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Vierter Teil
I
Zu Anfang des Jahres 1806 kehrte Nikolai Rostow auf Urlaub nach Hause zurück. Denisow fuhr ebenfalls nach seiner Heimat, nach Woronesch, und Rostow hatte ihn überredet, mit ihm nach Moskau zu fahren und bei ihnen zu logieren. Auf der vorletzten Station hatte Denisow einen Kameraden getroffen, mit ihm drei Flaschen Wein getrunken und lag nun, als sie sich Moskau näherten, trotz des holperigen Weges in festem Schlaf auf dem Boden des Postschlittens. Neben ihm saß Rostow, der, je näher sie seiner Vaterstadt kamen, immer mehr in ungeduldige Aufregung geriet.
»Sind wir denn noch nicht bald da? Oh, diese unerträglich langen Straßen, diese Kaufläden, Bäckereien, Laternen und Droschken!« dachte Rostow, als sie bereits am Schlagbaum sich als beurlaubt eingetragen hatten und in Moskau einfuhren.
»Denisow, wir sind da! Er schläft!« sagte er und bog sich mit dem ganzen Leib nach vorn, wie wenn er durch diese Haltung die Bewegung des Schlittens zu beschleunigen hoffte.
Denisow antwortete nicht.
»Da ist die Straßenecke, wo immer der Droschkenkutscher Sachar seinen Stand hatte. Und da ist auch Sachar selbst, und er hat immer noch dasselbe Pferd! Und da ist auch der Laden, wo wir uns Pfefferkuchen zu kaufen pflegten. Nur schnell, nur schnell!«
»Nach welchem Haus?« fragte der Postkutscher.
»Da ganz am Ende, nach dem großen Haus, siehst du es? Das ist unser Haus«, sagte Rostow. »Ja, das ist unser Haus! Denisow! Denisow! Wir sind gleich da!«
Denisow hob den Kopf in die Höhe und räusperte sich, gab aber keine Antwort.
»Dmitri«, wandte sich Rostow an den Diener, der auf dem Schlittenrand saß. »Da ist ja bei uns Licht?«
»Jawohl, gewiß; auch der Herr Papa hat Licht in seinem Zimmer.«
»Sie haben sich also wohl noch nicht hingelegt? Was meinst du? Daß du mir ja nicht vergißt, mir gleich meinen neuen Dolman auszupacken«, fügte Rostow hinzu und befühlte seinen neuen Schnurrbart.
»Na, nun fahr doch tüchtig zu!« trieb er den Kutscher an. »Aber so wach doch auf, Waska!« rief er seinem Reisegefährten zu, der schon wieder den Kopf sinken ließ. »Fahr schnell, du bekommst drei Rubel Trinkgeld, schnell!« rief Rostow, als der Schlitten nur noch drei Häuser weit von der Tür seines elterlichen Hauses entfernt war. Es kam ihm vor, als ob die Pferde nicht vom Fleck kämen. Endlich bog der Schlitten nach rechts zur Haustür ab; Rostow erblickte über seinem Kopf das bekannte Gesims mit dem abgebröckelten Stuck; er erblickte die Stufen vor der Haustür und den Prellpfahl beim Trottoir. Noch im Fahren sprang er aus dem Schlitten und lief in den Hausflur hinein. Das Haus blieb ohne ein Zeichen freundlicher Bewillkommnung steif und starr stehen, als machte es sich gar nichts aus seiner Ankunft. Im Flur war niemand. »Mein Gott, es wird doch nichts Schlimmes passiert sein?« dachte Rostow, machte mit beklommenem Herzen einen Augenblick halt, lief dann aber sofort weiter durch den Flur und die ihm so wohlbekannten schiefgewordenen Stufen hinan. Die Türklinke, über deren Unsauberkeit die Gräfin so oft schalt, war noch unverändert und bewegte sich beim Öffnen der Tür noch ebenso lautlos wie früher. Im Vorzimmer brannte ein einziges Talglicht.
Der alte Michail lag auf dem Schlafkasten und schlief. Prokofi, der Wagenlakai, der so stark war, daß er die Kutsche am Hintergestell aufheben konnte, saß und flocht Schuhe aus Tuchkanten. Er blickte nach der sich öffnenden Tür hin, und seine gleichgültige, schläfrige Miene verwandelte sich auf einmal in eine erschrockene und entzückte.
»Alle lieben Heiligen! Der junge Graf!« rief er, den jungen Herrn erkennend. »Wie geht das denn zu? Liebster, bester Herr!« Und Prokofi stürzte, vor Aufregung zitternd, nach der Tür zu den inneren Räumen, offenbar um im Salon Meldung zu machen; aber dann wurde er, wie es schien, anderen Sinnes, kehrte wieder um und küßte seinem jungen Herrn die Schulter und die Hand.
»Sind sie alle gesund?« fragte Rostow und entzog ihm seine Hand.
»Jawohl, Gott sei Dank; alle gesund, Gott sei Dank! Sie haben eben Abendbrot gegessen. Lassen Sie sich doch einmal ansehen, Euer Erlaucht!«
»Und alles im gewohnten Gleise?«
»Jawohl, Gott sei Dank, Gott sei Dank!«
Seinen Freund Denisow hatte Rostow völlig vergessen; er wollte nicht, daß seine Ankunft den Seinigen vorher gemeldet würde, warf daher seinen Pelz hin und lief auf den Zehen in den großen Saal, in welchem kein Licht war. Alles war unverändert: dieselben Lombertische, derselbe Kronleuchter in seiner Umhüllung. Aber offenbar hatte doch jemand den jungen Herrn gesehen; denn er war noch nicht durch den Saal bis zum Salon gelaufen, als ungestüm wie ein Sturmwind etwas aus einer Seitentür herausgeflogen kam, ihn umarmte und sein Gesicht mit Küssen bedeckte. Noch ein zweites, ein drittes derartiges Wesen sprang aus einer andern und einer dritten Tür heraus; noch mehr Umarmungen, noch mehr Küsse, noch mehr Freudenrufe und Freudentränen! Er konnte nicht unterscheiden, wo und wer der Papa war, wer Natascha war, wer Petja. Alle schrien, redeten und küßten ihn gleichzeitig. Nur die Mutter war nicht darunter; dessen war er sich bewußt.
»Und ich wußte gar nicht … Lieber Nikolai … Mein Bester!«
»Da haben wir ihn wieder … unsern lieben Nikolai …! Du Guter, Lieber …! Aber wie hast du dich verändert! Aber es ist ja kein Licht da! Bringt doch Licht! Und sorgt auch für Tee!«
»Küß mich doch!«
»Mein Herzensnikolai … mich auch!«
Sonja, Natascha, Petja, Anna Michailowna, Wjera und der alte Graf umarmten ihn; auch die Diener und die Stubenmädchen hatten sich im Saal und in den Nebenzimmern eingefunden und gaben durch Worte und Interjektionen ihrer Freude Ausdruck.
Petja hängte sich an die Beine seines Bruders.
»Mich auch!« schrie er.
Natascha zog seinen Kopf zu sich herunter und küßte ihn herzlich ab; dann sprang sie von ihm zurück und hüpfte, sich an einem Schoß seines Dolmans haltend, wie eine Ziege immer auf demselben Fleck und kreischte durchdringend.
Ringsum sah er Augen voller Liebe, von Freudentränen glänzend, ringsum Lippen, die ihn zu küssen verlangten.
Sonja, rot wie eine Mohnblume, hielt ebenfalls eine seiner Hände gefaßt, richtete ihren von Glückseligkeit strahlenden Blick nach seinen Augen hin und wartete darauf, daß er sie ansehen werde. Sonja war jetzt bereits sechzehn Jahre alt geworden und war sehr hübsch, namentlich in diesem Augenblick glückseliger, entzückter Erregung. Sie schaute zu ihm hin, ohne die Augen von ihm abzuwenden, lächelnd und mit angehaltenem Atem. Er sah sie dankbar an; aber er wartete immer noch auf jemand und sah sich um. Die alte Gräfin war noch nicht hereingekommen. Aber da ließen sich hinter einer Tür Schritte hören. Indes waren diese Schritte so schnell, daß es nicht die Schritte seiner Mutter sein konnten.
Aber doch war sie es, in einem neuen, dem Sohn unbekannten Kleid, das sie sich während seiner Abwesenheit hatte machen lassen. Alle ließen von ihm ab, und er eilte zu seiner Mutter hin. Als sie beieinander waren, sank sie schluchzend an seine Brust. Sie war nicht imstande, ihr Gesicht in die Höhe zu heben, und drückte es nur gegen das kalte Schnurwerk seines Dolmans. Denisow, der, von niemand bemerkt, ins Zimmer getreten war, stand nicht weit davon und wischte sich bei dem Anblick der beiden die Augen.
»Wasili Denisow, ein Freund Ihres Sohnes«, sagte er, sich dem Grafen vorstellend, der ihn fragend anblickte.
»Seien Sie uns willkommen! Ich kenne Sie bereits«, sagte der Graf, indem er Denisow umarmte und küßte. »Nikolai hat uns viel von Ihnen geschrieben … Natascha, Wjera, das ist er, Nikolais Freund Denisow.«
Dieselben glückseligen, entzückten Gesichter wandten sich jetzt Denisow zu, und alle umringten ihn.
»Liebster, bester Denisow!« schrie Natascha, die vor Freude gar nicht wußte, was sie tat, sprang zu ihm, umarmte ihn und gab ihm einen Kuß. Alle waren über ein solches Benehmen Nataschas äußerst verlegen. Auch Denisow errötete; aber er lächelte, ergriff Nataschas Hand und küßte sie.
Denisow wurde in ein schnell für ihn zurechtgemachtes Zimmer geleitet; die ganze Familie Rostow aber versammelte sich im Sofazimmer um Nikolai.
Die alte Gräfin saß neben ihm und ließ seine Hand nicht los, die sie alle Augenblicke küßte; die übrigen drängten sich um die beiden, ließen sich nichts von Nikolais Bewegungen, Worten und Blicken entgehen und wandten ihre liebevollen, entzückten Augen nicht von ihm ab. Sein Bruder und seine Schwestern machten sich die Plätze in seiner nächsten Nähe streitig und suchten sie einander wegzukapern; sie zankten sich darum, wer ihm seinen Tee, sein Taschentuch und seine Pfeife bringen solle.
Rostow war sehr glücklich über die Liebe, die ihm bezeigt wurde; aber der erste Augenblick des Wiedersehens war so selig gewesen, daß sein jetziges Glück ihm gering erschien und er immer noch auf etwas Weiteres wartete, das hinzukommen sollte.
Am andern Morgen schliefen die Angekommenen infolge der Ermüdung von der Reise bis gegen zehn Uhr.
In dem davorliegenden Zimmer lagen in bunter Unordnung Säbel, Patronentaschen, Säbeltaschen, geöffnete Koffer und schmutzige Stiefel umher. Zwei Paar geputzte Stiefel mit Sporen waren soeben an die Wand gestellt worden. Die Diener brachten Waschbecken, warmes Wasser zum Rasieren und die gesäuberten Kleider. Es roch nach Tabak und Männern.
»He, Grigori, die Pfeife!« rief Waska Denisows heisere Stimme. »Rostow, steh auf!«
Rostow rieb sich die zusammenklebenden Lider und hob den strubbeligen Kopf vom warmen Kissen in die Höhe.
»Ist es denn schon spät?«
»Jawohl, bald zehn Uhr!« antwortete Nataschas Stimme, und im Nebenzimmer wurde das Rascheln gestärkter Kleider und das Lachen von Mädchenstimmen hörbar, und durch die ein klein wenig offenstehende Tür schimmerte etwas Blaues, Bänder, schwarze Haare und fröhliche Gesichter. Es waren Natascha, Sonja und Petja, welche gekommen waren, um in Erfahrung zu bringen, ob Nikolai schon aufgestanden sei.
»Nikolai, steh auf!« ertönte wieder Nataschas Stimme an der Tür.
»Gleich, gleich!«
Inzwischen hatte Petja im ersten Zimmer die Säbel erblickt und einen davon ergriffen. Er empfand dabei jenes Entzücken, das Knaben im Hinblick auf einen älteren militärischen Bruder zu empfinden pflegen, und vollständig vergessend, daß es sich für die beiden jungen Mädchen nicht schickte, entkleidete Mannspersonen zu sehen, öffnete er die Tür.
»Ist das dein Säbel?« schrie er.
Die Mädchen sprangen zurück. Denisow versteckte mit erschrockenen Augen seine haarigen Beine unter der Bettdecke und blickte hilfesuchend zu seinem Kameraden. Auf Rostows energischen Zuruf kam Petja ins Zimmer herein und machte die Tür hinter sich zu. Von draußen erscholl Gelächter.
»Nikolai, komm doch im Schlafrock heraus«, rief Nataschas Stimme.
»Ist das dein Säbel?« fragte Petja. »Oder der Ihrige?« fügte er hinzu, indem er sich mit ehrfurchtsvollem Respekt an den schnurrbärtigen, schwarzhaarigen Denisow wendete.
Rostow fuhr eilig in die Schuhe, zog den Schlafrock an und ging hinaus. Natascha hatte einen der Sporenstiefel angezogen und stieg gerade in den anderen hinein. Sonja wirbelte sich herum, so daß sich ihr Kleid aufblähte, und wollte sich eben niederhocken, als er hereinkam. Beide Mädchen trugen die gleichen neuen blauen Kleider, beide waren sie frisch, rotwangig und lustig. Sonja lief davon; Natascha aber faßte ihren Bruder unter den Arm und führte ihn ins Sofazimmer, und dort begannen sie nun beide ein eifriges Gespräch. Sie hatten am vorhergehenden Abend noch keine Zeit gefunden, über tausenderlei Kleinigkeiten, die nur für sie beide Interesse haben konnten, einander zu befragen und einander Auskunft zu geben. Natascha lachte bei jedem Wort, das er sagte und das sie sagte, nicht weil das, was sie sagten, lächerlich gewesen wäre, sondern weil ihr fröhlich zumute war und sie ihre Freude nicht zu beherrschen vermochte, die sich dann eben durch Lachen äußerte.
»Ach, wie schön, wie herrlich!« sagte sie zu allem.
Rostow fühlte, wie unter der Einwirkung der warmen Strahlen dieser Liebe zum erstenmal seit einem halben Jahr in seiner Seele und auf seinem Gesicht einer Knospe gleich jenes kindliche Lächeln wieder aufblühte, das ihm seit seinem Abschied aus dem Elternhaus völlig ferngeblieben war.
»Nein, hör mal«, sagte sie. »Bist du jetzt wirklich ganz und gar ein Mann? Ich freue mich furchtbar, daß du mein Bruder bist.« Sie berührte seinen Schnurrbart. »Ich möchte gern wissen, was ihr Männer eigentlich für Menschen seid. Ebensolche wie wir? Nein?«
»Warum ist denn Sonja weggelaufen?« fragte Rostow.
»Ja, das ist eine wunderliche Geschichte! Wie wirst du denn zu Sonja sagen, ›Du‹ oder ›Sie‹?«
»Wie es sich gerade machen wird«, antwortete Rostow.
»Bitte, sage ›Sie‹ zu ihr. Ich werde dir den Grund ein andermal erklären.«
»Was ist denn eigentlich los?«
»Nun, ich kann es dir auch gleich sagen. Du weißt, daß Sonja meine Freundin ist; ich habe sie so lieb, daß ich mir den Arm für sie verbrannt habe. Da, sieh her!«
Sie streifte ihren Musselinärmel auf und zeigte ihm an ihrem langen, magern, zarten Arm unterhalb der Schulter, ziemlich hoch über dem Ellbogen (an einer Stelle, die selbst bei Ballkleidern bedeckt ist), ein rotes Mal.
»Das habe ich mir eingebrannt, um ihr meine Liebe zu beweisen. Ich habe einfach ein Lineal im Feuer heiß gemacht und es dagegengedrückt.«
Sie saßen in ihrem ehemaligen Unterrichtszimmer auf dem Sofa mit den Polsterlehnen, und während Rostow in Nataschas lebenssprühende Augen blickte, fühlte er sich wieder in sein Kinderleben in der Familie zurückversetzt, das niemandem als ihm selbst wichtig und bedeutungsvoll erschienen war, ihm aber die schönsten Genüsse seines Lebens gewährt hatte; und das Verbrennen des Armes mit dem Lineal zum Beweis der Liebe erschien ihm nicht als sinnlos: er hatte Verständnis dafür und wunderte sich nicht darüber.
»Aber was denn nun weiter? Ist das alles?« fragte er.
»Na, also solche Freundinnen sind wir, die besten Freundinnen! Na ja, das mit dem Lineal, das war ja eine Dummheit; aber wir sind Freundinnen fürs ganze Leben. Wenigstens sie, wenn sie jemand liebgewinnt, dann ist das auf immer; aber ich bekomme das nicht fertig; ich vergesse immer alles gleich wieder.«
»Nun, und weiter?«
»Ja, so liebt sie mich und dich.«
Natascha wurde auf einmal rot.
»Na, du besinnst dich wohl noch, vor deiner Abreise … Also sie sagt jetzt, dir stehe es frei, das alles zu vergessen … Sie hat zu mir gesagt: ›Ich werde ihn immer lieben; aber er soll frei sein.‹ Hab ich nicht recht, daß das edel und vornehm gedacht ist? Nicht wahr? Nicht wahr? Sehr vornehm? Ja?« fragte Natascha ernst und aufgeregt; es war zu merken, daß sie das, was sie jetzt sagte, schon früher unter Tränen gesagt hatte.
