***
XXII
Während solche Gespräche im Wartezimmer und in dem Zimmer der Prinzessin geführt wurden, fuhr der Wagen mit Pierre, nach welchem geschickt worden war, und mit Anna Michailowna, die für nötig erachtete, mit ihm zu fahren, in den Hof des Besuchowschen Hauses ein. Als die Räder der Equipage weich in dem Stroh raschelten, das unter den Fenstern ausgebreitet war, wandte sich Anna Michailowna mit tröstenden Worten an ihren Begleiter, mußte sich aber überzeugen, daß er in seiner Wagenecke eingeschlafen war, und weckte ihn auf. Wieder zu sich gekommen, stieg Pierre hinter Anna Michailowna aus dem Wagen, und jetzt erst fiel ihm das Wiedersehen mit dem sterbenden Vater wieder ein, das ihn erwartete. Er bemerkte, daß sie nicht bei dem Hauptportal, sondern bei dem hinteren Eingang vorgefahren waren. In dem Augenblick, wo er vom Wagentritt stieg, liefen zwei Männer in Handwerkerkleidung eilig von der Haustür weg und stellten sich in den Schatten der Mauer. Pierre blieb stehen und unterschied rechts und links im Schatten des Hauses noch mehrere Männer von ähnlichem Aussehen. Aber weder Anna Michailowna noch der Diener noch der Kutscher, die diese Männer doch auch gesehen haben mußten, schenkten ihnen irgendwelche Beachtung. Es wird also wohl so in der Ordnung sein, dachte Pierre und ging hinter Anna Michailowna her. Anna Michailowna stieg mit schnellen Schritten die schwach beleuchtete, schmale Steintreppe hinan und forderte auch den etwas zurückbleibenden Pierre zur Eile auf. Pierre begriff zwar nicht, wozu es überhaupt nötig sei, daß er zum Grafen gehe, und noch weniger, warum er die Hintertreppe hinaufgehen mußte; aber angesichts der Energie und Raschheit der Fürstin Anna Michailowna sagte er sich, das werde wohl unumgänglich nötig sein. Auf der Mitte der Treppe wurden sie beinahe von ein paar Dienern mit Eimern umgerannt, die, mit den schweren Stiefeln polternd, ihnen entgegen heruntergelaufen kamen. Die Leute drückten sich an die Wand, um Pierre und Anna Michailowna vorbeizulassen, und zeigten sich bei ihrem Anblick nicht im mindesten verwundert.
»Kommen wir hier zu den Zimmern der Prinzessinnen?« fragte Anna Michailowna einen von ihnen.
»Jawohl«, antwortete der Diener mit dreister, lauter Stimme, als ob er sich jetzt schon alles mögliche erlauben dürfte. »Die Tür links, Mütterchen!«
»Vielleicht hat der Graf mich gar nicht rufen lassen«, sagte Pierre, als er auf den Vorplatz gelangte. »Ich möchte lieber nach meinem eigenen Zimmer gehen.«
Anna Michailowna blieb stehen, um ihn ganz herankommen zu lassen.
»Ach, mein Freund«, sagte sie mit derselben Gebärde wie am Morgen zu ihrem Sohn. »Glauben Sie mir, mein Schmerz ist nicht geringer als der Ihrige; aber seien Sie ein Mann.«
»Soll ich wirklich zu ihm hingehen?« fragte Pierre und blickte Anna Michailowna freundlich durch seine Brille an.
»Vergessen Sie, mein Freund, worin man Ihnen gegenüber nicht recht gehandelt hat; bedenken Sie: er ist Ihr Vater … und vielleicht seinem Ende nahe.« Sie seufzte. »Ich habe Sie sogleich so liebgewonnen wie ich meinen eigenen Sohn liebe. Haben Sie zu mir Vertrauen, Pierre. Ich werde mich Ihrer Interessen eifrig annehmen.«
Pierre verstand von alledem nichts; aber er hatte wieder, und in noch stärkerem Maß, das Gefühl, es müsse wohl alles notwendigerweise so sein, und so ging er denn gehorsam hinter Anna Michailowna her, die bereits die Tür geöffnet hatte.
Diese Tür führte in das zu dem hinteren Korridor gehörige Vorzimmer. In einer Ecke saß der alte Diener der Prinzessinnen und strickte an einem Strumpf. Pierre war noch nie in diesem Teil des Hauses gewesen und hatte von dem Vorhandensein dieser Zimmer überhaupt keine Ahnung gehabt. Anna Michailowna erkundigte sich bei einem Stubenmädchen, das, ein Tablett mit einer Wasserkaraffe in der Hand, sie überholte, nach dem Befinden der Prinzessinnen, wobei sie sie mit »Meine Liebe« und »Täubchen« anredete, und zog Pierre weiter den steinernen Korridor entlang. Aus diesem Korridor führte die erste Tür links in die Wohnzimmer der Prinzessinnen. Das Stubenmädchen mit der Wasserkaraffe hatte in der Eile (wie denn in dieser Zeit alles in diesem Haus in Eile geschah) die Tür nicht zugemacht und Pierre und Anna Michailowna blickten im Vorbeigehen unwillkürlich in das Zimmer hinein, wo die älteste Prinzessin und Fürst Wasili dicht beieinander saßen und angelegentlich zusammen sprachen. Als Fürst Wasili die beiden Vorübergehenden sah, machte er eine Bewegung des Unwillens und lehnte sich nach hinten zurück; die Prinzessin aber sprang auf und warf mit wütender Miene aus Leibeskräften mit lautem Knall die Tür zu.
Dieses Benehmen paßte so wenig zu der sonstigen steten Ruhe der Prinzessin, und die ängstliche Verlegenheit, die sich auf dem Gesicht des Fürsten Wasili malte, stand in einem solchen Widerspruch zu der ihm eigenen vornehmen Würde, daß Pierre stehenblieb und seine Führerin fragend durch die Brille anblickte. Anna Michailowna jedoch zeigte sich ganz und gar nicht erstaunt; sie lächelte nur leise und seufzte, wie um anzudeuten, daß sie das alles erwartet habe.
»Seien Sie ein Mann, mein Freund; ich werde jetzt über Ihre Interessen wachen«, sagte sie als Antwort auf seinen Blick und schritt noch schneller den Korridor entlang.
Pierre verstand nicht, um was es sich handelte, und noch weniger, was es bedeutete, daß Anna Michailowna »über seine Interessen wachen« wollte; aber er meinte wieder im stillen, das müsse eben wohl alles so sein. Auf dem Korridor gelangten sie zu dem halberleuchteten Saal, der an das Wartezimmer des Grafen stieß. Dieser Saal war einer jener kalt aussehenden, luxuriös eingerichteten Räume, die Pierre von dem Hauptportal her kannte. Aber auch dieser Saal bot jetzt einen eigenartigen Anblick: mitten darin stand eine leere Badewanne, und auf dem Teppich war Wasser verschüttet. In der Tür begegneten ihnen, auf den Fußspitzen gehend, ohne sie zu beachten, ein Lakai und ein Kirchendiener mit einem Räucherfaß. Pierre und Anna Michailowna gingen durch den Saal in das dem ersteren wohlbekannte Wartezimmer mit den zwei italienischen Fenstern, einem Ausgang nach dem Wintergarten, einer großen Büste der Kaiserin Katharina und einem Porträt derselben in ganzer Figur. Hier im Wartezimmer saßen noch dieselben Personen wie vorher, fast in derselben Haltung, und flüsterten miteinander. Aber nun verstummten alle plötzlich und blickten nach der eintretenden Anna Michailowna mit ihrem vergrämten, blassen Gesicht hin und nach dem dicken, großen Pierre, der mit gesenktem Kopf ihr gehorsam folgte.
Auf Anna Michailownas Gesicht prägte sich das Bewußtsein aus, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei; mit dem Benehmen einer in Dingen des praktischen Lebens gewandten Petersburgerin trat sie, ohne Pierre aus ihrer Nähe wegzulassen, ins Zimmer, noch kühner und mutiger als am Nachmittag. Sie war überzeugt, daß, da sie in Begleitung des jungen Mannes kam, den der Sterbende zu sehen gewünscht hatte, auch sie mit Sicherheit zu ihm gelassen werden würde. Mit einem schnellen Blick musterte sie alle im Zimmer Anwesenden, und als sie unter ihnen den Beichtvater des Grafen bemerkte, trippelte sie (ohne sich eigentlich zu bücken, war ihre Gestalt plötzlich bedeutend kleiner geworden) mit kleinen, eiligen Schritten zu ihm hin und nahm ehrerbietig zuerst seinen Segen, dann den Segen eines andern neben ihm stehenden geistlichen Herrn in Empfang.
»Gott sei Dank«, sagte sie zu dem Beichtvater, »daß Sie noch zur Zeit gekommen sind, hochwürdiger Herr. Wir Verwandten waren alle schon so voll Sorge. Dieser junge Mann hier ist der Sohn des Grafen«, fügte sie leiser hinzu. »Ein schrecklicher Augenblick!«
Nachdem sie das zu dem Geistlichen gesagt hatte, trat sie zu dem Arzt.
»Lieber Doktor«, sagte sie zu ihm, »dieser junge Mann ist der Sohn des Grafen. Ist noch Hoffnung vorhanden?«
Der Arzt zog schweigend mit einer schnellen Bewegung die Schultern in die Höhe und richtete die Augen nach der Zimmerdecke. Anna Michailowna machte mit Schultern und Augen genau das gleiche, wobei sie die Augen fast gänzlich schloß; dann seufzte sie und trat von dem Arzt weg wieder zu Pierre. Sie benahm sich gegen ihn besonders respektvoll und mit einer Art von wehmütiger Zärtlichkeit.
»Vertrauen Sie auf Gottes Barmherzigkeit«, sagte sie. Dann wies sie ihm ein Sofa an, wo er sich hinsetzen und auf sie warten sollte, und ging selbst geräuschlos zu der Tür hin, nach welcher alle hinblickten; nach einem kaum vernehmbaren, leisen Knarren dieser Tür verschwand sie hinter ihr.
Pierre, der sich vorgenommen hatte, seiner Ratgeberin in allen Stücken zu gehorchen, ging nach dem Sofa hin, das sie ihm angewiesen hatte. Sowie Anna Michailowna verschwunden war, bemerkte er, daß die Blicke aller im Zimmer Anwesenden mit einem Interesse auf ihn gerichtet waren, das über die gewöhnliche Neugier und Teilnahme weit hinausging. Er bemerkte, daß alle miteinander flüsterten und dabei mit den Augen zu ihm hindeuteten, mit einer Art von ängstlicher Scheu, die sogar etwas von kriecherischer Unterwürfigkeit an sich hatte. Sie legten einen Respekt vor ihm an den Tag, wie er dem jungen Mann noch nie entgegengebracht worden war. Eine ihm unbekannte Dame, die auf dem Sofa saß und mit dem Geistlichen sprach, stand von ihrem Platz auf und bot ihn ihm an; der Adjutant hob den Handschuh auf, welchen Pierre hatte hinfallen lassen, und reichte ihn ihm; die Ärzte unterbrachen respektvoll ihr Gespräch, als er an ihnen vorbeiging, und traten zur Seite, um ihm Raum zu machen. Pierre wollte sich zuerst auf einen andern Platz setzen, um die Dame nicht zu stören, und wollte seinen Handschuh selbst aufheben und um die Ärzte herumgehen, die ihm eigentlich gar nicht im Weg standen; aber er hatte auf einmal das Gefühl, daß das nicht passend sein würde; er hatte das Gefühl, daß er in dieser Nacht eine Persönlichkeit sei, der es obliege, eine furchtbare, von allen erwartete Zeremonie zu vollziehen, und daß er deshalb die Dienste aller andern Leute anzunehmen habe. Er nahm schweigend den Handschuh von dem Adjutanten entgegen, setzte sich auf den Platz der Dame, wobei er in der wunderlichen Haltung einer ägyptischen Statue seine großen Hände auf die symmetrisch gestellten Knie legte, und verblieb bei der Anschauung, daß dies alles genau so und nicht anders sein müsse, und daß er an diesem Abend, um nicht konfus zu werden und Dummheiten zu machen, nicht nach seinem eigenen Urteil handeln dürfe, sondern sich vollständig dem Willen der Leute, die ihn beraten würden, unterordnen müsse.
Es waren noch nicht zwei Minuten vergangen, als Fürst Wasili in einem langschößigen Rock, mit drei Ordenssternen, in imponierender Haltung, mit hochaufgerichtetem Haupt ins Zimmer trat. Er schien im Laufe dieses Tages magerer geworden zu sein; seine Augen waren größer als sonst, als er sie im Zimmer umherwandern ließ und Pierre anblickte. Er trat zu ihm, ergriff seine Hand (was er früher nie getan hatte) und zog sie nach unten herunter, wie wenn er versuchen wollte, ob sie auch fest säße.
»Verzagen Sie nicht, mein Freund, lassen Sie nicht den Mut sinken. Er hat Sie rufen lassen. Das ist gut …« Damit wollte er weitergehen; aber Pierre hielt es für nötig zu fragen:
»Wie ist denn das Befinden …« Er stockte, weil er nicht wußte, ob es für ihn passend sei, den Sterbenden als den »Grafen« zu bezeichnen; ihn »Vater« zu nennen war ihm peinlich.
»Vor einer halben Stunde hat ihn wieder der Schlag gerührt. Aber verlieren Sie nicht den Mut, mein Freund.«
Pierre befand sich in einem solchen Zustand geistiger Verwirrung, daß ihm bei dem Wort »Schlag« der Gedanke an den Schlag irgendeines Körpers kam. Er sah den Fürsten Wasili verständnislos an und besann sich erst einige Augenblicke nachher, daß »Schlag« der Name einer Krankheit ist. Fürst Wasili sagte noch im Vorbeigehen ein paar Worte zu Doktor Lorrain und ging dann auf den Fußspitzen zur Tür hin. Aber er verstand sich nicht darauf, auf den Fußspitzen zu gehen, und hüpfte bei jedem Schritt unbeholfen mit dem ganzen Körper auf. Hinter ihm her ging die älteste Prinzessin; dann kamen die Geistlichen und die Kirchendiener; auch einige von der Dienerschaft gingen mit hinein. Im Wartezimmer war durch die Tür hindurch zu hören, wie sich die Menschen dort hin und her bewegten, um den richtigen Platz zu finden, und schließlich kam Anna Michailowna eilig heraus; ihr Gesicht zeigte noch dieselbe Blässe wie vorher; aber man sah ihr an, daß sie fest entschlossen war, ihre Pflicht zu erfüllen. Sie berührte Pierres Hand und sagte:
»Gottes Barmherzigkeit ist unerschöpflich. Die Letzte Ölung beginnt soeben. Kommen Sie!«
Pierre ging über den weichen Teppich hin nach der Tür und bemerkte, daß auch der Adjutant und die unbekannte Dame und noch dieser und jener von der Dienerschaft ihm folgten, als ob man jetzt nicht mehr um die Erlaubnis zu bitten brauchte, in dieses Zimmer einzutreten.
