***
X
»Geht dir das auch manchmal so«, sagte Natascha zu ihrem Bruder, als sie sich im Sofazimmer hingesetzt hatten, »geht dir das auch manchmal so: man hat die Vorstellung, es werde nichts mehr geschehen, gar nichts, und alles Gute sei vergangen und vorbei, und es ist einem nicht sowohl langweilig als vielmehr traurig zumute?«
»Und ob mir das so geht!« erwiderte er. »Es ist mir schon vorgekommen, daß alles in schönster Ordnung war und alle Leute vergnügt waren und ich dann auf einmal denken mußte, das sei doch alles furchtbar öde und das beste wäre, wenn alle stürben. Ich war, als ich beim Regiment war, einmal nicht auf die Promenade gegangen, wo die Musik spielte, und da überkam mich plötzlich ein solcher Widerwille …«
»Ach ja, das kenne ich. Ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn Natascha. »Ich war noch ganz klein, da begegnete mir das einmal. Erinnerst du dich, ich wurde einmal wegen Pflaumenabpflückens bestraft, und ihr tanztet alle, und ich saß im Unterrichtszimmer und schluchzte; das werde ich nie vergessen: ich war traurig, und alle Menschen taten mir leid, ich selbst und alle; alle taten sie mir leid. Und, was die Hauptsache war, ich war unschuldig gewesen. Erinnerst du dich wohl noch?«
»Jawohl, ich erinnere mich«, antwortete Nikolai. »Ich erinnere mich, daß ich nachher zu dir kam und dich trösten wollte, und weißt du: ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich schämen. Wir waren furchtbar komisch. Ich hatte damals ein Spielzeug, ein ausgestopftes Tier, und das wollte ich dir geben. Besinnst du dich noch?«
»Und besinnst du dich noch«, sagte Natascha mit gedankenvollem Lächeln, »wie uns vor langer, langer Zeit, wir waren noch ganz klein, der Onkel in sein Zimmer rief, es war noch im alten Haus, und es war dunkel; wir kamen hin, und auf einmal stand da …«
»Ein Neger«, fiel Nikolai mit vergnügtem Lächeln ein. »Wie werde ich mich denn daran nicht erinnern? Ich weiß auch heute noch nicht, ob wirklich ein Neger da war oder wir es nur geträumt haben oder jemand es uns erzählt hat.«
»Er war nicht schwarz, sondern grau, erinnerst du dich? und hatte weiße Zähne. Er stand da und sah uns an …«
»Erinnern Sie sich auch noch daran, Sonja?« fragte Nikolai.
»Ja, ja, ich erinnere mich auch an so etwas Ähnliches«, antwortete Sonja schüchtern.
»Ich habe nachher nach diesem Neger Papa und Mama gefragt«, sagte Natascha. »Sie sagten, es sei kein Neger dagewesen. Aber du erinnerst dich doch auch daran!«
»Gewiß, ich erinnere mich an seine Zähne, wie wenn es heute gewesen wäre.«
»Wie sonderbar das ist; gerade als ob es uns geträumt hätte. So etwas habe ich gern.«
»Und erinnerst du dich noch, wie wir einmal im Saal mit Ostereiern trudelten, und auf einmal waren da zwei alte Frauen und drehten sich auf dem Teppich herum? War das nun Wirklichkeit oder nicht? Erinnerst du dich, wie schön es war?«
»Ja. Und erinnerst du dich, wie Papa in seinem blauen Pelz auf der Freitreppe mit der Flinte schoß?«
So durchmusterten sie lächelnd mit dem Genuß, den eine nicht greisenhaft-traurige, sondern jugendlich-poetische Rückerinnerung gewährt, die aus der fernsten Vergangenheit noch haftenden Eindrücke, bei denen Traum und Wirklichkeit zusammenfließen. Und sie lachten leise und freuten sich.
Sonja blieb, wie immer, hinter ihnen zurück, obgleich diese Erinnerungen eigentlich ihnen allen dreien gemeinsam waren.
Sonja konnte sich an vieles von dem nicht erinnern, woran sich die beiden andern erinnerten; und auch das, woran sie sich erinnerte, erregte bei ihr nicht jene poetische Empfindung, welche die andern dabei genossen. Sie hatte ihr Vergnügen nur an der Freude der beiden und bemühte sich, eine ähnliche Freude zu zeigen.
Wirklichen Anteil nahm sie erst dann, als erwähnt wurde, wie sie selbst zuerst zu der Familie gekommen sei. Sonja erzählte, wie sie sich vor Nikolai gefürchtet hätte, weil an seinem Jäckchen Schnüre gewesen wären und die Kinderfrau ihr gesagt habe, sie würde an diese Schnüre festgenäht werden.
»Und ich erinnere mich: mir sagten sie, du wärest unter einem Kohlkopf geboren«, sagte Natascha, »und ich erinnere mich, daß ich das damals nicht zu bezweifeln wagte, obwohl ich wußte, daß es nicht wahr sein konnte; und das war mir ein unheimliches Gefühl.«
Während dieses Gespräches schob sich durch die hintere Tür des Sofazimmers der Kopf eines Stubenmädchens hindurch.
»Gnädiges Fräulein, der Hahn ist gebracht worden«, meldete das Mädchen flüsternd.
»Ich brauche ihn nicht mehr, Polja, laß ihn nur wieder wegbringen«, sagte Natascha.
Als das Gespräch im Sofazimmer im besten Gang war, kam Herr Dümmler herein und ging zu der Harfe, die in einer Ecke stand. Er nahm den Überzug ab, wobei das Instrument einen häßlingen Klang gab.
»Eduard Karlowitsch, bitte, spielen Sie mir doch mein Lieblings-Notturno von Monsieur Field«, rief die alte Gräfin aus dem Salon.
Dümmler griff einen Akkord und sagte, zu Natascha, Nikolai und Sonja gewendet: »Wie nett und friedlich das junge Volk da so zusammensitzt!«
»Ja, wir philosophieren«, antwortete Natascha, sich einen Augenblick nach ihm hinwendend, und fuhr dann in dem Gespräch fort. Es war jetzt von Träumen die Rede.
Dümmler begann zu spielen. Natascha ging leise, auf den Fußspitzen, zum Tisch hin, nahm die Kerze, trug sie hinaus und setzte sich, als sie zurückkam, still wieder auf ihren Platz. Im Zimmer, und besonders bei dem Sofa, auf dem sie saßen, war es dunkel; aber durch die großen Fenster fiel das silberne Licht des Vollmondes auf die Dielen.
»Wißt ihr, ich glaube«, flüsterte Natascha, an Nikolai und Sonja näher heranrückend, als Dümmler schon das Musikstück beendet hatte und nun noch dasaß und leise hier und da eine Saite mit den Fingern berührte, augenscheinlich nicht recht wissend, ob er zu spielen aufhören oder etwas Neues anfangen sollte, »ich glaube, wenn man sich so erinnert und erinnert und immer weiter erinnert, dann bringt man es schließlich in der Erinnerung so weit, daß man sich an das erinnert, was geschehen ist, ehe man noch auf der Welt war.«
»Das ist die Metempsychose, die Seelenwanderung«, sagte Sonja, die in der Schule immer gut gelernt hatte und alles dort Gelernte noch wußte. »Die Ägypter glaubten, unsere Seelen hätten vorher in Tierleibern gesteckt und würden auch wieder in Tierleiber einziehen.«
»Nein, weißt du, das glaube ich nicht, daß wir Tiere gewesen sind«, erwiderte Natascha, immer noch in demselben Flüsterton, obwohl die Musik schon zu Ende war, »aber ich weiß bestimmt, daß wir einmal Engel waren, dort irgendwo, und daß wir auch hier unten waren, und uns daher an alles erinnern …«
»Darf ich mich zu Ihnen gesellen?« fragte Herr Dümmler, der leise herangetreten war, und setzte sich zu ihnen hin.
