***

XII


Am Tag nach diesem Theaterbesuch fuhren Rostows nirgendwohin, und es kam auch niemand zu ihnen. Marja Dmitrijewna hatte mit dem Grafen Ilja Andrejewitsch eine Unterredung, deren Gegenstand sie vor Natascha zu verheimlichen suchte. Indes erriet diese, daß sie von dem alten Fürsten gesprochen und irgendeinen Plan ersonnen hatten, und dies beunruhigte sie und verletzte ihr Ehrgefühl. Sie erwartete jeden Augenblick den Fürsten Andrei und schickte zweimal im Laufe dieses Tages den Hausknecht nach der Wosdwischenka-Straße, um in Erfahrung zu bringen, ob er nicht vielleicht schon angekommen sei. Er war nicht angekommen. Ihre Stimmung war jetzt bedrückter als in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft. Zu der Ungeduld und dem trüben Sehnen nach ihrem Bräutigam gesellten sich noch die unangenehme Erinnerung an die Begegnung mit der Prinzessin Marja und mit dem alten Fürsten, sowie eine Angst und Unruhe, deren Ursache ihr nicht bekannt war. Sie hatte immer die Empfindung, als ob entweder ihr Bräutigam überhaupt nie wiederkommen oder ihr noch vor seiner Ankunft irgend etwas Schlimmes widerfahren werde. Sie war nicht wie früher imstande, wenn sie für sich allein war, ruhig und lange an ihn zu denken.

Sobald sie ihre Gedanken auf ihn richtete, mischten sich in die Erinnerung an ihn die Erinnerung an den alten Fürsten, an die Prinzessin Marja und an die letzte Opernvorstellung und an Kuragin. Es drängte sich ihr wieder die Frage auf, ob sie sich auch nicht etwas habe zuschulden kommen lassen, ob sie nicht bereits die Treue gegen den Fürsten Andrei verletzt habe, und immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie sich bis in die kleinsten Einzelheiten jedes Wort, jede Gestikulation, jede Nuance des Mienenspieles auf dem Gesicht dieses Mannes ins Gedächtnis zurückrief, der in ihrer Seele ein ihr unbegreifliches, furchtbares Gefühl zu erwecken verstanden hatte. Nach der Ansicht ihrer Hausgenossen zeigte sich Natascha jetzt lebhafter als sonst; aber in Wirklichkeit war sie bei weitem nicht so ruhig und glücklich wie früher.

Am Sonntag vormittag forderte Marja Dmitrijewna ihre Gäste auf, mit ihr zur Messe in ihre Pfarrkirche, die Kirche zu Mariä Himmelfahrt auf dem Gottesacker, zu gehen.

»Ich kann diese modernen Kirchen nicht leiden«, sagte sie, offenbar stolz auf ihr selbständiges Urteil. »Gott ist überall ein und derselbe. Wir haben bei uns einen sehr braven Popen, der den Gottesdienst in anständiger Art abhält, so recht würdig; und der Diakonus auch. Verleiht denn das der Sache eine größere Heiligkeit, wenn auf dem Chor ganze Gesangskonzerte veranstaltet werden? Ich kann das nicht leiden; das sind törichte Possen, weiter nichts!«

Marja Dmitrijewna hatte die Sonntage gern und verstand es, sie zu feiern. Sonnabends wurde ihr ganzes Haus gescheuert und gesäubert; am Sonntag arbeitete weder sie selbst noch das Gesinde; alle waren festtäglich gekleidet, und alle wohnten der Messe bei. Dem Mittagessen der Herrschaft wurden einige Gerichte hinzugefügt, und das Gesinde erhielt Branntwein und Gänsebraten oder Ferkelbraten. Aber an nichts im ganzen Haus war der Feiertag so deutlich zu merken wie an Marja Dmitrijewnas breitem, ernstem Gesicht, das an diesem Tag einen unveränderlichen, feierlichen Ausdruck annahm.

Als sie nach der Messe im Salon, wo von den Möbeln die Überzüge abgenommen waren, Kaffee getrunken hatten, erhielt Marja Dmitrijewna von einem Diener die Meldung, daß der Wagen bereit sei. Mit ernster Miene erhob sie sich, legte ihr Gala-Umschlagetuch an, welches sie immer bei Visiten trug, und erklärte, sie fahre zu dem Fürsten Nikolai Andrejewitsch Bolkonski, um mit ihm eine Aussprache über Natascha zu haben.

Nachdem Marja Dmitrijewna weggefahren war, stellte sich bei Rostows eine Gehilfin von Madame Chalmé ein, und Natascha, sehr zufrieden über diese Ablenkung ihrer Gedanken, beschäftigte sich in dem Zimmer neben dem Salon mit dem Anprobieren neuer Kleider, nachdem sie die Verbindungstür nach dem Salon zugemacht hatte. Als sie gerade eine vorläufig nur zusammengeheftete, noch ärmellose Taille angezogen hatte und mit zurückgedrehtem Kopf im Spiegel prüfte, wie das Rückenteil saß, da hörte sie im Salon die Stimme ihres Vaters in lebhaftem Gespräch mit einer anderen, weiblichen Stimme, die ihr das Blut ins Gesicht trieb. Dies war Helenes Stimme. Natascha hatte noch nicht Zeit gehabt, die Taille, die sie anprobierte, auszuziehen, als die Tür aufging und die Gräfin Besuchowa ins Zimmer trat, mit einem strahlenden, freundlich-wohlwollenden Lächeln auf dem Gesicht, in einem dunkellila Samtkleid mit hohem Kragen.

»Ah, mein liebes Kind, wie entzückend!« sagte sie zu der errötenden Natascha. »Allerliebst! Nein, das wäre ja unerhört, mein lieber Graf«, wandte sie sich zu dem hinter ihr eintretenden Ilja Andrejewitsch. »Wie kann man in Moskau wohnen und nirgends hingehen? Nein, ich lasse mir von Ihnen keine abschlägige Antwort geben! Heute abend deklamiert bei mir Mademoiselle Georges, und es kommen dazu ein paar Bekannte. Wenn Sie da nicht Ihre schönen jungen Damen zu mir bringen, von denen Mademoiselle Georges in den Schatten gestellt werden wird, dann kündige ich Ihnen die Freundschaft auf. Mein Mann ist nicht da; er ist nach Twer gefahren; sonst hätte ich den hergeschickt, um Sie einzuladen. Sie müssen unbedingt kommen, unbedingt; bitte zwischen acht und neun Uhr.«

Sie nickte der ihr bekannten Modistin zu, die ihr einen respektvollen Knicks machte, und setzte sich auf einen Sessel neben dem Spiegel, wobei sie dem Rock ihres Samtkleides einen malerischen Faltenwurf verlieh. Sie hörte nicht auf, freundlich und heiter zu plaudern, und erging sich fortwährend in Ausdrücken des Entzückens über Nataschas Schönheit. Sie musterte ihre Kleider und lobte sie; auch rühmte sie eines ihrer eigenen Kleider, ein Kleid aus Metallgaze, das sie sich aus Paris hatte kommen lassen, und riet Natascha, sich auch so eines machen zu lassen.

»Indessen, Ihnen steht ja alles gut, meine reizende Kleine«, sagte sie.

Ein Lächeln froher Befriedigung wich während dieses ganzen Gesprächs nicht von Nataschas Gesicht. Sie fühlte sich glücklich und blühte gleichsam auf unter den Lobsprüchen dieser liebenswürdigen Gräfin Besuchowa, die ihr früher als eine so unnahbare, große Dame erschienen war und die ihr jetzt so viel Wohlwollen bezeigte. Natascha war ganz vergnügt geworden und hatte sich beinahe verliebt in diese so schöne, so gutherzige Frau. Helene ihrerseits war wirklich von Natascha entzückt und wünschte ihr ein Vergnügen zu bereiten. Anatol hatte sie gebeten, ihm ein Zusammensein mit Natascha in ihrem Haus zu ermöglichen, und zu diesem Zweck war sie zu Rostows gekommen. Der Gedanke, ihren Bruder mit Natascha zusammenzubringen, amüsierte sie.

Obwohl sie früher gegen Natascha von einem gewissen Groll erfüllt gewesen war, weil diese ihr in Petersburg den netten Boris abspenstig gemacht hatte, dachte sie jetzt daran überhaupt nicht mehr und wünschte in ihrer Weise Natascha von ganzem Herzen Gutes. Als sie von Rostows wieder wegfahren wollte, rief sie ihren Schützling beiseite.

»Gestern war mein Bruder bei uns zum Mittagessen«, sagte sie. »Mein Mann und ich, wir haben uns halb totgelacht: er aß nichts und seufzte immer nach Ihnen, mein reizendes Kind. Er ist närrisch, geradezu närrisch verliebt in Sie, meine Teure.«

Natascha wurde dunkelrot, als sie dies hörte.

»Wie sie rot wird, wie sie rot wird, die allerliebste Kleine!« fuhr Helene fort. »Sie müssen unbedingt kommen. Wenn Sie jemand lieben, Sie entzückendes Wesen, so ist das noch kein Grund, sich wie eine Nonne von der Welt abzuschließen. Und selbst wenn Sie verlobt sind, bin ich überzeugt, daß Ihr Bräutigam es lieber sehen würde, daß Sie in seiner Abwesenheit in Gesellschaft gehen, als daß Sie vor Langeweile umkommen.«

»Also weiß sie«, dachte Natascha, »daß ich verlobt bin; sie und ihr Mann, Pierre, dieser rechtlich denkende Pierre, haben also davon gesprochen und darüber gelacht. Also ist weiter nichts dabei.« Und wieder erschien ihr das, was ihr vorher schrecklich vorgekommen war, unter Helenes Einwirkung als etwas ganz Einfaches und Natürliches. »Und sie, eine so große Dame, ist so liebenswürdig gegen mich und hat mich offenbar ganz in ihr Herz geschlossen«, dachte Natascha. »Und warum sollte ich mir auch nicht ein Amüsement gönnen?« dachte sie weiter und blickte Helene mit bewundernden, weitgeöffneten Augen an.

Zum Mittagessen kehrte Marja Dmitrijewna zurück, ernst und schweigsam: sie hatte augenscheinlich bei dem alten Fürsten eine Niederlage erlitten. Sie war von dem stattgefundenen Streit noch zu erregt, als daß sie imstande gewesen wäre, das Geschehene ruhig zu berichten. Auf die Frage des Grafen antwortete sie, es stehe alles gut und sie werde morgen das Nähere mitteilen. Als sie hörte, daß die Gräfin Besuchowa dagewesen sei und Rostows zum Abend eingeladen habe, bemerkte sie:

»Mit der Besuchowa verkehre ich nicht gern und rate auch euch nicht dazu; na aber«, fügte sie, zu Natascha gewendet, hinzu, »wenn du es einmal versprochen hast, dann fahre nur hin; es wird für dich eine Zerstreuung sein.«


XIII


Graf Ilja Andrejewitsch fuhr mit seinen beiden jungen Damen zu der Gräfin Besuchowa. Es waren ziemlich viel Gäste bei der Abendgesellschaft; aber Natascha kannte fast niemand von ihnen. Graf Ilja Andrejewitsch bemerkte mit großem Mißvergnügen, daß diese Gesellschaft vorzugsweise aus solchen Herren und Damen bestand, die durch ihre freien Umgangsformen bekannt waren. Mademoiselle Georges stand, von jungen Männern umringt, in einer Ecke des Salons. Auch einige Franzosen waren da, und unter ihnen Métivier, der seit Helenes Ankunft bei ihr als Hausfreund verkehrte. Graf Ilja Andrejewitsch nahm sich vor, sich nicht an den Kartentisch zu setzen, nicht von seinen Mädchen zu weichen und, sowie Mademoiselle Georges ihren Vortrag beendet haben würde, wieder wegzufahren.

Anatol hatte auf die Ankunft der Rostows augenscheinlich an der Tür gewartet. Sowie er den Grafen begrüßt hatte, trat er sogleich zu Natascha und ging dann hinter ihr her. Bei seinem Anblick hatte sich Nataschas wieder jenes selbe Gefühl bemächtigt wie im Theater, ein Gefühl eitler Freude darüber, daß sie ihm gefiel, und ängstlicher Beklemmung wegen des Fehlens der moralischen Schranken zwischen ihr und ihm.

Helene empfing Natascha sehr herzlich und sprach laut ihr Entzücken über deren Schönheit und Toilette aus. Bald nach der Ankunft der Rostows verließ Mademoiselle Georges das Zimmer, um sich umzukleiden. Im Salon wurden die Stühle in halbkreisförmige Reihen gestellt, und man setzte sich. Anatol rückte für Natascha einen Stuhl zurecht und wollte sich neben sie setzen; aber der Graf, der kein Auge von Natascha verwandte, kam ihm zuvor und nahm den Platz neben ihr selbst ein. Anatol setzte sich hinter sie.

Mademoiselle Georges erschien wieder: ihre dicken Arme mit den Grübchen darin waren nackt; über die eine Schulter hatte sie einen roten Schal geworfen. Sie trat in den für sie freigelassenen Raum zwischen den Sesseln und blieb dort in einer unnatürlichen Haltung stehen. Ein Flüstern des Entzückens ging durch die Reihen der Anwesenden.

Mademoiselle Georges ließ einen strengen, düsteren Blick über ihr Publikum gleiten und begann französische Verse zu sprechen, in denen von ihrer verbrecherischen Liebe zu ihrem Sohn die Rede war. An einzelnen Stellen erhob sie die Stimme; an anderen flüsterte sie, indem sie den Kopf feierlich in die Höhe hob; wieder an anderen hielt sie inne, röchelte und preßte die Augen heraus.

»Staunenswert, himmlisch, entzückend!« erscholl es von allen Seiten.

Natascha blickte nach der dicken Georges hin; aber sie hörte nichts, sah nichts und verstand nichts von dem, was vor ihr vorging; sie fühlte sich nur wieder von neuem unwiederbringlich in jene seltsame, sinnlose Welt hineinversetzt, die so weit von der Welt entfernt war, in der sie früher gelebt hatte, in jene Welt, in der man nicht wissen konnte, was gut und was böse war, was vernünftig und was unvernünftig. Hinter ihr saß Anatol; sie empfand seine Nähe und erwartete ängstlich irgend etwas.

Nach dem ersten Monolog stand die ganze Gesellschaft auf, umringte Mademoiselle Georges und sprach ihr in begeisterten Ausdrücken ihr Entzücken aus.

»Wie schön sie ist!« sagte Natascha zu ihrem Vater, der mit den anderen zugleich aufgestanden war und durch den Schwarm hindurch zu der Schauspielerin hinstrebte.

»Das finde ich nicht, wenn ich Sie ansehe«, sagte Anatol, der hinter Natascha herging. Er sagte dies in einem Augenblick, wo nur sie ihn hören konnte. »Sie sind reizend … Von dem Augenblick an, wo ich Sie erblickte, habe ich unaufhörlich …«

»Komm her, komm her, Natascha!« rief der Graf, der zurückkehrte, um weiter auf seine Tochter zu achten. »Ja, sie ist sehr schön.«

Natascha trat, ohne ein Wort zu sagen, zu ihrem Vater hin und sah ihn mit erstaunt fragenden Augen an.

Nachdem Mademoiselle Georges mehrere Stücke deklamiert hatte, fuhr sie wieder weg, und die Gräfin Besuchowa lud die Gesellschaft ein, in den Saal zu gehen.