XXIII
Pierre kannte dieses sehr geräumige, durch eine Säulenreihe mit einer großen Bogentür in zwei Teile geteilte, ganz mit persischen Teppichen behangene Zimmer recht wohl. Der jenseits der Säulen gelegene Teil des Zimmers, wo auf der einen Seite das hohe Mahagonibett mit seidenen Vorhängen und auf der andern ein gewaltig großer Schrein mit Heiligenbildern stand, war mit rotem Licht hell erleuchtet, wie es in den Kirchen beim Abendgottesdienst gebräuchlich ist. Unterhalb der glänzenden Verzierungen des Heiligenschreins stand ein großer, tiefer Lehnstuhl, mit schneeweißen, unzerdrückten, offenbar soeben erst frisch überzogenen Bettkissen belegt, und auf diesem Lehnstuhl lag, bis zur Mitte des Körpers mit einer hellgrünen Decke zugedeckt, die dem eintretenden Pierre wohlbekannte mächtige Gestalt seines Vaters, des Grafen Besuchow, mit derselben grauen, löwenähnlichen Haarmähne über der breiten Stirn und mit denselben starken Falten, die dem schönen, rötlichgelben Gesicht einen ausgesprochen vornehmen Charakter verliehen. Er lag unmittelbar unter den Heiligenbildern; die beiden dicken, großen Hände hatte man ihm unter der Decke hervorgeholt, und sie lagen nun auf ihr. In die rechte Hand, die mit der Innenseite nach unten dalag, hatte man ihm zwischen den Daumen und den Zeigefinger eine Wachskerze gesteckt, die ein alter Diener, von hinten sich über den Lehnstuhl beugend, in der Hand des Sterbenden festhielt. Neben dem Lehnstuhl standen die Geistlichen in ihren prächtigen, glänzenden Gewändern, auf die am Nacken ihr langes Haupthaar herüberfiel, mit brennenden Kerzen in den Händen, und sprachen mit feierlicher Langsamkeit die vorgeschriebenen Gebete. Ein wenig weiter zurück standen die beiden jüngeren Prinzessinnen, welche Taschentücher in den Händen hielten und an die Augen führten, und vor ihnen die älteste, Catiche, mit ingrimmiger, entschlossener Miene; sie wendete die Augen keinen Augenblick von den Heiligenbildern weg, wie wenn sie allen Anwesenden damit sagen wollte, daß sie nicht für sich einstehe, wenn sie anderswohin sähe. Anna Michailowna, mit dem Ausdruck milder Traurigkeit und alles verzeihender Liebe auf dem Gesicht, und die unbekannte Dame standen bei der Bogentür. Fürst Wasili stand an der andern Seite der Tür, nahe bei dem Lehnsessel des Grafen, hinter einem geschnitzten, mit Samt bezogenen Stuhl. Diesen hatte er mit der Lehne nach sich hingewendet, stützte den linken Arm, mit dem er die Kerze hielt, mit dem Ellbogen darauf und bekreuzte sich mit der rechten Hand, wobei er jedesmal, wenn er die Finger an die Stirn legte, die Augen nach oben wandte. Sein Gesicht drückte ruhige Andacht und Ergebung in den Willen Gottes aus und schien zu den Anwesenden zu sagen: »Es ist eure Schuld, wenn ihr für diese Gefühle kein Verständnis habt.«
Hinter ihm standen der Adjutant, die Ärzte und die männliche Dienerschaft; wie in der Kirche hatten sich Männer und Frauen getrennt. Alle schwiegen und bekreuzigten sich; man hörte nur das Verlesen der Kirchengebete, tiefen Baßgesang mit gedämpften Stimmen, und in Augenblicken, wo diese Töne schwiegen, das Geräusch umgestellter Füße oder leiser Seufzer. Anna Michailowna ging mit ernster, wichtiger Miene, welche zeigte, daß sie genau wisse, was sie tue, durch das ganze Zimmer zu Pierre hin und reichte ihm eine Kerze. Er zündete sie an und begann, ganz verwirrt durch alles, was ihn umgab, sich mit derselben Hand zu bekreuzen, in der er die Kerze hielt.
Die jüngste Prinzessin, die rotwangige, lachlustige Sofja, die mit dem Leberfleck, betrachtete ihn. Sie lächelte, verbarg ihr Gesicht hinter dem Taschentuch und ließ es lange nicht wieder sichtbar werden; aber als sie dann von neuem zu Pierre hinblickte, lächelte sie abermals. Sie fühlte sich offenbar außerstande, ihn ohne Lachen anzusehen, konnte sich aber doch nicht enthalten, zu ihm hinzublicken, und trat, um der Versuchung zu entgehen, sachte hinter eine der Säulen.
Mitten in der feierlichen Handlung verstummten die Stimmen der Geistlichen und der Sänger auf einmal; die Geistlichen redeten flüsternd etwas untereinander; der alte Diener, der die Hand des Grafen hielt, richtete sich auf und wandte sich an die Damen. Anna Michailowna trat vor, beugte sich über den Kranken und winkte hinter dessen Rücken den Doktor Lorrain zu sich heran. Der französische Arzt (er stand ohne brennende Kerze an eine Säule gelehnt da, in der respektvollen Haltung eines Ausländers, welche zeigen soll, daß er trotz der Verschiedenheit des Glaubens für die ganze Wichtigkeit der sich vollziehenden heiligen Handlung Verständnis besitzt und ihr sogar seine Verehrung zollt) trat mit dem leisen Gang eines im kräftigsten Lebensalter stehenden Mannes zu dem Kranken hin, nahm mit seinen weißen, schlanken Fingern dessen freie Hand von der grünen Decke auf, fühlte, sich abwendend, den Puls und stand dann einen Augenblick überlegend da. Man reichte dem Kranken etwas zu trinken, und es entstand ein unruhiges Treiben um ihn herum; dann traten alle wieder an ihre Plätze zurück, und die heilige Handlung nahm ihren Fortgang.
Während dieser Unterbrechung hatte Pierre bemerkt, daß Fürst Wasili hinter seiner Stuhllehne hervorkam und mit eben jener Miene, die da besagte, er wisse, was er tue, und wenn die andern das nicht verständen, so sei es ihre Schuld, nicht etwa zu dem Kranken hintrat, sondern an ihm vorbei zu der ältesten Prinzessin ging und sich mit ihr zusammen in den Hintergrund des Schlafzimmers begab, zu dem hohen Bett unter den seidenen Vorhängen. Von dem Bett sich wieder entfernend, verschwanden dann der Fürst und die Prinzessin durch eine Hintertür, kehrten aber noch vor Beendigung der gottesdienstlichen Handlung einer nach dem andern wieder an ihre Plätze zurück. Pierre beachtete diesen Umstand nicht mehr als alles andere, was vorging, da er sich ein für allemal gesagt hatte, alles, was sich um ihn herum an dem heutigen Abend zutrage, müsse wohl unumgänglich so geschehen.
Die Töne des kirchlichen Gesanges schwiegen jetzt, und man hörte die Stimme des Geistlichen, der den Kranken respektvoll zum Empfang des Sakramentes beglückwünschte. Der Kranke lag immer noch in gleicher Weise da, ohne sich zu regen oder sonst ein Zeichen des Lebens zu geben. Um ihn herum kam nun alles in Bewegung; man hörte Schritte und Geflüster, woraus das Flüstern Anna Michailownas besonders scharf hervorklang.
Pierre hörte wie sie sagte:
»Er muß unbedingt wieder nach dem Bett herübergetragen werden; hier kann er unter keinen Umständen länger bleiben.«
Die Ärzte, die Prinzessinnen und die Diener umdrängten den Kranken in so dichtem Schwarm, daß Pierre jenes rötlichgelbe Gesicht mit der grauen Mähne nicht mehr sah, das er während der ganzen gottesdienstlichen Handlung, obwohl er auch andere Gesichter gesehen hatte, dennoch auch nicht eine Sekunde aus den Augen verloren hatte. Pierre erriet aus den behutsamen Bewegungen der Diener, die den Lehnstuhl umringten, daß sie den Sterbenden aufhoben und herübertrugen.
»Faß meine Hand an; sonst läßt du ihn noch fallen«, hörte er einen der Diener erschrocken flüstern. »Von unten … Noch einer …«, sagten verschiedene Stimmen, und die schweren Atemzüge und unsicheren Tritte der Leute wurden hastiger, als ob die Last, die sie trugen, über ihre Kräfte ginge.
Die Tragenden, mit denen auch Anna Michailowna ging, kamen an dem jungen Mann vorüber, und für einen Augenblick wurde ihm über die Rücken und Nacken der Leute hinüber die entblößte, hohe, fleischige Brust des Kranken sichtbar und die mächtigen Schultern, welche die Leute, ihn unter den Achseln fassend, in die Höhe hoben, und der graue, kraushaarige Löwenkopf. Dieses Gesicht mit der auffallend breiten Stirn, den starken Backenknochen, dem schönen, sinnlichen Mund und dem imponierenden, kalten Blick war durch die Nähe des Todes nicht entstellt worden. Es war noch immer so, wie Pierre es vor drei Monaten gesehen hatte, als er sich vor seiner Reise nach Petersburg von dem Grafen verabschiedete. Aber jetzt schaukelte dieser Kopf bei den ungleichmäßigen Schritten der Träger hilflos hin und her, und der kalte, teilnahmslose Blick vermochte nicht irgendwo haftenzubleiben.
Um das hohe Bett herum gab es einige Minuten lang eine unruhige Geschäftigkeit; hierauf traten die Diener, die den Kranken getragen hatten, zurück. Anna Michailowna aber berührte Pierres Hand und sagte zu ihm: »Kommen Sie!«
Pierre trat mit ihr an das Bett heran, auf welches der Kranke in einer sozusagen feiertäglichen Körperhaltung hingelegt war, die offenbar mit der soeben vollzogenen sakramentalen Handlung in Beziehung stand. Sein Kopf war durch Kissen hochgerichtet; die Hände hatte man ihm symmetrisch auf die grüne seidene Decke gelegt, mit den Flächen nach unten. Als Pierre hinzutrat, blickte der Graf ihm gerade ins Gesicht; aber dieser Blick war von einer solchen Art, daß niemand seinen Sinn und seine Bedeutung verstehen konnte. Entweder besagte dieser Blick nichts weiter, als daß, solange man Augen hat, man mit ihnen notwendigerweise irgendwohin sehen muß; oder aber er war überaus vielsagend. Pierre blieb stehen, da er nicht wußte, was er nun tun sollte, und sah fragend seine Beraterin Anna Michailowna an. Anna Michailowna gab ihm schnell ein Zeichen mit den Augen, indem sie auf die Hand des Kranken deutete, und bewegte die Lippen wie bei einem Kuß. Pierre streckte mit Anstrengung den Hals aus, um nicht an die Decke zu streifen und sie zu verschieben, und befolgte ihren Rat: er drückte seinen Mund auf die breitknochige, fleischige Hand des Kranken. Aber weder die Hand noch ein Gesichtsmuskel des Grafen zuckte. Pierre richtete wieder einen fragenden Blick auf Anna Michailowna, was er jetzt zu tun habe. Anna Michailowna wies mit den Augen auf einen neben dem Bett stehenden Sessel hin. Gehorsam setzte sich Pierre auf diesen und fragte mit den Augen weiter, ob er auch das Richtige getan habe. Anna Michailowna nickte bejahend mit dem Kopf. Pierre nahm wieder die wunderliche symmetrische Haltung einer ägyptischen Statue an; er bedauerte anscheinend, daß sein ungeschlachter dicker Körper soviel Raum einnahm, und strengte seine gesamten Geisteskräfte an, um möglichst klein auszusehen. Er sah den Grafen an. Der Graf blickte nach der Stelle hin, wo Pierres Gesicht gewesen war, solange er aufrecht gestanden hatte. Anna Michailowna brachte durch ihre ganze Haltung zum Ausdruck, daß sie ein volles Verständnis für das Rührende und Bedeutungsvolle dieses letzten Augenblickes des Zusammenseins von Vater und Sohn habe. Das dauerte zwei Minuten, die dem still dasitzenden Pierre wie eine Stunde vorkamen. Plötzlich ging durch die kräftigen Muskeln und Falten im Gesicht des Grafen ein Zucken. Dieses Zucken wurde stärker; der schöne Mund zog sich schief (erst jetzt begriff Pierre, wie nahe sein Vater dem Tod war), und aus dem verzerrten Mund drang ein undeutlicher, heiserer Laut. Anna Michailowna blickte mit angestrengter Aufmerksamkeit in die Augen des Kranken und zeigte in dem Bemühen, zu erraten, was er wünschte, bald auf Pierre, bald auf das Getränk, bald nannte sie flüsternd in fragendem Ton den Namen des Fürsten Wasili, bald deutete sie auf die grüne Decke. Die Augen und Mienen des Kranken drückten Ungeduld aus. Er machte eine Anstrengung, um den Diener anzusehen, der, ohne sich zu rühren, am Kopfende des Bettes stand.
»Der Graf will auf die andere Seite gedreht werden«, flüsterte der Diener und trat herum, um den schweren Körper des Grafen mit dem Gesicht nach der Wand hinzudrehen.
Pierre stand auf, um dem Diener zu helfen.
Während sie den Grafen umdrehten, fiel der eine Arm hilflos nach hinten zurück, und der Kranke machte eine vergebliche Anstrengung, ihn wieder herüberzuziehen. Ob nun der Graf den erschrockenen Blick bemerkt hatte, mit welchem Pierre nach diesem leblosen Arm hingesehen hatte, oder ob irgendein anderer Gedanke in diesem Augenblick dem Sterbenden durch den Kopf huschte, wer konnte das wissen? Aber er blickte auf seinen unbotmäßigen Arm, auf den Ausdruck des Schreckens in Pierres Gesicht, dann wieder auf seinen Arm, und auf seinem Gesicht zeigte sich ein schwaches, leidvolles Lächeln, das so gar nicht zu seinen Zügen paßte und gewissermaßen wie ein Spotten über seine eigene Kraftlosigkeit aussah. Beim Anblick dieses Lächelns fühlte Pierre unvermutet ein Zucken in der Brust, ein Zwicken in der Nase, und Tränen verschleierten ihm die Augen. Der Kranke war nun auf die Seite gedreht worden, nach der Wand zu. Er seufzte.
»Er ist eingeschlummert«, sagte Anna Michailowna, als sie bemerkte, daß die mittelste Prinzessin herankam, um sie abzulösen. »Wir wollen gehen.«
Pierre ging mit ihr hinaus.
XXIV
Im Wartezimmer befand sich niemand mehr als Fürst Wasili und die älteste Prinzessin, welche unter dem Porträt der Kaiserin Katharina saßen und angelegentlich miteinander redeten. Aber sowie sie Pierre mit seiner Führerin erblickten, verstummten sie. Die Prinzessin versteckte etwas, wie es Pierre vorkam, und flüsterte:
»Dieses Weib ist mir unausstehlich!«
»Catiche hat im kleinen Salon Tee servieren lassen«, sagte Fürst Wasili zu Anna Michailowna. »Sie sollten hingehen und sich ein wenig stärken, meine arme Anna Michailowna; sonst halten Sie diese Anstrengungen nicht aus.«
Zu Pierre sagte er nichts, er drückte ihm nur gefühlvoll den Arm etwas unterhalb der Schulter. Pierre und Anna Michailowna gingen in den kleinen Salon.
»Nichts stellt die Kräfte nach einer durchwachten Nacht so gut wieder her wie eine Tasse von diesem ausgezeichneten russischen Tee«, sagte Doktor Lorrain im Ton gedämpfter Lebhaftigkeit. Er stand in dem kleinen runden Salon an einem Tisch, der mit Teegerät und kaltem Abendbrot gedeckt war, und schlürfte Tee aus einer dünnen, henkellosen chinesischen Tasse. Um diesen Tisch hatten sich alle, die diese Nacht im Haus des Grafen Besuchow zugebracht hatten, versammelt, um sich wieder ein wenig zu stärken. Pierre erinnerte sich recht wohl an diesen kleinen runden Salon mit den vielen Spiegeln und den kleinen Tischen. Wenn im Haus des Grafen Bälle stattfanden, dann hatte Pierre, der nicht tanzen konnte, gern in diesem kleinen Spiegelzimmer gesessen und beobachtet, wie die Damen in ihren Balltoiletten, mit den Brillantkolliers und den Perlenschnüren um den entblößten Hals, beim Hindurchgehen durch dieses Zimmer sich in den hellerleuchteten Spiegeln betrachteten, die ihr Bild mehrere Male zurückwarfen. Jetzt war dieses selbe Zimmer durch zwei Kerzen nur notdürftig beleuchtet, und mitten in der Nacht standen hier auf einem der kleinen Tische Teegeschirr und kalte Speisen unordentlich durcheinander, und allerlei Leute in nicht festlicher Kleidung saßen in diesem Zimmer und redeten flüsternd miteinander und ließen durch jede Bewegung, durch jedes Wort merken, daß sie alle an das dachten, was jetzt im Schlafzimmer vorging und für die nächste Zukunft zu erwarten war. Pierre aß nichts, obgleich er starken Hunger verspürte. Er blickte fragend zu seiner Ratgeberin hin und sah, daß sie auf den Fußspitzen wieder hinausging nach dem Wartezimmer, wo Fürst Wasili mit der ältesten Prinzessin zurückgeblieben war. Pierre nahm an, daß auch dies so sein müsse, und nach kurzem Zögern folgte er ihr. Anna Michailowna stand neben der Prinzessin, und beide redeten aufgeregt im Flüsterton durcheinander.