»Wenn wir Engel gewesen wären, wodurch hätten wir es dann verdient, so tief zu fallen?« entgegnete Nikolai. »Nein, das ist nicht möglich!«
»Nicht tief! Wer hat dir gesagt, daß das so tief ist …?« erwiderte Natascha. Und im Ton fester Überzeugung fuhr sie fort: »Und woher ich das weiß, was ich früher gewesen bin? Die Seele ist ja unsterblich … folglich, wenn ich immer leben werde, so habe ich auch vorher gelebt, von Ewigkeit her gelebt.«
»Ja, aber es fällt uns doch schwer, uns die Ewigkeit vorzustellen«, bemerkte Dümmler, der zwar ursprünglich mit einem Lächeln freundlicher Geringschätzung zu den jungen Leuten getreten war, nun aber ebenso ruhig und ernst redete wie sie.
»Warum soll es so schwer sein, sich die Ewigkeit vorzustellen?« sagte Natascha. »Sie ist heute, wird morgen sein, wird immer sein und war gestern und vorgestern …«
»Natascha, jetzt kommst du an die Reihe!« rief die Gräfin. »Sing mir etwas! Was sitzt ihr da alle zusammen wie die Verschwörer?«
»Ach, Mama, ich habe eigentlich gar keine Lust«, antwortete Natascha, stand aber doch gleichzeitig auf.
Sie hatten alle, selbst der schon bejahrte Dümmler, keine Lust, das Gespräch abzubrechen und aus dem Eckchen des Sofazimmers herauszukommen; aber Natascha war schon aufgestanden, und Nikolai setzte sich ans Klavier. Natascha stellte sich, wie immer, in die Mitte des Saales, wodurch sie sich den besten Platz für die Resonanz auswählte, und begann das Lieblingslied ihrer Mutter zu singen.
Sie hatte zwar gesagt, daß sie keine Lust zum Singen habe; aber dennoch sang sie lange Zeit vorher und nachher nicht so gut wie gerade an diesem Abend. Graf Ilja Andrejewitsch hörte ihren Gesang von seinem Arbeitszimmer aus, wo er mit dem Geschäftsführer Dmitri eine Besprechung hatte, und wie ein Schüler, der sich beeilt mit seinen Schularbeiten fertigzuwerden, um zum Spielen zu gehen, machte er bei den Weisungen, die er dem Geschäftsführer erteilte, lauter Konfusion und schwieg endlich ganz; und Dmitri stand, gleichfalls zuhörend, schweigend und lächelnd vor dem Grafen. Nikolai verwandte kein Auge von seiner Schwester und holte in Übereinstimmung mit ihr Atem. Sonja dachte beim Zuhören, was für ein gewaltiger Unterschied doch zwischen ihr und ihrer Freundin bestehe, und daß es ihr schlechterdings unmöglich sei, auch nur für eine kleine Weile eine so bezaubernde Wirkung auf andere auszuüben wie ihre Kusine.
Die alte Gräfin saß mit einem glücklichen und zugleich traurigen Lächeln und mit Tränen in den Augen da und wiegte manchmal den Kopf hin und her. Sie dachte sowohl an Natascha als auch an ihre eigene Jugend und konnte nicht von dem Gedanken loskommen, daß in dieser bevorstehenden Verheiratung Nataschas mit dem Fürsten Andrei etwas Unnatürliches und Besorgniserregendes liege.
Dümmler hatte sich neben die Gräfin gesetzt und hörte mit geschlossenen Augen zu.
»Nein, Gräfin«, sagte er endlich, »das ist ja ein Talent, wie man es in ganz Europa nur selten findet. Sie braucht nichts mehr hinzuzulernen; diese Weichheit, diese Zartheit, diese Kraft …!«
»Ach, wie ich mich um sie ängstige, wie ich mich um sie ängstige!« sagte die Gräfin, ohne zu bedenken, mit wem sie sprach. Ihr mütterliches Gefühl sagte ihr, daß bei Natascha irgendeine Art von Übermaß vorhanden sei und sie infolgedessen nicht glücklich sein werde.
Natascha hatte ihren Gesang noch nicht beendet, als der vierzehnjährige Petja ganz entzückt mit der Nachricht ins Zimmer gelaufen kam, es seien Vermummte gekommen.
Natascha brach plötzlich ab.
»Dummkopf!« rief sie ihrem Bruder zu, lief zu einem Stuhl, ließ sich darauf niederfallen und schluchzte dermaßen, daß sie lange Zeit nicht imstande war damit aufzuhören.
»Es hat nichts zu bedeuten, Mamachen; es hat wirklich nichts zu bedeuten; es kommt nur davon, daß mich Petja so erschreckt hat«, sagte sie und versuchte zu lächeln; aber die Tränen flossen immer noch, und das Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu.
Die vermummten Gutsleute, welche Bären, Türken, Schankwirte, Damen vorstellten und sämtlich schrecklich und lächerlich anzusehen waren, brachten kalte Luft und Fröhlichkeit mit sich, drängten sich aber zunächst schüchtern im Vorzimmer zusammen; dann allmählich schoben sie sich, einer sich hinter dem andern versteckend, in den Saal hinein und begannen, anfangs verlegen, dann immer lustiger und zuversichtlicher, ihre Gesänge, Tänze, Reigen und Weihnachtsspiele. Die Gräfin begab sich, nachdem sie die einzelnen Vermummten erkannt und ein wenig über sie gelacht hatte, wieder in den Salon. Graf Ilja Andrejewitsch aber blieb mit strahlendem Lächeln im Saal sitzen und spendete den Spielenden Beifall. Die jungen Leute waren verschwunden, niemand wußte, wohin.
Eine halbe Stunde darauf tauchten im Saal unter den andern Vermummten noch einige neue auf: eine alte Dame im Reifrock; dies war Nikolai. Eine Türkin war in Wirklichkeit Petja. Ein Bajazzo; das war Dümmler. Ein Husar: Natascha, und ein Tscherkesse: Sonja, mit Augenbrauen und Schnurrbart, die mit angebranntem Kork gemalt waren.
Nachdem die Nichtverkleideten ein freundliches Staunen gezeigt, die Vermummten eine Zeitlang nicht erkannt und dann die Verkleidungen gebührendermaßen gelobt hatten, fanden die jungen Leute ihre Kostüme so schön, daß sie für nötig erachteten, sie auch sonst noch jemandem zu zeigen.
Nikolai, der bei der vorzüglichen Schlittenbahn große Lust hatte, alle mit seinem Dreigespann zu fahren, machte den Vorschlag, etwa ein Dutzend von den vermummten Gutsleuten mitzunehmen und zum Onkel zu fahren.
»Nein, wozu wollt ihr den alten Mann stören!« sagte die Gräfin. »Und es ist auch bei ihm so wenig Raum, daß ihr euch kaum umdrehen könntet. Wenn ihr einmal fahren wollt, dann fahrt doch zu Meljukows.«
Frau Meljukowa war Witwe und wohnte mit ihren in verschiedenem Lebensalter stehenden Kindern und deren Gouvernanten und Erziehern vier Werst von Rostows entfernt.
