinungen des Lebens mit dem Verstand zu erklären imstande war, nur das, was verständig war, gelten ließ und an alles den Maßstab des Verstandes anzulegen wußte. In Speranskis Darlegungen erschien alles so einfach und so klar, daß Fürst Andrei ihm unwillkürlich in allen Stücken beistimmte. Wenn er widersprach und disputierte, so tat er das nur, weil er absichtlich selbständig zu bleiben und sich den Ansichten Speranskis nicht vollständig unterzuordnen wünschte. Alles war an Speranski, wie es sein sollte; alles war gut und schön; nur eines störte den Fürsten Andrei: das war Speranskis kalter, spiegelartiger Blick, der kein Eindringen in die Seele gestattete, und seine weiße, zarte Hand, die Fürst Andrei oft unwillkürlich betrachtete, so wie man es gewöhnlich mit den Händen von Machthabern tut. Der spiegelnde Blick und diese zarte Hand hatten eigentümlicherweise die Wirkung, den Fürsten Andrei nervös zu machen. Unangenehm fiel dem Fürsten Andrei auch noch die übermäßige Geringschätzung der anderen Menschen auf, die er bei Speranski wahrnahm, und ferner dessen bunt wechselndes Verfahren bei den Beweisen, die er zur Unterstützung seiner Ansichten vorbrachte. Er gebrauchte, mit Ausnahme von Bildern und Vergleichen, alle möglichen Waffen aus der Rüstkammer des Geistes und ging allzu kühn, wie es dem Fürsten Andrei vorkam, von einer Waffe zur andern über. Bald stellte er sich auf den Boden des praktischen Handelns und brach den Stab über die theoretischen Träumer; bald ergriff er die Geißel des Satirikers und verspottete seine Gegner mit beißender Ironie; bald stellte er sich als strengen Logiker dar; bald schwang er sich in das Reich der Metaphysik hinauf. (Dieser letzten Kampfart bediente er sich bei der Beweisführung besonders oft.) Er spielte dann die Streitfrage in die hohen metaphysischen Regionen hinüber, ließ sich auf die Definitionen des Raumes, der Zeit und des Denkens ein und stieg, nachdem er sich dort mit Widerlegungsgründen versehen hatte, wieder auf den eigentlichen Boden der Debatte herab.

AbereinZug in Speranskis Geist imponierte dem Fürsten Andrei ganz besonders: das war dessen zweifelsfreier, unerschütterlicher Glaube an die unbedingte Macht und gesetzmäßige Oberherrschaft des Verstandes. Offenbar konnte in Speranskis Kopf niemals der dem Fürsten Andrei ganz geläufige Gedanke Eingang finden, daß man denn doch nicht alles, was man denkt, auszudrücken vermöge, und niemals wurde bei ihm ein Zweifel rege: »Ist nicht vielleicht alles, was ich denke, und alles, was ich glaube, dummes Zeug?« Und gerade diese Denkweise Speranskis übte auf den Fürsten Andrei die größte Anziehungskraft aus.

Während der ersten Zeit seiner Bekanntschaft mit Speranski hegte Fürst Andrei für ihn ein enthusiastisches Gefühl der Bewunderung, ähnlich dem, das er früher für Bonaparte empfunden hatte. Der Umstand, daß Speranski der Sohn eines Geistlichen war und viele dumme Leute meinten, ihn als linkischen Popensohn und beschränkten Zögling einer geistlichen Anstalt geringschätzen zu dürfen, dieser Umstand veranlaßte den Fürsten Andrei, ihn besonders schonend zu beurteilen, und so wurde die Empfindung, die er ihm gegenüber hatte, unbewußt noch verstärkt.

An jenem ersten Abend, den Bolkonski in Speranskis Haus verlebte, erzählte Speranski, als von der Kommission für Gesetzgebung die Rede war, dem Fürsten Andrei mit bitterer Ironie, diese Kommission bestehe schon hundertfünfzig Jahre lang, habe bereits Millionen gekostet und nichts geleistet, als daß Rosenkampf alle Kapitel einer vergleichenden Zusammenstellung von Gesetzen mit Etiketten beklebt habe. »Das ist die ganze Leistung, für die das Reich Millionen gezahlt hat!« sagte er.

»Wir möchten«, fuhr er dann fort, »gern dem Senat eine neue richterliche Gewalt geben; aber wir haben keine Gesetze. Deshalb ist es für Männer wie Sie, Fürst, jetzt geradezu eine Sünde, sich vom Staatsdienst fernzuhalten.«

Fürst Andrei erwiderte, daß hierzu eine juristische Bildung erforderlich sei, die er nicht besitze.

»Aber die besitzt ja niemand; also haben Sie keinen Grund. Nein, das ist ein Circulus vitiosus, aus dem man mit Gewalt herauskommen muß.«


Eine Woche darauf war Fürst Andrei Mitglied des Komitees zur Abfassung des Militärreglements und, was er in keiner Weise erwartet hatte, Abteilungsvorsteher in der Kommission zur Herstellung eines Gesetzbuches. Auf Speranskis Bitte übernahm er den ersten Teil des in der Ausarbeitung begriffenen Bürgerlichen Gesetzbuches und arbeitete mit Hilfe des »Code Napoléon« und des Justinianischen »Corpus juris« an der Fertigstellung des Abschnittes: Das Personenrecht.


VII


Vor ungefähr zwei Jahren, im Jahre 1808, war Pierre, nachdem er von der Reise zur Revision seiner Güter wieder nach Petersburg zurückgekehrt war, ohne es zu wollen, in den Vorstand der Petersburger Freimaurerei gewählt worden. In dieser Eigenschaft veranstaltete er Tafellogen und Trauerlogen, warb neue Mitglieder und bemühte sich, eine Vereinigung verschiedener Logen zustande zu bringen und Originalurkunden zu erwerben. Er gab aus eigener Tasche Geld zur Ausstattung der Logenräume und erhöhte, soweit er konnte, den Betrag der Almosensammlungen, bei denen die Mehrzahl der Mitglieder sich geizig und säumig zeigte. Das Armenhaus, das der Orden in Petersburg errichtet hatte, erhielt er fast ganz allein aus seinen Mitteln.

Sein Leben verlief dabei in derselben Weise wie früher: unter denselben Genüssen und Ausschweifungen. Er liebte es, gut zu dinieren und stark zu trinken, und obgleich er es für unmoralisch und unwürdig hielt, war er nicht imstande, sich von den Vergnügungen der Junggesellen fernzuhalten, in deren Gesellschaft er lebte.

Trotz der Benommenheit, in die diese Beschäftigungen und diese Genüsse ihn versetzten, begann Pierre dennoch nach Verlauf eines Jahres zu fühlen, daß der Boden der Freimaurerei, auf dem er stand, um so mehr unter seinen Füßen wich, je fester er auf ihm zu fußen bemüht war. Und gleichzeitig fühlte er, daß, je tiefer der Boden unter seinen Füßen wich, es um so weniger von seinem Willen abhing, von diesem Boden loszukommen. Mit seinem Eintritt in die Freimaurerei war es ihm gegangen wie jemandem, der vertrauensvoll einen Fuß auf die ebene Oberfläche eines Sumpfes setzt. Er war mit dem Fuß, den er daraufgesetzt hatte, eingesunken. In dem Wunsch, sich völlig davon zu überzeugen, daß der Boden doch fest sei, hatte er auch den anderen Fuß daraufgesetzt, war mit diesem noch tiefer hineingefahren und watete nun, ohne sich heraushelfen zu können, bis an die Knie im Sumpf.

Osip Alexejewitsch war nicht in Petersburg. (Er hatte sich in der letzten Zeit von den Angelegenheiten der Petersburger Logen zurückgezogen und lebte jetzt ständig in Moskau.) Alle Logenbrüder waren Männer, die Pierre im gewöhnlichen Leben kannte, und es wurde ihm schwer, in ihnen nur Freimaurerbrüder und nicht den Fürsten B. und Iwan Wasiljewitsch D. und andere zu sehen, die er im gewöhnlichen Leben großenteils als schwache, geringwertige Menschen kannte. Unter den freimaurerischen Schürzen und Abzeichen glaubte er bei diesen Leuten ihre Uniformen zu erblicken und die Orden, die im äußeren Leben das Ziel ihres eifrigen Strebens bildeten. Oft, wenn er Almosen sammelte und von zehn Mitgliedern, von denen die Hälfte ebenso reich war wie er, im ganzen nur zwanzig bis dreißig Rubel, noch dazu größtenteils auf Kredit, in der Liste eingetragen fand, mußte Pierre an den Freimaurereid denken, in welchem jeder Bruder sein ganzes Vermögen für den Nächsten hinzugeben versprach; und in seiner Seele wurden Zweifel rege, die er ohne rechten Erfolg zu verscheuchen suchte.