»Gestatten Sie mir, Fürstin, selbst zu beurteilen, was notwendig oder nicht notwendig ist«, sagte die Prinzessin, die sich augenscheinlich wieder in demselben aufgeregten Zustand befand wie einige Zeit vorher, als sie die Tür ihres Zimmers so heftig zuschlug.
»Aber, liebe Prinzessin«, versetzte Anna Michailowna in sanftem, überredendem Ton, indem sie der Prinzessin den Weg nach dem Schlafzimmer vertrat und sie nicht hineinließ, »wird das den armen Onkel nicht gar zu sehr angreifen, in diesen Augenblicken, wo er die Erholung doch so nötig hat? Ein Gespräch über weltliche Dinge in diesen Augenblicken, wo seine Seele schon vorbereitet ist, vor Gott zu treten …«
Fürst Wasili saß auf einem Lehnstuhl in einer zwanglosen Haltung, die er gern annahm: das eine Bein hoch über das andre gelegt. Seine Wangen zuckten heftig und waren schlaff herabgesunken, so daß sie nach unten zu dicker erschienen; aber er tat, als ob ihn das Gespräch der beiden Damen wenig interessiere.
»Nicht doch, meine liebe Anna Michailowna«, warf er dazwischen. »Lassen Sie Catiche nur machen, wie sie es für gut hält. Sie wissen, wie gern sie der Graf hat.«
»Ich weiß gar nicht, was in diesem Schriftstück steht«, sagte die Prinzessin, zu dem Fürsten Wasili gewendet, und zeigte dabei auf das Mosaikportefeuille, das sie in der Hand hielt. »Ich weiß nur, daß das richtige Testament in seinem Schreibtisch liegt; dies hier ist ein Schriftstück, das der Graf längst vergessen hat …«
Sie wollte um Anna Michailowna herumgehen; aber diese machte einen kleinen Sprung und versperrte ihr wieder den Weg.
»Ich weiß es, meine liebe, gute Prinzessin«, sagte Anna Michailowna und faßte dabei das Portefeuille mit solcher Energie an, daß man merken konnte, sie werde es nicht so bald wieder loslassen. »Liebe Prinzessin, ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, schonen Sie ihn …«
Die Prinzessin schwieg. Es war nichts zu hören als das Geräusch des angestrengten Ringens um das Portefeuille. Der Prinzessin war anzusehen, daß, wenn sie gesprochen hätte, sie ihrer Gegnerin keine Schmeicheleien gesagt haben würde. Anna Michailowna hielt an dem Portefeuille mit kräftigem Griff fest; aber trotzdem behielt ihre Stimme durchaus den süßen, milden, ruhigen Klang bei.
»Pierre, kommen Sie her, mein Freund«, sagte sie. »Ich glaube, er ist bei einem Familienrat keine überflüssige Person. Nicht wahr, Fürst?«
»Warum schweigen Sie denn, Kusin?« rief auf einmal die Prinzessin so laut, daß es die nebenan im Salon Anwesenden hörten und über ihre Stimme einen Schreck bekamen. »Warum schweigen Sie, während sich hier Gott weiß wer erlaubt, sich einzumischen und an der Schwelle des Sterbezimmers eine häßliche Szene zu machen? Intrigantin!« flüsterte sie wütend und zog das Portefeuille aus Leibeskräften an sich; aber Anna Michailowna tat ein paar Schritte vorwärts, um das Portefeuille nicht loszulassen, und faßte wieder fester zu.
»Oh, oh!« sagte Fürst Wasili vorwurfsvoll und erstaunt. Er stand auf. »Das ist ja lächerlich. Lassen Sie jetzt beide los; ich muß sehr darum bitten.« Die Prinzessin ließ los.
»Sie auch!«
Anna Michailowna hörte nicht auf ihn.
»Lassen Sie los! sage ich. Ich will die ganze Sache selbst übernehmen. Ich werde zu ihm gehen und ihn fragen. Ich selbst. Das könnte Ihnen genügen.«
»Aber, Fürst!« versetzte Anna Michailowna. »So lassen Sie ihm doch eine Minute Ruhe, nachdem er soeben das hochheilige Sakrament empfangen hat. Aber Sie, lieber Pierre, sollten uns doch auch Ihre Meinung sagen«, wandte sie sich an den jungen Mann, der nun, ganz nah herantretend, erstaunt das ingrimmige, an kein Gebot des Anstandes sich mehr haltende Gesicht der Prinzessin und die zuckenden Wangen des Fürsten Wasili betrachtete.
»Vergessen Sie nicht, daß Sie für alle Folgen haften werden«, sagte Fürst Wasili in strengem Ton. »Sie wissen nicht, was Sie tun.«
»Nichtswürdiges Weib!« schrie die Prinzessin, stürzte unerwartet auf Anna Michailowna los und entriß ihr das Portefeuille. Fürst Wasili senkte den Kopf und hielt die Arme auseinander, als ob er sagen wollte: »Welch ein Benehmen!«
In diesem Augenblick wurde die Tür, jene schreckliche Tür, nach welcher Pierre vorhin so lange hingeblickt hatte, und die damals immer so behutsam geöffnet worden war, plötzlich schnell und geräuschvoll aufgerissen, so daß sie gegen die Wand schlug. Die mittelste der Prinzessinnen stürzte von dort herein und schlug verzweifelt die Hände zusammen.
»Was tut ihr hier!« rief sie in größter Aufregung. »Er stirbt, und ihr laßt mich bei ihm allein!«
Die älteste Prinzessin ließ das Portefeuille fallen. Anna Michailowna bückte sich schnell, ergriff das Streitobjekt und lief damit in das Schlafzimmer. Sobald Fürst Wasili und die älteste Prinzessin ihre Gedanken wieder gesammelt hatten, gingen sie ihr nach. Einige Minuten darauf kam zuerst die älteste Prinzessin von dort wieder heraus; ihr Gesicht sah blaß und starr aus, und sie biß sich auf die Unterlippe. Bei Pierres Anblick trat ein Ausdruck unbeherrschbarer Wut auf ihr Gesicht.
»Ja, nun können Sie sich freuen!« sagte sie. »Darauf haben Sie ja nur gelauert!« Und aufschluchzend verbarg sie das Gesicht im Taschentuch und lief aus dem Zimmer.
Nach der Prinzessin kam Fürst Wasili wieder aus dem Sterbezimmer heraus. Schwankend schritt er nach dem Sofa hin, auf welchem Pierre saß, ließ sich darauf niederfallen und bedeckte die Augen mit der Hand. Pierre bemerkte, daß er blaß war, und daß sein Unterkiefer zuckte und zitterte wie beim Fieber.
»Ach, mein Freund«, sagte er und faßte Pierre am Ellbogen; seine Stimme klang so aufrichtig und so matt, wie es Pierre früher noch nie bei ihm gehört hatte. »Wie oft sündigen wir! Wie oft suchen wir andere Menschen zu täuschen! Und wozu das alles? Ich bin ein hoher Fünfziger, mein Freund … Ich werde ja bald … Und mit dem Tod ist alles zu Ende, alles. Der Tod ist etwas Schreckliches.« Er weinte.
Anna Michailowna war die letzte, die wieder zurückkam. Mit leisen, langsamen Schritten ging sie auf Pierre zu.
»Pierre!« sagte sie.
Pierre blickte sie fragend an. Sie küßte den jungen Mann auf die Stirn, die dabei von ihren Tränen benetzt wurde. Sie schwieg einen Augenblick.
»Er ist nicht mehr …«
Pierre sah sie durch seine Brille an.
»Kommen Sie nur, ich will Sie führen. Versuchen Sie zu weinen; nichts erleichtert so wie Tränen.«
Sie führte ihn in einen dunklen Salon, und Pierre war froh, daß da niemand sein Gesicht sah. Anna Michailowna verließ ihn, und als sie wieder zurückkam, schlief er fest, den Arm unter den Kopf gelegt.
Am andern Morgen sagte Anna Michailowna zu Pierre:
»Ja, mein Freund, das ist für uns alle ein großer Verlust, von Ihnen gar nicht zu reden. Aber Gott wird Ihnen Kraft verleihen, ihn zu tragen; Sie sind jung, und Sie sind jetzt, wie ich hoffe, Herr eines gewaltigen Vermögens. Das Testament ist noch nicht eröffnet. Ich kenne Sie hinreichend und bin überzeugt, daß Ihnen dieser Umschwung nicht den Kopf verdrehen wird; aber es werden Ihnen dadurch auch Pflichten auferlegt, und da müssen Sie sich als Mann zeigen.«
Pierre schwieg.
»Später einmal werde ich Ihnen vielleicht erzählen, daß, wenn ich nicht am Platz gewesen wäre, wohl Gott weiß was geschehen wäre. Sie wissen, daß der liebe Onkel mir noch vorgestern versprochen hatte, für Boris etwas zu tun, daß er aber nicht mehr dazu gekommen ist. Ich hoffe, mein Freund, Sie werden diesen Wunsch Ihres Vaters erfüllen.«
Pierre verstand nichts von dem, was sie sagte, und blickte die Fürstin Anna Michailowna schweigend mit verlegenem Erröten an. Nach diesem Gespräch mit Pierre fuhr Anna Michailowna zu Rostows und legte sich schlafen. Nachdem sie am Vormittag ausgeschlafen hatte, erzählte sie der Familie Rostow und allen Bekannten Einzelheiten vom Tod des Grafen Besuchow. Sie sagte, der Graf sei so gestorben, wie sie selbst einmal zu sterben wünschen würde; sein Ende sei nicht nur rührend, sondern auch erbaulich gewesen. Besonders sei das letzte Zusammensein von Vater und Sohn so ergreifend gewesen, daß sie nicht ohne Tränen daran denken könne; sie wisse nicht, wer sich in diesen furchtbaren Augenblicken schöner benommen habe: der Vater, der in seinen letzten Minuten noch an alles und an alle so freundlich gedacht und so rührende Worte zu seinem Sohn gesprochen habe, oder Pierre, den man gar nicht ohne das tiefste Mitgefühl habe ansehen können, wie niedergeschmettert er gewesen sei, und wie er trotzdem sich bemüht habe, seinen Schmerz zu verbergen, um nicht dem sterbenden Vater das Hinscheiden noch schwerer zu machen. »Es war schmerzlich«, sagte sie, »aber doch auch erhebend; man hat das Gefühl, in reinere Sphären entrückt zu sein, wenn man solche Männer sieht wie den alten Grafen und seinen würdigen Sohn.« Von dem Benehmen der Prinzessin und des Fürsten Wasili erzählte sie gleichfalls, mit ihrer Mißbilligung nicht zurückhaltend, aber nur flüsternd und unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses.
XXV
In Lysyje-Gory, dem Gut des Fürsten Nikolai Andrejewitsch Bolkonski, wurde täglich die Ankunft des jungen Fürsten Andrei und seiner Gemahlin erwartet; aber durch diese Erwartung wurde die regelmäßige Ordnung, nach der sich das Leben im Haus des alten Fürsten abspielte, nicht gestört. Der General en chef Fürst Nikolai Andrejewitsch, der in den höheren Gesellschaftskreisen den Spitznamen »der König von Preußen« führte, wohnte, seitdem er unter der Regierung des Kaisers Paul aus den Residenzen verwiesen war, auf seinem Gut Lysyje-Gory, ohne es jemals zu verlassen, und mit ihm seine Tochter, Prinzessin Marja, und deren Gesellschafterin Mademoiselle Bourienne. Auch unter der neuen Regierung war er, obgleich ihm die Erlaubnis zur Rückkehr in die Residenzen erteilt worden war, beständig auf dem Land wohnen geblieben; er sagte, wer etwas von ihm wolle, der werde auch die hundertfünfzig Werst von Moskau nach Lysyje-Gory fahren; er selbst aber brauche niemand und nichts. Er war der Ansicht, alle Fehler der Menschen entsprängen nur aus zwei Quellen: Müßiggang und Aberglauben; und ebenso gebe es nur zwei Tugenden: Fleiß und Klugheit. Die Erziehung seiner Tochter hatte er selbst übernommen; er gab ihr, um diese beiden Tugenden bei ihr zur Entwicklung zu bringen, immer noch, obgleich sie schon zwanzig Jahre alt war, Unterricht in der Algebra und der Geometrie und hatte ihre ganze Zeit so eingeteilt, daß immer eine Beschäftigung die andere ablöste. Er selbst war unaufhörlich tätig: bald schrieb er an seinen Memoiren, bald beschäftigte er sich mit Aufgaben aus dem Gebiet der höheren Mathematik, bald drechselte er Tabaksdosen auf der Drehbank, bald arbeitete er im Garten und beaufsichtigte die Bauten, die auf seinem Gut niemals aufhörten. Da die wichtigste Voraussetzung beim Fleiß die Ordnung ist, so war auch die Ordnung in seiner Lebensweise bis aufs äußerste getrieben. Sein Erscheinen zu den Mahlzeiten erfolgte stets in genau derselben, unveränderlichen Weise, und nicht nur zu derselben Stunde, sondern sogar zu derselben Minute. Mit den Personen seiner Umgebung, von der Tochter angefangen bis zu der Dienerschaft, verkehrte der Fürst in scharfem Ton und stellte an einen jeden hohe Ansprüche, von denen er nie abging; so kam es, daß er, ohne grausam zu sein, allen eine Furcht und einen Respekt eingeflößt hatte, wie sie selbst der grausamste Haustyrann nicht leicht hätte hervorrufen können. Obwohl er nicht mehr im Dienst war und jetzt keinerlei Einfluß auf die Regierungsangelegenheiten besaß, so hielt es doch jeder Chef des Gouvernements, in welchem das Gut des Fürsten lag, für seine Pflicht, sich ihm vorzustellen, und wartete geradeso wie der Baumeister und der Gärtner und die Prinzessin Marja in dem hohen Geschäftszimmer auf den Zeitpunkt, für welchen der Fürst sein Erscheinen in Aussicht gestellt hatte. Und jeder empfand in diesem Geschäftszimmer das gleiche Gefühl des Respektes, ja sogar der Furcht, wenn sich nun die gewaltig hohe Tür des Arbeitszimmers öffnete und die ziemlich kleine Gestalt des alten Herrn erschien, mit gepuderter Perücke, mit den kleinen, dürren Händen und den grauen, überhängenden Brauen, die manchmal, wenn er sie zusammenzog, den Glanz seiner klugen und noch ganz jugendlich blitzenden Augen verdeckten.
Am Vormittag desjenigen Tages, an welchem die Ankunft des jungen Ehepaares nachher wirklich stattfand, betrat Prinzessin Marja wie gewöhnlich zu der für den Unterricht angesetzten Stunde das Geschäftszimmer zum Zweck der Morgenbegrüßung, bekreuzte sich mit einer gewissen Bangigkeit und sprach im stillen ein Gebet. So trat sie täglich hier herein und betete täglich, daß diese Begegnung glücklich vonstatten gehen möge.
Der alte, gepuderte Diener, der im Geschäftszimmer saß, stand leise auf und sagte flüsternd: »Haben Sie die Güte einzutreten.«
Durch die Tür war das gleichmäßige Geräusch einer Drehbank zu hören. Die Prinzessin zog schüchtern an der leicht und glatt sich öffnenden Tür und blieb an der Schwelle stehen. Der Fürst arbeitete an der Drehbank; er sah sich um und fuhr in seiner Tätigkeit fort.
Das ungewöhnlich große Arbeitszimmer war mit lauter Gegenständen angefüllt, die augenscheinlich fortwährend benutzt wurden. Ein großer Tisch, auf welchem Bücher und Pläne lagen, hohe, mit Büchern vollgestellte Glasschränke, in deren Türen die Schlüssel steckten, ein Stehpult, auf dem ein aufgeschlagenes Heft lag, eine Drehbank, auf der die nötigen Instrumente handgerecht geordnet waren und um die ringsherum der Boden mit Abfallspänen bedeckt war: alles zeugte von einer beständigen, mannigfaltigen, wohlgeordneten Tätigkeit des Bewohners. Und aus den Bewegungen des kleinen Fußes, den ein silbergesticktes tatarisches Stiefelchen umschloß, sowie aus dem festen Andrücken der sehnigen, mageren Hand konnte man ersehen, daß in dem Fürsten noch die zähe, widerstandsfähige Kraft eines frischen Greisenalters steckte. Nachdem er das Rad noch ein paar Umdrehungen hatte machen lassen, nahm er den Fuß vom Trittbrett der Drehbank herunter, wischte den Drehstahl ab, warf ihn in eine an der Drehbank angebrachte Ledertasche, ging an den Tisch und rief seine Tochter heran. Er segnete seine Kinder niemals; so hielt er ihr denn nur seine stachlige, an diesem Tag noch nicht rasierte Wange hin, musterte sie mit einem prüfenden Blick und sagte in strengem Ton, aus dem aber doch eine gewisse Zärtlichkeit herauszuhören war: »Wohl und munter? Nun, dann setz dich!« Er griff nach einem von ihm eigenhändig geschriebenen Geometrieheft und zog sich mit dem Fuß seinen Sessel heran.