»Hör mal, meine Liebe, das ist ein gescheiter Gedanke von dir«, fiel der alte Graf ein, der ganz vergnügt geworden war. »Wißt ihr was? Ich will mich auch schnell verkleiden und mit euch fahren. Ich werde Pelagia schon amüsieren.«
Aber die Gräfin war dagegen und wollte den Grafen nicht weglassen, weil er doch alle diese Tage Schmerzen im Bein gehabt habe. Das Schlußresultat war: Ilja Andrejewitsch solle nicht mitfahren; aber wenn Luisa Iwanowna (das war Madame Schoß) mit von der Partie sein wolle, dann dürften auch die jungen Mädchen zu Frau Meljukowa fahren. Sonja, die sonst immer so zaghaft und schüchtern war, bestürmte jetzt dringender als alle andern Luisa Iwanowna mit Bitten, ihnen das doch nicht abzuschlagen.
Sonjas Verkleidung war die schönste von allen. Der Schnurrbart und die starken Augenbrauen standen ihr außerordentlich gut. Alle sagten ihr, sie sehe sehr hübsch aus, und sie befand sich in einer ihr sonst fremden, angeregten, tatenlustigen Stimmung. Eine innere Stimme sagte ihr, heute oder nie werde sich ihr Schicksal entscheiden, und sie schien in ihrem Männerkostüm ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Luisa Iwanowna willigte ein, und eine halbe Stunde darauf fuhren vier Schlitten, jeder mit drei Pferden bespannt, unter lustigem Geläut der Glöckchen und Schellen und starkem Quieken und Pfeifen der eisenbeschlagenen Kufen auf dem gefrorenen Schnee, vor der Haustür vor.
Natascha war die erste, die den Ton weihnachtlicher Lustigkeit anschlug, und diese Lustigkeit, die sich von einem auf den andern übertrug, steigerte sich immer mehr und mehr und war auf den höchsten Grad gelangt, als alle in die Kälte hinaustraten und eifrig miteinander redend und einander zurufend, lachend und schreiend sich in die Schlitten verteilten.
Zwei der Dreigespanne waren gewöhnliche Gutspferde; das dritte Dreigespann, welches das besondere Eigentum des alten Grafen war, hatten einen Orlow-Traber in der Deichsel; das vierte, mit einem kleinen, zottigen Rappen als Deichselpferd, gehörte Nikolai. Nikolai, der über sein Kostüm als alte Dame einen durch einen Gurt zusammengehaltenen Husarenmantel angezogen hatte, stand mitten in seinem Schlitten und hielt die Zügel straff. Es war so hell, daß er die im Mondlicht blitzenden Metallplatten an den Köpfen der Pferde und die Augen der Pferde sah, die sich erschrocken nach der Reisegesellschaft umschauten, welche unter dem Schutzdach vor der Haustür, wo es dunkel war, einen solchen Lärm vollführte.
In Nikolais Schlitten nahmen Natascha, Sonja, Madame Schoß und zwei Gutsmädchen Platz; in den Schlitten des alten Grafen stiegen Dümmler mit seiner Frau und Petja; die übrigen beiden füllten die vermummten Gutsleute an.
»Fahr voran, Sachar!« rief Nikolai dem Kutscher seines Vaters zu, um die Möglichkeit zu haben, ihn unterwegs zu überholen.
Der Schlitten des alten Grafen, in welchem Dümmler und seine Fahrtgenossen saßen, fuhr mit einem Aufkreischen der Kufen, als ob sie am Schnee angefroren wären, ab; in tiefem Ton klingelte sein Glöckchen. Die Seitenpferde drängten sich an die Gabeldeichsel und sanken tief in den wie Zucker festen, glänzenden Schnee ein, den sie in Mengen in die Höhe schleuderten.
Nach dem ersten Schlitten fuhr Nikolai ab; dahinter folgten klingelnd und knirschend die übrigen. Anfangs fuhren sie in kurzem Trab auf schmalem Weg. Solange sie am Garten entlangfuhren, legten sich oft die Schatten der kahlen Bäume quer über den Weg und verbargen das helle Licht des Mondes; aber sowie sie über den Garten hinausgekommen waren, erschloß sich auf allen Seiten die unbeweglich daliegende Schneefläche, die ganz vom Mondlicht überflutet war und wie Diamanten, mit einem bläulichen Schimmer, blitzte. Einmal und noch einmal stieß der vorderste Schlitten rumpelnd in ein ausgefahrenes Loch im Weg; und genau dieselben Stöße wiederholten sich beim folgenden Schlitten und bei den übrigen. So zogen sich die Schlitten in langer Reihe einer hinter dem andern dahin und störten keck die ringsum herrschende tiefe Stille.
»Eine Hasenspur, eine Menge Spuren!« erklang Nataschas Stimme in der vom Frost wie zusammengeschmiedeten Luft.
»Wie deutlich alles zu sehen ist, Nikolai!« sagte Sonja.
Nikolai drehte sich nach Sonja um und beugte sich nieder, um aus größerer Nähe ihr Gesicht unterscheiden zu können. Ein ganz neues, allerliebstes Gesichtchen, mit schwarzen Augenbrauen und schwarzem Schnurrbart, das im Mondlicht nah und fern zugleich erschien, blickte ihm aus dem Zobelpelzwerk entgegen.
»Das war doch früher Sonja?« dachte Nikolai. Er rückte mit seinem Gesicht noch etwas näher heran, um sie genauer zu sehen, und lächelte.
»Was haben Sie, Nikolai?«
»Oh, nichts!« antwortete er und wandte sich wieder zu den Pferden hin.
Als sie auf die vielbefahrene große Landstraße hinauskamen, die von den Schlittenkufen geglättet und, was man im Mondschein deutlich sehen konnte, von den Hufeisendornen ganz zerhackt war, da begannen die Pferde ganz von selbst die Zügel auszuziehen und ihren Lauf zu beschleunigen. Das linke Seitenpferd bog den Kopf nach unten und machte Sprünge, von denen die Stränge jedesmal einen Ruck bekamen. Das Deichselpferd wiegte sich hin und her und bewegte die Ohren, als ob es fragen wollte: »Soll ich nun anfangen, oder ist es noch zu früh?« Vorn, schon weit voraus, sah man deutlich gegen den weißen Schnee das schwarze Dreigespann Sachars. Man hörte das sich immer mehr entfernende tieftönende Glöckchen klingen, und wie die Verkleideten in dem Schlitten schrien und lachten und miteinander redeten.
»Na, nun aber, meine lieben Tierchen!« schrie Nikolai; gleichzeitig zupfte er mit der einen Hand an den Zügeln und streckte die andere Hand mit der Peitsche aus.
Und nur aus dem anscheinend stärker entgegenwehenden Wind und den zuckenden Bewegungen der sich ausstreckenden und immer schneller springenden Seitenpferde war zu merken, wie schnell der Schlitten dahinflog.
Nikolai blickte zurück: mit quiekenden Kufen, unter lautem Geschrei der Kutscher, die die Peitschen schwangen und die Deichselpferde zum Galopp antrieben, suchten die anderen Schlitten mitzukommen. Nikolais Deichselpferd wiegte sich ruhig unter dem Joch hin und her und dachte gar nicht daran, in eine andere Gangart überzugehen; indes merkte man ihm an, daß es seine Schnelligkeit noch erheblich steigern könne, wenn es nötig sein sollte.