Nikolai schwieg ein Weilchen, in Gedanken vertieft.
»Ich nehme ein gegebenes Wort niemals zurück«, sagte er dann. »Und außerdem ist Sonja ein so reizendes Wesen, daß nur ein Tor auf ein solches Glück verzichten könnte.«
»Nein, nein«, rief Natascha. »Ich habe darüber schon mit ihr gesprochen. Wir wußten, daß du das sagen würdest. Aber das geht nicht; denn, verstehst du, wenn du so redest, dich durch dein Wort für gebunden hältst, dann käme es ja so heraus, als hätte sie das absichtlich gesagt. Es hätte dann den Anschein, als heiratetest du sie nur gezwungen; es wäre dann alles nicht so, wie es sein sollte.«
Rostow sah ein, daß die beiden Mädchen das alles wohl erwogen hatten. Sonja hatte ihn schon gestern durch ihre Schönheit überrascht. Und heute, wo er sie nur flüchtig gesehen hatte, war sie ihm noch schöner erschienen. Sie war ein reizendes sechzehnjähriges Mädchen, das ihn offenbar leidenschaftlich liebte (daran zweifelte er keinen Augenblick). Warum sollte er sie da nicht jetzt lieben und später sogar heiraten? dachte Rostow. Aber jetzt hatte er freilich noch so viele andere Freuden und Beschäftigungen! »Ja, die beiden Mädchen haben das alles wohl erwogen«, dachte er. »Ich muß frei bleiben.«
»Na schön«, sagte er. »Wir wollen ein andermal weiter darüber reden. Ach, wie freue ich mich, wieder mit dir zusammen zu sein!« fügte er hinzu. »Aber wie steht es mit dir? Bist du deinem Boris auch nicht untreu geworden?«
»Ach, Dummheiten!« rief Natascha lachend. »Ich denke weder an ihn noch sonst an jemand und will von niemand etwas wissen.«
»Nun, sieh einmal an! Was ist denn eigentlich mit dir?«
»Mit mir?« erwiderte Natascha, und ein glückseliges Lächeln verklärte ihr Gesicht. »Hast du Duport gesehen?«
»Nein.«
»Den berühmten Duport, den Tänzer, hast du nicht gesehen? Nun, dann wirst du mich auch nicht verstehen. Sieh einmal her, was ich kann!«
Natascha faßte, die Arme kreisförmig biegend, ihr Kleid, so wie das die Ballettänzerinnen tun, lief einige Schritte weg, wirbelte herum, machte einen Entrechat, schlug mit den Beinen aneinander und ging einige Schritte auf den äußersten Spitzen der Füße.
»So stehe ich! Siehst du wohl?« sagte sie; aber sie konnte sich nicht lange so auf den Zehen halten. »Siehst du, das kann ich! Ich werde nie heiraten, sondern Tänzerin werden. Aber du darfst es niemand sagen.«
Rostow lachte so laut und lustig los, daß Denisow in seinem Zimmer ordentlich neidisch wurde. Auch Natascha konnte sich nicht bezwingen und lachte mit ihm zugleich.
»War es aber nicht gut?« fragte sie mehrmals dazwischen.
»Gewiß! Sehr gut! Also Boris willst du nicht mehr heiraten?«
Natascha wurde dunkelrot.
»Ich will niemand heiraten. Das will ich auch ihm selbst sagen, sobald ich ihn wiedersehe.«
»Na, nun sieh einmal an!« sagte Rostow.
»Aber das ist alles nur dummes Zeug«, plauderte Natascha weiter. »Sag mal, ist Denisow nett?« fragte sie.
»Jawohl, sehr nett.«
»Na, jetzt auf Wiedersehen! Zieh dich nur schnell an. Er ist wohl ein Mensch, vor dem man sich fürchten muß, dieser Denisow?«
»Warum sollte man sich vor ihm fürchten?« fragte Nikolai. »Nein, Waska ist ein prächtiger Mensch.«
»Du nennst ihn Waska? Wie komisch! Also er ist sehr nett?«
»Jawohl, sehr nett.«
»Na, dann komm nur recht bald zum Teetrinken. Es sind schon alle beisammen.«
Natascha hob sich wieder auf die Zehenspitzen und ging in der Manier der Ballettänzerinnen aus dem Zimmer; aber ihr Lächeln war von der Art, wie nur glückliche fünfzehnjährige Mädchen lächeln.
Als Nikolai im Salon mit Sonja zusammentraf, errötete er. Er wußte nicht, wie er mit ihr verkehren sollte. Gestern hatten sie sich in der ersten Freude des Wiedersehens geküßt; aber heute hatten sie die Empfindung, daß sie dies nicht länger tun durften; er fühlte, daß alle, sowohl die Mutter als auch die Schwestern, ihn fragend ansahen und darauf gespannt waren, wie er sich gegen Sonja benehmen werde. Er küßte ihr die Hand und nannte sie »Sie«. Aber seine und ihre Augen sagten, wenn sie einander trafen, »Du« zueinander und küßten sich zärtlich. Sie bat durch ihren Blick um Verzeihung dafür, daß sie gewagt hatte, ihn durch ihre Abgesandte, Natascha, an sein Versprechen zu erinnern, und dankte ihm für seine Liebe. Er dankte ihr durch seinen Blick dafür, daß sie ihm die Freiheit angeboten hatte, und sagte ihr, daß er weder so noch so jemals aufhören werde, sie zu lieben, weil er eben gar nicht anders könne, als sie lieben.
»Wie sonderbar ist es doch«, bemerkte Wjera, einen Augenblick, wo alle schwiegen, benutzend, »daß Sonja und Nikolai sich jetzt ›Sie‹ nennen und miteinander wie Fremde verkehren.«
Wjeras Bemerkung war richtig, wie alle ihre Bemerkungen, machte aber, wie das häufig der Fall war, wenn Wjera ihre Ansichten aussprach, auf alle Hörer einen peinlichen Eindruck. Das war nicht nur bei Sonja, Nikolai und Natascha zu merken, sondern sogar die alte Gräfin, die befürchtete, ihr Sohn könne sich durch diese Liebe zu Sonja um eine glänzende Partie bringen, errötete wie ein junges Mädchen. Da trat gerade Denisow in den Salon, und zwar zu Rostows Erstaunen in einer neuen Uniform, pomadisiert und parfümiert, kurz: ebenso stutzerhaft, wie er bei Gefechten zu erscheinen pflegte, und benahm sich gegen die Damen als ein so liebenswürdiger Kavalier, wie es Rostow nie von ihm erwartet hätte.
II
Als Nikolai Rostow jetzt von der Armee nach Moskau zurückgekehrt war, wurde er von seinen Angehörigen als der beste Sohn und Bruder, als tapferer Held und überhaupt als der liebe, prächtige Nikolai aufgenommen. Seinen übrigen Verwandten erschien er als ein netter, angenehmer junger Mann von respektvollem Benehmen. Und das Urteil seiner Bekannten war: ein hübscher Husarenleutnant, ein flotter Tänzer und einer der besten Heiratskandidaten von ganz Moskau.
Die Rostowsche Familie war mit ganz Moskau bekannt. Geld hatte in diesem Jahr der alte Graf hinreichend, da er wieder neue Hypotheken auf alle seine Güter aufgenommen hatte, und daher verbrachte Nikolai seine Zeit in sehr vergnüglicher Weise; unter anderm hatte er sich einen eigenen Traber angeschafft sowie ganz moderne Reithosen von besonderer Art, wie sie noch niemand in Moskau hatte, und moderne Stiefel mit ganz schmalen Spitzen und kleinen silbernen Sporen. Nach seiner Rückkehr in das Elternhaus kostete er nun das angenehme Gefühl aus, sich nach einer längeren Zwischenzeit wieder in die alten Lebensverhältnisse hineinzufinden. Er hatte die Vorstellung, daß er sehr mannhaft geworden und körperlich und geistig sehr gewachsen sei. Seine ehemalige Verzweiflung über das Nichtbestehen der Prüfung in der Religion, seine kleinen Anleihen bei Gawriil für Droschkenfahrten, die heimlichen Küsse mit Sonja: alles das erschien ihm bei der Rückerinnerung wie Kindereien, die schon unendlich weit hinter ihm lagen. Jetzt war er ein Husarenleutnant mit silbernen Schnüren am Dolman und mit dem Georgskreuz; er fuhr seinen Traber zum Wettrennen ein, zusammen mit bekannten Sportsmännern, älteren, vornehmen Herren. Er war mit einer am Boulevard wohnenden Dame bekannt, die er abends zu besuchen pflegte. Er dirigierte die Mazurka auf dem Ball bei Archarows, unterhielt sich mit dem Feldmarschall Kamenski über den Krieg, verkehrte im Englischen Klub und duzte sich mit einem vierzigjährigen Obersten, mit dem ihn Denisow bekanntgemacht hatte.
Seine Leidenschaft für den Kaiser hatte in Moskau ein wenig nachgelassen. Aber da er ihn nicht sah und keine Möglichkeit hatte, ihn zu sehen, so erzählte er dafür häufig von dem Kaiser und von seiner Liebe zu ihm, wobei er durchblicken ließ, daß er noch nicht alles erzähle, und daß es mit seiner Liebe zum Kaiser noch eine besondere Bewandtnis habe, die andern Leuten nicht verständlich sei; und von ganzer Seele teilte er das zu jener Zeit in Moskau allgemeine Gefühl unbeschränkter Verehrung für den Kaiser Alexander Pawlowitsch, dem man damals in Moskau den Beinamen »der Engel in Menschengestalt« gegeben hatte.
In der kurzen Zeit, die Rostow in Moskau blieb, ehe er wieder zur Armee reiste, kam er Sonja nicht näher, sondern wurde ihr vielmehr fremder. Sie war sehr schön und nett und offenbar leidenschaftlich in ihn verliebt; aber er befand sich gerade in jener Phase des Jugendalters, wo ein junger Mann meint, so viel zu tun zu haben, daß ihm keine Zeit bleibe, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, wo er fürchtet, sich zu binden, wo er seine Freiheit über alles schätzt, die er seiner Ansicht nach zu so vielem andern nötig hat. Wenn er während dieses Aufenthaltes in Moskau an Sonja dachte, dann sagte er sich: »Ach was! Solche jungen Mädchen wird es noch viele, viele geben, und gibt es auch anderwärts viele, viele, die ich noch nicht kenne. Mit der Liebe kann ich mich immer noch abgeben, sobald ich Lust dazu bekomme; aber jetzt habe ich keine Zeit.« Außerdem empfand er den Umgang mit weiblichen Wesen als eine Art Herabwürdigung seiner Männlichkeit. Er besuchte ja Bälle und verkehrte in Damengesellschaft, stellte sich aber dabei, als tue er das nur widerwillig. Die Pferderennen, der Englische Klub, die Trinkgelage mit Denisow, die Besuche bei der Dame am Boulevard, das war etwas anderes; das paßte für einen flotten jungen Husaren!
Anfang März war der alte Graf Ilja Andrejewitsch Rostow damit beschäftigt, ein Diner im Englischen Klub zu Ehren des Fürsten Bagration zu arrangieren.
Der Graf ging im Schlafrock im Saal auf und ab und erteilte dem Ökonomen des Englischen Klubs und dem berühmten Küchenchef des Klubs, Feoktist, seine Anweisungen über manches, was für dieses Diner nötig war: Spargel, frische Gurken, Erdbeeren, Kalbfleisch und Fische. Der Graf war seit dem Tag der Gründung des Klubs Mitglied desselben und gehörte zum Vorstand. Es war gerade ihm vom Klub das Arrangement des Festessens für Bagration übertragen worden, weil kaum ein anderer ein Diner so großzügig und opulent zu veranstalten verstand wie er, und namentlich auch, weil kaum ein anderer so wie er bereit war, Geld aus eigener Tasche zuzulegen, wenn es zur schöneren Ausgestaltung des Festessens erforderlich schien. Der Koch und der Ökonom hörten mit vergnügten Gesichtern die Anweisungen des Grafen an, weil sie wußten, daß es bei niemandem leichter möglich war, an einem Diner, das einige tausend Rubel kostete, selbst etwas Erkleckliches zu profitieren.
»Vergiß nur ja nicht, Hahnenkämme an die Schildkrötensuppe zu tun, du weißt doch!«
»Also kalte Speisen soll es drei geben?« fragte der Koch.
Der Graf überlegte.
»Weniger dürfen es nicht sein; ja, drei … Erstens Majonnaise«, sagte er, indem er einen Finger einbog.
»Also befehlen Sie, daß wir die großen Sterlets nehmen?« fragte der Ökonom.
»Was soll man machen? Wenn der Fischhändler nichts ablassen will, dann nimm sie so. Ja, und dann, lieber Freund, das hätte ich beinah vergessen: wir brauchen ja noch ein zweites Entree … Ach herrje!« Er griff sich an den Kopf. »Wer wird mir denn Blumen besorgen? Dmitri! He! Dmitri!« Auf seinen Ruf trat der Geschäftsführer ein. »Reite doch einmal schnell vor die Stadt auf unser Gut, Dmitri, und sage dem Gärtner Maxim, er soll sofort alle Bauern zur Arbeit kommandieren. Sag ihm, er soll alle Blumen aus den Gewächshäusern herschaffen; er soll sie in Filzdecken einschlagen. Zweihundert Blumentöpfe muß ich morgen, Freitag, hier haben.«
Nachdem er immer noch neue und neue Befehle erteilt hatte, wollte er gerade zur Gräfin gehn, um sich zu erholen, als ihm noch etwas Notwendiges einfiel; er kehrte um, rief auch den Ökonomen und den Koch zurück und begann wieder Anweisungen zu geben. Vor der Tür wurden leichte Männerschritte und Sporenklirren vernehmbar, und der hübsche junge Graf trat ein; sein Schnurrbärtchen hatte schon eine schwärzliche Färbung angenommen, er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, und man sah ihm an, daß er sich bei dem ruhigen Leben in Moskau recht erholt hatte und sich wohl befand.
»Ach, mein lieber Junge! Mir ist ganz wirr im Kopf«, sagte der Alte lächelnd, als ob er sich vor seinem Sohn schämte. »Du könntest mir auch ein bißchen helfen. Ich brauche ja noch Sänger. Musiker habe ich. Aber was meinst du, sollten wir nicht auch die Zigeuner herbestellen? Ihr Soldaten liebt ja so etwas.«
»Ich glaube wirklich, Papa, als Fürst Bagration die Vorbereitungen zu dem Kampf bei Schöngrabern traf, hat er sich damit weniger Mühe und Umstände gemacht, als Sie jetzt«, erwiderte der Sohn lächelnd.
Der alte Graf stellte sich erzürnt.
»Ja, du hast gut reden, versuche es nur mal!«
Der Graf wandte sich an den Koch, der mit klugem, respektvollem Gesicht aufmerksam und freundlich auf Vater und Sohn hinblickte.
»Was meinst du zu solchen jungen Leuten, Feoktist?« sagte er. »Die machen sich über uns alte Kerle lustig.«
»Nun ja, Euer Durchlaucht, die jungen Herren möchten immer nur gut essen; aber wie alles beschafft und zubereitet wird, darüber machen sie sich keine Gedanken.«
»So ist es, so ist es!« erwiderte der Graf, faßte den Sohn vergnügt an beiden Armen und rief: »Weißt du was? Du bist mir gerade recht gelegen gekommen! Nimm gleich den zweispännigen Schlitten und fahre zu Besuchow und sage: ›Graf Ilja Andrejewitsch läßt Sie um Erdbeeren und frische Ananas bitten.‹ Die kann man bei niemand anders bekommen. Er selbst ist nicht da; wende ich also an die Prinzessinnen und bestelle es denen. Und von da, weißt du, fahre nach dem Rasguljai-Platz (der Kutscher Ipat weiß da schon Bescheid) und suche dir da den Zigeuner Ilja, weißt du, den, der damals beim Grafen Orlow im weißen Kosakenrock getanzt hat, und bring ihn zu mir her.«
»Soll ich die Zigeunerinnen auch gleich mitbringen?« fragte Nikolai lachend.
»Du, du!« drohte der Vater.
Unterdessen war mit unhörbaren Schritten Anna Michailowna ins Zimmer getreten; in ihrer Miene prägte sich, wie immer, sorgenvolle Geschäftigkeit und zugleich christliche Sanftmut aus. Obwohl Anna Michailowna den Grafen jeden Tag im Schlafrock traf, wurde er in ihrer Gegenwart jedesmal verlegen und bat wegen seines Kostüms um Entschuldigung.
»Aber das schadet ja gar nichts, mein lieber Graf«, sagte sie und schloß zum Ausdruck ihrer sanften Gesinnung die Augen. »Und zu Besuchow werde ich selbst hinfahren«, fügte sie hinzu. »Pierre ist vor kurzem angekommen, und so werden wir denn alles Gewünschte aus seinen Gewächshäusern erhalten. Ich wollte sowieso mit ihm sprechen. Er hat mir einen Brief von Boris übersandt. Gott sei Dank, Boris ist ja jetzt beim Stab.«
Der Graf freute sich, daß Anna Michailowna es übernahm, einen Teil seiner Aufträge zu erledigen, und gab Befehl, daß der kleine Wagen für sie angespannt werden sollte.