Der Graf wollte aufbrechen; aber Helene bat ihn inständig, ihr nicht den improvisierten Ball zu verderben. Rostows blieben. Anatol forderte Natascha zum Walzer auf und sagte ihr während des Walzers, indem er ihre Taille und ihre Hand drückte, sie sei bezaubernd schön und er liebe sie. Bei der Ekossaise, die sie wieder mit ihm tanzte, sagte er, während sie miteinander allein waren, nichts zu ihr, sondern sah sie nur an. Natascha war im Zweifel, ob sie das, was er ihr beim Walzer gesagt hatte, nicht etwa nur geträumt habe. Am Schluß der ersten Tour drückte er ihr wieder die Hand. Natascha hob ihre ängstlichen Augen zu ihm auf; aber in seinem freundlich lächelnden Blick lag ein Ausdruck solcher Zuversichtlichkeit und Zärtlichkeit, daß sie nicht imstande war, das, was sie ihm zu sagen beabsichtigte, auszusprechen, während sie ihn ansah. Sie schlug die Augen nieder.

»Sagen Sie so etwas nicht zu mir; ich bin verlobt und liebe einen andern«, stieß sie schnell heraus. Dann sah sie ihn wieder an.

Anatol war durch das, was sie zu ihm gesagt hatte, weder in Verwirrung gesetzt noch zeigte er sich gekränkt.

»Reden Sie mir nicht davon. Was geht es mich an?« erwiderte er. »Ich sage weiter nichts, als daß ich wahnsinnig, ganz wahnsinnig in Sie verliebt bin. Was kann ich dafür, daß Sie so bezaubernd schön sind? Aber wir müssen die zweite Tour anfangen.«

Erregt und unruhig blickte Natascha mit weitgeöffneten, ängstlichen Augen um sich und machte den Eindruck, als ob sie heiterer als sonst sei. Fast nichts von dem, was an diesem Abend geschah, kam ihr zum rechten Bewußtsein. Es wurde Ekossaise und Großvater getanzt; ihr Vater redete ihr zu, aufzubrechen; sie bat ihn, noch zu bleiben. Wo auch immer sie war, mit wem auch immer sie sprach, sie fühlte Anatols Blick auf sich gerichtet. Sie erinnerte sich später, daß sie ihren Vater um Erlaubnis gebeten hatte, in das Garderobenzimmer zu gehen, um etwas an ihrem Kleid in Ordnung zu bringen; daß Helene ihr dorthin gefolgt war und lachend zu ihr von der Liebe ihres Bruders gesprochen hatte, und daß sie in dem kleinen Sofazimmer wieder mit Anatol zusammengetroffen war; daß Helene sich unbemerkt entfernt hatte und sie beide miteinander allein geblieben waren und Anatol ihre Hand ergriffen und in zärtlichem Ton gesagt hatte:

»Ich kann nicht zu Ihnen in Ihre Wohnung kommen; aber soll ich Sie denn wirklich niemals mehr wiedersehen? Ich liebe Sie bis zum Wahnsinn. Wirklich niemals?« Er vertrat ihr den Weg und näherte sein Gesicht dem ihrigen.

Seine großen, glänzenden Männeraugen waren den ihrigen so nahe, daß sie nichts sah als diese Augen.

»Natalja?!« flüsterte seine Stimme in fragendem Ton, und Natascha fühlte, daß er ihr schmerzhaft die Hand drückte. »Natalja?!«

»Ich verstehe Sie nicht; ich habe Ihnen nichts zu sagen«, antwortete ihr Blick.

Heiße Lippen drückten sich auf ihre Lippen; im selben Augenblick fühlte sie sich wieder frei und hörte an dem Geräusch von Schritten und dem Rascheln eines Kleides, daß Helene wieder ins Zimmer trat.

Natascha blickte sich nach ihr um; dann richtete sie, errötend und zitternd, einen erschrockenen, fragenden Blick auf Anatol und ging zur Tür.

»Nur noch ein Wort, hören Sie, nur noch ein einziges Wort, um Gottes willen!« bat Anatol.

Sie blieb stehen. Sie wünschte sehnlich, daß er ihr dieses Wort sagen möchte, das ihr zum Verständnis des Vorgefallenen verhülfe und worauf sie ihm dann antworten könnte.

»Natalja, nur noch ein Wort, ein einziges Wort!« sagte er noch einmal; er wußte offenbar nicht, was er sagen sollte, und wiederholte diese Worte so lange, bis Helene zu ihnen herantrat.

Helene kehrte mit Natascha zusammen wieder in den Salon zurück. Rostows blieben nicht zum Souper da, sondern empfahlen sich vorher.

Natascha konnte, als sie nach Hause gekommen war, die ganze Nacht nicht schlafen; es quälte sie die ungelöste Frage, wen sie nun eigentlich liebe, den Fürsten Andrei oder Anatol. Den Fürsten Andrei liebte sie; sie erinnerte sich klar, wie stark ihre Liebe zu ihm gewesen war. Aber auch diesen Anatol liebte sie; das stand außer Zweifel. »Hätte dies alles denn sonst geschehen können?« dachte sie. »Wenn ich nach dem Vorgefallenen, beim Abschied von ihm, sein Lächeln mit einem Lächeln erwidern konnte, wenn ich es bis dahin kommen lassen konnte, so folgt daraus, daß ich ihm vom ersten Augenblick an liebgewonnen habe, und daß er ein guter, schöner, edler Mensch ist, und daß es gar nicht anders möglich war, als daß ich ihn liebgewann. Was soll ich aber nun anfangen, wenn ich ihn liebe und zugleich auch den andern liebe?« fragte sie sich, ohne auf diese furchtbare Frage eine Antwort zu finden.


XIV


Der Morgen kam heran und brachte das gewöhnliche geschäftige Treiben. Alle standen auf, bewegten sich durcheinander und redeten miteinander; wieder kamen Modistinnen, und wie immer erschien Marja Dmitrijewna und rief zum Tee. Natascha sah mit weitgeöffneten Augen, wie wenn sie jeden auf sie gerichteten Blick auffangen wollte, unruhig einen nach dem andern an und gab sich Mühe, so zu scheinen, wie sie immer gewesen war.

Nach dem Frühstück (dies war ihr die angenehmste Zeit) setzte sich Marja Dmitrijewna in ihren Lehnstuhl und ließ Natascha und den alten Grafen zu sich rufen.

»Na also, meine Freunde«, begann sie, »jetzt habe ich die ganze Sache überdacht, und nun sollt ihr meinen Rat haben. Wie ihr wißt, war ich gestern bei dem Fürsten Nikolai; na ja, ich habe mit ihm geredet … Er ließ sich beikommen, mich anzuschreien. Aber überschreien lasse ich mich nicht! Ich habe ihm gehörig meine Meinung gesagt!«

»Und wie hat er sich dazu gestellt?« fragte der Graf.

»Wie er sich dazu gestellt hat? Er ist ein Querkopf, will auf nichts hören; na, aber wozu sollen wir weiter darüber reden; wir haben das arme Mädchen so schon genug gequält«, sagte Marja Dmitrijewna. »Mein Rat ist nun aber der: erledigt hier eure Geschäfte und fahrt nach Hause, nach Otradnoje, und wartet dort das weitere ab …«

»Ach nein!« rief Natascha.

»Doch, doch! Fahrt nach Hause und wartet dort das weitere ab«, sagte Marja Dmitrijewna noch einmal. »Wenn der Bräutigam jetzt während eurer Anwesenheit hier eintrifft, so ist ein arger Zank unvermeidlich; wenn er aber mit dem Alten hier allein ist, so kann er alles mit ihm besprechen und dann zu euch kommen.«

Ilja Andrejewitsch stimmte diesem Vorschlag bei, da er ihn sofort als einen durchaus verständigen erkannte. Wenn der alte Fürst sich milder stimmen ließ, so konnten sie später mit besserer Aussicht auf Erfolg entweder wieder nach Moskau oder auch nach Lysyje-Gory zu ihm fahren; wenn nicht, so konnte eine wider seinen Willen stattfindende Trauung nur in Otradnoje vollzogen werden.

»Das ist durchaus richtig«, sagte er. »Es tut mir nur leid, daß ich ihn überhaupt hier aufgesucht und ihm meine Tochter zugeführt habe.«

»Nicht doch! Das brauchst du dir nicht leid sein zu lassen. Da ihr einmal hier wart, mußtet ihr ihm notwendig eure Aufwartung machen. Aber wenn er nun nicht will, so ist das seine Sache«, erwiderte Marja Dmitrijewna, während sie etwas in ihrem Ridikül suchte. »Die Aussteuer ist ja auch in der Hauptsache fertig; worauf wollt ihr noch warten? Und was noch nicht fertig ist, das schicke ich euch hin. Es tut mir zwar leid, euch nicht länger bei mir zu haben; aber es ist das beste; also reist mit Gott.«

Als sie in ihrem Ridikül gefunden hatte, was sie suchte, reichte sie es Natascha hin; es war ein Brief von Prinzessin Marja.

»Sie schreibt an dich. Wie sie sich mit ihren Gedanken quält, die Ärmste! Sie fürchtet, du könntest denken, daß sie dich nicht lieb hätte.«

»Sie hat mich auch nicht lieb«, entgegnete Natascha.

»Unsinn! Rede nicht so etwas!« rief Marja Dmitrijewna.

»Das soll mir niemand einreden; ich weiß, daß sie mich nicht lieb hat«, erwiderte Natascha dreist, indem sie den Brief hinnahm, und ihr Gesicht nahm den Ausdruck einer kalten, ingrimmigen Entschlossenheit an, wodurch sich Marja Dmitrijewna veranlaßt sah, sie schärfer anzublicken und die Stirn zu runzeln.

»So darfst du nicht antworten, mein Kind«, sagte sie. »Was ich sage, ist die Wahrheit. Du mußt ihr auf ihren Brief eine Erwiderung schreiben.«

Natascha antwortete nicht und ging auf ihr Zimmer, um den Brief der Prinzessin Marja zu lesen.

Prinzessin Marja schrieb, sie sei in Verzweiflung über das zwischen ihnen vorgefallene Mißverständnis. Welches auch die Gefühle ihres Vaters sein möchten, schrieb Prinzessin Marja, so bäte sie doch Natascha zu glauben, daß ihr Herz sie antreibe, sie als die Auserwählte ihres Bruders zu lieben, für dessen Glück sie jedes Opfer zu bringen bereit sei.

»Glauben Sie übrigens nicht«, schrieb sie, »daß mein Vater Ihnen abgeneigt wäre. Er ist ein kranker, alter Mann, mit dem man Nachsicht haben muß; aber er ist gut und großherzig und wird diejenige, die seinen Sohn glücklich macht, lieben.« Ferner bat Prinzessin Marja, Natascha möchte eine Zeit bestimmen, wo sie einander wiedersehen könnten.

Nachdem Natascha den Brief durchgelesen hatte, setzte sie sich an den Schreibtisch, um eine Antwort zu schreiben. Schnell und mechanisch schrieb sie die Überschrift »Teure Prinzessin!« hin; aber dann hielt sie inne. Was konnte sie nach dem, was gestern geschehen war, noch weiterschreiben? »Ja, ja, das ist alles einmal gewesen, und jetzt ist alles anders«, dachte sie, während sie über den angefangenen Brief gebeugt dasaß. »Ich muß ihm eine Absage schreiben. Muß ich das wirklich? Es ist furchtbar …!« Und um von diesen entsetzlichen Gedanken loszukommen, ging sie zu Sonja und suchte mit ihr Stoffmuster aus.

Nach dem Mittagessen begab sich Natascha wieder auf ihr Zimmer und nahm von neuem den Brief der Prinzessin Marja zur Hand. »Ist alles wirklich jetzt schon zu Ende?« dachte sie. »Hat sich das alles wirklich so schnell zugetragen und alles Frühere vernichtet?« Sie rief sich ihre Liebe zum Fürsten Andrei in all ihrer früheren Kraft ins Gedächtnis zurück und wurde sich gleichzeitig bewußt, daß sie Kuragin liebte. Sie stellte es sich lebhaft vor, wie sie die Frau des Fürsten Andrei sein würde; sie vergegenwärtigte sich das Bild des Glückes an seiner Seite, das ihre Einbildungskraft ihr so oft schon vorgeführt hatte; und gleichzeitig erinnerte sie sich, vor Aufregung erglühend, an alle Einzelheiten ihres gestrigen Zusammenseins mit Anatol.

»Aber warum könnte nicht beides zugleich sein?« fragte sie sich ab und zu in völliger Geistesverwirrung. »Nur dann würde ich ganz glücklich sein; aber jetzt muß ich wählen und kann nicht glücklich sein, wenn ich einen von beiden entbehren muß. Aber«, dachte sie weiter, »das Geschehene dem Fürsten Andrei zu sagen und es ihm zu verbergen, ist gleich unmöglich. Nur daß, wenn ich es ihm verberge, noch nichts verdorben ist. Kann ich denn wirklich auf immer von diesem Glück der Liebe des Fürsten Andrei Abschied nehmen, von diesem Glück, mit dem ich so lange gelebt habe?«

»Gnädiges Fräulein«, sagte ein Dienstmädchen, das ins Zimmer trat, flüsternd mit geheimnisvoller Miene. »Ein Mann hat mir gesagt, ich möchte Ihnen das hier übergeben.« Das Mädchen reichte ihr einen Brief. »Ich sollte es Ihnen nur ja heimlich …«, fügte das Mädchen noch hinzu, während Natascha schon gedankenlos mit einer mechanischen Bewegung das Siegel erbrach und den Brief, einen Liebesbrief Anatols, zu lesen anfing, von dem sie, ohne den Inhalt der Worte zu fassen, nur das eine verstand, daß es ein Brief von ihm war, von dem Mann, den sie liebte. »Ja, ich liebe ihn«, sagte sie sich. »Wie hätte sich auch sonst das ereignen können, was sich ereignet hat? Könnte ich etwa sonst einen Liebesbrief von ihm in den Händen halten?«

Mit zitternden Händen hielt Natascha diesen leidenschaftlichen Liebesbrief, welchen Dolochow für Anatol verfaßt hatte, und glaubte beim Lesen in ihm einen Widerhall aller ihrer eigenen Gefühle zu finden.

»Am gestrigen Abend«, begann der Brief, »hat sich mein Geschick entschieden: ich muß Ihre Liebe gewinnen oder sterben. Einen anderen Ausweg gibt es für mich nicht.« Weiter schrieb Anatol, er wisse, daß ihre Angehörigen sie ihm nicht geben würden; es seien dafür geheime Gründe vorhanden, die er nur ihr allein enthüllen könne; aber wenn sie ihn liebe, so brauche sie nur das eine Wort »Ja« zu sagen, und keine menschliche Macht werde sie beide hindern, glücklich zu sein. Die Liebe überwinde alles. Er werde sie entführen und mit ihr bis ans Ende der Welt gehen.

»Ja, ja, ich liebe ihn!« dachte Natascha, als sie den Brief zum zwanzigsten Male las und in jedem Wort einen besonderen tiefen Sinn suchte.

An diesem Abend fuhr Marja Dmitrijewna auf Besuch zu Archarows und forderte die beiden jungen Mädchen auf mitzukommen. Aber Natascha blieb unter dem Vorwand, daß sie Kopfschmerzen habe, zu Hause.


XV


Als Sonja spät am Abend zurückkam und in Nataschas Zimmer trat, fand sie diese zu ihrer Verwunderung angekleidet auf dem Sofa schlafend. Neben ihr auf dem Tisch lag Anatols geöffneter Brief. Sonja nahm ihn in die Hand und begann ihn zu lesen.