Nikolai hatte den ersten Schlitten eingeholt. Sie fuhren eine Anhöhe hinunter und kamen auf einen in bedeutender Breite befahrenen Weg, der an einem Fluß hin über eine Wiese führte.
»Wo fahren wir denn eigentlich?« dachte Nikolai. »Doch wohl über die Schräge Wiese. Aber nein, das ist etwas Neues, was ich noch nie gesehen habe. Das ist nicht die Schräge Wiese und nicht die Djomkina-Höhe, sondern Gott weiß was! Das ist etwas ganz Neues, Zauberhaftes. Na, mag es sein, was es will!« Er schrie die Pferde an und begann den ersten Schlitten zu überholen.
Sachar verhielt seine Pferde ein wenig und wendete sein schon bis an die Brauen mit Reif bedecktes Gesicht zurück.
Nikolai ließ seinen Pferden die Zügel schießen; Sachar streckte beide Arme nach vorn, schnalzte mit der Zunge und ließ auch seinen Pferden volle Freiheit.
»Na, nun nimm dich zusammen, Herr!« rief er.
Noch schneller flogen die Dreigespanne nebeneinander dahin, und geschwind lösten die Beine der galoppierenden Pferde einander ab. Nikolai begann voranzukommen. Sachar hob, ohne die Haltung der ausgestreckten Arme zu verändern, den einen Arm mit den Zügeln in die Höhe.
»Bilde dir nur nichts ein, Herr!« rief er Nikolai zu.
Nikolai ließ nun auch das Mittelpferd in Galopp übergehen und überholte Sachar. Die Pferde überschütteten die Gesichter der Insassen mit feinem, trockenem Schnee; stürmisch ertönte das Läuten und Klingeln; die sich schnell bewegenden Pferdebeine und die Schatten des überholten Dreigespannes bildeten ein wirres Durcheinander. Hier wie dort hörte man die Kufen auf dem Schnee pfeifen und Weiberstimmen kreischen.
Nikolai hielt die Pferde wieder zurück und warf einen Blick um sich. Ringsumher breitete sich immer noch dieselbe, vom Mondlicht tief durchtränkte, zauberhafte Ebene aus, die wie mit Sternen übersät blitzte.
»Sachar ruft, ich solle nach links wenden; aber warum nach links?« dachte Nikolai. »Sind wir denn wirklich auf dem richtigen Weg zu Meljukows, und ist das wirklich Meljukowka? Wir fahren ja Gott weiß wo, und Gott weiß, was mit uns vorgeht – aber das, was mit uns vorgeht, ist sehr seltsam und schön.« Er blickte in seinen Schlitten zurück.
»Sieh nur, sein Schnurrbart und seine Wimpern, alles ist ganz weiß«, sagte eines der im Schlitten sitzenden sonderbaren, hübschen, fremden Wesen, das einen feinen schwarzen Schnurrbart und schwarze Augenbrauen hatte.
»Das war doch, wie mir scheint, Natascha«, dachte Nikolai. »Und das da ist Madame Schoß, aber vielleicht auch nicht; aber wer dieser Tscherkesse mit dem Schnurrbart ist, das weiß ich nicht; aber ich liebe dieses Mädchen.«
»Friert euch auch nicht?« fragte er.
Sie antworteten nicht und lachten nur. Dümmler rief etwas von dem hinteren Schlitten her, wahrscheinlich etwas Komisches; aber es war für Nikolai unmöglich, zu verstehen, was er rief.
»Ja, ja«, antworteten lachende Stimmen.
Aber das war ja eine Art von Zauberwald, in welchem dunkle Schatten und ein Geglitzer wie von Diamanten durcheinanderflossen, und da war ja eine lange Reihe von Marmorstufen und silberne Dächer zauberhafter Gebäude, und da erscholl ein durchdringendes Kreischen irgendwelcher wilden Tiere. »Aber wenn das wirklich Meljukowka sein sollte, so ist noch seltsamer, daß wir Gott weiß wo gefahren und doch nach Meljukowka gelangt sind«, dachte Nikolai.
Es war wirklich Meljukowka, und mit Lichtern in den Händen kamen Mädchen und Diener mit vergnügten Gesichtern vor die Haustür gelaufen.
»Wer ist es denn?« wurde dort gefragt.
»Es sind Vermummte von dem gräflichen Gute; ich sehe es an den Pferden«, lautete die Antwort.
XI
Pelagia Danilowna Meljukowa, eine Frau von kräftigem Körperbau und energischem Charakter, saß, mit einer Brille und in einem offenstehenden Kapotrock, im Salon, umgeben von ihren Töchtern, denen sie die Langeweile zu vertreiben suchte. Sie gossen stillschweigend Wachs und betrachteten die Schatten der dabei entstandenen Figuren; da wurden im Vorzimmer die Schritte und die Stimmen der Ankömmlinge vernehmbar.
Die Husaren, Damen, Hexen, Bajazzos und Bären machten sich zuerst im Vorzimmer zurecht, indem sie sich tüchtig räusperten und sich die von der Kälte ganz mit Reif bedeckten Gesichter abwischten, und traten dann in den Saal, wo eilig die Lichter angezündet wurden. Der Bajazzo Dümmler und die Dame Nikolai eröffneten den Tanz. Umringt von den kreischenden Kindern machten die Vermummten, die ihre Gesichter verbargen und ihre Stimmen verstellten, der Hausfrau ihre Verbeugung und begrüßten sie; dann verteilten sie sich im Saal.
»Ach, aber auch gar nicht zu erkennen! Das ist ja Natascha! Seht nur, wem sieht sie ähnlich? Wirklich, sie erinnert mich an jemand! Und Eduard Karlowitsch, wie schön der aussieht! Ich hatte ihn gar nicht erkannt. Und wie er tanzt! Ach, herrje! auch eine Art Tscherkesse! Wahrhaftig, das Kostüm steht Sonja wundervoll! Und wer ist denn das noch? Na, da habt ihr uns einmal ein hübsches Vergnügen bereitet! Nikita, Iwan, nehmt doch die Tische weg! Und wir saßen so still und einsam da!« So redeten die größeren Meljukowschen Töchter.
»Hahaha! … Nein, der Husar! Sieh doch nur den Husaren! Ganz wie ein junger Mann; und die Beine! … Ich kann gar nicht sehen …!« riefen die Kinder.
Natascha, die bei den jungen Meljukows ganz besonders beliebt war, verschwand mit ihnen zusammen nach den hinteren Zimmern, wohin sie sich dann einen Kork und verschiedene Herrenschlafröcke und andere Herrenkleider bringen ließen; nackte Mädchenarme nahmen diese Dinge dem Diener durch die nur ein wenig geöffnete Tür ab. Zehn Minuten darauf gesellte sich das ganze junge Volk der Familie Meljukow zu den Vermummten.
Nachdem Pelagia Danilowna alles Erforderliche angeordnet hatte, damit es den Gästen nicht an Raum mangelte und sowohl die Herrschaften als auch die Gutsleute bewirtet würden, ging sie, ohne die Brille abzunehmen, mit einem stillen Lächeln unter den Vermummten umher und sah ihnen aus der Nähe in die Gesichter, aber ohne jemand zu erkennen. Sie erkannte weder die Rostows noch Herrn Dümmler, ja nicht einmal ihre eigenen Töchter, auch nicht die von ihrem seligen Mann herrührenden Schlafröcke und Uniformen, welche sie anhatten.