»Sagen Sie doch zu Besuchow, er möchte auch zu dem Festessen kommen. Ich werde seinen Namen in die Subskriptionsliste eintragen. Was hat er denn eigentlich mit seiner Frau?« fragte er.
Anna Michailowna hob die Augen zur Zimmerdecke hinauf, und auf ihrem Gesicht malte sich ein tiefer Kummer.
»Ach, mein Freund, er ist sehr unglücklich«, antwortete sie. »Wenn das richtig ist, was ich gehört habe, so ist es schrecklich. Wie hätten wir uns dergleichen damals träumen lassen, als wir uns so über sein Glück freuten! Und dieser junge Besuchow hat ein so edles, himmlisches Gemüt! Ja, ich beklage ihn von ganzer Seele und will versuchen, ihn zu trösten, soweit es in meinen Kräften steht.«
»Aber was ist denn vorgefallen?« fragten beide Rostows, der ältere und der jüngere.
Anna Michailowna stieß einen tiefen Seufzer aus.
»Dolochow, der Sohn von Marja Iwanowna«, sagte sie in geheimnisvollem Flüsterton, »hat sie, wie es heißt, auf das schlimmste kompromittiert. Pierre hatte ihm den Zutritt zu besseren Kreisen ermöglicht und ihn bei sich in seinem Haus in Petersburg wohnen lassen, und da … Sie ist hierhergekommen, und dieser tolle Mensch ist ihr nachgereist.« Anna Michailowna wollte eigentlich ihre Teilnahme für Pierre zum Ausdruck bringen; aber durch den unwillkürlichen Klang der Stimme und durch ihr halbes Lächeln bekundete sie vielmehr eine gewisse Sympathie mit dem tollen Menschen, wie sie Dolochow genannt hatte. »Es heißt, Pierre selbst sei ganz niedergedrückt von seinem Kummer.«
»Na, sagen Sie ihm aber trotzdem, er möchte in den Klub kommen; das wird ihn zerstreuen. Es wird ein grandioses Diner werden.«
Am andern Tag, dem dritten März, um zwei Uhr nachmittags, erwarteten zweihundertundfünfzig Mitglieder des Englischen Klubs und fünfzig Gäste den Ehrengast, den Helden des österreichischen Feldzuges, den Fürsten Bagration, zum Diner. In der ersten Zeit nach dem Eintreffen der Nachricht von der Schlacht bei Austerlitz war ganz Moskau starr vor Staunen gewesen. Die Russen waren damals so daran gewöhnt, zu siegen, daß bei der Kunde von einer Niederlage die einen es einfach nicht glaubten, andere eine Erklärung für ein so seltsames Ereignis in irgendwelchen außerordentlichen Ursachen suchten. Im Englischen Klub, wo sich alles versammelte, was vornehm und angesehen war und zuverlässige Nachrichten besaß, wurde im Dezember, als die Nachrichten einzulaufen anfingen, vom Krieg und der letzten Schlacht überhaupt nicht gesprochen, wie wenn sich alle verabredet hätten, darüber zu schweigen. Diejenigen Männer, deren Ansichten sonst bei den Gesprächen im Klub maßgebend zu sein pflegten, wie Graf Rastoptschin, Fürst Juri Wladimirowitsch Dolgoruki, Walujew, Graf Markow, Fürst Wjasemski, erschienen nicht im Klub, sondern kamen in ihren Häusern, in den engsten Kreisen miteinander zusammen, und die Moskauer, welche gern nachsprachen, was ihnen andere vorgesprochen hatten (zu dieser Menschenklasse gehörte auch Ilja Andrejewitsch Rostow), blieben eine kurze Zeit ohne Führer und ohne bestimmte Meinung über die Kriegsangelegenheiten. Die Moskauer fühlten, daß da etwas nicht seine Richtigkeit hatte, und daß es schwer war, über diese üblen Nachrichten zu einem zutreffenden Urteil zu gelangen, und hielten es daher für das beste, zu schweigen. Aber nach einiger Zeit erschienen, wie die Geschworenen aus dem Beratungszimmer, so auch jene Matadore wieder, die im Klub den Ton angaben, und nun wurde über die Kriegsereignisse mit deutlichen, bestimmten Ausdrücken gesprochen. Die Ursachen jenes unglaublichen, unerhörten, unmöglichen Ereignisses, daß die Russen geschlagen waren, hatte man nunmehr gefunden; jetzt war alles klargeworden, und an allen Ecken und Enden von Moskau wurde die Sache in dem gleichen Sinn erörtert. Diese Ursachen waren: die Verräterei der Österreicher, die schlechte Verpflegung der Truppen, die Verräterei des Polen Przebyszewski und des Franzosen Langeron, die Unfähigkeit Kutusows und (was man nur leise sagte) die Jugend und Unerfahrenheit des Kaisers, welcher schlechten und geringwertigen Personen Gehör gegeben hatte. Aber die Truppen, die russischen Truppen, hatten sich als ganz vortrefflich erwiesen und Wunder der Tapferkeit verrichtet; darüber war nur eine Stimme. Die Soldaten, die Offiziere, die Generale waren Helden. Aber der größte Held unter den Helden war Fürst Bagration, der sich hohen Ruhm erworben hatte durch den Kampf bei Schöngrabern sowie durch den Rückzug von Austerlitz, wo er allein seine Kolonne in Ordnung zurückgeführt und den ganzen Tag hindurch die Angriffe eines doppelt so starken Feindes angewehrt hatte. Zu dem Resultat, daß man sich in Moskau gerade Bagration zum Helden auserkoren hatte, hatte auch der Umstand mitgewirkt, daß er in Moskau keine Verbindungen besaß und hier fremd war. Man erwies in seiner Person dem schlichten russischen Krieger die schuldige Ehre, dem Soldaten, der ohne Konnexionen und Intrigen einen hohen Rang erreicht hatte; und dazu kam noch, daß Bagrations Name durch die Erinnerungen an den italienischen Feldzug mit dem Namen Suworows verknüpft war. Außerdem waren diese Ehrungen Bagrations die beste Form, um die Mißstimmung über Kutusow und die Unzufriedenheit mit seinem Verhalten zum Ausdruck zu bringen.
»Wenn es keinen Bagration gäbe, müßte man ihn erfinden«, sagte der Witzbold Schinschin, ein Wort Voltaires parodierend. Über Kutusow redete niemand; einige schimpften sogar flüsternd auf ihn und nannten ihn einen höfischen Mantelträger und einen alten Satyr.
In ganz Moskau war ein Ausdruck Dolgorukis in Umlauf: »Wer viel leimt, wird schließlich selbst voll Leim«; man tröstete sich eben mit der Erinnerung an die Siege über so viele frühere Gegner darüber, daß man nun auch selbst einmal besiegt worden war. Auch wiederholte man eine Bemerkung Rastoptschins: der französische Soldat müsse durch hochtönende Phrasen zum Kampf angefeuert werden; dem deutschen Soldaten müsse man eine logische Auseinandersetzung vortragen und ihn zu der Überzeugung bringen, daß es gefährlicher sei, davonzulaufen als vorwärtszugehen; aber den russischen Soldaten müsse man immer nur zurückhalten und ihn ermahnen: »Nicht zu hitzig!« Überall hörte man neue und wieder andere neue Erzählungen von besonderen Beweisen von Tapferkeit, die unsere Soldaten und Offiziere bei Austerlitz gegeben hätten. Der eine hatte eine Fahne gerettet; ein anderer fünf Franzosen getötet; ein dritter ganz allein fünf Kanonen geladen. Auch von Berg erzählten Leute, die ihn gar nicht kannten, daß er, an der rechten Hand verwundet, den Degen in die linke genommen habe und weiter vorwärts gegangen sei. Von Bolkonski war nicht die Rede, und nur nahe Bekannte von ihm äußerten ihr Bedauern, daß er, mit Hinterlassung einer schwangeren Frau und eines wunderlichen Kauzes von Vater, so früh habe sterben müssen.
III
Am 3. März herrschte in allen Räumen des Englischen Klubs ein lautes Stimmengetöse, und wie wenn Bienen im Frühling schwärmten, wanderten die Mitglieder und Gäste des Klubs hin und her, saßen, standen, traten zusammen und gingen wieder auseinander, die meisten in Uniform oder im Frack, einzelne auch noch im langschößigen Rock und mit gepudertem Kopf. Gepuderte Livreediener in Schuhen und Strümpfen standen an jeder Tür und achteten mit gespannter Aufmerksamkeit auf jede Bewegung der Gäste und Klubmitglieder, um ihre Dienste anzubieten. Die Mehrzahl der Anwesenden waren ältere, angesehene Herren, mit breiten, selbstzufriedenen Gesichtern, dicken Fingern, sicheren Bewegungen und festen Stimmen. Diejenigen Gäste und Mitglieder, welche zu dieser Gattung gehörten, saßen auf ihren bekannten, gewohnten Plätzen und vereinigten sich zu den bekannten, gewohnten Gruppen. Ein kleiner Teil der Anwesenden bestand aus Gästen, deren Erscheinen nur durch diesen besonderen Anlaß herbeigeführt war; dies waren vorwiegend jüngere Leute, darunter Denisow, Rostow und Dolochow, welcher letztere wieder Offizier im Semjonower Regiment war. Auf den Gesichtern der jüngeren Leute, namentlich der Militärs, lag jener Ausdruck geringschätziger Ehrerbietung gegen die älteren Herren, der zu der älteren Generation gewissermaßen sagt: »Wir sind bereit, euch zu achten und zu respektieren; aber vergeßt nicht, daß die Zukunft uns gehört.«
Auch Neswizki war da, als altes Mitglied des Klubs. Pierre, der auf Verlangen seiner Frau sich das Haar hatte wachsen lassen, keine Brille mehr trug und sich modern kleidete, wandelte mit trüber, niedergeschlagener Miene durch die Säle. Auch hier umgab ihn dieselbe gesellschaftliche Atmosphäre wie überall: die Menschen beugten sich vor seinem Reichtum, und er, schon gewohnt zu herrschen, behandelte sie in zerstreuter, geringschätziger Manier.
Seinen Jahren nach hätte er sich zu den jungen Männern halten müssen; aber aufgrund seines Reichtums und seiner persönlichen Beziehungen gehörte er zu den Kreisen der älteren, vornehmen Herren, und so ging er denn von der einen derartigen Gruppe zur andern. Besonders hochangesehene alte Herren bildeten die Mittelpunkte einzelner Gruppen, und zu solchen Gruppen traten respektvoll auch Unbekannte heran, um jene hervorragenden Persönlichkeiten reden zu hören. Die größten Gruppen hatten sich um den Grafen Rastoptschin, um Walujew und um Naryschkin gebildet. Rastoptschin erzählte, wie die Russen von den fliehenden Österreichern zusammengepreßt worden seien und sich mit dem Bajonett einen Weg durch die Flüchtlinge hätten bahnen müssen.
Walujew teilte vertraulich mit, Uwarow sei aus Petersburg nach Moskau geschickt, um die Meinung der Moskauer über Austerlitz in Erfahrung zu bringen.
In einer dritten Gruppe sprach Naryschkin von einer Sitzung des österreichischen Kriegsrats, in welcher Suworow auf die von den österreichischen Generalen vorgebrachten Dummheiten nur damit geantwortet hätte, daß er wie ein Hahn gekräht habe. Der dabeistehende Schinschin wollte einen Witz daran anknüpfen und bemerkte, Kutusow scheine nicht einmal diese leichte Kunst, wie ein Hahn zu krähen, von Suworow gelernt zu haben; aber die alten Herren blickten den Witzling streng an und gaben ihm damit zu verstehen, daß es an diesem Ort und am heutigen Tag unschicklich sei, in dieser Art über Kutusow zu sprechen.
Graf Ilja Andrejewitsch Rostow kam fortwährend eiligen Ganges und mit geschäftiger Miene in seinen weichen Stiefeln aus dem Speisesaal in den Salon und begrüßte hastig und stets mit der gleichen Redewendung hochgestellte und unbedeutende Persönlichkeiten, die er sämtlich kannte; ab und zu suchte er mit den Augen seinen hübschen, schlanken Sohn, ließ seinen Blick mit stolzer Vaterfreude auf ihm ruhen und nickte ihm zu. Der junge Rostow stand an einem Fenster mit Dolochow zusammen, den er vor kurzem kennengelernt hatte, eine Bekanntschaft, auf die er großen Wert legte. Der alte Graf trat zu ihnen heran und drückte Dolochow die Hand.
»Besuche uns doch einmal in unserm Haus; du bist ja mit meinem Jungen bekannt; ihr seid ja doch zusammen da unten gewesen und habt gemeinsam eure Heldentaten vollführt … Ah, Wasili Ignatjewitsch, guten Tag, lieber Alter …«, redete er einen vorbeigehenden alten Herrn an; aber er kam nicht dazu, seine Begrüßung zu Ende zu sprechen, da in diesem Augenblick alles in Bewegung geriet und ein herbeilaufender Lakai mit erschrockenem Gesicht meldete: »Sie sind gekommen!«
Klingelzeichen ertönten; die Vorstandsmitglieder stürzten nach vorn; die in verschiedenen Zimmern zerstreuten Gäste drängten sich, wie wenn Roggen zusammengeschaufelt wird, in einen Haufen zusammen und nahmen in dem großen Salon bei der Tür des Empfangssaales Aufstellung.
In der Tür, die vom Vorzimmer nach dem Empfangssaal führte, erschien Bagration, ohne Hut und Degen, die er, wie es im Klub Sitte war, beim Portier gelassen hatte. Er hatte jetzt keine Mütze von Lammfell auf dem Kopf und keine Kosakenpeitsche über der Schulter, wie ihn Rostow in der Nacht vor der Schlacht bei Austerlitz gesehen hatte; sondern er trug eine neue, engsitzende Uniform, mit russischen und ausländischen Orden und dem Georgsstern auf der linken Brustseite. Er hatte sich offenbar kurz vor dem Diner das Haar und den Backenbart schneiden lassen, was seine Physiognomie in unvorteilhafter Weise veränderte. Sein Gesicht erinnerte einigermaßen an das Feiertagsgesicht eines Kindes, und das wirkte neben seinen festen, männlichen Zügen sogar ein wenig komisch. Bekleschow und Fjodor Petrowitsch Uwarow, die mit ihm zusammen gekommen waren, blieben in der Tür stehen, um ihn als den vornehmsten Gast vorangehen zu lassen. Bagration wurde verlegen und wollte diese Höflichkeitsbezeigung von seiten der beiden Herren nicht annehmen; so entstand denn in der Tür ein Aufenthalt, schließlich aber ging Bagration doch voran. Verlegen und ungeschickt, namentlich weil er nicht wußte, wo er mit seinen Händen bleiben sollte, schritt er über den Parkettboden des Empfangssaales: geläufiger und leichter wäre es ihm gewesen, beim Kugelregen über einen Sturzacker zu gehen, wie er das bei Schöngrabern an der Spitze des Kursker Regiments getan hatte. Die Vorstandsmitglieder begrüßten ihn an der ersten Tür und sagten zu ihm ein paar Worte über die Freude, einen so werten Gast bei sich zu sehen; ohne dann seine Antwort abzuwarten, bemächtigten sie sich seiner gleichsam, umringten ihn und geleiteten ihn nach dem Salon. Es war aber unmöglich, durch die Tür des Salons hindurchzukommen, da dort Klubmitglieder und Gäste in dichtem Haufen standen, einander quetschten und sich bemühten, einer über die Schulter des andern hinweg Bagration wie ein seltenes wildes Tier zu betrachten. Graf Ilja Andrejewitsch entwickelte von allen Vorstandsmitgliedern die größte Energie; indem er lachend ein Mal über das andere sagte: »Lassen Sie uns durch, mein Lieber, Platz, Platz!«, drängte er die Menge zurück, führte die drei Gäste in den Salon und ließ sie dort auf dem mittleren Sofa Platz nehmen. Die Matadore, d.h. die vornehmsten Klubmitglieder, umringten nun die Neuangekommenen. Graf Ilja Andrejewitsch drängte sich wieder durch den Schwarm hindurch, verließ den Salon und kehrte einen Augenblick darauf, von einem anderen Vorstandsmitglied begleitet, mit einer großen silbernen Schüssel zurück, die er dem Fürsten Bagration präsentierte. Auf der Schüssel lag ein gedrucktes Gedicht, das zu Ehren des Helden verfaßt war. Als Bagration die Schüssel erblickte, sah er sich erschrocken, wie hilfesuchend, nach allen Seiten um. Aber in den Augen aller las er die Forderung, daß er sich fügen solle. In dem Gefühl, daß er in der Gewalt der ihn Umringenden sei, erfaßte er entschlossen mit beiden Händen die Schüssel und blickte den Grafen, der sie ihm hingehalten hatte, zornig und vorwurfsvoll an. Eins der Vorstandsmitglieder nahm ihm dienstfertig die Schüssel wieder aus den Händen (denn es schien, als beabsichtige er, sie so bis zum Abend zu halten und auch so zu Tisch zu gehen) und lenkte seine Aufmerksamkeit auf das Gedicht. »Ja, ja, ich werde es schon noch lesen!« schien Bagration zu sagen; er richtete seine müden Augen auf das Papier und fing mit aufmerksamer, ernster Miene zu lesen an. Aber da nahm der Verfasser selbst das Gedicht in die Hand und begann es zu rezitieren; Fürst Bagration neigte den Kopf und hörte zu.