Sie las und blickte die schlafende Natascha an, um auf deren Gesicht eine Erklärung für das, was sie da las, zu suchen, fand aber eine solche Erklärung nicht. Nataschas Gesicht sah still, sanft und glücklich aus. Blaß, vor Angst und Aufregung zitternd, griff sich Sonja nach der Brust, um nicht zu ersticken, setzte sich auf einen Stuhl und brach in Tränen aus.

»Wie ist es nur möglich, daß ich nichts davon gemerkt habe? Wie konnte die Sache sich so weit entwickeln? Hat sie wirklich aufgehört, den Fürsten Andrei zu lieben? Und wie konnte sie diesen Kuragin so weit kommen lassen? Er ist ein Betrüger, ein Schurke; das liegt auf der Hand. Was wird Nikolai, der gute, edle Nikolai, sagen, wenn er das erfährt? Das bedeutete also ihre aufgeregte, entschlossene, gekünstelte Miene vorgestern, gestern und heute!« dachte Sonja. »Aber es ist unmöglich, daß sie diesen Menschen lieben sollte! Gewiß hat sie diesen Brief erbrochen, ohne zu wissen, von wem er kam. Gewiß hat sie sich verletzt gefühlt. Das kann sie nicht tun!«

Sonja wischte sich die Tränen ab, trat wieder zu Natascha hin und betrachtete ihr Gesicht.

»Natascha!« sagte sie kaum hörbar.

Natascha wachte auf und blickte Sonja an.

»Nun, bist du zurückgekommen?«

Sie umarmte ihre Freundin mit jener energischen Zärtlichkeit, wie sie den ersten Augenblicken nach dem Aufwachen eigen ist; aber als sie den Ausdruck der Bestürzung auf Sonjas Gesicht gewahrte, malte sich auch auf ihrem Gesicht Bestürzung und Argwohn.

»Hast du den Brief gelesen, Sonja?« fragte sie.

»Ja«, antwortete Sonja leise.

Natascha lächelte schwärmerisch.

»Nein, ich kann es nicht mehr vor dir verbergen, Sonja!« sagte sie. »Ich kann es nicht mehr vor dir verbergen. Du weißt nun, daß wir uns lieben …! Sonja, liebste Sonja, er schreibt … Sonja …«

Sonja blickte, als traute sie ihren Ohren nicht, Natascha mit weitgeöffneten Augen an.

»Und Bolkonski?« fragte sie.

»Ach, Sonja, ach, wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin!« sagte Natascha. »Du weißt nicht, was Liebe ist …«

»Aber Natascha, ist denn das Frühere alles zu Ende?«

Natascha blickte Sonja mit großen Augen an, als ob sie ihre Frage gar nicht verstände.

»Wie? Du willst dich von dem Fürsten Andrei lossagen?« fragte Sonja.

»Ach, du verstehst ja gar nichts davon; rede doch keine Dummheiten, hör nur mal zu!« rief Natascha, plötzlich ärgerlich werdend.

»Nein, ich kann es nicht glauben«, sagte Sonja wieder. »Ich begreife es nicht. Wie hast du nur ein ganzes Jahr lang einen Mann lieben können, und auf einmal … Du hast ja diesen Menschen nur dreimal gesehen. Natascha, ich glaube dir nicht; du machst Spaß. In drei Tagen alles zu vergessen und so …«

»In drei Tagen!« erwiderte Natascha. »Mir ist, als liebte ich ihn seit hundert Jahren! Mir ist, als hätte ich vor ihm nie einen Menschen geliebt! Du kannst das eben nicht verstehen. Warte mal, Sonja, setz dich her.« Natascha umarmte und küßte sie.

»Ich habe mir sagen lassen, daß dergleichen manchmal vorkommt, und du hast davon gewiß auch gehört; aber erst jetzt habe ich diese Liebe an mir selbst kennengelernt. Es ist etwas ganz anderes, als was ich früher kannte. Sowie ich ihn erblickte, fühlte ich, daß er mein Herr ist und ich seine Sklavin, und daß ich gar nicht anders kann als ihn lieben. Ja, seine Sklavin! Was er mir befiehlt, das tue ich. Du hast dafür kein Verständnis. Was soll ich machen? Was soll ich machen, Sonja?« fragte Natascha mit glückseliger und dabei doch ängstlicher Miene.

»Aber bedenke doch, was du tust«, erwiderte Sonja. »Ich kann das nicht so geschehen lassen. Diese geheime Korrespondenz … Wie konntest du ihn nur so weit kommen lassen?« sagte sie erschrocken und mit einem Abscheu, den sie nur mit Mühe verbarg.

»Ich habe dir schon gesagt«, entgegnete Natascha, »daß ich keinen eigenen Willen mehr habe. Kannst du denn das nicht verstehen: ich liebe ihn!«

»Aber ich werde das nicht so weitergehen lassen, ich werde es erzählen!« rief Sonja, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen.

»Um Gottes willen, was redest du da! Wenn du es erzählst, bist du meine Feindin!« rief Natascha. »Du willst mein Unglück; du willst, daß man uns trennt …«

Als Sonja diese Angst Nataschas sah, flossen ihr die Tränen noch stärker, aus Scham für ihre Freundin und aus Mitleid mit ihr.

»Aber was ist denn zwischen euch beiden vorgegangen?« fragte sie. »Was hat er zu dir gesagt? Warum kommt er nicht hierher ins Haus?«

Natascha gab auf ihre Fragen keine Antwort.

»Um Gottes willen, Sonja, sage es niemandem, quäle mich nicht«, bat sie. »Du mußt doch wissen, daß man sich in solche Dinge nicht mischen darf. Ich habe es dir offenbart …«

»Aber wozu diese Heimlichkeit? Warum kommt er nicht hierher ins Haus?« fragte Sonja nochmals. »Warum bewirbt er sich nicht offen um deine Hand? Fürst Andrei hat dir ja für solche Fälle völlige Freiheit gelassen. Aber ich traue diesem Menschen nicht: Natascha, hast du wohl auch überlegt, was das für geheime Gründe sein können?«

Natascha blickte Sonja mit erstaunten Augen an. Offenbar trat ihr diese Frage zum erstenmal entgegen, und sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Was das für Gründe sind, weiß ich nicht. Aber Gründe sind jedenfalls vorhanden!«

Sonja seufzte und wiegte argwöhnisch den Kopf hin und her.

»Wenn Gründe vorhanden wären …«, begann sie.

Aber Natascha, die ihr Mißtrauen erriet, unterbrach sie erschrocken.

»Sonja, an ihm zu zweifeln ist Sünde! Sünde, Sünde, verstehst du wohl?« rief sie.

»Liebt er dich?«

»Ob er mich liebt?« wiederholte Natascha die Frage mit einem Lächeln des Bedauerns über die geringe Fassungskraft ihrer Freundin. »Du hast ja den Brief gelesen und hast ihn selbst gesehen.«

»Aber wenn er ein unehrenhafter Mensch ist?«

»Er …! Er ein unehrenhafter Mensch? Wenn du ihn kenntest!« erwiderte Natascha.

»Wenn er ein ehrenhafter Mensch wäre, so müßte er entweder seine Absicht offen kundtun oder darauf verzichten, mit dir weiter zusammenzukommen; und was ich tun werde, wenn du es nicht selbst tun willst, ist dies: ich werde an ihn schreiben und werde es deinem Papa sagen«, erklärte Sonja in entschlossenem Ton.

»Aber ich kann ohne ihn nicht leben!« rief Natascha.

»Natascha, ich verstehe dich gar nicht. Was redest du nur! So denke doch an deinen Vater und an Nikolai!«

»Ich will von niemandem etwas wissen; ich liebe niemand als ihn. Wie darfst du sagen, er sei unehrenhaft? Weißt du denn nicht, daß ich ihn liebe?« rief Natascha. »Geh hinaus, Sonja! Ich möchte mich mit dir nicht überwerfen, geh hinaus, um Gottes willen, geh hinaus; du siehst, wie schwer ich leide!« rief Natascha gereizt, obwohl sie sich bemühte, ihren zornigen, verzweiflungsvollen Ton zu mäßigen. Aufschluchzend stürzte Sonja aus dem Zimmer hinaus.

Natascha setzte sich an den Schreibtisch, und ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, schrieb sie an Prinzessin Marja jenen Antwortbrief, den sie den ganzen Vormittag über nicht hatte schreiben können. In diesem Brief teilte sie der Prinzessin Marja kurz mit, alle Mißverständnisse zwischen ihnen seien beendet; sie wolle von der hochherzigen Erlaubnis des Fürsten Andrei Gebrauch machen, der ihr bei seiner Abreise volle Freiheit zu handeln gelassen habe, und bitte sie, alles Vorgefallene zu vergessen und ihr zu verzeihen, wenn sie ihr ein Unrecht zugefügt habe; aber sie könne nicht die Frau des Fürsten Andrei werden. Alles dies erschien ihr in diesem Augenblick so leicht und einfach und klar.


Auf den Freitag war die Heimreise der Rostows nach ihrem Gut angesetzt; am Mittwoch aber fuhr der Graf mit einem Käufer nach seinem Landhaus in der Nähe der Stadt.

Für den Tag, an dem der Graf abreiste, waren Sonja und Natascha zu einem großen Diner bei Karagins eingeladen, und Marja Dmitrijewna begleitete sie. Bei diesem Diner traf Natascha wieder mit Anatol zusammen, und Sonja bemerkte, daß Natascha einmal mit ihm redete und sich dabei bemühte, von andern nicht gehört zu werden, und daß sie während des ganzen Diners noch aufgeregter war als vorher. Als sie nach Hause zurückgekehrt waren, begann Natascha von selbst ihrer Freundin die Eröffnung zu machen, welche diese erwartete.

»Siehst du wohl, Sonja, du hast allerlei törichtes Zeug über ihn gesagt«, begann Natascha in sanftem Ton, in dem Ton, in dem Kinder reden, wenn sie gern gelobt werden möchten. »Wir haben uns heute miteinander ausgesprochen.«

»Nun, wie steht es denn also? Was hat er gesagt? Wie freue ich mich, Natascha, daß du nicht auf mich böse bist! Sage mir alles, die ganze Wahrheit. Was hat er gesagt?«

Natascha überließ sich einen Augenblick ihren Gedanken.

»Ach, Sonja, wenn du ihn so kenntest, wie ich ihn kenne! Er sagte … Er fragte mich, in welcher Form ich mit Bolkonski verlobt wäre, und freute sich, als er hörte, daß es von mir abhinge, wieder zurückzutreten.«

Sonja stieß einen traurigen Seufzer aus.

»Aber du hast doch an Bolkonski keine Absage geschickt?« sagte sie.

»Vielleicht habe ich es wirklich getan! Vielleicht ist mit Bolkonski alles zu Ende. Warum denkst du, daß meine Handlungsweise schlecht ist?«

»Ich denke gar nichts; ich verstehe nur nicht …«

»Warte, Sonja, du wirst alles verstehen. Du wirst sehen, was er für ein Mann ist. Denke nichts Schlechtes, weder von mir noch von ihm.«

»Ich denke von niemandem Schlechtes; ich habe euch alle lieb und bin betrübt, wenn euch Schlimmes begegnet. Aber was soll ich tun?«

Sonja ging nicht auf den zärtlichen Ton ein, in welchem Natascha zu ihr redete. Je weicher und schmeichelnder Nataschas Miene war, um so ernster und strenger wurde Sonjas Gesichtsausdruck.

»Natascha«, sagte sie, »du hast mich gebeten, nicht mit dir darüber zu sprechen, und ich habe es auch nicht getan; jetzt hast du selbst davon angefangen. Natascha, ich traue ihm nicht. Wozu diese Heimlichkeit?«

»Also doch wieder, doch wieder!« unterbrach Natascha sie.

»Natascha, ich ängstige mich um dich.«

»Was fürchtest du denn?«

»Ich fürchte, daß du dich ins Verderben stürzest«, antwortete Sonja in festem Ton und erschrak selbst über das, was sie gesagt hatte.

Nataschas Gesicht nahm wieder einen zornigen Ausdruck an.

»Nun, wenn ich mich denn in mein Verderben stürze, dann will ich es so schnell wie möglich tun. Das ist nicht eure Sache. Den Schaden davon werdet nicht ihr haben, sondern ich. Laß mich, laß mich. Ich hasse dich!«

»Natascha!« rief Sonja erschrocken.

»Ich hasse dich, ich hasse dich! Du bist fürs ganze Leben meine Feindin!«

Natascha lief aus dem Zimmer.

Natascha sprach nicht mehr mit Sonja und wich ihr aus. Sie ging, immer mit dem gleichen Ausdruck aufgeregten Staunens und bedrückenden Schuldbewußtseins, durch die Zimmer und griff bald nach dieser, bald nach jener Beschäftigung, um sie sofort wieder hinzuwerfen.

So schwer es Sonja auch wurde, so beobachtete sie doch ihre Freundin fortwährend, ohne ein Auge von ihr zu wenden.

An dem Tag, der demjenigen vorausging, an welchem der Graf zurückerwartet wurde, bemerkte Sonja, daß Natascha den ganzen Vormittag über im Salon am Fenster saß, als ob sie auf etwas wartete, und daß sie einem vorbeireitenden Offizier, in welchem Sonja Anatol zu erkennen glaubte, ein Zeichen machte.

Sonja begann, ihre Freundin noch schärfer zu beobachten, und bemerkte, daß Natascha während des ganzen Mittagessens und Abends sich in einem seltsamen, unnatürlichen Gemütszustand befand: sie gab auf Fragen, die an sie gerichtet wurden, schiefe Antworten, begann Sätze, ohne sie zu Ende zu sprechen, und lachte über alles.

Nach dem Tee sah Sonja, daß ein verlegenes Stubenmädchen an Nataschas Tür auf diese wartete. Sonja ließ beide unbehelligt hineingehen, horchte dann aber an der Tür und vernahm, daß wieder ein Brief abgegeben wurde.

Und plötzlich wurde es ihr klar, daß Natascha irgendeinen furchtbaren Plan für den heutigen Abend vorhatte. Sonja klopfte bei ihr an; aber Natascha ließ sie nicht ein.

»Sie will mit ihm fliehen!« dachte Sonja. »Sie ist zu allem fähig. Heute hatte ihr Gesicht einen besonders trüben, entschlossenen Ausdruck. Und als sie gestern von dem Onkel Abschied nahm, brach sie in Tränen aus«, erinnerte sich Sonja. »Ja, es ist sicher, sie will mit ihm fliehen – aber was soll ich tun?« dachte Sonja, die sich jetzt alle Anzeichen ins Gedächtnis zurückrief, aus denen deutlich hervorging, daß Natascha irgend etwas Schreckliches vorhaben müsse. »Der Onkel ist nicht da. Was soll ich tun: an Kuragin schreiben und von ihm eine Erklärung verlangen? Aber wer zwingt ihn, zu antworten? Oder soll ich an Pierre schreiben, wie mir das Fürst Andrei im Fall eines Unglücks aufgetragen hat …? Aber vielleicht hat sie dem Fürsten Andrei wirklich schon eine Absage geschrieben (sie hat gestern einen Brief an Prinzessin Marja abgeschickt) …« Es Marja Dmitrijewna zu sagen, die so große Stücke von Natascha hielt, das war für Sonja ein gar zu schrecklicher Gedanke. »Aber ob nun so oder anders«, dachte Sonja, während sie auf dem dunklen Korridor stand, »jetzt oder nie ist der Augenblick gekommen, wo ich zeigen muß, daß ich die von der Familie empfangenen Wohltaten in dankbarem Gedächtnis bewahre und Nikolai liebe. Nein, und wenn ich drei Nächte lang nicht schlafen sollte, ich weiche nicht aus diesem Korridor und hindere sie mit Gewalt und dulde nicht, daß Schande über die Familie gebracht werde.«


XVI


Anatol war vor einiger Zeit zu Dolochow übergesiedelt. Der Plan, die Komtesse Rostowa zu entführen, war schon vor einigen Tagen von Dolochow entworfen und vorbereitet worden, und an dem Tag, als Sonja an Nataschas Tür gelauscht und beschlossen hatte, ihre Freundin zu überwachen, sollte dieser Plan zur Ausführung gebracht werden. Natascha hatte versprochen, um zehn Uhr zu Kuragin an die Hintertür hinauszukommen. Kuragin sollte sie in einen bereitstehenden dreispännigen Schlitten setzen und mit ihr sechzig Werst weg von Moskau nach dem Dorf Kamenka fahren, wo ein abgesetzter Pope bereitstand, der sie beide trauen sollte. In Kamenka waren Relaispferde bestellt, mit denen sie an die Warschauer Chaussee fahren wollten, und von dort wollten sie sich mit Postpferden so schnell wie möglich ins Ausland begeben.