»Für morgen!« sagte er, indem er schnell eine Seite aufschlug und mit seinem harten Nagel von einem Paragraphen bis zu einem andern einen Strich als Zeichen eindrückte. Die Prinzessin beugte sich über den Tisch und das Heft.
»Warte; da ist ein Brief für dich«, sagte der alte Mann, holte aus einer oberhalb des Tisches befestigten Tasche einen Brief, dessen Adresse eine weibliche Hand erkennen ließ, und warf ihn auf den Tisch.
Beim Anblick des Briefes erschienen auf dem Gesicht der Prinzessin rote Flecke. Eilig griff sie nach ihm und bückte sich über ihn.
»Von deiner Héloïse?« fragte der Fürst kühl lächelnd, wobei seine starken, gelblichen Zähne sichtbar wurden.
»Ja, von Julja«, antwortete die Prinzessin; sie blickte den Vater schüchtern an und lächelte zaghaft.
»Noch zwei Briefe will ich durchlassen; aber den dritten werde ich lesen«, sagte der Fürst in strengem Ton. »Ich fürchte, ihr schreibt einander viel dummes Zeug. Den dritten Brief werde ich lesen.«
»Sie können ja auch diesen schon lesen, Väterchen«, antwortete die Prinzessin, noch stärker errötend, und reichte ihm den Brief hin.
»Den dritten; ich habe gesagt: den dritten!« rief der Fürst kurz und stieß den Brief zurück. Dann stützte er den Ellbogen auf den Tisch und zog das Heft mit den geometrischen Figuren näher heran.
»Nun, mein Fräulein«, begann der Alte, beugte sich dicht neben seiner Tochter über das Heft und legte den einen Arm auf die Lehne des Sessels, auf dem die Prinzessin saß, so daß diese sich von allen Seiten von einer ihr schon längst bekannten Atmosphäre, gemischt aus Tabaksgeruch und jener scharfen Hautausdünstung, wie sie alten Leuten eigen ist, umgeben fühlte. »Nun, mein Fräulein, diese Dreiecke sind einander ähnlich; du siehst: der Winkel A B C …«
Die Prinzessin blickte ängstlich nach den so nahe neben ihr blitzenden Augen des Vaters; rote Flecke erschienen auf ihrem Gesicht, und es war klar, daß sie nichts verstand und sich dermaßen fürchtete, daß diese Angst sie auch hindern würde, alle weiteren Darlegungen des Vaters zu begreifen, mochten sie an sich auch noch so klar sein. Ob nun die Schuld an dem Lehrer lag oder an der Schülerin, genug, jeden Tag wiederholte sich derselbe Vorgang: es wurde der Prinzessin dunkel vor den Augen, sie sah und hörte nichts mehr, sie fühlte nur in ihrer nächsten Nähe das hagere Gesicht des strengen Vaters, sie empfand seinen Atem und seinen Geruch und hatte nur den einen Gedanken, wie sie wohl am schnellsten aus dem Arbeitszimmer des Vaters herauskommen und auf ihrer eigenen Stube sich die Aufgabe in Ruhe zum Verständnis bringen könne. Der Alte geriet in Erregung, schob den Sessel, auf dem er saß, mit Gepolter vom Tisch zurück und wieder heran, suchte sich zu beherrschen, um nicht heftig zu werden, und wurde es doch fast jedesmal, schalt und schleuderte manchmal ärgerlich das Heft auf den Tisch.
Die Prinzessin hatte eine falsche Antwort gegeben.
»Na, du bist aber doch auch zu dumm!« rief der Fürst, stieß das Heft von sich und wandte sich schnell ab. Im nächsten Augenblick stand er auf, ging ein paarmal im Zimmer hin und her, berührte leise mit den Händen das Haar der Prinzessin und setzte sich wieder hin.
Er rückte seinen Sessel an den Tisch heran und fuhr in seinen Erläuterungen fort.
»Ja, das muß sein, Prinzessin, das muß sein«, sagte er, als die Prinzessin das Heft mit den Aufgaben für das nächste Mal genommen und zugemacht hatte und bereits im Begriff war wegzugehen. »Die Mathematik ist eine wichtige Sache, mein Fräulein. Ich möchte nicht, daß du unsern dummen jungen Damen ähnlich bist. Nur Ernst und Ausdauer; dann gewinnt man die Sache lieb.« Er streichelte ihr mit der Hand die Wange. »Die Mathematik macht den Kopf klar.«
Sie wollte hinausgehen; aber er hielt sie durch eine Handbewegung zurück und nahm von dem Stehpult ein neues, unaufgeschnittenes Buch herunter.
»Da ist noch ein Buch mit dem Titel ›Der Schlüssel des Geheimnisses‹; das schickt dir deine Héloïse. Sie ist wohl sehr religiös. Nun, ich lasse jeden Menschen glauben, was er will, und menge mich da nicht ein. Ich habe nur ein wenig hineingesehen. Nimm! Nun, dann geh nur, geh!«
Er klopfte ihr auf die Schulter und machte selbst hinter ihr die Tür zu.
Prinzessin Marja kehrte mit der trüben, verschüchterten Miene, die nur selten von ihr wich und ihr an sich schon unschönes, kränkliches Gesicht noch unschöner machte, in ihr Zimmer zurück und setzte sich an ihren Schreibtisch, auf dem eine Menge kleiner Porträts standen und Hefte und Bücher in Massen umherlagen. Die Prinzessin war ebenso unordentlich, wie ihr Vater ordentlich war. Sie legte das Geometrieheft hin und erbrach ungeduldig den Brief. Der Brief kam von der besten Jugendfreundin der Prinzessin; diese Freundin war jene selbe Julja Karagina, die am Namenstag bei Rostows gewesen war.
Julja schrieb auf französisch:
»Liebe, teure Freundin!
Es ist doch etwas Schreckliches, etwas Entsetzliches, voneinander getrennt zu sein. Ich mag mir noch so oft sagen, daß Sie die Hälftes meines Daseins und meines Glückes bilden und daß trotz der Entfernung, die uns trennt, unsere Herzen durch unauflösliche Bande verknüpft sind, dennoch bäumt sich mein Herz gegen das Schicksal auf, und trotz der Vergnügungen und Zerstreuungen, die mich umgeben, bin ich nicht imstande, eine gewisse heimliche Traurigkeit zu überwinden, die ich seit unserer Trennung im tiefsten Grunde meines Herzens empfinde. Warum sitzen wir nicht mehr wie in diesem Sommer in Ihrem großen Zimmer zusammen auf dem blauen Sofa, dem ›Sofa der vertraulichen Bekenntnisse‹? Warum kann ich nicht mehr wie vor drei Monaten neue seelische Kraft aus Ihrem so sanften, ruhigen, tiefdringenden Blick schöpfen, aus diesem Blick, den ich so sehr liebte, und den ich jetzt, wo ich an Sie schreibe, vor mir zu sehen glaube!«
Als Prinzessin Marja bis zu dieser Stelle gelesen hatte, seufzte sie und betrachtete sich in dem Trumeau, der rechts von ihr stand. Der Spiegel zeigte ihr einen unschönen, schwächlichen Körper und ein mageres Gesicht. Ihre Augen, auch sonst immer traurig, blickten jetzt mit dem Ausdruck ganz besonderer Hoffnungslosigkeit auf ihr Spiegelbild. »Sie will mir schmeicheln«, sagte die Prinzessin zu sich selbst, wandte sich vom Spiegel ab und fuhr fort zu lesen. Jedoch hatte Julja ihrer Freundin wirklich keine leere Schmeichelei geschrieben: die großen, tiefen, leuchtenden Augen der Prinzessin, die mitunter geradezu ganze Garben eines warmen Lichtes auszustrahlen schienen, waren tatsächlich so schön, daß trotz der Unschönheit des ganzen übrigen Gesichtes diese Augen oft reizvoller wirkten als es ein schönes Gesicht vermocht hätte. Aber die Prinzessin bekam diesen schönen Ausdruck ihrer Augen nie zu sehen, diesen Ausdruck, welchen sie in den Augenblicken annahmen, wo sie gar nicht an sich selbst dachte. Wie bei allen Menschen erhielt ihr Gesicht einen gespannten, unnatürlichen, häßlichen Ausdruck, sobald sie sich im Spiegel betrachtete. Sie las weiter:
»Ganz Moskau spricht nur vom Krieg. Von meinen beiden Brüdern befindet sich der eine schon im Ausland; der andere steht bei der Garde, die jetzt ihren Marsch nach der Grenze antritt. Unser teurer Kaiser hat Petersburg verlassen, und wie man behauptet, beabsichtigt er, sein kostbares Leben selbst den Wechselfällen des Krieges auszusetzen. Gott wolle geben, daß das korsische Ungeheuer, das die Ruhe Europas stört, durch den Engel niedergeschmettert werde, den Er, der Allmächtige, in Seiner Barmherzigkeit uns zum Herrscher gegeben hat. Ganz abgesehen von meinen Brüdern hat mich dieser Krieg eines Umganges beraubt, der meinem Herzen besonders teuer war. Ich meine den jungen Nikolai Rostow, der in seiner Begeisterung es nicht hat ertragen können, untätig zu bleiben, und die Universität verlassen hat, um in die Armee einzutreten. Ja, liebe Marja, ich will es Ihnen gestehen, daß, obwohl er noch ein sehr, sehr junger Mensch ist, sein Abgang zur Armee mir ein großer Schmerz gewesen ist. Dieser junge Mann, von dem ich Ihnen schon im Sommer erzählte, besitzt eine edle Gesinnung und eine echt jugendliche Frische, wie man sie nur so selten in unserem Jahrhundert antrifft, wo wir unter zwanzigjährigen Greisen leben. Besonders hervorzuheben sind sein Freimut und seine Herzhaftigkeit. Sein ganzes Denken ist so rein und poetisch, daß meine Beziehungen zu ihm, so flüchtig sie auch waren, dennoch eine der süßesten Freuden meines Herzens bildeten, das schon so viel gelitten hat. Ich werde Ihnen später einmal erzählen, wie wir voneinander Abschied nahmen, und Ihnen alles mitteilen, was wir dabei gesprochen haben. Jetzt ist das alles noch zu frisch. Ach, meine teure Freundin, Sie können sich glücklich schätzen, daß Sie diese Freuden und diese qualvollen Leiden nicht kennen. Jawohl, glücklich; denn die letzteren sind gewöhnlich viel stärker! Ich weiß sehr wohl, daß Graf Nikolai zu jung ist, als daß er mir jemals mehr als ein Freund werden könnte. Aber diese süße Freundschaft, dieses reine, poetische Verhältnis ist meinem Herzen ein Bedürfnis gewesen. Aber sprechen wir nicht mehr davon.
Die große Tagesneuigkeit, die ganz Moskau beschäftigt, ist der Tod des alten Grafen Besuchow und seine Hinterlassenschaft. Denken Sie sich, die drei Prinzessinnen haben nur ganz wenig bekommen, Fürst Wasili gar nichts, und Monsieur Pierre hat alles geerbt und ist obendrein als legitimer Sohn anerkannt worden, somit jetzt Graf Besuchow und Besitzer des größten Vermögens in ganz Rußland. Es heißt, Fürst Wasili habe in dieser ganzen Angelegenheit eine recht häßliche Rolle gespielt und sei mit sehr langem Gesicht nach Petersburg zurückgefahren.
Ich muß Ihnen gestehen, mein Verständnis von diesen Testamentsangelegenheiten ist nur ein sehr geringes; aber seit der junge Mann, den wir alle unter dem simplen Namen Monsieur Pierre kannten, Graf Besuchow und Herr eines so gewaltigen Vermögens geworden ist, ist es für mich ein köstliches Amüsement, bei den mit heiratsfähigen Töchtern gesegneten Müttern und bei diesen jungen Damen selbst zu beobachten, wie sich ihr Ton und ihr ganzes Benehmen diesem jungen Mann gegenüber geändert haben, der mir, beiläufig gesagt, immer als ein herzlich unbedeutendes Individuum erschienen ist. Wie die Leute schon seit zwei Jahren ihr Vergnügen darin finden, mich mit jungen Männern zu verloben, die ich meistens gar nicht kenne, so macht mich jetzt der Moskauer Heiratsklatsch zur Gräfin Besuchowa. Aber Sie können sich leicht denken, daß mein Streben nicht im entferntesten dahin geht, es zu werden. Da ich aber gerade vom Heiraten rede: was sagen Sie dazu, daß mir vor kurzem die ›Allerweltstante‹ Anna Michailowna unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses ein Heiratsprojekt für Sie anvertraut hat? Und zwar handelt es sich um nicht mehr und nicht weniger als um den Sohn des Fürsten Wasili, Anatol, der durch die Heirat mit einem reichen, vornehmen Mädchen wieder in geordnete Verhältnisse gebracht werden soll; und da ist nun die Wahl seiner Eltern auf Sie gefallen. Ich weiß nicht, wie Sie die Sache ansehen werden; aber ich habe es für meine Pflicht gehalten, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Es heißt, er sei ein sehr schöner junger Mann, aber ein arger Taugenichts; das ist alles, was ich über ihn habe in Erfahrung bringen können.
Aber nun genug mit diesem Geplauder! Ich bin schon am Ende des zweiten Briefbogens angelangt, und Mama läßt mich rufen, da wir zu Apraxins zum Diner müssen.
Lesen Sie das mystische Buch, das ich Ihnen gleichzeitig schicke; es macht hier bei uns gewaltiges Aufsehen. Obgleich in diesem Buch Dinge stehen, an die der schwache Menschenverstand kaum heranreicht, so ist es dennoch ein bewundernswürdiges Buch, dessen Lektüre auf die Seele beruhigend und erhebend wirkt. Adieu! Richten Sie bitte meine Empfehlungen an Ihren Herrn Vater und meine Grüße an Mademoiselle Bourienne aus. Ich umarme Sie in herzlicher Zuneigung.
Julja.
PS: Schreiben Sie mir doch, wie es Ihrem Bruder und seiner reizenden kleinen Frau geht.«
Die Prinzessin sann ein Weilchen mit einem schwermütigen Lächeln nach, wobei ihr Gesicht, von den strahlenden Augen erhellt, sich völlig verklärte; dann stand sie schnell auf und ging mit ihren schweren Schritten an den Tisch. Sie holte sich Briefpapier hervor, und ihre Feder begann schnell darüber hinzufahren. Die Prinzessin schrieb folgende Antwort:
»Liebe, teure Freundin!
Ihr Brief vom 13. hat mir eine große Freude bereitet. Sie lieben mich also immer noch, meine poetische Julja. Die Trennung, von der Sie so viel Böses sagen, hat also auf Sie ihre gewöhnliche Wirkung nicht ausgeübt. Sie klagen darüber, daß Sie von diesem und jenem getrennt sind – was müßte ich erst sagen, wenn ich überhauptwagte,mich zu beklagen, ich, die ich aller derjenigen beraubt bin, die mir teuer sind? Ach, wenn wir nicht die Religion hätten, um uns zu trösten, so wäre das Leben doch gar zu traurig. Warum setzen Sie bei mir eine strenge Beurteilung voraus, wenn Sie mir von Ihrer Neigung zu dem jungen Mann schreiben? In solchen Dingen bin ich gegen niemand streng als gegen mich selbst. Ich habe für diese Gefühle bei anderen Verständnis, und wenn ich ihnen auch nicht eigentlich Beifall zollen kann, da ich sie nie selbst empfunden habe, so verurteile ich sie doch nicht. Nur bin ich der Ansicht, daß die christliche Liebe, die Nächstenliebe, die Liebe zu unseren Feinden verdienstlicher, süßer und schöner ist als die Empfindungen, welche die schönen Augen eines jungen Mannes bei einem poetisch veranlagten, der Liebe zugänglichen jungen Mädchen, wie Sie, hervorrufen können.