»Es danket hohen Ruhm dir Alexanders Reich;
Du schirmst den Zaren uns, der einem Titus gleich.
Ein Schreck bist du dem Feind, ein Mann der edlen Tat,
Ein Cäsar in der Schlacht, ein Weiser im Senat.
Es sah, vom Glück berauscht, selbst er, Napoleon,
Voll Staunen, was im Kampf vermag Bagration,
Und wagt nicht mehr den Streit mit Rußlands Heldenschar …«
Aber hier rief, ehe der Dichter noch mit dem Gedicht zu Ende gekommen war, der Haushofmeister mit lauter Stimme: »Es ist angerichtet.« Die Tür öffnete sich; aus dem Speisesaal ertönte schmetternd die Polonäse: »Kündet donnernd Sieg, Kanonen! Juble, tapfres Zarenreich!« Graf Ilja Andrejewitsch warf dem Verfasser, der noch weiterlas, einen zornigen Blick zu und verbeugte sich vor Bagration. In der Überzeugung, daß das Diner wichtiger war als das Gedicht, erhoben sich alle, und Bagration ging wieder den übrigen voran zur gedeckten Tafel hin. Man hatte für ihn den vornehmsten Platz vorgesehen, zwischen zwei Herren, die den Vornamen Alexander führten, Bekleschow und Naryschkin, was als Hindeutung auf den Namen des Kaisers einen besonderen Sinn hatte. Die dreihundert Tischgenossen nahmen an der Tafel ihre Plätze nach Rang und Würden ein, so daß die vornehmeren dem Ehrengast am nächsten saßen. Das machte sich ganz von selbst so, gerade wie das Wasser dahin läuft, wo der Boden tiefer liegt.
Vor dem Essen stellte noch Graf Ilja Andrejewitsch dem Fürsten seinen Sohn vor. Bagration erkannte ihn wieder und sagte zu ihm ein paar ungeschickte, wertlose Worte, wie denn alles, was er an diesem Tag sagte, von dieser selben Art war. Aber Graf Ilja Andrejewitsch blickte, während Bagration mit seinem Sohn redete, alle in der Nähe Befindlichen mit stolzer Freude an.
Nikolai Rostow, Denisow und der neue Bekannte des ersteren, Dolochow, hatten ziemlich in der Mitte der Tafel zusammen Platz genommen; ihnen gegenüber saß Pierre neben dem Fürsten Neswizki. Graf Ilja Andrejewitsch saß mit den anderen Vorstandsmitgliedern dem Fürsten Bagration gegenüber und sorgte für dessen leibliches Wohl, indem er in seiner Person die treuherzige Moskauer Gastlichkeit verkörperte.
Die große Mühe, die er sich vorher gegeben hatte, war nicht vergeblich gewesen. Seine beiden Diners (denn es gab eins von Fastenspeisen und eins mit Fleischgerichten) waren großartig; aber völlig beruhigt konnte er bis zum Ende der Mahlzeit doch nicht sein. Er winkte dem Kellermeister zu, erteilte flüsternd den Lakaien Weisungen und erwartete ein jedes der ihm wohlbekannten Gerichte in starker Aufregung. Alles war vorzüglich. Beim zweiten Gang, den riesigen Sterlets (als Ilja Andrejewitsch sie sah, wurde er ganz rot; so freute und genierte er sich), begannen die Lakaien bereits die Pfropfen knallen zu lassen und Champagner einzugießen. Nach dem Fisch, der eine gewisse Sensation gemacht hatte, wechselte Graf Ilja Andrejewitsch mit den andern Vorstandsmitgliedern einen Blick. »Es wird viele Toaste geben; es ist Zeit, daß wir anfangen«, flüsterte er, nahm sein Glas in die Hand und stand auf. Alle schwiegen und warteten auf das, was er sagen würde.
»Auf die Gesundheit Seiner Majestät des Kaisers!« rief er, und in demselben Augenblick füllten sich seine guten Augen mit Tränen der Freude und der Begeisterung. Gleichzeitig setzte das Orchester ein: »Kündet donnernd Sieg, Kanonen!« Alle erhoben sich von ihren Plätzen und schrien: »Hurra!« Auch Bagration rief: »Hurra!« mit demselben Ton, mit dem er es auf dem Schlachtfeld von Schöngrabern gerufen hatte. Die begeisterte Stimme des jungen Rostow war durch alle dreihundert Stimmen hindurchzuhören. Er war dem Weinen nahe. »Auf die Gesundheit Seiner Majestät des Kaisers«, schrie er, »hurra!« Nachdem er sein Glas mit einem Zug geleert hatte, warf er es auf den Boden. Viele folgten seinem Beispiel. Das laute Rufen dauerte eine ganze Weile fort. Als es endlich aufhörte, beseitigten die Diener die Glasscherben, und alle nahmen wieder Platz und setzten, über ihr Schreien lächelnd, ihre Gespräche fort. Graf Ilja Andrejewitsch erhob sich von neuem, warf einen Blick auf den Merkzettel, der neben seinem Teller lag, und brachte einen Toast aus auf den Helden unseres letzten Feldzuges, den Fürsten Pjotr Iwanowitsch Bagration, und wieder wurden die blauen Augen des Grafen feucht von Tränen. »Hurra!« riefen wieder die Stimmen der dreihundert Tischgenossen, und statt des Orchesters ließen sich jetzt die Sänger vernehmen, die eine von Pawel Iwanowitsch Kutusow komponierte Kantate vortrugen:
»An Rußlands Kraft und Mut
Zerschellt des ungestümen Feindes Wut;
Uns führt auf blut’gem Feld
Zum Sieg Bagration, der werte Held«, usw.
Kaum waren die Sänger fertig, als wieder neue und immer neue Toaste folgten, bei denen Graf Ilja Andrejewitsch immer mehr in die Rührung hineingeriet, und noch mehr Gläser zerschlagen wurden und noch lauter geschrien wurde. Man trank auf das Wohl Bekleschows, Naryschkins, Uwarows, Dolgorukis, Apraxins, Walujews, auf das Wohl des Vorstandes, auf das Wohl des geschäftsführenden Direktors, auf das Wohl aller Klubmitglieder, auf das Wohl aller Gäste des Klubs und endlich speziell auf das Wohl des Arrangeurs dieses Diners, des Grafen Ilja Andrejewitsch. Bei diesem letzten Toast zog der Graf sein Taschentuch heraus, verbarg darin sein Gesicht und weinte heftig.
IV
Pierre saß Dolochow und Nikolai Rostow gegenüber. Wie immer aß er viel und hastig und trank viel. Aber diejenigen, die ihn genauer kannten, sahen, daß an diesem Tag eine große Veränderung mit ihm vorgegangen war. Während des ganzen Diners verhielt er sich schweigsam und ließ entweder, die Augen zusammenkneifend und die Stirn runzelnd, seine Augen rings umherschweifen, oder er blickte mit einer Miene vollständiger Zerstreutheit starr auf einen Punkt und fingerte an seiner Nase umher. Sein Gesicht hatte einen trüben, finsteren Ausdruck. Er schien von dem, was um ihn herum vorging, nichts zu sehen und zu hören und nur über eine einzige, schwere, ja, unlösbare Frage nachzudenken.
Vor diese unlösbare, ihn peinigende Frage war er durch Andeutungen gestellt worden, die ihm die älteste der drei in Moskau wohnenden Prinzessinnen über nahe Beziehungen zwischen seiner Frau und Dolochow gemacht hatte, sowie durch einen anonymen Brief, den er heute vormittag erhalten hatte, und in welchem mit jener gemeinen Witzelei, wie sie eine Eigenheit aller anonymen Briefe ist, gesagt war, er könne doch durch seine Brille recht schlecht sehen, und das Verhältnis zwischen seiner Frau und Dolochow sei nur für ihn allein noch ein Geheimnis. Pierre hatte weder den Andeutungen der Prinzessin noch diesem Brief Glauben geschenkt; aber es war ihm furchtbar, jetzt Dolochow anzusehen, der ihm gegenübersaß. Jedesmal, wenn sein Blick unerwartet den schönen, frechen Augen Dolochows begegnete, hatte Pierre die Empfindung, daß ein garstiger, entsetzlicher Verdacht in seiner Seele rege werde, und wandte sich schnell weg. Indem er sich unwillkürlich an das ganze frühere Verhalten seiner Frau und an ihr Benehmen gegen Dolochow erinnerte, sah Pierre klar, daß das, was in dem Brief gesagt war, wahr sein oder wenigstens wahr scheinen könnte, wenn es sich auf eine andere Frau als gerade die seinige bezöge. Unwillkürlich mußte Pierre daran denken, wie Dolochow, den man nach dem Feldzug dienstlich wieder völlig rehabilitiert hatte, nach Petersburg zurückgekehrt und zu ihm gekommen war. Die freundschaftlichen Beziehungen ausnutzend, in die ihn ehemals die gemeinschaftlichen Zechgelage zu Pierre gebracht hatten, war Dolochow geradezu zu ihm ins Haus gekommen, und Pierre hatte ihn bei sich wohnen lassen und ihm Geld geborgt. Pierre erinnerte sich, wie Helene lächelnd ihr Mißvergnügen darüber ausgesprochen hatte, daß Dolochow bei ihnen im Haus wohnte, und in welcher ungenierten Weise Dolochow ihm gegenüber die Schönheit seiner Frau gepriesen und wie dieser Mensch seit jener Zeit bis zur Ankunft in Moskau sie beide auch nicht für einen Augenblick verlassen hatte.
»Ja, er ist sehr schön«, dachte Pierre. »Ich kenne ihn. Meinen Namen zu entehren und mich auszulachen, würde für ihn gerade deswegen einen besonderen Reiz haben, weil ich mich für ihn bemüht, ihn aufgenommen, ihm geholfen habe. Ich kenne ihn; ich weiß, welch einen pikanten Geschmack dies nach seiner Empfindung seinem Betrug geben müßte – wenn die Sache wahr wäre. Ja, wenn die Sache wahr wäre; aber ich glaube es nicht; ich habe kein Recht, es zu glauben, und kann es nicht glauben.« Er erinnerte sich an den Ausdruck, den Dolochows Gesicht annahm, wenn er manchmal einen Anfall von Grausamkeit bekam, wie damals, als er den Reviervorsteher mit dem Bären zusammengebunden und ins Wasser geworfen hatte, oder wenn er ohne jede Ursache jemand zum Duell herausforderte, oder wenn er mit seiner Pistole das Pferd eines Fuhrmanns totschoß. Dieser selbe Ausdruck lag oft auf Dolochows Gesicht, wenn er ihn, Pierre, anblickte. »Ja, er ist ein Raufbold«, dachte Pierre; »ihm macht es gar nichts aus, einen Menschen zu töten; er muß wohl meinen, daß sich alle vor ihm fürchten, und das muß ihm wohl angenehm sein. Er muß wohl denken, daß auch ich mich vor ihm fürchte. Und ich fürchte mich auch wirklich vor ihm«, dachte Pierre und merkte bei diesen Gedanken wieder, daß ein entsetzlicher, garstiger Verdacht in seiner Seele rege wurde.
Jetzt saßen nun Dolochow, Denisow und Rostow ihm gegenüber und schienen sehr lustig zu sein. Rostow unterhielt sich vergnügt mit seinen beiden Freunden, von denen der eine ein tüchtiger Husar, der andere ein bekannter Raufbold und Taugenichts war, und warf mitunter einen spöttischen Blick zu Pierre hin, der bei diesem Diner durch sein in sich gekehrtes, zerstreutes Wesen und durch seine massige Gestalt auffiel. Rostow war gegen Pierre etwas gereizt, erstens, weil ihm nach seiner husarenmäßigen Anschauungsweise dieser als reicher Zivilist und als Ehemann einer schönen Frau überhaupt unsympathisch war, und zweitens, weil Pierre bei seiner Versunkenheit und Zerstreutheit ihn nicht erkannt und seine Verbeugung nicht erwidert hatte. Als auf die Gesundheit des Kaisers getrunken wurde, stand Pierre, mit seinen Gedanken beschäftigt, nicht mit auf und griff nicht nach seinem Glas.
»Aber was machen Sie denn?« rief ihm Rostow zu, indem er ihn mit begeisterten und zugleich zornigen Augen anblickte. »Hören Sie denn nicht: ›Auf die Gesundheit Seiner Majestät des Kaisers!‹«
Pierre erhob sich gehorsam mit einem Seufzer und trank sein Glas aus; dann wartete er, bis sich alle wieder setzten, und wandte sich mit seinem gutmütigen Lächeln zu Rostow.
»Ich hatte Sie gar nicht erkannt«, sagte er. Aber Rostow hatte jetzt dafür keinen Sinn; er schrie: »Hurra!«
»Warum erneuerst du denn die Bekanntschaft nicht?« fragte Dolochow Rostow.
»Ach, hol ihn der Henker! Er ist ein dummer Kerl!« erwiderte Rostow.
»Gegen die Ehemänner schöner Frauen muß man sehr liebenswürdig sein«, meinte Denisow.
Pierre hörte nicht, was sie redeten, merkte aber, daß sie von ihm sprachen. Er wandte sich errötend ab.
»Nun, jetzt auf das Wohl der schönen Frauen«, sagte Dolochow und wandte sich, das Glas in der Hand, mit ernster Miene, aber mit einem Lächeln in den Mundwinkeln, an Pierre. »Auf das Wohl der schönen Frauen, mein lieber Pierre, und ihrer Liebhaber.«
Mit niedergeschlagenen Augen trank Pierre aus seinem Glas, ohne Dolochow anzusehen und ohne ihm zu antworten. Ein Lakai, welcher die Kutusowsche Kantate verteilte, legte auch Pierre, als einem der vornehmsten Gäste, ein Exemplar hin. Pierre wollte es nehmen; aber Dolochow bog sich herüber, zog ihm das Blatt aus der Hand und machte sich daran, es zu lesen. Pierre blickte ihn an, seine Pupillen schienen in das Innere der Augen hineinzusinken: der entsetzliche, garstige Verdacht, der ihn während des ganzen Diners gepeinigt hatte, stieg wieder in ihm auf und gewann über ihn die Herrschaft. Er bog sich mit seinem ganzen dicken Körper über den Tisch hinüber.
»Wie können Sie sich erdreisten, es mir wegzunehmen!« schrie er.
Als Neswizki und Pierres Nachbar zur Rechten diese herausgeschrienen Worte hörten und sahen, auf wen sie sich bezogen, wandten sie sich eilig mit erschrockenen Gesichtern zu Pierre.
»Still doch! Still! Was haben Sie denn?« flüsterten sie ihm bestürzt zu.
Dolochow betrachtete den ihm gegenübersitzenden Pierre mit seinen hellen, vergnügten, grausamen Augen und lächelte dabei, als ob er sagen wollte: »Ja, so, so habe ich es gern.«
»Ich gebe es nicht zurück«, erwiderte er klar und deutlich.
Blaß, mit zitternden Lippen, riß ihm Pierre das Blatt weg.
»Sie … Sie … sind ein Nichtswürdiger …! Ich fordere Sie!« stieß er heraus, schob seinen Stuhl zurück und verließ die Tafel.
In demselben Augenblick, als Pierre dies tat und diese Worte sagte, fühlte er, daß die Frage, die ihn in diesen letzten vierundzwanzig Stunden gequält hatte, die Frage, ob seine Frau schuldig sei, endgültig und zweifellos im bejahenden Sinn entschieden war. Er haßte seine Frau und war für immer von ihr geschieden.
Trotz Denisows Rat, sich in diese Angelegenheit nicht hineinzumischen, erklärte sich Rostow bereit, Dolochows Sekundant zu sein, und besprach nach Tisch mit Neswizki, der Besuchows Sekundant war, die Bedingungen des Duells. Pierre war sogleich nach Hause gefahren; Rostow, Dolochow und Denisow dagegen blieben bis zum späten Abend im Klub sitzen und hörten die Zigeuner und die Sänger an.
»Also auf Wiedersehen morgen im Sokolniki-Wald«, sagte Dolochow, als er von Rostow vor dem Portal des Klubs Abschied nahm.
»Und du bist wirklich ganz ruhig?« fragte Rostow.
Dolochow blieb stehen.