Anatol besaß einen Paß und einen Reiseschein für die Post, ferner zehntausend Rubel, die ihm seine Schwester gegeben, und zehntausend, die er sich durch Dolochows Vermittlung geborgt hatte.

Die beiden Trauzeugen, ein ehemaliger Gerichtsschreiber Chwostikow, von dessen Beihilfe Dolochow beim Spiel Gebrauch machte, und ein entlassener Husar namens Makarin, ein gutmütiger, schwacher Mensch, der mit grenzenloser Liebe an Kuragin hing, saßen im vordersten Zimmer und tranken Tee.

In seinem großen Wohnzimmer, dessen Wände von unten bis oben mit persischen Teppichen, Bärenfellen und Waffen geschmückt waren, saß Dolochow, mit Stiefeln und in einer Reisejoppe, vor dem offenen Schreibtisch, auf welchem ein Blatt mit Zahlen und mehrere Banknotenpäckchen lagen. Anatol kam in aufgeknöpfter Uniform aus dem Zimmer, in welchem die Trauzeugen saßen, und ging durch das Wohnzimmer hindurch nach der Hinterstube, wo sein französischer Kammerdiener mit Hilfe anderer Bedienter die letzten Sachen einpackte. Dolochow zählte Geld und machte Notizen.

»Na also«, sagte er. »Diesem Chwostikow müssen wir zweitausend Rubel geben.«

»Na, dann gib sie ihm«, erwiderte Anatol.

»Makarin geht ohne Entgelt für dich durchs Feuer. Na, dann ist die Berechnung fertig«, sagte Dolochow und hielt ihm das Blatt mit den Zahlen hin. »Einverstanden?«

»Ja, selbstverständlich einverstanden«, antwortete Anatol, der offenbar gar nicht auf Dolochow hörte und mit einem steten, unveränderlichen Lächeln vor sich hinblickte.

Dolochow schlug die Klappe des Schreibtisches zu und wandte sich mit einem spöttischen Lächeln zu Anatol.

»Weißt du was?« sagte er. »Gib diese ganze Geschichte auf. Noch ist es Zeit!«

»Du Dummkopf!« erwiderte Anatol. »Rede nicht solchen Unsinn. Wenn du wüßtest … Weiß der Teufel, ich habe diesmal doch eine ganz eigene Empfindung!«

»Im Ernst, laß es bleiben«, sagte Dolochow. »Mein Rat ist vernünftig. Meinst du etwa, daß das, was du da eingefädelt hast, ein Spaß ist?«

»Ach, diese ewigen Hänseleien! Geh zum Teufel!« rief Anatol, ärgerlich die Stirn runzelnd. »Ich bin wirklich nicht in der Stimmung, deine albernen Späße anzuhören!« Er verließ das Zimmer.

Dolochow lächelte mit einer Art von nachsichtiger Geringschätzung, als Anatol hinausging.

»Warte mal«, rief er ihm nach, »ich scherze nicht; ich rede im Ernst. Komm mal her!«

Anatol kam wieder ins Zimmer und blickte, bemüht, seine Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand zu konzentrieren, Dolochow unverwandt an, dessen Willen er sich offenbar unwillkürlich fügte.

»Hör mir mal zu, ich sage es dir zum letztenmal. Warum sollte ich denn mit dir Scherz treiben? Habe ich dir etwa bei dieser Sache etwas in den Weg gelegt? Wer hat alles für dich arrangiert, einen Popen ausfindig gemacht, dir einen Paß besorgt und Geld beschafft? Alles habe ich getan, ich.«

»Na, dafür bin ich dir auch dankbar. Meinst du, daß ich das nicht anerkenne?« Anatol seufzte und umarmte Dolochow.

»Ich bin dir behilflich gewesen; aber bei alledem muß ich dir doch die Wahrheit sagen: es ist ein gefährliches und, genau besehen, ein dummes Unternehmen. Na also, du entführst sie, gut. Wird man dir das so einfach durchgehen lassen? Es wird herauskommen, daß du schon verheiratet bist. Vors Kriminalgericht wirst du gestellt werden …«

»Ach, Dummheiten, Dummheiten!« rief Anatol und runzelte wieder die Stirn. »Ich habe dir die Sache ja doch schon auseinandergesetzt, nicht wahr?« Und mit jener besonderen Vorliebe, die beschränkte Menschen häufig für logische Schlüsse haben, zu denen ihr Verstand noch gerade ausreicht, wiederholte er die Beweisführung, die er seinem Freund Dolochow schon hundertmal vorgetragen hatte: »Ich habe dir die Sache ja doch schon auseinandergesetzt; ich sage so: wenn die jetzt zu schließende Ehe ungültig ist« (hier bog er einen Finger ein), »dann habe ich natürlich nichts zu verantworten; na, und wenn sie gültig ist, dann ist es auch ganz egal, denn im Ausland wird niemand etwas davon wissen. Na, das ist doch richtig? Dagegen ist doch nichts zu sagen!«

»Im Ernst, laß die Sache bleiben! Du bindest dich nur …«

»Scher dich zum Teufel!« rief Anatol; sich in die Haare greifend ging er in das andere Zimmer, kam aber gleich wieder zurück und setzte sich Dolochow nahe gegenüber auf einen Lehnstuhl, auf den er auch die Beine hinaufzog. »Weiß der Teufel, was ich diesmal für eine Empfindung habe! Was meinst du dazu? Fühle mal, wie mein Herz schlägt!« Er faßte Dolochows Hand und legte sie sich auf das Herz. »Ach! Was für ein Füßchen, lieber Freund, und was für ein Blick! Eine Göttin!! Nicht wahr?«

Dolochow lächelte kalt, und seine schönen, frechen Augen begannen eigentümlich zu glänzen; so blickte er Anatol an, und es war klar, daß er sich noch weiter über ihn amüsieren wollte.

»Na, und wenn das Geld zu Ende ist, was dann?«

»Was dann?« wiederholte Anatol mit ungeheuchelter Verwunderung bei diesem Gedanken an die Zukunft. »Ja, was dann? Das weiß ich nicht zu sagen … Na, wozu sollen wir solchen Unsinn reden!« Er sah nach der Uhr. »Es ist Zeit!«

Er trat in die Tür nach der Hinterstube.

»Na, wird’s bald? Ihr trödelt ja hier ewig!« schrie er die Diener an.

Dolochow räumte das Geld vom Tisch weg, gab einem Diener den Befehl, ihnen vor der Abfahrt noch etwas zu essen und zu trinken zu geben, und ging dann in das Zimmer, wo Chwostikow und Makarin saßen.

Anatol legte sich im Wohnzimmer auf das Sofa, stützte sich auf den Ellbogen, lächelte in Gedanken versunken und flüsterte mit seinen schönen Lippen zärtliche Worte vor sich hin.

»Komm her und iß etwas! Und trink auch einen Schluck!« rief ihm Dolochow vom andern Zimmer her zu.

»Ich mag nicht!« antwortete Anatol, ohne sein Lächeln zu unterbrechen.

»Komm nur! Balaga ist auch schon da.«

Anatol stand auf und ging in das Eßzimmer. Balaga war ein bekannter Fuhrherr, der schon seit sechs Jahren mit Dolochow und Anatol in Geschäftsverbindung stand und ihnen mit seinen Wagen zu Diensten war. Oftmals war er mit Anatol, als dessen Regiment noch in Twer stand, abends aus Twer abgefahren, hatte ihn um die Morgendämmerung nach Moskau gebracht und ihn dann in der folgenden Nacht wieder zurückgefahren. Oftmals hatte er Dolochow durch schnelle Fahrt vor Verfolgung in Sicherheit gebracht. Oftmals hatte er sie mit Zigeunern und »sonen Damen«, wie Balaga sich ausdrückte, in der Stadt herumkutschiert. Oftmals hatte er bei solchen Fahrten Menschen überfahren und Droschken umgestoßen, und immer hatten ihm dann »seine Herren«, wie er sie nannte, aus der Klemme geholfen. Gar manches Pferd hatte er, wenn er sie fuhr, zu Tode gejagt. Oftmals hatten sie ihn geprügelt, oftmals ihm Champagner und (sein Lieblingsgetränk!) Madeira zu trinken gegeben, und er wußte von jedem der beiden manchen schlimmen Streich, der einem gewöhnlichen Menschen schon längst die Verbannung nach Sibirien eingetragen hätte. Zu ihren Gelagen zogen sie Balaga häufig mit heran und ließen ihn bei den Zigeunern mittrinken und mittanzen; sie behandelten ihn dabei als Vertrauensmann, und manches Tausend Rubel ihres Geldes war schon durch seine Hände gegangen. Wenn er sie fuhr, riskierte er zwanzigmal im Jahr seine Haut und sein Leben, und die Pferde, die er in ihrem Dienst zugrunde richtete, waren mehr wert, als was sie ihm für die Fahrten bezahlten. Aber er hatte die beiden Herren gern und liebte dieses unsinnige Fahren, achtzehn Werst in der Stunde, und hatte seine Freude daran, eine Droschke umzustoßen und einen Fußgänger zu überfahren und in vollem Galopp durch die Straßen Moskaus dahinzujagen. Es machte ihm Vergnügen, hinter sich den wilden Ruf seiner betrunkenen Fahrgäste: »Schneller, schneller!« zu hören, wo doch eine Steigerung der Geschwindigkeit überhaupt nicht mehr möglich war; es war ihm eine Lust, dem Bauer, der so schon halbtot vor Schreck zur Seite sprang, einen kräftigen Peitschenhieb über den Nacken zu versetzen. »Echte Herren!« dachte er.

Anatol und Dolochow ihrerseits hatten Balaga ebenfalls gern, sowohl wegen seines meisterhaften Fahrens, als auch weil er dieselben Passionen hatte wie sie. Mit anderen Leuten einigte sich Balaga vorher über den Preis, nahm fünfundzwanzig Rubel für eine zweistündige Fahrt und fuhr mit anderen nur selten persönlich, sondern schickte meistens seine Kutscher. Aber mit seinen Herren, wie er sie nannte, fuhr er immer selbst und stellte nie eine Forderung für seine Leistung. Nur kam er so etwa alle paar Monate einmal, wenn er durch die Kammerdiener erfahren hatte, daß Geld vorhanden war, frühmorgens in nüchternem Zustand zu ihnen und bat unter tiefen Verbeugungen, ihm aus der Not zu helfen. Die Herren nötigten ihn dabei immer zum Sitzen.

»Helfen Sie mir, Väterchen Fjodor Iwanowitsch«, oder: »Euer Durchlaucht«, sagte er. »Ich habe so gut wie gar keine Pferde mehr. Schießen Sie mir vor, soviel Sie gerade können, damit ich auf dem Jahrmarkt welche kaufen kann.«

Und dann gaben ihm Anatol und Dolochow, wenn sie bei Geld waren, jeder tausend oder zweitausend Rubel.

Balaga hatte dunkelblondes Haar, ein rotes Gesicht und namentlich einen roten, dicken Hals, eine untersetzte Gestalt, eine aufgestülpte Nase, glänzende kleine Augen und ein kleines Bärtchen; sein Lebensalter mochte etwa siebenundzwanzig Jahre betragen. Er trug einen feinen, blauen, mit Seide gefütterten langen Rock, den er über seinen Halbpelz angezogen hatte.

Er bekreuzte sich vor dem Heiligenbild in der Ecke des Zimmers und trat auf Dolochow zu, indem er ihm seine kleine, schwarze Hand entgegenstreckte.

»Ergebenster Diener, Fjodor Iwanowitsch«, sagte er mit einer Verbeugung.

»Guten Abend, Bruder. Nun, da ist er ja auch.«

»Guten Abend, Euer Durchlaucht«, sagte Balaga zu dem eintretenden Anatol und reichte ihm ebenfalls die Hand.

»Ich frage dich, Balaga«, begann Anatol, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte. »Hast du mich lieb oder nicht? Wie? Du sollst mir jetzt einen großen Dienst erweisen … Mit welchen Pferden bist du hergekommen?«

»Wie der Bote bestellt hat, mit euren, mit den wilden Durchgängern«, antwortete Balaga.

»Na, dann höre mal, Balaga! Peitsche das ganze Dreigespann zu Tode; aber sorge dafür, daß wir in drei Stunden da sind. Verstanden?«

»Wenn ich die Pferde totpeitsche, womit sollen wir dann fahren?« erwiderte Balaga, mit den Augen zwinkernd.

»Na, mach keine Späße, sonst zerschlage ich dir die Schnauze!« schrie Anatol auf einmal, ihn grimmig anblickend.

»Wie werde ich denn Späße machen!« sagte der Fuhrherr lächelnd. »Habe ich denn jemals für meine Herren die Pferde geschont? Wir werden fahren, so schnell sie nur irgend laufen können.«

»So ist’s recht!« erwiderte Anatol. »Na, setz dich.«

»Jawohl, setz dich hin!« sagte auch Dolochow.

»Ich kann ja stehen, Fjodor Iwanowitsch.«

»Unsinn, setz dich hin und trink!« sagte Anatol und goß ihm ein großes Glas Madeira ein.

Mit glitzernden Augen sah der Fuhrherr nach dem Wein hin. Nachdem er zuerst um des Anstandes willen abgelehnt hatte, trank er ihn aus und wischte sich mit einem rotseidenen Taschentuch, das er in seiner Mütze liegen hatte, den Mund ab.