Die Nachricht von dem Tod des Grafen Besuchow war uns schon vor Ihrem Brief zugegangen, und mein Vater war davon tief ergriffen. Er sagt, das sei der vorletzte Repräsentant jenes großen Jahrhunderts gewesen, und nun komme er selbst an die Reihe; indes werde er tun, was in seinen Kräften stehe, um erst möglichst spät daranzukommen. Gott wolle uns vor diesem furchtbaren Unglück bewahren!
Ihre Meinung über Pierre, den ich schon gekannt habe, als wir noch Kinder waren, vermag ich nicht zu teilen. Er schien mir immer ein vortreffliches Herz zu besitzen, und das ist die Eigenschaft, die ich an den Menschen am höchsten schätze. Was seine Erbschaft anbelangt und die Rolle, die Fürst Wasili dabei gespielt hat, so ist das für alle beide recht traurig. Ach, liebe Freundin, das Wort unseres göttlichen Erlösers, es sei leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in das Reich Gottes komme, dieses Wort ist ebenso wahr als furchtbar; ich beklage den Fürsten Wasili, aber noch mehr bedauere ich Pierre. So jung noch und dabei mit diesem Reichtum belastet, welche Versuchungen wird er da nicht durchzumachen haben! Wenn man mich fragte, was ich mir auf der Welt am meisten wünschte, so wäre mein Wunsch der, ärmer zu sein als der ärmste Bettler. Tausend Dank, liebe Freundin, für das mir freundlichst übersandte Werk, das bei Ihnen so großes Aufsehen erregt. Da Sie mir indessen schreiben, es enthalte neben mancherlei Gutem auch anderes, an das die schwache menschliche Vernunft nicht heranreicht, so scheint es mir ziemlich zwecklos, sich mit einer unverständlichen Lektüre zu beschäftigen, die eben deshalb keinerlei Vorteil gewähren kann. Unbegreiflich ist mir immer die Passion mancher Leute gewesen, sich die eigene Denkkraft dadurch zu verwirren, daß sie sich mit mystischen Büchern abgeben, die nur Zweifel im Geist des Lesenden erregen, seine Phantasie überreizen und seinem ganzen Wesen etwas Übertriebenes geben, das zu der christlichen Einfalt im schroffsten Widerspruch steht. Wir tun besser, die Schriften der Apostel und die Evangelien zu lesen. Aber auch da sollen wir nicht den Versuch machen, in das einzudringen, was sie Mysteriöses enthalten; denn wie könnten wir elenden Sünder uns erdreisten, in die furchtbaren, heiligen Geheimnisse der Vorsehung eindringen zu wollen, solange wir diese fleischliche Hülle an uns tragen, die zwischen uns und dem Ewigen gleichsam eine undurchdringliche Scheidewand errichtet? Begnügen wir uns lieber damit, die erhabenen Weisungen in uns aufzunehmen, die unser göttlicher Erlöser uns für unser irdisches Leben hinterlassen hat; suchen wir, uns nach ihnen zu bilden und ihnen zu folgen; lassen wir uns von der Überzeugung durchdringen, daß, je weniger freien Spielraum wir unserm schwachen menschlichen Geist verstatten, er um so angenehmer dem Allmächtigen ist, der alle Weisheit verwirft, die nicht von Ihm kommt, und daß, je weniger wir das zu ergründen suchen, was unserer Kenntnis zu entziehen Ihm gefallen hat, Er um so eher es uns durch Seinen Heiligen Geist wird erkennen lassen.
Von einem Bewerber um meine Hand hat mir mein Vater nichts gesagt; er hat mir nur mitgeteilt, er habe einen Brief vom Fürsten Wasili erhalten und erwarte dessen Besuch. Hinsichtlich des mich betreffenden Heiratsprojektes muß ich Ihnen, liebe, teure Freundin, sagen, daß die Ehe meiner Ansicht nach eine göttliche Einrichtung ist, der wir uns fügen müssen. Sollte der Allmächtige mir jemals die Pflichten einer Gattin und Mutter auferlegen, so werde ich, mag es mir auch noch so schwer werden, sie so treu, wie ich nur irgend kann, zu erfüllen suchen, ohne vorher eine ängstliche Prüfung meiner Gefühle gegen denjenigen vorzunehmen, den Er mir zum Gatten geben wird.
Von meinem Bruder habe ich einen Brief erhalten, in dem er mir seine und seiner Frau baldige Ankunft in Lysyje-Gory in Aussicht stellt. Aber es wird nur eine kurze Freude sein; denn er verläßt uns, um an diesem unglückseligen Krieg teilzunehmen, in den wir, Gott weiß wie und warum, uns haben hineinziehen lassen. Nicht nur dort bei Ihnen, im Mittelpunkt des geschäftlichen und gesellschaftlichen Lebens, bildet der Krieg das einzige Gesprächsthema; auch hier inmitten dieser ländlichen Arbeiten und dieses stillen Friedens der Natur, der nach der gewöhnlichen Vorstellung der Städter auf dem Land herrscht, macht sich das Geräusch des Krieges hörbar und in schmerzlicher Weise fühlbar. Mein Vater redet nur noch von Märschen und Kontremärschen, Dingen, von denen ich nichts verstehe, und als ich vorgestern bei meinem gewöhnlichen Spaziergang durch die Dorfstraße kam, wurde ich Zeugin einer herzzerreißenden Szene. Es war ein Trupp Rekruten, die bei uns ausgehoben waren und nun zum Heer abgehen sollten. Es war entsetzlich zu sehen, in welchem Zustand sich die Mütter, die Frauen und die Kinder der abmarschierenden Männer befanden, entsetzlich zu hören, wie die Zurückbleibenden und die Wegziehenden schluchzten! Man möchte sagen, die Menschheit habe die Gebote ihres göttlichen Erlösers vergessen, der uns doch geheißen hat, einander zu lieben und Beleidigungen zu verzeihen, und suche nun ihr größtes Verdienst in der Kunst, sich wechselseitig zu morden.
Adieu, liebe, gute Freundin! Mögen unser göttlicher Erlöser und Seine allerheiligste Mutter Sie in ihren heiligen, mächtigen Schutz nehmen.
Marja.«
»Ah, Sie sind dabei, einen Brief für die Post zurechtzumachen, Prinzessin; ich habe den meinigen schon fertiggestellt. Ich habe an meine arme Mutter geschrieben«, sagte rasch mit angenehmer, vollklingender Stimme, das r etwas schnarrend, die lächelnde Mademoiselle Bourienne; sie brachte in die bedrückende, trübe, ernste Atmosphäre der Prinzessin gleichsam einen Hauch aus einer ganz anderen Welt, etwas Leichtlebiges, Vergnügtes, Selbstzufriedenes.
»Ich muß Sie warnen, Prinzessin«, fügte sie mit leiserer Stimme hinzu; »der Fürst hat einen Wortwechsel« (das Wort »Wortwechsel« sprach sie ganz besonders schnarrend und hatte offenbar ihr Vergnügen daran, sich selbst zu hören), »einen Wortwechsel mit Michail Iwanowitsch gehabt. Er ist sehr übler Laune, sehr mißgestimmt. Seien Sie also gewarnt; Sie wissen ja …«
»Oh, liebe Freundin«, erwiderte die Prinzessin Marja, »ich habe Sie gebeten, niemals mit mir darüber zu sprechen, in welcher Laune sich mein Vater befindet. Ich erlaube mir nicht, über ihn zu urteilen, und mag nicht gern, daß andere es tun.«
Die Prinzessin sah nach der Uhr, und als sie bemerkte, daß bereits fünf Minuten von der Zeit verstrichen waren, die sie auf das Klavierspiel verwenden sollte, ging sie mit erschrockener Miene nach dem Sofazimmer. Die Zeit von zwölf bis zwei Uhr widmete nach der festgesetzten Tagesordnung der Fürst der Ruhe und Erholung, und die Prinzessin hatte unterdessen Klavier zu spielen.
XXVI
Der hochbejahrte Kammerdiener Tichon saß im Geschäftszimmer und horchte im Halbschlummer auf das Schnarchen des Fürsten im benachbarten geräumigen Arbeitszimmer. Von einem entfernten Teil des Hauses her hörte man durch die geschlossenen Türen die wohl zwanzigmal wiederholten schwierigen Passagen einer Dussekschen Sonate.
Um diese Zeit fuhren bei dem Portal eine Equipage und eine Britschke vor. Aus der Equipage stieg Fürst Andrei aus, half seiner kleinen Frau beim Aussteigen und ließ sie vorangehen. Der greise Tichon, den Kopf mit einer Perücke bedeckt, schob sich aus der Tür des Geschäftszimmers heraus, meldete flüsternd, daß der Fürst ruhe, und machte eilig die Tür hinter sich zu. Tichon wußte, daß weder die Ankunft des Sohnes noch sonstige außergewöhnliche Ereignisse die Tagesordnung stören durften. Fürst Andrei wußte das offenbar ebensogut wie Tichon; er blickte auf seine Uhr, als ob er kontrollieren wollte, ob sich die Gewohnheiten seines Vaters in der Zeit, wo er ihn nicht gesehen hatte, auch nicht verändert hätten, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß dies nicht der Fall war, wandte er sich an seine Frau:
»In zwanzig Minuten wird er aufstehen«, sagte er. »Wir wollen unterdessen zu Prinzessin Marja gehen.«
Die kleine Fürstin war in der letzten Zeit noch stärker geworden; aber ihre Augen und die sich hinaufziehende kurze Oberlippe mit dem Schnurrbärtchen und dem Lächeln, wenn sie zu sprechen begann, nahmen sich noch ebenso lustig und allerliebst aus.
»Aber das ist ja ein wahrer Palast!« sagte sie, sich umblickend, zu ihrem Mann, mit demselben Gesichtsausdruck, mit dem man auf einem Ball sich dem Hausherrn gegenüber bewundernd äußert. »Nun, dann wollen wir schnell hingehen!« Um sich blickend, lächelte sie alle an, den Kammerdiener Tichon und ihren Mann und den sie geleitenden Diener.
»Das ist wohl Marja, die da übt? Wir wollen leise gehen und sie überraschen.«
Fürst Andrei folgte ihr mit höflicher, aber trüber Miene.
»Du bist alt geworden, Tichon«, sagte er zu dem Greis, der ihm die Hand küßte.
Vor dem Zimmer, aus dem das Klavierspiel ertönte, kam aus einer Seitentür die hübsche, blonde Französin herausgestürzt. Mademoiselle Bourienne schien vor Entzücken ganz närrisch zu sein.
»Ah, welche Freude für die Prinzessin!« rief sie aus. »Endlich! Ich muß sie benachrichtigen!«
»Nein, nein, bitte nicht! Sie sind Mademoiselle Bourienne; ich weiß schon von Ihnen durch meine Schwägerin, die Ihnen so sehr zugetan ist«, sagte die Fürstin und küßte sich mit der Französin. »Sie erwartet uns wohl nicht?«
Sie gingen auf die Tür des Sofazimmers zu, aus dem immer ein und dieselbe Passage in steter Wiederholung zu hören war. Fürst Andrei blieb stehen und machte ein finsteres Gesicht, als ob er irgendeine Unannehmlichkeit erwartete.
Die Fürstin trat ein. Die Passage brach jäh in der Mitte ab; man hörte einen Aufschrei, die schweren Schritte der Prinzessin Marja und den Ton von Küssen. Als dann auch Fürst Andrei hineintrat, hielten sich die Prinzessin und die Fürstin, die einander vorher nur einmal bei Fürst Andreis Hochzeit kurze Zeit gesehen hatten, mit den Armen umschlungen und preßten immer noch die Lippen auf dieselben Gesichtsstellen, die sie im ersten Augenblick der Begegnung gerade getroffen hatten. Mademoiselle Bourienne stand neben ihnen, drückte die Hände gegen das Herz und lächelte andächtig, offenbar ebenso bereit zum Weinen wie zum Lachen. Fürst Andrei zuckte die Achseln und runzelte die Stirn, etwa wie jemand, der musikalisches Gehör besitzt und eine falsche Note hört. Die beiden Frauen ließen einander nun los; aber dann griffen sie eilig, als ob sie etwas zu versäumen fürchteten, eine jede nach den Händen der andern und begannen einander die Hände zu küssen und einander die Hände zu entziehen, und dann küßten sie einander wieder ins Gesicht und brachen, für Fürst Andrei völlig unerwartet, in Tränen aus und fingen darauf wieder an, sich zu küssen. Mademoiselle Bourienne weinte gleichfalls. Dem Fürsten Andrei wurde die Sache augenscheinlich unbehaglich; den beiden Frauen aber erschien es als etwas ganz Natürliches, daß sie weinten; sie schienen es sich gar nicht denken zu können, daß sich dieses Wiedersehen in anderer Form abspielen könne.
»Ach, meine Liebe …! Ach, Marja!« fingen beide auf einmal an und lachten auf. »Diese Nacht hat mir geträumt … Du hattest uns also heute nicht erwartet … Ach, Marja, du bist aber mager geworden … Und du hast zugenommen …«
»Ich habe die Fürstin sofort wiedererkannt«, warf Mademoiselle Bourienne dazwischen.
»Und ich hatte keine Ahnung!« rief die Prinzessin Marja. »Ach, Andrei, ich habe dich ja noch gar nicht gesehen!«
Fürst Andrei küßte seine Schwester, indem er ihr gleichzeitig die Hand drückte, und sagte zu ihr, sie sei noch dieselbe Tränentraufe, die sie immer gewesen sei. Prinzessin Marja betrachtete nun ihren Bruder, und durch die Tränen hindurch ruhte der liebevolle, warme, sanfte Blick ihrer großen und in diesem Augenblick schönen, strahlenden Augen auf dem Gesicht des Fürsten Andrei.
Die Fürstin redete ohne Unterbrechung. Die kurze Oberlippe mit dem Schnurrbärtchen zog sich fortwährend für einen Augenblick nach unten, berührte sich an der gehörigen Stelle mit der roten Unterlippe, und dann öffneten sich die Lippen wieder zu einem Lächeln mit blitzenden Zähnen und Augen. Die Fürstin erzählte von einem Unfall, der ihnen auf dem Heilandsberg begegnet war und ihr bei ihrem Zustand hätte gefährlich werden können, und unmittelbar darauf teilte sie mit, daß sie alle ihre Kleider in Petersburg gelassen habe und nun hier in Gott weiß was für einem Aufzug herumgehen müsse, und daß Andrei sich vollständig verändert habe, und daß Kitty Odynzowa die Frau eines ganz alten Mannes geworden sei, und daß sich ein Bewerber für die Prinzessin Marja gefunden habe (ganz im Ernst!), und daß sie darüber später noch eingehender reden würden. Prinzessin Marja sah noch immer schweigend ihren Bruder an; Liebe und Traurigkeit lagen in dem Blick ihrer schönen Augen. Es war deutlich, daß sich in ihrem Kopf jetzt ein besonderer Gedankengang vollzog, unabhängig von dem Gerede ihrer Schwägerin. Mitten in der Erzählung der Fürstin über das letzte Petersburger Fest wandte sich Marja an ihren Bruder.
»Und das steht nun endgültig fest, daß du in den Krieg gehst, Andrei?« fragte sie seufzend.
Lisa seufzte ebenfalls.
»Ich reise sogar schon morgen ab«, antwortete der Bruder.
»Er läßt mich hier allein, und Gott weiß warum, da er doch auch ohne das ein gutes Avancement haben konnte …«
Prinzessin Marja hörte nicht nach ihr hin; ihren eigenen Gedankenfaden weiterspinnend, wandte sie sich zu ihrer Schwägerin und fragte, mit freundlichem Blick auf deren Leib deutend:
»Ist es denn sicher?«
Der Gesichtsausdruck der Fürstin veränderte sich. Sie seufzte.
»Ja, es ist sicher«, antwortete sie. »Ach, das ist so furchtbar …«
Lisas Lippe senkte sich herab. Sie näherte ihr Gesicht dem Gesicht ihrer Schwägerin und brach unerwartet wieder in Tränen aus.
»Sie muß sich erholen«, sagte Fürst Andrei mit finsterer Miene. »Nicht wahr, Lisa? Führe sie in dein Zimmer; ich will unterdes zu unserm Vater gehen. Wie geht es ihm? Alles unverändert?«
»Jawohl, alles unverändert; wenigstens meine ich, daß es auch dir so vorkommen wird«, antwortete die Prinzessin in freudigem Ton.