»Ja, siehst du, ich will dir mit wenigen Worten das ganze Geheimnis enthüllen, das es beim Duell gibt. Wenn du ein Duell vorhast, und du machst vorher dein Testament und schreibst zärtliche Briefe an deine Eltern und denkst daran, daß du möglicherweise getötet wirst: dann bist du ein Dummkopf und aller Wahrscheinlichkeit nach verloren. Wenn du dagegen mit dem festen Vorsatz hingehst, den Gegner möglichst schnell und möglichst sicher zu töten, dann ist alles in guter Ordnung. Es ist gerade wie bei der Bärenjagd; da pflegte mir unser Bärenjäger in Kostroma zu sagen: ›Natürlich hat man allen Anlaß, sich vor einem Bären zu fürchten; aber sowie man einen sieht, ist auch die Furcht verschwunden, und die einzige Sorge ist dann, daß er nur nicht auskommt!‹ Na, geradeso geht es auch mir. Auf morgen, mein Lieber!«
Am andern Tag um acht Uhr morgens kamen Pierre und Neswizki nach dem Sokolniki-Wald und fanden dort schon Dolochow, Denisow und Rostow vor. Pierres Miene sah so aus, als wäre er mit irgendwelchen Überlegungen beschäftigt, die mit dem bevorstehenden Kampf gar nichts zu tun hätten. Sein eingefallenes Gesicht hatte eine gelbliche Farbe; er hatte in dieser Nacht offenbar nicht geschlafen. Zerstreut blickte er um sich und runzelte die Stirn, wie man es sonst wohl bei grellem Sonnenlicht tut. Zwei Gedanken beschäftigten ihn ausschließlich: daß seine Frau sich schuldig gemacht habe, woran ihm nach der schlaflosen Nacht nicht der geringste Zweifel mehr geblieben war, und daß Dolochow eigentlich schuldlos sei, da er ja keinerlei Anlaß gehabt habe, die Ehre eines ihm fremden Mannes zu schonen. »Vielleicht hätte ich an seiner Stelle dasselbe getan«, dachte Pierre. »Es ist sogar höchstwahrscheinlich, daß ich dasselbe getan hätte. Wozu also dieses Duell, dieser Mord? Entweder treffe ich ihn oder er mich in den Kopf, in den Ellenbogen, in das Knie. Ich möchte mich am liebsten davonmachen, weglaufen, mich irgendwo verbergen«, fuhr es ihm durch den Kopf. Aber gerade in dem Augenblick, wo ihm diese Gedanken kamen, fragte er mit einer besonders ruhigen, zerstreuten Miene, die den Anwesenden Respekt abnötigte: »Ist’s bald so weit? Alles fertig?«
Nun war alles fertig; die Säbel, welche die Barriere bezeichneten, bis zu der die Gegner avancieren sollten, waren in den Schnee gesteckt, die Pistolen geladen. Da trat Neswizki zu Pierre heran.
»Ich würde gegen meine Pflicht verstoßen, Graf«, sagte er in schüchternem Ton, »und mich des Vertrauens und der Ehre nicht würdig zeigen, die Sie mir durch die Erwählung zu Ihrem Sekundanten erwiesen haben, wenn ich Ihnen in diesem bedeutsamen, hochbedeutsamen Augenblick nicht die volle Wahrheit sagte. Ich bin der Ansicht, daß für dieses Duell kein hinreichender Grund vorhanden ist, und daß durch das, was vorgefallen ist, kein Blutvergießen gerechtfertigt wird … Sie hatten unrecht, oder doch nicht durchaus recht; Sie sind heftig geworden …«
»Ach ja, ich habe mich furchtbar dumm benommen«, sagte Pierre.
»Nun, dann erlauben Sie mir, unseren Gegnern Ihr Bedauern auszusprechen«, fuhr Neswizki fort, der, wie die übrigen Teilnehmer an diesem Rekontre (und wie überhaupt alle, die an solchen Affären beteiligt sind), noch nicht glaubte, daß es wirklich zum Zweikampf kommen werde, »und ich bin überzeugt, daß sie sich werden bereitfinden lassen, Ihre Entschuldigung anzunehmen. Sie wissen, Graf, daß es weit edler ist, einen begangenen Fehler einzugestehen, als die Sache bis zu Folgen zu treiben, die nicht wiedergutzumachen sind. Gestatten Sie mir, mit den Gegnern zu reden …«
»Nein, was ist da erst noch zu reden!« unterbrach ihn Pierre. »Es ist mir auch so ganz recht … Ist also alles bereit?« fuhr er fort. »Sagen Sie mir nur, wohin ich gehen und wie ich schießen soll«, fügte er mit einem unnatürlich erscheinenden, sanften Lächeln hinzu.
Er nahm die Pistole in die Hand und erkundigte sich, wie er sie abzudrücken habe, da er bisher noch nie eine Pistole in der Hand gehabt hatte, was er sich schämte einzugestehen.
»Ach ja, ganz richtig, ich weiß schon, ich hatte es nur vergessen«, sagte er.
»Von Entschuldigung kann nicht die Rede sein, absolut nicht!« erwiderte Dolochow auf eine Äußerung Denisows, der auch seinerseits einen Versöhnungsversuch unternahm, und begab sich gleichfalls zu dem für das Duell ausgewählten Platz.
Dieser Platz lag etwa achtzig Schritte seitwärts von dem Weg, auf dem sie die Schlitten hatten stehenlassen. Es war eine kleine Lichtung im Fichtenwald, mit Schnee bedeckt, der infolge der warmen Temperatur der letzten Tage taute. Die Gegner standen ungefähr vierzig Schritte voneinander entfernt an den Rändern der Lichtung. Die Sekundanten zählten die Schritte ab und stellten durch ihre Fußspuren, die sich in dem tiefen, weichen Schnee stark ausprägten, kleine Steige her von den Orten, wo die Gegner standen, bis zu Neswizkis und Denisows in den Schnee gesteckten Säbeln, welche die Barriere darstellten und zehn Schritte voneinander entfernt waren. Das Tauwetter und der Nebel der letzten Tage dauerten auch heute noch fort; auf vierzig Schritte war nichts zu sehen. Seit drei Minuten war schon alles bereit; aber dennoch zögerte man noch anzufangen; alle schwiegen.
V
»Na, dann wollen wir anfangen«, sagte Dolochow.
»Gut!« erwiderte Pierre, auf dessen Gesicht immer noch dasselbe Lächeln lag.
Der furchtbare Ernst kam jetzt allen zum Bewußtsein. Es war offenbar, daß die so leichthin begonnene Sache jetzt durch nichts mehr aufgehalten werden konnte, sondern bereits, unabhängig von menschlichem Willen, von selbst ihren Lauf nahm und nun durchgeführt werden mußte. Zunächst trat Denisow bis an die Barriere vor und rief:
»Da die Gegner eine Versöhnung abgelehnt haben, so ist es jetzt wohl gefällig, anzufangen. Wollen Sie die Pistolen nehmen und bei dem Wort ›Drei‹ zu avancieren beginnen.«
»Eins! Zwei! Drei!« schrie Denisow grimmig und trat zur Seite.
Die beiden Gegner kamen sich auf den von den Sekundanten getretenen Wegen immer näher und näher und erkannten nun einander in dem Nebel. Sie hatten das Recht, während des Avancierens bis zur Barriere zu schießen, wann ein jeder wollte. Dolochow ging langsam, ohne die Pistole zu erheben, und blickte mit seinen hellen, blitzenden, blauen Augen seinem Gegner ins Gesicht. Sein Mund machte, wie immer, den Eindruck, als lächle er.
Bei dem Wort »Drei« ging Pierre mit schnellen Schritten vorwärts, irrte aber von dem zurechtgetretenen Weg ab und schritt durch den unberührten Schnee. Er hielt die Pistole in der vorgestreckten rechten Hand; es sah aus, als fürchte er, sich mit dieser Pistole selbst zu verletzen. Den linken Arm hielt er geflissentlich nach hinten, weil er sich unwillkürlich versucht fühlte, den rechten Arm mit ihm zu stützen, und wußte, daß das nicht zulässig war. Als er sechs Schritte zurückgelegt und sich von dem Weg in den Schnee verirrt hatte, blickte er zuerst nach seinen Füßen und dann schnell nach Dolochow hin, zog den Finger heran, wie es ihm gezeigt war, und schoß. Da Pierre einen so starken Knall nicht erwartet hatte, fuhr er bei seinem eigenen Schuß zusammen; darauf lächelte er über seine Schreckhaftigkeit und blieb stehen. Der Rauch, der infolge des Nebels besonders dicht war, hinderte ihn im ersten Augenblick, etwas zu sehen; aber der von ihm erwartete Schuß des Gegners erfolgte nicht. Er hörte nur Dolochows eilige Schritte, und aus dem Rauch wurde dessen Gestalt sichtbar. Die eine Hand hielt er gegen seine linke Seite, die andere ließ er herunterhängen und preßte sie fest um die Pistole. Sein Gesicht war blaß. Rostow lief zu ihm hin und sagte etwas zu ihm.
»Nei-ein!« stieß Dolochow zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. »Nein, es ist nicht zu Ende!« Er machte schwankend und strauchelnd noch einige Schritte bis dicht an den Säbel und fiel dann neben ihm in den Schnee. Seine linke Hand war voll Blut; er wischte es an seinem Rock ab und stützte sich auf sie. Sein Gesicht war blaß und finster und zuckte.
»Kom …«, begann Dolochow, war aber nicht imstande, was er sagen wollte, mit einemmal herauszubringen. »Kommen Sie!« sagte er dann mit Anstrengung.
Pierre, der kaum das Schluchzen zurückhielt, lief auf Dolochow zu und wollte schon den Zwischenraum durchschreiten, der die Barrieren trennte, als Dolochow schrie: »An die Barriere!« Pierre, der nun verstand, was jener gemeint hatte, blieb an dem Säbel stehen, der seine Barriere bildete. Beide waren nur zehn Schritte voneinander entfernt. Dolochow bückte sich mit dem Kopf zum Schnee hinunter, biß gierig in den Schnee hinein, hob den Kopf wieder in die Höhe, rückte sich zurecht, zog die Beine heran, suchte den Schwerpunkt seines Körpers zu stützen und kam so zum Sitzen. Er nahm von dem kalten Schnee in den Mund und sog daran; seine Lippen zitterten, lächelten aber trotzdem; seine Augen blitzten bei der ingrimmigen Anstrengung, mit der er seine letzten Kräfte sammelte. Er hob die Pistole und begann zu zielen.
»Drehen Sie sich seitwärts! Decken Sie sich mit der Pistole!« sagte Neswizki.
»Decken Sie sich!« rief sogar Denisow, der sich nicht halten konnte, seinem Gegner zu.
Pierre stand mit einem sanften Lächeln des Mitleids und der Reue da; hilflos die Arme ausbreitend und die Beine auseinanderspreizend, bot er seine breite Brust Dolochow offen dar und sah ihn traurig an. Denisow, Rostow und Neswizki schlossen unwillkürlich die Augen. Sie hörten gleichzeitig den Schuß und einen zornigen Schrei Dolochows.
»Gefehlt!« schrie Dolochow und sank kraftlos auf den Schnee nieder, mit dem Gesicht nach unten.
Pierre griff sich an den Kopf, wandte sich um und eilte in den Wald; er ging durch den tiefen Schnee und redete unzusammenhängende Worte laut vor sich hin:
»Dumm … dumm! Der Tod … alles Lüge …«, sagte er mit gerunzelter Stirn einmal über das andere.
Neswizki hielt ihn an und brachte ihn nach Hause.
Rostow und Denisow transportierten den verwundeten Dolochow im Schlitten zurück.
Dolochow lag schweigend, mit geschlossenen Augen, im Schlitten und antwortete nicht auf die an ihn gerichteten Fragen. Aber als sie in die Stadt einfuhren, kam er plötzlich zu sich, hob mit Mühe den Kopf in die Höhe und ergriff den neben ihm sitzenden Rostow bei der Hand. Rostow war überrascht durch Dolochows vollständig veränderten, jetzt zärtlichen, schwärmerischen Gesichtsausdruck.
»Nun, wie ist’s? Wie fühlst du dich?« fragte Rostow.
»Schlecht! Aber das ist Nebensache, mein Freund«, antwortete Dolochow mit stockender Stimme. »Wo sind wir? Ich weiß schon, in Moskau. An mir ist nichts gelegen; aber ihr wird das den Tod geben; ich habe sie gemordet … Sie wird das nicht überstehen. Nein, das übersteht sie nicht.«
»Wer denn?« fragte Rostow.
»Meine Mutter. Meine Mutter, mein guter Engel, meine angebetete Mutter!« Dolochow brach in Tränen aus und drückte Rostow die Hand.
Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, teilte er seinen Begleitern mit, daß er bei seiner Mutter wohne, und daß, wenn seine Mutter ihn jetzt in diesem Zustand erblicke, das ihr Tod sein werde. Er bat Rostow flehentlich, zu ihr zu fahren und sie vorzubereiten.
Rostow fuhr voraus, führte den Auftrag aus und ersah zu seiner größten Verwunderung, daß Dolochow, dieser Frechling und Raufbold Dolochow, in Moskau mit seiner alten Mutter und einer verwachsenen Schwester zusammenlebte und der zärtlichste Sohn und Bruder war.
VI
Pierre war in der letzten Zeit nur selten mit seiner Frau unter vier Augen zusammengewesen. Sowohl in Petersburg als auch in Moskau hatten sie ihr Haus beständig voller Gäste gehabt. In der Nacht nach dem Tag des Duells ging er, wie er das häufig tat, nicht in das Schlafzimmer, sondern blieb in seinem, einst von seinem Vater benutzten, gewaltig großen Arbeitszimmer, demselben Zimmer, in welchem Graf Besuchow gestorben war.
Er legte sich auf das Sofa und wollte einschlafen, um alles Erlebte zu vergessen; aber er konnte keinen Schlaf finden. Es erhob sich auf einmal ein solcher Sturm von Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen in seiner Seele, daß er nicht einschlafen, ja nicht einmal stilliegen konnte und vom Sofa aufspringen und mit schnellen Schritten im Zimmer hin und her gehen mußte. Da glaubte er sie vor sich zu sehen, wie er sie in der ersten Zeit nach der Hochzeit gekannt hatte, mit nackten Schultern und müdem, sinnlichem Blick, und sofort trat neben ihr vor sein geistiges Auge das schöne, freche, energische, spöttische Gesicht Dolochows, wie es bei dem Diner gewesen war, und dann das Gesicht desselben Dolochow, blaß, zitternd und schmerzverzerrt, so wie es ausgesehen hatte, als er sich umdrehte und in den Schnee niedersank.
»Was ist denn eigentlich geschehen?« fragte er sich selbst. »Ich habe den Geliebten, ja, den Geliebten meiner Frau niedergeschossen. Ja, das ist geschehen. Aber wie ist das zugegangen? Wie bin ich so weit gekommen?«
»Das kommt daher, daß du sie geheiratet hast«, antwortete eine Stimme in seinem Innern.
»Aber inwiefern trifft mich dabei eine Schuld?« fragte er. – »Weil du sie geheiratet hast, ohne sie zu lieben, und weil du dich und sie betrogen hast.« Und nun vergegenwärtigte er sich lebhaft jenen Augenblick nach dem Souper beim Fürsten Wasili, als er die Worte gesprochen hatte, die zuerst gar nicht aus seinem Mund hatten herauskommen wollen: »Ich liebe Sie.« Davon war alles hergekommen. »Ich fühlte schon damals«, dachte er, »ich fühlte schon damals, daß das falsch war, und daß ich kein Recht hatte, so zu sprechen. Und das hat der Ausgang bestätigt.«
Er erinnerte sich an seine Flitterwochen und errötete bei dieser Erinnerung. Besonders lebendig und für ihn schmerzlich und beschämend war die Erinnerung daran, wie er einmal bald nach seiner Hochzeit gegen elf Uhr vormittags im seidenen Schlafrock aus dem Schlafzimmer in sein Arbeitszimmer gekommen war und dort den Oberadministrator vorgefunden hatte, der sich ehrerbietig verbeugt und nach einem Blick auf Pierres Gesicht und auf seinen Schlafrock leise gelächelt hatte, als ob er durch dieses Lächeln seine respektvolle Teilnahme für das Glück seines Chefs zum Ausdruck bringen wollte.
»Und wie oft bin ich auf sie stolz gewesen, bin stolz gewesen auf ihre majestätische Schönheit und auf ihr gesellschaftliches Taktgefühl«, dachte er. »Ich bin stolz darauf gewesen, daß sie ganz Petersburg in meinem Haus empfing, bin stolz gewesen auf ihre Unnahbarkeit und auf ihre Schönheit. Und nun, da sehe ich nun, worauf ich stolz gewesen bin! Ich dachte damals, ich verstände sie nicht. Wie oft, wenn ich mich in ihr Wesen hineinzuversetzen suchte, sagte ich mir, es liege an mir, wenn ich sie und diese stete Ruhe, dieses Befriedigtsein, dieses Fehlen aller besonderen Neigungen und Wünsche nicht verstände; und nun findet das ganze Rätsel seine Lösung durch das furchtbare Wort, daß sie ein sittenloses Weib ist. Jetzt, nachdem ich mir dieses furchtbare Wort gesagt habe, ist alles klargeworden.
Ich besinne mich, wie Anatol einmal zu ihr kam, um Geld von ihr zu borgen, und sie auf die nackten Schultern küßte. Sie gab ihm kein Geld; aber küssen ließ sie sich. Ein andermal versuchte ihr Vater im Scherz, sie eifersüchtig zu machen; aber sie antwortete mit ruhigem Lächeln, sie sei nicht so dumm, eifersüchtig zu sein; ›mag er tun, was er will‹, sagte sie in bezug auf mich. Eines Tages fragte ich sie, ob sie keine Anzeichen von Schwangerschaft fühlte. Sie lachte geringschätzig und erwiderte, sie sei nicht so töricht, sich Kinder zu wünschen, und von mir würde sie nie welche haben.«
Dann erinnerte er sich an die unverhüllte Roheit ihrer Denkungsart und an die Gemeinheit der Ausdrucksweise, die ihr trotz ihrer Erziehung in einer hocharistokratischen Umgebung eigen war. »So ein Schaf bin ich nicht«, »kannst dir ja selbst das Maul dran verbrennen«, »mach, daß du rauskommst!« Das waren ihr geläufige Wendungen. Oft, wenn er sah, welches Wohlgefallen sie bei alten und jungen Männern und Frauen erregte, hatte Pierre gar nicht begreifen können, warum er sie denn nicht liebte. »Ich habe sie nie geliebt«, sagte er sich jetzt. »Ich habe es gewußt, daß sie ein sittenloses Weib ist«, wiederholte er mehrmals im tiefsten Innern, »aber ich wagte nicht, es mir wirklich einzugestehen.«
»Und jetzt dieser Dolochow! Da sitzt er nun im Schnee und zwingt sich zu lächeln und wird vielleicht sterben, indem er meiner Reue gegenüber eine Art von Mannhaftigkeit erheuchelt!«
Pierre war einer von den Menschen, die, trotz ihrer Charakterschwäche in vielem Äußerlichen, sich keinen Vertrauten für ihren Gram suchen. Er verarbeitete das, was ihn bedrückte, allein für sich.