Alle Brüder, die er kannte, teilte er in vier Klassen ein. Zu der ersten Klasse rechnete er diejenigen Brüder, die weder an der eigentlichen Logenarbeit noch an der menschenfreundlichen Tätigkeit der Loge aktiven Anteil nahmen, sondern sich ausschließlich mit den Geheimnissen der Ordenswissenschaft beschäftigten: mit Untersuchungen über die dreifache Benennung Gottes, oder über die drei Urelemente der Dinge, Schwefel, Quecksilber und Salz, oder über die Bedeutung des Quadrates und aller Figuren des salomonischen Tempels. Pierre hegte zwar Achtung vor dieser Klasse der Brüder Freimaurer, zu welcher namentlich die älteren Brüder gehörten und auch, nach Pierres Meinung, Osip Alexejewitsch selbst; aber er teilte ihre Interessen nicht. Seine Herzensneigung galt nicht der mystischen Seite der Freimaurerei.

Zu der zweiten Klasse zählte Pierre sich selbst und die ihm ähnlichen Brüder. Das waren diejenigen, die noch suchten, noch schwankenden Schrittes gingen und noch nicht den geraden deutlichen Weg in der Freimaurerei gefunden hatten, aber ihn zu finden hofften.

Zur dritten Klasse rechnete er diejenigen Brüder (und sie bildeten die größte Zahl), die in der Freimaurerei nichts sahen als äußerliche Formen und Zeremonien und auf die genaue Einhaltung dieser äußeren Formen großen Wert legten, ohne sich um ihren Inhalt und um ihre Bedeutung zu kümmern. Von dieser Art war zum Beispiel Willarski, ja sogar der Meister vom Stuhl der Hauptloge.

Zu der vierten Klasse endlich zählte er eine gleichfalls große Anzahl von Brüdern, namentlich viele, die in der letzten Zeit in die Bruderschaft eingetreten waren. Das waren Leute, die nach Pierres Beobachtungen an nichts glaubten, sich für die Bestrebungen der Freimaurerei nicht interessierten und sich in die Loge nur deswegen hatten aufnehmen lassen, um mit jungen, reichen, durch Konnexionen und Rang einflußreichen Brüdern, deren sehr viele der Loge angehörten, in nähere Beziehung zu kommen.

Pierre begann sich von seiner Tätigkeit unbefriedigt zu fühlen. Es wollte ihm mitunter scheinen, als ob die Freimaurerei, oder wenigstens diejenige Freimaurerei, die er hier kennengelernt hatte, nur in Äußerlichkeiten bestehe. Er ließ sich nicht beikommen, an der Freimaurerei selbst zu zweifeln; aber er argwöhnte, daß die russische Freimaurerei auf einen falschen Weg geraten und von ihrer ursprünglichen Tendenz abgekommen sei. Und darum reiste Pierre gegen Ende des Jahres ins Ausland, um sich in die höheren Geheimnisse des Ordens einweihen zu lassen.


Gegen Ende des Sommers 1809 kehrte Pierre wieder nach Petersburg zurück. Durch die Korrespondenz, die unsere Freimaurer mit denen des Auslandes unterhielten, war bekannt geworden, daß Besuchow sich im Ausland das Vertrauen vieler hochgestellter Persönlichkeiten erworben habe, in viele Geheimnisse eingedrungen und zum höchsten Grad befördert sei und vieles mitbringe, wodurch das Gedeihen der gesamten Freimaurerei in Rußland gefördert werden könne. Die Petersburger Freimaurer kamen sämtlich zu ihm, um sich bei ihm in Gunst zu setzen, und alle gewannen dabei den Eindruck, daß er etwas verberge und für eine besondere Gelegenheit in Bereitschaft setze.

Es wurde eine feierliche Logensitzung des zweiten Grades angesetzt, und Pierre versprach, in dieser Sitzung das mitzuteilen, was er den Petersburger Brüdern von den höchsten Leitern des Ordens auszurichten habe. Die Sitzung war stark besucht. Nach den gewöhnlichen Zeremonien stand Pierre auf und begann seine Rede.

»Liebe Brüder!« begann er, errötend und stotternd, mit dem Manuskript in der Hand. »Es ist nicht genug, daß wir in der Stille der Loge unsere Geheimnisse hüten; wir müssen wirken … wirken. Wir haben uns von Schläfrigkeit überwältigen lassen; aber wir müssen wirken.« Pierre nahm sein Heft und fing an vorzulesen.

»Um die reine Wahrheit auszubreiten und der Tugend zum Sieg zu verhelfen«, las er, »müssen wir die Menschen von Vorurteilen befreien, müssen Grundsätze verbreiten, die mit dem Geist der Zeit im Einklang stehen, und müssen uns der Erziehung der Jugend annehmen. Wir müssen uns durch unzerreißbare Bande mit den verständigsten Männern vereinigen, müssen Aberglauben, Unglauben und Dummheit kühn und zugleich mit Überlegung überwinden und müssen aus der Zahl unserer Anhänger Menschen heranbilden, die durch die Einheitlichkeit des Zieles fest verbunden sind und dadurch Macht und Einfluß besitzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir der Tugend das Übergewicht über das Laster verschaffen; wir müssen dahin streben, daß der ehrenhafte Mensch schon auf dieser Welt einen lebenslänglichen Lohn für seine Tugend erhalte. Aber bei der Verfolgung dieser hohen Ziele werden wir durch die äußeren politischen Einrichtungen stark behindert. Was sollen wir bei dieser Lage der Dinge tun? Sollen wir die Revolutionen begünstigen, alles umstürzen, Gewalt mit Gewalt vertreiben? … Nein, von einem solchen Verfahren sind wir weit entfernt. Jede gewaltsame Reform ist tadelnswert, weil sie das Übel nicht bessern wird, solange die Menschen so bleiben, wie sie sind, und weil die Weisheit nicht der Gewalt bedarf.

Das ganze Streben des Ordens muß darauf gerichtet sein, charakterfeste, tugendhafte Menschen heranzubilden; alle aber müssen verbunden sein durch die Einheitlichkeit des Zieles, welches darin besteht, überall und mit allen Kräften das Laster und die Dummheit zu verfolgen, die Talente und die Tugend zu beschützen, würdige Männer aus dem Staub heraufzuheben und zu Mitgliedern unserer Bruderschaft zu machen. Nur dann wird unser Orden die Macht haben, den Beschützern der Unordnung unmerklich die Hände zu binden und sie zu zügeln und zu leiten, ohne daß sie selbst sich dessen bewußt werden. Mit einem Wort, es ist notwendig, eine allumfassende Regierungsform zu schaffen, welche sich über die ganze Welt ausdehnen muß, ohne doch die bürgerlichen Bande zu zerstören, und bei welcher alle übrigen Regierungen in ihrer gewohnten Ordnung werden fortbestehen und alles wie bisher werden tun können, mit einziger Ausnahme solcher Handlungen, die dem hohen Ziel unseres Ordens widerstreiten, das darin besteht, der Tugend zum Sieg über das Laster zu verhelfen. Dieses Ziel hat sich schon das Christentum gesetzt. Es hat die Menschen gelehrt, weise und gut zu sein und zu ihrem eigenen Heil dem Beispiel und den Mahnungen der besten und weisesten Menschen zu folgen.

Damals, als alles in Finsternis begraben lag, konnte allerdings die Predigt allein als ausreichend betrachtet werden; die Neuheit der Wahrheit verlieh der Wahrheit eine besondere Kraft; aber heutzutage bedürfen wir weit stärkerer Mittel. Jetzt ist erforderlich, daß der Mensch, der sich ja durch das Streben nach Genuß leiten läßt, in der Tugend den Reiz des Genusses finde. Die Leidenschaften auszurotten ist unmöglich; wir müssen nur darauf bedacht sein, sie auf ein edles Ziel zu lenken, und daher ist notwendig, daß ein jeder seine Leidenschaften in den Grenzen der Tugend befriedigen kann, und daß unser Orden ihm dazu die Mittel an die Hand gibt.

Wenn wir erst eine gewisse Zahl würdiger Männer in jedem Staat haben werden und jeder von ihnen wieder ein paar andere heranbilden wird und sie alle eng untereinander verbunden sein werden, dann wird unserm Orden, der im stillen schon so viel für das Wohl der Menschheit getan hat, alles möglich sein, ja, alles.«

Diese Rede machte in der Loge nicht nur einen starken Eindruck, sondern sie rief sogar eine gewaltige Aufregung hervor. Die Mehrzahl der Brüder erblickte in dieser Rede die gefährlichen Ideen des Illuminatentums und nahm Pierres Rede mit einer Kälte auf, die ihn in Staunen versetzte. Der Meister vom Stuhl begann Einwendungen vorzubringen. Pierre entwickelte seine Gedanken mit immer größerer Wärme. Seit langer Zeit hatte keine Sitzung einen so stürmischen Verlauf genommen. Es bildeten sich Parteien: die einen griffen Pierre an und beschuldigten ihn des Illuminatentums; die andern standen ihm bei. Zum erstenmal drängte sich ihm bei dieser Versammlung überraschend die Tatsache auf, daß die Menschenköpfe von einer unendlichen Mannigfaltigkeit sind, welche bewirkt, daß keine Wahrheit sich auch nur zwei Menschen auf die gleiche Weise darstellt. Sogar diejenigen Mitglieder, die anscheinend auf seiner Seite standen, faßten seine Idee jeder auf seine besondere Art auf, mit Einschränkungen und Abweichungen, denen Pierre nicht zustimmen konnte, da er gerade darauf besonderen Wert legte, seine Idee genau so weiterzuverbreiten, wie er selbst sie auffaßte.