»Wer ist denn eigentlich die da?« sagte sie, zu ihrer Gouvernante gewendet, indem sie ihrer eigenen Tochter ins Gesicht blickte, die einen Kasanschen Tataren vorstellte. »Doch wohl eine der Rostowschen Damen. Nun, und Sie, Herr Husar, in welchem Regiment dienen Sie?« sagte sie zu Natascha. »Reich dem Türken Obstmarmelade«, sagte sie zu dem Diener, der den Gästen Erfrischungen präsentierte. »Das ist ihnen durch ihr Gesetz nicht verboten.«
Manchmal, wenn sie die sonderbaren, komischen Pas ansah, die die Tänzer ausführten, welche sich ein für allemal gesagt hatten, sie seien Vermummte und würden von niemand erkannt, und daher keine Verlegenheit fühlten, dann hielt sich Pelagia Danilowna das Taschentuch vor das Gesicht, und ihr ganzer wohlgenährter Körper wurde von jenem unaufhaltsamen, gutmütigen Lachen erschüttert, wie es alten Damen eigen ist.
»Nein, meine Alexandra! Nun sehen Sie nur meine Alexandra!« rief sie.
Nachdem die russischen Tänze und Reigen vorgeführt waren, ließ Pelagia Danilowna alle, die Gutsleute und die Herrschaften, zusammen einen großen Kreis bilden; ein Ring, ein langer Bindfaden und ein Rubelstück wurden gebracht, und es wurden gemeinsame Spiele gespielt.
Nach Verlauf einer Stunde waren sämtliche Kostüme verdrückt und in Unordnung. Die mit Kork gemalten Schnurrbärte und Augenbrauen hatten sich auf den mit Schweiß bedeckten, erhitzten, lustigen Gesichtern verwischt. Pelagia Danilowna begann die Vermummten zu erkennen, erging sich in Äußerungen des Entzückens darüber, wie geschickt die Kostüme hergestellt seien, wie schön sie namentlich den jungen Damen ständen, und dankte allen dafür, daß sie ihr so viel Heiterkeit ins Haus gebracht hätten. Die Gäste wurden zum Abendessen in den Salon gebeten, im Saal wurden Einrichtungen für die Bewirtung der Gutsleute getroffen.
»Nein, im Badehäuschen das Orakel zu befragen, das ist entsetzlich!« bemerkte beim Abendessen ein altes Fräulein, das bei Meljukows wohnte.
»Wieso denn?« fragte die älteste Tochter der Frau Meljukowa.
»Nun, ihr werdet doch nicht hingehen; dazu gehört viel Mut …«
»Ich gehe hin«, erklärte Sonja.
»Erzählen Sie doch, wie es dem jungen Fräulein ging«, bat die zweite Meljukowsche Tochter.
»Nun ja, da ging also ein Fräulein hin«, erzählte die alte Jungfer, »sie nahm einen Hahn mit und Tischgerät für zwei Personen, alles, wie es sein muß, und setzte sich hin. So saß sie eine Weile; auf einmal hört sie, es kommt etwas gefahren, ein Schlitten kommt mit Glöckchen und Schellen; sie hört Schritte. Es kommt jemand herein, ganz in Menschengestalt, wie ein wirklicher Offizier; er trat zu ihr heran und setzte sich neben sie, zu dem freien Gedeck.«
»Ah! Ah!« rief Natascha und riß vor Schrecken die Augen weit auf.
»Und was tat er dann weiter? Redete er auch?«
»Ja, wie ein Mensch, alles, wie es sich gehört; und er suchte sie zu bereden; aber sie hätte ihn mit Gesprächen bis zum Hahnenschrei beschäftigen müssen; aber sie bekam es mit der Angst, und in der Angst bedeckte sie das Gesicht mit den Händen. Er griff auch wirklich schon nach ihr. Es war nur gut, daß in diesem Augenblick Mädchen aus dem Haus dazugelaufen kamen …«
»Aber wozu erschrecken Sie mir das junge Volk!« schalt Pelagia Danilowna.
»Mamachen, Sie haben doch selbst einmal das Orakel befragt …«, sagte eine der Töchter.
»Und wie befragt man denn das Orakel im Speicher?« fragte Sonja.
»Das ist so: man geht, etwa so wie jetzt, auf den Speicher und horcht. Was man nun gerade hört: wenn es klopft und pocht, das ist schlecht; aber wenn es klingt, als ob Getreide geschaufelt wird, das bedeutet etwas Gutes; und das trifft dann auch ein.«
»Mamachen, erzählen Sie doch, was Sie im Speicher erlebt haben.«
Pelagia Danilowna lächelte.
»Ach was! Das habe ich schon vergessen …«, antwortete sie. »Von euch geht ja doch niemand hin.«
»Doch! Ich gehe hin. Pelagia Danilowna, erlauben Sie es mir; ich möchte hingehen«, sagte Sonja.
»Nun meinetwegen, wenn du dich nicht fürchtest.«
»Luisa Iwanowna, darf ich?« fragte Sonja.
Ob sie nun mit dem Ring, dem Bindfaden oder dem Rubelstück spielten oder sich wie jetzt mit Gesprächen unterhielten: Nikolai wich nicht von Sonjas Seite und betrachtete sie mit ganz neuen Augen. Dank diesem mit Kork aufgemalten Schnurrbart schien es ihm, daß er sie heute zum erstenmal vollständig kennenlernte. Sonja war an diesem Abend wirklich so heiter, lebhaft und hübsch, wie Nikolai sie noch nie vorher gesehen hatte.
»Also so ein Mädchen ist sie, und was bin ich für ein Dummkopf gewesen!« dachte er, während er ihre glänzenden Augen und das glückselige, entzückte Lächeln betrachtete, bei dem sich unter dem aufgemalten Schnurrbart Grübchen auf den Wangen bildeten; ein solches Lächeln hatte er an ihr noch nie gesehen.
»Ich fürchte mich vor nichts«, sagte Sonja. »Kann ich jetzt gleich hingehen?« Sie stand auf.
Man beschrieb ihr, wo der Speicher war, gab ihr Anweisung, wie sie sich schweigend hinstellen und horchen müsse, und reichte ihr einen Pelz. Sie zog ihn sich über den Kopf und warf dabei einen Blick nach Nikolai hin.
»Wie reizend dieses Mädchen ist!« dachte er. »Wie konnte ich nur bisher Bedenken haben!«
Sonja ging auf den Korridor hinaus, um sich nach dem Speicher zu begeben. Nikolai trat schnell durch die vordere Haustür auf die dortige Freitreppe, nachdem er vorher geäußert hatte, es sei ihm gar zu heiß. Und es war tatsächlich in den Zimmern eine drückende Schwüle von den vielen Menschen, die sich darin drängten.
Draußen herrschte noch immer dieselbe starre Kälte, und derselbe Mondschein überflutete alles; nur war er noch heller geworden. Die Helligkeit war so stark, und es blitzten so viel Sterne auf dem Schnee, daß man gar keine Lust hatte nach dem Himmel zu blicken und die wirklichen Sterne dagegen unscheinbar aussahen. Am Himmel war es dunkel und öde; auf der Erde war es lustig.