»Sie ist schuldig, ja, sie ist schuldig«, sagte er zu sich. »Aber was hat diese Feststellung für einen Wert? Bin ich frei von Schuld? Warum habe ich mich mit ihr verbunden? Warum habe ich dieses ›Ich liebe Sie‹ zu ihr gesagt, das eine Lüge war, ja, noch etwas Schlimmeres als eine Lüge? Ich bin schuldig und muß die Folgen tragen … Was muß ich denn tragen? Die Schande meines Namens, das Unglück meines Lebens? Ach, das ist alles nur dummes Zeug«, dachte er. »Schande des Namens und Ehre, das sind nur bedingte Begriffe; das hat mit meinem wahren Sein nichts zu tun.«
»Ludwig der Sechzehnte«, fiel ihm ein, »ist hingerichtet worden, weil seine Richter sagten, er sei ein Ehrloser und Verbrecher, und von ihrem Gesichtspunkt aus hatten sie recht, ebenso wie diejenigen recht hatten, die für ihn den Märtyrertod starben und ihn zu den Heiligen zählten. Nachher hat man Robespierre hingerichtet, weil er angeblich ein Despot war. Wer hatte recht? Wer war schuldig? Niemand. Aber solange man am Leben ist, soll man leben; denn morgen ist man vielleicht schon tot, wie ja auch ich vor wenigen Stunden leicht hätte getötet werden können. Und ist es der Mühe wert, sich über ein unglückliches Leben zu grämen, wenn die Lebenszeit, die einem noch übrig ist, im Vergleich mit der Ewigkeit nicht mehr als eine Sekunde beträgt?«
Aber gerade als er meinte, sich durch Erwägungen dieser Art beruhigt zu haben, trat ihm auf einmal wieder ihr Bild vor die Seele, und zwar wie sie in den Augenblicken gewesen war, als er ihr in der allerstärksten Weise seine (unwahre!) Liebe zum Ausdruck gebracht hatte, und er fühlte, wie ihm das Blut zum Herzen stürzte, und mußte wieder aufstehen und sich Bewegung machen und alle Gegenstände, die ihm in die Hände kamen, zerbrechen und zerreißen. »Warum habe ich zu ihr gesagt: ›Ich liebe Sie‹?« wiederholte er immer wieder in seinem Selbstgespräch. Und nachdem er diese Frage wohl zehnmal wiederholt hatte, fiel ihm eine Stelle aus Molière ein: mais que diable allait-il faire dans cette galère?, und er mußte über sich selbst lachen.
Noch in der Nacht rief er seinen Kammerdiener und befahl ihm zu packen, da er nach Petersburg fahren wolle. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er in Zukunft mit ihr reden sollte. Er beschloß, morgen wegzureisen und ihr einen Brief zu hinterlassen, in dem er ihr seine Absicht, sich für immer von ihr zu trennen, mitteilen wollte.
Als am Morgen der Kammerdiener ins Zimmer trat, um den Kaffee zu bringen, lag Pierre, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, auf dem Sofa und schlief.
Er schrak auf und blickte lange verstört um sich, da er sich nicht darüber klarwerden konnte, wo er sich befinde.
»Die Frau Gräfin hat fragen lassen, ob Euer Erlaucht zu Hause sind«, berichtete der Kammerdiener.
Aber noch ehe sich Pierre über die zu erteilende Antwort schlüssig geworden war, trat die Gräfin selbst in einem weißen, silbergestickten Atlas-Morgenrock, das Haar noch unfrisiert (zwei starke Flechten waren diademartig zweimal um ihren reizenden Kopf geschlungen), ruhig und majestätisch ins Zimmer; nur über ihre marmorartige, etwas gewölbte Stirn zog sich eine zornige Falte. Mit ihrer durch nichts zu erschütternden Ruhe unterließ sie es, zu reden, solange der Kammerdiener im Zimmer war. Sie wußte von dem Duell und war gekommen, um mit Pierre darüber zu sprechen. Sie wartete, bis der Kammerdiener den Kaffee hingestellt haben und hinausgegangen sein würde. Pierre blickte schüchtern durch seine Brille zu ihr hin, und wie ein von den Hunden umringter Hase mit angedrückten Ohren angesichts seiner Feinde in seinem Lager liegen bleibt, so versuchte auch er, seine Lektüre fortzusetzen; aber er merkte sofort, daß dies sinnlos und unmöglich sei, und sah sie wieder schüchtern an. Sie setzte sich nicht hin, betrachtete ihn mit geringschätzigem Lächeln und wartete, bis der Kammerdiener hinausgegangen war.
»Was ist nun das wieder? Was haben Sie da getan, frage ich Sie?« begann sie dann in scharfem Ton.
»Ich? Was soll ich getan haben?« erwiderte Pierre.
»Sie sind ja auf einmal ein Held geworden! Nun, antworten Sie, was hatte es mit dem Duell für eine Bewandtnis? Was sollte das heißen? Nun? Ich möchte eine Antwort haben.«
Pierre drehte sich schwerfällig auf dem Sofa herum; er öffnete den Mund, war aber nicht imstande zu antworten.
»Wenn Sie nicht antworten, so will ich es Ihnen sagen«, fuhr Helene fort. »Sie glauben alles, was Ihnen gesagt wird; und da ist Ihnen nun gesagt worden« (Helene lachte), »Dolochow wäre mein Geliebter.« Mit der ihr eigenen abstoßenden Ungeniertheit sprach sie das Wort »Geliebter« geradeso deutlich und selbstverständlich aus wie jedes andere Wort. »Und Sie haben es geglaubt! Nun, was haben Sie jetzt damit bewiesen? Was haben Sie mit diesem Duell bewiesen? Daß Sie ein Narr sind; aber das wußten alle schon sowieso. Und was wird nun die Folge davon sein? Die Folge wird sein, daß ich für ganz Moskau zum Gegenstand des Gespöttes werde; und jeder wird sagen, daß Sie in trunkenem Zustand, wo Sie von sich selbst nichts wußten, einen Mann zum Duell gefordert haben, auf den Sie ohne Grund eifersüchtig sind« (Helene begann immer lauter zu sprechen und wurde immer lebhafter), »und der in jeder Beziehung weit über Ihnen steht …«
»Hm … hm …«, brummte Pierre mit finsterem Gesicht; aber er sah sie nicht an und rührte kein Glied.
»Und welchen Anlaß hatten Sie, zu glauben, daß er mein Geliebter sei? Nun? Weil ich gern mit ihm zusammen bin? Wenn Sie klüger und liebenswürdiger wären, würde ich Ihre Gesellschaft vorziehen.«
»Reden Sie nicht weiter zu mir … Ich bitte Sie darum …«, flüsterte Pierre mit heiserer Stimme.
»Warum sollte ich nicht reden? Ich habe ein Recht zu reden und sage dreist: es wird selten eine Frau zu finden sein, die bei einem solchen Mann, wie Sie, sich keine Liebhaber anschafft; und ich habe es nicht getan«, sagte sie.
Pierre wollte etwas erwidern, sah sie mit einem seltsamen Blick an, dessen Bedeutung sie nicht verstand, und legte sich wieder hin. Er litt in diesem Augenblick körperlich: er fühlte eine Beklemmung in der Brust und konnte nicht Atem holen. Er wußte, daß er irgend etwas tun mußte, um diese Schmerzempfindung abzukürzen; aber das, was zu tun ihn die Lust ankam, war gar zu furchtbar.
»Das beste wäre, wenn wir uns voneinander trennten«, stieß er in einzelnen Absätzen heraus.
»Meinetwegen; nur müssen Sie mir dann die nötigen Existenzmittel geben«, erwiderte Helene. »Eine Trennung! Bilden Sie sich nicht ein, daß mich das schreckt!«
Pierre sprang vom Sofa auf und stürzte taumelnd auf sie los.
»Ich schlage dich tot!« schrie er, packte mit einer Kraft, die er selbst noch nicht an sich kannte, die marmorne Tischplatte, tat einen Schritt in der Richtung auf seine Frau zu und holte gegen sie aus.
Helenes Gesicht verzerrte sich in furchtbarer Weise: sie kreischte auf und sprang von ihm zurück. Die Natur seines Vaters kam bei ihm zum Durchbruch. Pierre fühlte, wie ihn die Raserei packte, und fühlte den Reiz und die Lust dieser Raserei. Er schleuderte die Tischplatte auf den Boden, so daß sie zerbrach, trat mit auseinander gehaltenen Armen auf seine Frau zu und schrie: »Hinaus!« mit so furchtbarer Stimme, daß alle im Haus diesen Schrei hörten und darüber erschraken. Gott weiß, was Pierre in diesem Augenblick noch weiter getan hätte, wenn Helene nicht aus dem Zimmer gelaufen wäre.
Eine Woche darauf stellte Pierre seiner Frau eine Vollmacht auf den Nießbrauch seiner sämtlichen in Großrußland gelegenen Güter aus, die die größere Hälfte seines Vermögens bildeten, und reiste allein nach Petersburg.
VII
Zwei Monate waren vergangen, seit die Nachricht von der Schlacht bei Austerlitz und dem Verschwinden des Fürsten Andrei nach Lysyje-Gory gelangt war, und trotz aller durch Vermittlung der Gesandtschaft beförderten Briefe und aller Nachforschungen war sein Leichnam nicht gefunden worden, und auch unter den Gefangenen befand sich Fürst Andrei nicht. Das schlimmste für seine Angehörigen war gerade, daß doch noch eine leise Hoffnung geblieben war: er sei vielleicht von Einwohnern auf dem Schlachtfeld aufgelesen und liege nun möglicherweise genesend oder sterbend irgendwo allein, unter fremden Menschen, nicht imstande, Nachricht von sich zu geben.
In den Zeitungen, aus denen der alte Fürst zuerst von der Niederlage bei Austerlitz erfahren hatte, war, wie immer, nur sehr kurz und unbestimmt gesagt gewesen, die Russen hätten sich nach glänzendem Kampf zurückziehen müssen, und der Rückzug hätte sich in vollständiger Ordnung vollzogen. Der alte Fürst hatte aus dieser offiziellen Nachricht entnommen, daß die Unsrigen geschlagen waren. Eine Woche nach der Zeitung, die die Nachricht von der Schlacht bei Austerlitz gebracht hatte, war ein Brief von Kutusow eingelaufen, der den Fürsten von dem Schicksal benachrichtigte, das seinen Sohn betroffen hatte.
»Ihr Sohn«, schrieb Kutusow, »ist vor meinen Augen mit einer Fahne in der Hand an der Spitze eines Regiments als Held niedergesunken, würdig seines Vaters und seines Vaterlandes. Zu meinem und der ganzen Armee allgemeinem Bedauern ist bis jetzt nicht bekanntgeworden, ob er noch am Leben ist oder nicht. Aber lassen Sie uns an der Hoffnung festhalten, daß Ihr Sohn noch lebt; denn andernfalls würde unter den auf dem Schlachtfeld gefundenen Offizieren, deren Liste mir durch Parlamentäre zugestellt ist, auch er genannt sein.«
Der alte Fürst erhielt diesen Brief spätabends, als er schon allein in seinem Zimmer war; am andern Tag unternahm er, wie gewöhnlich, seinen Morgenspaziergang; aber er war dem Verwalter, dem Gärtner und dem Baumeister gegenüber schweigsam und redete, obgleich er zornig aussah, mit niemand.
Als Prinzessin Marja zur üblichen Zeit zu ihm in sein Zimmer kam, stand er an der Drehbank und drechselte, sah sich aber, wie gewöhnlich, nicht nach ihr um.
»Ah, Prinzessin Marja!« sagte er auf einmal in unnatürlich klingendem Ton und warf den Drehstahl hin. Das Rad drehte sich infolge der Schwungkraft noch eine Weile weiter. Lange haftete der Prinzessin Marja dieses ersterbende Kreischen des Rades im Gedächtnis, da dieser Ton in ihrer Seele mit dem, was nun folgte, zu einem Eindruck verschmolz.
Prinzessin Marja näherte sich ihrem Vater, blickte ihm ins Gesicht und hatte plötzlich die Empfindung, als ob in ihrem Innern etwas zusammenstürzte. Ihre Augen hörten auf, deutlich zu sehen. Aus dem Gesicht des Vaters, das nicht traurig und niedergeschlagen, sondern grimmig aussah und sich mit Gewalt zwingen wollte, ruhig zu erscheinen, erkannte sie, daß in diesem Augenblick ein furchtbares Unglück über ihrem Haupt hing und auf sie herabzustürzen drohte, das schlimmste Unglück, das es im Leben gibt, ein Unglück, das ihr bisher noch unbekannt geblieben war, ein unfaßbares, nie wiedergutzumachendes Unglück, der Tod eines geliebten Menschen.
»Lieber Vater! Andrei?« fragte sie, und die anmutlose, unbeholfene Prinzessin sah in ihrem Kummer und in ihrer Selbstvergessenheit so unsagbar rührend und lieblich aus, daß der Vater ihren Blick nicht ertragen konnte und sich schluchzend abwandte.
»Ich habe Nachricht erhalten. Unter den Gefangenen ist er nicht; unter den Toten hat man ihn auch nicht gefunden. Kutusow hat geschrieben«, schrie er so laut und scharf, als ob er mit diesem Schreien die Prinzessin hinaustreiben wollte. »Er muß tot sein!«
Die Prinzessin sank nicht zu Boden und bekam keinen Schwindelanfall; blaß war sie schon vorher gewesen. Aber als sie diese Worte hörte, ging in ihrem Gesicht eine Veränderung vor, und in ihren hellen, schönen Augen leuchtete ein besonderer Glanz auf. Es war, als ob eine Freudigkeit, eine Freudigkeit von höherer Art, die mit den Leiden und Freuden dieser Welt nichts gemein habe, den starken Kummer überflutete, von dem ihr Herz erfüllt war. Sie vergaß alle Furcht vor dem Vater, trat zu ihm heran, faßte ihn bei der Hand, zog ihn an sich und legte ihre Arme um seinen hageren, sehnigen Hals.
»Lieber Vater«, sagte sie, »wenden Sie sich nicht von mir weg. Lassen Sie uns zusammen weinen.«
»Diese Schurken, diese Halunken!« schrie der Alte und drehte sein Gesicht von ihr fort. »Vernichten die Armee! Vernichten so viele Menschenleben! Warum und wozu? Geh, geh, und sage es Lisa.«
Die Prinzessin ließ sich kraftlos in einen Lehnsessel neben ihrem Vater sinken und brach in Tränen aus. Sie glaubte ihren Bruder vor sich zu sehen, wie er mit seiner zugleich zärtlichen und hochmütigen Miene von ihr und von Lisa Abschied nahm; sie glaubte ihn vor sich zu sehen, wie er freundlich und spöttisch sich das Heiligenbild um den Hals hängte. »Ob er wohl zum Glauben gelangt ist? Ob er wohl seinen Unglauben bereut hat? Ist er jetzt dort, dort in der Stätte der ewigen Ruhe und Seligkeit?« dachte sie.
»Lieber Vater, sagen Sie mir, wie es geschehen ist«, bat sie weinend.
»Geh nur, geh. Er ist in der Schlacht gefallen, bei der man die besten Männer Rußlands auf die Schlachtbank geführt und Rußlands Ruhm geopfert hat. Gehen Sie, Prinzessin Marja. Geh hin, und sage es Lisa. Ich werde auch kommen.«
Als Prinzessin Marja von ihrem Vater zurückkehrte, saß die kleine Fürstin bei ihrer Handarbeit und schaute ihr mit dem besonderen, nach innen gekehrten, ruhigen, glücklichen Blick entgegen, wie er nur schwangeren Frauen eigen ist. Es war offenbar, daß ihre Augen die Prinzessin Marja gar nicht sahen, sondern in die Tiefe, in ihr eigenes Innere blickten, in ein glückverheißendes Geheimnis, das sich da in ihr vollzog.
»Marja«, sagte sie, indem sie von dem Stickrahmen abrückte und sich zurücklehnte, »gib einmal deine Hand her.«
Sie nahm die Hand der Prinzessin und legte sie sich auf den Leib. Ihre Augen lächelten; sie wartete auf etwas. Die Oberlippe mit dem Schnurrbärtchen zog sich in die Höhe und verharrte mit einem Ausdruck kindlicher Glückseligkeit in dieser Haltung.
Prinzessin Marja kniete vor ihr nieder und verbarg ihr Gesicht in den Kleiderfalten ihrer Schwägerin.