Gegen den Schluß der Sitzung richtete der Meister vom Stuhl in übelwollendem, ironischem Ton an Pierre eine tadelnde Bemerkung: er sei zu hitzig geworden und habe sich bei der Debatte nicht lediglich von Liebe zur Tugend, sondern auch von seiner Kampflust leiten lassen. Pierre gab ihm darauf keine Antwort, sondern fragte nur kurz, ob sein Antrag Annahme finden werde. Es wurde ihm erwidert, dies werde nicht der Fall sein, und Pierre verließ die Loge, ohne die üblichen Formalitäten abzuwarten, und fuhr nach Hause.


VIII


Über Pierre kam nun wieder jene Schwermut, die er so sehr fürchtete. Nachdem er in der Loge seine Rede gehalten hatte, lag er drei Tage lang zu Hause auf dem Sofa; er empfing niemand und besuchte niemand.

In dieser Zeit erhielt er einen Brief von seiner Frau, die ihn inständig um eine Unterredung bat und schrieb, wie sehr sie sich nach ihm sehne und ihm ihr ganzes Leben zu weihen wünsche.

Am Schluß des Briefes teilte sie ihm mit, daß sie in den nächsten Tagen aus dem Ausland wieder in Petersburg eintreffen werde.

Bald nachdem Pierre diesen Brief empfangen hatte, drang ein Bruder Maurer, den Pierre nicht sonderlich schätzte, zu ihm in seine Einsamkeit, leitete das Gespräch auf Pierres eheliche Verhältnisse und sagte ihm in Form eines brüderlichen Rates, seine Strenge gegen seine Frau sei ungerecht, und Pierre verstoße gegen die ersten Grundsätze der Freimaurerei, wenn er der Reuigen nicht verzeihe.

Um dieselbe Zeit schickte seine Schwiegermutter, die Frau des Fürsten Wasili, zu Pierre und ersuchte ihn dringend, sie wenigstens auf ein paar Minuten zu besuchen, da sie mit ihm über eine sehr wichtige Angelegenheit zu reden habe. Pierre sah, daß eine Verabredung gegen ihn bestand und man ihn wieder mit seiner Frau zusammenbringen wollte, und dies war ihm in dem Zustand, in dem er sich jetzt befand, nicht einmal unangenehm. Ihm war alles gleich: nichts im Leben erschien ihm wichtig, und unter dem Einfluß der Schwermut, die ihn in ihrem Bann hielt, legte er weder auf seine eigene Freiheit Wert noch auf eine hartnäckige Fortsetzung der Bestrafung seiner Frau.

»Niemand hat recht, niemand ist schuldig; also ist auch sie nicht schuldig«, dachte er.

Wenn Pierre nicht sofort seine Zustimmung zu seiner Wiedervereinigung mit seiner Frau aussprach, so unterließ er dies nur deswegen, weil er in dem Zustand von Schwermut, in dem er sich befand, überhaupt nicht die Kraft hatte, irgend etwas zu tun. Wäre seine Frau zu ihm gekommen, so hätte er sie jetzt nicht von sich gewiesen. War es denn im Vergleich mit dem, was ihn beschäftigte, nicht ganz gleichgültig, ob er mit seiner Frau zusammenlebte oder nicht?

Ohne seiner Frau oder seiner Schwiegermutter zu antworten, machte sich Pierre eines Abends reisefertig und fuhr nach Moskau, um Osip Alexejewitsch aufzusuchen. Über diesen Besuch trug Pierre in sein Tagebuch folgendes ein:


»Moskau, den 17. November.


Soeben komme ich von meinem Wohltäter zurück und beeile mich, alles zu notieren, was ich bei ihm gesehen und gehört habe. Osip Alexejewitsch lebt ärmlich und leidet schon seit mehr als zwei Jahren an einer schmerzhaften Blasenkrankheit. Aber nie hat jemand aus seinem Mund einen Seufzer oder ein Wort der Klage gehört. Er ist vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein, mit einziger Ausnahme der Zeiten, wo er seine einfachen Mahlzeiten zu sich nimmt, mit wissenschaftlicher Arbeit beschäftigt. Er nahm mich freundlich auf und lud mich ein, mich auf das Bett zu setzen, auf dem er lag; ich machte ihm das Zeichen der Ritter vom Orient und von Jerusalem; er antwortete mir mit demselben Zeichen und befragte mich mit einem milden Lächeln nach dem, was ich in den preußischen und schottischen Logen erfahren und erworben hätte. Ich erzählte ihm alles, so gut ich es vermochte, ich teilte ihm die Leitgedanken mit, die ich in unserer Petersburger Loge in Vorschlag gebracht hatte, und berichtete ihm von der üblen Aufnahme, die ich dabei gefunden hatte, und von dem Bruch, der zwischen mir und den Brüdern erfolgt war. Osip Alexejewitsch schwieg längere Zeit und dachte nach; dann setzte er mir über alles dies seine Ansicht auseinander, die mir in einem Moment die gesamte Vergangenheit und den ganzen in der Zukunft vor mir liegenden Weg beleuchtete. Er setzte mich in Verwunderung durch die Frage, ob ich mich wohl erinnere, worin das dreifache Ziel des Ordens bestehe: 1. in der Bewahrung und Erkenntnis des Geheimnisses, 2. in der Läuterung und Besserung unseres eigenen Selbst, um jenes aufnehmen zu können, und 3. in der Besserung des Menschengeschlechts durch das Streben nach einer solchen Läuterung. Welches sei nun das erste und wichtigste Ziel unter diesen dreien? Gewiß doch die eigene Besserung und Läuterung. Nur nach diesem Ziel seien wir imstande immer zu streben, unabhängig von allen äußeren Umständen. Aber gleichzeitig verlange gerade dieses Ziel von uns die allergrößte Anstrengung, und daher ließen wir, von unserm Dünkel auf einen Irrweg geleitet, gern dieses Ziel beiseite und nähmen entweder das Geheimnis in Angriff, das wir doch wegen unserer Unreinheit nicht würdig seien in uns aufzunehmen, oder die Besserung des Menschengeschlechts, obgleich wir doch den Menschen in unserer eigenen Person ein Beispiel von Schändlichkeit und Sittenlosigkeit gäben. Das Illuminatentum könne namentlich deswegen nicht als die reine Lehre betrachtet werden, weil es sich zu einer politischen Tätigkeit habe verleiten lassen und in einen falschen Dünkel hineingeraten sei. Aufgrund dieser Anschauung tadelte Osip Alexejewitsch meine Rede und meine ganze Tätigkeit. Ich stimmte ihm in der Tiefe meiner Seele zu. Als das Gespräch sich meinen Familienangelegenheiten zuwandte, sagte er zu mir: ›Die wichtigste Pflicht eines wahren Freimaurers besteht, wie ich Ihnen schon sagte, in der Vervollkommnung des eigenen Selbst. Aber wir denken oft, wir könnten dadurch, daß wir alle Schwierigkeiten des Lebens von uns fernhalten, dieses Ziel leichter erreichen. Das Gegenteil ist richtig, mein Herr! Nur inmitten der Erregungen, die das Leben in der Welt mit sich bringt, können wir die drei Hauptziele erreichen: 1. Selbsterkenntnis; denn der Mensch kann sich selbst nur durch Vergleich erkennen, 2. Vervollkommnung; denn zu dieser gelangt man nur durch Kampf, und 3. die Haupttugend: Liebe zum Tod; denn nur die Widerwärtigkeiten des Lebens können uns von der Wertlosigkeit des Lebens überzeugen und so die uns angeborene Sehnsucht nach dem Tod oder nach einer Wiedergeburt zu einem neuen Leben verstärken.‹ Diese Worte sind um so bemerkenswerter, da Osip Alexejewitsch trotz seiner schweren körperlichen Leiden sich nie durch das Leben bedrückt fühlt, aber den Tod liebt, für den er trotz aller Reinheit und Erhabenheit seines inneren Menschen noch nicht genügend vorbereitet zu sein glaubt. Dann erklärte mir mein edler Freund in vollem Umfang die Bedeutung des großen Quadrates der Schöpfung und wies darauf hin, daß die Dreizahl und die Siebenzahl die Grundlage von allem sind. Er riet mir, mich nicht von der Gemeinschaft mit den Petersburger Brüdern zurückzuziehen und, da ich ja in der Loge nur die Pflichten des zweiten Grades zu erfüllen hätte, nach besten Kräften die Brüder vor den Verlockungen des Dünkels zu bewahren und sie auf den richtigen Weg der Selbsterkenntnis und Vervollkommnung zu leiten. Außerdem riet er mir, zu meinem eigenen Besten vor allen Dingen mich selbst zu beobachten, und gab mir zu diesem Zweck ein Heft, eben das, in welches ich schreibe, und in dem ich auch künftig alle meine Handlungen aufzeichnen werde.«


»Petersburg, den 23. November.