»Immer noch dieselbe Stundeneinteilung, dieselben Spaziergänge in den Alleen? Auch die Drehbank?« fragte Fürst Andrei mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln, welches zeigte, daß er bei all seiner Liebe und Achtung für seinen Vater doch dessen Schwächen kannte.
»Dieselbe Stundeneinteilung und die Drehbank und auch seine Beschäftigung mit der Mathematik und meine Geometriestunden«, erwiderte Prinzessin Marja fröhlich, als ob diese Geometriestunden zu ihren angenehmsten Erlebnissen gehörten.
Als die zwanzig Minuten um waren, die noch bis zum Aufstehtermin des alten Fürsten gefehlt hatten, kam Tichon, um den jungen Fürsten zu seinem Vater zu rufen. Der Ankunft des Sohnes zu Ehren ließ der alte Fürst in seiner gewöhnlichen Lebensordnung nun doch insofern eine Abweichung eintreten, als er den Sohn in der Zeit, wo er sich zum Mittagessen ankleidete, in sein Zimmer kommen ließ. Der Fürst war bei der altväterischen Tracht geblieben: dem langschößigen Kaftan und dem gepuderten Haar. Als Fürst Andrei bei seinem Vater eintrat (nicht mit dem mürrischen Gesicht und Benehmen, das er in den Salons annahm, sondern mit der lebhaften Miene, die er bei dem Gespräch mit Pierre gehabt hatte), saß der alte Herr im Pudermantel auf einem breiten, mit Saffian überzogenen Lehnsessel und hatte seinen Kopf den Händen Tichons anvertraut.
»Aha! der Krieger! Also den Bonaparte willst du bekriegen?« sagte der Alte und schüttelte seinen gepuderten Kopf, soweit das der Zopf gestattete, welchen Tichon gerade zum Flechten in den Händen hielt. »Dann nimm ihn dir nur gehörig vor, sonst macht er bald auch uns noch zu seinen Untertanen. Sei willkommen!« Er hielt ihm seine Backe hin.
Der Alte befand sich jetzt, da er vor Tisch geschlafen hatte, in guter Laune. (Er pflegte zu sagen, der Schlaf nach Tisch sei Silber, der Schlaf vor Tisch Gold.) Vergnügt richtete er unter seinen dichten, buschigen Brauen hervor einen schrägen Blick auf den Sohn. Fürst Andrei trat heran und küßte den Vater auf die Stelle, die dieser ihm angewiesen hatte. Auf das Lieblingsthema des Vaters, Spötteleien über die Kriegsleute der Gegenwart und namentlich über Bonaparte, ging er nicht ein.
»Ich habe Ihnen, lieber Vater, auch meine Frau mithergebracht, die sich in anderen Umständen befindet«, sagte Fürst Andrei und verfolgte mit lebhaften, respektvollen Blicken jede Bewegung in den Gesichtszügen seines Vaters. »Wie steht es mit Ihrem Befinden?«
»Krank, mein Sohn, sind nur Dummköpfe und Schlemmer. Mich aber kennst du ja wohl: ich habe vom Morgen bis zum Abend meine Beschäftigung und lebe mäßig; nun, da bin ich denn auch gesund.«
»Gott sei Dank!« sagte der Sohn lächelnd.
»Gott hat damit nichts zu schaffen. Aber nun erzähle«, fuhr er, auf sein Steckenpferd zurückkommend, fort; »ihr habt ja da eine neue Wissenschaft, die sogenannte Strategie, und die Deutschen sind darin eure Lehrmeister; wie werdet ihr also nun mit Bonaparte kämpfen?«
Fürst Andrei lächelte.
»Lassen Sie mich nur erst nach der Reise zur Besinnung kommen, lieber Vater«, antwortete er, und sein Lächeln zeigte, daß die Schwächen des Vaters seine Liebe und Verehrung für diesen nicht beeinträchtigten. »Ich habe mich ja noch nicht einmal einlogiert.«
»Unsinn, Unsinn!« rief der Alte, schüttelte sein Zöpfchen, um zu probieren, ob es auch fest geflochten sei, und ergriff den Sohn bei der Hand. »Die Wohnung für deine Frau steht bereit. Prinzessin Marja wird sie hinführen und ihr alles zeigen und ein langes und breites mit ihr schwatzen. Das werden alles die Weiber unter sich besorgen. Ich freue mich, daß wir deine Frau hier haben. Na, nun setz dich her und erzähle. Was die Michelsonsche Armee bezweckt, verstehe ich; auch die Tolstoische … eine gleichzeitige Landung. Aber was soll die Südarmee tun? Preußen hält sich neutral … das weiß ich. Wie steht es mit Österreich?« Während er so sprach, war er von seinem Lehnsessel aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab, wobei Tichon hinter ihm herlief und ihm die einzelnen Stücke seines Anzuges zureichte. »Und wie wird sich Schweden verhalten? Wie werden sie durch Pommern hindurchkommen?«
Da Fürst Andrei sah, daß der Vater hartnäckig auf seinem Verlangen bestand, so begann er, anfangs nur ungern, aber dann allmählich lebhafter werdend (dies zeigte sich auch darin, daß er mitten in der Erzählung unwillkürlich vom Russischen zu dem ihm geläufigeren Französischen überging), den Operationsplan des bevorstehenden Feldzuges auseinanderzusetzen. Er berichtete, eine Armee von neunzigtausend Mann solle Preußen bedrohen, um es zur Aufgabe seiner Neutralität zu veranlassen und es in den Krieg mit hineinzuziehen; ein Teil dieser Truppen solle sich in Stralsund mit den schwedischen Truppen vereinigen; zweihundertzwanzigtausend Österreicher nebst hunderttausend Russen seien für die Operationen in Italien und am Rhein bestimmt; fünfzigtausend Russen und fünfzigtausend Engländer würden in Neapel landen; so würden im ganzen fünfhunderttausend Mann von verschiedenen Seiten auf die Franzosen losgehen. Der alte Fürst bekundete auch nicht durch das geringste Zeichen ein Interesse für diese Darlegung, als ob er gar nicht danach hinhörte, und während er fortfuhr, sich im Auf- und Abgehen anzukleiden, unterbrach er den Redenden dreimal in recht unerwarteter Weise. Das erstemal zwang er ihn innezuhalten, indem er rief:
»Die weiße, die weiße!«
Dies bedeutete, Tichon habe ihm nicht die Weste gegeben, die er anziehen wolle. Das zweitemal blieb er stehen und fragte:
»Steht ihre Entbindung bald bevor?« Und auf Fürst Andreis bejahende Antwort sagte er: »Schlimm, schlimm! Aber sprich nur weiter!«
Das drittemal fing der Alte, als Fürst Andrei seine Auseinandersetzung beendigt hatte, mit seiner Greisenstimme und mit mancher falschen Note an zu singen: »Marlborough s’en va-t-en guerre; dieu sait quand reviendra.«
Der Sohn lächelte nur.
»Ich sage nicht, daß dieser Plan mir besonders gut schiene«, sagte der Sohn. »Ich habe Ihnen nur berichtet, was man tatsächlich beabsichtigt. Napoleon hat gewiß auch schon seinen Feldzugsplan fertig, und der wird nicht schlechter sein als der unsrige.«
»Na, Neues hast du mir nichts gesagt.« Und dann murmelte der Alte, sich seinen Gedanken überlassend, schnell vor sich hin: »Dieu sait quand reviendra.«
»Geh nur jetzt ins Eßzimmer«, fügte er laut hinzu.
XXVII
Zur bestimmten Stunde trat der alte Fürst, gepudert und rasiert, in das Eßzimmer, wo ihn seine Schwiegertochter, die Prinzessin Marja, sein Sohn, Mademoiselle Bourienne und der Baumeister erwarteten, welcher letztere zufolge einer sonderbaren Laune des alten Herrn zur Tafel zugelassen war, obgleich er nach seiner unbedeutenden sozialen Stellung in keiner Weise auf eine solche Ehre einen Anspruch hatte. Der Fürst, der sonst streng auf die Standesunterschiede hielt und sogar hohen Gouvernementsbeamten nur selten einen Platz an seinem Tisch vergönnte, hatte auf einmal an der Person des Baumeisters Michail Iwanowitsch, der sich immer in der Zimmerecke in sein kariertes Taschentuch schneuzte, den Beweis führen wollen, daß alle Menschen gleich seien, und seiner Tochter gegenüber wiederholentlich betont, daß Michail Iwanowitsch in keiner Hinsicht etwas Geringeres sei als sie und er, der Fürst, selbst. Und bei Tisch wandte sich der Fürst besonders oft an diesen schweigsamen Michail Iwanowitsch.
Im Eßzimmer, das wie alle Zimmer im Haus von gewaltiger Höhe war, erwarteten den Eintritt des alten Fürsten die Hausgenossen sowie die hinter einem jeden Stuhl stehenden Diener; der Haushofmeister, eine Serviette in der Hand, musterte das Arrangement der Tafel, winkte den Dienern mit den Augen und ließ seinen unruhigen Blick beständig zwischen der Wanduhr und der Tür hin und her gehen, durch die der alte Fürst erscheinen mußte. Fürst Andrei betrachtete ein gewaltig großes, in einen goldenen Rahmen eingefaßtes, ihm noch unbekanntes Bild, welches den Stammbaum der Fürsten Bolkonski darstellte, gegenüber hing ein ebenso großes, ebenso eingerahmtes Gemälde, das schlecht gemalte, offenbar von der Hand eines leibeigenen Malers herrührende Porträt eines regierenden Fürsten mit einer Krone auf dem Haupt; dies sollte ein Nachkomme Ruriks und der Ahnherr des Bolkonskischen Geschlechtes sein. Fürst Andrei betrachtete den Stammbaum und wiegte den Kopf mit einer solchen lächelnden Miene hin und her, wie man sie beim Beschauen eines lächerlich ähnlichen Porträts zu machen pflegt.
»Darin erkenne ich ihn ganz und gar!« sagte er zu der Prinzessin Marja, die zu ihm trat.
Prinzessin Marja blickte ihren Bruder erstaunt an. Sie begriff nicht, worüber er lächelte. Alles, was ihr Vater tat, erweckte bei ihr eine unbegrenzte, jede Kritik ausschließende Ehrfurcht.
»Jeder Mensch hat eben seine Achillesferse«, fuhr Fürst Andrei fort. »Daß er mit seinem gewaltigen Verstand so etwas Lächerliches begeht!«
Der Prinzessin war diese kühne Kritik, die sich der Bruder erlaubte, ganz unfaßbar, und sie schickte sich an, ihm etwas zu erwidern, als sich vom Arbeitszimmer her die erwarteten Schritte hören ließen und der Fürst raschen Schrittes und mit heiterer Miene eintrat; so pflegte er immer zu gehen, wie wenn er absichtlich durch sein eiliges Wesen einen Gegensatz zu der strengen Hausordnung schaffen wollte. In demselben Augenblick schlug die große Uhr zwei, und mit hellem Stimmchen antwortete vom Salon her eine andere. Der Fürst blieb stehen; unter den überhängenden, dichten Brauen hervor musterten seine lebhaften, blitzenden, strengen Augen alle Anwesenden und blieben schließlich auf der jungen Fürstin haften. Die junge Fürstin machte in diesem Augenblick dasselbe Gefühl durch, welches die Hofleute beim Eintreten des Kaisers überkommt, ein Gefühl der Ängstlichkeit und der Ehrfurcht; denn ein solches rief dieser Greis bei allen, die mit ihm in Berührung kamen, hervor. Er streichelte der Fürstin den Kopf und klopfte ihr dann mit einer ungeschickten Bewegung auf den Nacken.
»Ich freue mich, ich freue mich«, sagte er dabei; dann blickte er ihr noch fest in die Augen, trat schnell von ihr weg und setzte sich auf seinen Platz. »Setzt euch, setzt euch! Michail Iwanowitsch, setzen Sie sich!«
Er wies der Schwiegertochter ihren Platz neben sich an. Ein Diener rückte den Stuhl für sie zurecht.
»Hoho!« rief der Alte, indem er einen Blick auf ihre starkgewordene Taille warf. »Du hast dich ja beeilt; das ist nicht gut!«
Er lachte in einer trockenen, kalten, unangenehmen Manier, so wie er immer lachte, nur mit dem Mund, nicht mit den Augen.
»Du mußt gehen, möglichst viel gehen, möglichst viel«, setzte er noch hinzu.
Die kleine Fürstin hatte seine Worte nicht gehört oder nicht hören wollen. Sie schwieg und schien verlegen zu sein. Der Fürst befragte sie nach ihrem Vater, und nun begann die Fürstin zu reden und zu lächeln. Er erkundigte sich bei ihr nach gemeinsamen Bekannten: die Fürstin wurde noch lebhafter; sie begann zu erzählen, bestellte dem Fürsten Grüße und trug Stadtneuigkeiten vor.
»Die Gräfin Apraxina, die Ärmste, hat ihren Mann verloren und sich fast die Augen darüber ausgeweint«, sagte sie mit immer steigender Lebhaftigkeit.
Aber in dem Maß, in welchem sie lebhafter wurde, blickte der Fürst sie immer strenger und strenger an, und auf einmal, als ob er sie nun hinreichend kennengelernt und sich ein klares Urteil über sie gebildet habe, wandte er sich von ihr ab und zu Michail Iwanowitsch hin.
»Nun, hören Sie mal, Michail Iwanowitsch, unserm Bonaparte wird es schlecht ergehen. Wie mir Fürst Andrei« (so nannte er seinen Sohn stets, wenn er zu andern von ihm sprach) »erzählt hat, werden ganz gewaltige Streitkräfte gegen ihn zusammengebracht! Und wir beide haben ihn immer für einen einfältigen Kerl gehalten!«
Michail Iwanowitsch wußte zwar absolut nicht, wann denn »wir beide« so etwas über Bonaparte gesagt haben sollten; aber er begriff wenigstens so viel, daß diese an ihn gerichteten Worte als Einleitung zu dem Lieblingsgespräch des alten Fürsten dienen sollten, und blickte verwundert auf den jungen Fürsten hin, da ihm noch nicht klar war, wie die Sache sich weiter gestalten werde.
»Ich habe da nämlich einen großen Taktiker!« sagte der alte Fürst zu seinem Sohn, indem er auf den Baumeister wies.
Das Gespräch drehte sich nun wieder um den Krieg, um Bonaparte und die jetzigen Generäle und Staatsmänner. Der alte Fürst schien fest überzeugt zu sein, daß die hochgestellten Männer der Jetztzeit sämtlich dumme Jungen seien, die nicht einmal die ersten Elemente der Kriegs- und Staatswissenschaft verständen, und daß Bonaparte ein armseliges Französlein sei, das seinen Erfolg nur dem Umstand zu verdanken habe, daß es jetzt keine Potjomkins und Suworows gebe, die man ihm entgegenstellen könnte. Ja, er war sogar überzeugt, daß gar keine politischen Schwierigkeiten in Europa vorhanden seien, daß keine wirklichen Kriege geführt würden, sondern das Ganze nur eine Art von Puppenkomödie sei, die die jetzigen Menschen aufführten, um den Schein zu erwecken, daß sie etwas Ernstes täten.
Fürst Andrei ertrug die Spötteleien des Vaters über die Männer der Neuzeit mit gutem Humor, reizte ihn mit offensichtlichem Vergnügen zu weiteren Auslassungen und hörte ihm aufmerksam zu.