»Da, da! Fühlst du es? Mir ist so sonderbar zumute. Weißt du, Marja, ich werde es sehr lieb haben«, sagte Lisa und blickte sie mit glückstrahlenden Augen an.
Prinzessin Marja konnte den Kopf nicht in die Höhe heben; sie weinte.
»Was ist dir, Marja?«
»Nichts … Es ist mir nur so bange … so bange um Andrei«, antwortete sie und trocknete ihre Tränen an dem Knie ihrer Schwägerin ab.
Noch mehrere Male im Lauf dieses Vormittags setzte Prinzessin Marja dazu an, ihre Schwägerin vorzubereiten, und begann dabei jedesmal zu weinen. Die kleine Fürstin, so wenig Scharfblick sie auch besaß, geriet doch in Unruhe über diese Tränen, deren Ursache sie nicht begriff. Sie sagte nichts; aber sie blickte aufgeregt um sich, als ob sie etwas suchte. Vor dem Mittagessen kam in ihr Zimmer der alte Fürst, vor dem sie stets Furcht hatte; sein Gesicht zeigte jetzt eine besondere Unruhe und zornige Erregung, und ohne ein Wort zu sagen, ging er wieder hinaus. Sie blickte die Prinzessin Marja an und versank dann in Gedanken, wobei ihre Augen jenen Ausdruck einer nach innen gerichteten Aufmerksamkeit annahmen, wie er bei schwangeren Frauen häufig ist. Plötzlich brach sie in Tränen aus.
»Habt ihr Nachricht von Andrei?«
»Nein; du weißt, daß noch keine Nachricht dasein kann; aber der Vater beunruhigt sich, und auch mir ist bange.«
»Also es ist nichts gekommen?«
»Nein, nichts«, antwortete Prinzessin Marja und blickte mit ihren leuchtenden Augen ihre Schwägerin fest an.
Sie hatte sich dafür entschieden, ihr nichts zu sagen, und auch ihren Vater überredet, der kleinen Fürstin den Empfang der schrecklichen Nachricht bis zu ihrer bevorstehenden Entbindung zu verheimlichen. Prinzessin Marja und der alte Fürst trugen und verbargen ihren Kummer, ein jeder auf seine Weise. Der alte Fürst wollte nicht mehr hoffen: er sagte sich, Fürst Andrei sei tot, und obgleich er einen seiner Angestellten nach Österreich schickte, um nach Spuren von seinem Sohn zu suchen, bestellte er doch bereits in Moskau ein Denkmal für ihn, das er in seinem Garten aufstellen wollte, und sagte zu allen, sein Sohn sei im Kampf gefallen. Er bemühte sich, seine frühere Lebensweise unverändert fortzuführen; aber die Kraft versagte ihm: er ging weniger, aß weniger, schlief weniger und wurde mit jedem Tag schwächer. Prinzessin Marja dagegen hoffte noch. Sie betete für ihren Bruder wie für einen Lebenden und erwartete jeden Augenblick Nachrichten über seine Heimkehr.
VIII
»Liebe Marja«, sagte die kleine Fürstin am Vormittag des 19. März nach dem Frühstück, und die Oberlippe mit dem Schnurrbärtchen zog sich nach alter Gewohnheit in die Höhe; aber wie bei allen Bewohnern dieses Hauses seit dem Tag, wo die schreckliche Nachricht eingetroffen war, in der Art zu lächeln, im Ton der Stimmen, ja selbst in der Besonderheit des Gehens sich das Gefühl des Schmerzes und der Trauer kundgab, so glich sich jetzt auch das Lächeln der kleinen Fürstin der allgemeinen Stimmung an, obgleich sie deren Ursache nicht kannte, und erinnerte dadurch noch um so mehr an die allgemeine Traurigkeit.
»Liebe Marja«, sagte sie, »ich fürchte, daß das heutige ›Breakfast‹, wie euer Koch Foka es nennt, mir nicht gut bekommen ist.«
»Was ist dir denn, mein Herzchen? Du siehst so blaß aus! Ach ja, du bist sehr blaß«, sagte Prinzessin Marja erschrocken, die sofort mit ihren schweren, weichen Schritten zu ihrer Schwägerin geeilt war.
»Euer Durchlaucht, soll ich nicht Marja Bogdanowna holen lassen?« fragte ein gerade anwesendes Stubenmädchen. Marja Bogdanowna war die Hebamme aus der Kreisstadt; sie wohnte schon seit mehr als einer Woche in Lysyje-Gory.
»Das ist vielleicht wirklich das Richtige«, stimmte ihr Prinzessin Marja bei. »Ich will hingehen. Nur Mut, mein Engel!« Sie küßte Lisa und wollte das Zimmer verlassen.
»Ach nein, nein!« Und außer der durch ihren Körperzustand herbeigeführten Blässe malte sich auf dem Gesicht der kleinen Fürstin eine kindliche Furcht vor dem unabwendbaren Leiden. »Nein, es ist der Magen … Du kannst glauben, daß es der Magen ist, Marja; sag doch auch, daß es der Magen ist …« Und die Fürstin weinte, maßlos und eigensinnig wie ein kleines Kind, sogar etwas gekünstelt, und rang die kleinen Hände.
Die Prinzessin lief aus dem Zimmer, um Marja Bogdanowna zu holen.
»Mein Gott, o mein Gott!« hörte sie hinter sich stöhnen.
Sich die kleinen, fleischigen, weißen Hände reibend, kam ihr die Hebamme schon mit ruhiger, selbstbewußter Miene entgegen.
»Marja Bogdanowna, ich glaube, es hat angefangen«, sagte Prinzessin Marja und blickte diese wichtige Person mit weitgeöffneten, erschrockenen Augen an.
»Nun, Gott sei Dank, Prinzessin,« erwiderte Marja Bogdanowna, ohne ihre Schritte zu beschleunigen. »Aber Sie als junges Mädchen dürfen davon nichts wissen.«
»Aber wie geht es denn zu, daß der Arzt aus Moskau noch nicht angekommen ist?« sagte die Prinzessin. Auf Lisas und des Fürsten Andrei Wunsch war für den vermutlichen Termin ein Moskauer Geburtshelfer zu kommen ersucht worden, und er wurde nun jeden Augenblick erwartet.
»Nun, das macht nichts, Prinzessin; seien Sie ohne Sorge!« antwortete Marja Bogdanowna. »Es wird auch ohne Arzt alles gutgehen.«
Fünf Minuten darauf hörte die Prinzessin von ihrem Zimmer aus, daß auf dem Korridor etwas Schweres getragen wurde. Sie sah aus der Tür: mehrere Diener trugen das Ledersofa, das sonst im Zimmer des Fürsten Andrei stand, aus irgendeinem Grund nach dem Schlafzimmer. Auf den Gesichtern der Träger lag eine Art von feierlichem Ernst.
Prinzessin Marja saß allein in ihrem Zimmer und horchte auf die Geräusche im Haus; ab und zu öffnete sie die Tür, wenn jemand vorbeiging, und sah zu, was sich auf dem Korridor zutrug. Einige Frauen gingen mit leisen Schritten nach der einen und nach der andern Seite hin vorüber, blickten sich nach der Prinzessin um und wandten sich von ihr ab. Sie wagte nicht zu fragen, machte die Tür wieder zu, kehrte in ihr Zimmer zurück und setzte sich bald in ihren Lehnstuhl, bald griff sie nach dem Gebetbuch, bald fiel sie vor dem Heiligenschrein auf die Knie. Aber leider mußte sie zu ihrem Erstaunen bemerken, daß das Gebet ihre Aufregung nicht beruhigte. Plötzlich öffnete sich leise die Tür ihres Zimmers, und auf der Schwelle erschien, ein Tuch um den Kopf gebunden, ihre alte Kinderfrau Praskowja Sawischna, die sonst fast nie zu ihr ins Zimmer kam, da der Fürst es verboten hatte.
»Ich bin hergekommen, um ein Weilchen bei dir zu sitzen, liebe Marja«, sagte die Kinderfrau. »Und dann habe ich auch die Trauungskerzen des Fürsten Andrei mitgebracht; die wollte ich vor seinem Schutzheiligen anzünden, liebes Kind«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu.
»Ach, wie freue ich mich, daß du gekommen bist, liebe Alte!«
»Gott ist gnädig, mein Herzchen.«
Die Kinderfrau zündete vor dem Heiligenschrein die ringsum mit Gold verzierten Kerzen an und setzte sich mit ihrem Strickstrumpf an die Tür. Prinzessin Marja nahm ein Buch und begann zu lesen. Nur wenn sich Schritte oder Stimmen vernehmen ließen, blickten beide einander an, die Prinzessin erschrocken und fragend, die Kinderfrau beruhigend. Dasselbe Gefühl, welches Prinzessin Marja, in ihrem Zimmer sitzend, empfand, war in allen Teilen des Hauses verbreitet und erfüllte die Herzen aller Hausgenossen. Aufgrund eines Volksglaubens, daß die Gebärerin um so weniger leidet, je weniger Leute von ihren Leiden wissen, waren alle bemüht, sich unwissend zu stellen. Niemand sprach davon, und das Dienstpersonal zeigte auch heute das gewöhnliche gemessene, respektvolle Benehmen und die guten Manieren, die im Haus des Fürsten stets herrschten; aber allen sah man eine bestimmte, gemeinsame Sorge an und eine weiche Stimmung des Herzens und das Bewußtsein, daß sich da jetzt in diesem Augenblick etwas Großes, Unbegreifliches vollzog.
In dem großen Mädchenzimmer war kein Lachen zu hören. Im Dienerzimmer saßen alle schweigend da und hielten sich für irgendeinen Bedarfsfall in Bereitschaft. Die Leute im Gesindehaus hatten Kienspäne und Kerzen angezündet und schliefen nicht. Der alte Fürst ging, mit den Hacken auftretend, in seinem Zimmer auf und ab und schickte Tichon zu Marja Bogdanowna, um sich zu erkundigen, wie es gehe. »Sage nur: ›Der Fürst läßt fragen, wie es geht‹, und dann komm wieder und melde mir, was sie gesagt hat.«
»Melde dem Fürsten, daß die Geburt begonnen hat«, sagte Marja Bogdanowna, indem sie den Abgesandten ernst und bedeutsam anblickte.
Tichon ging zurück und meldete es dem Fürsten.
»Gut«, sagte der Fürst und machte die Tür hinter sich zu; Tichon hörte aus dem Zimmer des Fürsten nicht das geringste Geräusch mehr.
Tichon wartete eine Weile und ging dann hinein, wie wenn er die Kerzen in Ordnung bringen wollte. Als er sah, daß der Fürst auf dem Sofa lag, betrachtete Tichon ihn und sein verstörtes Gesicht, schüttelte den Kopf, trat schweigend zu ihm heran und küßte ihn auf die Schulter; dann ging er wieder hinaus, ohne die Kerzen in Ordnung gebracht und ohne gesagt zu haben, warum er gekommen sei. Der feierlichste, geheimnisvollste Vorgang der Welt fuhr fort sich zu vollziehen. Der Abend verging, die Nacht kam heran. Das Gefühl der Erwartung und die weiche Seelenstimmung gegenüber dem Unbegreiflichen wurde nicht schwächer, sondern steigerte sich noch immer. Niemand schlief.
Es war eine von jenen Märznächten, wo der Winter es sich in den Kopf gesetzt zu haben scheint, das Feld zu behaupten, und nun mit verzweifeltem Ingrimm unter heftigem Sturm seinen letzten Schneevorrat herabschüttet. Dem deutschen Arzt aus Moskau, der jeden Augenblick erwartet wurde, waren frische Pferde auf die große Landstraße entgegengeschickt worden, und Reiter mit Laternen waren an der Stelle postiert, wo der Landweg abzweigte, um den Arzt über die holprigen Stellen und Wasserlöcher zu geleiten.
Prinzessin Marja hatte schon längst aufgehört, in dem Buch zu lesen; sie saß schweigend da und richtete ihre glänzenden Augen auf das runzlige, ihr bis in die kleinsten Einzelheiten bekannte Gesicht der Kinderfrau: auf eine graue Haarsträhne, die sich unter dem Tuch hervorgestohlen hatte, und auf das herunterhängende Hautsäckchen unter dem Kinn.
Die Kinderfrau Sawischna erzählte, den Strickstrumpf in den Händen haltend, mit leiser Stimme, ohne ihre eigenen Worte selbst zu hören und zu verstehen, eine Geschichte, die sie schon hundertmal erzählt hatte: wie die selige Fürstin in Kischinew die Prinzessin Marja zur Welt gebracht habe, unter Beihilfe nur einer moldauischen Bäuerin statt einer Hebamme.
»Gott ist gnädig; die Ärzte sind ganz überflüssig«, sagte sie.
Plötzlich drückte ein Windstoß heftig gegen ein Fenster der Stube, aus welchem der Vorsetzrahmen herausgenommen war (auf Anordnung des Fürsten wurde alljährlich, sobald die Lerchen erschienen, in jedem Zimmer ein Vorsetzrahmen entfernt), stieß einen schlecht vorgelegten Riegel auf, blähte den schweren seidenen Vorhang, trieb eine Menge kalter Schneeluft ins Zimmer und blies die Kerze aus. Prinzessin Marja schrak zusammen; die Kinderfrau legte ihren Strickstrumpf hin, ging zum Fenster, bog sich hinaus und suchte den losgerissenen Fensterflügel zu fassen. Der kalte Wind ließ die Enden ihres Kopftuches und die hervorgedrungenen grauen Haarsträhnen flattern.
»Prinzessin, liebe Prinzessin, es kommt jemand in der Allee gefahren!« sagte sie und hielt den Fensterflügel in der Hand, ohne ihn zuzumachen. »Es sind Laternen dabei; gewiß der Doktor …«
»Ach, Gott sei Dank, Gott sei Dank!« rief Prinzessin Marja. »Ich muß ihm entgegengehen; er versteht kein Russisch.«
Sie warf einen Schal um und eilte dem Ankommenden entgegen. Als sie durch das Vorzimmer ging, sah sie durch ein Fenster, daß eine Equipage und Leute mit Laternen vor dem Portal standen. Sie trat auf den Treppenflur. Oben, auf dem Geländerpfosten, stand ein Talglicht und tropfte im Zugwind. Der Diener Philipp stand, mit einer Miene höchster Überraschung ein zweites Licht in der Hand, tiefer unten, auf dem ersten Treppenabsatz. Noch weiter unten, hinter der Biegung, waren auf der Treppe sich nähernde Schritte in weichen Stiefeln vernehmbar. Und eine Stimme, die der Prinzessin Marja bekannt schien, sagte etwas.
»Gott sei Dank!« sagte die Stimme. »Und mein Vater?«
»Seine Durchlaucht haben sich zur Ruhe begeben«, antwortete die Stimme des Haushofmeisters Demian, der bereits unten war.
Dann sagte die andere Stimme noch etwas, und Demian antwortete wieder, und nun kamen die Schritte in den weichen Stiefeln schneller auf dem hinter der Biegung nicht sichtbaren Teil der Treppe herauf.
»Das ist Andrei!« dachte Prinzessin Marja. »Nein, es kann nicht sein; das wäre doch zu wunderbar.« Aber in demselben Augenblick, wo sie das dachte, erschien auf dem Treppenabsatz, wo der Diener mit dem Licht stand, das Gesicht und die Gestalt des Fürsten Andrei, im Pelz, mit schneebedecktem Kragen. Ja, er war es, jedoch blaß und mager und mit einem veränderten, seltsam weichen, aber unruhigen Gesichtsausdruck. Nun hatte er das obere Ende der Treppe erreicht und umarmte seine Schwester.
»Ihr habt meinen Brief nicht erhalten?« fragte er. Dann kehrte er wieder um, ohne eine Antwort abzuwarten, die er auch nicht erhalten hätte, da die Prinzessin nicht imstande war zu reden, und stieg mit dem Geburtshelfer, der nach ihm in das Haus getreten war (Fürst Andrei hatte ihn auf der letzten Station getroffen), schnellen Schrittes noch einmal die Treppe hinauf und umarmte seine Schwester zum zweitenmal.
»Welch eine Fügung, liebe Marja«, sagte er, warf Pelz und Stiefel ab und ging nach dem Zimmer seiner Frau.
IX
Die kleine Fürstin lag, ein weißes Häubchen auf dem Kopf, in den Kissen; die Schmerzen hatten gerade aufgehört. Einzelne sich schlängelnde Strähnen ihres schwarzen Haares lagen auf ihren glühenden, schweißbedeckten Wangen. Das rote, reizende Mündchen mit den schwarzen Härchen auf der Oberlippe war geöffnet, und sie lächelte freudig. Fürst Andrei trat ins Zimmer und blieb am Fußende des Sofas, auf dem sie lag, vor ihr stehen. Ihre glänzenden Augen, in deren Blick eine kindliche Furcht und Erregung lag, hefteten sich auf ihn, ohne jedoch ihren Ausdruck zu verändern. »Ich liebe euch alle; ich habe niemandem Böses getan; wofür leide ich? Helft mir doch!« sagte dieser Blick. Sie sah ihren Mann; aber sie begriff nicht, welche Bedeutung es hatte, daß er jetzt vor ihr stand. Fürst Andrei ging um das Sofa herum und küßte sie auf die Stirn.