Ich lebe wieder mit meiner Frau zusammen. Meine Schwiegermutter kam in Tränen zu mir und sagte, Helene wäre hier und bäte mich inständig, sie anzuhören; sie sei schuldlos, sie sei unglücklich darüber, daß ich mich von ihr getrennt hätte, und vieles andere. Ich sah voraus, daß, wenn ich in ein Wiedersehen willigte, ich nicht imstande sein würde, ihr die Erfüllung ihres Wunsches länger zu versagen. In meinem Zweifel wußte ich nicht, an wen ich mich um Rat und Hilfe wenden sollte. Wäre mein Wohltäter hier, so hätte er mir das Richtige gesagt. Ich zog mich in mein Zimmer zurück, las die früheren Briefe Osip Alexejewitschs durch, rief mir die Gespräche mit ihm ins Gedächtnis zurück und kam aus alledem zu dem Resultat, daß ich einen Bittenden nicht abweisen darf, und daß ich verpflichtet bin, einem jeden die helfende Hand zu reichen, einem jeden und um wieviel mehr jemandem, der so eng mit mir verbunden ist, und daß ich verpflichtet bin, mein Kreuz zu tragen. Aber wenn ich ihr um der Tugend willen verziehen habe, so soll auch meine Wiedervereinigung mit ihr nur einen geistigen Zweck haben. Das war die Entscheidung, zu der ich gelangte, und das schrieb ich auch an Osip Alexejewitsch. Ich sagte meiner Frau, ich bäte sie, alles Vergangene zu vergessen und mir das zu verzeihen, worin ich etwa ihr gegenüber gefehlt hätte; ich meinerseits hätte ihr nichts zu verzeihen. Es machte mir Freude, ihr das zu sagen. Sie soll nicht erfahren, wie schwer es mir geworden ist, sie wiederzusehen. Ich habe mich in dem großen Haus in den Zimmern des oberen Stockwerks einquartiert und empfinde das beglückende Gefühl der geistigen Wiedergeburt.«


IX


Wie immer, teilte sich auch damals die höhere Gesellschaft, die bei Hof und auf großen Bällen zusammenkam, in mehrere Kreise, von denen ein jeder seine besondere Färbung hatte. Unter diesen Kreisen war der größte der französische Kreis, der durch seine Zusammensetzung die Allianz mit Napoleon zur Anschauung brachte, und an dessen Spitze der Reichskanzler Graf Rumjanzew und der französische Gesandte Graf Caulaincourt standen. In diesem Kreis nahm Helene, seit sie wieder bei ihrem Mann in Petersburg wohnte, eine sehr bedeutende Stellung ein. In ihrem Salon verkehrten die Herren von der französischen Gesandtschaft und eine große Anzahl als geistreich und liebenswürdig bekannter Männer, die dieser Richtung angehörten.

Helene war in Erfurt zur Zeit der berühmten Kaiserzusammenkunft gewesen und hatte diese Beziehungen zu allen napoleonischen Notabilitäten Europas von dort mitgebracht. In Erfurt hatte sie einen glänzenden Erfolg gehabt. Napoleon selbst, dem sie im Theater aufgefallen war, hatte von ihr gesagt: »Ein großartiger Leib!« Über ihren Erfolg als schöne, elegante Frau wunderte Pierre sich nicht, da sie mit den Jahren noch schöner geworden war als früher. Aber etwas anderes setzte ihn in Erstaunen: daß seine Frau in diesen zwei Jahren den Ruf »einer anziehenden, ebenso geistvollen wie schönen Frau« erworben hatte. Der bekannte Fürst von Ligne schrieb ihr acht Seiten lange Briefe; Bilibin hielt seine Witzworte zurück, um sie im Salon der Gräfin Besuchowa zum erstenmal von sich zu geben. In dem Salon der Gräfin Besuchowa empfangen zu werden galt als eine Art von urkundlichem Beleg dafür, daß man ein Mann von Geist sei. Die jungen Männer studierten vor Helenes Abendgesellschaften allerlei Bücher durch, um Stoff zu haben, über den sie in ihrem Salon sprechen könnten, und die Gesandtschaftssekretäre, ja sogar die Gesandten selbst vertrauten ihr diplomatische Geheimnisse an, so daß Helene in gewissem Sinn eine Macht war. Pierre, welcher wußte, daß sie sehr dumm war, empfand mitunter ein seltsames Gefühl von Staunen und Angst, wenn er bei ihren Soireen und Diners zugegen war und dabei über Politik, Poesie und Philosophie gesprochen wurde. Es war ihm bei solchen Gelegenheiten ungefähr wie einem Taschenspieler zumute, der jeden Augenblick erwarten muß, daß ein Betrug zutage kommt. Aber mochte es nun daher kommen, daß gerade eine Portion Dummheit dazu nötig ist, um einen solchen Salon zu halten, oder daher, daß die Betrogenen selbst an dem Betrug Vergnügen fanden: genug, der Betrug wurde nicht aufgedeckt, und der Ruf der Gräfin Jelena Wasiljewna Besuchowa als einer interessanten, geistvollen Frau stand so unerschütterlich fest, daß sie die ärgsten Plattheiten und Dummheiten sagen konnte und doch alle Leute von jedem ihrer Worte entzückt waren und darin einen tiefen Sinn suchten, von dem sie selbst keine Ahnung hatten.

Pierre war gerade der Gatte, den diese glänzende Weltdame brauchte. Er war ein zerstreuter Sonderling und als Ehemann ein Grandseigneur, der niemand störte und nicht nur den allgemeinen Eindruck des erstklassigen Salons nicht verdarb, sondern der Eleganz und dem Takt seiner Frau durch sein ganz entgegengesetztes Verhalten als vorteilhafter Hintergrund diente. Pierre, der sich in diesen zwei Jahren beständig und angelegentlich nur mit nichtmateriellen Interessen beschäftigt hatte und alles übrige herzlich geringschätzte, redete in den ihm sehr uninteressanten Gesellschaften seiner Frau mit allen in jenem gleichgültigen, lässigen, wohlwollenden Ton, den man sich nicht künstlich aneignen kann, und der eben darum dem Hörer unwillkürlich Achtung abzwingt. Er ging in den Salon seiner Frau wie ins Theater, war mit allen bekannt, sprach allen in gleicher Weise seine Freude aus, sie zu sehen, und ließ alle in gleicher Weise merken, daß sie ihm völlig gleichgültig waren. Manchmal, wenn ihn ein Gespräch interessierte, beteiligte er sich daran und sprach dann ohne Rücksicht darauf, ob die Herren von der Gesandtschaft anwesend waren oder nicht, in seiner lispelnden Manier seine Ansichten aus, die mit dem Ton, der zu der betreffenden Zeit der herrschende war, oft recht wenig harmonierten. Aber das Urteil über den wunderlichen Gatten der distinguiertesten Frau von ganz Petersburg stand bereits so fest, daß niemand seine schroffen Auslassungen ernst nahm.

Unter den vielen jungen Männern, die nach Helenes Rückkehr aus Erfurt täglich in ihrem Haus aus und ein gingen, konnte Boris Drubezkoi, der es in seiner dienstlichen Laufbahn schon recht weit gebracht hatte, als der intimste Freund des Besuchowschen Hauses betrachtet werden. Helene nannte ihn »mein Page« und behandelte ihn wie einen Knaben. Ihr Lächeln im Verkehr mit ihm war dasselbe wie allen gegenüber; aber manchmal hatte Pierre eine unangenehme Empfindung, wenn er dieses Lächeln sah. Boris benahm sich gegen Pierre mit besonderem Respekt, der etwas Würdevolles, Trübes an sich hatte. Diese besondere Nuance der Respektsbezeigung hatte gleichfalls die Wirkung, Pierre zu beunruhigen. Pierre hatte drei Jahre vorher so schwer unter der Kränkung gelitten, die ihm seine Frau angetan hatte, daß er sich jetzt vor der Möglichkeit einer ähnlichen Kränkung erstens dadurch zu retten suchte, daß er nicht der Mann seiner Frau war, und zweitens dadurch, daß er absichtlich jeden Verdacht von vornherein zurückwies.

»Nein, jetzt, wo sie ein Blaustrumpf geworden ist, hat sie den früheren Gelüsten für immer Valet gesagt«, dachte er. »Es hat noch nie ein Beispiel gegeben, daß Blaustrümpfe sinnliche Regungen gehabt hätten«, fügte er im stillen hinzu; aber woher er diese Regel, an die er fest glaubte, eigentlich entnommen hatte, das war nicht zu sagen. Trotzdem jedoch übte Boris’ Anwesenheit in dem Salon seiner Frau (und Boris war fast beständig dort) auf Pierre eine merkwürdige physische Wirkung aus: alle seine Glieder waren wie gefesselt, und seine Bewegungen hörten auf, frei und unbewußt zu sein.