»Ich Dummkopf! Oh, ich Dummkopf! Worauf habe ich bis jetzt gewartet?« dachte Nikolai, lief die Freitreppe hinunter und bog um die Hausecke auf dem Steig, der nach der hinteren Freitreppe führte. Er wußte, daß Sonja hier herauskommen mußte. Auf der Hälfte des Weges nach dem Speicher standen aufgeschichtete Klafter Brennholz, die mit Schnee bedeckt waren und dunklen Schatten warfen; über sie hinweg und seitwärts von ihnen fiel in wirrer Verästelung der Schatten alter, kahler Lindenbäume auf den Schnee und den Steig. Dieser Steig führte zum Speicher. Die Balkenwand des Speichers und das mit Schnee bedeckte Dach desselben glänzten im Mondschein, wie wenn sie aus irgendeinem Edelstein geschnitten wären. Im Garten bekam ein Baum mit lautem Knacken einen Riß; dann war alles wieder völlig still. Die Brust schien nicht Luft einzuatmen, sondern gleichsam ewig junge Kraft und Freude.
Auf den Stufen der Freitreppe, die von dem Mädchenzimmer herkam, ertönten Schritte; sie knirschten laut auf der letzten Stufe, die beschneit war. Nikolai hörte, wie das alte Fräulein sagte:
»Immer geradeaus, immer geradeaus, hier den Steig hinunter, gnädiges Fräulein. Sie dürfen sich nur nicht umsehen.«
»Ich fürchte mich nicht«, antwortete Sonjas Stimme, und auf dem Steig in der Richtung auf Nikolai zu kamen quietschend und pfeifend Sonjas Füßchen in den feinen Schuhen über den Schnee.
Sonja schritt, in ihren Pelz fest vermummt, dahin. Sie war nur noch zwei Schritte von Nikolai entfernt, als sie ihn erblickte; auch sie erblickte ihn nicht in der Gestalt, in der sie ihn sonst zu sehen gewohnt war, und in der er ihr immer ein wenig Angst eingeflößt hatte. Er trug jetzt Frauenkleider; das Haar war ihm wirr und unordentlich geworden, und er lächelte mit einem glückseligen Ausdruck, der für Sonja etwas ganz Neues war. Sie trat schnell an ihn heran.
»Sie ist so ganz verändert, und doch dieselbe«, dachte Nikolai, als er in ihr Gesicht blickte, das vom Mondlicht hell beschienen war. Er schob die Hände unter den Pelz, der ihren Kopf verhüllte, umfaßte diesen, zog ihn an sich heran und küßte sie auf die Lippen, über denen der Schnurrbart gemalt war und die nach gebranntem Kork rochen. Sonja küßte ihn mitten auf den Mund; sie machte ihre kleinen Hände aus dem Pelz los und faßte ihn von beiden Seiten an die Wangen.
»Sonja!« – »Nikolai!« Weiter sagten sie nichts. Sie liefen zusammen zum Speicher hin und kehrten dann ins Haus zurück, ein jeder durch die Tür, durch die er gekommen war.
XII
Als alle sich anschickten, von Pelagia Danilowna wieder nach Hause zu fahren, richtete Natascha, die immer alles sah und bemerkte, es beim Platznehmen so ein, daß Luisa Iwanowna und sie in den Schlitten zu Herrn Dümmler stiegen, Sonja aber zu Nikolai und den Gutsmädchen.
Nikolai veranstaltete jetzt auf dem Rückweg nicht wieder ein Wettfahren, sondern fuhr gleichmäßig dahin, betrachtete bei dem seltsamen Mondschein fortwährend Sonja und suchte bei diesem alles verändernden Licht hinter den falschen Brauen und dem Schnurrbart jene seine frühere und seine jetzige Sonja zu finden, von der er sich nie mehr zu trennen beschlossen hatte. Er betrachtete sie, und als er erkannte, daß sie ganz dieselbe und doch ganz verändert sei, und als der Korkgeruch, den er noch zu spüren meinte und der sich mit der Empfindung des Kusses verbunden hatte, ihn an das kurz vorher Geschehene erinnerte, da zog er mit ganzer Brust die kalte Winterluft in sich hinein; und als er die hinter ihn zurückweichende Erde und den gestirnten Himmel ansah, fühlte er sich wieder in ein Zauberland versetzt.
»Sonja, istdirwohl?« fragte er ab und zu.
»Ja«, antwortete Sonja, »unddir?«
Auf der Hälfte des Weges übergab Nikolai dem Kutscher das Amt, die Pferde zu lenken; er selbst aber lief für einen Augenblick zu Nataschas Schlitten hin und stellte sich auf das Trittbrett.
»Natascha«, flüsterte er ihr auf französisch zu, »weißt du, ich bin in betreff Sonjas zu einem Entschluß gelangt.«
»Hast du es ihr gesagt?« fragte Natascha. Ihr ganzes Gesicht strahlte plötzlich vor Freude.
»Ach, wie sonderbar du mit diesem Schnurrbart und diesen Augenbrauen aussiehst, Natascha! Freust du dich?«
»Ich freue mich sehr; sehr freue ich mich! Ich war auf dich schon ordentlich böse. Ich wollte es dir nicht sagen; aber du hast schlecht an ihr gehandelt. Sie hat ein so goldenes Herz, Nikolai. Wie ich mich freue! Ich bin manchmal recht garstig«, fuhr Natascha fort, »aber ich habe mir doch ein Gewissen daraus gemacht, daß ich allein so glücklich war und Sonja nicht. Jetzt bin ich so froh! Nun laufe aber nur wieder zu ihr hin.«
»Nein, laß mich noch einen Augenblick hierbleiben; wie komisch du aussiehst!« sagte Nikolai, der sie immerzu betrachtete und auch an seiner Schwester etwas Neues, Ungewohntes, Liebliches, Entzückendes fand, das er früher an ihr nicht gesehen hatte. »Natascha, es ist alles so zauberhaft, nicht wahr?«
»Ja«, antwortete sie, »du hast sehr recht getan.«
»Hätte ich Natascha früher so gesehen, wie sie jetzt ist«, dachte Nikolai, »so hätte ich sie längst gefragt, was ich tun sollte, und hätte alles getan, was sie mich hätte tun heißen, und alles wäre gut gewesen.«
»Also du freust dich, und ich habe recht getan?«
»Ach ja, sehr recht! Ich habe mich neulich mit Mama darüber gestritten. Mama sagte, Sonja wolle dich kapern. Wie kann man nur so etwas sagen? Ich hätte mich mit Mama beinahe ernstlich gezankt. Und ich werde nie dulden, daß jemand etwas Schlechtes von ihr sagt oder denkt; denn in ihrer Seele wohnt nichts als Gutes.«
»Also ich habe recht getan?« fragte Nikolai noch einmal und betrachtete noch einmal prüfend den Gesichtsausdruck seiner Schwester, um sicher zu sein, ob es auch wahr wäre; dann sprang er mit knarrenden Stiefeln vom Trittbrett herunter und lief wieder zu seinem Schlitten hin. Dort saß immer noch derselbe glückselig lächelnde Tscherkesse mit dem Schnurrbärtchen und den glänzenden Augen und blickte unter der Zobelkappe hervor ihn an; und dieser Tscherkesse war Sonja, und diese Sonja war mit Sicherheit seine künftige glückliche, liebende Frau.
Als sie nach Hause gekommen waren und alle drei der Mutter erzählt hatten, wie sie die Zeit bei Meljukows verbracht hatten, begaben sich die beiden jungen Mädchen auf ihr Zimmer. Nachdem sie sich ausgezogen hatten, ohne jedoch die mit Kork gemalten Schnurrbärte wegzuwischen, saßen sie noch lange da und redeten miteinander von ihrem Glück. Sie sprachen davon, wie sie nach der Verheiratung leben würden, und wie ihre Männer miteinander Freundschaft schließen würden, und wie glücklich sie als Frauen sein würden. Auf Nataschas Tisch standen noch vom Abend her zwei Spiegel, die Dunjascha da bereitgestellt hatte.