»Alles, was früher gewesen ist, erscheint einem als gut«, erwiderte er. »Aber ist nicht dieser selbe Suworow in die ihm von Moreau gestellte Falle gegangen, aus der er dann nicht wieder herauszukommen verstand?«
»Wer hat dir das gesagt? Wer hat dir das gesagt?« schrie der Fürst. »Suworow!« (Er schleuderte den Teller von sich, den Tichon noch flink auffing.) »Suworow …! Überlege, was du sprichst, Fürst Andrei! Zwei große Feldherrn hat’s gegeben: Friedrich und Suworow … Moreau! Moreau wäre gefangengenommen worden, wenn Suworow freie Hand gehabt hätte; aber dieser Hofkriegswurstschnapsrat hielt ihm die Hände fest. Mit dieser schönen Einrichtung kann der Teufel selbst nichts leisten. Geht nur hin; ihr werdet diese Hofkriegswursträte schon kennenlernen! Suworow ist mit ihnen nicht zurechtgekommen; wie soll es da Michail Kutusow zustande bringen? Nein, lieber Freund«, fuhr er fort, »ihr und eure Generäle kommt gegen Bonaparte nicht auf; dazu muß man Franzosen nehmen, damit die Franzosen durch Franzosen geschlagen werden. So hat man ja auch diesen Pahlen nach Amerika, nach New York, geschickt, um den Franzosen Moreau herzuholen.« (Er deutete damit daraufhin, daß in diesem Jahr an Moreau eine Einladung ergangen war, in russische Dienste zu treten.) »Aber zu wunderlich, daß ihr die Deutschen zu Lehrmeistern nehmt! Sind denn etwa die Potjomkins, die Suworows, die Orlows Deutsche gewesen? Nein, mein Lieber, entweder habt ihr alle den Verstand verloren, oder ich bin vor Alter schwachsinnig geworden. Gott gebe euch alles Gute; aber wir werden ja sehen. Bonaparte ist in den Augen dieser Menschen ein großer Feldherr geworden! Hm …!«
»Daß auf unserer Seite alle Anordnungen vortrefflich wären, will ich nicht behaupten«, entgegnete Fürst Andrei. »Aber wie Sie so über Bonaparte urteilen können, das ist mir unbegreiflich. Lachen Sie, soviel Sie wollen; aber ein großer Feldherr ist Bonaparte doch!«
»Michail Iwanowitsch!« rief der alte Fürst dem Baumeister zu, der sich mit dem Braten auf seinem Teller beschäftigte und gehofft hatte, es würde niemand mehr an ihn denken. »Ich habe es Ihnen doch gesagt, daß Bonaparte ein großer Taktiker ist? Sehen Sie wohl, der hier sagt es auch.«
»Gewiß, Euer Durchlaucht«, antwortete der Baumeister.
Der Fürst lachte wieder in seiner kalten Manier.
»Bonaparte ist ein Glückspilz. Die Soldaten, die er hat, sind ausgezeichnet. Da hat er nun zuerst mit den Deutschen zu tun gehabt; na, und um die Deutschen nicht zu besiegen, dazu muß einer schon ein besonders schlapper Kerl sein. Solange die Welt steht, sind die Deutschen noch von allen ihren Gegnern geschlagen worden. Sie aber haben niemand geschlagen. Nur sich untereinander. Bei denen hat er sich seinen Ruhm geholt!«
Und nun machte sich der Fürst daran, alle Fehler zu erörtern, die Bonaparte, nach seiner Auffassung, in allen seinen Kriegen und selbst in seiner politischen Tätigkeit begangen hatte. Der Sohn erwiderte nichts; aber es war klar, daß er, mochten ihm auch noch so viele Beweise angeführt werden, ebensowenig imstande war, seine Meinung zu ändern, wie seinerseits der alte Fürst. Fürst Andrei hörte, sich jedes Widerspruchs enthaltend, einfach zu; aber er staunte unwillkürlich darüber, wie dieser alte Mann, der doch schon so viele Jahre allein für sich auf seinem Gut saß, ohne es jemals zu verlassen, es möglich machte, über alle kriegerischen und politischen Ereignisse, die die letzten Jahre in Europa gebracht hatten, so detailliert und so genau Bescheid zu wissen.
»Du denkst wohl, daß ich alter Mann die jetzige Situation nicht verstehe?« schloß er. »Doch, doch; siehst du, das kommt daher: ich schlafe nachts wenig. Also, wie steht es denn nun mit deinem großen Feldherrn? Wo hat er sich als solcher gezeigt?«
»Das läßt sich nicht so kurz sagen«, antwortete der Sohn.
»Dann geh nur hin zu deinem Bonaparte. Mademoiselle Bourienne, da ist noch ein Bewunderer Ihres Helden, dieses Kaiser gewordenen Troßknechtes!« rief er auf französisch in bester Aussprache.
»Sie wissen, Fürst, daß ich keine Bonapartistin bin.«
»Dieu sait quand reviendra …«, sang der Fürst; sein Singen klang falsch, aber sein Lachen noch falscher; dann stand er vom Tisch auf und ging hinaus.
Die kleine Fürstin hatte während des ganzen Streites geschwiegen und ängstlich bald die Prinzessin Marja, bald ihren Schwiegervater angesehen. Als sie vom Tisch aufgestanden waren, schob sie ihren Arm in den ihrer Schwägerin und ging mit ihr in ein anderes Zimmer.
»Was ist dein lieber Vater doch für ein geistvoller Mann!« sagte sie. »Das wird auch wohl der Grund sein, weshalb er mir solche Furcht einflößt.«
»Ach, er ist so gut, so gut!« erwiderte die Prinzessin.
XXVIII
Am folgenden Tag abends wollte Fürst Andrei abreisen. Der alte Fürst war, ohne von seiner Tagesordnung abzuweichen, nach dem Mittagessen auf sein Zimmer gegangen. Die kleine Fürstin befand sich bei ihrer Schwägerin. Fürst Andrei, in einem Reiserock ohne Epauletten, beschäftigte sich in den ihm angewiesenen Zimmern unter Beihilfe seines Kammerdieners mit Packen, besichtigte dann persönlich die Kalesche, revidierte, ob die Koffer ordentlich aufgeladen waren, und befahl anzuspannen. Im Zimmer waren nur noch diejenigen Sachen zurückgeblieben, die Fürst Andrei immer bei sich führte: eine Schatulle, ein großes, silbernes Reisenecessaire, zwei türkische Pistolen und ein türkischer Säbel, ein Geschenk seines Vaters, der diese Waffen als Beutestücke von der Erstürmung von Otschakow mitgebracht hatte. Alle diese Reiseutensilien hielt Fürst Andrei gut in Ordnung: alles war sauber, wie neu, und steckte in Tuchfutteralen, die sorgsam mit Bändern zugebunden waren.
Im Augenblick einer Abreise, mit der eine Veränderung der Lebensgestaltung verbunden ist, überkommt alle Menschen, die ihre Handlungen zu überdenken fähig sind, gewöhnlich eine ernste Stimmung; sie pflegen in einem solchen Augenblick einen prüfenden Rückblick auf die Vergangenheit zu werfen und Pläne für die Zukunft zu machen. Fürst Andreis Miene war sehr nachdenklich und mild. Die Hände auf den Rücken gelegt, ging er im Zimmer schnell von einer Ecke nach der andern, blickte gerade vor sich hin und wiegte tief in Gedanken den Kopf. War ihm bange davor, in den Krieg zu gehen? Schmerzte ihn die Trennung von seiner Frau? Vielleicht sowohl das eine wie das andere; aber da er anscheinend nicht wünschte, von jemand in dieser Stimmung gesehen zu werden, nahm er, sowie er Schritte auf dem Flur hörte, eilig die Arme vom Rücken, blieb beim Tisch stehen, als ob er damit beschäftigt sei, den Überzug der Schatulle zuzubinden, und gab seinem Gesicht den gewöhnlichen, ruhigen, undurchdringlichen Ausdruck. Es waren die schweren Schritte der Prinzessin Marja.
»Man sagt mir, daß du Befehl zum Anspannen gegeben hast«, begann sie ganz außer Atem (sie war offenbar rasch gelaufen), »und ich wollte so gern noch mit dir ein paar Worte unter vier Augen sprechen. Gott weiß, auf wie lange Zeit wir uns wieder trennen. Du bist mir doch nicht böse, daß ich hergekommen bin? Du hast dich sehr verändert, Andruscha1«, fügte sie wie zur Erklärung dieser Frage hinzu.
Sie lächelte, als sie das Wort Andruscha aussprach. Augenscheinlich war es ihr selbst ein sonderbarer Gedanke, daß dieser ernste, schöne Mann jener selbe Andruscha sein sollte, jener magere, ausgelassene Knabe, der Gespiele ihrer Kindheit.
»Wo ist denn Lisa?« fragte er, indem er auf ihre Frage nur mit einem Lächeln antwortete.
»Sie war so müde, daß sie in meinem Zimmer auf dem Sofa eingeschlafen ist. Ach, Andrei! Welch einen Schatz besitzt du an dieser Frau«, sagte sie und setzte sich ihrem Bruder gegenüber auf das Sofa. »Sie ist noch vollständig ein Kind, und ein so liebenswürdiges, heiteres Kind. Ich habe sie sehr liebgewonnen.«
Fürst Andrei schwieg; aber die Prinzessin bemerkte den ironischen, geringschätzigen Ausdruck, den sein Gesicht angenommen hatte.
»Aber mit ihren kleinen Schwächen muß man Nachsicht haben; wer hätte keine Schwächen, Andrei! Vergiß nicht, daß sie mitten im Getriebe des gesellschaftlichen Lebens aufgewachsen und erzogen ist. Und dann ist auch ihre Lage jetzt keine rosige. Man muß sich in die Lage eines jeden hineinversetzen. ›Alles verstehen heißt alles verzeihen.‹ Bedenke nur, wie schwer es der Ärmsten nach dem Leben, das sie gewohnt war, werden muß, sich von ihrem Mann zu trennen und so allein auf dem Land zu bleiben, und noch dazu in ihrem Zustand. Das ist eine sehr schwere Aufgabe.«
Fürst Andrei lächelte, während er seine Schwester ansah, so wie man zu lächeln pflegt, wenn man Menschen reden hört, die man bis auf den Grund ihrer Seele zu kennen glaubt.
»Du lebst ja doch auch auf dem Land und findest dieses Leben nicht so schrecklich«, sagte er.
»Mit mir ist das eine andere Sache. Von mir ist da weiter nicht zu reden. Ich wünsche mir kein anderes Leben und kann es mir auch gar nicht wünschen, weil ich ein anderes Leben eben nicht kenne. Aber bedenke, Andrei, was das für eine junge Frau, die am gesellschaftlichen Leben ihre Freude gehabt hat, besagen will, wenn sie sich in den besten Jahren des Lebens auf dem Land vergraben soll. Und allerdings wird sie sich hier sehr einsam fühlen; denn Papa ist immer beschäftigt, und ich –: du kennst mich, wie wenig ich einer Frau zu bieten vermag, die an bessere Gesellschaft gewöhnt ist. Nur Mademoiselle Bourienne …«
»Sie mißfällt mir recht sehr, eure Mademoiselle Bourienne«, sagte Fürst Andrei.
»O nicht doch! Sie ist sehr lieb und gut, und was die Hauptsache ist, sie ist ein bedauernswertes Mädchen. Sie hat so gar niemand, keinen Menschen. Die Wahrheit zu sagen, ich habe gar nicht das Bedürfnis, sie um mich zu haben; es ist mir sogar oft peinlich. Ich bin, wie du weißt, immer etwas menschenscheu gewesen und bin es jetzt in noch höherem Grad als früher. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich allein bin. Aber unser Vater hat sie gern. Sie und Michail Iwanowitsch, das sind die beiden Menschen, gegen die er immer freundlich und gütig ist, weil er ihnen beiden Wohltaten erwiesen hat; denn wie Sterne sagt: ›Wir lieben die Menschen nicht sowohl um des Guten willen, das sie uns getan haben, als um des Guten willen, das wir ihnen getan haben.‹ Unser Vater hat sie als vaterlose Waise geradezu von der Straße in sein Haus genommen, und sie ist ein sehr gutes Wesen. Und dem Vater sagt ihre Art vorzulesen zu. Sie liest ihm abends vor. Sie liest ausgezeichnet.«
»Nun meinetwegen; aber sage einmal offen, Marja, ich meine, es muß dir bei dem Charakter des Vaters doch manchmal schwer werden, mit ihm auszukommen?« fragte Fürst Andrei unvermittelt.
Prinzessin Marja war zunächst erstaunt, dann aber ganz erschrocken über diese Frage.
»Mir …? Mir …? Mir sollte es schwer werden?« erwiderte sie.
»Er war ja immer rauh und schroff; aber jetzt ist es, wie mir scheint, besonders schwer, mit ihm zu verkehren«, sagte Fürst Andrei; er sprach, wie es schien, absichtlich in so leichtfertiger Art über den Vater, um seine Schwester in Erstaunen zu versetzen oder sie auf die Probe zu stellen.
»Du bist sonst in jeder Hinsicht ein so guter Mensch, Andrei; aber du bist zu stolz auf deinen Verstand«, erwiderte die Prinzessin, die mehr ihrem eigenen Gedankengang als dem Gang des Gesprächs folgte, »und das ist eine große Sünde. Darf man denn überhaupt über den eigenen Vater sich ein Urteil erlauben? Und wenn man es dürfte, wie könnte ein solcher Mann wie unser Vater ein anderes Gefühl erwecken als Ehrfurcht? Und ich bin so zufrieden, so glücklich in dem Zusammenleben mit ihm. Ich möchte nur wünschen, daß ihr alle euch ebenso glücklich fühltet, wie ich es tue.«
Der Bruder schüttelte ungläubig den Kopf.
»Es ist nur eines, was mir das Herz bedrückt (ich will es dir offen sagen, Andrei): das ist des Vaters Denkungsart in religiösen Dingen. Ich begreife nicht, wie es möglich ist, daß ein Mann mit einem so enormen Verstand das nicht sieht, was doch sonnenklar ist, und wie er in solche Irrtümer hineingeraten kann. Siehst du, das ist mein einziges Leid. Aber auch auf diesem Gebiet scheint sich in der letzten Zeit eine leise Besserung anzubahnen. In der letzten Zeit sind seine Spötteleien nicht mehr so scharf und beißend gewesen wie früher, und er hat sogar den Besuch eines Mönches empfangen und lange mit ihm geredet.«
»Liebe Marja, ich fürchte, daß du und der Mönch euer Pulver unnütz vergeudet«, erwiderte Fürst Andrei spöttisch, aber freundlich.
»Ach, lieber Bruder, ich bete zu Gott und hoffe, daß Er mich erhören wird … Andrei«, fügte sie schüchtern nach kurzem Stillschweigen hinzu, »ich habe eine große Bitte an dich.«
»Was denn, meine Gute?«
»Nein, versprich mir erst, daß du es mir nicht abschlagen wirst. Es wird dir keinerlei Mühe machen, und es liegt nichts darin, was deiner unwürdig wäre. Aber du wirst mir damit eine Beruhigung verschaffen. Versprich es mir, Andruscha«, bat sie, indem sie die Hand in ihren Ridikül steckte und etwas darin erfaßte, was sie aber noch nicht zeigte, wie wenn das, was sie in der Hand hielt, den Gegenstand der Bitte bildete und sie dieses Ding nicht aus dem Ridikül herausholen dürfte, ehe sie nicht das Versprechen empfangen hätte, daß ihre Bitte werde erfüllt werden.
Sie blickte ihren Bruder schüchtern mit flehenden Augen an.
»Selbst wenn es mir große Mühe machen sollte …«, antwortete Fürst Andrei, der wohl schon erraten mochte, um was es sich handelte.
»Du kannst ja darüber denken, wie du willst! Ich weiß, du bist darin ebenso wie unser Vater. Denke darüber, wie du willst; aber tu es mir zuliebe. Bitte, tu es! Schon der Vater unseres Vaters, unser Großvater, hat es in allen Kriegen getragen …« (Sie zog den Gegenstand, den sie in der Hand hatte, immer noch nicht aus dem Ridikül hervor.) »Also du versprichst es mir?«
»Gewiß. Um was handelt es sich denn also?«
»Andrei, ich möchte dich mit einem Heiligenbild segnen, und du mußt mir versprechen, daß du es niemals ablegen wirst. Versprichst du es mir?«
»Wenn es nicht zwei Pud schwer ist und mir den Hals nicht herunterzieht … Um dir eine Freude zu machen …«, sagte Fürst Andrei; aber im selben Augenblick tat es ihm auch schon leid, so geantwortet zu haben, da er an dem Gesicht seiner Schwester sah, daß dieser Scherz sie verletzt hatte. »Sehr gern werde ich es tun, wirklich sehr gern, liebe Marja«, fügte er hinzu.