»Eine seltsame Antipathie!« dachte Pierre. »Und früher hat er mir doch sogar ganz gut gefallen!«

In den Augen der Welt war Pierre ein großer Herr, der etwas blinde, komische Gatte einer berühmten Frau, ein intelligenter Sonderling, der nichts Nützliches tat, aber auch niemandem schadete, von Charakter ein braver, guter Mensch. Aber in Pierres Innerem ging während dieser ganzen Zeit ein komplizierter, schwieriger seelischer Entwicklungsprozeß vor, der ihn vieles verstehen lehrte und ihn durch Zweifel hindurch zu schönen Freuden führte.


X


Er führte sein Tagebuch fort und trug in dieser Zeit folgendes ein:


»Den 24. November.


Ich stand um acht Uhr auf und las in der Heiligen Schrift; dann ging ich zum Dienst« (auf den Rat seines edlen Freundes war Pierre in den Staatsdienst getreten, und zwar als Mitglied einer der Kommissionen), »kam zum Mittagessen nach Hause und speiste allein (bei der Gräfin waren viele Gäste, die mir nicht gefielen). Ich aß und trank mäßig und machte nach dem Mittagessen Abschriften einiger Schriftstücke für die Brüder. Am Abend ging ich zu der Gräfin hinunter und erzählte eine komische Geschichte über Herrn B., und erst als alle schon laut lachten, kam es mir zum Bewußtsein, daß ich die Geschichte nicht hätte erzählen sollen.

Jetzt lege ich mich in glücklicher, ruhiger Gemütsstimmung schlafen. Großer Gott, hilf mir, auf Deinen Wegen wandeln, damit ich 1. den Zorn durch Sanftmut und Bedächtigkeit überwinde, 2. die Lüsternheit durch Selbstbeherrschung und Abscheu, 3. mich von nichtigem Treiben fernhalte, ohne doch zu verabsäumen: a) die Tätigkeit im Staatsdienst, b) die Sorge für die Familie, c) den Umgang mit Freunden und d) die wirtschaftliche Tätigkeit.«


»Den 27. November.


Spät aufgestanden; ich hatte nach dem Aufwachen noch lange im Bett gelegen und mich der Trägheit überlassen. Mein Gott! Hilf mir und stärke mich, damit ich auf Deinen Wegen gehen kann. Ich las in der Heiligen Schrift, aber ohne die richtige Empfindung. Es kam Bruder Urusow, und wir unterhielten uns über das nichtige Treiben der Welt. Er erzählte von neuen Plänen des Kaisers. Ich wollte schon anfangen, sie zu tadeln; aber ich dachte noch rechtzeitig an meine Grundsätze und an die Worte meines Wohltäters, daß der richtige Freimaurer ein eifriger Arbeiter im Staatsdienst sein müsse, sobald seine Mitwirkung verlangt werde, und ein ruhiger Beobachter dessen, woran mitzuarbeiten er nicht berufen sei. Meine Zunge ist mein Feind. Die Brüder G., W. und O. besuchten mich; es fand eine Vorbesprechung über die Aufnahme eines neuen Bruders statt. Sie fordern mich auf, dabei die Obliegenheiten des Bruder Redners zu übernehmen. Aber ich fühle mich zu schwach und unwürdig. Dann kam die Rede auf die Erklärung der sieben Säulen und Stufen des Tempels. Sieben Wissenschaften, sieben Tugenden, sieben Laster, sieben Gaben des Heiligen Geistes. Bruder O. setzte das alles in schöner Rede auseinander. Am Abend wurde die Aufnahme vollzogen. Die neue Ausstattung der Räumlichkeiten trug viel zu dem würdigen Eindruck der Feierlichkeit bei. Der Aufgenommene war Boris Drubezkoi. Ich habe ihn vorgeschlagen und bin auch der Bruder Redner gewesen. Ein seltsames Gefühl beunruhigte mich die ganze Zeit über, als ich mit ihm in dem dunklen Gemach war. Ich bemerkte in mir eine Empfindung des Hasses gegen ihn, die ich vergebens zu überwinden suchte. Gerade deshalb wünschte ich aufrichtig, ihn vom Bösen zu retten und ihn auf den Weg der Wahrheit zu leiten; aber die argen Gedanken in betreff seiner wollten nicht von mir weichen. Es schien mir, als bestände seine Absicht beim Eintritt in die Bruderschaft nur darin, mit hochgestellten Männern, die zu unserer Loge gehören, in nähere Beziehung zu treten und ihre Gunst zu gewinnen. Er erkundigte sich einige Male bei mir, ob nicht die Herren N. und S. Mitglieder unserer Loge seien (worauf ich ihm nicht antworten durfte); auch ist er nach meinen Beobachtungen nicht fähig, eine wirkliche Hochachtung gegen unsern heiligen Orden zu empfinden, er ist zu sehr mit seinem äußeren Menschen beschäftigt und zu sehr mit diesem zufrieden, als daß er den Wunsch nach einer geistigen Veredelung hegen könnte; aber von diesen Gründen abgesehen, hatte ich keinen Anlaß, daran zu zweifeln, daß er zur Aufnahme geeignet ist; nur machte er mir den Eindruck, als sei er nicht aufrichtig, und die ganze Zeit über, während ich mit ihm in dem dunklen Gemach unter vier Augen war, schien es mir, als lächle er geringschätzig über das, was ich sagte, und es kam mir wirklich die Lust an, seine nackte Brust mit dem Degen zu durchbohren, den ich gegen sie gerichtet hielt. Ich war nicht imstande, gewandt und schön zu sprechen und konnte mich nicht entschließen, meinen Zweifel den Brüdern und dem Meister vom Stuhl offen mitzuteilen. Oh, großer Baumeister der Natur, hilf mir die richtigen Wege finden, die aus dem Labyrinth der Lüge hinausführen!«


Dahinter waren in dem Tagebuch drei Blätter freigelassen; dann war folgendes eingetragen:


»Ich hatte ein langes, lehrreiches Gespräch unter vier Augen mit Bruder W., der mir den Rat gab, mich an Bruder A. anzuschließen. Es wurde mir trotz meiner Unwürdigkeit vieles enthüllt. Adonai ist der Name des Weltschöpfers. Elohim ist der Name dessen, der alles regiert. Der dritte Name ist unaussprechlich und bedeutet das All. Die Unterredungen mit Bruder W. stärken, erfrischen und kräftigen mich bei der Wanderung auf dem Weg zur Tugend. Wenn er anwesend ist, ist kein Raum für einen Zweifel. Der Unterschied der armseligen Lehre der profanen Wissenschaften von unserer heiligen, alles umfassenden Lehre ist mir klar: die menschlichen Wissenschaften zergliedern alles, um es zu begreifen; sie töten alles, um es zu betrachten; in der heiligen Wissenschaft unseres Ordens dagegen ist alles einheitlich, alles wird in seiner Zusammengehörigkeit und im Zustand des Lebens erkannt. Die Dreieinigkeit – drei Urelemente der Dinge – Schwefel, Quecksilber und Salz. Der Schwefel ist von öliger und feuriger Beschaffenheit; in Verbindung mit dem Salz ruft er durch seine feurige Natur in dem Salz ein heißes Verlangen hervor, mittels dessen das Salz das Quecksilber anzieht, erfaßt, festhält und mit ihm vereint neue, eigenartige Körper hervorbringt. Das Quecksilber ist eine flüssige, flüchtige, geistige Substanz. – Christus, der Heilige Geist, Er.«


»Den 3. Dezember.


Ich wachte erst spät auf und las in der Heiligen Schrift, aber ohne rechte Empfindung. Dann verließ ich mein Schlafzimmer und ging im Saal auf und ab. Ich wollte nachdenken; aber statt dessen stellte mir meine Einbildungskraft ein Begebnis wieder vor Augen, das schon vier Jahre zurückliegt. Als Herr Dolochow nach meinem Duell mit ihm mir einmal in Moskau begegnete, sagte er zu mir, er hoffe, daß ich mich jetzt trotz der Abwesenheit meiner Gattin in vollständiger Seelenruhe befände. Ich antwortete ihm damals nicht. Jetzt nun erinnerte ich mich an alle Einzelheiten dieser Begegnung und gab ihm im Geist die bösesten, bissigsten Antworten. Erst als ich merkte, daß ich in heftigen Zorn geraten war, kam ich zur Besinnung und verscheuchte diesen Gedanken; aber ich bereute diese Verirrung nicht in hinreichendem Maß. Nachher kam Boris Drubezkoi und begann allerlei Tagesereignisse zu erzählen; ich war gleich von seinem Eintritt an mißgestimmt über seinen Besuch und sagte ihm einige unfreundliche Worte. Er erwiderte etwas darauf. Ich brauste auf und sagte ihm eine Menge Unartigkeiten und sogar Grobheiten. Er schwieg jetzt, und nun erst, wo es zu spät war, erkannte ich den von mir begangenen Fehler. O Gott, ich verstehe schlechterdings nicht, mit ihm umzugehen. Die Ursache davon ist meine Eigenliebe. Ich glaube über ihm zu stehen und werde dadurch weit schlechter als er; denn er zeigt meiner Grobheit gegenüber eine freundliche Nachsicht, ich dagegen nähre gegen ihn eine arge Geringschätzung. O Gott, gib, daß ich in seiner Anwesenheit mehr Erkenntnis für meine Schlechtigkeit habe und mich so benehme, daß auch er davon Nutzen haben kann. Nach dem Mittagessen legte ich mich zum Schlafen hin, und in dem Augenblick, als ich einschlief, hörte ich deutlich eine Stimme, die mir in das linke Ohr sagte: ›Dein Tag.‹