»Aber wann, wann wird das alles geschehen? Ich fürchte, niemals … Es wäre gar zu schön!« sagte Natascha, stand auf und trat zu den Spiegeln hin.
»Setz dich hin, Natascha; vielleicht wirst du ihn sehen«, sagte Sonja.
Natascha zündete die Kerzen an und setzte sich.
»Ich sehe jemand mit einem Schnurrbart«, sagte Natascha, die ihr eigenes Gesicht sah.
»Man darf dabei nicht lachen, gnädiges Fräulein«, ermahnte Dunjascha.
Natascha fand mit Hilfe Sonjas und des Stubenmädchens die richtige Stellung der Spiegel heraus; ihr Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, und sie verstummte. Lange saß sie so da, blickte auf die Reihe der sich immer weiter entfernenden Kerzen in den Spiegeln und erwartete, aufgrund früher gehörter Erzählungen, in diesem letzten, verschwimmenden, undeutlichen Rechteck bald einen Sarg, bald ihn, den Fürsten Andrei, zu sehen. Aber trotz aller ihrer Bereitwilligkeit, den kleinsten Fleck für das Bild eines Menschen oder auch eines Sarges zu nehmen, sah sie schlechthin gar nichts. Sie begann häufig mit den Augen zu zwinkern und trat von den Spiegeln zurück.
»Warum sehen andere etwas, und ich sehe nichts?« sagte sie. »Nun, setz du dich hin, Sonja; heute mußt du es unbedingt tun«, fuhr sie fort. »Tu es nur für mich. Mir ist heute so bange!«
Sonja setzte sich an die Spiegel, brachte die Stellung in Ordnung und begann hineinzusehen.
»Ja, Fräulein Sonja wird ganz bestimmt etwas sehen«, flüsterte Dunjascha. »Aber Sie lachen ja immer.«
Sonja hörte diese Worte und hörte auch, wie Natascha flüsternd sagte:
»Ich bin auch überzeugt, daß sie etwas sehen wird; sie hat auch im vorigen Jahr etwas gesehen.«
Etwa drei Minuten lang schwiegen sie alle. »Ganz bestimmt …«, flüsterte Natascha, brachte aber den begonnenen Satz nicht zu Ende, da Sonja plötzlich denjenigen Spiegel, den sie hielt, wegstieß und die Augen mit der Hand bedeckte.
»Ach, Natascha!« sagte sie.
»Hast du etwas gesehen? Hast du etwas gesehen? Was hast du gesehen?« rief Natascha und fing schnell den Spiegel auf, so daß er nicht hinfiel.
Sonja hatte überhaupt nichts gesehen; als sie Natascha sagen hörte: »Ganz bestimmt …«, hatte sie gerade mit den Augen blinzeln und aufstehen wollen. Denn sie hatte Dunjascha und Natascha nicht dadurch, daß sie tat, als sähe sie etwas, täuschen wollen, und es war ihr lästig geworden, so dazusitzen. Sie wußte selbst nicht, wie und infolge wovon ihr der Schrei entfahren war, als sie die Augen mit der Hand bedeckte.
»Hast du ihn gesehen?« fragte Natascha und ergriff ihre Hand.
»Ja. Warte mal … ich … ich habe ihn gesehen«, antwortete Sonja unwillkürlich, wiewohl sie noch nicht einmal wußte, wen Natascha mit dem Wort »ihn« meinte, ob den Fürsten Andrei oder Nikolai.
»Aber warum soll ich denn nicht sagen, daß ich etwas gesehen habe?« ging es ihr schnell durch den Kopf. »Es sehen ja doch andere Mädchen etwas! Und wer kann mir beweisen, ob ich etwas gesehen habe oder nicht?«
»Ja, ich habe ihn gesehen«, sagte sie.
»Wie denn, wie denn? Stand er oder lag er?«
»Nein, ich sah … Anfangs war lange nichts da, und auf einmal sah ich, daß er dalag.«
»Andrei lag da? Er ist also krank?« fragte Natascha erschrocken und blickte ihre Freundin mit starren Augen an.
»Nein, im Gegenteil, im Gegenteil, sein Gesicht war heiter, und er wandte sich zu mir um.« Und in dem Augenblick, wo sie sprach, glaubte sie selbst, das, was sie berichtete, gesehen zu haben.
»Nun, und dann, Sonja?«
»Dann konnte ich nichts mehr deutlich erkennen; es war etwas Blaues und Rotes da …«
»Sonja! Wann wird er zurückkommen? Wann werde ich ihn wiedersehen? Mein Gott, wie ich mich ängstige, daß ihm oder mir etwas zustößt; um alles ängstige ich mich …«, rief Natascha, und ohne auf Sonjas Tröstungen zu antworten, legte sie sich ins Bett und lag noch lange, nachdem das Licht ausgelöscht war, mit offenen Augen, ohne sich zu rühren, da und blickte nach dem kalten Licht des Mondes, das durch die befrorenen Fensterscheiben drang.
XIII
Einige Tage darauf machte Nikolai seiner Mutter Mitteilung von seiner Liebe zu Sonja und von seinem festen Entschluß, sie zu heiraten. Die Gräfin, die schon längst bemerkt hatte, was zwischen Sonja und Nikolai vorging, und diese Mitteilung erwartet hatte, hörte ihren Sohn schweigend an und erwiderte ihm dann, er könne heiraten, wen er wolle; aber weder sie noch der Vater würden ihm zu einer solchen Ehe ihren Segen geben. Zum erstenmal in seinem Leben fühlte Nikolai, daß seine Mutter mit ihm unzufrieden sei und trotz all ihrer Liebe zu ihm nicht nachgeben werde. Mit kühler Miene, und ohne ihren Sohn anzusehen, ließ sie ihren Mann rufen; als dieser gekommen war, wollte sie ihm kurz und in kaltem Ton in Nikolais Gegenwart mitteilen, um was es sich handelte; aber sie vermochte sich doch nicht zu beherrschen, brach in Tränen des Ingrimms aus und verließ das Zimmer. Der alte Graf begann, in unsicherer Art Nikolai zu ermahnen und ihn zu bitten, er möge doch diese Absicht wieder aufgeben. Nikolai erwiderte, er könne sein gegebenes Wort nicht brechen, und der Vater, der augenscheinlich verlegen war, hörte sehr bald mit dem Zureden auf und ging zur Gräfin. Bei allen Differenzen mit seinem Sohn konnte der Graf das Bewußtsein nicht loswerden, daß er diesem gegenüber durch die von ihm verschuldete Zerrüttung der Vermögensverhältnisse sich vergangen habe, und er war daher außerstande, dem Sohn zu zürnen, wenn dieser sich weigerte, ein reiches Mädchen zu heiraten, und die mitgiftlose Sonja wählte; es kam ihm bei diesem Anlaß nur noch deutlicher zum Gefühl, daß, wenn die Verhältnisse nicht so zerrüttet wären, sich gar keine bessere Frau für Nikolai wünschen ließe als gerade Sonja, und daß an dieser Zerrüttung der Verhältnisse nur er allein die Schuld trage, wegen seines Dmitri und wegen seiner Lebensgewohnheiten, die aufzugeben er nicht die Kraft besitze.