»Auch wenn du nicht daran glaubst, wird der Heiland dich erretten und Sich deiner erbarmen und dich zu Sich zurückführen; denn in Ihm allein ist Wahrheit und Friede«, sagte sie mit einer vor innerer Erregung zitternden Stimme und hielt mit feierlicher Gebärde in beiden Händen ein ovales, altertümliches Christusbildchen, mit schwarz gewordenem Gesicht, in silbernem Rahmen, an einem fein gearbeiteten silbernen Kettchen, dem Bruder entgegen.
Sie bekreuzte sich, küßte das Bildchen und reichte es dem Fürsten Andrei hin.
»Bitte, Andrei, mir zuliebe …«
Ihre großen, guten, schüchternen Augen strahlten ein schönes helles Licht aus. Diese Augen verklärten das ganze kränkliche, magere Gesicht und machten es schön. Der Bruder wollte das Heiligenbild hinnehmen, aber sie hielt ihn zurück. Andrei verstand sie, bekreuzte sich und küßte das Bild. Sein Gesicht zeigte gleichzeitig zärtliche Rührung und leisen Spott.
»Ich danke dir, lieber Bruder!«
Sie küßte ihn auf die Stirn und setzte sich wieder auf das Sofa. Beide schwiegen.
»Um was ich dich schon gebeten habe, Andrei«, begann dann die Prinzessin: »sei gut und großherzig, wie du es immer gewesen bist, und sei nicht zu streng gegen Lisa. Sie ist so lieb und gut und befindet sich jetzt in einer sehr schweren Lage.«
»Ich habe doch wohl nichts zu dir gesagt, Marja, als ob ich meiner Frau irgendeinen Vorwurf zu machen hätte oder mit ihr unzufrieden wäre. Warum sagst du mir also das alles?«
Auf dem Gesicht der Prinzessin Marja erschienen rote Flecke, und sie schwieg, wie wenn sie sich schuldig fühlte.
»Ich habe dir nichts gesagt, und doch ist dir schon etwas gesagt worden. Und das betrübt mich.«
Die roten Flecke traten auf der Stirn, dem Hals und den Wangen der Prinzessin Marja noch stärker hervor. Sie wollte etwas sagen, war aber nicht imstande, es herauszubringen. Aber der Bruder erriet den Hergang: die kleine Fürstin hatte nach dem Mittagessen geweint, hatte gesagt, sie ahne eine unglückliche Entbindung und fürchte sich davor, und hatte sich über ihr Schicksal, über ihren Schwiegervater und über ihren Mann beklagt; nachdem sie sich ausgeweint hatte, war sie dann eingeschlafen. Dem Fürsten Andrei tat seine Schwester leid.
»Eines kann ich dir versichern, Marja: ich kann meiner Frau keinen Vorwurf machen, habe ihr nie einen Vorwurf gemacht und werde niemals in die Lage kommen, es zu tun; auch mir selbst habe ich mit Bezug auf sie nichts vorzuwerfen; und das wird stets so bleiben, in welcher Lage auch immer ich mich befinden mag. Aber wenn du die Wahrheit wissen willst … wenn du wissen willst, ob ich glücklich bin: nein! Ob sie glücklich ist: nein! Und woher das kommt: ich weiß es nicht …«
Nach diesen Worten stand er auf, trat zu seiner Schwester, beugte sich nieder und küßte sie auf die Stirn. Aus seinen schönen Augen leuchteten Verstand und Herzensgüte in ungewöhnlichem Glanz; aber er blickte nicht die Schwester an, sondern über ihren Kopf hinweg in das Dunkel der offenstehenden Tür.
»Wir wollen zu ihr gehen; ich muß Abschied nehmen. Oder geh du allein und wecke sie; ich komme sofort nach … Peter!« rief er dem Kammerdiener zu, »komm her und nimm die Sachen. Dies hier kommt unter den Sitz, und dies auf die rechte Seite.«
Prinzessin Marja stand auf und ging nach der Tür hin; aber sie blieb noch einmal stehen.
»Andrei, wenn du gläubig wärest, dann hättest du dich im Gebet an Gott gewendet, daß Er dir die Liebe verleihen möge, die du in deinem Herzen nicht empfindest, und dein Gebet wäre erhört worden.«
»Ja, das mag sein!« erwiderte Fürst Andrei. »Geh, Marja, ich komme auch gleich.«
Auf dem Weg nach dem Zimmer seiner Schwester, in der Galerie, die die beiden Teile des Hauses miteinander verband, stieß Fürst Andrei auf die freundlich lächelnde Mademoiselle Bourienne, die ihm schon zum drittenmal an diesem Tag mit ihrem schwärmerischen, kindlich-naiven Lächeln in einsamen Gängen begegnete.
»Ah, ich glaubte, Sie wären in Ihrem Zimmer«, rief sie, wobei sie ohne erkennbaren Grund errötete und die Augen niederschlug.
Fürst Andrei warf ihr einen strengen Blick zu und machte ein zorniges Gesicht. Er sagte kein Wort zu ihr, sondern blickte, ohne ihr in die Augen zu sehen, nur nach ihrer Stirn und ihrem Haar mit einem so verächtlichen Ausdruck, daß die Französin errötete und sich schweigend entfernte. Als er zu dem Zimmer seiner Schwester kam, war die Fürstin schon aufgewacht, und er vernahm durch die offenstehende Tür ihr vergnügtes, mit großer Geschwindigkeit plauderndes Stimmchen. Sie redete und redete, als ob sie nach langer Enthaltung die verlorene Zeit wieder einbringen wolle.
»Nein, stelle dir das nur einmal vor: die alte Gräfin Subowa mit falschen Locken und den Mund voll falscher Zähne, als ob sie sich ihren Jahren zum Trotz jung machen wollte. Hahaha, liebste Marja!«
Genau dieselbe Äußerung über die Gräfin Subowa und dasselbe Lachen hatte Fürst Andrei schon fünfmal in Gegenwart anderer von seiner Frau zu hören bekommen. Er trat leise in das Zimmer. Die Fürstin, mit ihrer vollen Gestalt und den roten Wangen, eine Handarbeit in den Händen, saß in einem Lehnstuhl und redete ohne Unterbrechung, indem sie Petersburger Erinnerungen und sogar Petersburger Phrasen auskramte. Fürst Andrei trat zu ihr, strich ihr mit der Hand über den Kopf und fragte sie, ob sie sich nun von der Reise erholt habe. Sie antwortete ihm und fuhr dann in demselben Gespräch fort.
Die mit sechs Pferden bespannte Kalesche stand vor dem Portal. Es war eine dunkle Herbstnacht; der Kutscher konnte nicht einmal die Deichsel des Wagens sehen. Beim Portal waren Leute mit Laternen in eifriger Tätigkeit. Die großen Fenster des kolossalen Gebäudes waren hell erleuchtet. Im Vorzimmer drängte sich die Dienerschaft, die dem jungen Fürsten Lebewohl sagen wollte; im Saal standen alle Hausgenossen: Michail Iwanowitsch, Mademoiselle Bourienne, Prinzessin Marja und die Fürstin. Fürst Andrei war zu seinem Vater in dessen Arbeitszimmer gerufen worden; denn dieser wollte allein von ihm Abschied nehmen. Alle warteten darauf, daß die beiden in den Saal kommen würden.
Als Fürst Andrei in das Arbeitszimmer kam, saß der alte Fürst am Tisch und schrieb; er hatte seine altväterische Brille aufgesetzt und war in seinem weißen Schlafrock, in dem er niemand empfing als seinen Sohn. Als er ihn eintreten hörte, drehte er sich zu ihm um.
»Fährst du jetzt?« fragte er und schrieb dann wieder weiter.
»Ich bin gekommen, um von Ihnen Abschied zu nehmen.«
»Küsse mich dahin«, er zeigte auf seine Backe. »Ich danke dir, ich danke dir!«
»Wofür danken Sie mir?«
»Dafür, daß du nicht zögerst, in den Krieg zu gehen, dich nicht an einen Weiberrock hängst. Der Dienst muß allem vorgehen. Ich danke dir, ich danke dir!« Er schrieb wieder weiter, und mit solchem Eifer, daß Tintenspritzer von der kreischenden Feder flogen. »Wenn du etwas zu sagen hast, so sprich nur. Ich kann diese beiden Sachen zugleich erledigen«, fügte er hinzu.
»Über meine Frau möchte ich ein Wort sagen … Es ist mir peinlich, daß ich sie Ihnen zur Last fallen lasse …«
»Unsinn! Sage einfach, was du wünschst.«
»Wenn die Entbindung meiner Frau herankommt, dann lassen Sie, bitte, einen Arzt aus Moskau kommen … Ich möchte, daß ein Arzt dabei ist.«
Der alte Fürst hielt mit dem Schreiben inne und heftete, als ob er nicht verstanden hätte, seine strengblickenden Augen auf den Sohn.
»Ich weiß, daß niemand helfen kann, wenn die Natur sich nicht selbst hilft«, fuhr Fürst Andrei, sichtlich verlegen, fort. »Ich gebe zu, daß unter einer Million von Fällen nur einer unglücklich abläuft; aber das ist nun einmal so eine fixe Idee bei ihr und bei mir. Man hat ihr etwas eingeredet, und sie hat etwas geträumt; nun fürchtet sie sich.«
»Hm … hm«, murmelte der alte Fürst weiterschreibend vor sich hin. »Ich werde es tun.«
Er setzte mit raschem Zug seinen Namen unter das Geschriebene, wendete sich schnell zu dem Sohn um und lachte auf.
»Ein schlimm Ding, he?«
»Was ist schlimm, lieber Vater?«
»Die Frau!« erwiderte der alte Fürst kurz und nachdrücklich.
»Ich verstehe Sie nicht«, antwortete Fürst Andrei.
»Ja, da ist weiter nichts zu machen, lieber Freund«, sagte der Alte. »Sie sind alle von derselben Sorte; sich scheiden lassen kann man nicht. Sei unbesorgt, ich sage es niemandem; und du selbst weißt ja, wie es steht.«
Er ergriff mit seiner knochigen, kleinen Hand die des Sohnes, schüttelte sie, blickte ihm mit seinen lebhaften Augen, die einen Menschen durch und durch zu sehen schienen, gerade ins Gesicht und lachte wieder in seiner kalten Manier.
Der Sohn seufzte und gestand mit diesem Seufzer, daß der Vater seine Lage richtig beurteilt hatte. Der Alte war jetzt damit beschäftigt, seinen Brief zu falten und zu siegeln: mit seiner gewöhnlichen Raschheit ergriff er nach Erfordernis das eine oder andere Stück, Papier, Siegellack, Petschaft, und warf es wieder hin.
»Was ist zu machen? Schön ist sie ja! Ich werde alles ausführen. Du kannst beruhigt sein«, sagte er in abgerissenen Sätzen während des Siegelns.
Andrei schwieg. Es war ihm lieb und auch wieder unlieb, daß der Vater seine Lage durchschaut hatte. Der Alte stand auf und gab dem Sohn den Brief.
»Höre«, sagte er, »um deine Frau mach dir keine Sorgen; was getan werden kann, wird getan werden. Nun höre: diesen Brief gib an Michail Ilarionowitsch Kutusow ab. Ich habe ihm geschrieben, er soll dich für ordentliche Aufgaben verwenden und dich nicht zu lange als Adjutanten behalten; das ist eine garstige Stellung. Sag ihm, daß ich ihn in gutem Andenken habe und ihm zugetan bin. Und schreibe mir, wie er dich aufnimmt. Wenn er sich gut und freundlich gegen dich benimmt, dann diene ihm. Aber um in Gunst zu kommen, darf der Sohn des Fürsten Nikolai Andrejewitsch Bolkonski niemandem dienen. Nun, jetzt komm hierher.«
Er redete mit solcher Schnelligkeit, daß er nicht die Hälfte der Worte vollständig aussprach; aber der Sohn war schon daran gewöhnt, ihn trotzdem zu verstehen. Er führte den Sohn an den Schreibtisch, schlug den Deckel zurück, zog einen Kasten auf und nahm ein Heft heraus, das mit seinen kräftigen, langen, engstehenden Buchstaben vollgeschrieben war.
»Wahrscheinlich werde ich vor dir sterben. Also sieh: da sind meine Memoiren, die übergib nach meinem Tod dem Kaiser. Und nun hier: ein Wertpapier und ein Brief; das ist ein Preis, den ich für denjenigen aussetze, der eine Geschichte der Feldzüge Suworows schreiben wird; das übersende der Akademie. Hier sind gelegentliche Bemerkungen, die ich aufgezeichnet habe; wenn ich tot bin, so lies sie still für dich; du wirst davon Vorteil haben.«
Andrei sagte seinem Vater nicht, daß er doch gewiß noch lange leben werde. Er wußte, daß er dergleichen nicht sagen durfte.
»Ich werde alles ausführen, lieber Vater«, erwiderte er.
»Nun, also dann leb wohl!« Er reichte dem Sohn die Hand zum Kuß und umarmte ihn. »Das eine halte dir gegenwärtig, Fürst Andrei: wenn du im Krieg fällst, so wird das für mich alten Mann ein Schmerz sein …« Hier schwieg er unerwartet und fuhr dann plötzlich mit schreiender Stimme fort: »Aber wenn ich erfahren sollte, daß du dich nicht so geführt hast, wie es sich für den Sohn Nikolai Bolkonskis geziemt, dann wird das für mich eine Schmach sein!« Die letzten Worte kamen kreischend heraus.
»Das hatten Sie nicht nötig mir zu sagen, lieber Vater«, erwiderte der Sohn lächelnd.
Der Alte schwieg.
»Ich habe an Sie noch eine Bitte«, fuhr Fürst Andrei fort. »Wenn ich fallen sollte und wenn mir ein Sohn geboren wird, dann lassen Sie ihn, bitte, nicht aus Ihrer Hut, wie ich Sie schon gestern bat, damit er bei Ihnen hier aufwächst. Darum bitte ich Sie.«
»Deiner Frau soll er also nicht überlassen werden?« sagte der Alte und lachte.
Schweigend standen sie einander gegenüber. Die lebendigen Augen des alten Fürsten waren gerade auf die Augen des Sohnes gerichtet. Da ging ein Zucken über den unteren Teil des Gesichtes des Vaters.
»Nun haben wir voneinander Abschied genommen … nun geh!« sagte er plötzlich. »Geh!« schrie er mit lauter, zorniger Stimme und öffnete die Tür des Arbeitszimmers.
»Was ist denn? Was gibt es?« fragten die Fürstin und die Prinzessin, als sie den Fürsten Andrei und die für einen Augenblick zum Vorschein kommende Gestalt des laut und zornig schreienden alten Mannes, im weißen Schlafrock, ohne Perücke und mit der altväterischen Brille, erblickten.
Fürst Andrei seufzte und gab keine Antwort.
»Nun«, sagte er zu seiner Frau gewendet.
Dieses »nun« klang wie kalter Spott, als ob er sagen wollte: »Jetzt mache du deine törichten Mätzchen!«
»Andrei, schon?« sagte die kleine Fürstin, die ganz blaß wurde und voll Angst ihren Mann anblickte.
Er umarmte sie. Sie schrie auf und sank bewußtlos gegen seine Schulter.
Vorsichtig zog er die Schulter, an der sie lag, weg, sah ihr ins Gesicht und setzte sie behutsam auf einen Lehnstuhl.
»Adieu, Marja«, sagte er leise zu seiner Schwester; sie küßten sich, einander gleichzeitig die Hand drückend, und er ging mit schnellen Schritten aus dem Zimmer.
Die Fürstin lag auf dem Lehnstuhl, Mademoiselle Bourienne rieb ihr die Schläfen. Prinzessin Marja stützte ihre Schwägerin, blickte mit den schönen, verweinten Augen immer noch nach der Tür, durch die Fürst Andrei hinausgegangen war, und machte das Zeichen des Kreuzes hinter ihm her. Aus dem Arbeitszimmer hörte man, wie der alte Herr sich mehrmals grimmig und sehr laut schneuzte; es klang fast wie wiederholte Pistolenschüsse. Sobald Fürst Andrei hinausgegangen war, wurde die Tür des Arbeitszimmers schnell geöffnet, und es erschien die Gestalt des strengblickenden Alten im weißen Schlafrock.
»Ist er abgefahren? Nun, dann ist’s gut!« sagte er, warf einen ärgerlichen Blick auf die ohnmächtig daliegende kleine Fürstin, schüttelte unzufrieden den Kopf und schlug die Tür wieder zu.
Fußnoten
1 Koseform für Andrei.
Anm. des Übersetzers.