Ich träumte, daß ich im Dunkeln ginge und plötzlich von Hunden umringt sei; aber ich ging ohne Furcht weiter; plötzlich packte mich ein kleiner Hund mit den Zähnen am linken Schenkel und ließ mich nicht los. Ich begann ihn mit den Händen zu würgen. Aber kaum hatte ich ihn losgelassen, als mich ein anderer, größerer, biß. Ich hob ihn in die Höhe, und je höher ich ihn hob, um so größer und schwerer wurde er. Und auf einmal kam Bruder A., faßte mich unter den Arm, nahm mich mit sich fort und führte mich zu einem Gebäude; um in dieses Gebäude hineinzugelangen, mußte man über ein schmales Brett gehen. Ich trat darauf; das Brett bog sich, rutschte ab und fiel, und ich versuchte auf einen Zaun zu klettern, an dessen obere Kante ich nur so eben mit den Händen heranreichte. Nach großen Anstrengungen zog ich meinen Körper so herüber, daß die Beine auf der einen Seite hingen und der Oberkörper auf der andern. Ich blickte um mich und sah, daß Bruder A. auf dem Zaun stand und auf eine große Allee und einen Garten hinwies; und in dem Garten war ein großes, schönes Gebäude. Ich erwachte. Herr Gott, großer Baumeister der Natur! Hilf mir, die Hunde, meine Leidenschaften, abzuschütteln und namentlich die letzte von ihnen, die die Kräfte aller früheren in sich vereinigt, und hilf mir, daß ich in jenen Tempel der Tugend eintrete, dessen Anblick ich im Traum genießen durfte.«


»Den 7. Dezember.


Mir träumte, Osip Alexejewitsch saß bei mir in meinem Haus, und ich freute mich darüber sehr und wollte ihn bewirten. Ich plauderte ohne Unterbrechung mit fremden Leuten, und auf einmal fiel mir ein, daß ihm das nicht gefallen könne, und ich wollte an ihn herantreten und ihn umarmen. Aber sowie ich näher herankam, sah ich, daß sein Gesicht sich verwandelte und jung wurde, und er sagte leise etwas zu mir aus der Ordenslehre, so leise, daß ich es nicht verstehen konnte. Dann gingen wir alle aus dem Zimmer hinaus, und hier begab sich nun etwas Wunderliches: wir saßen oder lagen auf dem Fußboden. Er sagte etwas zu mir. Aber ich wollte ihm gern meine tiefe Empfindung zeigen und begann, ohne auf seine Reden hinzuhören, mir den Zustand meines inneren Menschen vorzustellen, und wie mich die Gnade Gottes überschattete. Und die Tränen traten mir in die Augen, und es war mir angenehm, daß er das bemerkte. Aber er blickte mich zornig an und sprang, seine Rede abbrechend, auf. Ich wurde ängstlich und fragte, ob das, was er gesagt habe, sich auf mich bezogen hätte; aber er antwortete nichts und zeigte mir wieder ein freundliches Gesicht, und nun befanden wir uns auf einmal in meinem Schlafzimmer, wo das zweischläfrige Bett steht. Er legte sich auf den Rand des Bettes, und in mir wurde ein brennendes Verlangen rege, ihn zu liebkosen und mich ebenfalls dort hinzulegen. Und er fragte mich: ›Sagen Sie wahrheitsgemäß: welches ist die größte Leidenschaft, die Sie besitzen? Haben Sie sie erkannt? Ich glaube, daß Sie sie schon erkannt haben.‹ Ich wurde über diese Frage verlegen und antwortete, meine größte Leidenschaft sei die Trägheit. Er schüttelte mißtrauisch den Kopf. Meine Verlegenheit wurde noch größer, und ich antwortete ihm, ich lebte zwar nach seinem Rat wieder mit meiner Frau zusammen, aber wir lebten nicht als Mann und Frau. Darauf erwiderte er, ich dürfe meine Frau meiner Liebkosungen nicht berauben, und gab mir zu verstehen, daß das meine Pflicht sei. Aber ich antwortete, daß ich mich schämte, das zu tun, und auf einmal war alles verschwunden. Und ich wachte auf und mußte an die Worte der Heiligen Schrift denken: ›Das Leben war das Licht der Menschen, und das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.‹ Osip Alexejewitschs Gesicht war ganz jugendlich und hell gewesen. An diesem Tag erhielt ich einen Brief von meinem Wohltäter, in dem er mir von den Pflichten der Ehe schreibt.«


»Den 9. Dezember.


Ich hatte einen Traum, aus dem ich mit bebendem Herzen erwachte. Mir träumte, ich wäre in Moskau, in meinem Haus, im großen Sofazimmer, und aus dem Salon kam Osip Alexejewitsch zu mir herein. Ich erkannte sofort, daß mit ihm bereits der Vorgang der Wiedergeburt stattgefunden hatte, und eilte ihm entgegen. Ich küßte sein Gesicht und seine Hände; aber er sagte: ›Hast du wohl bemerkt, daß ich ein anderes Gesicht habe?‹ Ich betrachtete ihn, ohne ihn aus meinen Armen zu lassen, und sah, daß sein Gesicht jugendlich war, daß er aber keine Haare auf dem Kopf hatte und seine Gesichtszüge vollständig verändert waren. Ich sagte zu ihm: ›Ich hätte Sie trotzdem erkannt, wenn ich Ihnen zufällig begegnet wäre‹, und dachte dabei: ›Habe ich damit auch die Wahrheit gesagt?‹ Und plötzlich sah ich, daß er wie ein Toter dalag; dann kam er allmählich wieder zu sich und ging mit mir in das große Arbeitszimmer; in der Hand hatte er ein großes Buch, geschrieben, in Folio. Ich sagte zu ihm: ›Das habe ich geschrieben.‹ Und er antwortete mir durch eine Neigung des Kopfes. Ich schlug das Buch auf und fand in ihm auf allen Seiten schöne Zeichnungen. Und ich wußte, daß diese Bilder das Liebesleben der Seele und ihres Geliebten darstellten. Und ich erblickte auf diesen Seiten das schöne Bild eines zu den Wolken auffliegenden Mädchens in durchsichtigem Kleid und mit durchsichtigem Körper. Und ich wußte, daß dieses Mädchen nichts anderes war als eine Darstellung des Hohen Liedes. Und während ich diese Zeichnungen betrachtete, hatte ich das Gefühl, daß ich damit etwas Schlechtes beginge; aber ich konnte mich von ihnen nicht losreißen. O Gott! Hilf mir! O mein Gott! Wenn es Dein Werk ist, daß ich Dir so fern bin, so geschehe Dein Wille; wenn ich dies aber selbst verschuldet habe, so lehre mich, was ich tun soll. Ich muß an meiner Lasterhaftigkeit zugrunde gehen, wenn Du mich ganz verläßt!«


XI


Die finanziellen Verhältnisse der Familie Rostow hatten sich während der zwei Jahre, die sie auf dem Land verlebt hatte, nicht gebessert.

Obwohl Nikolai Rostow, seinem Vorsatz getreu, still bei seinem Regiment in der entlegenen kleinen Garnison weiterdiente und verhältnismäßig wenig Geld ausgab, war doch der ganze Zuschnitt des Lebens in Otradnoje derart, daß die Schulden in jedem Jahr unaufhaltsam wuchsen; ganz besonders wirkte übrigens zu diesem bedauerlichen Resultat auch die Art mit, in welcher Dmitri die Geschäfte führte. Die einzige Rettung, die sich dem alten Grafen noch darbot, war augenscheinlich der Staatsdienst, und so reiste er denn nach Petersburg, um sich eine Stelle zu suchen, und nahm auch gleich seine Familie mit, um während des Stellensuchens gleichzeitig seinen Mädchen, wie er sich ausdrückte, zum letztenmal ein bißchen Amüsement zu verschaffen.

Bald nach der Ankunft der Familie Rostow in Petersburg hielt Berg um Wjeras Hand an, und sein Antrag wurde angenommen.

Obwohl Rostows in Moskau zur besten Gesellschaft gehörten, übrigens ohne selbst zu wissen und darüber nachzudenken, zu welcher Gesellschaft sie gehörten, war doch in Petersburg ihr Gesellschaftskreis ein gemischter und nicht streng begrenzter. In Petersburg waren sie Provinzler, und dieselben Leute, welche die Familie Rostow in Moskau gastfreundlich aufgenommen hatte, ohne ihre Gäste nach deren Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gesellschaftskreis zu fragen, trugen nun in Petersburg Bedenken, sich zu der Familie Rostow herabzulassen.