Vater und Mutter redeten über diese Angelegenheit nicht mehr mit dem Sohn; aber einige Tage darauf ließ die Gräfin Sonja zu sich rufen und machte mit einer Härte, die nicht nur dieser überraschend kam, sondern deren auch die Gräfin selbst sich nicht für fähig gehalten hätte, ihrer Nichte den Vorwurf, Nikolai verführt und dadurch ihnen mit Undank gelohnt zu haben. Sonja hörte schweigend mit niedergeschlagenen Augen die harten Worte der Gräfin an und verstand gar nicht, was diese nun eigentlich von ihr verlangte. Sie war bereit, für ihre Wohltäter jedes Opfer zu bringen, wie denn überhaupt der Gedanke der Selbstaufopferung ihre Lieblingsidee war; aber in diesem Fall war sie nicht imstande zu begreifen, wem sie ein Opfer bringen und worin es bestehen solle. Es war ihr gar nicht anders möglich, als die Gräfin und die ganze Familie Rostow zu lieben; aber auch die Liebe zu Nikolai konnte sie sich nicht aus dem Herzen reißen, und sie war fest überzeugt, daß sein Glück von dieser Liebe abhing. So schwieg sie denn traurig und antwortete nicht auf die ihr gemachten Vorwürfe.
Nikolai war, wie er meinte, nicht imstande, diesen Zustand länger zu ertragen, und ging zu seiner Mutter, um sich mit dieser darüber auszusprechen. Zuerst bat er seine Mutter inständig, ihm und Sonja zu verzeihen und in ihre Ehe zu willigen; dann drohte er der Mutter, wenn sie nicht aufhöre, Sonja zu peinigen, so werde er sich mit ihr sofort heimlich verheiraten.
Die Gräfin antwortete ihm mit einer Kälte, die er an ihr noch nie kennengelernt hatte: er sei mündig; Fürst Andrei wolle ja ebenfalls ohne die Einwilligung seines Vaters heiraten, und so könne er ja dasselbe tun; aber sie werde diese Intrigantin niemals als Schwiegertochter anerkennen.
Empört über den Ausdruck »Intrigantin«, erwiderte Nikolai seiner Mutter mit erhobener Stimme, er habe nicht gedacht, daß sie ihm zumuten werde, seine Gefühle für Geld zu verkaufen; wenn dem aber doch so sei, so sage er zum letztenmal … Aber er kam nicht dazu, jenes entscheidende Wort auszusprechen, das seine Mutter nach seinem Gesichtsausdruck mit Schrecken erwartete, und welches vielleicht für immer als peinliche Erinnerung zwischen ihnen gestanden hätte. Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen, weil in diesem Augenblick Natascha, die an der Tür gehorcht hatte, mit ernstem, blassem Gesicht ins Zimmer trat.
»Lieber Nikolai, du redest Unsinn; sei still, sei still! Ich sage dir, sei still …!« rief sie, fast schreiend, um seine Stimme zu übertönen.
»Mama, liebste, teuerste Mama, die Sache hängt ja ganz anders zusammen … Beste Mama, Sie arme …«, wandte sie sich an die Mutter, welche in dem Gefühl, daß ein unheilbarer Bruch unmittelbar bevorstehe, ihren Sohn voll Entsetzen ansah, aber aus Hartnäckigkeit und Kampfeseifer nicht nachgeben wollte und konnte.
»Lieber Nikolai, ich will es dir nachher gleich erklären, geh jetzt hinaus; hören Sie mich an, beste Mama!« sagte sie zu der Mutter.
Ihre Worte waren ja sinnlos; aber sie erzielten die Wirkung, die sie mit ihnen beabsichtigte.
Die Gräfin verbarg, krampfhaft aufschluchzend, ihr Gesicht an der Brust der Tochter; Nikolai aber stand auf, griff sich an den Kopf und ging aus dem Zimmer.
Natascha machte es sich zur Aufgabe, das Werk der Versöhnung durchzuführen, und brachte es dahin, daß Nikolai von der Mutter das Versprechen erhielt, Sonja werde rücksichtsvoll behandelt werden, und selbst versprach, nichts ohne Vorwissen der Eltern zu unternehmen.
Mit dem festen Vorsatz, sobald er seine Angelegenheiten beim Regiment geordnet haben würde, den Abschied zu nehmen, nach Hause zurückzukehren und Sonja zu heiraten, reiste Nikolai, in ernster, trüber Stimmung wegen der Mißhelligkeit mit seinen Eltern, aber, wie es ihm wenigstens vorkam, leidenschaftlich verliebt, Anfang Januar wieder zu seinem Regiment.
Nach Nikolais Abreise wurde es im Rostowschen Haus trauriger als je vorher. Die Gräfin erkrankte infolge der seelischen Erregungen.
Sonja war niedergeschlagen, sowohl infolge der Trennung von Nikolai als auch in noch höherem Grad infolge des feindseligen Tones, dessen sich die Gräfin im Verkehr mit ihr nicht enthalten konnte. Der Graf steckte tiefer als je in Sorgen wegen des üblen Zustandes seiner Angelegenheiten, zu dessen Behebung irgendwelche entscheidenden Maßnahmen erforderlich waren. Es mußten notwendig das Haus in Moskau und das Landhaus bei Moskau verkauft werden, und um diesen Verkauf zu bewerkstelligen, mußten sie nach Moskau fahren. Aber der Gesundheitszustand der Gräfin veranlaßte, daß die Abreise von einem Tag zum andern verschoben wurde.
Natascha, welche die erste Zeit der Trennung von ihrem Bräutigam leicht und sogar fröhlich überstanden hatte, wurde jetzt mit jedem Tag aufgeregter und unruhiger. Der Gedanke, daß ihre beste Lebenszeit, die sie auf die Liebe zu ihm hätte verwenden können, nun so unnütz und zwecklos verlorenging, ohne daß jemand etwas davon hatte, dieser Gedanke quälte sie unaufhörlich. Seine Briefe verstimmten sie meistens. Es war ihr kränkend, denken zu müssen, daß, während sie nur in dem Gedanken an ihn lebte, er ein wahres, volles Leben führte, neue Orte und neue Menschen sah, die ihn interessierten. Je frischer und lebhafter seine Briefe waren, um so mehr Verdruß erregten sie ihr. Ihre eigenen Briefe an ihn gewährten ihr keinen Trost, sondern bildeten für sie nur eine widerwärtige Pflicht, bei deren Erfüllung sie sich nicht so geben konnte, wie es ihre Natur war. Sie verstand nicht zu schreiben, weil sie es nicht für möglich hielt, in einem Brief wahrheitsgemäß auch nur den tausendsten Teil dessen zum Ausdruck zu bringen, was sie mit der Stimme, dem Lächeln und dem Blick auszudrücken gewohnt war. Sie schrieb ihm schematisch einförmige, trockene Briefe, denen sie selbst keinen Wert beimaß, und bei denen die Gräfin ihr im unreinen die orthographischen Fehler korrigierte.
Das Befinden der Gräfin wollte sich immer noch nicht bessern; aber ein weiterer Aufschub der Reise nach Moskau war nicht mehr möglich. Es mußte die Aussteuer beschafft und das Haus verkauft werden; dazu kam noch, daß sich erwarten ließ, Fürst Andrei werde sich zuerst in Moskau aufhalten, wo in diesem Winter Fürst Nikolai Andrejewitsch wohnte; ja, Natascha war sogar davon überzeugt, daß ihr Bräutigam bereits dort angekommen sei.
So blieb denn die Gräfin auf dem Land, während der Graf Ende Januar nach Moskau reiste und Sonja und Natascha mitnahm.