»Nun also, wann fahren wir, Euer Durchlaucht?«

»Wir wollen jetzt gleich fahren«, erwiderte Anatol nach einem Blick auf die Uhr. »Gib dir rechte Mühe, Balaga. Wirst du auch zur bestimmten Zeit hinkommen?«

»Das kommt auf die Abfahrt an; wenn wir glücklich abfahren, warum sollten wir nicht zur rechten Zeit hinkommen? Als wir einmal von hier nach Twer fuhren, habe ich dich in sieben Stunden hingebracht. Erinnerst du dich wohl noch, Euer Durchlaucht?«

»Weißt du, ich fuhr einmal zu Weihnachten von Twer nach einem Gut«, sagte Anatol, dessen Gesicht bei dieser Erinnerung ein Lächeln überzog, zu Makarin, der ihn voller Rührung unverwandt anblickte. »Kannst du es glauben, Makarin, der Atem verging uns, so schnell flogen wir dahin. Wir fuhren in einen Zug Bauernschlitten hinein; über zwei Fuhren setzten wir hinüber. Was sagst du dazu?«

»Ja, das waren mal Pferde!« setzte Balaga die Erzählung fort. »Ich hatte damals zwei junge Seitenpferde zu dem hellbraunen Deichselpferd eingespannt«, wandte er sich an Dolochow. »Kannst du es glauben, Fjodor Iwanowitsch, sechzig Werst sausten die Biester nur so dahin; gar nicht zu halten waren sie; die Hände wurden mir starr, denn es war kalt. Ich warf die Zügel hin. ›Halte du sie, Euer Durchlaucht!‹ sagte ich; ich selbst fiel nur so in den Schlitten zurück. Von Antreiben war gar nicht die Rede: bis zum Ziel waren sie nicht zu halten. In drei Stunden brachten sie uns hin, die Teufelskanaillen. Nur das linke Seitenpferd krepierte daran.«


XVII


Anatol ging aus dem Zimmer und kehrte einige Minuten darauf in einem Pelz zurück, der von einem silbernen Gurt zusammengehalten wurde; auf dem Kopf trug er eine Zobelmütze, die, in kecker Art schief aufgesetzt, sehr gut zu seinem hübschen Gesicht paßte. Er besah sich im Spiegel, trat dann in derselben Haltung, die er vor dem Spiegel eingenommen hatte, vor Dolochow hin und ergriff ein Glas Wein.

»Na, Fjodor, leb wohl; ich danke dir für alles; leb wohl!« sagte Anatol. »Na, ihr Freunde und Kameraden …«, wandte er sich an Makarin und die andern und überlegte, was er weiter sagen sollte, »Freunde meiner Jugend, lebt wohl!«

Obgleich sie alle mit ihm mitfahren sollten, wollte Anatol offenbar doch diese Anrede an seine Kameraden zu einem rührenden, feierlichen Akt gestalten. Er sprach langsam, mit lauter Stimme, drückte die Brust heraus und schlenkerte mit dem einen Bein.

»Nehmt alle die Gläser in die Hand; auch du, Balaga. Nun, ihr Kameraden und Freunde meiner Jugend, wir haben lustig gelebt, das Leben genossen, wir haben lustig gelebt. Aber wann werden wir uns jetzt wiedersehen? Ich reise ins Ausland. Wir haben das Leben genossen; lebt wohl, Kinder! Auf euer Wohl! Hurra …!« sagte er, trank sein Glas aus und warf es auf den Boden.

»Bleibe gesund«, sagte Balaga, trank ebenfalls sein Glas aus und wischte sich den Mund mit seinem Taschentuch.

Makarin umarmte seinen geliebten Anatol mit Tränen in den Augen.

»Ach, Fürst, ich bin so traurig, daß ich von dir scheiden soll«, sagte er.

»Abfahren, abfahren!« rief Anatol.

Balaga wollte aus dem Zimmer gehen.

»Nein, warte noch!« sagte Anatol. »Mach die Tür zu; wir müssen uns noch einmal hinsetzen. Seht mal: so!«

Die Tür wurde zugemacht, und alle setzten sich.

»Na, nun vorwärts, Kinder!« sagte Anatol, indem er aufstand.

Der Kammerdiener Joseph reichte ihm den Säbel und ein Reisetäschchen, und alle gingen in das Vorzimmer hinaus.

»Aber wo ist der Pelz?« rief Dolochow. »He, Ignati! Geh schnell zu Matrona Matwjejewna und laß dir den Pelz geben, die Zobelsaloppe. Ich habe mir sagen lassen, wie man es bei Entführungen machen muß«, fuhr er fort, indem er die Augen zusammenkniff. »Sie stürzt also mehr tot als lebendig aus der Haustür, bloß in den Kleidern, die sie im Haus angehabt hat. Wenn man nun da einen Augenblick zögert, dann sind gleich die Tränen da, und sie seufzt nach Papachen und Mamachen und friert und will wieder zurück. Da muß man sie sofort in einen Pelz wickeln und in den Schlitten tragen.«

Der Diener brachte eine Frauensaloppe von Fuchspelz.

»Dummkopf, ich habe dir doch gesagt: den Zobelpelz. He, Matrona! Den Zobelpelz!« schrie er so laut, daß seine Stimme weithin durch alle Zimmer tönte.

Eine schöne, magere, blasse Zigeunerin mit glänzenden, schwarzen Augen und schwarzem, bläulich schimmerndem, krausem Haar kam mit einer Zobelsaloppe über dem Arm herbeigelaufen.

»Schön, schön, ich gebe sie gern her, nimm sie!« sagte sie; es war deutlich, daß es ihr leid tat, die Saloppe hingeben zu sollen, daß sie aber vor ihrem Herrn Angst hatte.

Dolochow nahm, ohne ihr zu antworten, den Pelz hin, hing ihn ihr um und wickelte sie darin ein.

»Siehst du, so mußt du es machen!« sagte er zu Anatol. »Und dann so!« fuhr er fort, indem er ihr den Kragen rings um den Kopf in die Höhe schlug, so daß nur vor dem Gesicht eine kleine Stelle offenblieb. »Und dann so! Siehst du wohl?« Dabei schob er Anatols Kopf an die Öffnung im Kragen heran, aus welcher Matronas Gesicht mit strahlendem Lächeln hervorlugte.


»Na, leb wohl, Matrona«, sagte Anatol und küßte sie. »Ach, mein fideles Leben hier ist nun zu Ende! Grüße Stjoschka von mir. Na, leb wohl! Leb wohl, Matrona; wünsche mir Glück zu meinem Unternehmen.«

»Nun, Gott möge dir viel Glück geben, Fürst!« sagte Matrona mit ihrem zigeunerhaften Beiklang.

Vor der Haustür standen zwei dreispännige Schlitten; zwei junge Kutscher hielten die Pferde. Balaga setzte sich auf den vordersten Schlitten und begann, die Ellbogen hoch in die Höhe hebend, ohne Übereilung die Zügel zu ordnen. Anatol und Dolochow stiegen zu ihm ein. Makarin, Chwostikow und der Kammerdiener setzten sich in den andern Schlitten.

»Fertig? Ja?« fragte Balaga.

»Los!« rief er, indem er sich die Zügel um die Hand wickelte, und der Schlitten schoß den Nikitski-Boulevard hinunter.

»Brr! He, weg da …! Brr …!« riefen Balaga und der junge Gehilfe neben ihm auf dem Kutschersitz; weiter wurde nichts gesprochen. Auf dem Arbatskaja-Platz stieß der Schlitten an eine Equipage, ein Krachen ertönte, man hörte einen Schrei, und der Schlitten flog die Arbat-Straße entlang.

Balaga fuhr den Podnowinski-Boulevard entlang und wieder zurück, mäßigte dabei den Lauf der Pferde und hielt auf der Rückfahrt bei der Kreuzung der Staraja-Konjuschennaja-Straße an. Der Gehilfe sprang hinab, um die Pferde am Zaum zu halten; Anatol und Dolochow traten auf das Trottoir. Als sie sich dem Tor genähert hatten, pfiff Dolochow. Ein Pfiff antwortete ihm, und gleich darauf kam das Stubenmädchen herausgelaufen.

»Kommen Sie herein auf den Hof; hier könnten Sie gesehen werden. Sie wird gleich herauskommen«, sagte sie.

Dolochow blieb am Tor stehen. Anatol folgte dem Stubenmädchen auf den Hof, bog um eine Ecke und lief die Stufen zur Hintertür hinauf.

Gawriil, Marja Dmitrijewnas Wagenlakai, ein Mensch von gewaltigem Wuchs, trat ihm entgegen.

»Bitte, sich zur gnädigen Frau zu bemühen!« sagte der Diener mit tiefer Stimme und vertrat dem Eingetretenen den Rückweg nach der Tür.

»Zu welcher gnädigen Frau? Und wer bist du?« fragte Anatol flüsternd mit stockendem Atem.

»Bitte, kommen Sie; ich habe Befehl, Sie hinzuführen.«

»Kuragin! Zurück!« rief Dolochow. »Verrat! Zurück!«

Dolochow rang bei dem Pförtchen am Tor, wo er stehengeblieben war, mit dem Hausknecht, welcher hinter dem eingetretenen Anatol das Pförtchen zuzuschließen versuchte. Mit äußerster Anstrengung stieß Dolochow den Hausknecht zurück, faßte Anatol, der über den Hof gelaufen kam, am Arm, zog ihn durch das Pförtchen hindurch auf die Straße und lief mit ihm zum Schlitten zurück.


XVIII


Marja Dmitrijewna hatte die verweinte Sonja auf dem Korridor getroffen und sie gezwungen, ihr alles zu gestehen. Nachdem sie ein Billett Nataschas aufgefangen und gelesen hatte, ging sie mit dem Billett in der Hand zu Natascha in deren Zimmer.

»Schändliche, Schamlose!« sagte sie zu ihr. »Ich will gar nichts weiter hören!«

Sie stieß Natascha, die sie mit erschrockenen, aber tränenlosen Augen ansah, zurück, schloß sie ein, befahl dem Hausknecht, die Männer, die heute abend kommen würden, ins Tor herein-, aber nicht wieder hinauszulassen, und dem Diener, diese Männer zu ihr zu führen, und setzte sich dann im Salon hin und erwartete die Entführer.

Als Gawriil mit der Meldung zu ihr kam, daß die beiden angekommenen Männer entronnen seien, stand sie mit finster zusammengezogenen Brauen auf, ging, die Hände auf den Rücken gelegt, lange in den Zimmern auf und ab und überlegte, was nun zu tun sei. Um Mitternacht fühlte sie nach dem Schlüssel in ihrer Tasche und ging nach Nataschas Zimmer. Sonja saß schluchzend auf dem Korridor. »Marja Dmitrijewna«, bat sie, »um Gottes willen, lassen Sie mich zu ihr!« Marja Dmitrijewna schloß, ohne ihr zu antworten, die Tür auf. »Eine garstige, widerwärtige Geschichte!« dachte sie. »In meinem Haus … So eine schändliche Dirne …! Mir tut nur der Vater leid!« Aber sie gab sich Mühe, ihren Zorn zu mäßigen. »So schwer es auch ist, werde ich doch allen befehlen, davon zu schweigen, und dem Grafen die ganze Sache verheimlichen.« Maria Dmitrijewna trat mit festen Schritten ins Zimmer. Natascha lag auf dem Sofa, das Gesicht mit den Händen verbergend, und rührte sich nicht. Sie lag noch in derselben Haltung da, in welcher Marja Dmitrijewna sie verlassen hatte.

»Eine nette Person bist du ja, eine sehr nette Person!« sagte Marja Dmitrijewna. »Gibt sich in meinem Haus Rendezvous mit Liebhabern! Daß du dich verstellst, hat keinen Zweck. Hör zu, wenn ich mit dir rede.« Marja Dmitrijewna faßte sie an den Arm. »Hör zu, wenn ich rede. Du hast dich entehrt wie die niedrigste Dirne. Ich würde mit dir verfahren, wie du es verdienst, wenn mir nicht dein Vater leid täte. Ich werde die Sache nicht bekanntwerden lassen.«

Natascha änderte ihre Lage nicht; nur begann ihr ganzer Körper infolge eines lautlosen, krampfhaften Schluchzens zu zucken, das sie zu ersticken drohte. Marja Dmitrijewna blickte sich nach Sonja um und setzte sich neben Natascha auf das Sofa.

»Sein Glück, daß er mir entgangen ist; aber ich werde ihn schon noch zu finden wissen«, sagte sie mit ihrer derben, kräftigen Stimme. »Hörst du auch wohl, was ich sage?«

Sie schob ihre große Hand unter Nataschas Kopf und drehte ihn mit dem Gesicht zu sich hin. Sowohl Marja Dmitrijewna als auch Sonja erschraken, als sie Nataschas Gesicht erblickten. Ihre Augen waren glänzend und trocken, die Lippen zusammengepreßt, die Wangen eingefallen.

»Lassen Sie mich … was wollen Sie von mir … ich sterbe …«, murmelte sie, riß sich mit einer heftigen Anstrengung von Marja Dmitrijewna los und nahm wieder ihre frühere Lage ein.

»Natalja …!« sagte Marja Dmitrijewna. »Ich meine es gut mit dir. Bleib nur liegen; bleib meinetwegen so liegen, wie du liegst; ich will dich nicht anrühren; nur höre zu … Ich will dir nicht vorhalten, wie schwer du dich vergangen hast. Das weißt du selbst. Na, aber morgen kommt dein Vater zurück; was soll ich dem sagen? Wie?«

Nataschas Körper krümmte sich wieder vor Schluchzen.

»Na, wenn er es nun erfährt und dein Bruder und dein Bräutigam …«

»Ich habe keinen Bräutigam; ich habe ihm abgeschrieben«, rief Natascha.

»Ganz gleich«, fuhr Marja Dmitrijewna fort. »Na also, wenn die es erfahren, was meinst du, werden sie die Sache so hingehen lassen? Deinen Vater kenne ich ja; wenn der nun diesen Burschen zum Duell fordert, ist denn das schön und gut? Wie?«

»Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe; warum haben Sie uns gehindert! Ja, warum? warum? Wer hat Sie darum gebeten?« rief Natascha, indem sie sich auf dem Sofa aufrichtete und Marja Dmitrijewna zornig anblickte.

»Aber was wolltest du denn eigentlich?« rief Marja Dmitrijewna, die nun wieder hitzig wurde. »Hielten wir dich denn etwa eingesperrt? Na, wer hinderte ihn denn, in unserem Haus einen Besuch zu machen? Wozu brauchte er dich denn wie so eine Zigeunerin zu entführen …? Na, und wenn er dich nun entführt hätte, meinst du denn, daß sie ihn nicht gefunden hätten? Dein Vater oder dein Bruder oder dein Bräutigam. Aber er ist ein Schurke, ein Nichtswürdiger, das ist die Sache!«

»Er ist besser als ihr alle!« schrie Natascha, sich wieder aufrichtend. »Wenn ihr uns nicht in den Weg gekommen wäret … Ach, mein Gott, warum, warum! Sonja, womit habe ich das um dich verdient? Geht hinaus …!«

Und sie begann so verzweifelt zu schluchzen, wie die Menschen nur bei solchem Leid weinen, daß sie sich bewußt sind, selbst verschuldet zu haben. Marja Dmitrijewna wollte noch etwas sagen; aber Natascha rief: »Geht hinaus, geht hinaus! Ihr haßt mich alle, ihr verachtet mich!« Und sie ließ sich wieder auf das Sofa zurücksinken.

Marja Dmitrijewna fuhr noch eine Weile fort, auf Natascha einzureden und ihr auseinanderzusetzen, daß die ganze Sache vor dem Grafen geheimgehalten werden müsse, und daß niemand etwas davon erfahren werde, wenn sich nur Natascha anheischig mache, alles aus ihrem Gedächtnis auszulöschen und sich allen zu zeigen, als ob nichts vorgefallen sei. Natascha antwortete nicht. Sie schluchzte auch nicht mehr; aber sie hatte Fieberfrost und Zittern. Marja Dmitrijewna schob ihr ein Kissen unter den Kopf, deckte sie mit zwei Decken zu und brachte ihr selbst Lindenblütentee; oder Natascha blieb alledem gegenüber völlig teilnahmslos.

»Na, mag sie schlafen!« sagte Marja Dmitrijewna und ging aus dem Zimmer in der Meinung, daß sie eingeschlafen sei.

Aber Natascha schlief nicht und blickte mit starren, weitgeöffneten Augen aus dem blassen Gesicht gerade vor sich hin. Diese ganze Nacht über fand sie keinen Schlaf und weinte nicht und redete nicht mit Sonja, die mehrmals aufstand und zu ihr herankam.