Rostows lebten in Petersburg ebenso gastfrei wie in Moskau, und ihre Soupers bildeten einen Sammelpunkt für die verschiedenartigsten Persönlichkeiten; da kamen Nachbarn aus der Gegend von Otradnoje, alte, unbemittelte Gutsbesitzer mit Töchtern, ein Hoffräulein namens Peronskaja, Pierre Besuchow und der in Petersburg angestellte Sohn eines Kreispostmeisters. Von den männlichen Gästen wurden einige im Rostowschen Haus in Petersburg sehr bald Hausfreunde: erstens Boris, ferner Pierre, den der alte Graf zuerst auf der Straße getroffen und mit sich nach Hause geschleppt hatte, und drittens Berg, der ganze Tage bei Rostows zubrachte und der ältesten Komtesse Wjera alle die Aufmerksamkeiten erwies, die ein junger Mann überhaupt einer jungen Dame erweisen kann, um deren Hand er anzuhalten beabsichtigt.

Berg hatte wirklich etwas dadurch erreicht, daß er allen Leuten seine bei Austerlitz verwundete rechte Hand zeigte und dabei erzählte, wie er den (in Wirklichkeit völlig unnützen) Degen in die Linke genommen habe. Er hatte dieses Ereignis allen mit solcher Beharrlichkeit und mit so bedeutsamem Ernst berichtet, daß alle an die Zweckmäßigkeit und Verdienstlichkeit dieser Tat glaubten und Berg für Austerlitz zwei Auszeichnungen erhielt.

Auch im Finnischen Krieg war es ihm geglückt, sich hervorzutun. Er hatte einen Granatsplitter, der einen Adjutanten in der Nähe des Oberkommandierenden getötet hatte, aufgehoben und diesen Granatsplitter dem hohen Vorgesetzten gebracht. Ebenso wie nach Austerlitz erzählte er auch von diesem Ereignis allen so lange und so beharrlich, daß auch hierbei alle von der Notwendigkeit und Nützlichkeit dieser Handlungsweise überzeugt waren und Berg auch für den Finnländischen Krieg mit zwei Auszeichnungen bedacht wurde. Im Jahre 1809 war er Hauptmann bei der Garde, hatte mehrere Orden und übte in Petersburg einige besonders einträgliche Funktionen aus.

Obgleich einige Ungläubige lächelten, wenn man ihnen gegenüber von Bergs Verdiensten sprach, so mußte doch jeder zugeben, daß Berg ein pflichttreuer, tapferer, bei seinen Vorgesetzten vorzüglich angeschriebener Offizier war, ein ehrenhafter junger Mann, der eine glänzende Laufbahn vor sich hatte und in der Gesellschaft sogar schon jetzt eine gesicherte Stellung einnahm.

Vier Jahre zuvor hatte Berg einmal im Parkett des Theaters in Moskau einen deutschen Kameraden getroffen, diesem Wjera Rostowa gezeigt und zu ihm auf deutsch gesagt: »Die soll meine Frau werden«, und von dem Augenblick an hatte auch sein Entschluß festgestanden, sie zu heiraten. Jetzt nun in Petersburg stellte er Erwägungen an über die Situation der Familie Rostow und über die seinige, gelangte zu dem Resultat, daß der richtige Zeitpunkt gekommen sei, und machte seinen Antrag.

Bergs Antrag wurde zunächst mit einem Erstaunen aufgenommen, das für ihn nicht schmeichelhaft war. Anfangs erschien es den Rostows sonderbar, daß der Sohn eines geringen livländischen Edelmannes um die Hand einer Komtesse Rostowa anhielt; aber die hervorragendste Charaktereigenschaft Bergs bestand in einer so naiven, gutherzigen Selbstgefälligkeit, daß die Rostows unwillkürlich zu dem Gedanken kamen, dies müsse wohl für Wjera eine gute Partie sein, da er selbst so fest davon überzeugt sei, daß das junge Mädchen an ihm eine gute, eine sehr gute Partie mache. Außerdem waren die Vermögensverhältnisse der Rostows stark zerrüttet (das konnte dem Bewerber ja nicht unbekannt sein), und was die Hauptsache war: Wjera war schon vierundzwanzig Jahre alt; sie hatte alle möglichen Bälle und Gesellschaften besucht; aber obwohl sie unstreitig ein schönes, kluges Mädchen war, hatte sich bisher noch niemand um sie beworben. So wurde denn Bergs Antrag angenommen.

»Sehen Sie wohl«, sagte Berg zu seinem Kameraden, den er nur deshalb seinen Freund nannte, weil er wußte, daß alle Menschen Freunde haben. »Sehen Sie wohl, ich habe alles sorgfältig erwogen und würde nicht heiraten, wenn ich nicht alles bedacht hätte und irgend etwas dagegen spräche. Aber es ist alles in Ordnung: mein Papa und meine Mama sind jetzt versorgt; ich habe ihnen eine Pacht in den Ostseeprovinzen verschafft; und ich werde in Petersburg bei meiner Sparsamkeit ganz gut auskommen, da ich mein Gehalt habe und meine künftige Frau ihr Vermögen. Wir werden ganz gut leben können. Ich heirate nicht um des Geldes willen; das würde ich für eine unanständige Denkungsart halten; aber das ist erforderlich, daß die Frau etwas in die Ehe mitbringt und ebenso der Mann. Ich habe mein Gehalt und sie ihre Konnexionen und einige, wenn auch nicht bedeutende Mittel. Das fällt in unserer Zeit schon einigermaßen ins Gewicht, nicht wahr? Aber die Hauptsache ist doch: sie ist ein schönes, achtbares Mädchen und liebt mich …«

Berg errötete und lächelte.

»Ich liebe sie gleichfalls, weil sie einen vortrefflichen Verstand und einen sehr guten Charakter besitzt. Sehen Sie, da ist die andere Schwester … aus derselben Familie, aber ein ganz anderes Wesen, ein unangenehmer Charakter, auch nicht verständig genug; und sie hat so etwas … wissen Sie, mir sagt sie nicht zu … Aber meine Braut … Nun, kommen Sie nur später zu uns …«, fuhr Berg fort; er wollte sagen: »zum Mittagessen«, besann sich aber noch eines andern und sagte: »zum Tee«; und dann ließ er schnell einen runden, kleinen Rauchring, den er durch Hindurchstoßen der Zunge bildete, aus dem Mund aufsteigen, wie wenn er seine Glücksträumereien dadurch verkörpern wollte.

Nach dem ersten Erstaunen, das Bergs Antrag bei den Eltern hervorgerufen hatte, geriet die Familie in die in solchen Fällen gewöhnliche festliche, freudige Stimmung; aber diese Freude war keine aufrichtige, sondern eine mehr äußerliche. Aus dem Verhalten der Verwandten hinsichtlich dieser Heirat konnte man eine gewisse Verlegenheit, eine Art Schamgefühl herausmerken. Sie schienen sich gleichsam jetzt zu schämen, daß sie Wjera so wenig liebten und sie so leichten Herzens hingaben. Am verlegensten von allen war der alte Graf. Er wäre wahrscheinlich nicht imstande gewesen, die eigentliche Ursache seiner Verlegenheit deutlich zu bezeichnen; aber diese Ursache war seine pekuniäre Lage. Er wußte schlechterdings nicht, wieviel er noch besaß, wieviel Schulden er hatte, und wieviel er seiner Tochter Wjera würde mitgeben können. Als die Töchter geboren wurden, hatte er einer jeden von ihnen dreihundert Seelen als Mitgift bestimmt; aber das eine dieser Dörfer war bereits verkauft und das andere verpfändet, und da der Zahlungstermin nicht innegehalten war, so mußte auch dieses verkauft werden; ein Gut konnte also Wjera nicht mitgegeben werden. Bares Geld war auch nicht vorhanden.

Berg und Wjera waren schon über einen Monat verlobt, und es war nur noch eine Woche bis zur Hochzeit; aber der Graf war über die Frage der Mitgift mit sich immer noch nicht ins reine gekommen, hatte auch mit seiner Frau noch nicht darüber gesprochen. Bald wollte er Wjera einen Teil des Rjasanschen Gutes geben, bald einen Wald verkaufen, bald Geld auf Wechsel aufnehmen. Einige Tage vor der Hochzeit suchte Berg einmal frühmorgens den Graf in dessen Zimmer auf und bat mit einem liebenswürdigen Lächeln respektvoll seinen künftigen Schwiegervater, ihm mitzuteilen, welche Mitgift Komtesse Wjera erhalten werde. Obwohl der Graf diese Frage schon lange vorhergesehen hatte, setzte sie ihn doch so in Verwirrung, daß er ohne zu überlegen das erste beste antwortete, was ihm in den Mund kam.

»Das gefällt mir, daß du auch an dein Budget denkst, das gefällt mir; nun, du wirst zufrieden sein …«

Er klopfte Berg auf die Schulter und stand auf, mit dem Wunsch, dieses Gespräch damit abzubrechen. Aber Berg erklärte mit liebenswürdigem Lächeln, wenn er nicht zuverlässig erführe, wieviel Wjera mitbekomme, und nicht wenigstens einen Teil des ihr Zugedachten im voraus erhielte, so sähe er sich genötigt zurückzutreten.