»Mein Herzchen!« sagte er, ein Kosewort, dessen er sich ihr gegenüber noch nie bedient hatte. »Gott ist gnädig …«
Sie blickte ihn fragend und kindlich vorwurfsvoll an.
»Ich habe Hilfe von dir erwartet, und du tust nichts, hilfst mir nicht; du bist auch wie die andern!« sagten ihre Augen. Sie wunderte sich nicht, daß er gekommen war; sie hatte für seine Ankunft kein Verständnis. Seine Ankunft stand in keiner Beziehung zu ihren Leiden und zu deren Erleichterung. Die Schmerzen setzten von neuem ein, und Marja Bogdanowna riet dem Fürsten Andrei, lieber hinauszugehen.
Der Arzt trat ins Zimmer. Fürst Andrei ging hinaus. Draußen traf er die Prinzessin Marja und trat wieder zu ihr. Sie redeten flüsternd miteinander; aber alle Augenblicke verstummte ihr Gespräch. Sie warteten und horchten.
»Geh hin, lieber Bruder«, sagte Prinzessin Marja.
Fürst Andrei ging wieder zu seiner Frau, setzte sich im Nebenzimmer hin und wartete. Eine Frau kam aus dem Zimmer, in welchem sich die kleine Fürstin befand, mit angstvollem Gesicht heraus und wurde beim Anblick des Fürsten Andrei verlegen. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und saß so mehrere Minuten lang. Ein klägliches, hilfloses, tierisches Stöhnen erscholl durch die Tür. Fürst Andrei stand auf, trat zu der Tür und wollte sie öffnen. Aber sie wurde von jemand festgehalten.
»Es geht jetzt nicht, es geht jetzt nicht«, sagte von innen eine ängstliche Stimme.
Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Das Geschrei verstummte; es vergingen noch einige Sekunden. Plötzlich erscholl im Nebenzimmer ein furchtbarer Schrei; dieser Schrei konnte ja doch nicht aus ihrem Mund gekommen sein, dachte Fürst Andrei; so konnte sie doch nicht schreien. Fürst Andrei lief zur Tür hin; das Schreien verstummte; er hörte das Quäken eines kleinen Kindes.
»Wozu haben sie ein kleines Kind dorthin gebracht?« dachte Fürst Andrei in der ersten Sekunde. »Ein kleines Kind? Was für ein kleines Kind …? Wozu ist dort ein kleines Kind? Oder ist da ein Kind geboren?«
Da begriff er auf einmal die ganze freudige Bedeutung dieser quäkenden Töne; die Tränen erstickten ihn fast; er stützte sich mit beiden Ellbogen auf das Fensterbrett und weinte schluchzend, so wie Kinder weinen.
Die Tür ging auf. Der Arzt, ohne Rock, mit aufgerollten Hemdsärmeln, blaß und mit zitterndem Unterkiefer, trat aus dem Zimmer. Fürst Andrei wandte sich zu ihm; aber der Arzt blickte ihn wie geistesabwesend an und ging, ohne ein Wort zu sagen, an ihm vorbei. Eine Frau kam herausgelaufen und blieb, als sie den Fürsten Andrei erblickte, zögernd auf der Schwelle stehen. Er ging in das Zimmer seiner Frau hinein. Sie lag tot da, in derselben Haltung, in der er sie fünf Minuten vorher gesehen hatte, und trotz der starr gewordenen Augen und der Blässe der Wangen lag noch derselbe Ausdruck auf diesem reizenden, kindlichen Gesichtchen mit den schwarzen Härchen auf der Oberlippe.
»Ich liebe euch alle und habe niemandem Böses getan; und was habt ihr mit mir gemacht?« sagte ihr reizendes, mitleiderregendes, totes Antlitz.
In der Ecke des Zimmers grunzte und winselte etwas Kleines, Rotes in Marja Bogdanownas weißen, zitternden Händen.
Zwei Stunden später ging Fürst Andrei mit leisen Schritten zu seinem Vater in dessen Zimmer. Der Alte wußte schon alles. Er stand dicht an der Tür, und sowie sie sich öffnete, umschlang er schweigend mit seinen steifen, alten Armen den Hals seines Sohnes und schluchzte wie ein Kind.
Drei Tage darauf wurde an der Leiche der kleinen Fürstin das Totenamt gehalten, und Fürst Andrei stieg, um von ihr Abschied zu nehmen, die Stufen hinan, auf denen der Sarg stand. Auch im Sarg war ihr Gesicht unverändert, obwohl die Augen nun geschlossen waren. »Ach, was habt ihr mit mir gemacht?« sagte es immer noch, und Fürst Andrei fühlte, daß in seiner Seele gleichsam etwas zerrissen war, daß ihn eine Schuld drückte, die er nicht wiedergutmachen und nicht vergessen konnte. Er war nicht imstande zu weinen.
Der Alte stieg ebenfalls hinauf und küßte das eine wachsartige Händchen der Toten, das still und mit hohem Hohlraum über dem andern lag, und auch zu ihm sagte ihr Gesicht: »Ach, was habt ihr mit mir gemacht, und womit habe ich es verdient?« Und der Alte wandte sich mit grimmiger Miene weg, als er dieses Gesicht erblickte.
Wieder fünf Tage später wurde der kleine Fürst Nikolai Andrejewitsch getauft. Die Amme hielt mit dem Kinn die Windeln fest, während der Geistliche mittels einer Gänsefeder die runzeligen, roten Handflächen und Fußsohlen des Knaben salbte.
Taufpate war der Großvater; in größter Furcht, daß er den Kleinen fallen lassen könnte, trug er ihn zitternd um das blecherne verbeulte Taufbecken herum und übergab ihn dann der Patin, der Prinzessin Marja. Fürst Andrei saß in einem Nebenzimmer, voller Angst, daß man ihm seinen Sohn ertränken werde, und wartete auf die Beendigung der heiligen Handlung. Mit herzlicher Freude sah er das Kind an, als die Kinderfrau es ihm brachte, und nickte beifällig mit dem Kopf, als sie ihm berichtete, daß das in das Taufbecken geworfene Wachsklümpchen mit Haaren des Täuflings nicht untergesunken sei, sondern auf dem Wasser geschwommen habe.
X
Es war dem alten Grafen Rostow durch seine Bemühungen gelungen, Nikolais Beteiligung an dem Duell zwischen Dolochow und Besuchow zu vertuschen, und Nikolai war, statt degradiert zu werden, wie er es erwartet hatte, vielmehr zum Adjutanten beim Generalgouverneur von Moskau ernannt worden. Infolgedessen konnte er nicht mit der übrigen Familie aufs Land fahren, sondern blieb wegen seiner neuen Tätigkeit den ganzen Sommer über in Moskau. Dolochow genas wieder von seiner Verwundung, und Rostow befreundete sich mit ihm während seiner Rekonvaleszenz noch enger als vorher. Dolochow überstand sein Krankenlager in der Wohnung seiner Mutter, die ihn zärtlich und leidenschaftlich liebte. Die alte Marja Iwanowna, die den jungen Rostow wegen seiner freundschaftlichen Zuneigung zu ihrem Fjodor liebgewonnen hatte, sprach häufig mit ihm über ihren Sohn.
»Ja, Graf«, pflegte sie zu sagen, »er hat eine zu edle, reine Seele für die jetzige verderbte Welt. Die Tugend hat niemand gern; die ist allen ein Dorn im Auge. Sagen Sie selbst, Graf, hat etwa dieser Besuchow sich gerecht und ehrenhaft benommen? Fjodor aber in seiner edlen Denkungsweise hat ihn gern gehabt und redet auch jetzt nie etwas Schlechtes von ihm. Diese dummen Streiche in Petersburg (sie haben da mit einem Reviervorsteher irgendeinen Scherz gemacht), die haben die beiden ja doch zusammen ausgeführt. Und doch ist diesem Besuchow nichts dafür passiert; Fjodor hat alles auf seine Schultern genommen. Was hat er nicht alles dafür ertragen müssen! Gewiß, er ist dann rehabilitiert worden; aber das war ja auch gar nicht anders möglich. Ich meine, so tapfere Helden und so treue Söhne des Vaterlandes wie ihn hat es da im Feld nicht viele gegeben. Und nun jetzt dieses Duell! Haben denn diese Leute gar kein menschliches Empfinden, gar kein Ehrgefühl? Zu wissen, daß er mein einziger Sohn ist, und ihn doch zum Duell zu fordern und so geradezu auf ihn zu schießen! Nur gut, daß Gott sich unser erbarmt hat! Und was war der Grund? Nun, wer hat in unserer Zeit keine Liebesaffären? Und dann, wie kann dieser Besuchow nur plötzlich so eifersüchtig sein? Ich möchte meinen, er konnte meinem Sohn ja früher zu verstehen geben, daß ihm dieses Verhältnis nicht zusagte; aber nun hatte es doch schon wer weiß wie lange gedauert. Und dann: er hat ihn zum Duell herausgefordert, weil er dachte, Fjodor werde sich nicht mit ihm schlagen, weil er ihm Geld schuldig ist. Welch eine niedrige, gemeine Gesinnung! Ich weiß, Sie, mein lieber Graf, haben für Fjodors Wesen Verständnis gewonnen; darum habe ich Sie auch herzlich gern, das können Sie mir glauben. Es sind nur wenige, die für ihn Verständnis haben. Er hat eine so herrliche, himmlische Seele!«
Dolochow selbst redete während seiner Rekonvaleszenz häufig zu Rostow in einer Weise, die man von ihm schlechterdings nicht hätte erwarten können.
»Ich weiß, ich gelte für einen schlimmen Menschen«, sagte er oft; »nun, mag man mich dafür halten. Außer den Menschen, die ich liebe, mag ich von niemand etwas wissen; aber wen ich liebe, den liebe ich so, daß ich mein Leben für ihn hingebe; alle übrigen aber trete ich zu Boden, wenn sie mir im Wege stehen. Ich habe eine ganz prächtige, herrliche Mutter, die ich innig liebe, und zwei, drei Freunde, zu denen auch du gehörst; aber um die anderen Menschen kümmere ich mich nur insoweit, als sie mir nützlich oder schädlich sind. Und fast alle sind sie schädlich, namentlich die Weiber. Ja, mein Bester«, fuhr er fort, »Männer nach meinem Herzen habe ich schon gefunden: liebende, edeldenkende, hochsinnige Männer; aber unter dem Weibervolk bin ich bisher immer nur käuflichen Geschöpfen begegnet; ob es Gräfinnen oder Köchinnen sind, das macht keinen Unterschied. Noch habe ich nie jene himmlische Reinheit und Hingebung angetroffen, die ich beim Weib suche. Wenn ich ein solches Weib fände, würde ich mein Leben für sie hingeben. Aber diese Sorte …« Er machte eine verächtliche Gebärde. »Und glaube mir, wenn ich noch Wert darauf lege, weiterzuleben, so tue ich das nur, weil ich immer noch einem solchen himmlischen Wesen zu begegnen hoffe; diesem werde ich dann meine Wiedergeburt, meine Läuterung, meine Erhebung zu höherer Sphäre zu danken haben. Aber du verstehst mich wohl kaum.«
»O doch, ich verstehe dich sehr wohl«, antwortete Rostow, der von seinem neuen Freund ganz entzückt war.
Im Herbst kehrte die Familie Rostow nach Moskau zurück. Zu Anfang des Winters traf auch Denisow wieder in Moskau ein und logierte bei Rostows. Diese erste Zeit des Winters 1806, welche Nikolai Rostow in Moskau verlebte, war eine besonders glückliche und heitere für ihn und für seine ganze Familie. Nikolai brachte eine ganze Menge junger Männer mit in sein Elternhaus. Wjera war eine schöne junge Dame von zwanzig Jahren, Sonja ein sechzehnjähriges Mädchen mit dem ganzen Reiz einer sich eben erschließenden Blume, Natascha ein Mittelding zwischen junger Dame und Kind, bald kindlich komisch, bald mädchenhaft bezaubernd.
In dem Rostowschen Haus hatte sich damals gleichsam eine besondere Liebesatmosphäre gebildet, wie das häufig geschieht, wenn viele nette junge Mädchen in einem Haus sind. Kam ein junger Mann in das Rostowsche Haus und sah er diese jungen, angeregten Mädchengesichter, die immer über etwas (wahrscheinlich über ihre eigene Glückseligkeit) lächelten, und erblickte er dieses muntere, lebhafte Treiben und hörte er dieses nicht gerade tiefsinnige, aber gegen jedermann freundliche, auf jedes Thema, auf jeden Scherz gern eingehende, von stillen Hoffnungen erfüllte Geplauder der weiblichen Jugend und hörte er, wie nach Lust und Laune bald gesungen, bald musiziert wurde: dann bemächtigte sich seiner unfehlbar dieselbe Empfindung, von der die Jugend des Rostowschen Hauses erfüllt war, eine willige Bereitschaft zur Liebe und die Erwartung eines hohen Glückes.
Unter den jungen Männern, die Rostow bei den Seinigen einführte, trat besonders Dolochow hervor, der allen im Haus gut gefiel, mit Ausnahme von Natascha. Über Dolochow hätte sie sich beinahe mit ihrem Bruder veruneinigt. Sie behauptete mit aller Bestimmtheit, er sei ein schlechter Mensch; bei dem Duell mit Besuchow habe dieser recht gehabt und Dolochow unrecht; er sei ein unangenehmer Mensch und gebe sich nicht so, wie er wirklich sei.
»Ich will von gar nichts weiter wissen!« rief sie mit eigensinniger Hartnäckigkeit. »Er ist ein böser, gefühlloser Mensch. Siehst du, da ist dein Denisow; den habe ich ganz gern; er ist ja wohl ein arger Zecher und mag auch sonst noch Fehler haben; aber ich habe ihn doch ganz gern; für den habe ich Verständnis. Ich weiß nicht, wie ich mich da deutlich ausdrücken soll; aber bei Dolochow ist alles überlegt, und das mag ich nicht. Dagegen Denisow …«
»Na, Denisow, das ist doch eine ganz andere Sache«, erwiderte Nikolai und deutete durch seinen Ton an, daß im Vergleich mit Dolochow selbst Denisow eine Null sei. »Man muß wissen, was für eine herrliche Seele dieser Dolochow hat; man muß ihn im Verkehr mit seiner Mutter sehen. So ein edles Herz!«
»Ich weiß nicht, wie es zugeht; aber ich fühle mich in seiner Gegenwart immer unbehaglich. Weißt du auch wohl, daß er in Sonja verliebt ist?«
»Unsinn!«
»Ich bin davon überzeugt. Du wirst es ja sehen.«
Nataschas Vorhersage bewahrheitete sich. Dolochow, der bisher Damengesellschaft nicht gemocht hatte, begann viel in dem Haus zu verkehren, und die Frage, wer denn auf ihn eine solche Anziehungskraft ausübe, konnte sich bald ein jeder (obgleich niemand darüber sprach) dahin beantworten, daß er um Sonjas willen kam. Und wiewohl Sonja nie gewagt hätte, dies auszusprechen, so wußte sie es doch recht wohl und wurde jedesmal, wenn Dolochow erschien, rot wie eine Mohnblume.
Dolochow speiste oft bei Rostows zu Mittag, versäumte nie eine Theatervorstellung, wenn sie dort waren, und besuchte sogar die Backfischbälle des Herrn Jogel, an denen Rostows immer teilnahmen. Er bezeigte Sonja ungewöhnliche Aufmerksamkeit und blickte sie mit solchen Augen an, daß nicht nur sie sich eines tiefen Errötens nicht erwehren konnte, sondern auch die alte Gräfin und Natascha verlegen wurden, wenn sie diesen Blick bemerkten.
Es unterlag keinem Zweifel, daß dieser kraftvolle, eigenartige Mann sich unter der unwiderstehlichen Einwirkung des Zaubers befand, den auf ihn dieses schwarzhaarige, anmutige Mädchen ausübte, das doch einen andern liebte.
Rostow bemerkte zwar, daß etwas Neues zwischen Dolochow und Sonja vorging; aber er machte es sich nicht klar, worin diese neue Beziehung bestand. »Die beiden Mädchen sind immer in irgend jemand verliebt«, dachte er mit Bezug auf Sonja und Natascha. Aber er fühlte sich im Verkehr mit Sonja und Dolochow nicht mehr so behaglich wie früher und begann, seltener zu Hause zu sein.
Seit dem Herbst 1806 wurde wieder allgemein vom Krieg mit Napoleon gesprochen, und zwar mit noch größerem Eifer als im vorhergehenden Jahr. Es war verfügt worden, daß von je tausend Seelen nicht nur zehn Rekruten, sondern auch noch neun Landwehrleute gestellt werden sollten. Überall hörte man Bonaparte verwünschen, und in Moskau war von nichts anderem als von dem bevorstehenden Krieg die Rede. In der Familie Rostow drehte sich das gesamte Interesse für diese Kriegsvorbereitungen nur darum, daß Nikolai erklärt hatte, um keinen Preis in Moskau bleiben zu wollen, und nur das Ablaufen von Denisows Urlaub abwartete, um mit ihm nach den Feiertagen zum Regiment zu reisen. Indessen hinderte ihn die bevorstehende Abreise in keiner Weise daran, sich zu amüsieren, ja, sie bildete für ihn vielmehr einen Ansporn, die Zeit auszunutzen. So verbrachte er denn den größten Teil seiner Zeit außer dem Haus, auf Diners, Abendgesellschaften und Bällen.