Am anderen Tag zur Frühstückszeit kam Graf Ilja Andrejewitsch, wie er versprochen hatte, von seinem Landhaus vor der Stadt zurück. Er war sehr vergnügt: das Geschäft mit dem Käufer war glücklich erledigt, und nichts hielt ihn jetzt mehr in Moskau zurück, wo er die Trennung von seiner Gattin recht schmerzlich empfand. Marja Dmitrijewna begrüßte ihn und teilte ihm mit, Natascha sei am vorhergehenden Tag ernstlich erkrankt; sie hätten den Arzt holen lassen; aber heute gehe es ihr besser. Natascha blieb den ganzen Vormittag in ihrem Zimmer. Mit zusammengepreßten, aufgesprungenen Lippen und trockenen, starren Augen saß sie am Fenster, blickte unruhig nach den Passanten auf der Straße und wendete sich hastig um, wenn jemand zu ihr ins Zimmer trat. Augenscheinlich wartete sie auf Nachrichten von ihm; sie wartete darauf, daß er entweder selbst kommen oder ihr schreiben werde.

Als der Graf zu ihr hereinkam, drehte sie sich beim Klang seiner Männerschritte unruhig um, und ihr Gesicht nahm den früheren kalten, ja bösen Ausdruck wieder an. Sie stand nicht einmal auf, um ihm entgegenzugehen.

»Was ist dir, mein Engel? Bist du krank?« fragte der Graf.

Natascha schwieg eine Weile.

»Ja, ich bin krank«, antwortete sie dann.

Auf die besorgten Fragen des Grafen, warum sie so niedergeschlagen sei, und ob auch nichts mit dem Bräutigam vorgefallen wäre, versicherte sie ihm, es sei nichts geschehen, und bat ihn, sich nicht zu beunruhigen. Marja Dmitrijewna bestätigte dem Grafen Nataschas Angabe, daß nichts vorgefallen sei. Der Graf zog zwar aus der angeblichen Krankheit und dem verstörten Gemütszustand seiner Tochter sowie aus Sonjas und Marja Dmitrijewnas verlegenen Gesichtern seine Schlüsse und sah klar, daß sich doch in seiner Abwesenheit etwas zugetragen haben müsse; aber der Gedanke, es könne sich mit seiner geliebten Tochter etwas Schimpfliches ereignet haben, war ihm so furchtbar und er liebte so sehr seine heitere Ruhe, daß er es vermied, weitere Fragen zu stellen, sich Mühe gab zu glauben, es sei nichts Besonderes geschehen, und nur bedauerte, daß sie wegen Nataschas Unpäßlichkeit die Rückreise nach ihrem Gut aufschieben mußten.


XIX


Schon seit dem Tag, wo seine Frau nach Moskau gekommen war, hatte Pierre vorgehabt, irgendwohin zu verreisen, nur um nicht mit ihr zusammenzusein. Bald nach der Ankunft der Rostows in Moskau veranlaßte ihn der Eindruck, welchen Natascha auf ihn machte, die Ausführung seiner Absicht zu beschleunigen. Er fuhr nach Twer zu Osip Alexejewitschs Witwe, die schon vor längerer Zeit versprochen hatte, ihm die Papiere ihres verstorbenen Gatten zu übergeben.

Als Pierre nach Moskau zurückkehrte, fand er in seiner Wohnung einen Brief von Marja Dmitrijewna vor, die ihn ersuchte, in einer sehr wichtigen, den Fürsten Andrei und dessen Braut betreffenden Angelegenheit zu ihr zu kommen. Pierre hatte bisher ein Zusammentreffen mit Natascha vermieden. Er war der Meinung, daß er für sie eine stärkere Zuneigung empfinde, als sie ein verheirateter Mann für die Braut seines Freundes hegen dürfe. Und nun führte eine Art von Schicksalsfügung ihn doch beständig mit ihr zusammen.

»Was mag nur vorgefallen sein? Und warum wenden sie sich gerade an mich?« fragte er sich, während er sich anzog, um zu Marja Dmitrijewna zu fahren. »Wenn nur Fürst Andrei recht bald ankäme und sie heiratete!« dachte er auf der Fahrt zu Frau Achrosimowa.

Auf dem Twerskoi-Boulevard rief ihn jemand an.

»Pierre! Bist du schon lange wieder hier?« rief ihm eine bekannte Stimme zu. Pierre hob den Kopf in die Höhe. In einem Schlitten mit zwei grauen Trabern, die das Vorderteil des Schlittens mit Schnee bewarfen, flog Anatol mit seinem steten Begleiter Makarin vorüber. Anatol saß gerade aufgerichtet, in der von der Mode vorgeschriebenen Haltung eines militärischen Elegants: den unteren Teil des Gesichtes vom Biberkragen verhüllt und den Kopf ein wenig nach vorn geneigt. Sein Gesicht war frisch und rosig; der Hut mit dem weißen Federbusch war schräg aufgesetzt und ließ das gekräuselte, pomadisierte und mit feinem Schnee bestreute Haar sehen.

»Wahrhaftig, der da, das ist der wahre Weise!« fuhr es Pierre durch den Kopf. »Er richtet seinen Blick lediglich auf das Vergnügen des gegenwärtigen Augenblicks, ohne darüber hinauszusehen; durch nichts läßt er sich aufregen, und daher ist er immer heiter, zufrieden und ruhig. Was würde ich darum geben, ein solcher Mensch zu sein wie er!« dachte Pierre nicht ohne Neid.

In Marja Dmitrijewnas Vorzimmer sagte der Diener, der ihm den Pelz abnahm, die gnädige Frau lasse ihn zu sich in ihr Schlafzimmer bitten.

Als Pierre die Tür nach dem Saal öffnete, erblickte er Natascha, die mit hagerem, blassem, finsterem Gesicht am Fenster saß. Sie sah sich nach ihm um, zog die Augenbrauen zusammen und verließ mit einer Miene kalter Würde das Zimmer.

»Was ist denn geschehen?« fragte Pierre, als er zu Marja Dmitrijewna hereintrat.

»Nette Geschichten!« antwortete Marja Dmitrijewna. »Achtundfünfzig Jahre bin ich schon auf der Welt; aber eine solche Schande habe ich noch nicht erlebt.«

Und nachdem sie Pierre das Ehrenwort abgenommen hatte, über alles, was er erfahren werde, zu schweigen, teilte ihm Marja Dmitrijewna mit, daß Natascha ihrem Bräutigam ohne Wissen ihrer Eltern abgeschrieben habe, und daß die Ursache dieser Absage Anatol Kuragin sei, mit dem Pierres Frau sie zusammengebracht habe und mit dem sie während der Abwesenheit ihres Vaters habe entfliehen wollen, um sich heimlich mit ihm trauen zu lassen.

Mit offenem Mund und mit hinaufgezogenen Schultern hörte Pierre an, was ihm Marja Dmitrijewna erzählte, und wollte seinen Ohren nicht trauen. Die Braut des Fürsten Andrei, die die leidenschaftliche Liebe ihres Bräutigams besaß, diese früher so allerliebste Natascha Rostowa, gibt einen solchen Bräutigam hin für den Narren Anatol, der schon verheiratet ist (Pierre wußte von dieser geheimen Ehe), und verliebt sich in ihn so, daß sie einwilligt, mit ihm davonzugehen – das konnte Pierre sich nicht vorstellen und nicht begreifen.

Das liebliche Bild, das er von der ihm seit ihrer Kindheit bekannten Natascha in seiner Seele getragen hatte, vermochte er mit der neuen Vorstellung von ihrer niedrigen Denkart, ihrer Torheit und Herzlosigkeit nicht zu vereinigen. Er mußte an seine Frau denken. »Sie sind doch alle von derselben Sorte!« urteilte er im stillen und sagte sich, daß er nicht der einzige sei, dem das unglückliche Los zuteil geworden wäre, mit einer unwürdigen Frau verbunden zu sein. Aber dennoch bemitleidete er den Fürsten Andrei so tief, daß er hätte weinen mögen; wie schwer mußte sich dieser in seinem Stolz verletzt fühlen! Und je mehr er seinen Freund bemitleidete, mit um so größerer Geringschätzung, ja Empörung dachte er an diese Natascha, die mit einem solchen Ausdruck kalter Würde soeben an ihm vorbei durch den Saal gegangen war. Er wußte nicht, daß Nataschas Seele übervoll war von den Gefühlen der Verzweiflung, Scham und Zerknirschung, und daß sie nichts dafür konnte, wenn ihr Gesicht wider ihren Willen den Ausdruck starrer, kalter Würde zeigte.

»Wie hätte sie sich denn mit ihm trauen lassen können?« erwiderte Pierre auf Marja Dmitrijewnas Mitteilungen. »Trauen lassen konnte er sich nicht; er ist schon verheiratet.«

»Immer besser, immer großartiger!« rief Marja Dmitrijewna. »Ein nettes Bürschchen! So ein Schurke! Und sie wartet auf Nachricht von ihm, wartet seit zwei Tagen! Wenigstens wird sie nun aufhören zu warten; das muß ich ihr mitteilen.«

Nachdem Marja Dmitrijewna von Pierre Näheres über Anatols Heirat gehört und ihrem Zorn über diesen Menschen durch kräftige Schimpfworte Luft gemacht hatte, eröffnete sie ihm, warum sie ihn habe rufen lassen. Sie fürchtete, der Graf oder Bolkonski, der jeden Augenblick eintreffen konnte, würden die Sache, obgleich sie sie ihnen zu verheimlichen beabsichtigte, doch erfahren und dann Kuragin zum Duell fordern; und darum richtete sie an Pierre die Bitte, er möchte in ihrem Namen seinem Schwager befehlen, aus Moskau zu verschwinden und es nicht zu wagen, ihr wieder unter die Augen zu kommen. Pierre versprach ihr, ihren Wunsch zu erfüllen; er hatte erst jetzt die Gefahr begriffen, die sowohl dem alten Grafen als auch Nikolai und dem Fürsten Andrei drohte. Kurz und klar setzte Marja Dmitrijewna ihm auseinander, was sie von Anatol Kuragin verlangte, und entließ ihn dann mit der Aufforderung, in den Salon zu gehen.

»Nimm dich nur recht in acht; der Graf weiß nichts von der Geschichte. Tu, als ob du nichts wüßtest«, sagte sie zu ihm. »Und ich werde jetzt hingehen und ihr sagen, daß das Warten keinen Zweck hat. Bleib doch zum Mittagessen hier, wenn du magst!« rief sie ihm noch nach.

Pierre fand im Salon den alten Grafen. Dieser war verlegen und verstört. An diesem Vormittag hatte ihm Natascha gesagt, daß sie die Verlobung mit Bolkonski aufgelöst habe.

»Es ist ein Leiden, ein wahres Leiden, lieber Freund!« sagte er zu Pierre. »Es ist ein Leiden mit solchen jungen Mädchen, wenn die Mutter nicht dabei ist; es tut mir schon leid, sehr leid, daß ich mit ihnen hergereist bin. Ich will gegen Sie ganz offenherzig sein. Haben Sie es schon gehört: sie hat ihrem Bräutigam abgeschrieben, ohne irgend jemand vorher zu fragen. Nun ja, allerdings, ich habe mich über diese in Aussicht stehende Heirat nie sonderlich gefreut. Freilich, er ist ein guter, braver Mensch; na, aber gegen den Willen des Vaters wäre es doch kein Glück gewesen, und Natascha findet leicht andere Freier. Aber trotzdem, die Sache hatte nun schon so lange gedauert; und wie konnte sie überhaupt ohne Vorwissen ihres Vaters und ihrer Mutter einen solchen Schritt tun! Jetzt ist sie nun krank, und Gott weiß was sonst noch dahintersteckt! Ja, es ist eine schlimme Aufgabe für einen Vater, junge Mädchen zu hüten, wenn die Mutter abwesend ist …«

Pierre sah, daß der alte Graf sehr niedergeschlagen war, und versuchte, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken; aber der alte Mann kam doch wieder auf seinen Kummer zurück.

Sonja trat mit aufgeregter Miene in den Salon.

»Natascha ist nicht ganz wohl«, sagte sie. »Sie ist auf ihrem Zimmer und würde gern mit Ihnen sprechen. Marja Dmitrijewna ist bei ihr und bittet Sie ebenfalls, hinzukommen.«

»Ja, Sie sind ja mit Bolkonski gut befreundet; gewiß will sie Sie bitten, ihm etwas zu bestellen oder zu übergeben«, sagte der alte Graf. »Ach mein Gott, mein Gott! Wie schön und gut war doch alles vorher!«

Er griff mit den Händen in sein dünnes, graues Haar an den Schläfen und ging aus dem Zimmer.

Marja Dmitrijewna hatte Natascha davon in Kenntnis gesetzt, daß Anatol bereits verheiratet sei. Aber Natascha hatte ihr nicht glauben wollen und eine Bestätigung dieser Angabe aus Pierres eigenem Mund verlangt. Sonja teilte dies Pierre mit, während sie ihn über den Korridor zu Nataschas Zimmer führte.

Natascha saß mit bleichem, tiefernstem Gesicht neben Marja Dmitrijewna und richtete auf Pierre, schon als dieser noch an der Tür war, aus ihren fieberhaft glänzenden Augen einen fragenden Blick. Sie lächelte nicht zur Begrüßung und winkte ihm nicht zu, sondern blickte ihn nur starr und unverwandt an, und in ihrem Blick lag nur die eine Frage, ob er in bezug auf ihr Verhältnis zu Anatol ihr Freund oder, wie die andern alle, ihr Feind sei. Als eigene Persönlichkeit existierte Pierre für sie offenbar gar nicht.

»Er weiß alles«, sagte Marja Dmitrijewna, zu Natascha gewendet, indem sie auf Pierre zeigte. »Mag er dir sagen, ob ich die Wahrheit gesprochen habe.«

Wie ein angeschossenes, verfolgtes Wild auf die sich nähernden Hunde und Jäger blickt, so blickte Natascha bald den einen, bald den andern an.

»Natalja Iljinitschna«, begann Pierre mit niedergeschlagenen Augen, da er ein tiefes Mitleid mit ihr und einen starken Widerwillen gegen die von ihm zu vollziehende Operation empfand, »ob das wahr oder unwahr ist, das sollte Ihnen eigentlich ganz gleich sein, da …«

»Also ist es unwahr, daß er verheiratet ist!«

»Nein, es ist die Wahrheit.«

»Er ist verheiratet, und schon lange?« fragte sie. »Ihr Ehrenwort?«

Pierre gab ihr sein Ehrenwort.

»Ist er noch hier?« fragte sie schnell.

»Ja, ich habe ihn vorhin eben gesehen.«

Sie war offenbar außerstande zu sprechen und machte mit den Händen Zeichen, daß sie sie alleinlassen möchten.