»Denn das werden Sie zugeben, Graf: wenn ich mich jetzt erdreistete zu heiraten, ohne die sicheren Mittel zum Unterhalt meiner Frau zu haben, so wäre das meinerseits nicht ehrenhaft gehandelt …«

Das Gespräch endete damit, daß der Graf, in dem Wunsch, sich großherzig zu zeigen und mit weiteren Forderungen verschont zu werden, einen Wechsel über achtzigtausend Rubel als Mitgift zu geben versprach. Berg lächelte freundlich, küßte den Grafen auf die Schulter und sagte, er sei sehr dankbar, könne aber für das bevorstehende neue Leben nicht die nötigen Einrichtungen treffen, wenn er nicht dreißigtausend Rubel bar erhalte.

»Oder wenigstens zwanzigtausend, Graf«, fügte er hinzu. »Und dann einen Wechsel nur über sechzigtausend.«

»Ja, ja, schön!« erwiderte der Graf hastig. »Aber wenn’s dir recht ist, lieber Freund, so will ich dir die zwanzigtausend geben und außerdem einen Wechsel über achtzigtausend. Also abgemacht! Gib mir einen Kuß!«


XII


Natascha war nun sechzehn Jahre alt, und man schrieb jetzt das Jahr 1809, eben das Jahr, bis zu welchem sie vier Jahre vorher bei dem Zusammensein mit Boris an den Fingern gezählt hatte, nachdem sie ihn geküßt hatte. Sie hatte ihn seitdem kein einziges Mal mehr gesehen. Wenn im Gespräch mit Sonja oder der Mutter die Rede auf Boris kam, pflegte Natascha, wie wenn die Sache völlig abgetan wäre, frei heraus zu sagen, daß alles, was früher stattgefunden hätte, nur eine Kinderei gewesen sei, von der es gar nicht der Mühe wert sei zu reden, und die längst vergessen sei. Aber in der geheimsten Tiefe ihres Herzens quälte sie sich mit der Frage, ob die Verabredung mit Boris nur ein Scherz gewesen sei oder ein ernstes, bindendes Versprechen.

In der ganzen Zeit, seit Boris im Jahr 1805 von Moskau zur Armee gereist war, hatte er Rostows nicht besucht. Er war mehrere Male in Moskau gewesen, war auch mitunter nicht weit von Otradnoje vorbeigekommen, hatte sich aber nie bei Rostows blicken lassen.

Natascha kam mitunter auf den Gedanken, Boris vermeide absichtlich ein Wiedersehen mit ihr, und in dieser Vermutung fühlte sie sich bestärkt durch den trüben Ton, in welchem die Eltern von ihm zu sprechen pflegten.

»Heutzutage ist es nicht mehr Sitte, sich an alte Freunde zu erinnern«, sagte die Gräfin einmal, als Boris erwähnt worden war.

Auch Anna Michailowna, die in der letzten Zeit weniger im Rostowschen Haus verkehrte, beobachtete eine eigentümlich würdevolle Haltung und sprach jedesmal mit enthusiastischen Lobeserhebungen von den vortrefflichen Eigenschaften ihres Sohnes und von der glänzenden Laufbahn, in der er begriffen sei. Als Rostows nach Petersburg gezogen waren, machte ihnen Boris einen Besuch.

Während er zu ihnen hinfuhr, befand er sich in ziemlicher Aufregung. Die Erinnerung an Natascha war die poetischste, die ihm seine ganze Vergangenheit darbot. Aber trotzdem fuhr er mit der festen Absicht hin, ihr und den Ihrigen deutlich zu verstehen zu geben, daß die Beziehungen zwischen ihm und Natascha aus der Kinderzeit weder für sie noch für ihn bindend sein könnten. Er hatte dank dem näheren Umgang mit der Gräfin Besuchowa eine glänzende Position in der Gesellschaft, und ebenso dank der Protektion einer hochgestellten Persönlichkeit, deren volles Vertrauen er besaß, eine glänzende Position in dienstlicher Hinsicht, und im stillen keimte bei ihm der Plan, eines der reichsten jungen Mädchen Petersburgs zu heiraten, ein Plan, dessen Verwirklichung sehr wohl im Bereich der Möglichkeiten lag.

Als Boris im Rostowschen Haus in den Salon trat, war Natascha auf ihrem Zimmer. Sobald sie von seiner Ankunft gehört hatte, kam sie errötend in den Salon beinah hereingelaufen; auf ihrem Gesicht strahlte ein mehr als freundliches Lächeln.

Boris hatte noch jene Natascha im Gedächtnis, die er vor vier Jahren gekannt hatte: mit dem kurzen Kleid, den glänzenden Augen unter dem lockigen Haar und dem ausgelassenen, kindlichen Lachen, und daher geriet er, als nun eine ganz andere Natascha ins Zimmer trat, in Verwirrung, und auf seinem Gesicht malte sich staunende Bewunderung. Über diesen Ausdruck seines Gesichts empfand Natascha eine nicht geringe Freude.

»Nun, erkennst du deine frühere kleine Freundin, die wilde Hummel, wieder?« fragte die Gräfin.

Boris küßte Natascha die Hand und erwiderte, er sei erstaunt über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen sei. »Wie schön Sie geworden sind!« schloß er.

»Das möchte ich meinen!« antworteten Nataschas lachende Augen.

»Finden Sie, daß Papa älter geworden ist?« fragte sie. Dann setzte sie sich, und ohne sich an dem Gespräch zwischen Boris und der Mutter zu beteiligen, musterte sie schweigend ihren Bräutigam aus der Kinderzeit bis auf die kleinsten Einzelheiten. Er glaubte eine Art von Druck zu fühlen, als dieser freundliche Blick so beharrlich auf seiner Person ruhte, und blickte ab und zu nach ihr hin.

Uniform, Sporen, Halsbinde und Haartracht, alles war bei Boris hübsch modern und comme il faut. Das hatte Natascha sofort bemerkt. Er saß ein wenig zur Seite gewandt auf einem Sessel neben der Gräfin, brachte mit der rechten Hand den schneeweißen Glacéhandschuh an der linken in Ordnung, sprach mit einer besonders feinen Art, die Lippen einzuziehen, über die Vergnügungen der höchsten Petersburger Gesellschaftskreise und gedachte mit einem Anflug freundlichen Spottes der früheren Moskauer Zeiten und der Moskauer Bekannten. Nicht ohne Absicht (Natascha merkte das sehr wohl) erwähnte er, als er von der höchsten Aristokratie sprach, den Ball beim französischen Gesandten, auf dem er gewesen sei, und die Einladungen bei N.N. und S.S.

Natascha saß die ganze Zeit über schweigend da und blickte ihn, den Kopf etwas neigend, von unten her an. Dieser Blick machte Boris immer unruhiger und setzte ihn in Verwirrung. Er sah häufiger zu Natascha hin und stockte in seinen Erzählungen. Er blieb nur zehn Minuten sitzen; dann stand er auf und empfahl sich. Immer noch schauten ihn dieselben neugierigen, herausfordernden und ein wenig spöttischen Augen an.

Nach diesem seinem ersten Besuch sagte sich Boris, daß Natascha auf ihn noch genau dieselbe Anziehungskraft ausübe wie früher, daß er sich aber diesem Gefühl nicht überlassen dürfe, weil eine Heirat mit ihr, einem fast vermögenslosen Mädchen, für seine Karriere verhängnisvoll werden müßte, eine Erneuerung der früheren Beziehungen aber ohne die Absicht einer Heirat eine unehrenhafte Handlungsweise sein würde. Boris faßte daher bei sich den Entschluß, fernere Begegnungen mit Natascha zu vermeiden; aber trotz dieses Entschlusses kam er nach einigen Tagen wieder und begann nun sich häufiger einzustellen und ganze Tage bei Rostows zu verleben. Er war der Ansicht, daß er sich notwendig mit Natascha aussprechen und ihr sagen müsse, sie müßten beide alles Vergangene der Vergessenheit übergeben; sie könne trotz allem nicht seine Frau werden; er habe kein Vermögen, und daher würden ihre Eltern sie ihm nie zur Frau geben. Aber es bot sich ihm nie eine rechte Gelegenheit zu einer Aussprache, und es war ihm auch gar zu peinlich, ihr diese Mitteilung zu machen. Mit jedem Tag fühlte er sich mehr gefesselt. Natascha ihrerseits schien, soweit es die Mutter und Sonja beobachten konnten, in Boris noch ebenso verliebt zu sein wie ehemals. Sie sang ihm seine Lieblingslieder, zeigte ihm ihr Album und veranlaßte ihn, ihr etwas hineinzuschreiben; aber sie ließ nicht zu, daß er von alten Zeiten redete, sondern gab ihm zu verstehen, wie schön die Gegenwart sei. Und täglich, wenn er wegging, war es ihm wie ein Nebel vor den Augen, und er hatte das nicht gesagt, was zu sagen er doch beabsichtigt hatte, und wußte selbst nicht, was er tat, und zu welchem Zweck er kam, und wie das alles enden sollte. Er hörte auf, bei Helene zu verkehren; er erhielt zwar von ihr alle Tage vorwurfsvolle Billetts, verlebte aber trotzdem ganze Tage bei Rostows.