XX


Pierre blieb nicht zum Mittagessen, sondern fuhr, nachdem er Nataschas Zimmer verlassen hatte, sofort weg. Er fuhr in der Stadt umher, um Anatol Kuragin zu suchen; der Gedanke an diesen Menschen ließ ihm alles Blut zum Herzen strömen und machte es ihm schwer, Atem zu holen. In den Vergnügungslokalen auf den Sperlingsbergen, bei den Zigeunern, bei Comoneno war er nicht. Pierre fuhr in den Klub. Im Klub ging alles in der gewohnten Ordnung: die Gäste, die sich zum Diner versammelten, saßen gruppenweise zusammen, begrüßten Pierre und unterhielten sich mit Stadtneuigkeiten. Der Diener, der ihn gleichfalls begrüßte und mit seinem Bekanntenkreis und seinen Gewohnheiten vertraut war, meldete ihm, es sei ein Platz für ihn im kleinen Speisesaal reserviert; Fürst Michail Sacharowitsch befinde sich in der Bibliothek, aber Pawel Timofjejewitsch sei noch nicht gekommen. Einer von Pierres Bekannten fragte ihn mitten in einem Gespräch über das Wetter, ob er von der Entführung der Komtesse Rostowa durch Kuragin gehört habe; es werde viel in der Stadt darüber gesprochen; ob etwas Wahres daran sei. Pierre lachte laut auf und erwiderte, es sei der reine Unsinn; er komme eben von Rostows. Er erkundigte sich bei allen seinen Bekannten nach Anatol; der eine sagte ihm, Anatol sei noch nicht gekommen, ein anderer, er werde heute hier im Klub dinieren. Es war für Pierre eine seltsame Empfindung, auf diese ruhige, gleichmütige Menschenmenge hinzublicken, die keine Ahnung davon hatte, was in seiner Seele vorging. Er schlenderte durch den Saal, wartete, bis sich alle eingefunden hatten, die im Klub dinieren wollten, und da Anatol nicht erschienen war, so blieb auch er nicht zum Essen da, sondern fuhr nach seiner Wohnung.

Anatol, den er suchte, speiste an diesem Tag bei Dolochow und beriet mit ihm darüber, wie sich wohl das mißglückte Unternehmen mit besserem Erfolg wiederholen lasse. Unbedingt notwendig erschien ihm zu diesem Zweck eine Zusammenkunft mit der Komtesse Rostowa. So fuhr er denn am Abend zu seiner Schwester, um mit ihr zu besprechen, wie eine solche Zusammenkunft zu ermöglichen sei. Als Pierre, nachdem er vergeblich in ganz Moskau umhergefahren war, nach Hause zurückkehrte, meldete ihm sein Kammerdiener, Fürst Anatol Wasiljewitsch sei bei der Gräfin. Der Salon der Gräfin war voll von Gästen.

Pierre begab sich in den Salon und ging, als er Anatol erblickte, auf diesen zu, ohne seine Frau zu begrüßen, die er nach seiner Rückkehr aus Twer noch nicht wieder gesehen hatte (sie war ihm in diesem Augenblick verhaßter als je zuvor).

»Ah, Pierre«, sagte die Gräfin, zu ihrem Mann herankommend. »Du ahnst nicht, in welcher Gemütsverfassung sich unser Anatol befindet …«

Sie hielt inne, da sie an dem niedergebeugten Kopf ihres Mannes, an seinen funkelnden Augen und an seinem entschlossenen Gang den ihr wohlbekannten furchtbaren Ausdruck jener Wut und Kraft wahrnahm, die sie nach dem Duell mit Dolochow an sich selbst erfahren hatte.

»Wo Sie sind, da ist Sittenlosigkeit und Unheil«, sagte Pierre zu seiner Frau. »Kommen Sie, Anatol, ich habe mit Ihnen zu reden«, sagte er zu diesem auf französisch.

Anatol blickte seine Schwester an, erhob sich gehorsam und war bereit, Pierre zu folgen. Dieser faßte ihn am Arm, zog ihn zu sich heran und ging zur Tür.

»Wenn Sie sich erlauben, in meinem Salon …«, flüsterte ihm Helene noch zu; aber Pierre verließ das Zimmer, ohne ihr zu antworten.

Anatol ging in seinem gewöhnlichen, flotten Gang hinter ihm her. Aber auf seinem Gesicht war doch eine gewisse Unruhe wahrzunehmen. Als sie in Pierres Arbeitszimmer gekommen waren, machte dieser die Tür zu und wandte sich zu Anatol, jedoch ohne ihn anzublicken.

»Haben Sie der Komtesse Rostowa die Ehe versprochen und sie entführen wollen?«

»Mein Lieber«, antwortete Anatol auf französisch, und das ganze Gespräch wurde nun in dieser Sprache geführt, »ich halte mich nicht für verpflichtet, auf Fragen zu antworten, die mir in solchem Ton gestellt werden.«

Pierres Gesicht, das schon vorher blaß gewesen war, verzerrte sich nun vor Wut. Er packte mit seiner großen Hand Anatol am Kragen der Uniform und schüttelte ihn so lange von einer Seite zur andern, bis Anatols Gesicht einen genügenden Ausdruck von Angst angenommen hatte.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich mit Ihnen zu reden habe …«, stieß Pierre heraus.

»Na, aber, das ist doch ein törichtes Benehmen; nicht?« sagte Anatol und fühlte nach dem Kragenknopf, der mitsamt dem Tuch losgerissen war.

»Sie sind ein Schurke und ein Nichtswürdiger, und ich weiß nicht, was mich abhält, mir das Vergnügen zu bereiten, Ihnen mit diesem Gegenstand hier den Kopf zu zerschmettern«, sagte Pierre, der sich so gekünstelt ausdrückte, weil er französisch sprach.

Er hatte einen schweren Briefbeschwerer in die Hand genommen und drohend in die Höhe gehoben, legte ihn aber eilig wieder auf seinen Platz.

»Haben Sie ihr die Ehe versprochen?«

»Ich … ich … ich habe daran überhaupt nicht gedacht; übrigens habe ich es schon deswegen nie versprochen, weil …«

Pierre unterbrach ihn:

»Haben Sie Briefe von ihr? Haben Sie Briefe?« fragte er und trat dabei dicht an Anatol heran.

Anatol sah ihn an, fuhr sogleich mit der Hand in die Tasche und holte seine Brieftasche heraus.

Pierre nahm den ihm hingereichten Brief und ließ sich, einen ihm im Weg stehenden Tisch wegstoßend, auf das Sofa sinken.

»Ich werde nichts Gewalttätiges begehen; fürchten Sie nichts!« bemerkte er als Antwort auf eine ängstliche Gebärde Anatols.

»Erstens die Briefe«, sagte er dann, wie wenn er für sich eine auswendig gelernte Lektion repetierte. »Zweitens«, fuhr er nach kurzem Stillschweigen fort, indem er wieder aufstand und hin und her zu gehen begann, »zweitens müssen Sie morgen Moskau verlassen.«

»Aber wie kann ich denn …«

»Drittens«, fuhr Pierre, ohne auf ihn zu hören, fort, »dürfen Sie nie ein Wort über das, was zwischen Ihnen und der Komtesse vorgefallen ist, verlauten lassen. Ich weiß, daß ich Sie daran nicht hindern kann; aber wenn Sie noch einen Funken von Gewissen besitzen …« Pierre durchmaß einige Male schweigend das Zimmer.

Anatol saß an einem Tisch, zog finster die Brauen zusammen und biß sich auf die Lippen.

»Sie sollten doch endlich einmal begreifen, daß außer Ihrem Vergnügen auch das Glück und die Ruhe anderer Menschen eine gewisse Daseinsberechtigung haben, und daß Sie ein ganzes Leben zerstören, nur um sich zu amüsieren. Vertreiben Sie sich die Zeit mit solchen Weibern wie meine Frau; denen gegenüber sind Sie dazu berechtigt; die wissen, was Sie von ihnen verlangen, und besitzen auch dieselbe Erfahrung im Laster wie Sie und können diese Erfahrung als Waffe gegen Sie gebrauchen. Aber einem unschuldigen jungen Mädchen die Ehe zu versprechen, … sie zu betrügen, zu entführen … Sie müßten doch begreifen, daß das ebenso gemein ist, wie wenn jemand einen Greis oder ein kleines Kind mißhandelt …!«

Pierre hielt inne und blickte Anatol nicht mehr zornig, sondern nur fragend an.

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Anatol, der in demselben Maß mutiger wurde, wie Pierre seinen Zorn bemeisterte. »Das weiß ich nicht und will ich auch gar nicht wissen«, sagte er, ohne Pierre anzusehen, mit einem leisen Zittern des Unterkiefers. »Aber Sie haben mir gegenüber Ausdrücke gebraucht wie ›gemein‹ und dergleichen, und solche Ausdrücke kann ich mir als Mann von Ehre von niemandem gefallen lassen.«

Pierre sah ihn erstaunt an und konnte nicht begreifen, was er eigentlich wollte.

»Und wenn es auch unter vier Augen war«, fuhr Anatol fort, »so kann ich doch nicht …«

»Ach so, Sie wünschen Satisfaktion?« fragte Pierre spöttisch.

»Wenigstens könnten Sie Ihre Ausdrücke wieder zurücknehmen. Nicht wahr? Wenn Sie wollen, daß ich Ihre Wünsche erfülle … Nicht wahr?«

»Ich nehme sie zurück, ich nehme sie zurück«, murmelte Pierre, »und ich bitte Sie um Entschuldigung.« Pierre blickte unwillkürlich nach dem losgerissenen Knopf hin. »Und wenn Sie Geld für die Reise nötig haben …«

Anatol lächelte. Dieses blöde, gemeine Lächeln, das Pierre von seiner Frau her kannte, versetzte ihn in Empörung.

»Eine gemeine, herzlose Sorte!« sagte er vor sich hin und ging aus dem Zimmer.

Am andern Tag reiste Anatol nach Petersburg ab.


XXI


Pierre fuhr zu Marja Dmitrijewna, um ihr von der Erfüllung ihrer Forderungen, namentlich von der Ausweisung Kuragins aus Moskau, Mitteilung zu machen. Er fand das ganze Haus in Angst und Unruhe. Natascha war sehr krank; wie Marja Dmitrijewna ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilte, hatte sie, nachdem sie erfahren hatte, daß Anatol schon verheiratet sei, in der Nacht sich mit Arsen vergiftet, das sie sich heimlich zu verschaffen gewußt hatte. Aber als sie ein wenig davon hinuntergeschluckt hatte, war ihr doch so bange geworden, daß sie Sonja geweckt und ihr von dem Getanen Kenntnis gegeben hatte. So hatten denn noch rechtzeitig gegen das Gift die nötigen Mittel angewendet werden können, und sie war jetzt außer Gefahr; aber sie war doch so schwach, daß an eine Rückreise aufs Land nicht zu denken war; man hatte lieber einen Boten hingeschickt, um die Gräfin herzurufen. Pierre sah den verstörten Grafen und die verweinte Sonja; aber Natascha bekam er nicht zu sehen.

Er speiste an diesem Tag zu Mittag im Klub, hörte dort von allen Seiten Gespräche über einen mißglückten Versuch, die Komtesse Rostowa zu entführen, und widersprach diesen Behauptungen mit großer Energie, indem er allen versicherte, es sei weiter nichts geschehen, als daß sein Schwager der Komtesse Rostowa einen Antrag gemacht und von ihr einen Korb bekommen habe. Pierre hielt es für seine Pflicht, die ganze Angelegenheit zu verheimlichen und den guten Ruf der Komtesse Rostowa wiederherzustellen.

Mit Beklommenheit wartete er auf die Heimkehr des Fürsten Andrei und fuhr, um sich danach zu erkundigen, täglich zu dem alten Fürsten.

Fürst Nikolai Andrejewitsch hatte durch Mademoiselle Bourienne von all den Gerüchten, die in der Stadt umgingen, Kenntnis und hatte auch den Brief Nataschas an Prinzessin Marja gelesen, in welchem Natascha von der Verlobung zurücktrat. Er erschien heiterer als sonst und wartete mit großer Ungeduld auf die Ankunft seines Sohnes.

Einige Tage nach Anatols Abreise erhielt Pierre ein Billett vom Fürsten Andrei, der ihm seine Ankunft mitteilte und ihn um seinen Besuch bat.

Fürst Andrei hatte gleich im ersten Augenblick nach seinem Eintreffen in Moskau von seinem Vater Nataschas Brief an Prinzessin Marja erhalten, in welchem sie ihrem Bräutigam absagte (diesen Brief hatte Mademoiselle Bourienne der Prinzessin Marja entwendet und dem Fürsten übergeben), und von dem Vater die Geschichte von Nataschas Entführung mit allerlei Zusätzen zu hören bekommen.

Am Abend war Fürst Andrei angekommen, und am Vormittag des folgenden Tages fuhr Pierre zu ihm. Pierre erwartete, ihn etwa in derselben Gemütsverfassung anzutreffen, in der sich Natascha befand, und war daher höchst erstaunt, als er beim Eintritt in den Salon aus dem Arbeitszimmer des alten Herrn die laute Stimme des Fürsten Andrei hörte, der lebhaft über irgendeine Petersburger politische Intrige sprach. Der alte Fürst und noch jemand, welchen Pierre an der Stimme nicht erkannte, unterbrachen ihn mitunter. Prinzessin Marja kam in den Salon, um Pierre zu begrüßen. Sie seufzte und deutete mit den Augen nach der Tür des Arbeitszimmers, in welchem Fürst Andrei sich befand, wodurch sie offenbar ihr Mitgefühl mit seinem Kummer zum Ausdruck bringen wollte; aber Pierre sah an dem Gesicht der Prinzessin Marja, daß sie sich freute, und zwar sowohl über das Geschehene, als auch über die Art, wie ihr Bruder die Nachricht von der Untreue seiner Braut aufgenommen hatte.

»Er hat gesagt, das habe er erwartet«, sagte sie. »Ich weiß, daß sein Stolz ihm nicht erlaubt, seine Gefühle sichtbar werden zu lassen; aber er hat es doch besser, weit besser ertragen, als ich erwartet hatte. Es hat offenbar so sein sollen …«

»Aber ist denn wirklich alles ganz zu Ende?« fragte Pierre.

Prinzessin Marja sah ihn erstaunt an. Sie begriff gar nicht, wie jemand überhaupt noch so fragen konnte. Pierre ging in das Arbeitszimmer hinein. Fürst Andrei, der sehr verändert aussah und augenscheinlich gesünder geworden war, aber eine neue Querfalte zwischen den Brauen bekommen hatte, stand in Zivilkleidung vor seinem Vater und dem Fürsten Meschtscherski und debattierte mit großer Lebhaftigkeit und unter energischen Handbewegungen. Es war von Speranski die Rede; die Nachricht von seiner plötzlichen Verbannung und seiner angeblichen Verräterei war soeben nach Moskau gelangt.

»Jetzt beschuldigen und verdammen ihn alle diejenigen, die noch vor einem Monat für ihn begeistert waren«, sagte Fürst Andrei, »und nicht minder diejenigen, die nicht imstande waren, seine Ziele zu begreifen. Es ist sehr leicht, über einen in Ungnade Gefallenen den Stab zu brechen und ihm alle von anderen begangenen Fehler zuzuschieben; aber ich sage: wenn unter der jetzigen Regierung etwas Gutes geschaffen ist, so ist es alles von ihm geschaffen, einzig und allein von ihm …«

Er hielt inne, da er Pierre erblickte. Sein Gesicht zuckte und nahm sogleich einen finsteren Ausdruck an.

»Und die Nachwelt wird ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen«, schloß er und wandte sich dann sofort zu Pierre.

»Nun, wie geht es dir? Du wirst ja immer dicker«, sagte er lebhaft; aber die neu entstandene Falte hatte sich noch tiefer in seine Stirn eingegraben. »Ja, ich bin gesund«, antwortete er auf Pierres Frage und lächelte dabei.

Pierre war sich darüber klar, daß dieses Lächeln besagte: »Ich bin gesund; aber ob ich gesund bin oder nicht, das hat für niemand Interesse.«

Er sprach mit Pierre ein paar Worte über die scheußlichen Wege von der polnischen Grenze an, und daß er in der Schweiz mit Bekannten von Pierre zusammengetroffen sei, und über einen Herrn Dessalles, den er als Erzieher für seinen Sohn aus dem Ausland mitgebracht habe, und nahm dann wieder mit großem Eifer an dem Gespräch über Speranski teil, das die beiden alten, Herren inzwischen fortgesetzt hatten.

»Hätte er wirklich Verrat begangen und lägen Beweise vor, daß er mit Napoleon geheime Beziehungen unterhalten hätte, so würde man diese Beweise vor der ganzen Welt veröffentlichen«, sagte er schnell und in lebhafter Erregung. »Ich persönlich liebe Speranski nicht und habe ihn nie geliebt; aber ich liebe die Gerechtigkeit.«

Pierre erkannte jetzt an seinem Freund eine ihm nur zu wohl bekannte Eigenheit wieder: das Bestreben, sich aufzuregen und über eine ihn nicht tiefer berührende Sache zu streiten, lediglich um seine allzu schmerzlichen seelischen Erregungen zu übertäuben.

Sobald sich Fürst Meschtscherski empfohlen hatte, faßte Fürst Andrei Pierre unter den Arm und lud ihn ein, mit ihm in das Zimmer zu gehen, das für ihn eingerichtet war. In dem Zimmer war ein Bett aufgeschlagen; geöffnete Koffer und Mantelsäcke standen auf dem Fußboden. Fürst Andrei trat an einen Koffer heran und holte eine Schatulle hervor. Aus der Schatulle nahm er ein in Papier geschlagenes Päckchen heraus. Alles dies tat er schweigend und sehr schnell. Er richtete sich gerade und räusperte sich. Sein Gesicht war finster, die Lippen zusammengepreßt.

»Verzeih mir, wenn ich dich mit einem Auftrag belästige.«

Pierre merkte, daß Fürst Andrei von Natascha reden wollte, und sein breites Gesicht nahm einen Ausdruck von Mitgefühl und Teilnahme an. Aber über diesen Gesichtsausdruck seines Freundes ärgerte sich Fürst Andrei; er fuhr mit fester, lauter Stimme in unfreundlichem Ton fort: »Ich habe von der Komtesse Rostowa eine Absage erhalten, und es sind mir Gerüchte zu Ohren gekommen von einer Bewerbung deines Schwagers um ihre Hand, oder von etwas Ähnlichem. Ist das wahr?«

»Wahr und auch nicht wahr«, begann Pierre; aber Fürst Andrei unterbrach ihn.

»Da sind ihre Briefe und ihr Porträt«, sagte er.

Er nahm das Päckchen vom Tisch und übergab es Pierre.

»Gib es der Komtesse, wenn du sie siehst.«

»Sie ist sehr krank«, sagte Pierre.

»Also ist sie noch hier?« fragte Fürst Andrei. »Und Fürst Kuragin?« fügte er schnell hinzu.

»Der ist schon lange abgereist. Sie war dem Tod nahe …«

»Ich bedauere ihre Krankheit außerordentlich«, sagte Fürst Andrei. Er lächelte in einer unangenehmen Art, kalt und böse, wie sein Vater.

»Also hat Herr Kuragin die Komtesse Rostowa nicht seiner Hand gewürdigt?« fragte Fürst Andrei.

Er schnob in der Manier seines Vaters mehrmals hörbar mit der Nase.

»Er konnte sie nicht heiraten, weil er schon verheiratet ist«, erwiderte Pierre.

Fürst Andrei lachte in unangenehmer Weise auf, wodurch er wieder an seinen Vater erinnerte.

»Und wo befindet er sich jetzt, dein Schwager? Darf ich das erfahren?« fragte er.

»Er ist nach Petersburg gereist … oder vielmehr, ich weiß es nicht«, antwortete Pierre.

»Nun, es ist ja auch ganz gleichgültig«, sagte Fürst Andrei. »Bestelle also der Komtesse Rostowa von mir, daß sie vollkommene Freiheit hatte und hat, zu handeln, wie sie will, und daß ich ihr alles Gute wünsche.«

Pierre nahm das Päckchen mit den Briefen in Empfang. Fürst Andrei sah ihn mit starrem Blick an, als besänne er sich, ob er nicht noch irgend etwas zu sagen habe, oder als wartete er, ob Pierre nicht noch etwas sagen wolle.

»Hören Sie, erinnern Sie sich noch an einen Streit, den wir einmal in Petersburg hatten?« sagte Pierre. »Erinnern Sie sich an …«

»Ich erinnere mich«, unterbrach ihn Fürst Andrei hastig. »Ich sagte, man müsse einer gefallenen Frau verzeihen; aber ich habe nicht gesagt, daß ich dazu imstande wäre. Ich kann es nicht.«

»Lassen sich denn diese beiden Dinge auf eine Stufe stellen …?« begann Pierre.

Fürst Andrei fiel ihm ins Wort, indem er in scharfem Ton rief:

»Ja, von neuem um ihre Hand bitten, sich großmütig zeigen und mehr von der Art … Ja, das wäre sehr edel; aber ich bin nicht dazu fähig, der Nachfolger dieses Herrn zu werden. Wenn du mein Freund bleiben willst, so sprich nie wieder von dieser … von diesem ganzen Erlebnis. Bitte, laß mich jetzt allein. Also du wirst es abgeben …«

Pierre ging hinaus und begab sich zu dem alten Fürsten und zur Prinzessin Marja.

Der Alte zeigte sich lebhafter als sonst. Prinzessin Marja war genau dieselbe wie immer; aber hinter ihren Äußerungen des Mitgefühls mit ihrem Bruder spürte Pierre doch ihre Freude darüber, daß die Heirat ihres Bruders sich zerschlagen hatte. Indem Pierre so den alten Mann und die Tochter beobachtete, kam er zu der Erkenntnis, welch eine Geringschätzung und welch einen Ingrimm sie beide gegen die Familie Rostow hegten, und daß es ganz unmöglich war, in ihrer Gegenwart auch nur den Namen des Mädchens zu erwähnen, das imstande gewesen war, den Fürsten Andrei um irgendeines andern willen aufzugeben.

Beim Mittagessen kam die Rede auf den Krieg, dessen Herannahen schon nicht mehr zweifelhaft schien. Fürst Andrei sprach fortwährend und stritt bald mit dem Vater, bald mit dem Schweizer Erzieher Dessalles und legte eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit an den Tag, deren seelische Ursache Pierre aber nur zu gut kannte.


XXII


Am Abend desselben Tages fuhr Pierre zu Rostows, um seinen Auftrag auszurichten. Natascha lag zu Bett; der Graf war im Klub; so ging denn Pierre, nachdem er die Briefe Sonja übergeben hatte, zu Marja Dmitrijewna, die gespannt war zu erfahren, wie Fürst Andrei die Nachricht aufgenommen habe. Zehn Minuten darauf trat Sonja bei Marja Dmitrijewna ein.

»Natascha will durchaus mit dem Grafen Pjotr Kirillowitsch sprechen«, sagte sie.

»Aber wie soll denn das gemacht werden? Sollst du ihn etwa zu ihr führen? Das Zimmer ist ja gar nicht aufgeräumt«, erwiderte Marja Dmitrijewna.

»Nein, sie hat sich angezogen und ist in den Salon gegangen«, sagte Sonja.

Marja Dmitrijewna zuckte nur mit den Achseln.

»Wenn nur erst die Gräfin da wäre!« wandte sie sich an Pierre. »Dieses Mädchen hat mich ganz heruntergebracht. Sei du nur auf deiner Hut und sage ihr nicht alles. Ich habe auch nicht den Mut, sie zu schelten: sie ist in einer gar zu kläglichen Verfassung!«

Abgemagert, mit blassem, tiefernstem Gesicht (aber ganz und gar nicht beschämt, wie es Pierre erwartet hatte) stand Natascha mitten im Salon. Als Pierre in der Tür erschien, machte sie ein paar hastige Bewegungen, offenbar im Zweifel, ob sie ihm entgegengehen oder ihn dort erwarten sollte.

Pierre ging eilig auf sie zu. Er glaubte, sie werde ihm, wie sonst immer, die Hand reichen; sie aber blieb, nachdem sie nun doch nahe an ihn herangetreten war, schweratmend stehen und ließ die Arme matt herunterhängen, genau in derselben Haltung, in der sie früher in die Mitte des Saales zu treten pflegte, um zu singen, aber jetzt mit völlig anderem Gesichtsausdruck.

»Pjotr Kirillowitsch«, begann sie; sie sprach sehr hastig, »Fürst Bolkonski war Ihr Freund; er ist auch noch Ihr Freund«, verbesserte sie sich (sie hatte die Vorstellung, als ob alles der Vergangenheit angehöre und nichts unverändert geblieben sei). »Er sagte mir damals, ich sollte mich an Sie wenden …« Pierre blickte sie schweigend an und atmete heftig, so daß man seine Nase hörte. Er hatte ihr bisher in seinem Herzen Vorwürfe gemacht und sich bemüht, sie zu verachten; aber jetzt tat sie ihm so leid, daß in seinem Herzen für Vorwürfe kein Raum blieb.

»Er ist jetzt hier; sagen Sie ihm … er möchte mir ver … verzeihen.«

Sie hielt inne und begann noch schneller zu atmen, weinte aber nicht.

»Ja … ich will es ihm sagen«, antwortete Pierre, »aber …«

Er wußte nicht, was er weiter sagen sollte.

Natascha erschrak, offenbar weil ihr einfiel, auf welchen Gedanken Pierre vielleicht kommen konnte.

»Nein, ich weiß, daß alles zu Ende ist«, sagte sie hastig. »Nein, das ist für immer unmöglich. Mich quält nur das Böse, das ich ihm angetan habe. Sagen Sie ihm nur, ich bäte ihn, mir zu verzeihen, mir zu verzeihen, mir alles zu verzeihen, was …«

Sie zitterte am ganzen Leib und setzte sich auf einen Stuhl.

Ein Gefühl des Mitleides, so stark, wie er es noch nie empfunden hatte, erfüllte Pierres ganze Seele.

»Ich werde es ihm sagen, ich werde ihm alles noch einmal sagen«, erwiderte Pierre. »Aber … eines möchte ich gern wissen …«

»Was möchten Sie wissen?« fragte Nataschas Blick.

»Ich möchte gern wissen, ob Sie diesen …«, Pierre wußte nicht, wie er Anatol nennen sollte, und errötete bei dem Gedanken an ihn, »ob Sie diesen schlechten Menschen geliebt haben.«

»Nennen Sie ihn nicht schlecht«, erwiderte Natascha. »Aber ich weiß nichts, gar nichts …«

Sie brach in Tränen aus. Und das Gefühl des Mitleides, der Zärtlichkeit und der Liebe ergriff Pierre noch stärker. Er spürte, wie ihm hinter der Brille die Tränen aus den Augen quollen, und hoffte, daß Natascha es nicht bemerken werde.

»Wir wollen nicht weiter davon reden, liebe Freundin«, sagte er. Durch seinen sanften, zärtlichen, von Herzen kommenden Ton fühlte sich Natascha ganz seltsam berührt.

»Wir wollen nicht davon reden, liebe Freundin; ich werde ihm alles sagen; aber um eines bitte ich Sie: halten Sie mich für Ihren Freund; und wenn Sie Hilfe oder Rat brauchen oder einfach jemanden, dem Sie Ihr Herz ausschütten möchten – nicht jetzt, sondern wenn es in Ihrer Seele wieder wird hell und klar geworden sein –, dann erinnern Sie sich an mich.« Er ergriff ihre Hand und küßte sie. »Ich werde glücklich sein, wenn ich imstande sein sollte …«

Pierre wurde verlegen.

»Reden Sie nicht so mit mir; das verdiene ich nicht!« rief Natascha und wollte aus dem Zimmer eilen; aber Pierre hielt sie an der Hand zurück.

Er hatte das Glück, daß er ihr noch etwas sagen müsse. Aber als er es sagte, war er selbst über seine eigenen Worte erstaunt.

»Fassen Sie wieder Mut; das ganze Leben liegt noch vor Ihnen«, sagte er zu ihr.

»Vor mir? Nein! Für mich ist alles verloren«, erwiderte sie voll Scham und Zerknirschung.

»Alles verloren?« entgegnete er. »Wäre ich nicht der, der ich bin, sondern der schönste, klügste, beste Mensch auf der Welt, und wäre ich dabei frei, dann würde ich in diesem Augenblick auf den Knien um Ihre Hand und um Ihre Liebe werben.«

Zum erstenmal seit vielen Tagen vergoß Natascha Tränen der Dankbarkeit und Rührung; sie blickte Pierre noch einmal innig an und verließ das Zimmer.

Unmittelbar darauf ging auch Pierre; er lief fast ins Vorzimmer, vermochte kaum die Tränen der Rührung und der Glückseligkeit zurückzuhalten, die ihm die Kehle beengten, und konnte beim Anziehen seines Pelzes lange nicht in die Ärmel hineinfinden. Er setzte sich in seinen Schlitten.

»Wohin befehlen Sie jetzt?« fragte der Kutscher.

»Ja, wohin?« fragte sich Pierre. »Wohin kann ich jetzt fahren? Bin ich jetzt wirklich imstande, nach dem Klub zu fahren oder einen Besuch zu machen?« Alle Menschen erschienen ihm so bedauernswert und arm gegenüber dem Gefühl der Rührung und Liebe, das er empfand, gegenüber jenem weichen, dankbaren Blick, mit dem sie ihn zuletzt durch ihre Tränen hindurch angesehen hatte.

»Nach Hause«, sagte Pierre, und trotz der zehn Grad Kälte schlug er den Bärenpelz über seiner breiten, freudig atmenden Brust auseinander.

Es war kalt und klar. Über den schmutzigen, halbdunklen Straßen, über den schwarzen Dächern wölbte sich der dunkle Sternenhimmel. Sowie Pierre nach dem Himmel blickte, empfand er nicht mehr die demütigende Niedrigkeit alles Irdischen gegenüber der Höhe, in der seine Seele schwebte. Als er aus der engen Straße auf den Arbatskaja-Platz hinausfuhr, erschloß sich seinen Augen in weiter Ausdehnung das Gewölbe des dunklen, von Sternen bedeckten Himmels. Beinahe in der Mitte dieses Himmels, über dem Pretschistenski-Boulevard, stand, rings von Sternen umgeben und umstreut, aber durch seine geringere Entfernung von der Erde, durch sein weißes Licht und durch den langen, nach oben gerichteten Schweif sich von allen abhebend, der gewaltige helle Komet des Jahres 1812, eben der Komet, der, wie man sagte, alle möglichen Schrecknisse und den Untergang der Welt vorherverkündete. Aber in Pierres Seele rief dieser glänzende Stern mit dem langen, leuchtenden Schweif kein banges Gefühl hervor. Im Gegenteil, freudig betrachtete Pierre mit tränenfeuchten Augen dieses helle Gestirn, das, nachdem es mit unsagbarer Geschwindigkeit den unermeßlichen Raum in einer parabolischen Linie durchflogen hatte, nun plötzlich wie ein in die Erdatmosphäre eingedrungener Pfeil dort an einer von ihm ausgewählten Stelle am schwarzen Himmel haltgemacht hatte und festhaftete, seinen Schweif energisch in die Höhe hebend und unter den unzähligen andern glitzernden Sternen mit seinem weißen Licht leuchtend und schimmernd. Pierre hatte die Empfindung, daß dieses Gestirn vollständig mit dem Gefühl harmonierte, das in seiner zu neuem Leben sich erschließenden, von Rührung und Mut erfüllten Seele rege geworden war.